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Es liegt hauptsächlich an uns selbst, unser Deutsch zu bewahren.

Sonntag, Juli 4th, 2010

Vom Niedergang des Deutschen ist in letzter Zeit häufiger die Rede gewesen. Wohl ohne teutonisches Getöse und deutschtümelnde Beiklänge. Nun hat sich Ulrich Greiner in der „Zeit“ (1.7.2010) des Themas in der bei ihm bekannten Sachlichkeit angenommen. Die Lage sei nicht bestimmt durch die mangelnde Beherrschung des Konjunktivs oder das Schwächeln des Genitivs und nicht durch das weidlich verspottete Denglisch, „sondern ganz simpel durch die Tatsache, dass Deutsch auf den wichtigsten Gebieten des öffentlichen Lebens, in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, eine schwindende Rolle spielt. Englisch tritt an seine Stelle“. Zeitgenossen mit geringem sprachlichen Sensorium würden damit leichter zurecht kommen als jene, die Deutsch nicht allein zu Zwecken der Mitteilung benutzten, sondern als Form des Denkens und Dichtens.

Greiner führt vier Hauptpunkte auf:

1. Der Linguist Ulrich Ammon beziffere den Anteil des Deutschen auf der ganzen Welt in den Naturwissenschaften mit einem Prozent und in den Sozialwissenschaften mit sieben. Was unser Sprachgebiet angeht, so schätzt Ammon, dass 80 bis 85 Prozent der deutschen Naturwissenschaftler auf Englisch publizieren, 50 Prozent der Sozialwissenschaftler und 20 Prozent der Geisteswissenschaftler. „Für die Welt gilt: Die Wissenschaft spricht Englisch.“

2. Die Wirtschaft spricht selbstverständlich Englisch. Das führt nach Ulrich Ammon dazu, dass Wissenschaftler aus der Dritten Welt, die Deutsch gelernt haben, um in Deutschland etwas zu werden, bei Siemens etwa erfahren müssten, dass sie besser Englisch gelernt hätten.

3. Die Politik gibt das Deutsche immer mehr auf. Dies ist nicht damit zu erklären, dass Englisch die Sprache der Diplomatie ist. „In der Europäischen Union gilt Deutsch als eine der drei Arbeitssprachen, es wird aber nicht angewendet – …“ Selbst der Bundesrat will, dass in der Justiz Englisch gesprochen wird, um so die Benachteiligung deutscher Gerichte bei internationalen Wirtschaftsverfahren zu beseitigen.

4. Sämtliche Felder unserer Lebenswelt, die als modern oder zukunftsträchtig gelten, sind anglofon: Das Internet, die Computertechnik, die Konsumwelt, die Pop- und Jugendkultur. 90 Prozent der Schüler in Europa werden in Englisch unterrichtet. Die Zahl der Englischkindergärten steigt überall.

In dieser Entwicklung liegt für Greiner auch etwas Positives. Nämlich der Zug zu einer Weltsprache, welche die Verständigung erleichtere. Fast jeder Kellner in Lima, Katmandu oder Gelsenkirchen verstehe Englisch. „Der globale Handel, die internationale Politik, die Wissenschaften und auch die Künste könnten ohne diese Weltsprache nicht gedeihen.“ Der Siegeszug des Englischen verdanke sich der Macht der USA und den zwei Weltkriegen im 20. Jahrhundert, die dem deutschen Ansehen in der Welt schwersten Schaden zugefügt hätten. Die Vernichtungspolitik der Nazis habe zu einem Braindrain geführt.

Tatsächlich sei die Weltsprache ja nicht eigentlich das Englische, sondern eine neue Lingua franca, eine Art „Globalesisch“. „Die Engländer müssen erfahren und lernen, dass die Lingua franca nicht ihre Sprache ist, dass sie nicht ihnen gehört, sondern allen.“ Ja, es gäbe keinen Grund, die Engländer um die Dominanz ihrer Sprache zu beneiden. Diese werde sich wahrscheinlich durch den globalen Gebrauch schneller ändern als das Deutsche durch den Gebrauch des Englischen. In der Wissenschaft sei festzustellen, dass je größer eine Forschergruppe sei, um so besser die Kommunikation auf Englisch gelinge. Aber eine Umfrage zeige, dass ein Viertel der deutschen Wissenschaftler Konferenzen meide und ein Drittel Publikationsmöglichkeiten ausschlage, wenn Englisch verlangt werde. „Schweden, Bengalen und Chinesen haben gewöhnlich keine Hemmungen, sich der englischen Sprache zu bedienen, um ihre Erkenntnisse zu verbreiten. Sie begrüßen die Chance, so am internationalen Wissenschaftsbetrieb teilzunehmen.“ 

In der Literatur sei dies anscheinend ein wenig anders. Hier würden sich Sprache und Denken gegenseitig beeinflussen. Wir begäben wir uns in die Sprache hinein und wüssten nicht, wo wir am Ende herauskämen. „Das gilt für nicht wenige Felder der Geisteswissenschaften. Die Philosophie Kants, Hegels oder Heideggers wäre anders ausgefallen, hätten sie Englisch schreiben müssen.“ Dies gilt offensichtlich auch für den Journalismus, der gezwungen ist, mit und in seiner Landessprache zu arbeiten.

Der Romanist Jürgen Trabant habe sogar das Folgende betont: „Es gibt wissenschaftliche Betätigungen, die nicht sprachlos Gedachtes, Gemessenes, Gewogenes und Berechnetes als wissenschaftliche Erkenntnis erzeugen, sondern die wissenschaftliche Erkenntnis in Sprache generieren. Wissenschaftliche Arbeiten in den sogenannten Geisteswissenschaften kommen nicht so zustande, dass der Forscher sich zuerst die Ergebnisse denkt und diese dann nur noch bezeichnen und verlautbaren muss. Er schafft mit der Sprache einen völlig aus Sprache bestehenden Gegenstand.“

Und der Germanist Heinrich Detering bezieht sich darauf, dass auf norwegischen Ibsen-Tagungen nur Englisch zugelassen sei, wobei Ibsen meist aus englischen Übersetzungen zitiert werde. „Wenn die wissenschaftliche Verständigung über Ibsen den Umstand, dass dieser Dichter seine Dramen in norwegischer Sprache verfasste, für nebensächlich erklärt oder ignoriert, dann ist dem, was in irgendeinem wissenschaftlichen Sinn noch als hermeneutisch beschrieben werden kann, der Boden unter den Füßen weggezogen.“

Für Greiner liegt der zweite wahrscheinlich schwerer wiegende Verlust beim Rückgang der Muttersprache darin, dass Wissenschaftler in einer demokratischen Gesellschaft verpflichtet sind, darauf hinzuwirken, dass ihre Arbeit von einer interessierten Öffentlichkeit wahrgenommen und diskutiert werden kann. Die Chancen dazu verringerten sich mit der Ausdehnung des Englischen. Es bestehe die Gefahr, dass die ohnedies nicht geringe Kluft zwischen der wissenschaftlichen Elite und dem Staatsvolk unüberbrückbar werde.

Jürgen Trabant habe kürzlich geäußert: „Während sich auf der einen Seite der gesellschaftlichen Skala ein erklecklicher Anteil der Menschen als unfähig oder unwillig erweist, in die deutsche Sprachgemeinschaft einzutreten, investiere das andere, obere Ende der Gesellschaft erhebliche Mittel und Anstrengungen in den Ausstieg aus der deutschen Sprachgemeinschaft.“ Wozu sollten Immigrantenkinder Deutsch lernen, wenn die Arbeitssprache diese Landes Englisch sei. Trabant sieht Anzeichen dafür, dass die deutsche Sprache insgesamt bedroht ist , weil sie von unten her durch das Vordringen von Dialekten und Rudimentärsprachen zurückgefrängt wird, von oben her durch das Englische.

Ulrich Greiner hält das für übertrieben. Unzweifelhaft sei aber, dass die deutsche Sprache sich schneller als je zuvor ändere. Die Frage sei, ob sich das Regelwerk des Deutschen durch die Invasion des Englischen aufweiche, bis das intuitive Verständnis dessen, was sprachlich richtig sei, gänzlich verschwinde. Das Deutsche sei aber als Sprache der geografischen Mitte immer fremden Einflüssen ausgesetzt gewesen. Und meist zu seinem Vorteil. Es werde auf die Dauer nicht ohne Folgen für das Deutsche bleiben, wenn alles, was als innovativ gälte und den Ton angäbe, anglofon geprägt sei. „Es scheint dahin zu kommen, dass sich ein rund 250 Jahre währende Epoche, als Deutsch die Sprache der besten Köpfe war, dem Ende nähert.“

Die deutsche Hochsprache habe es im 18. und 19. Jahrhundert zur Weltgeltung gebracht nicht aus politischen oder ökonomischen Gründen, sondern deshalb, „weil in ihr und mit ihr einige der bedeutendsten Werke der Literatur und der Philosophie geschrieben wurden, die bis heute internationale Wirkung haben“. Dass Teile unserer Eliten die deutsche Hochsprache nicht mehr verstehen oder sprechen, hat wenig mit Globalisierung und viel mit Wichtigtuerei und Gedankenlosigkeit zu tun. Diese Eliten sind unverantwortlich; denn der Zustand der Sprache hängt am meisten von denen ab, die Macht und Einfluss haben. Wir haben es weithin selbst in der Hand, was aus unserem Deutsch wird. Denn danach, wie wir selber Deutsch sprechen und schreiben, richten sich jene, die nach oben wollen.

Christa Wolf erinnert sich an ihre Stasi-Mitarbeit.

Dienstag, Juni 22nd, 2010

Mit ihrem neuen Buch („Roman“ genannt) „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ ist Christa Wolf unversehens und gewiss ohne Absicht in den Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten geraten. Der Kandidat von SPD und Grünen, Joachim Gauck, ist 1993, als ruchbar wird, dass Wolf von 1959 bis 1962 als inoffizielle Mitarbeiterin für die Stasi gearbeitet hat, Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Seinerzeit sind Einzelheiten aus den Akten Wolfs an die Öffentlichkeit gelangt. Sie schreibt daraufhin von Kalifornien aus, wo sie ein Stipendium wahrnimmt, an Gauck, „dass diese Handhabung der Aktenausgabe an die Presse stark dazu beigetragen hat, meinen Ruf zu vernichten“. Gauck antwortet, dass seine Behörde den Medien im Prozess der Aufarbeitung der Stasi-Akten Akteneinsicht gewähren müsse, „selbst wenn das Niveau der Berichterstattung sehr unterschiedlich und oftmals auch einseitig und verzerrt ist“.

Jens Jessen verlangt in der „Zeit“ (17.6.) „Gerechtigkeit für Christa Wolf“. Die Schriftstellerin gäbe in ihrem Buch dem von Selbstgerechtigkeit und Larmoyanz gekennzeichneten alten Selbstbild den Abschied. „Es ist der grandios bis zum Quälenden inszenierte Abstieg von den Eiseshöhen der sozialistischen Tugend, den die Autorin beschreibt. Sie erspart sich – und dem Leser, wie man zugeben muss – nichts, keinen Umweg, keine Ausflüchte, keine Rückfälle in alten Gewissenshochmut. Sie gibt sogar zu, von ihrer Täterakte schon vor der Öffentlichkeit gewusst zu haben, …Mit bösem Willen könnte man hier von einem Manöver sprechen, sich abermals zu exkulpieren – denn was ist ein schmaler IM-Vorgang gegen über vierzig Bände der Verfolgung durch die Stasi? So ist es aber nicht.“ Im Falle Christa Wolfs handelt es sich darum, dass die Autorin nach ihrere eigenen Mitarbeit bei der Stasi danach über Jahrzehnte von dieser ausspioniert worden ist. Typisch für die DDR. „Unter der kalifornischen Sonne, angesichts des weiten pazifischen Ozeans wird Christa Wolf demütig, sanft und weich, und dies nicht als neue Prätention. … Man kann das Kitsch nennen, es ist aber als Zeichen der neuen Demut auch überwältigend – und kindlich schlicht.“

Verwundert ist Jens Jessen allenfalls darüber, dass Christa Wolf sich so darstellt, als ziehe sie in allen politischen Systemen Hass und Misstrauen auf sich. „Alles in allem erscheint ihr der Kapitalismus als keine satisfaktionsfähige Alternative zum Sozialismus, mag dieser sie auch noch so desillusioniert haben. Worauf eigentlich, das ist die implizite Leitfrage des Romans, beruht die moralische Überlegenheit, mit der meine westlichen Kritiker mich meinen abkanzeln zu können?“

Auch Richard Kämmerlings sieht in Christa Wolfs „Roman“ ein bemerkenswertes Buch (FAZ 19.6.). Er empfindet es aber schon als ein starkes Stück, dass die Autorin angesichts der USA-Kritik vieler junger Amerikaner „Parallelen zu totalitären Verhältnissen“ dort suggeriert. Auf diese Weise bemüht sich Christa Wolf eben doch, sich zu rechtfertigen. Für sie liegen die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in der DDR und in den USA auf einer Ebene, eine krasse Fehleinschätzung. Kämmerlings hält ihr aber zugute, dass Wolf ihre Unterschrift gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 nicht zurückgezogen habe. Nach seiner Auffassung  tritt bei Christa Wolf neben den Geschichtspessimismus eine „christliche Erlösungshoffnung“. Bei einem Besuch in einer Kirche wird die Autorin mitgerissen „und empfängt sogar die Kommunion. In der Predigt geht es um das Wunder der Sündenvergebung.“

Tilman Krause („Die Literarische Welt“ 19.6.) findet die Schriftstellerin bei ihrer Lesung in Berlin wieder „ungekünstelt, sachlich, bescheiden“. Er zitiert in Bezug auf die DDR Wolfs Satz „Ja, wir haben diese Land geliebt.“ „Der Eindruck, der sich letzlich einstellt, ist der von großer innerer Wahrhaftigkeit. Ja, sie ist ganz sie selbst, in ihrem schweren, von Krankheiten und Medikamenten gezeichneten Körper, in ihrer protestantischen, nüchternen Art. Und das schafft Aura. Sollte es am Ende das sein, was uns der Osten oft voraushat?“ Ja, wenn das die protestantische Art ist! Elmar Krekeler gibt Christa Wolf in seinen „Kopfnoten“ in der „Welt“ (19.6.) die Note 1. „Jetzt hat sie unter Schmerzen einen neuen Roman abgeschlossen, präsentiert ihn und sich. Und siehe da: All das hat im stets hysterischer werdenden Literatur- und Kulturbetrieb offenbar gefehlt. Diese Ernsthaftigkeit. Diese strenge Aura. Diese Authentizität. Christa Wolf hat die letzten übelriechenden Wolken des Hegemann-Wahns verjagt.“ Nun muss Helene Hegemann auch noch dafür herhalten, Christa Wolfs Roman aufzuwerten. Hauptsache es ist alles protestantisch, schlicht und kindlich!

Ausführlicher und nüchterner geht Lothar Müller in der SZ (19./20.6.) auf Christa Wolfs Buch ein. Für ihn hätte es der Fiktionalisierung des autobiografisch fundierten Stoffes nicht bedurft. „Aber so stark war diese Sehnsucht nach dem Roman, dass sie dem Buch zum Titel ‚Stadt der Engel‘ noch einen nicht minder literarischen, zudem englisch formulierten Untertitel bescherte: ‚The Overcoat of Dr. Freud‘. Diesen Mantel Sigmund Freuds, …, gibt es nicht. Er ist seinem Nachbesitzer abhanden gekommen, dafür aber zu einer Schlüsselmetapher in Christa Wolfs Buch geworden. Er taucht immer dann verlässlich auf, wenn das erzählende Ich des Trostes bedarf. … Er ist das Gegenbild zur Akte, verkörpert die Utopie der befreienden Erinnerung.“

Müller dringt zu dem Kern dessen vor, das uns Wolfs Spitzeltätigkeit der Jahre 1959 bis 1962 erklärt, obwohl die Autorin kürzlich noch die DDR nicht als „Diktatur“ und „Unrechtsstaat“ bezeichnen wollte. Das erzählende Ich formuliert: „Revolutionäre Maßnahmen können für die von ihnen Betroffenen hart sein, die Jakobiner waren nicht zimperlich, die Bolschewiki auch nicht. Wir hätten ja gar nicht bestritten, dass wir in einer Diktatur lebten, der Diktatur des Proletariats. Eine Übergangszeit, eine Inkubationszeit für den neuen Menschen, versteht ihr?“ Von diesen Inkubationszeiten und den daraus hervorkommenden neuen Menschen haben wir viel kennen gelernt, wir haben davon genug.

Im „Spiegel“-Interview (14.6.) teilt Christa Wolf mit, dass es Günter Gaus gewesen ist, der Journalist und langjährige Leiter der ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der DDR, der ihr ihre eigene Stasi-Täter-Akte, die sie eigentlich nicht einsehen durfte, 1993 nach Kalifornien mitgebracht hat. Zur Kandidatur Gaucks will sie nicht Stellung nehmen. Die „Spiegel“-Interviewer (Susanne Beyer und Volker Hage) halten der Autorin vor: „In ihrem Buch wird nicht ganz klar, wie Sie heute zu diesem Staat stehen.“ Dann fragen sie: „Es leuchtet nicht ein, warum Sie das Buch, das Sie doch sehr nahe an Ihrem authentischen Erleben entlang erzählen, in Teilen auch fiktionalisiert haben. Wollten Sie durch die Fiktionalisierung den eigentlichen Konflikt, den Sie schildern – die Auseinandersetzung mit der eigenen Person und die öffentlichen Reaktionen darauf – , von sich wegrücken?“ Christa Wolf antwortet: „Nein, Sie haben ja selbst gesehen, dass ich gerade bei den Teilen, die diese Konflikte schildern, nahe an den tatsächlichen Ereignissen entlang erzähle. Anderes habe ich erfunden, viel mehr, als sie wohl glauben würden. Das gehört zur Vielschichtigkeit, die ich anstrebe. Ebenso wie es sich natürlich versteht, dass die Ich-Erzählerin nicht identisch mit der Autorin ist.“

Bei dem Bemühen um die Erinnerung an die DDR geschieht häufig das Gleiche. Die Verantwortlichen fühlen sich nicht verantwortlich. Sie können sich nicht mehr genau erinnern (wie Günter Grass an seine Mitgliedschaft in der Waffen-SS). Sie beschönigen und verwenden tatsächlich gegebene Missstände im realen Kapitalismus zur Relativierung der Mängel im realen Sozialismus. Usw. Anscheinend werden bewusst Begriffe wie „Unrechtsstaat“ in die Debatte eingeführt, mit denen tatsächlich nicht gut zu arbeiten ist. Die Frage lautet: War die DDR ein Rechtsstaat, also ein Staat, in dem jegliches Handeln, auch das staatliche, juristisch überprüft werden konnte? Hier lautet die Antwort natürlich: Nein. Vieles davon haben Christa Wolf und andere noch nicht begriffen. Und wir verstehen, warum von der „Linken“ Joachim Gauck gehasst wird und sie seine Kandidatur zum Bundespräsidenten bekämpft. Sie hat zu Recht ein schlechtes Gewissen.

Leon de Winter sieht die „islamofaschistische“ Achse Ankara-Teheran.

Donnerstag, Juni 17th, 2010

Der niederländische Schriftstller Leon de Winter, der Europa keine Chance mehr gibt (vgl. unten: Der Primat der Politik in Europa), hat sich in der „Literarischen Welt“ (12.6.) die „nützlichen Idioten“ des Nahostkonflikts vorgeknöpft, die er in den „Progressiven“ Europas erkennt. Im Grunde müsste de Winter auch Israelis wie David Grossman, Amos Oz und Moshe Zimmermann dazu zählen. De Winters Ausgangsthese ist, dass Gaza frei sei, diese Freiheit jedoch dazu nutze, „um israelische Dörfer mit Terror zu überziehen“. An den Beispielen „Kindersterblichkeit“, „Bevölkerungswachstum“ und „Lebenserwartung“ im Vergleich des Gaza-Streifens mit den umliegenden arabischen Staaten und der Türkei versucht er, seine Argumentation zu untermauern.

Dann komt die zentrale Stelle in seinem Beitrag, wo er zu zeigen versucht, dass und warum die „Progessiven“ Israel hassen: „Einer der Gründe muss sein: Israel ist ein starkes Argument gegen den kulturellen Relativismus. Israel hat eine freie Presse, Männer und Frauen haben die gleichen Rechte, es herrscht Versammlungsfreiheit – Beweise für die Überlegenheit westlicher Kultur. Progressive hassen Israel, weil das Land in einem Meer muslimischer Rückständigkeit traditionelle europäische Werte repräsentiert. Zudem ist Israel der Körper, der jene nicht greifbare Ethnizität beherbergt, mit der der Westen seit dem Mittelalter ringt: der Judaismus, diese eigentümliche Kraft, die als arrogant, überholt, tribal, widerwärtig und zugleich begehrt gilt.“ Das Problem für viele Juden sei, dass sich die modernen „Progressiven“ nicht mehr von den alten Antisemiten des 20. Jahrhunderts unterscheiden ließen. Die „Progressiven“ seien gefangen in einem komplexen politischen Spiel. „Ein Spiel, dessen Herren Türken und Iraner sind.“ Dabei hätten weder die Türkei noch Iran, beides nicht-arabische Länder mit einer Jahrhunderte alten Abneigung gegen Araber, Grund, sich von Israel bedroht zu fühlen oder eine besondere Sympathie für die Palästinenser zu hegen.

Die offene Unterstützung der Hamas durch die Türkei sei ein direkter Affront gegen Ägyptens Machthaber, welche die sunnitische Welt lange Zeit angeführt hätten. „Dass die Türkei das Symbol des palästinensischen Opfers radikal an sich gerissen hat, markiert einen scharfen Einschnitt in die geopolitische Landschaft des Nahen Ostens.“ Das Zentrum der sunnitischen Welt habe sich von Kairo nach Ankara verlagert. Im neuen Bündnis mit dem schiitischen Iran hätte sich die Türkei die Ölquellen in Turkmenistan und Aserbeidschan gesichert, während Iran sich in dieser Hinsicht nach Süden und in den Irak orientiere. „Der neue islamische Mensch wird in der Türkei und in dem Iran entstehen. Er wird die Werkzeuge, die er vom Westen übernommen hat, gebrauchen, um seine Herrschaft über die Welt auszudehnen. Unterdessen hat ein unentschiedenes, schwankendes Amerika keine Antwort auf die Herausforderung durch dies Koalition.“ Der gegenwärtige amerikanische Präsident, dessen Namen de Winter nicht nennt, sei ein Mann, der in progressiven Kreisen augewachsen sei, in denen traditionelle Machtpolitik ebenso verunglimpft werde wie ein angeblich imperialistisches, kolonialistisches  Israel – er sei ein Produkt akademischer Zirkel, die sich allumfassende Illusionen über die regulierende Rolle, die internationale Organisationen wie die Vereinten nationen spielen sollten, hingäben. Anscheinend vermisst de Winter George W. Bush.

Seit Montag, dem 31.5.2010, gäbe es die Phase eins von etwas völlig Neuem. Es bestehe in der Allianz zwischen Ankara und Teheran, der Allianz zweier islamischer Regime, „die islamofaschistisch sind. Es wird nicht lange dauern, bis sie Atomwaffen haben.“ Darauf läuft es bei solchen Argumentationen immer hinaus, die bald im Iran vorhandenen Atomwaffen. Für Autoren wie Leon de Winter und Henryk M. Broder scheint dies Überlegungen zu einem „westlichen“ Präventivschlag nach sich zu ziehen. Und ist das falsch? So sehr de Winter zuzustimmen ist, dass Israel westliche Werte in einem islamischen Umfeld verkörpert und wir (Europa) deswegen verpflichtet sind, ihm beizustehen, so schrecken wir doch vor weiteren militärischen Abenteuern in Nahost zurück.

Für de Winter können die Europäer nicht die Chance verstreichen lassen, Juden zu diffamieren. „Angesichts der jüngsten massiven Angriffe auf das Existenzrecht Israels wird deutlich, dass es unter Europäern ein großes Bedürfnis gibt, die Juden Mörder zu nennen – …“ Und dann bekommen die europäischen Medien noch ihr Fett ab. Die Millionen von Muslimen, die unter schlechteren Bedingungen lebten als die Palästinenser, würden in ihnen mit keinem Wort erwähnt. Und israelische Militäraktionen würden am liebsten mit dem Wort „Nazi“ versehen. Das neue Bündnis zwischen der Türkei und Iran werde von Rußland und China, wo zynische Eliten herrschten, gerne geduldet, weil dies den Westen schwäche.

Gestützt wird de Winters Argumentation von Bernhard Zand im „Spiegel“ (14.6.). Er sieht ebenso eine Abkehr der Türkei vom Westen und eine Hinwendung nach Osten. Angesichts des Flottendramas vor Israel habe der türkische Ministerpräsident Erdogan Israel des „Staatsterrorismus“ bezichtigt. „Heute ist ein Wendepunkt in der Geschichte. Von nun an ist nichts mehr, wie es war.“ Bernhard Zand sieht allerdings die Enttäuschung der Türkei über Israel früher. Er datiert sie auf den 27.12.2008. Damals habe sich Erdogan vom israelischen Ministerpräsidenten Olmert getäuscht gefühlt, der kurz nach einem Türkeibesuch auf Grund der Hamas-Raketenangriffe auf sein Land den Befehl zum Gazakrieg gegeben habe, ohne Erdogan davon zu informieren. 1400 Palästinenser seien dabei gestorben. Den Hauptgrund der Abwendung der Türkei vom Westen sieht Zand in der Weigerung der EU, die Türkei aufzunehmen.

So sehr ich der Feststellung de Winters zuzustimme, dass Israel zum Westen gehört und dessen (auch machtpolitische) Unterstützung verdient, so wenig darf das automatisch auf militärische Interventionen hinauslaufen. Es bleibt uns in Europa keine andere Wahl als zu verhandeln. Und über einen möglichen EU-Beitritt der Türkei sollten wir neu nachdenken. Gehört die Türkei zu Europa, schwindet die Gefahr einer Achse Ankara-Teheran. Und von einer wie auch immer gearteten Weltherrschaft ist nichts zu erkennen.

David Grossman bekommt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2010.

Dienstag, Juni 15th, 2010

David Grossman bekommt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2010. Der israelische Schriftsteller („Eine Frau flieht vor einer Nachricht“), dessen Kritik am Entern der „Free Gaza“-Flotte hier zu Wort gebracht worden ist (vgl. unten: Wie tief ist Israel gesunken), hat für seine Verurteilung des Militäreinsatzes Unterstützung von Amos Oz (FAZ 4.6.), dem Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 1992, und dem Historiker Moshe Zimmermann (SZ 4.6.) bekommen. Alle drei sind Israelis, keine Antizionisten oder Antisemiten oder Israel-Hasser.

Grossman wünscht sich, dass die Palästinenser ihren eigenen Staat bekommen. Zugleich ist für ihn Israel der einzige Ort, an dem Juden so etwas wie ein Zuhause haben können. Felicitas Lovenberg (FAZ  11.6.) lobt die Vergabe des Friedenspreises an Grossman als „eine gute, überzeugende, eine freudige Entscheidung, literarisch wie politisch“. Sie nennt „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ im gleichen Atemzug mit Amos Oz‘ grandiosem Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“. Und sie erwähnt, dass Grossmans Sohn Uri am 12. August 2006, kurz vor Ende des zweiten Libanonkriegs, gefallen ist.

Ines Kappert und Dirk Knipphals (taz 11.6.) nennen „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ Weltliteratur. Dass Grossman die Welt immer wieder literarisch zu weiten suche, mache die „tragische Größe“ dieses Autors aus. „Grossman behauptet so die Literatur inmitten des Krieges. Das Besondere an seiner Erzählkunst ist, dass er seine Situationsbeschreibung stets aus Dialogen heraus entwickelt. Immer bleibt er nahe bei seinen Figuren, psychologisiert, ohne klebrig zu sein, und wechselt dabei mühelos zwischen weiblicher und männlicher Erzählperspektive.“

Lothar Müller (SZ 11.6.) berichtet, dass der Börsenverein des Deutschen Buchhandels den neuen Roman von Grossman für sein „Hauptwerk“ halte. An Grossmanns Romanfiguren falle eines sofort auf: „Dass der Erzähler sie so ausführlich in direkter Rede zu Wort kommen lässt, in Dialogen wie in Monologen. Dieses kunstvoll unreglementierte Sprechen ist – wie das Spielen mit den Worten – das vielleicht wichtigste Scharnier zwischen dem literarischen Werk und den politischen Überzeugungen des Schriftstellers David Grossman.“ Seine Überzeugung sei es, dass der Frieden in Nahost nicht militärisch errungen werden könne. „Das ist, wohlgemerkt, bei Grossman nicht die Sprache des Pazifismus. Das Israel, in dem er leben will, braucht eine starke Armee. Aber es ist die Sprache der Verhandlungsfähigkeit, die Sprache, in der auch mit dem Feind, der Hamas, gesprochen werden kann.“

Thorsten Schmitz (SZ 11.6.) stellt darauf ab, dass Grossman im Ausland mehr geschätzt wird als in Israel. Dort sei seine Fangemeinde klein. Seine politische Haltung gälte fast als „Vaterlandsverrat“. Ein Kritiker habe etwa im Netz über die Verleihung des Friedenspreise an Grossman geschrieben: „Schlecht über Israel zu reden, wird in Europa mit 25 ooo Euro belohnt, das ist doch ein schönes Einkommen. Hut ab, Herr Grossman.“

Alex Rühle (SZ 12./13.6.) berichtet, dass Grossman in Salzburg die Literatur als das Gegenteil von Krieg erklärt habe. „Im Krieg muss ich das Gesicht des Gegners wegdenken, damit ich ihn töten kann. In der Literatur muss ich jeden Menschen ganz darstellen, den Klang seiner Stimme, seine Augen, seine Geschichte.“ Israel brauche nach Grossmans Meinung offenes Denken und durchlässige Grenzen, Grenzen zu einem palästinensischen Staat, keine Mauern zu besetzten Gebieten. „Erst wenn wir Grenzen haben, werden wir erstmals das Gefühl haben, wirklich zu Hause zu sein. Es gibt diese traurige Dimension des Judentums, wir sind die, die sich noch nie irgendwo zu Hause gefühlt haben. Selbst die unglaubliche Kraft unserer ganzen Armee verhilft uns nicht zu diesem erlösenden Gefühl.“

Marcel Reich-Ranicki: Personifikation der literarischen Tradition und selbst literarische Figur

Sonntag, Juni 6th, 2010

Ich war schon in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Fan von Marcel Reich-Ranicki, als meine linken und linksliberalen Freunde ihn noch vollkommen ablehnten. Weil er die Dinge beim Namen nannte. Darunter Ross und Reiter. Weil er mit Personen, Themen und dem literarischen Stil hantierte, als andere sich in Strukturen und gesellschaftliche Verhältnisse flüchteten. Weil er sich auf die literarische Tradition in Deutschland bezog. Und weil er sich mit einigen Erscheinungen der Literatur gar nicht befasste.

Später war der Erfolg von Marcel Reich-Ranicki so groß, dass sich ihm kaum jemand entziehen konnte. Mit dem „Literarischen Quartett“ im ZDF wurde der Mann so berühmt, dass ihn anscheinend jeder Tankwart kannte. Insgeheim blieb der große Polarisierer vielen Lesern zwar verhasst, aber sie trauten sich kaum noch, dies offen zu äußern. Wir wissen nicht erst seit seiner Autobiografie „Mein Leben“ 1999 sehr viel über den wichtigsten Literaturkritiker Deutschlands nach 1945. Dass er nicht religiös ist. Dass er sich nicht als Deutscher fühlt, sondern die Literatur sein „portatives Vaterland“ ist. Dass seiner Meinung nach die Zeitungsleser und Fernsehzuschauer Verrisse lieben. Dass er kein Interesse an Eskimos hat. Dass sein Leben noch heute von seinen Erfahrungen im Warschauer Ghetto bestimmt wird. Dass er seit 1942 verheiratet ist. Dass er als Literaturkritiker der „Zeit“ nicht an den Redaktionssitzungen teilnehmen durfte. Dass er sich mit Joachim Fest bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ verkracht hat, als dieser ihn ausgerechnet mit dem Nazi-Baumeister Albert Speer zusammenführte. Dass er Hertha Müllers „Atemschaukel“ nicht mehr gelesen hat. Und vieles mehr. Dies erneut auszubreiten, würde viele wahrscheinlich langweilen. Aber anlässlich des 90. Geburtstags von Marcel Reich-Ranicki ist einiges Neue erschienen, dass ich hier das Wichtigste davon zusammenfassen will.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat Marcel Reich-Ranicki in seinem Glückwunsch geschrieben: „Sie haben sich um die Sprache und die Literatur unsers Landes über ein halbes Jahrhundert verdient gemacht.“ Und alle großen Zeitungen und Wochenzeitungen der Republik haben sich dem Jubilar ausführlich gewidmet. Zum Teil in großen Interviews: „Der Spiegel“, „Die Zeit“, „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Stephan Wackwitz hat Reich-Ranicki in der „taz“ (29./30.5.) einen bemerkenswerten Beitrag gewidmet („Nachdenken über MRR“). Und in der „Literarischen Welt“ hat sogar der Springer-Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner über den Kritiker geschrieben, der in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sein Kollege gewesen war.

Marcel Reich-Ranicki betont zunächst einmal, dass er mit seiner Arbeit gegen das Schicksal seiner Eltern habe protestieren wollen, die im KZ ermordet worden sind. Er habe sich in Deutschland stets als Fremder gefühlt und sich durchsetzen wollen. Seine Lieblingsnamen seien Anna, Emma und Effi nach den großen Ehebrecherinnen der Weltliteratur: Anna Karenina, Emma Bovary, Effi Briest. „Effi wollte ihren eigenen Weg gehen, nicht den des Mannes, der ihr so fremd war. Das gilt auch die anderen. Alle sind sie gescheitert.“ (Interview mit Volker Hage im „Spiegel“). Unter den vielen Feinden von Reich-Ranicki ist Martin Walser nach dem „Tod eines Kritikers“ wohl der wichtigste. Über ihn sagt der Kritiker im „Spiegel“: „Ich halte ihn nicht für einen Antisemiten. Aber es ist ihm wichtig, darauf hinzuweisen, dass der Kritiker, der ihn angeblich am meisten gequält hat, auch noch Jude ist. Er rechnet damit, dass ihm sein Publikum darin folgt.“

In der „Zeit“ nennt Reich-Ranicki als seine „Nachfolger“: Kurt Weinzierl, Volker Hage und Uwe Wittstock. In dem Gespräch mit Iris Radisch und Ulrich Greiner verweist der Kritiker darauf, dass ihm dort sehr berechtigte Fragen gestellt würden. „… aber ich kann sie nicht beantworten.“ Der Neunzigjährige bekennt, dass er nie im Leben glücklich gewesen sei. „Ich war es nie in meinem Leben. Ich war es nie. Ich war nie in meinem Leben glücklich. Das ist etwas, was ich nicht kenne.“ Und er kritisiert die Chefin des Suhrkamp Verlags, Ulla Berkéwicz, scharf, weil sie Ranickis „Frankfurter Anthologie“ nicht mehr im Insel Verlag haben wollte. „Was hat mir diese Frau angetan! Eine unglaubliche Figur.“ Sigrid Löffler habe er nie ins „Literarische Quartett“ lassen dürfen. „Eine tiefunanständige Frau.“ Leid tut es ihm um Ulla Hahn, die er als ihr ursprünglicher Förderer in einer Sendung des „Literarischen Quartetts“ zu scharf kritisiert habe.

Es ist wieder einmal der „taz“ (29./30.5.) vorbehalten, einen sehr guten und überraschenden Text zu publizieren. Stephan Wackwitz ist 1999 eines der „Opfer“ aus dem „Literarischen Quartett“ gewesen. Er vertritt zunächst die These, dass die Zeit der großen Literaturkritiker wie Reich-Ranicki vorüber sei. In der Kritik folge dem einen großen Paradigma inzwischen ein anderes. „Gemeint ist die Ablösung eines kunstreligiösen Dispositivs literarischer Praxis durch eines der gehobenen intellektuellen Unterhaltung.“ Die literarische Kunstreligion sei „politisch konservativ, manchmal hat sie sich mit der konservativen Revolution oder dem Nationalsozialismus eingelassen wie Ezra Pound und Gottfried Benn. Die gehobene Unterhaltung ist liberal und links.“ Ihr hervorragender Vertreter sei Reich-Ranicki.

1952 sei es in Niendorf bei der Tagung der Gruppe 47 (noch ohne Reich-Ranicki, der erst 1958 aus Polen kam) zu der heute noch bestimmenden „literarturgeschichtlichen Kontinentalplattenverschiebung“ gekommen, als Paul Celans Rezitation seiner „Todesfuge“ auf ein vollständiges Missverstehen geftroffen sei. Insbesondere bei Hans-Werner Richter. „Das Priesterhafte stand in jenem Moment ein für alle mal gegen das Kumpelhafte, das Feierliche gegen das Understatement, die Vergangenheit der deutschen Literatur gegen ihre in der Gruppe 47 versammelten realistischen Zukunftspläne. Stefan George gegen Heinrich Böll.“ Marcel Reich-Ranicki, der zweifellos noch aus der Phase der kunstreligiösen Dispositivs stamme, habe sich letztlich auf die Seite der „linkssozialdemokratischen Neorealisten“ geschlagen. So in seiner Verteidigung Heinrich Bölls gegen die Zweifel Gottfried Reinhardts, wo er ausführte: „Wir, die wir zu Bölls Ruhm beigetragen haben, sahen keinen anderen Ausweg. Es gab keinen anderen. Die konservative Kritik wollte Gerd Gaiser zur Galionsfigur der Literatur machen. Den antisemitischen, exnazistischen Schriftsteller. Das konnten wir nicht zulassen. Wir haben uns auf Böll als Gegenkandidaten geeinigt. Es gab andere, die besser waren. Aber sie waren nicht geeignet.“ Eine sehr gut nachvollziehbare Weichenstellung für die deutsche Literaturkritik nach 1945.

Stephan Wackwitz kommt dann auf Reich-Ranickis Begegnung mit Anna Seghers zu sprechen. Und hier demonstriert er etwas sehr plastisch, das seit langem erkannt, aber noch nicht überall begriffen worden ist. Dass nämlich ein Autor seinen eigenen Text möglicherweise gar nicht begriffen hat. Reich-Ranicki schreibt: „Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf. Diese bescheidene, sympathische Person, die jetzt in breiter Mainzer Mundart über ihre Figuren schwatzte, diese würdige und liebenswerte Frau hat den Roman ‚Das siebte Kreuz‘ überhaupt nicht verstanden. Sie hat keine Ahnung von der Raffinesse der hier angewandten künstlerischen Mittel, von der Virtuosität der Komposition. Einen Augenblick später irritierte mich der Gedanke: Es gibt Hunderttausende, vielleicht Millionen von Menschen, die diesen (…) Roman nicht nur gelesen, sondern auch richtig verstanden haben, es gibt viele Kritiker, von denen er sachgerecht und intelligent und klug erläutert und gedeutet wurde. Doch es gibt nur einen einzigen Menschen, der ihn geschrieben, der ihn gedichtet hat. Als wir uns verabschiedeten, tat ich etwas, was in Deutschland nicht mehr üblich ist: Mich tief verneigend, küsste ich die Hand der Anna Seghers.“

Und dann tut Wackwitz etwas gänzlich Ungewöhnliches, fast Sensationelles. Er schildert nämlich, dass der Verriss seines eigenen Buchs „Die Wahrheit über Sancho Pansa“ 1999 durch Marcel Reich-Ranicki im „Literarischen Quartett“ wahrscheinlich berechtigt war. Wackwitz erklärt, dass er mit diesem Roman als „richtiger“ Schriftsteller anerkannt werden wollte und ihn dafür geschrieben habe, dass er im „Literarischen Quartett“ besprochen werden könne. Ranicki habe geurteilt, dem Buch sei nicht abzusprechen, dass der Autor schreiben könne. „Aber der Autor hat nichts zu sagen.“ Wackwitz: „Und ich hatte am nächsten Tag am Ende eines langen Spaziergangs das beschämende, aber deutliche und plötzlich dann auch sehr befreiende Gefühl, dass Reich-Ranicki den Nagel auf den Kopf getroffen hatte.“ Er, Wackwitz, habe nie wieder versucht, ein Buch zu schreiben, dass den Erwartungen des Literaturbetriebs entspreche. „Das ist meine einzige persönliche Erfahrung mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki. Er hatte mit sicherem Instinkt etwas Unechtes, Unehrliches, Abgeleitetes und Spekulatives an meinem Buch entdeckt, das ich selbst nicht sehen konnte.“ Kann es ein größeres Lob für einen Literaturkritiker geben?

Mathias Döpfner („Literarische Welt“ 29.5.) betont, dass die von Tilman Jens gegen Ranicki erhobenen Vorwürfe, er habe als polnischer Geheimdienstler Regimekritiker verraten, nie bewiesen worden seien. Und seine Autobiografie „Mein Leben“ (1999) sei eine der schönsten Liebesgeschichten des Jahrhunderts, hier habe Frank Schirrmacher durchaus Recht. Reich-Ranicki habe sich Zeit seines Lebens mit der Frage herumgeschlagen, warum ausgerechnet er und seine Frau Tosia überlebt hätten. Ranicki: „Jeder Jude, der den Holocaust überlebt hat, muss sich dies Frage stellen: ‚Warum gerade ich?'“ Im Interview mit Johanna Adorjan („Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 30.5.), das Marcel Reich-Ranicki anscheinend nur widerwillig geführt hat, erklärt er der Journalistin unumwunden, dass er sich zu nichts mehr zwingen lasse.

Am gleichen Tag kommt Volker Weidermann („Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“), dem wir die wunderbaren „Lichtjahre. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute“ (2006) verdanken, in seiner Würdigung Marcel Reich-Ranickis auf Sebastian Haffners Urteil über den Kritiker zu sprechen. Haffner schreibt über Ranicki: „Er gehört, subjektiv jedenfalls, überhaupt zu keiner bestimmten Zeit, er lebt in dem Kontinuum der großen Literatur, die keine Zeit und keinen Tod kennt. Wann gab es denn das, was Reich-Ranicki heute verkörpert, wann wurde Literatur so ernst genommen, wann war man mit den Klassikern so vertraut und setzte die Produktion des Tages so selbstverständlich in Beziehung mit der großen Tradition, wann las man in Deutschland so genau und so kritisch-leidenschaftlich? Aber das weiß doch noch jeder: Im ersten Drittel des Jahrhunderts, also in der Zeit der großen deutsch-jüdischen kulturellen Liebesaffäre.“ Und Weidermann stellt völlig zu Recht heraus, dass es zuerst Ulrike Meinhof war, die sich für Marcel Reich-Ranickis Leben im Getto interessiert hat. „Und es war eine Frau, die zur Terroristin wurde, die die erste Person in der Bundesreüublik war, die sich aufrichtig und ernst haft wünschte, über Ereignisse im Warschauer Getto informiert zu werden.“ Das sollten wir nicht vergessen.

Siegfried Lenz schreibt seinem Freund Marcel Reich-Ranicki in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (2.6.) eine gekonnte Eloge. „Wo Marcel Reich-Ranicki seine Stimme erhebt, da tut er es mit Leidenschaft. Er liebt das Streitgespräch, er blüht auf beim Widerspruch, sein bevorzugter Turnierplatz ist die Polemik. In seinem Dienst an der Literatur plädiert er dafür, diese als Erkenntnismittel zu benutzen so wie Kafka, der sie als Axt für das gefrorene Meer in uns bezeichnete oder wie Robert Walser, der sie als Spaten ansah, mit dem man sich selbst umgräbt, oder wie Musil, der glaubte, mit ihrer Hilfe den ‚inneren Menschen‘ finden zu können.“

Peter von Matt erklärt uns in der gleichen Ausgabe Marcel Reich-Ranickis Verhältnis zu Pflanzen. „Blätter an den Bäumen bewegen ihn wenig, ob sie nun zierlich sind oder verwegen geformt. Wenn Blätter ihn bezaubern sollen, müssen sie aus Papier sein, weiß und kräftig bedruckt. So hält er es auch mit den Rosen. Im Palmengarten schaut er über sie hinweg; blühen sie ihm aber aus dem ‚Buch der Lieder‘ entgegen, aus dem ‚West-östlichen Divan‘ oder aus Rilkes ’neuen Gedichten‘, dann ist er hingerissen wie nur je ein Gärtner vor der ersten Blüte der gehätschelten Pflanze.“ Und dann erläutert uns der Schweizer Kritiker den Anteil der Literatur an der Öffentlichkeit in der Demokratie. „Die Gewählten müssen regieren und zugleich ihre Mehrheit pflegen, behutsam, als wäre diese eine launische Ehefrau oder ein starrsinniger Gatte. Eigentlich geht das gar nicht zusammen, und das ist das Eigentliche des republikanischen Lebens. Hier entspringt die Dynamik der Öffentlichkeit. Sie ist laut, dissonant und die Basis der Freiheit. Die literarische Öffentlichkeit aber ist ein Teil davon und nicht der geringste.“ Marcel Reich-Ranicki habe die Macht, die er sich in der Öffentlichkeit erstritten hatte, stets auch eingesetzt für die Literatur, die er liebte und die es nicht so leicht hatte im großen Betrieb. „Als kein Autor Thomas Mann mehr erwähnen mochte, feierte er ihn in Reden und Aufsätzen. Man sollte seine Treue nicht unterschätzen. Was er für die deutsche Lyrik getan hat allein durch die ‚Frankfurter Anthologie‘, ist gar nicht zu ermessen.“

Lothar Müller („Süddeutsche Zeitung“ 2./3.6.) zeigt an den Beispielen von Günter Grass und Martin Walser, welch gestörtes Verhältnis manche großen Schriftsteller zur Kritik haben. Grass hält den Autor für den unfreiwilligen Arbeitgeber der Kritiker. Bei der Verleihung des Großen Literaturpreises der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 1994 sagt er: „Ohne ihn gäbe es den Kritiker nicht, ohne sein vorliegendes Werk müssten sie sich selbst zerfleischen; arbeitslose Sozialfälle wären sie ohne den Schriftsteller, der sie in Lohn und Brot hält, indem er ihnen wiederholt Gelegenheit bietet, an den Früchten seiner Arbeit zu partizipieren, nährt er sie.“ Müller zitiert Martin Walser mit Goethes Diktum über Kritiker: „Wer mich nicht liebt, der darf mich auch nicht beurteilen.“

Thomas Steinfeld behauptet in der gleichen Ausgabe, dass Marcel Reich-Ranicki der große Zerreißer, als der er in  Teilen der Öffentlichkeit gilt, nie gewesen ist. „Dazu hängt er viel zu sehr an seiner Verpflichtung zum Lehren, einer Verpflichtung übrigens, die ihn in späteren Jahren weit über den Kritiker hinauswachsen ließ – hin zu einer Personifikation der literarischen Tradition, die man zum Beispiel fragen kann, was man denn von einer Zwittergestalt wie Klabund halten solle. Und noch etwas verhindert den endgültigen Übergang ins Apodiktische: der Umstand nämlich, dass Marcel Reich-Ranicki vermutlich schon mit seiner Verwandlung in eine Gestalt des Fernsehens, spätestens aber mit dem Erscheinen seiner Autobiographie (1999) selbst zu einer gleichsam literarischen Figur wurde – zu einer Gestalt also, die einer ähnlichen Dialektik von Freiheit und Entschiedenheit unterworfen wird wie die von rezensierten Werke. Im Spekulieren über Marcel Reich-Ranicki aber fanden Publikum und Kritiker endgültig zusammen.“

Es ist nicht untypisch für die „Süddeutsche Zeitung“, dass in der Ausgabe vom 2./3.6. Gustav Seibt auch noch Reich-Ranickis „größtes Werk“ „Die Anwälte der Literatur“ preist. Das Buch besteht aus 23 Porträts der großen deutschsprachigen Kritiker seit Lessing. „Wenn der Leser das Buch mit Hans Mayer, Martin Walser und Joachim Kaiser beendet hat, sind erst 330 Seiten vorbei, aber er hat eine ganze Bibliothek aufgeblättert bekommen, und mehr als das: eine Tradition von Witz, Empfindsamkeit, Selbstdenken, Geistesfreiheit. Deutschland, das berüchtigte Land des Tiefsins, hat diese Tradition der Hellen und Schnellen, der Versteher, Analytiker, passionierten Leser und großen Urteilenden.“ Eine notwendige Feststellung. Und der größte Urteilende ist Marcel Reich-Ranicki gewesen.

Das Kommando Otto Weininger ist nicht im publizistischen Bürgerkrieg.

Freitag, Mai 21st, 2010

Helene Hegemann wendet sich Anfang Mai 2010 in der „Zeit“ an ihre Kritiker, die im sich im Januar und Februar in zum Teil schrillen Tönen einen heftigen Streit um ihren Roman „Axolotol Roadkill“ geliefert haben. Die achtzehnjährige Autorin nimmt wieder kein Blatt vor den Mund. Sie sieht in den Kritikern eine Meute aus übelgelaunten Menschen, die aus dem Roman „machen, was sie wollen, und währenddessen mit Dartspfeilen auf in ihrem Büro angebrachte Fotos von mir zielen“. „Der von mir nie verheimlichte Tatbestand, dass eine in der Literatur seit Jahrhunderten nicht unübliche Anzahl von Sätzen in meinem Buch woanders schon mal so ähnlich stand, wurde zu einer handfesten Möglichkeit, mich 1. nicht ernst zu nehmen, 2. beleidigen zu können und 3. wildeste Spekulationen als nachgewiesene Tatsachen auszugeben.“

Diese Entnahmen umfassten ca. eine einzige von 206 Buchseiten. Das sei durch das vom Ullstein Verlag herausgegebene und vom SuKuLTur-Verlag abgesegnetes Quellenverzeichnis für jeden nachvollziehbar, der es nachvollziehen wolle. Tatsächlich handle es sich wohl um Konkurrenz. Außerdem gehe es in dem Roman nicht um „diese reaktionäre Aufrechterhaltung des Kinder-Erwachsenen-Rassismus“. Wenn es überhaupt um eine Grenze gehe, „und das muss ja in einer alles und jedem bestimmte Wertesysteme und Raster überstülpenden Gesellschaft“, gehe es um eine Grenze, „die sich durch jeden Menschen zieht“. Und um eine Gruppe von Leuten, „die ihr Leben dieser Grenze, diesem Riss, dieser Widersprüchlichkeit verschreiben“. Sie lehnten es ab, sich unter „normal“ oder „asozial“ oder „verwahrlost“ einordnen zu lassen. Eine Variation des Themas „Wer bin ich, und wenn ja wie viele?“?

Tobias Rapp findet „Aolotl Roadkill“ im „Spiegel“ „radikal, sperrig, unfertig und streckenweise unlesbar“. Das Buch lebe allerdings von einer Atmosphäre, nicht von einer Geschichte. „Von dem Gefühl existentieller Leere, die seine Protagonisten mit Exzessen bekämpfen.“ Rapp beschäftigt sich mit der Familiengeschichte der Autorin, die fast überall sehr breit behandelt worden ist. Kennzeichen der Boheme sei eben auch, dass sich Selbstverwirklichung schlecht mit der Verantwortung für andere vertrage.

Höchstes Lob zollt Mara Delius in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Der Roman sei ein „hartes, brutales, vulgäres Buch. Es ist die Geschichte einer Sechzehnjährigen, der Sex, Gewalt und Drogen die einzige Abwechslung in ihrem Leben bieten, das schon am Ende scheint, bevor es richtig angefangen hat.“ Hegemann verfüge über eine ungeheuerliche „erzählerische Kraft“. Ihre Botschaft bestehe darin zu wissen, „was ich will: nicht erwachsen werden“. Es handle sich um einen Fall von „Wohlstandsverwahrlosung“, der ganz normal sei, wenn die Mutter tot und der Vater „eines dieser linken durchsetzungsfähigen Arschlöcher ist“. In dem Roman streite man sich über Foucault, Feminismus und die Furunkel am Hintern von Karl Marx. Die Protagonistin des Romans, Mifti, schreibe in ihr Tagebuch: „Ich traue mich nicht an morgen zu denken, ich traue mich eigentlich überhaupt nicht zu denken. Mir wurde eine Sprache einverleibt, die nicht meine eigene ist, es sind so viele Gedanken da, dass man seine eigenen gar nicht mehr von den fremden unterscheiden kann.“ Aha. Delius zeigt, dass Hegemann vieles aufgesogen und gebündelt hat und „in etwas ganz Neues, Unerhörtes verwandelt, in den Ansatz zu einer Literatur, die nicht trotz, sondern wegen ihrer Härte, Brutalität und Vulgarität schön ist“.

Das sieht Maxim Biller sehr ähnlich, der uns wöchentlich mit seinen „Moralischen Geschichten“ in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ erfreut. „.. jetzt ist wieder ein Roman da, vor dem sich jeder, der über dreißig ist, hüten sollte“. Die Moral des Romans bestehe darin zu zeigen, dass die Erwachsenen ihre Kinder heute noch mehr verrieten als alle Erwachsenen zuvor. Biller ist der biografische Hintergrund von Hegemann angeblich völlig egal. „Denn die Aufrichtigkeit, mit der Mifti und die anderen sich selbst zerstören, hat eine Schönheit, eine Poesie, die möglicherweise mit der Wirklichkeit zu tun hat – aber vor allem mit dem ungeheuren literarischen Talent von Helene Hegemann. Sie zaubert Dialoge wie Mamet, schwärmt von einer Welt jenseits dieser Welt wie Kerouac, halluziniert so sadistisch wie de Sade – und ist am Ende dann doch Helene Hegemann, die ein Deutsch schreibt, das es noch nie gab: …“ Es handle sich um „große, unvergessliche Literatur“. Ein so hohes Lob beschäftigt uns noch.

Willi Winkler dagegen, einer der besten Dekonstrukteure des deutschen Feuilletons, schreibt in der „Süddeutschen Zeitung“, „das junge Ding“ sei von der Kulturindustrie „in die Medien geschickt“ worden und könne nun nichts dafür, darin umzukommen, es sei ja erst siebzehn Jahre alt und könne „es nicht besser“. Jürgen Kaube in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ macht Witze über das „junge Célinchen“ und nimmt an, dass ihm der Vater die Feder geführt haben könnte. Und für Thomas Steinfeld in der „Süddeutschen Zeitung“ ist es offensichtlich, „dass die Autorin weder über die Erfahrung noch über die Sprache verfügt, um überhaupt einen Roman schreiben zu können“. Er zitiert: „Ich kann das nicht ausdrücken, denn ich habe keine Ausdruckswaffen mehr, sondern nur eine dunkel über meiner Existenz thronende Aufnahmefähigkeit, die nicht ausgeschaltet werden kann und mein komplettes Innenleben in verknotete Wurstbindfäden verwandelt hat.“ Hier spricht ja die Autorin selbst, sie ist also nicht ausdruckslos, sondern problematisiert ihr Ausdrucksvermögen.

Das hat Steinfeld wohl übersehen. Für ihn ist „Axolotl Roadkill“ „keine Literatur, sondern Pornographie“. Und dazu bewegt ihn das häufige Auftauchen von „Ficken“, „Saufen“, „Kotzen“, „Scheißen“ und „Kiffen“. Irritiert ist er auch von Sätzen wie dem folgenden, der in dem Roman ohne Verbindung zu dem auftauche, was vor und nach ihnen stehe. „Mir bereitet es keine Schwierigkeiten, dabei zuzusehen, wie einer Sechsjährigen bei vollem Bewusstsein gleichzeitig mit kochendem Schwefel die Netzhaut ausgebrannt und irgendein Schwanz in den Arsch gerammt wird, und danach verblutet sie halt mit weit geöffneten Augen auf dem Parkplatz.“ Das ist nicht ganz neu in der Literatur, aber angesichts der umfassenden Missbrauchsdebatte in der Gesellschaft gegenwärtig wohl schwer zu verkraften. Aber spricht nicht der Erfolg des Romans dagegen? Welche Gründe sind es, die einige anerkannte Kritiker dazu bringen, Hegemanns Roman über den Klee zu loben? Haben sie ein schlechtes Gewissen gegenüber ihren Kindern?

Iris Radisch, die uns schon manchmal reinen Wein eingeschenkt hat, macht in der „Zeit“ aus dem Streit eine Angelegenheit der „Frauenförderung“. Es stünden sich zwei „Medienkulturen“ gegenüber, die „bisher wie zwei luftdicht verschlossene Monaden nebeneinander existierten: die eine nahezu rein männlich, akademisch legitimiert und schon etwas in die Jahre gekommen, die andere ein wenig jünger, ein wenig weiblicher und viel autodidaktischer; beide hoch spezialisiert und jede auf ihre Weise betriebsblind für die andere“. In unserem Fall stört Radisch der „misogyne Ton“ des männlichen Establishments. „Die Komplettauslöschung der jungen Autorin wird dem Kommando Otto Weiniger, das sich gegen Helene Hegemann im Feuilleton zusammengefunden hat, indes nicht gelingen.“

Hegemanns Vergehen bestehe doch nur darin, „das Chaos und die Bedenkenlosigkeit einer noch nicht hierarchisierten, noch nicht durch Männerkartelle kontrollierten Medienkultur in den Machtbereich der alten literarischen Leitkultur überführt und dabei eine ziemlichen Auffahrunfall provoziert zu haben“. Radisch sieht tatsächlich einen „Kulturkampf“ zwischen den alten Herren und dem jungen Mädchen. Wenn die „männliche Hochkultur“ für Eindringlinge in Gestalt von jungen widerspenstigen Frauen nicht mehr zu sprechen sei, „ist es schon jetzt mit ihr vorbei“. Ganz so weit sind wir wahrscheinlich noch nicht. Aber was würde eine radikal feministische Sprecherin zu „Axolotl Roadkill“ wohl sagen?

Natürlich sind im Fall Helene Hegemanns die vielen Auseinandersetzungen über Plagiate und vermeintliche Plagiate zur Sprache gebracht worden (Thomas Mann, Bertolt Brecht, Paul Celan, Elfried Jellinek u.a.). In der „Zeit“ legt der Literaturwissenschaftler Jürgen Graf mit hinreichender Klarheit dar, dass Hegemann wie andere Montageautoren auch Wörter, Floskeln, Slogans und Sätze aus den Medien nimmt und sie nahtlos in ihren Wortfluss integriert. „Dass es sich um einen Montagetext handelt, signalisiert sie von Anfang an.“ Dies gäbe schon der dem Roman vorangestellte ProSieben-Slogan „We love to entertain you“ dem geübten Leser zu erkennen. Dann kommt der zentrale Satz eines Protagonisten, der das poetische Konzept von Hegemanns Text ausspreche: „Ich bediene mich überall, wo ich Inspiration finde und beflügelt werde. (…) Es ist egal, woher ich die Dinge nehme, wichtig ist, wohin ich sie trage.“ Graf arbeitet heraus, dass Hegemann mit ihrer „ironisch-distanzierten Erzählstimme“ ständig die Authentizität der eigenen Feststellungen unterlaufe. Das ist kein Hinter’s-Licht-Führen.

Für Burkhard Müller in der „Süddeutschen Zeitung“ nimmt Helene Hegemann „die Vogelfreiheit der Blogosphäre für sich in Anspruch, wo ein neuer Urkommunismus des Geistes herrsche – und lässt das Ergebnis unter ihrem eigenen Rechts- und Namenstitel laufen“. Bei Dirk von Gehlen steht der Fall Hegemann nicht für die Krise der Mashups oder für eine Aufweichung des Plagiats-Begriffs. „In der Krise ist einzig eine Idee, auf der der Starkult, der um die mittlerweile Achtzehnjährige betrieben wurde, beruht: Das schriftstellerische Genie, das literarische Wunderkind, das alleine in der Dichterstube sitzt und gottgleich Kunst erschafft, ist eine Erfindung der jubelnden Literaturkritik, mit der schöpferischen Realität des 21. Jahrhunderts ist diese Vorstellung kaum mehr vereinbar.“ Feridun Zaimoglu gibt zu bedenken: „Ich sage nichts über die Qualität des Buches. Mir geht es nur darum, dass jeder Maßstab verloren gegangen ist. Man kann das Buch gut finden, aber der Punkt, an dem für mich das Lob nicht mehr in Ordnung ist, wird erreicht, wenn man darüber jene abwertet, die um jedes Wort in ihren Büchern kämpfen.“

Volker Hage verweist auf die Querelen, die es um Thomas Manns „Doktor Faustus“ (1947) gegeben habe, wo der Autor ebenfalls auf viele Quellen zurückgegriffen habe. Deshalb habe er 1949 den Essay „Die Entstehung des Doktor Faustus“ nachgeschoben. Und Hage macht klar, dass es für die Qualität von Literatur keine Rolle spielt, ob der Autor das, was er schildert, am eigenen Leib erfahren hat oder nicht. „Das gilt aber auch umgekehrt: Das Erdachte und Fiktive ist nicht in jedem Fall einem wahrheitsgetreuen Bericht ästhetisch überlegen. Eine autobiografische Erzählung kann große Literatur sein, ein Roman voll ausgedachter Erlebnisse unbedeutend.“ Literatur habe ihre eigene Wahrheit. „Sie ist authentisch, wenn der Leser in die Geschichte, die erzählt wird, hineingezwungen wird, wenn die Person, deren Leben im Zentrum steht, zum Vergleich der Erfahrungen und Erlebnisse herausfordert.“

Schließlich hebt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ mit „’’Plagiat’’“ von Durs Grünbein einen Text ins Blatt, der zu „neunundneunzig Prozent“ von Gottfried Benn stammt. Der hat 1926 Rahel Sanzaras Buch „Das verlorene Kind“ in der „Vossischen Zeitung“ gegen den Vorwurf verteidigt, dass die Autorin sich einer dokumentarischen Sammlung von Kriminalfällen aus dem neunzehnten Jahrhundert bedient und damit ein Plagiat begangen habe. Für Grünbein hat Benn Rahel Sanzara, ganz kollegialer Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle, einen großen Dienst erwiesen. Der Fall sei mit dem Rechtsstreit um Andrea Maria Schenkels Krimibestseller „Tannöd“ 2009 vergleichbar. Dann greift der Dichter einmal zum schweren Säbel: „Der wahre Rassismus tobt sich augenscheinlich heute zwischen Jung und Alt aus, zwischen vitalen Welpen kultur-konservativem Friedhofsgemüse. Wenn man so weitermacht, hat man bald den schönsten publizistischen Bürgerkrieg.“ Nun, Übertreibungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, wahrgenommen zu werden. Das sehen wir auch bei Helene Hegemann.

Was wir hier vor bzw. hinter uns haben, ist kein publizistischer Bürgerkrieg, sondern der Roman einer sehr begabten und sprachmächtigen jungen Autorin, die sich gekonnt verschiedenster Quellen bedient. Hilfe von einem kollegialen Kavalier wie Gottfried Benn hat sie nicht nötig. Sie würde sich diese Hilfe wohl verbitten. Sie hat kein Plagiat begangen, sondern eindrucksvoll montiert. Das Lob von alten Männern und alten Frauen ist möglicherweise so zu verstehen, dass diese noch dazugehören, mit den Wölfen heulen wollen, so gegen ihr Altern ankämpfen. Hegemanns Gegenstand ist das gegenwärtig so weit verbreitete Milieu der Wohlstandsverwahrlosung, in dem sie sich anscheinend sehr gut auskennt. Und einige von uns auch. Sie liefert damit Einsichten in die Bewegung unserer Gesellschaft, über die nicht alle verfügen. Insbesondere die nicht, die nicht ständig vom „Ficken“, „Kotzen“ und „Saufen“ lesen wollen. Einmal aber darf es sein. Insofern liefert uns Helene Hegemann literarisch sehr anregend Erkenntnisse und vor allem Selbsterkenntnis. Keine geringe Leistung.