Archive for the ‘Literatur’ Category

Wolf Biermann 75 Jahre alt

Freitag, November 4th, 2011

75 Jahre alt wird Wolf Biermann, der große, ehemals kommunistische Poet und Liedermacher der DDR. Er hat für uns überzeugend sehr lange Jahre die Vorstellung von einem Kommunismus mit menschlichem Antlitz aufrecht erhalten. Als Künstler an der Gitarre gehört er zu den Großen der Welt. 1976 wurde er nach dem weltberühmten Konzert in Köln aus der DDR entfernt. Mittlerweile hat er sich weit von seinen damaligen Vorstellungen gelöst. Sie haben sich als Illusion erwiesen.

Das hindert Biermann nicht, an seinen Vorstellungen von Menschlichkeit und menschlicher Politik festzuhalten. In Zeiten einer Finanzmarktkrise wirkt das besonders überzeugend. Evelyn Finger und Andreas Öhler haben den Poeten für die „Zeit“ interviewt. Biermann schildert darin, wie er von Manès Sperber, einem anderen großen und heute leider weithin vergessenen Renegaten, endgültig vom Kommunismus geheilt wurde. „Er war Psychologe und durchschaute sofort, dass es mit dem Kommunismus ging wie vielen in der Liebe. Wenn eine Beziehung kaputtgeht, will das Herz nicht glauben, was der Kopf schon weiß. Sperber heilte mich durch Schmeichelei. Er beschwerte sich, dass ein politischer Dummkopf wie ich so toll dichten kann. Darauf fiel ich rein. Denn auf die Eitelkeit ist immer Verlass.“

Biermann hat auch seine Einstellung gegenüber dem Christentum verändert. Er schildert, wie er auf einem Kirchentag einmal von Kurt Scharf, dem Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland, gegen Kritiker verteidigt wurde. „Wolf Biermann ist ein besserer Christ als wir! Wer an den Menschen glaubt, glaubt an Gottes Sohn.“ „Wenn ich früher einen Pfarrer traf, einen von Gottes Bodenpersonal, dann war mein Gedanke: Ach, dieser arme irrende Mensch. Heute denke ich: Hoffentlich glaubt er wenigstens an Gott. Ich habe gerade ein neues Lied geschrieben, eine Ode an Adam, wo ich mich bei Adam bedanke, dass er damals in den Apfel biss und die Erbsünde beging. Denn im Paradies würde ich vor Langeweile sterben.“

Das sagt der Mann, der einmal Sinne Heinrich Heines ein Himmelreich auf Erden errichten wollte.

Biermann sieht als seine Vorbilder weiter Bachs Musik und Luthers Sprache, obwohl er etwa Luthers Antisemitismus nicht verkennt. Der Liedermacher schildert, dass einer seiner Söhne zum Judentum konvertiert sei und in Jerusalem lebe, „wo er mit Gott Ortsgespräche führen kann“. Er selber, Wolf Biermann, sei nach dem Gesetz der jüdischen Religion ja gar kein Jude. Seine nicht-jüdische Mutter habe seinen jüdischen und von den Nazis ermordeten Vater geheiratet.

Was Biermann nicht vergessen kann, ist, dass von Stalin mehr deutsche Kommunisten umgebracht worden sind als von Hitler. „Aber wenn Hitler 64.000 Kommunisten tötete, dann tötete Stalin allein zwei Millionen kommunistische Kader. Niemand hatte in Moskau schlechtere Überlebenschancen als der, der beides war, Kommunist und Jude. Deswegen muss ich grauenhaft froh sein, dass mein Vater von den Nazis ermordet wurde und nicht von seinen eigenen Genossen.“

Biermann glaubt heute an die Liebe zu einem einzelnen Menschen, also an ein ganz privates Verhältnis. „Man braucht das Privateste, die Liebe, um sich im Streit der Welt zu behaupten. Dann kann man zwar noch totgeschlagen werden. Mehr aber auch nicht.“

Das wird vielen nicht genügen. Und sie werden es als „Lampenlicht des Privaten“ verachten. Ich aber verehre Biermann und habe stets seinen Veränderungen vertraut. Denn nur wer sich verändert, bleibt sich treu. Noch viele Jahre volle poetische Produktivität, lieber Wolf Biermann !

Der Fall „Sabina Spielrein zwischen Freud und Jung“ im Kino

Donnerstag, September 22nd, 2011

In David Cronenbergs Film „A Dangerous Method“ wird die Liebesaffäre zwischen Sabina Spielrein und Carl Gustav Jung behandelt und die Reaktion Sigmund Freuds darauf. Keira Knightley spielt Sabina Spielrein, Michael Fassbender Carl Gustuv Jung und Vigga Mortensen Sigmund Freud.

Siegfried Kracauers Feuilletons erscheinen in vier Bänden. Ein großer Schatz zur Erforschung des Feuilletons.

Dienstag, September 6th, 2011

Im Suhrkamp Verlag erscheinen sämtliche Feuilletons von Siegfried Kracauer:

Siegfried Krcauer: Essays, Feuilletons, Rezensionen 1906-1965. Hrsg. in vier Teilbänden von Inka Mülder-Bach (Kracauer Werke Bd. 5). Berlin 2011; 2982 S.

Damit wird ein großer Schatz gehoben. Denn der Redakteur der „Frankfurter Zeitung“ war wahrscheinlich einer der größten deutschen Feuilletonisten. Schon sehr früh hat er uns erklärt,

warum die „kleinen Ladenmädchen ins Kino gehen“ und

dass in Fritz Langs Filmen die „Ornamente der Masse“ zu sehen sind, die uns später in Leni Riefenstahls Filmen wieder begegnen. Auf ihn wollten viele nicht hören.

Kracauer musste ins Exil nach Italien, dann in die USA, und ist dabei nie glücklich geworden. Seine sehnlich erwartete „Theorie des Films“ erschien 1963 auf deutsch und sollte eine „Errettung der physischen Realität“ belegen. Davon waren wir seinerzeit enttäuscht. Kracauer war der falschen These von der Entideologisierung der Kultur aufgesessen, die nur die Ideologie von der Entideologierung beinhaltet. Heute glauben wir eher an die Konstruktionsleistungen des Films. Aber die Kritik an Kracauer, er habe den Nationalsozialismus erst nachträglich entlarvt und 1946 dann alles besser gewusst, ist im Kern falsch. In Kracauers Filmkritiken der zwanziger Jahre ist eine Gesellschaftskritik enthalten, die seinerzeit weithin verkannt wurde.

Was Siegfried Kracauer uns 1946 mit

„From Caligari to Hitler“ geliefert hat, ist die Möglichkeit zu einer besseren Einsicht. Dafür ist es nie zu spät. Und selbstverständlich war auch Kracauer selbst 1946 weiter als 1933. Eine treffende Übersetzung von Kracauers in Amsterdam erschienen Buch haben wir erst seit 1978 (von Karsten Witte). Die erste deutsche Übersetzung erschien 1958 bei Rowohlt mit bezeichnenden Auslassungen und unter dem falschen Titel „Von Caligari bis Hitler“ (sic!).

Der große Mann des Feuilletons, Fritz J. Raddatz, ist 80 geworden.

Dienstag, September 6th, 2011

Falls das deutschsprachige Feuilleton gut sein sollte, dann ist das nach 1945 vor allem einem Mann zu verdanken, der gerade 80 Jahre alt geworden ist: Fritz J. Raddatz. Für alle Leserinnen und Leser des Feuilletons seit den 60er Jahren hat er Orientierungshilfe geleistet. Insofern wirkte er über sein unmittelbares Betätigungsfeld hinaus. Und seine wichtigsten Felder waren der Rowohlt Verlag und „Die Zeit“. Raddatz konnte wirken, weil er polarisiert hat. Das heißt, dass auch seine zahlreichen Gegner in die Kontroversen einbezogen waren.

Raddatz hatte an der Humboldtuniversität studiert und promoviert und war dann beim sehr anerkannten Verlag „Volk und Welt“. 1958 kam er in die Bundesrepublik, weil nach seiner Erkenntnis die DDR keinen tatsächlichen Sozialismus verbürgte. Im deutschen Verlagswesen machte er eine atemberaubende Karriere. Über den Kindler-Verlag kam er zu Rowohlt, wo er stellvertretender Verlagsleiter wurde. Seine Zusammenarbeit mit Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt war eng und freundschaftlich. Hier wurden Autoren wie Henry Miller, Susan Sontag und John Updike dem deutschen Publikum bekannt gemacht. Vor allem aber ist es das Verdienst von Fritz J. Raddatz, Kurt Tucholsky wieder entdeckt und propagiert zu haben. Er ist der Herausgeber einer großen Kurt Tucholsky-Ausgabe. Dadurch hat er eine Tradition im deutschen Journalismus gepflegt, ohne die vieles sehr viel provinzieller gewesen wäre.

Raddatz war stets dem Groß- und Bildungsbürgertum verbunden und verpflichtet und pflegte mit der sozialdemokratischen Kulturpolitik eine tiefe gegenseitige Abneigung. Dies wurde vor allem klar in seiner geradezu berüchtigten Zeit als Feuilletonchef der „Zeit“ (1977-1985). Es ist kaum übertrieben zu sagen, dass in jener Zeit fast alle großen Schriftsteller und Journalisten bei Raddatz publiziert wurden. Er war ein Feuilletonchef, wie es ihn vorher noch nicht gegeben hatte. Auch Literaturwissenschaftler und Professor. Und Fritz J. Raddatz eckte immer wieder an. Vorzugsweise bei eher biederen Journalisten und Politikern wie Marion Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt, auf die er auch in der „Zeit“ traf. Raddatz focht, wie Willi Winkler es treffend schreibt, „gegen die reaktionären Restbestände in der Bundesrepublik“. So griff er 1979 die deutsche Literatur nach 1945 heftig an mit dem Argument, sie habe sich nicht wirklich von der Literatur davor emanzipiert („Wir werden weiterdichten, wenn alles in Scherben fällt“). Die konzertierte Gegenwehr ließ nicht auf sich warten.

Raddatz ging dann auch unter die Erzähler und Romanciers. Und in ihm haben wir den klassischen Fall vor uns, dass jemand, der wie Raddatz die Journalistenkollegen und Kritiker überragt, als schöpferischer Künstler weniger erfolgreich ist. Raddatz blieb ein „Unruhestifter“. Seine Bücher über Heine, Rilke und Benn sind kreativ und brillant formuliert, aber möglicherweise nicht immer ausrecherchiert. Raddatz hat sich die häufig nicht geliebte Verbindung von äußerster kritischer Schärfe und Unterhaltsamkeit erlaubt. Wegen einer banalen Affäre wurde er von „Zeit“ gefeuert. Danach erst hat er mit seinen „Erinnerungen“ 2003 und vor allem mit seinen Tagebüchern 1982-2001 (2010) seine wichtigsten Werke vorgelegt. Sie sind ein Musterbeispiel des gebildeten Klatschs (auf das ich hier noch gelegentlich eingehen möchte). Und ausgerechnet Frank Schirrmacher hat die Tagebücher „den Gesellschaftsroman der Bundesrepublik“ genannt. Das ist nicht übertrieben.

In einem Interview mit Tilman Krause in der „Literarischen Welt“ (3.9.2011) hat sich Fritz J. Raddatz als „menschensüchtig“ bezeichnet. Er ist gewiss kein simpler Menschenfreund oder Gutmensch, aber einer, der auch persönlich viel erlebt hat. Heute spricht Raddatz auch offen über die Fehler der Gruppe 47, die er mitgeprägt hat. So über das Verdikt über Paul Celan. Unter den Gegenwartsautoren schätzt er besonders Uwe Tellkamp. Daran ist zu erkennen, dass Raddatz neben aller stilistischen Stärke bei einem Schriftsteller immer auch darauf bestanden hat, dass dieser von seiner Sache inhaltlich etwas verstehen muss.

Was uns in erster Linie von Fritz J. Raddatz überzeugt und mit ihm verbindet, ist seine Fundierung bei Kurt Tucholsky und sein Festhalten an ihm. So sagt er 2011: „Ich wäre nicht der, der ich bin, wenn ich nicht Kurt Tucholsky gehabt hätte. das war mein Lehrmeister. Bei ihm habe ich Unerbittlichkeit, Schärfe, eine spezifische Form hellsichtiger Intellektualität und ein unvergleichliches politisches Frühwarnsystem bewundern gelernt. Von meinem ersten Semester an hat er mich bis zur Stunde begleitet.“

„Das deutschsprachige Feuilleton (ist) das beste in der Welt im Moment“.

Dienstag, September 6th, 2011

Für Kundige, von denen es immer wenige gibt, ist klar, dass das Ressort Feuilleton wichtiger ist, als es von sehr vielen wahrgenommen wird. Es ist nicht mehr nur das Ressort der kleinen Form und derjenigen, die sich Größeres nicht zutrauen, weil sie sich zu uninformiert fühlen, sondern das Ressort der großen Debatten (vgl. Wilfried Scharf: Deutsche Diskurse. Die politische Kultur von 1945 bis heute in publizistischen Kontroversen. Hamburg 2009). Im Feuilleton werden die großen Fragen besprochen, wenn auch manchmal nicht beantwortet. Wer sie nicht zur Kenntnis nimmt, ist ungebildet und manche zählen ihn (oder sie) zu den „Banausen“. Sie bilden stets die Mehrhiet in der Gesellschaft.

Nun hat Hans-Ulrich Gumbrecht in der FAS vom 4.9.2011 davon berichtet, dass das deutschsprachige Feuilleton das beste auf der Welt sei. Gumbrecht selbst schreibt umständlich, aber er berührt ein wichtiges Thema. Und es mag auch so sein, dass die Gegenwart im Feuilleton stets als „Phase des Niedergangs“ wahrgenommen wird. Vielleicht haben „früher“ gebildete Zeitungsleser die klassischen Werke der westlichen Kultur eher selbstverständlich gekannt.  Bei den Lesern des Feuilletons der „Neuen Zürcher Zeitung“, der „Süddeutschen Zeitung“, der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der „Welt“ ist das heute noch so. Bei aller Homogenität finden wir dort so viel funktionale Differenzierung, dass der Vergleich der Beiträge in den genannten Blättern sich lohnt. Als Komparatist zieht Gumbrecht ausländische Blätter heran, „(wofür Wartezeiten in Flughafen-Lounges ideale Gelegenheit bieten)“.

Auch wenn wir nicht alle so viel fliegen wie Hans-Ulrich Gumbrecht, so ist dessen These, woher nämlich das deutschsprachige Feuilleton seine Klasse bezieht, interessant. Gumbrecht vermutet nämlich, „dass sich einige der brillantesten Feuilleton-Autoren von heute ganz bewusst gegen die ihnen eröffneten Mäglichkeiten einer akademischen Karriere entschieden haben“. Und sie schreiben viel besser, als es in der akademischen Welt üblich ist. Sie stoßen die Diskurse an. Dazu Gumbrecht: „Bildung in diesem Sinn ist für das deutschsprachige Feuilleton also zu einem Prozess geworden, dessen Möglichkeiten, Grenzen und Risiken noch kaum abzusehen sind.“

Das Feuilleton ist der Diskussionsraum des Bildungsbürgertums. Dazu zählen Pfeffersäcke und Rechenknechte nicht.

Günter Grass‘ Thesen zum Zweiten Weltkrieg weiter in der Diskussion

Freitag, September 2nd, 2011

Der ehemalige Leiter (1995-2006) des Deutsch-Russischen Museums in Berlin-Karlshorst, Peter Jahn, nimmt sich in der SZ (1.9.2011) Günter Grass‘ Thesen zum Zweiten Weltkrieg vor, die dieser kürzlich in einem Interview mit Tom Segev in der israelischen Zeitung „Haaretz“ vertreten hatte. Grass‘ Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ ist gerade in Israel erschienen.

Grass bezieht sich auch auf den Untergang der „Wilhelm Gustloff“ nach einem Torpedoangriff mit 9.000 Toten in der Ostsee. Er hält diesen Angriff nicht für völkerrechtswidrig. Und er fährt fort: „Aber der Wahnsinn und die Verbrechen fanden nicht nur ihren Ausdruck im Holocaust und hörten nicht mit dem Kriegsende auf. Von acht Millionen deutschen Soldaten, die von den Russen gefangen genommen wurden, haben vielleicht zwei Millionen überlebt, und der ganze Rest wurde liquidiert. Es gab 14 Millionen Flüchtlinge in Deutschland, das halbe Land ging direkt von der Nazityrannei in die kommunistische Tyrannei. Ich sage das nicht, um das Gewicht der Verbrechen gegen die Juden zu vermindern, aber der Holocaust war nicht das einzige Verbrechen. Wir tragen die Verantwortung für die Verbrechen der Nazis, aber ihre Verbrechen fügten auch den Deutschen schlimme Katastrophen zu, und so wurden sie zu Opfern.“

Für Peter Jahn ist Grass damit zum deutschen Bild der fünfziger Jahre zurückgekehrt. Stimmt das? Bei Jahn heißt es weiter: „Die Fakten: Mehr als drei Millionen deutsche Soldaten gerieten im Krieg und vor allem bei Kriegsende in sowjetische Gefangenschaft. Sie wurden mehrheitlich erst  zwischen 1947 und 1949 entlassen, da die sowjetische Regierung ihre Arbeitskraft als Reparationsleistung für die immensen Kriegszerstörungen ansah. Nach unterschiedlichen Zählungen haben 700 000 bis 1,1 Millionen der Gefangenen nicht überlebt, wurden vor allem Opfer der Mangelernährung. Die zahlreichen Erinnerungen heimgekehrter Kriegsgefangener malen ein Bild vom alles beherrschenden Hunger der ‚Plennis‘, das uns schmerzhaft berührt, wenn wir denn zu Mitgefühl fähig sind. Auffällig ist allerdings in diesen Berichten die immer wiederkehrende Aussage, dass es der Bevölkerung ringsum auch nicht besser gegangen sei. … Indem aus einer Million an Hungerfolgen Gestorbenen sechs Millionen von den Russen ermordete Deutsche phantasiert werden, stehen bei Grass der Völkermord an den Juden und das deutsche Leiden auf einer Stufe.“

Jahn wirft Grass vor, an entlastende Schreck- und Feindbilder anzuknüpfen. Insbesondere habe Grass etwa die zum Hungertod bestimmte Bevölkerung Leningrads (mindestens 800 000 starben) und die sowjetischen Kriegsgefangenen vergessen. „Von 5,7 Millionen Gefangenen starben drei Millionen“ als „überflüssige Esser“ oder „slawische Untermenschen“. „Ohne diese Erfahrungen der sowjetischen Soldaten, die sie eben nicht nur in Propagandaschriften, sondern als Augenzeugen wahrnahmen, sind die Schreckenserfahrungen der deutschen Bevölkerung im Jahr 1945 .. nicht zu begreifen.“

Auch wenn wir nicht aufrechnen dürfen, hält uns Grass weiter politisch in Atem. Am 23. September kommt er mit dem Thema „Mein Jahrhundert – Lesung und Gespräch“ um 20 Uhr nach Göttingen in die Aula am Wilhelmsplatz (eine Veranstaltung des ‚Literarischen Zentrums Göttingen‘). Sein Gesprächspartner ist der Göttinger Literaturwissenschaftler Heinrich Detering.

Pepe Danquarts „Joschka und Herr Fischer“ im Kino

Freitag, September 2nd, 2011

Das politische Leben unseres ehemaligen Bundesaußenministers Joschka Fischer wird (unter Fischers Mitwirkung) in Pepe Danquarts Film „Joschka und Herr Fischer“ reflektiert. Der Film läuft in Göttingen im „Lumière“. Darin findet eine beachtliche Auseinandersetzung mit Fischers Karriere statt. Es wird deutlich, warum Fischer von Pazifisten und Fundamentalisten seiner Partei so gehasst und warum er als Berater in Wirtschaft und Politik so geschätzt wird.

Auch Weggefährten und zeitweilige Begleiter sind zu sehen und zu hören. Die „Bellizisten“ Daniel Cohn-Bendit und Fischer kommen ganz gut weg, die Fundis nicht. Fischer erklärt seine Distanz zur Partei der Grünen. Wichtige Stationen im Film sind 1968, der deutsche Herbst 1977, das Kosovo-Engagement der Bundeswehr in den neunziger Jahren, das ohne Fischer nicht durchsetzbar gewesen wäre, und der 11. September 2001. Natürlich drängen sich Vergleiche mit dem gegenwärtigen Außenminister auf. Ein sehenswerter Film.

Martin Walser kritisiert eine Kritik.

Sonntag, August 28th, 2011

Martin Walser, einer der angesehensten deutschen Schriftsteller, scheut sich nicht, in der SZ eine dort publizierte Literaturkritik vom 16. August seinerseits zu kritisieren (SZ 27./28.8.2011). Das ist zu loben; denn dadurch erfahren wir etwas über das Verhältnis von Schriftstellern und Kritikern. Und insbesondere über die Perspektive Martin Walsers. Er dient uns damit, dass er die öffentliche Auseinandersetzung sucht. Er kritisiert die Rezension von Wolfgang Herles‘ Roman „Die Dirigentin“ durch Michael Stallknecht.

Es heißt dort:

„Schwitzender Stil.

Der Schriftsteller Martin Walser über eine Roman-Rezension.

Wenn ein Kritiker in einem Buch oder an einem Autor gar nichts gut findet, wenn er ein Buch oder einen Autor richtig mies findet, so mies, dass er ins fast gewöhnliche Beschimpfen geräöt, wenn er also dabei landet, gar nicht mehr das Buch, sondern den Autor mies zu machen, dann möchte ich wissen, warum. Da muss es ein Motiv geben, dass diese Niedermache produziert und steuert. Über ein schlechtes Buch und seinen Autor kann man sich auch sachlich äußern. Schimpfen passt besser an den berüchtigten Stammtisch. Oder will der Kritiker berühmt werden, je kleiner du den Autor machst, um so größer bist du? Dann ist er allerdings auf dem richtigen Weg, wenn er drauflosdrischt, bis sein Stil ins Schwitzen gerät?

‚Ein wandelnder Minderwertigkeitskomplex‘ sei der Held dieses Romans. Das nenne ich schwitzenden Stil. Abgesehen davon, dass das von vielen Helden der Weltliteratur, von Dostojewskis Kanzleisekretär bis zu Gregor Samsa, gesagt werden kann. ich meine also Michael Stallknechts Verriss des Romans ‚Die Dirigentin‘ von Wolfgang Herles (‚Adabeis Leiden‘, 16. August). Anstatt aus der Inhaltsangabe eine Polemik zu machen, hätte er die Liebesbriefe der Dirigentin an ihre Freundin wenigstens erwähnen müssen! Die finde ich sehr, sehr lesenswert und lobenswert. Ich gebe zu, ich habe das Buch mit hellem Vergnügen gelesen. das zuzugeben, kommt mir nach der Stallknecht-Attacke schon mutig vor. Er will uns nämlich einschüchtern. Zum Glück passiert ihm am Ende ein Satz, der sozusagen alles wieder gutmacht. Da heißt es: ‚Nein, Herr Herles …, stellen Sie sich so was mal vor, wir haben das alles über Sie überhaupt nicht wissen wollen .“

Einmal abgesehen davon, dass es grtotesk ist, so zu tun, als habe der Autor, der einen Roman (!) schreibt, uns über sich unterrichten wollen, abgesehen davon, aber wenn der Kritiker geschrieben hätte ‚…ich habe das alles über Sie nicht wissen wollen‘, hätte ich ihm gern geglaubt. Das mich eingemeindende WIR ist, ja was ist es denn? WIR glauben, der Kritiker ist dabei, sich zu überschätzen.

Ich gestatte mir, das Motiv, das uns der Kritiker verbirgt, als Vermutung nachzuliefern: Wolfgang Herles IST Fernsehen, und Fernsehen ist großes U, Stallknecht ist feinstes E. Ist ja nur eine Vermutung.

Martin Walser, Nußdorf“

Hier finde ich sehr viel Interessantes über die persönlichen Motive von Schriftstellern und Kritikern. Es wird selten ausgesprochen, obwohl es wahr sein dürfte. Martin Walser beweist Mut. Natürlich erinnern wir uns dabei an seinen Roman „Tod eines Kritikers“, in dem er Marcel Reich-Ranicki beinahe sterben ließ.

redaktion@sueddeutsche.de

Graham Greenes Verrat – anders als der von Wikileaks

Dienstag, Dezember 7th, 2010

In der SZ vom 4./5.12.2010 nimmt sich Hans Leyendecker, einer der führenden investigativen Journalisten Deutschlands, den Verrat von Wikileaks vor. Er stutzt ihn auf das richtige Maß zurück. Und er beschäftigt sich mit der Geschichte des Verrats im 20. Jahrhundert. Dort kennt er zwei eiserne Regeln:

1. Es wird alles unternommen, um die Informanten zu schützen.

2. Die hereinkommenden Informationen werden von Fachleuten gesichtet. So viel Zeit muss sein.

Die Bedeutung der Geheimdienste wird von Leyendecker nicht überschätzt. Kritikern wurde stets begegnet mit dem Satz „Sie haben unrecht, weil sie nicht wissen, was passiert ist, und wir können dazu nichts sagen, weil das geheim ist.“ Die übliche Geheimniskrämerei, um die eigene Tätigkeit aufzuwerten.  Leyendecker fügt hinzu: “ Heute werden Computer staatlicher Organisationen von Obergefreiten angezapft, und mit wenigen Klicks können echte und katzengoldene Geheimnisse der Mächtigen heruntergeladen werden.“

Die wohl bekannteste Verrätergruppe waren die „Cambridge Five“ mit Kim Philby an der Spitze. Sie verrieten Staatsgeheimnisse an die Sowjetunion. Ein Untergebener von Philby war der weltberühmte Romancier Graham Greene. Er hat so bekannte Romane geschrieben wie „Das Attentat“, „Schlachtfeld des Lebens“, „Ein Sohn Englands“, „Die Kraft und die Herrlichkeit“, „Das Herz aller Dinge“, „Das Ende einer Affäre“, „Zentrum des Schreckens“, „Der dritte Mann“, „Zwiespalt der Seele“, „Jagd im Nebel“, „Unser Mann in Havanna“, „Der Honorarkonsul“ und „Der menschliche Faktor“ (nicht „Der menschliche Makel“, der ist von Philipp Roth). Viele davon habe ich seinerzeit ziemlich verschlungen, ohne je den Sinn von Geheimdiensttätigkeit ganz zu begreifen, außer dass dort menschliche Macken anscheinend eine sehr große Rolle spielen.

Leyendecker schreibt nun dazu: „Es gibt ernsthafte Leute, die meinen, Greene habe seinen Chef früh durchschaut und nichts gegen ihn unternommen, denn auch er habe den Verrat geliebt. Noch mehr mochte Greene, der seinen Arbeitgeber ‚das beste Reisebüro der Welt‘ nannte, die vom Dienst bezahlten Vergnügungen in Bars und Edel-Bordellen.“ Wie auch immer, so sind dabei doch einige der angesehensten und bekanntesten Romane des 20. Jahrhunderts entstanden. Das ist allemal wichtiger als jede Geheimnisdiensttätigkeit und manche Geheimniskrämerei.

 Wird das nun durch Wikileaks anders?

Alfred Flechtheim: größter Restitutionsfall seit Gründung der Bundesrepublik

Sonntag, Juli 11th, 2010

Seit 2008 sind führende deutsche Museen aufgefordert, die Provenienz von etwa 60 Bildern zu klären, die aus der Sammlung Alfred Flechtheims stammen. Darunter Werke von Pablo Picasso, Juan Gris, Paul Klee, Carl Hofer und Oskar Kokoschka. Ira Mazzoni nimmt sich in der „Süddeutschen Zeitung“ (10./11.7.2010) des Falles an. Das geradezu Bestürzende an diesem Fall ist, dass 65 Jahre nach Kriegsende auf diesem Feld anscheinend immer noch keine fairen Verhältnisse herrschen. Alfred Flechtheim war der berühmteste Kunsthändler der Weimarer Republik, ein wichtiger Verleger („Der Querschnitt“, vgl. Wilmont Haacke: Flechtheims und Wedderkops „Der Querschnitt“. In: Publizistik 1987, S. 354-360) und bekannter Sportpromotor, ein Freund Max Schmelings.

Der Frontoffizier des ersten Weltkriegs (Ehrenkreuz für Frontkämpfer 1934) hatte u.a. 1910 auf der Hochzeitsreise nach Paris aus der Mitgift seiner Frau Betty, geborenen Goldschmidt, „frische Kubisten gekauft“. Er verließ 1933 sofort Deutschland und konnte seine Vermögensangelegenheiten nur sehr schnell regeln. Sein Geschäftspartner und Freund Daniel-Henry Kahnweiler half ihm. Flechtheim landete schließlich in London. Sein von Otto Dix markant ins Bild gesetztes scharfes Profil, vom Bildhauer Rudolf Belling minimalistisch auf Stirnbogen, Nase und Mund reduziert, wurde von den Nazis 1938 auf das Plakat der Hamburger Ausstellung zur „entarteten Kunst“ gesetzt. Flechtheim war bereits 1937 an den Folgen eines unsachgemäß behandelten Glatteis-Unfalls gestorben. Den Nazis war er „Kulturbolschewist“ und „Kunstjude“, er stand bei ihnen für „abgetakeltes Mäzenatentum“.

Ein einfacher Restitutionsfall ist die Sammlung Flechtheim nicht. „Der Fall Flechtheim, da sind sich alle einig, ist der wohl interessanteste und schwierigste. Der Grund dafür sind die weitreichenden Handelsbeziehungen Flechtheims. Seine Erfindungsgabe in Sachen Werbung und Geschäftsanbahnung. Der rege Leihverkehr, gezielte animierende Schenkungen, seine Transaktionen mit befreundeten Händlern. Welche Kunstwerke waren 1933 im Galerie-Besitz? Welche Bilder waren Kommissionsware, auf die gegebenen Falls die Künstler noch vertragliche Ansprüche hatten? Die Eigentumsfrage und die Rechtmäßigkeit der Käufe stehen im Mittelpunkt der Ermittlungen. Nicht alle Werke, die Flechtheim einmal als unverkäuflich deklarierte, blieben es. Die Weltwirtschaftskrise 1929 zwang ihn, auch das eine oder andere Werk aus seiner Privat-Sammlung für das Überleben des Geschäfts zu opfern.“

Teilweise sind von Markus Stötzel, dem Anwalt der Flechtheim-Erben, Restitutionsanträge gestellt. Vor drei Jahren wurde eigens eine Stelle für Provenienz-Forschung geschaffen, die teilweise schon erfolgreich im Sinne der Erben tätig geworden ist. Der Direktor des Museums Ludwig, Kaspar König, verspricht: „Wir werden alles offenlegen.“ Und Gerhard Finckh, der Leiter des Von der Heydt-Musueums betont: „Wir wollen kein Diebesgut an der Wand hängen haben. Aber wir haben auch nichts zu verschenken.“

Relativ unklar ist bisher die Zusammenarbeit Alfred Flechtheims mit Alex Vömel, der 1933 schon die Geschäfte der Firma führte. Hat er die politische Situation für sich genutzt, um sich Flechtheims Besitz ohne entsprechende Entschädigung anzueigenen? Tatsächlich ging die Zusammenarbeit Flechtheim-Vömel auch nach 1933 noch erfolgreich weiter. Offenbar hat Flechtheim mit Genehmigung der Reichskammer der bildenden Künste im Ausland gearbeitet und mit der deutschen Devisenstelle abgerechnet.

Privat verlief der Fall tragisch. Mehrfach besuchte Flechtheim nach 1933 seine Frau Betty in Deutschland. Zus Silberhochzeit unternahm das Paar 1935 eine Reise nach Rom und Florenz. 1936, im Jahr der Olympischen Spiele, wurden Flechtheims geschieden. Betty Flechtheim reiste zur Beerdigung ihres Mannes 1937 nach London und kehrte nach Deutschland zurück. Inzwischen hatte Flechtheim seinen in London lebenden Neffen, Alfred Hulisch/Hulton, als Alleinerben eingesetzt. „Musste sich Betty in Berlin um die Erfüllung des Testaments kümmern und konnte aus eigenen Mitteln eine Auswanderung nicht mehr finanzieren?“ Sie nahm sich angesichts ihrer bevorstehenden Deportation am 15. November 1941 mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Ihre Wohnung in der Düsseldorfer Straße wurde  versiegelt und vom Deutschen Reich „verwertet“.

Auf Grund des 1952 gestellten Restitutionsantrags erhielt Alfred Hulton/Hulisch für die Fünf-Zimmer-Wohnung am 22. Mai 1954 eine Entschädigung von 20400 DM. Für die angenommenen zehn Gemälde wurde ein „Wiederbeschaffungswert“ von 8000 Mark angesetzt. „Die Zeugen benannten Maler wie Monet und Renoir, aber auch Matisse und Picasso.“ Das klingt für mich beschämend. Aber im Fall Flechtheim gibt es viele offene Fragen, die beantwortet werden müssen, damit es zu einer fairen Lösung und gegebenen Falls zu einer Rückgabe der Bilder kommt.

Ira Mazzoni schreibt: „Die Forschungsgemeinschaft für Restitutionsangelegenheiten rechnet bei den verbleibenden Bildern mit komplexer Herkunft noch mit mindestens einem Jahr intensivster Recherchen und hofft darauf, dass der Dortmunder Historiker Ottfried Daschner bald die Ergebnisse seiner langjährigen Forschungen veröffentlichen kann, die mit der Vorbereitung der legendären Flechtheim-Ausstellung 1987 in Münster und Düsseldorf begannen. Zu hoffen ist, dass sich auch die Quellenlage zur Galerie Vömel verbessert. Denn längst ist der Fall Flechtheim zum Fall Vömel geworden. Und der vermeintlich ‚größte Restitutionsfall seit Gründung der Bundesrepublik‘ ist vorerst ein gigantisches Forschungsprojekt zur Geschichte des deutschen Kunsthandels.“