Ian McEwan (geb. 1948) ist bekannt durch seine Romane „Abbitte“, „Der Zementgarten“ und „Saturday“. Nun ist sein neues Buch „Honig“ erschienen. Darin beschreibt der Romancier die Anwerbepraktiken des britischen Geheimdienstes. Ijoma Mangold hat ihn für die „Zeit“ (19.9.13) interviewt.
Zeit: Ihre Romane werden so geschätzt, weil sie noch einmal das große, realistische Gesellschaftspanorama aufmachen.
McEwan: Ich glaube, was den Roman betrifft, leben wir in einer pluralistischen Welt. Mit Henry James aber bin ich der Meinung: Die Hauptaufgabe des Romanciers ist es, interessant zu sein. Wer nur am literarischen Experiment interessiert ist, der verliert seine Leser. Andererseits können wir auch nicht einfach zurückgehen hinter die Heroen der Moderne: Proust und Joyce. Wir leben immer noch im Schatten dieser enormen ästhetischen Revolution des frühen 20. Jahrhunderts.
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Zeit: Der erste deutsche Schriftsteller von Rang, der die Teilung beklagte, war Martin Walser in den achtziger Jahren. Das machte großen Skandal.
McEwan: Nein, es gab vorher Peter Schneider „Der Mauerspringer“! Ein wunderbarer Roman. Die Linke hat ihm das sehr übel genommen. Als ich in den achtziger Jahren in Berlin lebte, fragte ich die Leute, warum sie nicht über die Mauer schreiben. Die Antwort lautete: Wenn wir über die Mauer schreiben, dann müssen wir sie als Unrecht beschreiben. Wenn wir aber die Mauer als ein Unrecht beschreiben, dann werden uns die Leute für verdeckte CIA-Agenten halten. Ich dachte: Wie erbärmlich ist diese Logik! Es gab aber noch eine andere Antwort: Die Mauer sei ein Thema für Journalisten. Man stelle sich mal vor, eine Mauer hätte London geteilt: Kein britischer Autor hätte sich diesen Stoff nehmen lassen!
Zeit: Sie beschreiben in ihrem Roman, wie CIA und Secret Service tatsächlich Kulturpolitik im Kalten Krieg betrieben haben. Die deutsche Zeitschrift „Der Monat“ wurde durch die CIA finanziert, ohne dass die Beteiligten es wussten.
McEwan: Nicht nur „Der Monat“. Auch „Encounter“. Beides sehr gute Zeitschriften. Seit den fünfziger Jahren hat die CIA Millionen für den kulturellen kalten Krieg ausgegeben. Sie unterstütze Ausstellungen des abstrakten Expressionismus, nur um die kulturelle Überlegenheit des Westens zu demonstrieren. George Orwells „Die Farm der Tiere“ wurde in 17 Sprachen übersetzt, das Geld kam vom MI6, dem Auslandsgeheimdienst. Die Beteiligten wussten in den meisten Fällen gar nicht, woher das Geld stammte. …
Zusatz W.S.: Heute Abend, 3.10.13, läuft in der ARD Niklas Schillings „Der Westen leuchtet“ nach Peter Schneiders „Der Mauerspringer“ mit Armin Mueller-Stahl, Beatrice Kessler, Sky du Mont, Harry Baer u.a. (0.45-2.38 Uhr).