Archive for the ‘Literatur’ Category

466: Daniel Kehlmann über Büchner, Schopenhauers Philosophie und über’s Windeln-Wechseln

Freitag, August 30th, 2013

Daniel Kehlmanns neuer Roman „F“ ist von Richard Kämmerlings („Die Welt“, 24.8.) und Volker Weidermann (FAS 25.8.) gelobt worden. Ich habe ihn noch nicht gelesen.

Michael Ebert und Sven Michaelsen haben Kehlmann im SZ-Magazin (30.8.) interviewt.

SZ: Warum lesen Männer spätestens ab fünfzig statt Romanen lieber Sachbücher und Biografien?

Kehlmann: Die romantisch-schwärmerische Seite in einem wird schwächer, während das Interesse an der Welt selbst wächst. Man möchte die Dinge verstehen lernen, statt sich auf erfundene Geschichten einzulassen. Grundsätzlich finde ich das nicht schlimm. Obwohl ich noch nicht mal vierzig bin, wächst auch bei mir das Interesse an guten Sachbüchern.

SZ: In Ihrem neuen Roman F wird einer der Helden von einem Jugendlichen zusammengetreten und mit einem Butterflymesser aufgeschlitzt. Sterbend schleppt er sich in seine Wohnung und verwest dort. Empfinden Sie Lust, wenn Sie ihre Figuren niedermetzeln?

Kehlmann: Im Gegenteil. Der Tod dieser Figur hat mich mitgenommen. Ich wollte ja gerade die Plötzlichkeit und Sinnlosigkeit ausdrücken, mit der das Verhängnis kommen kann. Georg Büchner hätte achtzig Jahre alt werden und die deutsche Literatur für immer verändern können. Es gibt keine innere Logik darin, dass er mit 23 gestorben ist – und das gilt für alle Menschen.

SZ: Ist beim Schreiben Ihr Computer an?

Kehlmann: Man kann gar nicht offline genug sein beim Schreiben. Sonst klickt man bei der ersten Schwierigkeit auf „News“ und guckt, was in der Welt passiert. Aus diesem Grund schreibe ich seit ein paar Jahren wieder mit der Hand. Jonathan Franzen ließ sogar seinen Arbeitslaptop von einem Techniker so manipulieren, dass man damit überhaupt nicht mehr ins Internet kommt.

SZ: Sie haben mit 16 in Ihrer Freizeit Schopenhauer gelesen. Halten Sie das für normal?

Kehlmann: Mit 16 kann man durchaus Schopenhauer lesen, das ist nicht so selten. Vielleicht hat es mir geschadet, aber es war ein lebensveränderndes Erlebnis. Deswegen habe ich später Philosophie studiert. Schopenhauer ist der literarischste unter den großen Philosophen. Philosophieprofessoren hören so eine Überlegung nicht gern, aber ich habe heute noch Momente, wo ich mich frage, ob es sein kann, dass Schopenhauer in allem Recht hat. Für ihn ist die Welt, wie wir sie wahrnehmen, Einbildung und Illusion, ein großer Traum. Mein neuer Roman hat auch viel mit Schopenhauers Aufsatz über die anscheinende Absichtlichkeit im Leben des Einzelnen zu tun. Schopenhauer stellt da die Frage, ob wir unser Leben komponieren, oder ob es uns nur passiert. Er kommt zu der Antwort, in unserem Leben sei es wie in unseren Träumen. Dort passieren uns angstmachende Dinge, die wir absolut nicht erleben wollen. Und doch kommt alles, was uns im Traum zustößt, letztlich von uns selber, denn wir träumen es ja, es kommt aus uns, wir erfinden es. So, sagt er, sei es auch im Leben. Alles, was uns zustößt, habe innere Logik, bestimmt, nicht von Gott, sondern von uns selbst. Die Frage, ob das stimmt, hat mich seit meiner Jugend nie mehr losgelassen.

SZ: Wie viele Windeln haben Sie in Ihrem Leben gewechselt?

Kehlmann: Bei Botho Strauß heißt es in einem Theaterstück, dass ein Kind ungefähr neuntausend Windeln verbraucht. Stimmt die Zahl, habe ich etwa dreieinhalbtausend gewechselt, und meine Frau liegt mit etwa viereinhalbtausend leicht vorn.

457: Clemens Meyer gegen „Kehlmann-Literatur“

Montag, August 19th, 2013

Volker Weidermann lobt in der FAS (18.8.13) den neuen Roman von Clemens Meyer „Im Stein“ (S. Fischer), 555 S., 22,99 Euro. Der Roman Meyers, der 2008 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, handelt von der Prostitution in Deutschland. Er geht über Luden, Wohnungsvermieter, Kunden, Kinder, die Hells Angels, Könige der Nacht. Meyer muss dafür energisch recherchiert haben. Wahrscheinlich gibt es in Deutschland eine Million Prostituierte, wovon 95 Prozent Frauen sind.

Weidermann lobt an Meyers Roman „diese extreme, authentische Körperlichkeit, das scheinbar Unbehauene, Direkte, kombiniert mit einem großen literarischen Traditionsbewusstsein, einer großen Bewunderung älterer Autoren“. Meyers Vorbild sei Wolfgang Hilbig. Insbesondere sein Roman „Ich“.

Meyer ist stets der Mann klarer Worte. So sagt er z.B. über die deutsche Gegenwartsliteratur: „Kunst muss weh tun. Literatur muss weh tun. Sonst ist es doch nichts wert. Ich weiß ja auch nicht, wieso alle diese leicht konsumierbare Kehlmann-Literatur lesen. Bücher zum Durchblättern und Vergessen.“

442: Revirement bei der „Literarischen Welt“

Sonntag, Juni 30th, 2013

Bei der „Literarischen Welt“ hat es ein Revirement gegeben. Verantwortlich ist nun Richard Kämmerlings. Die Redaktion besteht aus Dr. Mara Delius und Wieland Freund. Die Gestaltung verantwortet Babette Bendix. Wie wir dieses Ressort der „Welt“ sonst auch betrachten, es gehört zu den lebendigsten der ansonsten doch recht betulichen Zeitung, die nun wieder hauptsächlich Wahlhilfe für die CDU und die CSU bringt. Genau wie die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS), die ich ebenso regelmäßig auswerte.

In der letzten „Literarischen Welt“ (29.6.13) rezensiert Helene Hegemann („Axolotl Roadkill“) Else Buschheuers „Zungenküsse mit Hyänen“. Berlin (Aufbau), 352 S., 19.99 Euro, positiv. Ich habe es noch nicht gelesen.

441: Thomas Braschs Gedichte erschienen

Sonntag, Juni 30th, 2013

Thomas Brasch (1945-2001), mein Generationsgenosse, war ständig auf der Suche nach sich selbst. Die riesige poetische Kraft war als Kind jüdischer Emigranten in London geboren. In der DDR erhielt er eine klassische kommunistische Erziehung (einschließlich Kadettenanstalt in Naumburg), schrieb Theaterstücke, Gedichte, Prosa, er drehte Filme („Engel aus Eisen“ 1981). 1968 protestierte er gegen den Einmarsch der Warschauer Pakt-Staaten in die CSSR und wurde dafür zu Gefängnis verurteilt. Danach arbeitete er u.a. als Fräser im Berliner Transformatorenwerk „Karl Liebknecht“ in Oberschöneweide. Er hat mit Bettina Wegner und Katharina Thalbach zusammengelebt. Wir verdanken ihm so unvergessliche Werke wie

„Lovely Rita“ (1975),

„Vor den Vätern sterben die Söhne“ (1977),

„Kargo 32. Versuch auf einem untergehenden Schiff aus der eigenen Haut zu kommen“ (1977).

Thomas Brasch hat Shakespeare übersetzt. Nachdem er 1976 die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR unterschrieben hatte, musste er den ostdeutschen Staat verlassen. Er lebte danach in West-Berlin. Alkohol und Drogen bestimmten zunehmend sein Leben. Von ihm wäre noch viel zu erwarten gewesen.

Nun sind erfreulicherweise in einer sorgfältigen Edition seine Gedichte erschienen:

Thomas Brasch: Sie nennen das Schrei. Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Martina Hanf und Kristin Schulz. Berlin (Suhrkamp) 2013, 1030 S., 49,95 Euro.

432: Wortexperimentator, Provinzler, Republikaner, Fantast: Jean Paul wird 250.

Montag, Juni 17th, 2013

Die Wörter „Doppelgänger“ und „Schmutzfink“ stammen von ihm. Zeitweilig war er der Schwarm von adeligen und anderen Damen in Deutschland (Charlotte von Kalb, Juliane von Krüdener, Amöne Herold, Caroline von Feuchtersleben). An seinem Grab sprach Ludwig Börne („Er aber steht geduldig an der Pforte des zwanzigsten Jahrhunderts und wartet lächelnd, bis sein schleichendes Volk ihm nachkomme.“) Dabei war Johann Paul Friedrich Richter 1763 in einfachsten Verhältnissen geboren. Als er 1825 in Bayreuth starb nannte er sich schon lange aus Begeisterung für die französische Revolution Jean Paul. Er war einer der wichtigsten Schriftsteller seiner Zeit und einer der ersten, die ganz von der Schriftstellerei lebten. Ein Bestseller-Autor („Die unsichtbare Loge“, „Hesperus oder 45 Hundposttage“, „Wutz“, „Flegeljahre“, „Titan“, Siebenkäs“). Harro Zimmermann (Literarische Welt 16.3.), Walter Kappacher (SZ 21.3.), Jens Jessen und Brigitte Kronauer („Zeit“-Literatur März 2013) und Jens Malte Fischer (SZ 13.6.) haben sehr kundig über ihn geschrieben und gesprochen.

Zum 250 Geburtstag sind zwei lesenswerte Biografien erschienen:

Helmut Pfotenhauer: Jean Paul. Das Leben als Schreiben. München (Hanser) 2013, 508 Seiten, 27,90 Euro und

Beatrix Langner: Jean Paul. Meister der zweiten Welt. München (C:H. Beck), 608 Seiten, 27,95 Euro.

Einige von uns kennen den Franken als Dichter des überströmenden Gefühls und der zärtlichen Liebe. Daher wahrscheinlich sein Erfolg bei Frauen. Meisterhaft schilderte er auch „Käuze“ wie jenen Firmian Stanislaus Siebenkäs. Jean Paul errichtete uns Fantasie-, Trance- und Traumwelten und schuf dabei ein ganzes „Wortexperimentalwerk“. Nach dem Gymnasium in Hof und einem nie ernsthaft betriebene Theologiestudium in Leipzig arbeitet Jean Paul zunächst als Hofmeister (Hauslehrer). Seinen Glauben hatte er bald verloren („Nicht die Bibel, sondern der rechte Blick ins All tröstet und kräftigt.“).

Von Goethe und Schiller wurde er nicht gelobt, weshalb er ihnen „eisige Mienen“ und „eingeäscherte Herzen“ bescheinigte. Goethes bekannte „Kälte“ kommentierte er mit dem Satz: „Goethe fürchtet sich vor jeder fremden Wärme, weil sein Eispalast schmelzen könnte.“ 1801 heiratete Jean Paul Karoline Meyer, mit der er eine unglückliche Ehe führte, und blieb danach in Bayreuth. Ein Provinzler, der nicht viel reiste. Er lobte das Bayreuther Bier. Ohnehin benötigte er am „Marterholz des Schreibtischs“ Anregungsmittel wie Likör, Wein, Kaffee, insbesondere aber Bier. Am liebsten schrieb er vormittags in seinem Gasthof, der „Rollwenzelei“.

Jean Paul schrieb sehr viel. Er lebte ohne Bibliothek und kann nicht als gebildeter Intellektueller gelten. Sein Blick fiel nicht nur auf die Welt, sondern wandte sich auch nach innen. Manchmal wie in einem Selbstgespräch. Man könne eigentlich nur das recht beschreiben, das man nicht gesehen habe, meinte er. Jean Paul entwickelte schon den inneren Monolog, den manche erst bei James Joyce finden. Unser Dichter liebte Lawrence Sterne, Jonathan Swift, Cervantes. Brigitte Kronauer kennt keinen Schriftsteller, der so treffend die Not geschildert hat. Mit Hunger, Demütigung, Flucht vor Gläubigern. Eiskalte Todesschauer ziehen durch seine Literatur . Sie ist voll sprachlichen Reichtums, ja Überflusses. Der Schreiber voll Problembewusstsein und Ironie. „Manchmal verspottete er seine Sätze selbst“ (Walter Kappacher). Das konnten nicht alle verstehen. Aber er wurde von Komponisten wie Robert Schumann, Anton Bruckner, Gustav Mahler und Wolfgang Rihm verehrt. Herder, Wieland und LIchtenberg schätzten ihn. Und Arno Schmidt, der viel aus seinem Werk vorlas.

Von des Dichters Sympathie für die französische Revolution war schon die Rede. Bei ihm gibt es anders als zu der Zeit keinerlei Antisemitismus. Der Republikaner steht auf Seiten der Aufklärung. Wolfgang Harich, der in den Machtkämpfen der frühen DDR beschädigte Philosoph, wollte gar einen „Jakobiner“ aus ihm machen. Bei Ludwig Börne holt Jean Paul das weinende Kind im Menschen und tröstet es und sagt: „Ja, das kenn ich alles auch.“ Wenn wir die Schriftsteller einteilen in die Raisonneure (wie Wilhelm Raabe), die Causeure (wie Theodor Fontane), die Finder (wie Thomas Mann) und die Klärer (wie Robert Musil), dann gehört Jean Paul zu den Raisonneuren (und steht Raabe nahe). Er selbst betrachtet sein Leben als in vier Hinsichten wichtig, als das Leben der Freude, des tugendhaften Handelns, des Lesens und des Schreibens.

Im Grunde passte Jean Paul gut zu einem Zeitgeist, welcher die eigene Umgebung wieder schätzt ohne Heimattümelei. Zu einem Geist, der sich mit der Natur ohne Verklärung auseinandersetzt, sie aber ernst und wichtig nimmt. Zu einem Geist des Abbaus von zu hoher Geschwindigkeit und lächerlicher Hektik. Aber ich will Jean Paul nicht zwangsweise „modernisieren“.

Lassen wir ihn am Ende selber sprechen, wie Jens Malte Fischer den Anfang des „Titan“ für uns ausgesucht hat, wo dem Helden Albano bei Sonnenaufgang auf der Isola Bella im Lago Maggiore die Augenbinde weggerissen wird: „Welch eine Welt! Die Alpen standen wie verbrüderte Riesen der Vorwelt fern in der Vergangenheit verbunden beisammen und hielten hoch der Sonne die glänzenden Schilde der Eisberge entgegen – die Riesen trugen blaue Gürtel aus Wäldern – und zu ihren Füßen lagen Hügel und Weinberge – und zwischen den Gewölben aus Reben spielten die Morgenwinde mit Kaskaden wie mit wassertaftnen Bändern – und an den Bändern hing der überfüllte Wasserspiegel des Sees von den Bergen nieder, und sie flatterten in den Spiegel … und auf allen Höhen brannten Lärmfeuer der gewaltigen Natur und in allen Tiefen ihr Widerschein – ein schöpferisches Erdbeben schlug wie ein Herz unter der Erde und trieb Gebirge und Meere hervor.“

Nicht Jedermanns Sache? Dann wäre es ja keine Literatur.

 

429: Amerikanische Kultur vs. europäische Kultur: die Bundesregierung liegt falsch

Freitag, Juni 14th, 2013

Ich wünsche mir ein USA-EU-Freihandelsabkommen (Tafta). Es würde die Hälfte der Weltwirtschaft umfassen. Ein Großteil der NATO-Staaten gehörte dazu. Diese „Wirtschafts-Nato“ wäre, gestützt auf die Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, in der Lage, den politischen und insbesondere auch den ökonomischen Herausforderungen von Staaten wie China und Russland und Schwellenländern zu begegnen. An diesem Freitag wollen die 27 Handelsminister der EU-Staaten die EU-Kommission bevollmächtigen, Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit den USA zu beginnen.

Im Vorfeld hat es schwere Konflikte geben. Sie sind begründet in dem unterschiedlichen Kulturverständnis der Amerikaner und Europäer. Während die Amerikaner auch die Kultur als Wirtschaftsgut betrachten und hier Unterstützung bei den Briten unter konservativer Führung finden, ist unser europäischer Kulturbegriff an Vielfalt gebunden (UNESCO-Deklaration zur Vielfalt der Kultur). Gemäß europäischem Sonderstatus der „exception culturelle“ dürfen Kulturprodukte nicht als schlichte Handelswaren behandelt werden. Dadurch sind in Europa Institutionen wie

der öffentlich-rechtliche Rundfunk,

die Buchpreisbindung,

Quoten in den Massenmedien,

Sonderabgaben auf Kinotickets,

Filmförderprogramme und anderes

geschützt.

Bei dem Freihandelsabkommen geht es um Zollbestimmungen, Industrienormen, Standards und Regularien. Diese sollen entweder abgeschafft oder angeglichen, vereinheitlicht, vereinfacht und entbürokratisiert werden. Zur allmählichen Annäherung an eine große Vision: den transatlantischen Binnenmarkt.

Künstler und Medienarbeiter warnen: „Mit Blick auf die Vereinigten Staaten, deren Unterhaltungsindustrie das zweitwichtigste Exportgut ist, bedeutet die Liberalisierung der audiovisuellen Medien- und Filmbranche eine geplante Zerstörung all dessen, was die europäische Kultur geschützt, gefördert und weitergebracht hat. Diejenigen, die im Namen Europas einen solchen Rückzug zulassen oder billigen, werden in den Augen der Geschichte immer schuldig bleiben. Kulturelle Vielfalt darf keine Handelsware sein!“

Unterschrieben haben u.a. Michael Haneke, Thomas Vinterberg, Aki Kaurismäki, Bertrand Tavernier, Pedro Almodovar, Stephen Frears, Ken Loach, Volker Schlöndorff, Margarete von Trotta, Jane Campion, David Lynch. Die Crème der europäischen Filmemacher und deren Sympathisanten. Zu den Unterstützern gehören auch ARD und ZDF, die Gema, der Börsenverein des deutschen Buchhandels, der deutsche Designertag, die Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft und viele mehr. Die Gesellschaft europäischer audio-visueller Autoren befürchtet, dass Firmen wie Google, Amazon, Netflix, Apple etc. Druck machen und ihre Regeln durchsetzen wollen. Wie schon einmal 1993.

Jan Früchtjohann (SZ 12.6.13) schreibt dazu: „Es gibt also auch in Europa eine Kultur, die nicht immer nur nett, klein, regional und schutzbedürftig ist, sondern auch mal: groß, anspruchsvoll, provokant, verführerisch, großmäulig und aggressiv. Oder einfach wahr. Das ist die Kultur, für die es sich zu leben und zu kämpfen lohnt, und die natürlich auch immer von irgendwoher kommt – dort aber zum Glück nicht blieb und einschlief.

Trotzdem ist es verständlich, wenn sogar provokante Regisseure wie Michael Haneke die Petition der Filmemacher unterschreiben. Haneke hat jahrzehntelang Filme gemacht, die zwar immer interessant, aber oft auch bewusst so abstoßend waren, dass er auf dem freien Markt vermutlich nie überlebt hätte. Ein- oder zweimal Kassengift, dann wäre Schluss gewesen. Dass es ein Altersmeisterwerk wie ‚Amour‘ überhaupt gibt, verdankt sich eindeutig der europäischen Filmförderung – und die scheint durch ein Freihandelsabkommen tatsächlich in Gefahr.“

Frankreich hatte mit einem Veto gedroht, würde „Kultur“ überhaupt in die Verhandlungen einbezogen. Großbritannien wollte nur verhandeln, wenn „alles“ auf den Tisch käme. Auch EU-Ratspräsident van Rompuy kritisierte die „französische Symbolpolitik“. Gelänge es nicht, sich zu einigen, kämen die Regeln bald von anderswo.

Hier liegt die französische Politik wieder einmal ganz und gar richtig. Sie schützt die europäischen Standards (und die französische Medienindustrie). Im Gegensatz zu den britischen Koofmicheln. Die Europa ohnehin eventuell verlassen wollen.

Der Intendant des Bayerischen Rundfunks (BR), Ulrich Wilhelm, Angela Merkels ehemaliger Regierungssprecher, kritisiert die Bundesregierung. „Die Interessen der Medien und Kulturinstitutionen in Deutschland sollten eigentlich nicht bei der französischen Regierung besser aufgehoben sein als bei der deutschen.“ Ganz falsch liegt hier wieder einmal Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP), der sich bereits mit dem US-Chefunterhändler Michael Froman vor dem Weißen Haus abbilden ließ und die Position der Amerikaner bezieht.

416: Egon Friedell (1878-1938) – der letzte Dilettant

Dienstag, Mai 28th, 2013

Gegenwärtig muss jede kleine Aktivität als „professionell“ bezeichnet werden, damit sie etwas gilt. Das war bei unserem Protagonisten noch anders (Michael Stallknecht, SZ 24.5.13). Der 1878 als Egon Friedmann in Wien geborene Sohn eines jüdischen Tuchfabrikanten betrachtete „Beruf“ und „Arbeit“ sehr skeptisch. Egon Friedell war unter anderem Schauspieler. In der Wiener Kaffeehaus-Szene tummelte er sich unter den Alfred Polgar, Hermann Bahr, Karl Kraus und Peter Altenberg. Damit haben wir die wichtigsten Namen des Wiener Feuilletons (das mein erster Chef an der Universität Göttingen, Wilmont Haacke, so liebte) beisammen. Friedell arbeitete sehr viel als Theaterkritiker.

„Mit den Attributen des Kaffeehausliteraten sollte man dennoch vorsichtig sein, als passionierter Vielleser stand Friedell früh auf und hasste Störungen. Legendär ist eine Aufführung von Molières ‚Eingebildetem Kranken‘ auf Reinhardts Schloss Leopoldskron, bei der Friedell als Arzt griechisch und lateinisch improvisierte und so den berühmten Max Pallenberg in der Titelrolle schachmatt setzte. Am besten muss Friedell denn auch bei seinen Auftritten als Kabarettist gewesen sein, die vor allem im Wiener ‚Nachtlicht‘, später der ‚Fledermaus‘ stattfinden.“

Als Historiker liebte Friedell Aphorismen, Paradoxien und bösen Spott. Sein wichtigstes Werk ist die sehr umfängliche

„Kulturgeschichte der Neuzeit“ (1.580 Seiten).

Friedell erlaubte sich darin einen radikalen Subjektivismus und sehr, sehr viele Personalisierungen. Ein klassischer Dilettant eben. Das Buch enthält auch eine „Kulturgeschichte Ägyptens“. Der „Liebhaber“ Friedell kannte sich aus auch mit den Ess-, Trink- und Kleidersitten Europas wie mit Literatur, Philosophie und Politik. Der ungewöhnlich große und zugleich dicke Feuilletonist, der ein starker Trinker war, überschritt die Grenze zum historischen Roman nicht, ist aber wissenschaftlich heute überholt. Trotzdem wird seine „Kulturgeschichte der Neuzeit“ viel im Munde geführt, was wohl auch an dem markanten Titel liegt.

Der Verlag C.H. Beck hat 2012 nicht nur eine Neuauflage des bekannten Werks herausgebracht, sondern 2013 auch eine erste Friedell-Biografie:

Reinhard Viel: Egon Friedell. Der geniale Dilettant. Eine Biographie. München 2013, 352 Seiten, 24,95 Euro.

Während meine Ausgabe der „Kulturgeschichte der Neuzeit“ (2009 bei Zweitausendeins) kein Nachwort enthält, kommt in der C.H. Beck-Ausgabe Ulrich Weinzierl zu Wort. Er setzt sich mit den „problematischen Seiten“ Friedells auseinander, die darin bestehen sollen, dass Friedell die Neuzeit als Verfallsgeschichte gegenüber dem Mittelalter konzipiert. Ganz ist dies nicht von der Hand zu weisen. Weinzierl macht trotzdem klar, dass Friedell sich von Oswald Spenglers antidemokratischen, antiamerikanischen und antisemitischen Untertönen bei weitem unterscheidet.

Friedells Todestag jährt sich zum 75. Mal. Vier Tage nach Hitlers Einmarsch in Wien war er aus dem Fenster seiner hochgelegenen Wohnung gesprungen, als die SA bei ihm klingelte.

410: „Erlkönigs Tochter“, Sarah Kirsch, ist tot.

Donnerstag, Mai 23rd, 2013

Sarah Kirsch wurde als Ingrid Bernstein am 16. April 1935 im Südharz geboren (Lothar Müller, SZ 23.5.13). Im Krieg markierte ihr Vater die Truppenbewegungen der Deutschen mit Nadeln auf der Landkarte. In der Nazizeit musste er sich gegen die Vermutung zur Wehr setzen, Bernstein deute auf „Jüdisches“ hin. Seine Tochter las früh Theodor Storm und Adalbert Stifter. Sie landete aber nicht im „Hochwald“, sondern studierte in der DDR Biologie. 1958 lernte sie den Lyriker Rainer Kirsch kennen, mit dem sie zehn Jahre verheiratet war. „Wer Hirtenlieder schreibt und Seelieder, den Himmel sich schuppen lässt und den Wels am Grunde des Sees betrachtet, die Bäume liest und mit einer Schlehe im Mund über’s Feld kommt, der gilt rasch als ‚Naturlyrikerin‘.“ „Der Droste würde ich gern das Wasser reichen“ heißt ein Gedicht aus dem Band „Zaubersprüche“ (1973).

Sarah Kirsch studierte von 1963 bis 1965 am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig. Dort lernte sie u.a. den „Bitterfelder Weg“ kennen, nach dem DDR-Autoren zu Besuchen in der Arbeitswelt verpflichtet waren. Das hat Kirsch keineswegs abgelehnt. In „Die Pantherfrau“ (1973) lieh die Dichterin Frauen aus der Arbeitswelt ihre Stimme. „Aber all die Katzen, die Sarah Kirsch über das Kopfsteinpflaster schickt, alle Schwalben und Lerchen, Gänse und Kraniche, Milane und Raben, die sie auffliegen lässt, alle Winde, die sie wehen, alle Wurzeln, die sie treiben lässt, gewinnen ihren Zauber aus der Nüchternheit, in die diese Dichterin sie taucht, und auch aus der Beiläufigkeit, mit der sie dabei die klassischen Formen und Versmaße – und schon gar die Verbindung von Reim und Poesie – auflöst und durchackert, bis sie zu einer lockeren Torflandschaft geworden sind.“

Unvermeidlich geriet Sarah Kirsch in die Politik. Nachdem sie 1976 eine Protesterklärung gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR unterzeichnet hatte, gelangte sie 1977 nach West-Berlin, später nach Niedersachsen und nach Dithmarschen, wo sie seit 1983 lebte. Sie wurde zur Dichterin der Krisen, der Trennungen und der gescheiterten Lieben. Eine immer glaubwürdige Frau, der ihre Leser tief vertrauten. Noch 2012 hat sie sich in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ in einem Gedicht mit Pussy Riot solidarisch erklärt. Sarah Kirsch ist am 5. Mai in Heide/Holstein gestorben.

397: Feridun Zaimoglu liebt seine deutsche Heimat.

Donnerstag, Mai 9th, 2013

Feridun Zaimoglu gilt vielen als der profilierteste deutsche Schriftsteller mit Migrationshintergrund. Sein neues Buch „Der Mietmaler“ ist gerade erschienen. Zaimoglu hat Medizin studiert, auch ein wenig Malerei. Ulrich Wickert hat ihn für die „Literarische Welt“ interviewt (6.4.13).

LW: Wie sind Sie zum Malen gekommen? Sie haben es ein bisschen studiert.

Zaimoglu: Und bin zweimal von der Akademie geflogen. Aber ich kann keine Heldengeschichte vom unverstandenen Künstler erzählen. Es lag daran, dass ich als Fliegengewicht geglaubt habe, die Kunst neu erfinden zu müssen. Ich entsprach dem Wunsch meiner Eltern und studierte Medizin, aber eigentlich wollte ich immer malen. Es war nie mein Wunsch, Schriftsteller zu werden. Ich habe auch immer wieder nebenbei zur Entgiftung gemalt. Viele Termine auf der Buchmesse, man kommt nach Hause und möchte entspannen. Man entkorkt die Weinflasche, und ich male dann eben. Vor drei Jahren, nachdem ich eine Beziehung vor die Wand fuhr, explodierte das mit der Malerei noch mehr.

LW: Liebe muss ja nicht nur einer Frau gelten. Lieben Sie ihre deutsche Heimat?

Zaimoglu: Brennend, glühend, ja. Ich habe vor ein paar Tagen einem Kumpel gesagt: Wenn die Leute da draußen wüssten, wie sehr ich diese, meine deutsche Heimat liebe, würde man mich mit Blaulicht abholen. Aber es ist so. Ich schwärme für dieses, mein Land. Sie müssen sich vorstellen, ich bin jetzt 48. Seit 44 Jahren lebe ich in Deutschland. Wenn ich im Ausland bin, besteht seltsamerweise für die Leute, die mich einladen, überhaupt kein Zweifel, dass ich deutsch bin. Dann frage ich, woran sie das sehen. Und sie sagen, es sei eine bestimmte Art, auf die Welt zu gucken, sich auszudrücken, zu schreiben. Und wenn diese Leute mir das sagen, grinse ich von einem Ohr zum anderen, gut gelaunt.

LW: Empfinden Sie sich als Muslim?

Zaimoglu: Ich bin nicht religiös als Moslem, wie das ein Christ sagen würde, im Sinne des Kinderglaubens, dass es einen guten Gott gibt, dass es Gut und Böse gibt und dass nicht alles aufhört, wenn man stirbt. Das Religiöse ist mir fremd, weil es auch immer mit Lebensferne oder Lebensverneinung zu tun hat. Daher würde ich sagen: Ich bin Moslem in dem Sinne, dass ich an Gott glaube, aber nicht mehr.

396: Briefwechsel Willy Brandt-Günter Grass

Mittwoch, Mai 8th, 2013

„Das ist ein total verrücktes Buch. Ein Deutschland-Roman in Briefen, ein Roman aus der Zeit, als die Bundesrepublik sich zum Guten wendete, die Nachkriegszeit zu Ende ging und ein Emigrant, ein Sozialdemokrat, ein weltweit geachteter Politiker an die Spitze der Regierung kam und das Land ein anderes wurde. Der Briefwechsel von Willy Brandt und Günter Grass

(Willy Brandt und Günter Grass: „Der Briefwechsel“. Herausgegeben von Martin Kölbel. Göttingen (Steidl) 2013, 1.300 Seiten, 49,80 Euro)

liest sich heute wie ein utopischer Roman aus längst vergangener Zeit. So lange scheint das alles zurückzuliegen, dass man meint, das Gespräch der beiden wehe aus dem Reich der Fiktion zu uns herüber, in unsere Zeit.“ (Volker Weidermann, FAS 5.5.13)

Der kämpferische, entschlossene, immer mit klarem Programm ausgestattete, mit klarer Richtung versehene, von einem guten politischen Instinkt geleitete, der mit einem Gespür für Freund und Feind und dem Willen zur Macht beschenkte, das war der Dichter: Günter Grass. Und der zaghafte, zögerliche, melancholische. selbstkritische, arbeitsscheue, auf jedes einzelne Wort bedachte, das war der Bundeskanzler: Willy Brandt. Sie hatten sich in West-Berlin getroffen und gingen dann bis zum Tode Brandts ein langes Stück des Wegs gemeinsam. Von der SS-Mitgliedschaft des Literaturnobelpreisträgers hat Willy Brandt nichts mehr erfahren. Der Autor ohne Mandat schreibt dem Politiker Briefe, „als wäre er sein Erziehungsberechtigter, sein Vordenker, Antreiber, Ermahner, Korrektor seines politischen Lebens“.

Willy Brandt wirkt in diesen Briefen häufig wie der Politiker

Keetenheuve in Wolfgang Koeppens Roman „Das Treibhaus“.

Er hat oft einfach keine Lust. Keine Lust auf Parteitagsreden, keine Lust auf Angriffsreden. Er war eine moralische Instanz gerade auf Grund seiner Emigration, seiner untadeligen politischen Vergangenheit. Grass sprach das offen aus: „Nur Du hast Toleranz genug bewiesen, nur Du – ich spreche es offen aus – hast auf Grund Deiner politischen Vergangenheit die moralische Substanz, sie alle beim Namen zu nennen, die in ihrer Unzulänglichkeit und Arroganz gegeneinander und miteinander bereit sind, diese Stadt (i.e. Berlin, W.S.) zu zerstören.“ Grass ermunterte Brandt zu einer neuen Politik gegenüber Israel und Polen. Aber er verlangte auch, dass der damalige Wirtschaftsminister Karl Schiller zu seiner Nazi-Vergangenheit stehen solle.

Brandt hielt auf Distanz. Er nahm die Wahlhilfe Grass‘ an, wollte ihn aber häufig nicht treffen (Willi Winkler, SZ 7.5.13) Grass war in West-Berlin pragmatisch ganz auf Konflikt- und Gewaltvermeidung aus. Es sieht so aus, als habe er, in Zusammenarbeit mit der Polizei, einem Bischof (Kurt Scharf) und Vertretern der rebellischen Studenten ein Massaker verhindert, als die Demonstranten gegen US-amerikanische Kasernen marschieren wollten. Er hat also – nicht nur hier – auch größte politische Verdienste. Sein Verlag, der Steidl-Verlag in Göttingen, unterstreicht das mit diesem Buch.