Archive for the ‘Philosophie’ Category

4302: Harry Belafonte ist tot.

Samstag, April 29th, 2023

Im Alter von 96 Jahren ist der ungeheuer erfolgreiche Popsänger und Weltkünstler Harry Belafonte gestorben. Er war der Partner so wichtiger Protagonisten wie Martin Luther King, Nelson Mandela und Robert Altman, dem großartigen Filmregisseur. Bei Erwin Piscator nahm Belafonte in New York Schauspielunterricht. Geboren wurde er 1927 in Harlem als Sohne einer jamaikanischen Mutter und eines Vaters aus Martinique. Unter seinen Vorfahren waren auch Weiße, weshalb seine Haut relativ hell war. Das spielt ja in den USA bis auf den heutigen Tag eine Rolle.

Belafonte war stets umstritten. So firmierte er als „King of Calypso“, was als „kulturelle Aneignung“ interpretiert wurde. Er hatte den größten Erfolg bei der weißen Mittelschicht, das verzieh man ihm nie. Als die weiße Sängerin Petula Clark 1968 in einer Fernsehsendung seinen Arm berührte, musste die Sendung neu gedreht werden. In seinen politischen Urteilen war Belafonte klar und hart. Den US-Außenminister unter George W. Bush junior, Colin Powell,  nannte er einen „Haussklaven“. Harry Belafonte war tatsächlich wohl ein höchst zerrissener Mann. Und ein großer Künstler (Peter Kümmel, Zeit 27.4.23).

4301: Für Iris Radisch ist „Noch wach?“ ein Männer-Roman.

Samstag, April 29th, 2023

Iris Radisch hält Benjamin von Stuckrad-Barres „Noch wach?“ für einen Männer-Roman (Zeit 27.4.23). Dort werde ein „moralisches Rührstück“ aufgeführt. Es handle sich um einen „Etikettenschwindel“. Das Buch sei so ähnlich wie Rainald Goetz‘ Schlüsselroman „Johann Holtrop“. Stuckrad-Barre sei ja jahrelang von Springer sehr gut bezahlt worden. Warum er dann umgeschwenkt sei, bleibe unklar. In dem „Roman“ redeten immer alle so, als seien sie auf Sendung. Frauen würden nur für Männerzwecke eingespannt. Sie seien „cool und allerliebst“ und „supersüße Hühnchen“. Erstaunlicherweise werde Benjamin von Stuckrad-Barre sein Schwenk vom Pop-Literaten zum Frauenversteher von der Literaturkritik weithin abgenommen. „Als Frau hätte man Lust, sich aus dieser Show vom Saaldienst hinausbegleiten zu lassen.“

Iris Radisch hat Recht.

4300: Ex-Bundespräsident Joachim Gauck befürchtet Spaltung der Gesellschaft.

Freitag, April 28th, 2023

Ex-Bundespräsident Joachim Gauck fürchtet um die Demokratie. Die außenpolitische Bedrohung durch Russland treffe die Gesellschaft „in einem Zustand erheblicher Verunsicherung und Selbstbefragung“. Die Kluft zwischen den progressiven Kräften in Deutschland und den Gruppen, die sich von den Veränderungen der Moderne überfordert fühlten, wachse. Es sei wichtig zu begreifen, „dass sich nicht alle in gleichem Umfang und in gleichem Tempo dem forcierten Wandel, den technischen Innovationen und den neuen geopolitischen Realitäten anpassen und – wie auch in früheren Zeiten – in unpolitischen Individualismus flüchten.“ „Wir müssen immer einen Weg suchen zwischen dem Frust und den Ängsten der einen und den fast missionarischen Absichten der Erneuerer.“ In Zeiten des forcierten Wandels schlage „die große Stunde der Verführer und Nationalisten“. (SZ 27.4.23)

4299: Fox zahlt dreistellige Millionensumme Schadensersatz.

Freitag, April 21st, 2023

Der US-Sender Fox News zahlt dem Wahlmaschinenhersteller Dominion im Wege eines außergerichtlichen Vergleichs 787,5 Millionen Dollar Schdensersatz für Falschberichterstattung. „Wie erkennen die Gerichtsentscheidung an, in denen bestimmte Behauptungen über Dominion als falsch bezeichnet wurden.“ Damit erkauft sich Fox News seine Existenzgrundlage und den Einfluss. den der Medienmogul Rupert Murdoch auf die US-Politik nimmt. Ein Gerichtsurteil hätte weitreichend Folgen für die freie Rede und den US-Journalismus haben können (Jürgen Schmieder, SZ 20.4.23).

4298: Andrea Tandler bleibt in U-Haft.

Donnerstag, April 20th, 2023

Andrea Tandler und ihr Geschäftspartner bleiben in Untersuchungshaft. Dort sitzt sie bereits seit einem Vierteljahr. Eine Haftbeschwerde hat das OLG München als unbegründet abgelehnt. Es bestehe Fluchtgefahr. Familie Tandler besitzt in der Schweiz ein Haus, dort hat Frau Tandler ein breites soziales Netz. Die Tochter des ehemaligen CSU-Generalsekretärs und bayerischen Ministers Gerold Tandler wird der Steuerhinterziehung beschuldigt. Mit einer Anklage ist bald zu rechnen. Bei Geschäften mit Corona-Schutzmasken hatte Andrea Tandler 48 Millionen Euro Provision kassiert, diese aber nicht ordnungsgemäß versteuert. So soll der Fiskus um 15 Millionen Euro betrogen worden sein. Es ist mit einer mehrjährigen Haftstrafe zu rechnen. Der Bundesgerichtshof hatte vor Jahren in einer Grundsatzentscheidung postuliert, dass bei erwiesener Steuerhinterziehung in Millionenhöhe prinzipiell keine Bewährungsstrafen mehr möglich seien (Klaus Ott, SZ 20.4.23).

4297: Pablo Picasso – aus der Zeit gefallen ?

Mittwoch, April 19th, 2023

Picassos Todestag jährt sich am 8. April 2023 zum 50. Mal. Und insgesamt finden dazu 50 Ausstellungen überall auf der Welt statt. Zu seinem Tod schrieb Werner Spies 1973: „Superlativ an Genie, Ruhm, physischem Dasein und Glück“. Weithin gilt Picasso immer noch als der Größte unter den Großen. Mit dem umfangreichsten Werk. Viele feiern den vulkanischen Maler, erhitzt und drängend. Seine Chiffren- und Figurenwelt ist einmalig. Und doch melden sich zunehmend skeptische Stimmen, gerade unter jungen Künstlern. Picassos absoluter Freiheitsbegriff, seine Ichbezogenheit und sein nimmermüder Schaffensdrang werden neuerdings belächelt.

Viele seiner Werke ließ er unbetitelt, sie sollten Ausdruck ihrer selbst sein. Picasso hat den Kubismus mit erfunden, die Gleichzeitigkeit mehrerer Perspektiven. Aber es fehlt die Perspektive einer Frau, wie Verena Harzer in der „taz“ (14.4.23) zu Recht schreibt. Harzer schildert Picasso als „gewalttätigen, eifersüchtigen, perversen und zerstörerischen“ Mann. Und Hanno Rauterberg schreibt, dass Picasso seine Frauen im realen Leben schikanierte und quälte, „er unterwarf sie seiner animalischen Sexualität“ (Zeit 5.4.23). Das ist natürlich in „Me too“-Zeiten nicht mehr korrekt. Andererseits wissen wir das doch seit vielen Jahrzehnten. Und können nun nicht überrascht tun. In seinen zahlreichen Frauenporträts verdrehte er die Köpfe, zerhieb er die Leiber und montierte sie neu.

Auch Picassos Begeisterung für afrikanische Masken ist heute nicht mehr korrekt. „Auch diese Art von Universalismus, von essenzialistischem Denken, will heute kaum noch jemandem gefallen.“ (Rauterberg) Picasso begeisterte sich für das Unabgeschlossene, er wollte keiner Masche aufsitzen, keinem Stil treu sein. „Weiter, immer weiter.“, war sein Motto. Die Methode Picasso, seine Lust an der künstlerischen Arbeit, ist noch immer die Methode Zukunft.

4296: Evan Gershkovich in Moskau festgehalten

Mittwoch, April 19th, 2023

Der „Wall Street Journal“-Reporter Evan Gershkovich wird in Moskau festgehalten und vor Gericht gestellt. Vor drei Wochen war er auf einer Recherchereise in Jekaterinburg wegen Spionage festgenommen worden. Joe Biden hat seine Freilassung gefordert. Gershkovichs beide Verteidigerinnen haben gegen die Haftbedingungen Berufung eingelegt. Eine Kaution wurde abgelehnt. Es ist alles so ähnlich wie zu Stalins Zeiten. Der eignet sich ja ohnehin allenthalben als Putins Vorbild. Vermutlich wollen Putins Schergen einen Austausch mit einem in den USA inhaftierten russischen Journalisten. Aber einen solchen haben die USA zur Zeit gar nicht.

Mittlerweile konnte die US-Botschafterin in Moskau, Lynne Tracy, Gershkowich besuchen. Dessen Eltern sind 1979 aus der Sowjetunion in die USA ausgereist. Ihnen hat Evan Gershkovich mitgeteilt, dass er viel Sport macht und Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ (auf russisch) liest (Silke Bigalke, SZ 19.4.23).

4295: Von der Leyen – nochmals Präsidentin der EU-Kommission ?

Dienstag, April 18th, 2023

Die Präsidentin der EU-Kommission wird von Nationalstaaten vorgeschlagen und vom EU-Parlament gewählt. Dabei kann es zu Blockaden kommen. 2019 hatte Emanuel Macron diese umgangen mit seinem Vorschlag Ursula von der Leyen/CDU (gegen den ungewollten Manfred Weber/CSU). Will Frau Von der Leyen nochmals Präsidentin werden, braucht sie die Unterstützung der Christdemokraten (EVP) und der europäischen Regierungen. „Die Union muss sie nominieren, die EVP muss sie wollen, und die Bundesregierung muss sie im Rat unterstützen.“

Dieses Kunststück scheint Ursula von der Leyen zu gelingen.

Hinter ihr versammelt sich auch die Ampelkoalition aus Berlin, weil sie ihre Interessen in Europa in guten Händen sieht. „Von der Leyen zwingt also das gesamte politische Spektrum in Deutschland hinter ihre Kandidatur. Allein für diese taktische Meisterleistung hätte sie fast schon das Amt verdient.“ (Stefan Kornelius, SZ 18.4.23)

4294: Britta Ernst (SPD) als Bildungsministerin zurückgetreten

Dienstag, April 18th, 2023

Die brandenburgische Bildungsminsietrin Britta Ernst (SPD) ist zurückgetreten. Sie ist zugleich die Ehefrau von Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Als Begründung gab sie an, nicht mehr genug Unterstützung in den Regierungsfraktionen SPD, CDU und Grünen zu haben. Es fehle an Geschlossenheit. Ernst wollte den erheblichen Lehrkräftemangel durch Umschichtung von Lehrerstellen zwischen den Schulen beheben. Sie gilt als umgänglich und kompetent. Insbesondere der Ausbau der Kita-Versorgung wird ihr zugerechnet. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) dankte ihr. Sie habe das Amt in schweren Zeiten „mit Weitblick und ruhiger Hand“ geführt. Im Herbst 2024 wird in Brandenburg ein neuer Landtag gewählt. Die CDU hat jetzt bereits die Bildungspolitik als Schwerpunkt des Wahlkampfs erklärt (Jan Heidtmann, SZ 18.4.23).

4293: Angela Merkel: Keine gute Kanzlerin

Montag, April 17th, 2023

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verleiht Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel das Großkreuz des Verdienstordens. Das haben vor ihr nur Konrad Adenauer 1954 und Helmut Kohl 1998 bekommen. Lange Zeit wäre diese Verleihung im ganzen Land auf große Zustimmung gestoßen; denn Angela Merkel stand für Kompromisse, Pragmatismus, Weltoffenheit, Bescheidenheit, Sachlichkiet, Treue zu ihren Werten, eine erfolgreiche Politik. An ihrer Integrität gibt es nichts zu zweifeln. In den letzten Jahren aber hat ihr Ruf sehr gelitten. Und das zu Recht.

Am schlimmsten gescheitert sind die Russlandpolitik und die Moderinisierung der Bundeswehr. Der Ansatz „Wandel durch Handel“ ist falsch. Aber auch bei der Digitalisierung, der Umwelt- und Klimapolitik ist Merkel gescheitert. Noch nach der Annektion der Krim, die Anlass für die Nato war, ihre Verteidigungsanstrengungen auf 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erhöhen, blieb Merkel bei Nord Stream 2. Wie Manuela Schwesig. Angela Merkel hat geduldet, dass deutsche Gasspeicher an Gazprom verkauft wurden. Furchtbar. Auch Angela Merkels Chinapolitik war viel zu leichtgläubig. Unsere gegenwärtige Außenministerin Anna-Lena Baerbock muss es jetzt büßen. Angela Merkel sollte ihre Fehler eingestehen und sich an der Diskussion über deren Ursachen beteiligen (Nicolas Richter, SZ 17.4.23).