Archive for the ‘Literatur’ Category

292: Philip Roth: „Amerika sehe ich nur im Fernsehen, aber ich lebe dort nicht mehr.“

Montag, November 12th, 2012

Schon mehrfach hatte Philip Roth seinen Rückzeug vom Schreiben angekündigt. Er wird 2013 achtzig Jahre alt. Viele auch von seinen Fans haben das für Koketterie gehalten. Doch nun hat Roth im französischen Kulturmagazin „Les Inrocks“ (7.10.12) seine Ankündigung wiederholt. Sein Verlag hat dies am 9.11.12 bestätigt. Und es sieht so aus, als würde Roth diesmal ernst machen und sich neben der Lektüre seiner Lieblingsautoren Fjodor Dostojewski, Iwan Turgenjew, Joseph Conrad und Ernest Hemingway nur noch der Lektüre der eigenen Bücher widmen. „Nemesis“ (2010) wäre sein letzter Roman gewesen.

Einer der größten Schriftsteller der Welt würde verstummen. Er würde uns nicht mehr mit seinen Gedanken über den Sex, die Liebe, die Literatur, das Judentum, das Selbstverständnis der USA und ihrer vielen verschiedenen ethnischen Gruppen, das Altern und den Verfall unterhalten. Ein großes, farbiges Spiel mit Autobiografischem ginge zu Ende. Ich mag mir das noch gar nicht vorstellen. Der „Woody Allen der amerikanischen Gegenwartsliteratur“ würde mit der Produktion aufhören. Er hat mich fasziniert durch die Glaubwürdigkeit seiner Perspektiven. An keiner Stelle ist dieser Autor banal oder erweckt einen objektivistischen Anschein. Besonders Verständnis erleben wir bei Roth für Männer, auch für uns Chauvis. Dem kann ich mich schwer entziehen. Und so haben Philip Roths Helden meine Lektüre geleitet:

Alexander Portnoy („Portnoys Beschwerden“ 1969),

David Kepesh („Die Brust“ 1972),

Peter Tarnopol („Mein Leben als Mann“ 1974),

Nathan Zuckerman („Tatsachen“ 1988 und andere Publikationen),

„Philip Roth“ („Täuschung“ 1990 und andere Publikationen),

Henry Zuckerman („Gegenleben“ 1995),

Mickey Sabbath („Sabbaths Theater“ 1995),

Seymour Irving Levoy („Amerikanisches Idyll“ 1997),

Coleman Silk („Der menschliche Makel“ 2000),

Larry Hollis („Exit Ghost“ 2007),

Marcus Messner („Empörung“ 2008),

Simon Axler („Die Demütigung“ 2009),

Bucky Cantor („Nemesis“ 2010, Aufzählung unvollständig).

Willi Winkler, ein dezidiert linker Autor und einer der besten deutschen Journalisten, zitiert Philip Roth mit dem Satz „Ich habe mein Leben dem Roman geweiht.“ (SZ 12.11.12). Schreiben bedeute, dass man im Unrecht sei, so Roth. „Alle Entwürfe erzählen die Geschichte vom Scheitern. Ich bringe einfach nicht mehr die Energie auf, mich dieser Kraft entgegenzustellen.“ Roth weiter: „Amerika sehe ich nur noch im Fernsehen, aber ich lebe dort nicht mehr.“ Ein für ihn typischer Satz.

Wikipedia widmet sich der Literatur und ihren Autoren bisweilen in einem banalen und abgenutzten Buchhalter-Stil, der häufig den Gegenständen und Themen nicht gerecht wird. So heißt es über Philip Roth: „Der Vorwurf, dass die Schwedische Akademie die Leistungen von Philip Roth bei der Auswahl des Literaturnobelpreisträgers alljährlich geflissentlich übersehe, gehört seit den 2000er Jahren zu den Gemeinplätzen internationaler Feuilletons.“ Liebe Schreiber bei Wikipedia, das ist erstens eine Tatsache und zweitens ein Skandal. Auch wenn sich der Jury-Vorsitzende für den Literatur-Nobelpreis nicht zurückhalten konnte zu behaupten, dass die nordamerikanische Literatur generell nicht auszeichnungswürdig sei. Ein Wicht, der unser Mitleid verdient hat. Zur Zeit sind eben die Chinesen dran. Literatur darf im Kern niemals den Urteilen von Gremien, Hintersassen und Banausen unterworfen werden. Wir Leser können selbst entscheiden.

286: Cordelia Edvardsson ist tot.

Mittwoch, Oktober 31st, 2012

In Stockholm ist im Alter von 82 Jahren Cordelia Edvardsson gestorben. Berühmt wurde die schwedische Journalistin und Schriftstellerin durch ihr 1986 erschienenes Buch „Gebranntes Kind scheut das Feuer“, das bei aller Verschiedenheit in seiner Bedeutung Ruth Klügers „Weiter leben“ an die Seite gestellt werden kann. Cordelia Edvardsson war nach den Nazi-Kategorien ein zu drei Vierteln jüdisches Mädchen. In München geboren. Mit vierzehn kam sie zunächst nach Theresienstadt, später nach Auschwitz. Viel besprochen wurde die These, dass ihre Mutter, die deutsche Schriftstellerin Elisabeth Langgässer, sie verraten hatte.

Nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager gelangte Edvardsson nach Schweden, wo sie seit Anfang der fünfziger Jahre als Journalistin arbeitete. Während des Jom-Kippur-Krieges 1973 zog sie nach Jerusalem und wurde dort Korrespondentin der schwedischen Tageszeitung „Svenska Dagbladet“. Nach ihrer Rückkehr nach Schweden wurde Edvardsson als Kolumnistin bekannt. 1989 erschien ihr Buch „Die Welt zusammenfügen“.

283: Jean Améry 100

Samstag, Oktober 27th, 2012

Jean Améry (geboren als Hans Mayer 1912 in Wien) hat uns gezeigt, was Folter ist und dass man sie nicht überleben kann. Er wäre in diesem Jahr 100 Jahre geworden (Fritz J. Raddatz „Literarische Welt“ 27.10.12). Im deutschsprachigen Journalismus nach 1945 hat er eine ganz einmalige Rolle gespielt. Diejenigen, die ihn gekannt haben, werden ihn nicht vergessen. Über seine Schriften hinaus habe ich ihn einige Male im „Internationalen Frühschoppen“ von Werner Höfer erlebt. Seinen österreichischen Dialekt hat er nie ganz verloren. Er hat ein Leben zum Tode hin geführt. Vorangegangen ist er uns mit seinem Buch „Diskurs über den Freitod – Hand an sich legen“. Darin legt er Zeugnis ab für die „Grundtatsache, dass der Mensch wesentlich sich selbst gehört“, keiner Gruppe, keiner Ideologie, keiner Partei, keinem Staat, keiner Religion. Denen könnte er sich nur anschließen. Aus eigenem Willen. Jean Améry war ein Einzelner, herausragend, unverkennbar. Nicht alle fühlten sich seiner Unbedingtheit gewachsen.

Der jüdische Widerstandskämpfer Hans Mayer wurde am 23. Juni 1943 in Brüssel verhaftet. Über seine Folter in der Festung Breedonk schreibt er: „Von dort drang kein Schrei nach draußen. Dort geschah es mir: die Tortur. … Die Tortur ist das fürchterlichste Ereignis, das ein Mensch in sich bewahren kann. … Es wird schließlich die körperliche Überwältigung durch den anderen dann vollends ein existenzieller Vernichtungsvollzug, wenn keine Hilfe zu erwarten ist. … Mit dem ersten Schlag der Polizeifaust aber, gegen den es keine Wehr geben kann und den keine helfende Hand parieren wird,endigt ein Teil unseres Lebens und ist niemals wieder zu erwecken.“ „In der Tortur wird die Verfleischlichung des Menschen vollständig. … Wer gefoltert wurde, bleibt gefoltert. Unauslöschlich ist die Folter in ihn eingebrannt. … Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.“ Jean Améry hat sich am 17. Oktober 1978 in Salzburg, seiner alten Heimat, in der er heimatlos geworden war, umgebracht.

Améry beschreibt, wie Kinder getötet wurden: Eine Mutter „gerät an einen wachthabenden SS-Mann, ‚Mein Kind‘, sagt sie, ‚haben Sie nirgends mein Kind gesehen?‘ ‚Ein Kind willst Du?‘ antwortet der SS-Mann mit vollkommener Ruhe, ‚warte …‘ Und er geht sehr langsam auf die Gruppe … der Kleinen zu. Er bückt sich und ergreift einen etwa vierjährigen Knaben beim Fuß. Er hebt ihn hoch und wirbelt ihn einige Male durch die Luft, wobei er den kleinen Kopf an einem eisernen Pfeiler zerschmettert.“

Für Améry war die Folter niemals vorbei. Er wurde mit gefesselten Händen rücklings an einer Kette aufgehängt – „Die Kugeln sprangen aus den Pfannen.“ – mit dem Ochsenziemer ausgepeitscht, die Schultergelenke ausgerenkt. „Es war für einmal vorbei. Es ist noch immer nicht vorbei. Ich baumele noch immer, zweiundzwanzig Jahre danach, an ausgerenkten Armen über dem Boden, keuche und bezichtige mich.“ Er hat es sich niemals verziehen, das erduldet, das ertragen, das durchgestanden und sich bezichtigt zu haben.

Ich vergesse es nicht, wie einmal im „Internationalen Frühschoppen“ gegen Ende der Sendung vom Moderator Werner Höfer befragt, ob Ulrike Meinhof mit dem Terror im Untergrund aufhören solle, Jean Améry antwortete: „Nicht aufgeben.“ Ich habe dieses Fehlurteil bald verstanden.

278: Peter Handke hat M. R.-R. nicht verziehen.

Samstag, Oktober 20th, 2012

Peter Handke wird im Dezember 70. 2012 erscheint sein 35-jähriger Briefwechsel mit Siegfried Unseld, dem mächtigen Suhrkamp-Verleger, als Buch. Für das SZ-Magazin haben Malte Herwig und Sven Michaelsen den Dichter interviewt (19.10.12), der seit 22 Jahren bei Paris wohnt.

SZ: 1981 kam es zum ersten großen Krach mit Unseld, weil sie ihm vorwarfen, mit Marcel Reich-Ranicki zu fraternisieren. Als Sie bei Ihrem Verleger einen Band mit Aufsätzen des Kritikers entdeckten, schrieben Sie: „Die Zeit der Lügen muss ein Ende haben. Schon an jenem Tag, als ich am Frühstückstisch in Frankfurt in dem Sammelwerk des übelsten Monstrums, das die deutsche Literaturgeschichte je durchkrochen hat, die Widmung an Dich, meinen Verleger, gelesen habe: ‚In alter Verbundenheit‘, da hätte ich die Pflicht vor mir und dem, was mir noch vorschwebt, gehabt, für immer meine Arbeiten aus Deiner sogenannten Obhut zu nehmen. Unsere Wege trennen sich hiermit, unwiderruflich.“

Handke: Das war ein völlig sinnloser Amoklauf, aber er hat mich, so blöde dialektisch das klingt, auch befreit. Was Reich-Ranicki zu „Langsame Heimkehr“ geschrieben hat, war nackter Vernichtungswille. Er wollte mich weghaben. Und am nächsten Tag hat Siegfried Unseld ihn empfangen, ihn bewirtet. Ich fühlte mich verraten und musste einen Auslauf suchen aus mir. Da habe ich eben losgelegt. Ich bedaure das nicht.

SZ: 1994 sagten Sie: „Nie werde ich Reich-Ranicki auch nur das Kleinste verzeihen können.“ Sind Sie heute milder gestimmt?

Handke: Wollen wir den jetzt seinen Lebensabend ruhig verbringen lassen? 15 Jahre meines Lebens hat mich das wirklich beschäftigt. Auch Martin Walser war ja fast krank, besessen. Da bin ich noch ein harmloser Fall.

SZ: Reich-Ranicki hat in letzter Zeit versucht, sich mit einigen Autoren zu versöhnen.

Handke: Ich habe das gehört. Sogar mit Ulla Berkéwicz. Die hat mir erzählt, er kam eines Tages in ihr Vorzimmer angekeucht, mit letzter Kraft, unangemeldet. Und dann saßen die einander gegenüber. Der eine hat gekeucht, die andere wahrscheinlich milde gelächelt. Ich habe keine Lust, mir das vorzustellen. Es ist eine allgemeine Weltbewegung in dem armen alten Mann, was auch immer Versöhnen ist. Aber haben wir nicht andere Probleme? Er ist überhaupt kein Problem mehr für mich. Es ist nichts zu versöhnen. Es ist vorbei. Ich bin der, der dies gemacht hat, und er ist der, der das zusammengeschustert hat. Ich glaube, das ist unsterblich, wie ich es in der „Lehre der Sainte-Victoire“ geschrieben habe: Ein paar getrocknete Haufen liegen herum von dem Hund. Das wurde mir übelgenommen als Antisemitismus, aber da konnte ich auch nur staunen drüber. Er lebe in Frieden. Ich sage das ganz ernsthaft.

276: „Herr Schmidt wäre der beste Freund der chinesischen KP“.

Donnerstag, Oktober 18th, 2012

Zwei chinesische Schriftsteller sind mit Preisen ausgezeichnet worden. Mo Yan mit dem Nobelpreis für Literatur, Liao Yiwu mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Die achtzehn Mitglieder der schwedischen Nobelpreisjury glauben anscheinend, dass Weltliteratur auch in einer kommunistischen Diktatur entstehen kann. Mo Yan nimmt sogar an, dass Zensur für Literatur großartig ist. Die Proteste gegen ihn sind in der Mehrzahl wieder verstummt.

Dass Philip Roth den Nobelpreis für Literatur wieder nicht bekommen hat, steht auf einem anderen Blatt. Oder nicht. Denn auch da geht es um Literaturpolitik. Und deswegen haben wir es uns seit langem abgewöhnt, daran zu glauben, dass der Literaturnobelpreis für literarische Qualität vergeben wird. U.a. wird er auch nach kontinentalem und weltanschaulichem Proporz vergeben. Und die schwedischen Juroren wissen es wohl einfach nicht besser.

Zudem sind die politischen Verhältnisse in China nicht einfach zu charakterisieren. Zwar handelt es sich bei der Volksrepublik um eine kommunistische Diktatur ohne Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit mit zig Millionen rechtlosen Wanderarbeitern und der schlimmsten Umweltzerstörung auf der ganzen Welt. Andererseits hat sich China seit 1992 unter der Ägide einer kapitalistischen Wirtschaftspolitik zu einem der größten Märkte entwickelt (wo z.B. die meisten deutschen Autos verkauft werden). China ist inzwischen auch einer der größten Akteure auf den internationalen Finanzmärkten und stützt mit seiner Politik teilweise die von Schulden gedrückten US-Amerikaner. Da trauen sich viele nicht, offen über China zu sprechen, dass sich mit seiner Machtpolitik etwa die Olympischen Spiele 2008 in Peking verschafft hatte.

Liao Yiwu kritisiert die Volksrepublik offen. Er hat anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels in der Paulskirche eine bewegende, wenn auch ungewöhnliche Rede gehalten. Sie war von ihm mit einer Klangschale musikalisch untermalt. Liao Yiwu lebt seit 2011 in Deutschland. Er ist aus China geflohen. Hat dort vier Jahre im Gefängnis gesessen. Diese Zeit hat ihn stark geprägt. Er wünscht seinem Land die Freiheit und das Zerbrechen der kommunistischen Diktatur. Er fühlt sich als Anwalt der „kleinen Leute“, die sonst nirgends erwähnt werden.

Liao Yiwu nimmt im Ausland kein Blatt vor den Mund. So sagt er über den Diktator Deng Xiaoping: „Der gerissene Tyrann Deng Xiaoping griff zu einem Trick und begab sich im Frühjahr 1992 auf eine historische Reise in den Süden, nach Shenzhen, wo er zur Rettung seiner Partei und der politischen Krise die Öffnung des chinesischen Marktes verkündete.“

Liao Yiwu kritisiert aber auch den Westen, wo die Bundeskanzler von Helmut Schmidt bis Angela Merkel den Chinesen ihre Aufwartung machten. Um deutscher Handelsinteressen willen. „Zu den ausländischen Investoren wird gesagt: kommt und errichtet bei uns Fabriken, macht Geschäfte, baut Hochhäuser und knüpft Netzwerke, solange ihr nicht den Finger in die Wunde legt und über Menschenrechte sprechen wollt, könnt ihr tun und lassen, was euch beliebt.“

In seinem Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“ hat sich Liao Yiwu den Terror der chinesischen Gefängnisse vorgenommen, den er aus eigener Anschaung kennt. Sein Buch „Die Kugel und das Opium“ ist den Opfer des Massakers auf dem Platz des himmlischen Friedens 1989 gewidmet. Den „einfachen Leuten“. Noch in China hat Liao Yiwu einige ehemalige Häftlinge interviewt. Für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (14.10.12) hat Maria Wiesner mit dem Friedenspreisträger gesprochen.

FAS: Sie bezeichnen sie (die einfachen Leute, W.S.) als „Rowdys“. Gibt es eine Unterschied zwischen diesen „Rowdys“ und den Studenten, die 1989 auf dem Platz demonstriert haben?

Liao Yiwu: Die damaligen Studenten waren die Eliten. Sie standen mitten auf dem Platz, auch mitten im Rampenlicht der Medien – westlicher wie asiatischer. Egal, ob sie einen Hungerstreik machten oder ihre Forderungen verkündeten, alles wurde weltweit berichtet. Die kleine Leute in Peking gelangten gar nicht erst auf den Platz. Das war ihnen verboten. Als dann aber die Panzer einrollten, hatten diese kleinen Leute nur ein Ziel: die Studenten schützen und die Panzer stoppen. Deshalb sind unter ihnen die meisten der Getöteten. Erwähnt werden später nur die Namen der elitären Studenten. Die kleinen Leute geraten völlig in Vergessenheit.

FAS: Als Sie aus dem Gefängnis kamen, mussten Sie zurück zu ihren Eltern ziehen – die gleiche Erfahrung machten Ihre Interviewpartner.

Liao Yiwu: Der einzige Unterschied zwischen mir und denen besteht darin, dass ich schreiben kann und sie nicht. Viele waren noch Teenager, als sie ins Gefängnis mussten. Als sie rauskamen, waren sie alt, zwischen 30 und 40, und hatten noch nie ein sexuelles Erlebnis. Das chinesische Gefängnis raubt nicht nur die Freiheit der Person, sondern auch die Sexualität.

FAS: Erst wenn man sich die Sexualität zurückholt, hat man auch seine Feiheit wieder?

Liao Yiwu: Für viele dieser Männer ist die Sexualität ein großes Thema. In den Interviews haben sie immer über ihre Impotenz gesprochen. Das ist die Gefängniskrankheit, die jeder Mann erleidet. Man verliert die Freiheit ein zweites Mal. Das führt zu einem doppelten Minderwertigkeitskomplex. Aber jeder sagte zu mir: Das ist meine ganz private Sache, schreib bitte nicht darüber – das musste ich respektieren. Deshalb ist in diesem Buch das Vorwort so lang. Ich schreibe über meine eigenen Erfahrungen.

FAS: Was wird es (das Buch, W.S.) in China ausrichten?

Liao Yiwu: Mein Buch wird überhaupt keine Wirkung auf das Regime haben. Die KP wird das nicht als Anlass zur Reflexion nehmen. Wenn natürlich der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt ein Buch über China schriebe, würde das große Aufmerksamkeit erhalten, und Herr Schmidt wäre der beste Freund der chinesischen KP.

273: Kafka-Nachlass in die Israelische Nationalbibliothek

Mittwoch, Oktober 17th, 2012

Das Familiengericht in Tel Aviv hat entschieden, dass Handschriften und Zeichnungen Franz Kafkas und der Nachlass Max Brods in die Israelische Nationalbibliothek gehören (Lothar Müller, SZ 17.10.12). Diese hatte 2009 einen Prozess gegen die Töchter und Erbinnen der langjährigen Sekretärin Max Brods, Ilse Esther Hoffe, Eva Hoffe und Ruth Wiesler angestrengt, um in den Besitz des Nachlasses von Max Brod zu gelangen, in dem sich auch einige Schriften Franz Kafkas befinden. Der Nachlass Brods liegt in Israel, die Handschriften und Zeichnungen Kafkas in Zürich. Ilse Esther Hoffe war 2007, Ruth Wiesler 2012 gestorben. Eva Hoffe und ihre Schwester hatten die Absicht, die Dokumente an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach zu verkaufen. 1988 war das „Process“-Manuskript bereits für 3,5 Millionen Mark nach Marbach gekommen.

Max Brod hatte seiner Sekretärin zu Lebzeiten die Handschriften geschenkt, die Kafka ihm mit der Bitte übergeben hatte, die unveröffentlichten Manuskripte nach seinem Tod zu vernichten. Dieser Bitte kam Brod bekanntlich nicht nach und trug so entscheidend zum Weltruhm Kafkas bei. Brod hatte 1939, als er vor den Nazis aus Prag flüchtete, die Manuskripte mit nach Tel Aviv gebracht. Als seine Nachlassverwalterin setzte er 1961 in seinem Testament seine Sekretärin ein, die also nach Brods Tod 1968 sowohl über den Brod-Nachlass als auch über die Handschriften Kafkas verfügte. Dies bestätigte ein Richter 1974 unter Bezug auf Brods Testament.

Im Artikel 11 ebendieses Testaments stand, dass Ilse Esther Hoffe dafür sorgen solle, dass die Dokumente nach ihrem Tod „der Bibliothek der Hebräischen Universität Jerusalem oder der Stadtbücherei Tel Aviv oder einem anderen öffentlichen Archiv zur Aufbewahrung übergeben werden sollen“. Es gibt aber einen anderen Passus im Testament, der alle genannten Optionen der Voraussetzung unterstellt, Ilse Esther Hoffe habe „nicht zu Lebzeiten ein anderes Arrangement getroffen“. Dies ist aber durch den Verkauf des „Process“-Manuskripts 1988 nach Marbach geschehen. Eva Hoffe hat nun angekündigt, in Revision zu gehen. Das Marbacher Literaturarchiv schweigt. Es will eine Übersetzung des Gerichtsurteils abwarten.

Der Leiter der Israelischen Nationalbibliothek ist erfreut. Das Urteil entspreche dem Willen Franz Kafkas. „Franz Kafka hatte die Absicht, ins Land Israel einzuwandern. Wir haben in der Nationalbibliothek ein Heft, in dem er mit deutscher Übersetzung Worte auf Hebräisch aufgeschrieben hat.“ Das ist angesichts von Kafkas Ambivalenz gegenüber dem Judentum und dem Zionismus fraglich. Abgesehen von der Vernichtungsanweisung an Max Brod. Anscheinend gilt die Sicherung der Handschriften Franz Kafkas und des Nachlasses von Max Brod in Israel weithin als nationale Aufgabe.

Hans-Gerd Koch, der Herausgeber der Briefe Franz Kafkas in der Kritischen Ausgabe bei S. Fischer, meint dagegen, wenn das Urteil Bestand habe, „käme es einer Enteignung der rechtmäßigen Erben gleich“.

268: Zeruya Shalev: „Wir wollen überleben.“

Sonntag, Oktober 7th, 2012

Viele von uns haben Zeruya Shalevs Weltroman „Liebesleben“ (2000) gelesen. Manche Frauen darunter mit Vorbehalten, wie ich mich erinnere. Nun stellt die israelische Schriftstellerin ihren neuen Roman „Für den Rest des Lebens“ in Berlin vor (Tilman Krause „Literarische Welt“, 6.10.12). Shalev, die einen Selbstmordanschlag in Jerusalem überlebt hat, erhält den „Welt“-Literaturpreis 2012.

Bei der Vorstellung ihres Buches spricht Zeruya Shalev auch über ihr Land. Sie erklärt uns das große Sicherheitsbedürfnis vieler Israelis, das politisch wohl dazu führt, dass Bibi Netanjahus Partei und Regierung an der Macht bleiben.

„Ich spüre jeden Tag, wie ein Stück meines Jerusalems verschwindet, wie Freunde und Verwandte, die der permanenten Bedrohung nicht mehr gewachsen sind, weggehen, und wie ich auch selbst mich immer wieder frage, ob ich hier weiterleben kann. Und das tue ich nicht erst, seit ich selbst bei einem Anschlag schwer verletzt worden bin. Aber noch bin ich da, und noch gibt es das Jerusalem, das ich meine. Nicht nur das historische, in dem jeder Stein eine Geschichte erzählt, nein, vor allem das plurale, sozial gemischte, in dem die christlichen Kirchenglocken läuten und der Muezzin die Stunden ausruft. In dem alle Weltsprachen irgendwo gesprochen werden, nicht zuletzt das Deutsch jener ‚Jeckes‘, die nicht weit von unserem Haus ihr Viertel hatten. Und in dem natürlich vor allem wir, die Juden, jeder auf seine Weise, säkular oder religiös, leben können, obwohl, ich gestehe es, die Religiösen, die Orthodoxen, auf dem Vormarsch sind und die Atmosphäre auf eine ungute Weise immer stärker verändern, hin zur Verhärtung und Verstocktheit, was mir sehr zu schaffen macht. Aber auch das muss man aushalten, man muss Vielfalt aushalten können, und man muss auch dafür kämpfen, dass Vielfalt, vielfältige Glücksmöglichkeiten nebeneinander existieren können. Denn wie sagt Ihr Bertolt Brecht so schön: ‚Wer kämpft, kann verlieren; wer nicht kämpft, hat schon verloren.'“

Shalev verschweigt manche problematischen Seiten der israelischen Gesellschaft nicht. Aber sie sagt: „Es ist wahr, ich sehe Israel als eine große Familie, und wenn ich in ‚Für den Rest des Lebens‘ über diese eine, sehr spezielle Familie schreibe, dann meine ich auch Israel. Wenn Avner, der Anwalt der Entrechteten, an einer Stelle sagt: ‚Bei uns passiert alles in großem Stil, aber nur in der Einbildung, große Träume und kleine Taten‘, dann denkt er natürlich zunächst einmal an seine Eltern und Geschwister. Aber er denkt auch an sein Land. Und so denke ich auch manchmal: Wir haben diesen Hang, in Mythen über uns zu sprechen. Doch die Mythen sind entzaubert. Der Heroismus der Gründerjahre mit seinen Entsagungen ist entzaubert. Der Mythos von Israel als Obdach für die ganze Judenheit ist entzaubert. Davon geblieben ist nur der eine, brennende Wunsch: Wir wollen überleben.“

266: Karl Heinz Bohrer über Gottfried Benn, Marcel Reich-Ranicki, Peter Rühmkorf, Ulrike Meinhof und die 68er: elitär, arrogant, einfach großartig

Samstag, Oktober 6th, 2012

Karl Heinz Bohrer wird 80 Jahre alt. 39 davon lebt er in London. Nun hat das SZ-Magazin (5.10.12) dem ehemaligen Literaturchef der FAZ, Professor für Literaturwissenschaft und langjährigen „Merkur“-Herausgeber ein Interview gewidmet. Sven Michaelsen hat es geführt. Bohrers Autobiografie „Granatsplitter“ ist erschienen.

M.: Sie behaupten, „Achtundsechzig begann mit den Partynächten von 1964, am frühesten in Hamburg“.

B.: Das Zentrum kulturrevolutionärer Stimmung waren die ausschweifenden Intellektuellen-Partys im Hause des Hamburger Lyrikers Peter Rühmkorf, ein Mann von großem Prestige und ein ganz großer Unterhalter. Er war eng befreundet mit dem „Konkret“-Herausgeber Klaus Rainer Röhl und dessen Frau Ulrike Meinhof. Die Partymusik kam von den Beatles und galt als revolutionär. Deshalb erschienen die Songtexte in rührender deutscher Übersetzung in „Konkret“. Das Lied „Michelle“ war das Startsignal, die Institution Ehe aufzukündigen und auf Frauenraub zu gehen.

M.: Sie waren mit Ulrike Meinhof befreundet. Wie verhielt sie sich auf diesen Partys?

B.: Die meiste Zeit war sie in Gespräche vertieft, umgeben von einem Flor aus Ernsthaftigkeit, Melancholie und Konzentration. Aber wenn sie tanze, tanzte sie wie eine anmutige Frau. Von einer spröden, nur vom Gehirn kontrollierten Intellektuellen konnte keine Rede sein. Sie hatte eine durchaus sinnliche und warmherzige Ausstrahlung und war nicht unattraktiv. Nichtsdestotrotz waren die Unterhaltungen mit ihr frei von allen Anzüglichkeiten, erotischen Zweideutigkeiten und Ungesagtheiten. Mit mir hat sie sich vielleicht auch deshalb so gern unterhalten, weil ich gegenüber dem Marxismus eine so radikal abwertende Haltung hatte und gleichzeitig in ihren Augen so etwas wie ein Revolutionär war. Einmal sagte sie: „Es wäre so schade, wenn du der Revolution verloren gehen würdest.“

M.: Viele Linksintellektuelle waren für Sie theoretisch unbeschlagene „Großmäuler, die eigentlich nicht bis drei zählen konnten“ und „jeden, der nicht mit von der Partie war, verbal zum Abschuss freigaben“.

B.: Fatal und flächendeckend opportunistisch wurde die Sache erst, als aus diesen ehrgeizigen Typen Hochschulprofessoren wurden, die ihre Seminare nach Gewerkschaftsmuster einrichteten und alle in Reih und Glied mit der gleichen Meinung abrufbar waren. Ich habe den sardonischen Verdacht, dass nicht wenige dieser Leute 35 Jahre vorher Nazis geworden wären. Sollte es stimmen, dass unter den prominenten Progressiven von heute viele potenzielle Nazis stecken, ist das, was sie über die Nazis sagen, ironisch und komisch.

M.: Warum wurden Sie 1973 als Literaturchef gefeuert?

B.: Joachim Fest sollte neuer Herausgeber werden und machte es zur Bedingung, dass sein Freund Marcel Reich-Ranicki meinen Posten bekommt. Dessen am traditionellen Realismus orientierten Literaturvorstellungen lagen Fest sehr viel näher als meine. Ob meine intellektuellen Schrillheiten und politischen Zweideutigkeiten – siehe Baader-Meinhof – eine Rolle spielten, möchte ich nicht kommentieren. Namhafte Leute von Enzensberger bis Habermas protestierten in öffentlichen Telegrammen gegen Reich-Ranicki, aber ich sah, dass er es schaffen würde, die FAZ zu dem Organ des bürgerlichen Buchlesers zu machen. Das habe ich nie gewollt. Kurz bevor ich für die Zeitung nach London ging, habe ich ihm in der großen Konferenz gesagt: „Reich-Ranicki, Sie sind die Rache von Jud Süß am deutschen Bürgertum.“ Ich vermute, dass er diesen Satz nicht als Kompliment empfunden hat, obwohl er so gemeint war.

M.: Von 1984 bis Anfang dieses Jahres waren Sie Herausgeber und Autor des „Merkur“ und stritten mit polemischem Furor gegen die geistigen Verhältnisse. In einer berühmt gewordenen Serie porträtierten Sie Deutschland unter dem ewigen Kanzler Kohl als vulgäre „Fußgängerzone des Geistes“, in der „die Differenz zwischen Sektvertretern und Staatsvertretern“ verloren gegangen sei. Eine ihrer Diagnosen lautete: „Es gibt eine Misere in Deutschland, die kann man nicht abwählen. Und es gibt ein Unvermögen, das kann kein Bruttosozialprodukt ausgleichen. Diese Unvermögen ist die Unfähigkeit zu Stilbewusstsein.“

B.: Ein Soziologe würde sagen, dass Verhässlichung und Vulgarisierung nun mal Sachverhalte jeder modernen Massendemokratie seien. Ich dagegen habe einen romantischen Blick, wie Menschen sein sollten, wie Kultur sein sollte. Ästhetik und Politik gehören für mich zusammen. Nehmen Sie die bisslose Harmlosigkeit politischer Karikaturen selbst in besseren Zeitungen, die Einfallslosigkeit der Reklame oder die psychologische Einfalt von Serienfilmen: eine Welt ohne formale Sophistication.

M.: Sie waren mit der Schriftstellerin Undine Gruenter verheiratet. Was lernt ein Literturtheoretiker, wenn er mit einer Literatin zusammenlebt?

B.: Die unausgesprochene Vereinbarung war, dass wir nicht über unsere Arbeit reden. Meine stille Bewunderung galt dem Lakonismus ihrer Wahrnehmung und ihrer Fähigkeit, Sachverhalte brutal zu benennen. Undine hatte eine tiefe Skepsis gegenüber meinen Wissenschaftskollegen. Auch den typischen gedankenvollen, kulturkritischen Aufsatz im „Merkur“ fasste sie, wenn überhaupt, nur mit spitzen Fingern an. Im Namen von etwas für etwas zu sein, fand sie unerträglich.

M.: Gottfried Benn unterhielt mit Undine Gruenters Mutter eine erotisch eingefärbte Brieffreundschaft. Mit 68 schrieb er ihr: „Zu Ihrem neulich gesandten Bild: mich stört der Säugling auf ihrem Arm, sieht so blöd aus.“ Der Säugling war ihre Frau, die in einem Waisenhaus landete.

B.: Bitte vermerken Sie mein Zögern, Ihnen über diese traumatischen Familienverhältnisse Auskunft zu geben. Als Undine geboren wurde, war ihr Vater, der Germanist Rainer Gruenter, Habilitand, die Mutter, Astrid Gehlhoff (das ist Astrid Claes, W.S.), schrieb an ihrer Promotion über Gottfried Benn und wollte Schriftstellerin werden – was ihr dann ja auch gelungen ist. Zu den Geldnöten der beiden kam die Schande der unehelichen Geburt, wie das damals hieß. Der Vater konnte seine Tochter nicht annehmen, da er noch mit einer anderen Frau verheiratet war. Das hätte seine Professorenkarriere gefährdet. So ist der Skandalfall zu erklären, dass Undine für eineinhalb Jahre in ein Heim kam. Anschließend lebte sie fünf Jahre bei ihren Großeltern.

(für Wolfgang Hoffbauer)

246: Blogger bleiben frei vom neuen Leistungsschutzrecht im Netz.

Donnerstag, August 30th, 2012

Im Bundeskabinett wurde das 7. Gesetz zur Änderung des Urheberrechtsgesetzes verabschiedet, zum ersten Mal in der deutschen Rechtsgeschichte ein Leistungschutzrecht für Presseverlage. Allerdings ist die Opposition im Bundestag dagegen. Suchmaschinen-Betreiber sollen künftig für ihren Zugriff auf journalistische Inhalte Gebühren bezahlen. Zwar nicht schon dann, wenn sie einen Zeitungsartikel nur verlinken, daran hat der Presseverlag ja selbst ein Interesse, sondern erst dann, wenn sie das mit einer Artikelzusammenfassung oder einem Ausschnitt aus dem Artikel garnieren.

Wir Blogger bleiben von solchen Verpflichtungen ausdrücklich frei (SZ 30.8.12). Das war der Hauptgegenstand der Kritik vor allem im Netz an dem ursprünglichen Gesetzentwurf gewesen. Wir dürfen wie bisher Presseartikel zitieren und verwerten. Wie Vereine, Verbände und gewerbliche Wirtschaft. Wir Blogger kommen sogar in den Genuß des Leistungschutzrechts, wenn der Blog-Beitrag eine „verlagstypische Leistung darstellt“.

Das Leistungsschutzrecht ist vom Recht des geistigen EIgentums, dem Urheberrecht, zu unterscheiden. Es wird oft „kleines Urheberrecht“ genannt, weil es die Texte schützt, die das Urheberrecht nicht erfasst. Das Urheberrecht schützt etwa Reportagen, Kommentare und Analysen, also Texte, die eine besondere geistige oder sprachliche Leistung darstellen. Das Leistungsschutzrecht schützt auch Texte, die keine besondere Schöpfungshöhe aufweisen.

237: Erwin Strittmatter 100: eine Biografie und die Tagebücher 1954-1973 entzaubern den Dichter.

Donnerstag, August 16th, 2012

Es ist meist ein wenig ungerecht, wenn große Künstler anlässlich von Jubiläen neu bewertet und eingeordnet werden. Denn dann kommen Dekonstruktionen ans Tageslicht, die sich manchmal gerade auf die dunklen Punkte im Leben der Künstler konzentrieren. Das ist andererseits verständlich, weil darin weithin die Interessen des Publikums berücksichtigt werden. Die Auflage steigt, und der Diskurs geht los. Wahrscheinlich ist an einigen  Stellen auch Neid dabei, der den Literaturbetrieb stets befeuert und den Literaturklatsch befördert.

So ist es in diesem Jahr auch Erwin Strittmatter gegangen, dessen Geburtstag sich zum hundertsten Mal jährt und der häufig mit dem Schauspieler Erwin Geschonnek verwechselt worden ist.

Annette Leo: Erwin Strittmatter. Die Biographie. Berlin (Aufbau) 2012, 448 S., 24,99 Euro.

Außerdem ist ein Teil von Erwin Strittmatters Tagebüchern erschienen:

Erwin Strittmatter: Nachrichten aus meinem Leben: Aus den Tagebüchern 1954-1973. Berlin (Aufbau) 2012, 601 S., 24,99 Euro. Die Herausgeberin ist Almut Giesecke

Wir kennen den Dichter als einen Chronisten der DDR, der unbeirrt von allen Parteilinien seiner Bestimmung gefolgt ist und das ländliche Leben authentisch schildert. Schon sein 1955 publizierter Roman „Tinko“ bekam den Nationalpreis der DDR. Viel gelesen wurden „Der Wundertäter“ (mit einer Abrechnung mit dem Stalinismus) und „Ole Bienkopp“. Und nach der Vereinigung Deutschlands haben viele von uns, wenn sie nicht „Der Laden“ gelesen haben, doch den danach gedrehten Fernsehfilm gesehen. Bekannt war seit langem, dass Erwin Strittmatter von 1956 bis 1959 in einer Hochzeit des kalten Kriegs erster Sekretär des Schriftstellerverbands der DDR gewesen war. Ganz fern konnte er der SED also nicht gewesen sein. Auch die frühe Zusammenarbeit mit Bertolt Brecht am Berliner Ensemble kennen Literaturinteressierte. Für kurze Zeit war Strittmatter Informant der Stasi.

Nun hatte 2008 Werner Liersch in der FAS bekanntgemacht, dass Strittmatter nicht nur aus der Wehrmacht desertiert war, wie er es immer angegeben hatte, sondern dass er Wachtmeister im Polizeibattaillon 325 gewesen war, aus dem im Februar 1943 das 3. Bataillon des SS-Polizei-Gebirgsjäger-Regiments 18 wurde. Diese Einheit war in Griechenland, Slowenien und auf dem Balkan zur Partisanenbekämpfung eingesetzt und hat dabei Kriegsverbrechen begangen, indem etwa Massaker an Zivilisten begangen wurden. Es war das Verhängnis von Strittmatters Generation, in so etwas hineingezogen werden zu können. Das erinnert uns an Günter Grass.

Nun haben sich Anja Maier (taz 28./29.Juli 2012), Annett Gröschner (Literarische Welt 11. August 2012) und Jörg Magenau (SZ 14./15. August 2012) die neue Biographie Erwin Strittmatters und seine Tagebücher zur Rezension vorgenommen. Und dabei kommen neue unappetitliche Details ans Tageslicht. So, dass sich Strittmatter lange Zeit vergeblich bemüht hat, Mitglied der Waffen-SS zu werden. Dass er nach 1945 alle Verbindungen zu den Nazis geleugnet und sein Leben vertuscht hat. Wie so viele andere Zeitgenossen auch. An seine Eltern schrieb Strittmater aus Slowenien 1942: „Dann nahmen wir es (das Dorf) endlich und brannten es nieder.“ In der Ukraine wollte Strittmatter „sich ein ordentliches Stück Land mausen“.

Die Biographin Annette Leo konnte die Kriegsbriefe Strittmatters auswerten, weil seine Söhne sie ihr gegen den Willen der dritten Frau, Eva Strittmatter, ausgehändigt hatten. Dazu der Sohn Erwin Berner: „Sein Werk ist so groß, es wird das aushalten.“ Das ist die Frage. So schreibt Anja Maier über Erwin Strittmatters Verhältnis zu seiner 2010 gestorbenen Frau Eva, einer angesehenen Lyrikerin in der DDR: „Es ist schwer erträglich zu lesen, wie dieser Mann, der in seinen Büchern berührend über Liebesdinge schrieb, das Selbstbestimmungsrecht seiner eigenen Frau missachtete.“ Als 1957 Walter Janka, der Direktor des Aufbau-Verlags, in einem Schauprozess zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, schrieb Strittmatter dazu: „Die Strafvollstreckung in solchen Fällen sollte anders geschehen. Etwa wie jetzt in China. Zurück zur Handarbeit mit dem Lohn einfacher Handarbeiter auf Staatsfarmen.“

Strittmatters Herkunft aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, eine Bäckerlehre, Jahre als Hilfsarbeiter und Tierzüchter prädestinierten ihn zum prototypischen Arbeiter- und Bauernschriftsteller. „Strittmatter war Realist genug, um Funktionäre als Holzköpfe zu zeigen und die veheerenden Auswirkungen planwirtschaftlicher Vorgaben auf dem Land nicht zu verschweigen. Den Bau der Berliner Mauer akzeptierte er dagegen, ja, befürwortete ihn als Notwendigkeit.“ Nicht leicht zu ertragen ist der autoritäre Erwin Strittmatter, „der nach Ausbrüchen des Jähzorns, vor allem gegenüber den Kindern, immer wieder in Selbstmitleid verfällt, bis hin zu Selbstmordgedanken“.

Anja Maier schreibt dazu: „Man muss gar nicht so viel über Strittmatter wissen, um zu begreifen: Dieses Vertuschen, die Angst vor Entdeckung muss ihn, den Moralisten, nach dem Krieg endlos viel Kraft gekostet haben. Und es mag ihm dies eigenbrötlerische Leben aufgezwungen haben, das er geführt hat: schreibend auf einem Hof in den Wäldern Brandenburgs, sich immer wieder dem Zugriff des Staates, des Literaturbetriebs entziehend.“

Strittmatters Enkelin Judka Strittmatter hat sich kürzlich in dem ebenfalls bei Aufbau erschienenen Roman „Die Schwestern“ nachträglich mit den Mitteln der Schriftstellerin gegen die Missachtung durch ihren Großvater gewehrt. Damit hat sich schon am 27. Mai 2012 Volker Weidermann in der FAS befasst. In den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt er aber einen Bief Erwin Strittmatters aus dem Jahr 1958 an einen alten Freund, den ebenfalls 1912 in Spremberg geborenen Schriftsteller Peter Jokostra. Dieser hatte es gewagt, Strittmatter ein Gedicht zu widmen. Daraufhin schrieb der, erstens seien Jokostras Gedichte unverständlich, zweitens Dekadenzliteratur, der Dichter selbst anmaßend und dumm. Und dann wurde der erste Sekretär des Schriftstellerverbands der DDR deutlich: „Man wird dieses Büchlein in Grund und Boden kritisieren und das meiner Meinung nach mit Recht. Das aber wird zur Folge haben: Man wird Dir Lektorate, die Du fertigtest, nicht mehr anvertrauen. Eines wird sich aus dem anderen ergeben, und das finde ich schade für Dich und Deine rein materielle Existenz.“

Volker Weidermann sieht in diesem Brief Strittmatters „ein Meisterwerk politisch-poetischer Perfidie, das eiskalte Dokument eines Funktionärs, der sich in der Sekunde von einem alten Freund trennt, in der er für ihn gefährlich zu werden droht“.