Archive for the ‘Literatur’ Category

390: Salman Rushdie: Kulturrelativismus ist gefährlich.

Dienstag, März 26th, 2013

Für seinen Roman „Die satanischen Verse“ wurde 1989 über Salman Rushdie vom iranischen Staatspräsidenten Ayatollah Khomeini die Fatwa verhängt. Damit war er zum Tode verurteilt. Er musste über ein Jahrzehnt lang unter Polizeischutz leben. Als Decknamen für sein Leben im Verborgenen wählte Rushdie „Joseph Anton“ nach den Vornamen seiner Lieblingsschriftsteller Joseph Conrad und Anton Tschechow. Rushdies jüngstes Buch heißt ebenfalls „Joseph Anton“.

Nun hat Rushdie bei der Verleihung des „Reemtsma Liberty Award 2013“ an die ARD-Journalistin Bettina Rühl in Berlin die Eröffnungsrede gehalten. Lothar Müller hat ihn für die SZ interviewt (23./24.3.13).

SZ: Für einen Westeuropäer bestand bis 1989 der Ost-West-Gegensatz vor allem in der Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion. Wenn jetzt von der Ost-West-Spannung die Rede ist, geht es meist um das Gegenüber der Kulturen, der Zivilisationen.

Rushdie: Einer der Punkte, in denen Karl Marx irrte, war der Primat der Ökonomie. Die Lektion der letzten dreißig Jahre ist, dass die Leute für ihre kulturellen Interessen aktiv werden oder für das, was sie für ihre Kultur halten, selbst wenn es ihren ökonomischen Interessen zuwiderläuft. Und das ist für die Auffassungen von der Freiheit von großer Bedeutung. Wenn Sie zur herrschenden Klasse in China gehören, unterscheiden sich ihre Auffassungen darüber, wie viel Freiheit den Leuten erlaubt sein soll, erheblich von den westlichen Vorstellungen. Und Sie werden darum bemüht sein, ihre Auffassung als „natürlich“ im chinesischen Kontext erscheinen zu lassen. So wie manche Leute in der islamischen Kultur vom westlichen Konzept der Freiheit behaupten, es sei ihrer Kultur nicht angemessen. Ich halte das für Bullshit. Den jungen Leuten, die auf dem Tahrir Platz demonstrierten, ging es nicht um irgendeine islamische, besondere Art von Freiheit. Sondern um das, was überall auf der Welt unter Freiheit verstanden wird. Es ging ihnen um eine offene Gesellschaft. Sie haben das nicht bekommen, sondern stattdessen eine islamische Regierung. Meine Ansichten hierüber gehen auf ein sehr altes Argument zurück:

es gibt so etwas wie universelle Werte.

Derzeit wird oft behauptet, alles sei relativ, von der jeweiligen Kultur abhängig. Diesen Kulturrelativismus halte ich für gefährlich, er wird gern von Diktatoren und autoritären Regimes benutzt.

SZ: Die Republik der Literatur, von der sie sprechen, ist eine säkulare Republik. Aber zu den Lehren der letzten Jahrzehnte gehört auch, dass Modernisierung nicht zwangsläufig mit Säkularisierung verbunden ist.

Rushdie: Da ist die Lage derzeit sehr komplex. In Teilen der Welt hat die Auflösung korrupter säkularer Regimes den Weg frei gemacht für ihre Ersetzung durch religiöse Regimes. Das Regime des Schah im Iran war ein säkulares Regime, das bei der Bevölkerung verhasst war, danach kam Khomeini an die Macht, ähnlich war es in Algerien, der Aufstieg der „Islamischen Heilsfront“ FIS war eine Folge der Unzufriedenheit mit der säkularen Regierung. Säkularismus ist kein automatisch wirkendes Heilmittel gegen alle Übel, korrupte säkulare Leute sind genau so gefährlich wie korrupte religiöse Leute. Und im übrigen – ganz so säkular ist meine literarische Republik dann doch nicht. Es gehören ihr viele Autoren an und sind meine Freunde, die sich selbst in religiösen Begriffen beschreiben würden. Und auch für mich selbst gilt, ganz unabhängig davon, ob ich ein gläubiger Mensch bin oder nicht: als Schriftsteller muss ich mit Empathie über Leute schreiben können, die an Gott glauben. Sonst würde ich sehr enge Bücher schreiben. Auch in den „Satanischen Versen“ gibt es Gläubige, die mit großer Sympathie porträtiert werden.

SZ: Welche Rolle spielen für Sie die großen Städte?

Rushdie: Ich bin ein Schriftsteller der großen Stadt, nicht des Landes. In meinem Leben waren das vor allem drei: Bombay, London und jetzt New York. Diese Städte haben mich mehr geformt als alles andere.

SZ: Was sind die Unterschiede?

Rushdie: Natürlich gibt es Unterschiede, aber interessant ist, wie viele Ähnlichkeiten es gibt. Wenn man einmal gelernt hat, in einer großen Stadt zu leben, kann man in jeder leben. New York wie London sind Einwandererstädte, zu den Unterschieden gehört, dass es in London noch eine starke dominante Kultur gibt, die britische, und die Minderheitskulturen. Das ist in Amerika anders. New York und Los Angeles sind von Minoritäten geschaffen worden, da gibt es keine starke dominante Kultur.

381: Philip Roth wird 80: nichts als Täuschung und Lüge

Mittwoch, März 20th, 2013

Der große amerikanische Schriftsteller Philip Roth wird 80 Jahre alt. Unter 292 (Literatur) habe ich am 12.11.2012 hier schon über den Schöpfer von u.a. Alexander Portnoy, Nathan Zuckerman, Mickey Sabbath und Coleman Silk geschrieben. Christopher Schmidt schreibt über Roth in der SZ (19.3.2012) eine Eloge. Er hat sich davor schon mehrmals als Enthusiast bewährt.

„Es gibt Schriftsteller, die im Alter nachgiebiger werden, vor allem gegenüber sich selbst, und entsprechend geschwätzig. Und es gibt solche, die immer lakonischer werden, unerbittlich und schroff bis zur Beleidigung. Philip Roth gehört definitiv zur zweiten, der stacheligen Kategorie. Kaum ein anderer großer Autor ist so offensiv gealtert wie dieser überragende Protagonist der amerikanischen Gegenwartsliteratur – und zwar als Künstler ebenso wie als Mann.“

Roth erschrieb sich mit seiner Trilogie „Amerikanisches Idyll“, „Mein Mann, der Kommunist“ und „Der menschliche Makel“ den Rang eines Historikers der amerikanischen Gefühlswelten. Begonnen hatte er eher bei sich selbst, als er schrieb: „Mein Schwanz war eigentlich das einzige, was wirklich mir gehörte.“ Natürlich verstörte er die prüde US-Gesellschaft. Das Jüdische, das Amerikanische und das Großstädtische dominierten. Windräder in der Lüneburger Heide kamen bei ihm nicht vor. Wohl aber eine große Portion jüdischen Selbsthasses, den wir bei Theodor Lessing kennengelernt haben.

1981 sagte Roth zu Alain Finkielkraut: „Meine Autobiografie bestünde fast gänzlich aus Kapiteln darüber, wie ich allein in einem Zimmer sitze und vor mir auf eine Schreibmaschine starre.“ In „Der menschliche Makel“ formulierte Philip Roth seine Verachtung der Gesellschaft, die er sieht als „die Tyrannei des Wir, das alles daransetzt, einen einzusaugen, dieses zwingende, einvernehmende, historische, unvermeidliche, moralische Wir mit seinem hinterhältigen E pluribus unum“.

Schriftsteller konnte Roth, wenn er wollte, auch sehr böse sehen. Etwa in einem Leserbrief von Amy Bellette an die „New York Times“, in dem es um das Verhältnis von Schriftstellern und Feuilleton-Journalisten geht und den Nathan Zuckerman liest: „Der Schriftsteller arbeitet jahrelang allein, gibt sich ganz und gar dem Schreiben hin, denkt über jeden Satz zweiundsechzigmal nach und hat doch keinerlei übergeordnetes literarisches Bewusstsein, Verständnis oder Ziel. Alles, was der Schriftsteller akribisch aufbaut, Satz für Satz und Detail für Detail, ist nichts als Täuschung und Lüge. Der Schriftsteller hat keinerlei literarisches Motiv. Sein Interesse, die Wirklichkeit abzubilden, geht gegen null. Seine Motive sind immer persönlicher und grundsätzlich niedriger Natur.“ (P. R.: Exit Ghost. Rowohlt, Hamburg 2009, S. 198)

345: Henning Mankell: Wir brauchen keine EU.

Sonntag, Februar 3rd, 2013

Henning Mankell hat etwa 40 Millionen Bücher verkauft und ist in 30 Sprachen übersetzt worden. Der Krimiautor (geboren 1948) ist heute ein Weltschriftsteller, der sich für Afrika engagiert. Er lebt einen Teil des Jahres in Mocambique. Mit 15 Jahren hatte er die Schule verlassen und war nach Paris gegangen. Bettina Weiguny hat ihn für die FAS (3.2.13) interviewt.

FAS: Warum Paris?

Mankell: Alle wollten in den sechziger Jahren nach Paris. Das musste man machen, wenn man jung und wild war und schreiben wollte. Die Stadt war für uns, was Berlin für die Kreativen aus aller Welt heute ist. Paris hat sein Flair längst verloren.

FAS: Was haben Sie in Paris gelernt?

Mankell: Wissen Sie, ich kam dort Ende Januar an mit 200 Franc in der Tasche, das war lächerlich wenig. Trotzdem habe ich es geschafft, mich dort ein ganzes Jahr lang über Wasser zu halten, ohne finanzielle Unterstützung. Ich habe jede Art von Aushilfsjob angenommen, an erbärmlichen Orten geschlafen. Ich weiß seither, wie wichtig Geld ist. Man braucht nicht viel davon, aber wer gar nichts hat, verzweifelt und wird leicht kriminell.

FAS: Sind die vielen Milliarden, die weltweit in Hilfsprojekte gegen die Armut gesteckt werden, zu wenig – oder ineffizient eingesetzt?

Mankell: Das ganze System ist krank. Wir pulvern mehr Geld in die Erforschung von Diät-Mitteln als in die Entwicklung von HIV-Impfstoffen. Wir geben für Hundefutter mehr Geld aus, als wir brauchten, damit alle Kinder zur Schule gehen könnten. Und wir lassen zu, dass ein Mensch wie Bill Gates so reich wird, dass er einflussreicher ist als ganze Volkswirtschaften. Ich glaube, dass Bill und Melinda die finanziellen Mittel ihrer Stiftung gut einsetzen. Trotzdem ist es lächerlich, dass sie so viel verdient haben. Das darf nicht sein.

FAS: Sie sagen, Afrika hat Sie zu einem besseren Europäer gemacht. Was meinen Sie damit?

Mankell: Ich blicke anders auf meine Heimat. Afrika schärft meine Sinne für das Gute und das Schlechte in Europa. Ich habe in den neunziger Jahren in Schweden gegen die Einführung des Euro gestimmt – und bin heute froh darüber, dass Schweden kein Euroland ist. Mir hat auch die Idee des von Politikern gemachten Europa nie gefallen – es würde mich nicht wundern, wenn es kollabiert.

FAS: Die Vorstellung weckt in Ihnen keine Angst?

Mankell: Nein, ich glaube nicht, dass Deutschland und Frankreich noch mal Krieg führen werden. Wir leben längst in einer anderen Welt, wir brauchen keine EU. Die Union bringt mehr Probleme als Nutzen.

FAS: Sie würden ein stärkeres wirtschaftliches Engagement des Westens (in Afrika, W.S.) begrüßen?

Mankell: Die Frage, die auch meinem Buch „Der Chinese“ zugrunde liegt, ist doch: Legt China einen neuen Kolonialismus in Afrika an den Tag? Da muss man genau aufpassen, was sie tun, denn sie führen sich zum Teil wie Kolonialherren auf. Andererseits fordern sie den Westen heraus, Afrika endlich wahrzunehmen. Das finde ich gut. Also, wenn ich ein Geschäftsmann wäre, was ich nicht bin, hätte ich längst in Afrika investiert.

FAS: Sie schreiben auch „Tatort“-Storys. Mögen Sie die deutschen Sonntag-Abend-Krimis?

Mankell: Ich schreibe gelegentlich für den Kieler „Tatort“, das stimmt. Das mache ich aber vor allem meinem Freund Axel Milberg zuliebe, der den Kommissar Borowski spielt.

341: Hugo Bettauer – 1925 in Wien ermordet

Freitag, Februar 1st, 2013

Hugo Bettauer wurde 1925 in Wien in seiner Redaktion von Otto Rothstock ermordet (Ralf Leonhard „taz“ 29.1.13). Er gehört damit in die lange Reihe ermordeter Juden hinein, Walther Rathenau, Maximilian Harden, Theodor Lessing, Erich Mühsam … Der Mörder rechtfertigte sich damit, dass er die Gesellschaft vor dem „großen Pornografen“ habe schützen müssen.

Hugo Bettauer, der als Sohn ostjüdischer Einwanderer schon früh zum Protestantismus übergetreten war, setzte sich mit der Sozialdemokratie für Frauenrechte ein und kämpfte gegen das Abtreibungsverbot. Seine Romane wie „Die Stadt ohne Juden“ und „Der Kampf um Wien“ waren gewiss keine literarischen Meisterwerke, erreichten aber erstaunlich hohe Auflagen. 2012 wurden sie vom Metroverlag und vom Milenaverlag neu verlegt. Das ehrt den Kämpfer für Emanzipation und Demokratie. Bettauer träumte von einer Versöhnung zwischen arm und reich, musste aber erkennen, dass seine Vorstellungen sich in der österreichischen Gesellschaft nicht verwirklichen ließen.

Hugo Bettauer gab Erotikmagazine heraus, in denen es zwar keine Aktfotos gab, aber Kontaktanzeigen. In einem Prozess wegen Pornografie und Kuppelei wurde er freigesprochen. Seine Pläne für eine Arbeiterselbstverwaltung galten als kommunistisch, seine politischen Ansichten als umstürzlerisch und sein gesellschaftlicher Liberalismus als anrüchig.

So manche Inkonsistenz in seinen Texten lässt sich damit erklären, dass Bettauer, ein manischer Vielschreiber, seine Romane oft als Fortsetzungsgeschichten in Tageszeitungen publizierte und oft tagesaktuelle Ereignisse einbaute. Bettauers Magazin „Er und Sie – Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik“ kann als Vorläufer von „Dr. Sommer“ in der „Bravo“ gelten. In der zeitgenössischen deutsch-nationalen Presse wurde Bettauer als „räudige Talmudseele“ oder „perverses Kloakentier“ bezeichnet. So schrieben die Schreibtischtäter, die seinen Mord vorbereitet haben.

Hugo Bettauer befand sich in einem auch für andere Menschen klassischen Dilemma, indem er sich für die assimilierten Juden einsetzte und dabei wenig Verständnis für Ostjuden zeigte. Der kanadische Bettauer-Forscher Murray Hall schreibt dazu: „Es gab diese Angst, dass eine Reaktion gegen die Ostjuden überschwappen und sich gegen die assimilierten Juden richten könnte. Deswegen hatte Bettauer für die Ostjuden nicht viel übrig.“ Eine tragische Fehleinschätzung.

329: „Neger“ und „Zigeuner“ im Kinderbuch

Dienstag, Januar 15th, 2013

Seit Frau Ministerin Schröder sich an die Spitze der Bewegung zur „Reinigung“ von Kinderbüchern gestellt hat, können wir einiges erwarten. Aber was? Jedenfalls nimmt sich nun mit Burkhard Müller (SZ 15.1.2013) jemand des Themas an, den ich für einen der klügsten Journalisten halte, die ich lese. Und natürlich setzt er ein mit dem 170 Jahre alten „Struwwelpeter“. Da lesen wir: „Es ging spazieren vor dem Tor/ein kohlpechrabenschwarzer Mohr.“ Zweifellos politisch und literarisch nicht korrekt. Allerdings ist die pädagogische Absicht hier ganz und gar klar. „Auch wenn jemand anders ist als du, sollst du ihn doch wie deinesgleichen behandeln.“

Müller zeigt, dass sich bei Wilhelm Busch eine Generation später schon das Ressentiment einschleicht: „Der Elefant geht froh nach Haus/Der Mohr sieht wie ein Kaktus aus.“ Das Ressentiment kommt hier über den Reim, aber es kommt. Viele von uns können ohnehin den allfälligen Sadismus bei Busch nicht erkennen.

Müller nimmt diejenigen in den Blick, die sich von der „Political Correctness“ nicht bevormunden lassen wollen. Er verweist darauf, dass Geschichte eben nicht die Summe des Vergangenen als solche ist, sondern „vielmehr das Vergangene in seinem Bezug auf die jeweilige Gegenwart“. Historisierung und damit Umdeutung findet immer – auch unwillkürlich – statt. Die historisch Bewussten verschanzen sich manchmal hinter ihrer „Naivität“, wie Müller meint. Sie tun so, als wollten sie den dichterischen Wert von Kinderbüchern erhalten oder die „unverfälschte Quelle“. Das bezeichnet Müller, der hier einen starken Begriff nicht scheut, als

„reaktionären Infantilismus“.

Dem kann ich mich nicht ganz entziehen. Zumal Kindern doch, wie Müller wohl zu Recht unterstreicht, der „historische Sinn“ fehlt. Für sie ist alles aus einer Geschichte Gegenwart. Und die bleibt haften. Für das ganze Leben. Müller verweist auf George Orwell, der von uns verlangt, dass wir jemand so nennen, wie er von uns bezeichnet werden will. „Ein Nein seitens der Gemeinten sollte genügen, um alle Diskussionen um Neger und Zigeuner abzuschneiden.“

Dann wird der Wandel in den Begriffen aufgeführt mit Nigger/Neger/Farbiger/Schwarzer/Afro-Amerikaner. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Obwohl wir berücksichtigen müssen, dass dann, wenn in Mark Twains Werken (u.a. „Tom Sawyer“ und „Huckleberry Finn „) „Nigger“ durch ein anderes Wort ersetzt würde, sich der Sinn des Ganzen veränderte. Denn hier bezeichnet und denunziert „Nigger“ ja gerade durch seine Verwendung in der wörtlichen Rede und im inneren Monolog rassistisches Denken. Trotzdem gibt es US-amerikanische Universitäts-Bibliotheken, in denen Twains Werke nicht mehr greifbar sind. Zensur?

Burkhard Müller macht uns auf die weit verbreitete Heuchelei bei unserem Thema aufmerksam. „Man denke nicht zu schlecht von der Heuchelei. Sie stellt eine vertrackte Sonderform des guten Willens dar, der sich bloß sozusagen in den Arm fällt. Ja, eigentlich haben wir es bei dieser Debatte mit zwei konkurrierenden Heucheleien zu tun. Die eine gibt vor, das Alte sei schon als solches heilig, um dem Neuen aus dem Weg zu gehen. Die andere führt punktuell das Neue ein, damit insgesamt doch alles beim Alten bleibt. Und in jedem Fall sind es besorgte Eltern, die es tun. Was man ihnen wünschen soll? Rebellische Kinder natürlich.“

Insofern hat Ministerin Schröder anscheinend nicht ganz unrecht. Das habe ich bei ihr ja noch nie so gesehen.

320: Maxim Billers 2012 „zu häufig gesehene Personen“

Dienstag, Januar 1st, 2013

1. Peter Sloterdijk

Keiner schreibt so viel und denkt so wenig wie er. Politisch undurchsichtig, ästhetisch unentschieden, passt der Karlsruher Totalphilosoph genau in die verlorene Zeit, in der wir leider leben.

2. Benjamin Netanjahu

Der Mann, der klammheimlich das Westjordanland annektiert – übrigens wie alle anderen israelischen Regierungschefs seit Levi Eshkol vor ihm -, wird auch nächstes Jahr damit nicht aufhören. Und am Ende wird ihm die Geschichte, die keine Gerechtigkeit, sondern nur Fakten kennt, auch noch recht geben.

3. Alice Schwarzer

Am Anfang jeder Revolution geht es um Freiheit, am Ende um Macht. Alice Schwarzer ist, historisch betrachtet, noch gar nicht so lange Teil der Bewegung, und die Frage ist nur, hat sie schon genug Macht und Ruhm für sich selbst erkämpft, um, am besten auf bild.de, das Ende der Frauenrevolution zu verkünden?

4. Rolling Stones

Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass diese angeblich bandigste Band der Welt seit „Miss you“, also seit 1978, keinen einzigen erstklassigen Hit mehr hatte? Und hat sich schon mal jemand gefragt, warum Jagger und Richards sich nicht wenigstens mit ihren Millionen ab und zu einen Hit kaufen? Weil sie dickköpfige, alte Männer sind, und die hören bekanntlich bis zu ihrem letzten Atemzug nicht auf andere Leute.

5. Gerhard Richter

Viele Videokünstler waren früher schlechte Maler. Gerhard Richter war früher ein Streber des sozialistischen Realismus, der auch schon mal im Auftrag der SED Agitationskunst lieferte. Seit er seine geniale Palimpsest-Technik des sprichwörtlichen Verwischens jeder persönlichen moralischen Klarheit und Konsequenz entwickelt hat, wächst sein Ruhm. Warum? Weil wir alle Heuchler und Verräter an unserer eigenen Jugend sind, und er ist unser Guru.

7. Warren Buffet

Gibt es den bösen Spekulanten, der so tut, als sei er ein guter Spekulant? Ja, natürlich, und wir wünschen ihm jetzt schon alles Gute und alles Schlechte zu seinem 83. Geburtstag am 30. August 2013!

8. Gott

Existiert auch nächstes Jahr leider wieder nicht (FAS 30.12.12).

315: Brüder Grimm für die Geschichte der Deutschen sehr wichtig

Donnerstag, Dezember 20th, 2012

Anlässlich 200 Jahren Grimms Märchen interviewt Werner Bloch in der SZ (20.12.12) den Geschäftsführer der Brüder-Grimm-Gesellschaft in Kassel, Bernhard Lauer.

SZ: Wie wurden denn die Märchen im Dritten Reich behandelt?

Lauer: Die Nationalsozialisten haben natürlich auch die Kinder- und Hausmärchen für ihre Zwecke instrumentalisiert. Es gab Tendenzen in der Grimm-Forschung Richtung Blut und Boden, manche versuchten, antisemitische Elemente in den Grimmschen Märchen herauszufiltern, die es durchaus gibt, aber das ist ja nun Volkspoesie, die von den Brüdern Grimm gesammelt worden ist, und das kann man nicht eins zu eins in die Nazizeit versetzen. Sicherlich haben viele Exponenten der romantischen Bewegung in Deutschland auch einige judenkritische Äußerungen getan, da stellen auch die Brüder Grimm keine Ausnahme dar, aber das ist etwas völlig anderes als der Antisemitismus im 20. Jahrhundert. Es gibt zum Beispiel ein furchtbares Machwerk, da liegt Dornröschen schlafend, ist natürlich total blond und germanisch, und dann steht da der Prinz und erweckt sie mit dem Hitlergruß.

SZ: Inwieweit haben die Grimms zur Entstehung des deutschen Nationalstaates beigetragen?

Lauer: Den Brüdern Grimm war natürlich klar, dass die Märchen internationale Erzählstoffe darstellen und dass es neben den deutschen eine ganze Reihe von westlichen und östlichen Quellen gibt. Deswegen haben sie die Märchen auch nicht „Deutsche Märchen“ genannt, sondern Kinder- und Hausmärchen, ohne das Beiwort deutsch. Gleichwohl hat das Zusammentragen von allem, was man unter Volksdichtung versteht, sicher dazu beigetragen, dass die Deutschen sich langsam dessen bewusst wurden, dass sie eine Sprache sprechen und in einer gemeinsamen kulturellen Tradition stehen, obwohl das Deutsche Reich damals durch eine Vielzahl von Königreichen und Fürstentümern geteilt war.

SZ: Wo standen die Brüder Grimm politisch? Waren es konservative Revolutionäre, wie manche meinen?

Lauer: Es gibt in diesem Jahr neben dem Märchenband noch ein weiteres großes Jubiläum: die „Göttinger Sieben“ (1837) sind in diesem Jahr 175 Jahre alt, und das ist natürlich auch im Hinblick auf die Grimms ein herausragendes Ereignis, weil diese hier als aufrechte Männer gegen die Fürstenwillkür aufgetreten sind. Das haben sie mit dem Verlust ihrer Arbeit in Göttingen bezahlt, sie sind von Ernst August von Cumberland, König von Hannover, sofort rausgeschmissen worden und mussten binnen drei Tagen das Land verlassen. Das hat dazu geführt, dass die Brüder Grimm mit ihren Werken in den politischen Diskurs gekommen sind. 1846/47 war Jacob Grimm Vorsitzender der ersten Germanistenversammlung. Die Germanistenversammlungen sind dann überführt worden in die erste deutsche Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche, und dort hat auch Jacob Grimm einen Sitz gehabt, und zwar den ehrenvollsten von allen in der Mitte des Rednerganges und keinem der politischen Lager zugehörig. Und dort hat er einen sehr schönen Satz gesagt zu den Grundrechten des deutschen Volkes: „Das deutsche Volk ist ein Volk von Freien, und deutscher Boden duldet keine Knechtschaft. Fremde, Unfreie, die auf ihm verweilen, macht er frei.“

SZ: Das weckt allerdings aus heutiger Sicht eher grausige Assoziationen.

Lauer: Für die Zeit war das ganz fortschrittlich gedacht, und ich bin der Meinung, dass, wenn wir die Geschichte der Deutschen nach 1945 betrachten, auch dieses Grimmsche Gedankengut eine Rolle spielt: dass man ein Volk definiert auf Grund seiner gemeinsamen Sprache, seiner gemeinsamen Kulturtradition. Das ist wichtig für die Geschichte zwischen Deutschland-West und Deutschland-Ost bis hin zur Wiedervereinigung. Denn das von den Grimms begonnene große deutsche Wörterbuch ist ja von ihren Nachfolgern in intensiver Zusammenarbeit zwischen Göttingen und Ostberlin fortgesetzt worden bis in die Zeit der deutschen Teilung. Die Grimms sind für die Geschichte der Deutschen sehr wichtig.

313: Martin Suter über „Psychologen-Quatsch“

Donnerstag, Dezember 13th, 2012

Der Schweizer Schriftsteller Martin Suter, 64, („Der Koch“, „Die Zeit, die Zeit“) der auch von Krimi-Lesern geschätzt wird, hat der SZ ein Interview gegeben (Alexander Hagelüken und Hannah Wilhelm, 7.12.12). Dabei wurde er auch nach seinem vor drei Jahren gestorbenen Sohn gefragt.

SZ: Kann man den Tod eines Kindes überhaupt verarbeiten?

Suter: Nein, das glaube ich nicht. Da kann man nur versuchen, damit zu leben. Verarbeiten oder Trauerarbeit – was soll das sein? Das ist Psychologen-Quatsch. Man kann nur versuchen, das mit Abstand in sein Leben einzubauen. Irgendwie.

311: Rudolf Alexander Schröder – „wesentlich zweideutig“

Dienstag, Dezember 11th, 2012

Von ihm hätten wir fast eine neue Nationalhymne erhalten. Wenn es nach Theodor Heuß gegangen wäre („Land des Glaubens, deutsches Land“). Rudolf Alexander Schröder (1878-1962) ist 50 Jahre nach seinem Tod eine Tagung im Deutschen Literaturarchiv Marbach gewidmet worden (Michael Stallknecht, SZ 11.12.12). Schröder war Mitbegründer der Zeitschrift „Die Insel“ und damit des gleichnamigen Verlags. Dessen Archivbestände sind 2009 mit denen des Suhrkamp-Verlags, der jetzt einen Machtwechsel erleben könnte, in das „Siegfried Unseld Archiv“ gewandert.

Rudolf Alexander Schröder war ein prominentes Mitglied der „Inneren Emigration“ und genoss bis 1945 ein hohes Ansehen. Wehrmachtssoldaten wandten sich an ihn um Trost. 1935 hatte Schröder sich von seiner Heimatstadt Bremen in den Chiemgau zurückgezogen. Er gehörte zur „Bekennenden Kirche“, hielt aber auch Kontakt zu regimetreuen Theologen. Im Ersten Weltkrieg hatte der Dichter der Armee als Zensor gedient (nicht als einziger Schriftsteller). Aus dieser Zeit stammt „die größte Sünde meines Lebens“, der nationalistische Zyklus „Heilig Vaterland“.

Mit Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Borchardt pflegte Schröder eine intensive Künstlerfreundschaft. Ohne ihn könnte man die beiden anderen nicht verstehen. Er selbst ist ziemlich in Vergessenheit geraten und infolgedessen auch kaum erforscht. Anscheinend hat er vieles nicht wirklich zu Ende gedacht. Robert Norton (University of Notre Dame/Indiana) erkennt an Schröder „etwas wesentlich Zweideutiges“. Das würde Schröder mit vielen Schriftsteller-Kollegen verbinden.

308: Verschwindet Suhrkamp ?

Freitag, Dezember 7th, 2012

61 Prozent der Gesellschafteranteile am Suhrkamp Verlag hält die Siegfried und Ulla Unseld-Familienstiftung, 39 Prozent die Medienholding Winterthur. Beide haben beim Landgericht Frankfurt beantragt, den je anderen aus der Gesellschaft auszuschließen (Lothar Müller, SZ 7.12.12). Das hat den Vorsitzenden Richter Norbert Höhne veranlasst zu sagen: „Beide Gesellschafter sehen sich offenbar wechselseitig als Inkarnation des Bösen.“ Der Chef der Medienholding Winterthur, Hans Barlach, ein Neffe Ernst Barlachs, hat die Lage durch einen Zusatzantrag verschärft, der verlangt, dass bei einem Scheitern seines Antrags das Gericht die Auflösung der gesamten Gesellschaft verfügen möge. Das würde bedeuten: Aufteilung des Verlagsvermögens auch gegen den Willen der Mehrheitsgesellschafterin Ulla Unseld.

Damit droht einer der wichtigsten Verlag der Nachkriegszeit in Deutschland zu verschwinden. Der Verlag ist vor drei Jahren nach Berlin gezogen.

Beim Landgericht prozessieren beide Parteien darüber, ob die Suhrkamp Geschäftsführung Verlagsgelder bei der Renovierung und Anmietung der Privatvilla von Frau Unseld für repräsentative Empfänge und Autorentreffen veruntreut hat.

Hans Barlach beziffert den Verlagswert auf 75 Millionen Euro, was es der Unseld-Stiftung als Mehrheitsgesellschafterin unmöglich machen würde, die Medienholdung Winterthur auszuzahlen. Denn das würde dann knapp 30 Millionen Euro kosten.