Archive for the ‘Literatur’ Category

495: Ian McEwan über Romane, Geheimdienste und die deutsche Teilung

Donnerstag, Oktober 3rd, 2013

Ian McEwan (geb. 1948) ist bekannt durch seine Romane „Abbitte“, „Der Zementgarten“ und „Saturday“. Nun ist sein neues Buch „Honig“ erschienen. Darin beschreibt der Romancier die Anwerbepraktiken des britischen Geheimdienstes. Ijoma Mangold hat ihn für die „Zeit“ (19.9.13) interviewt.

Zeit: Ihre Romane werden so geschätzt, weil sie noch einmal das große, realistische Gesellschaftspanorama aufmachen.

McEwan: Ich glaube, was den Roman betrifft, leben wir in einer pluralistischen Welt. Mit Henry James aber bin ich der Meinung: Die Hauptaufgabe des Romanciers ist es, interessant zu sein. Wer nur am literarischen Experiment interessiert ist, der verliert seine Leser. Andererseits können wir auch nicht einfach zurückgehen hinter die Heroen der Moderne: Proust und Joyce. Wir leben immer noch im Schatten dieser enormen ästhetischen Revolution des frühen 20. Jahrhunderts.

Zeit: Der erste deutsche Schriftsteller von Rang, der die Teilung beklagte, war Martin Walser in den achtziger Jahren. Das machte großen Skandal.

McEwan: Nein, es gab vorher Peter Schneider „Der Mauerspringer“! Ein wunderbarer Roman. Die Linke hat ihm das sehr übel genommen. Als ich in den achtziger Jahren in Berlin lebte, fragte ich die Leute, warum sie nicht über die Mauer schreiben. Die Antwort lautete: Wenn wir über die Mauer schreiben, dann müssen wir sie als Unrecht beschreiben. Wenn wir aber die Mauer als ein Unrecht beschreiben, dann werden uns die Leute für verdeckte CIA-Agenten halten. Ich dachte: Wie erbärmlich ist diese Logik! Es gab aber noch eine andere Antwort: Die Mauer sei ein Thema für Journalisten. Man stelle sich mal vor, eine Mauer hätte London geteilt: Kein britischer Autor hätte sich diesen Stoff nehmen lassen!

Zeit: Sie beschreiben in ihrem Roman, wie CIA und Secret Service tatsächlich Kulturpolitik im Kalten Krieg betrieben haben. Die deutsche Zeitschrift „Der Monat“ wurde durch die CIA finanziert, ohne dass die Beteiligten es wussten.

McEwan: Nicht nur „Der Monat“. Auch „Encounter“. Beides sehr gute Zeitschriften. Seit den fünfziger Jahren hat die CIA Millionen für den kulturellen kalten Krieg ausgegeben. Sie unterstütze Ausstellungen des abstrakten Expressionismus, nur um die kulturelle Überlegenheit des Westens zu demonstrieren. George Orwells „Die Farm der Tiere“ wurde in 17 Sprachen übersetzt, das Geld kam vom MI6, dem Auslandsgeheimdienst. Die Beteiligten wussten in den meisten Fällen gar nicht, woher das Geld stammte. …

Zusatz W.S.: Heute Abend, 3.10.13, läuft in der ARD Niklas Schillings „Der Westen leuchtet“ nach Peter Schneiders „Der Mauerspringer“ mit Armin Mueller-Stahl, Beatrice Kessler, Sky du Mont, Harry Baer u.a. (0.45-2.38 Uhr).

489: Christine Nöstlinger über Schriftsteller-Kollegen

Freitag, September 27th, 2013

Christine Nöstlinger, 76, wuchs in Wien auf. Wir kennen sie als erfolgreiche Kinderbuchautorin mit Büchern wie „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“. Marten Rolff hat sie für die SZ (21./22.9.13) interviewt.

SZ: Welche Kinderbuchautoren mögen Sie?

Nöstlinger: Erich Kästner. Seine Bücher kannst du den Geschichten nach natürlich vergessen. Aber er bringt den Kindern Sprache bei.

SZ: Leichter als ihr Lob ist ihre Abneigung zu haben. Etwa gegen Michael Ende, Otfried Preußler und Cornelia Funke.

Nöstlinger: Gegen Cornelia Funke habe ich nichts. Nur mit ihren Büchern weiß ich nicht viel anzufangen. Ich selbst kann nur über Dinge schreiben, die ich erlebt habe. Davon abgesehen sollte man die drei Autoren nicht in einen Topf werfen. Bei Michael Ende war meine Abneigung politisch, der war gegen die antiautoritäre Erziehung und zuletzt ziemlich reaktionär. Und Preußler? Konnte einfach ein unangenehmer Mensch sein.

SZ: Da hätte die Linke heute viel zu wettern. Die Twilight-Saga, Harry Potter.

Nöstlinger: Natürlich.

485: Zwei Fragen an Marcel Reich-Ranicki und die Antworten darauf

Sonntag, September 22nd, 2013

Seit etwa zehn Jahren stelle ich mir im Oktober immer wieder die gleiche Frage: Warum ignoriert das Nobelpreiskomitee so beharrlich Philip Roth, obwohl er doch einer der würdigsten Kandidaten für den Nobelpreis wäre?

R.-R.: Das hätte ich auch gerne gewusst. Von Graham Greene wird er zählt, ihm sei der Nobelpreis verweigert worden, weil er mit der Frau eines Stockholmer Akademikers geschlafen habe. Mit wem hat nun der Philip Roth geschlafen? Wenn Sie das unbedingt wissen müssen, dann sollten Sie sich direkt an ihn oder seinen Agenten wenden. (2008)

Wodurch zeichnet sich Ihrer Meinung nach Georg Büchner aus?

R.-R.: Mit Büchner beginnt die moderne deutsche Literatur. Seine Werke führen zum Realismus, zum Naturalismus und zum Expressionismus ebenso wie zum epischen Theater, zum Theater der Surrealisten und zum Dokumentartheater. Büchner führt zu Gerhart Hauptmann, zu Frank Wedekind und zu Ödön von Horvath und schließlich zu Franz Kafka und Bertolt Brecht. Wolfgang Koeppen bekannte: ‚Georg Büchner war mir am deutschen Himmel immer der nächste von allen Sternen.‘ Er war der Dichter meiner Jugend, und er ist bis heute mein Dichter geblieben. (2011)

(FAS 22.9.13)

484: Die „deutsch-jüdische Symbiose“ im Kunstlied

Sonntag, September 22nd, 2013

Eleonore Büning (FAS 22.9.13) schreibt über den Musikkenner Marcel Reich-Ranicki: „Eine ‚deutsch-jüdische Symbiose‘, ob es die je gegeben habe, sei fraglich, aber im romantischen deutschen Kunstlied gebe es sie sehr wohl, nämlich in den Liedern, die der Deutsche Robert Schumann (der Antisemit war, aber das sagt er nicht) nach Gedichten des Juden (und Emigranten) Heinrich Heine geschrieben habe. Diese Text-Musik-Verbindung sei wirklich symbiotisch. Denn: Im romantischen Klavierlied sind Text und Musik gleichberechtigte Partner. Das unterordnende Wort ‚Begleitung‘ für das, was das Klavier dabei tut, sei natürlich (’natürlich!‘) das völlig falsche Wort.“

483: Die Loreley ohne Heinrich Heine

Sonntag, September 22nd, 2013

Marcel Reich-Ranicki antwortete auf einer Zugfahrt, als er an der Loreley vorbeifuhr, auf die Frage „Was wäre die Loreley ohne den Dichter Heinrich Heine?“ „Nur irgend so ein Felsen in der Landschaft. Völlig belanglos und unbedeutend.“

So hat er die Welt gesehen (Volker Weidermann, FAS 22.9.13).

 

482: Deutsch-jüdische Symbiose – aktuell?

Freitag, September 20th, 2013

Wenn von der deutsch-jüdischen Symbiose die Rede ist, dann sind vorzugsweise in der Zeit nach dem deutsch-französischen Krieg bis zur Machtergreifung der Nazis 1933 auf jüdischer Seite gemeint Politiker wie Ferdinand Lassalle (1825-1864) und Karl Kautsky (1854-1938), politische Theoretiker wie Eduard Bernstein (1850-1932), Wirtschaftsführer wie Walther Rathenau (1867-1922), Intendanten wie Max Reinhardt (1873-1943), Chefredakteure wie Theodor Wolff (1868-1943), Schriftsteller wie Rudolf Borchardt (1877-1945), Zeitschriftenherausgeber wie Maximilian Harden (1861-1922) und Herwarth Walden (1878-1941), Kritiker und Journalisten wie Alfred Kerr (1867-1948), Siegfried Jakobsohn (1881-1926) und Kurt Tucholsky (1890-1935). Also so ziemlich die Crème de la Crème. Und wir könnten stolz darauf sein.

Wenn nicht Gershom (Gerhard) Scholem (1897-1982), der frühe und glaubwürdige Zionist, diesen Begriff mit guten Gründen verspottet hätte. Und selbstverständlich ist der Holocaust das Dementi der „deutsch-jüdischen Symbiose“.

Neuerdings aber wird die „deutsch-jüdische Symbiose“ wieder ins Spiel gebracht. Etwa in der „Jewish Voice of Germany“ (September 2013/Neujahr 5774) von Rafael Seligmann. Natürlich ist mir bewusst, dass Seligmann wiederum von Henryk Broder als „Vertreter des Landjudentums“ in Deutschland bezeichnet wird. Aber was Seligmann schreibt, ist nicht einfach von der Hand zu weisen.

„Die Wiedervereinigung Deutschlands wirkte, trotz mancher Warnung, wie ein Aphrodisiakum auf die hiesige jüdische Gemeinschaft. Zunächst aus der ehemaligen Sowjetunion, in den vergangenen Jahren vorwiegend aus Israel, wanderten Juden nach Deutschland ein. So hat sich die Zahl der hier lebenden Gemeindemitglieder auf circa 106.000 vervierfacht. Der jüdische Dirigent Daniel Barenboim ist eine der beliebtesten Persönlichkeiten dieses Landes.“

„Juden leben in Deutschland ungefährdeter als in Israel. Dies und das einzigartige Flair der Stadt ließen Berlin zu einem der beliebtesten Reise- und Auswanderungsziele von Israelis gedeihen. Gegenwärtig leben etwa 20.000 von ihnen in der deutschen Metropole.“

Ulf Poschardt fügt in der gleichen Ausgabe, die der „Welt“ vom 7.9.13 beigelegt war, hinzu: „Tatsächlich ist es keine Selbstverständlichkeit, dass Juden nach dem Holocaust wieder in Deutschland leben und sich hier zu Hause fühlen.“

Seligmann reflektiert im Folgenden, dass Juden in Deutschland häufig mit Israelis verwechselt werden. Und er betrachtet es als späten Sieg der Nazis, wenn Juden sich ausschließlich über den Holocaust definieren. Verständlich ist das m.E. allerdings schon. Aber zu Recht weist Seligmann darauf hin, dass die jiddische Sprache weitgehend aus einem mittelhochdeutschen Wortschatz herrührt, mit hebräischen Lettern geschrieben und von einer germanisch-hebräischen Grammatik gesteuert wird. Theodor Herzls „Der Judenstaat“ sei auf Deutsch geschrieben worden.

„Die 1700-jährige deutsch-jüdische Geschichte darf nicht mit Heinrich Heine, Albert Einstein, Else Ury, Max Liebermann und anderen toten Juden aufhören. Die Zeitgeschichte führt über Musterjuden wie den Hamburger Bürgermeister Herbert Weichmann und den ehemaligen DGB-Chef Ludwig Rosenberg hinaus.“

Und dann fügt Poschardt noch etwas hinzu, das m.E. entscheidend ist für die Lagebeurteilung: „Denn noch immer spüren wir schmerzhaft die immensen Lücken in Politik, Wissenschaft und Kultur, die Vertreibung und Vernichtung der Juden in unserer Gesellschaft hinterlassen haben.“

So ist es tatsächlich. Und vielleicht dürfen wir den Gedanken an eine „deutsch-jüdische Symbiose“ in Deutschland wachhalten, auch wenn sie noch nicht eingetreten ist.

480: Marcel Reich-Ranicki, der größte Literaturkritiker in Deutschland, ist gestorben.

Donnerstag, September 19th, 2013

Zum Tode Marcel Reich-Ranickis (1920-2013) ist verständlicherweise schon viel gesagt und geschrieben worden. Ich beschränke mich hier deswegen auf Dinge, die m.E. betont werden sollten. Und ich erinnere mich an meine jüngeren Jahre, wo ich dankbar war, wenn Reich-Ranicki im allgemeinen links-liberalen Geschwätz jener Tage, das manchmal auch von Unkenntnis gekennzeichnet war, direkt, klar und verständlich sein Urteil sprach. Unvergessen, wie er in einem Artikel aus den sechziger Jahren (damals noch bei der „Zeit“) der Lesergemeinde erläuterte, dass Thomas und nicht Heinrich Mann unter literarischen Gesichtspunkten der große deutsche Schriftsteller war. Heinrich Mann war auf der Linken beliebt. Das war Marcel Reich-Ranicki ganz egal. Er war kompromisslos. Vieles von dem, was er tat, tat er aus Trotz. Nur er konnte uns zeigen, dass Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ ziemlich ungelesen und nicht so bedeutend ist, wie er aus Gründen der politischen Korrektheit immer hingestellt wird. Reich-Ranicki liebte die Zuspitzung und Übertreibung. Das übernehme ich gerne von ihm.

Gewiss hat sich Marcel Reich-Ranicki vielfach geirrt. Dann scheute er sich manchmal nicht, sein Urteil zu korrigieren. Aber er wusste, dass wir im Journalismus deutlich sein müssen, manchmal überdeutlich. Gustav Seibt spricht deswegen von seiner Kunst der Deutlichkeit (SZ 19.9.13). Und Marcel Reich-Ranicki war auch ein Machtmensch, der die Intrige nicht scheute. Davon wird aus seiner großen Zeit bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (1973-1988) viel berichtet. Ihn hatte das Warschauer Ghetto geprägt, wo er permanent vom Tode bedroht war, als Kollegen wie Walter Jens ihre Eintrittserklärungen in die NSDAP unterschrieben. Deswegen war er so hellhörig gegen politische Ideologien. Insbesondere auf der Linken war er höchst unbeliebt. Bei einigen verhasst. Marcel Reich-Ranicki konnte unterscheiden. Zwischen dem, was wichtig war, und dem Unwichtigen. In der Literatur hat er sich für das Fischsterben vor Grönland nicht interessiert. Seine auf einem deutschen Gymnasium erworbene Bildung und sein ungeheures Gedächtnis, er zitierte ganze Passagen aus den Klassikern auswendig, erlaubten ihm treffende Kürze und Schärfe. Er war, das sollten wir manchen Germanisten und Deutschlehrern vor Augen führen, für einen Literaturkanon und hat ihn ja auch herausgegeben.

Marcel Reich-Ranicki hatte seit 1958 die Gruppe 47 als Forum. Das nutzte er strategisch. Er machte Bestseller und inszenierte Verrisse. Bis hin zum „Literarischen Quartett“, das ihn endgültig zu einem Fernseh-Mann und Prominenten machte. Nicht beliebt, aber gefürchtet. In vieler Hinsicht blieb er unkonventionell. Sein Atheismus war diskret, aber ausgeprägt. Er erklärte: „Ich bin kein Deutscher.“ Aber wir Deutschen haben im höchsten Maß von seiner Literaturkritik profitiert. Und Marcel Reich-Ranicki erlaubte sich etwas in der Kritik, das heute außer Mode gekommen zu sein scheint, einen männlichen Blick auf den Sex und auf die Erotik. Ja, wir sind auch noch da.

1994 publizierte Reich-Ranicki sein Buch „Die Anwälte der Literatur“, in dem er von Gotthold Ephraim Lessing bis zu Joachim Kaiser 23 deutsche Kritiker porträtierte. Hier hat er sein Programm der Kritik entwickelt. Alle deutschen Journalistik-Studenten sollten es kennen. Reich-Ranicki wird nie abstrakt, er schreibt anschaulich und nachvollziehbar. Auch wenn nicht alle Werturteile überzeugend sein mögen. Ein sattes Freund-Feind-Denken greift hier Platz. Und nach der Lektüre wissen wir, wo wir zustimmen können. Oder wo wir nachlesen sollten. Reich-Ranicki hat dabei stets das Publikum im Auge. Wie er sich ja bei Zeitungen, Zeitschriften und im Fernsehen größte Verdienste um die Verbreitung von Literaturkritik erworben hat.

Die Literatur war Marcel Reich-Ranicki stets die Gegenwelt, die er im Nationalsozialismus und im Ghetto brauchte, um zu überleben. Ein „portatives Vaterland“ im Geiste Heinrich Heines. Thomas Steinfeld (SZ 19.9.13) schreibt: „Für ihn war die Literatur .. nicht mehr eine der Künste, neben dem Theater, der Musik und der Bildenden Kunst, sondern die Kunst über allen – und eine Instanz, die, weil zu einer eigenen Institution geronnen, selbst nicht mehr substantiell herausgefordert werden konnte.“

Jedenfalls kriegen wir einen Literaturkritiker wie Marcel Reich-Ranicki nicht wieder.

479: Erich Loest ist tot.

Mittwoch, September 18th, 2013

Erich Loest (geb. 1926) hat seinem Leben ein Ende gemacht. Der aus Sachsen stammende Romancier hat ein bewegtes und für seine Generation beispielhaftes Leben geführt. Als Schüler wollte er zur SS und trat in die NSDAP ein. 1947 wurde er Mitglied er SED. Bis 1950 war er Redakteur der „Leipziger Volkszeitung“. Seitdem Schriftsteller. 1957 wurde Erich Loest wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Er saß sie in Bautzen ab. Das war sein Kernerlebnis. Mit der DDR und deren Schriftstellerverband und mit der SED hat er sich letztlich nicht abgefunden. 1981 verließ er den Arbeiter-und-Bauern-Staat.

Im gleichen Jahr erschien seine vielsagende Autobiografie „Durch die Erde ein Riss“. 1990 wurde Erich Loest voll rehabilitiert. Er lebte seit 1998 wieder ganz in Leipzig. Erich Loest war im besten Sinne ein Unterhaltungsschriftsteller, der auch Kriminalromane schrieb und sich für sein Publikum tatsächlich interessierte. So erschienen 1953 seine „Sportgeschichten“. „Es geht seinen Gang oder die Mühen in unserer Ebene“ (1977) hat ihm die SED nicht verziehen. Erich Loest widmete sich seinem Landsmann Karl May mit „Swallow, mein wackerer Mustang“ (1980). 1991 erschien „Die Stasi war mein Eckermann“. 1995 „Nikolaikirche“, die auch im Fernsehen sehr erfolgreich war. Loests Tagebücher wurden 2011 unter dem Titel „Man ist ja keine achtzig mehr“ veröffentlicht.

Seine Erfahrungen mit der Diktatur nutzte Loest zu einer klaren und kompromisslosen Haltung aller Repression gegenüber. In seiner Tätigkeit beim VS, dem Schriftstellerverband der Bundesrepublik, kritisierte er den ihm zu lockeren Umgang mit der DDR. Nach 1990 sprach er sich gegen die Beibehaltung von DDR-Kunst aus. So lehnte er die Wiederaufstellung von Werner Tübkes „Arbeiterklasse und Intelligenz“ ab. Er kannte seine Pappenheimer und ihre Verstrickung in die kommunistische Diktatur.

478: James Salter: „Beim Lesen eines Romans können wir Kontakt zu wesentlichen Dingen aufnehmen“

Dienstag, September 17th, 2013

James Salter gilt einigen Kritikern als der dritte große US-amerikanische Schriftsteller neben Philip Roth und John Updike. Er hat gerade das Buch „Alles, was ist“ (Berlin Verlag. Berlin, 368 S.; 22,99 Euro) herausgebracht. Thomas David hat ihn für die „Literarische Welt“ (14.9.13) interviewt.

LW: Ist der Roman ein Medium, das die Zeit entschleunigt?

Salter: Ich denke schon. Das Lesen, aber auch das Schreiben eines Romans gibt einem die Chance, zu sich selbst zurückzukehren – mit sich selbst allein zu sein. Die Kritikerin, die den Artikel in „Slate“ geschrieben hat, fordert von Autoren „Mitgefühl“ mit den Figuren, aber das ist nicht meine Sicht der Dinge. Es gibt eine Menge großer Autoren und Bücher, die ohne Mitgefühl auskommen, aber was ein Roman meiner Meinung nach leisten kann, ist, dem Leser die eigene Menschlichkeit vor Augen zu führen – ihn in eine menschliche Welt eintreten zu lassen. Wir bewegen uns natürlich tagtäglich in einer menschlichen Welt, wenn wir im Gedränge des Alltags unterwegs sind, aber das sind nur die Stromschnellen des Lebens, in denen wir dahintreiben. Beim Lesen eines Romans können wir Kontakt zu wesentlicheren Dingen aufnehmen als den Fragen nach den Nachrichten des Tages oder dem politischen Weltgeschehen.

LW: Was war eine revolutionäres Buch?

Salter: „Portnoys Beschwerden“ (‚Portnoy’s Complaint‘) war ein revolutionäres Buch, und obwohl ich es nicht sonderlich mag, muss ich Philip Roth zugestehen, dass er die Leute aufwühlte und sie sich fragten, ob man über derartige Dinge überhaupt reden, geschweige denn schreiben darf. Der Roman hat seit seinem Erscheinen Ende der Sechziger eine Karriere gemacht, aber um herauszufinden, ob er die Leute noch heute schockiert, müssten Sie nicht mich, sondern einen 15-Jährigen fragen.

LW: Sie sagten eben, dass literarische Figuren von Lesern und Kritikern gern mit ihren Autoren verwechselt werden, und angedeutet, dass diese Lesart ein Missverständnis ist.

Salter: Jedoch kein vollständiges. Die Figuren in „Lichtjahre“ zum Beispiel (1975, auf Deutsch 1998) sind dem Leben entnommen, und die Menschen, die mich zu dem Roman inspiriert haben, erkennen sich in meinen Figuren wieder. Ich würde also nie leugnen, dass ich Figuren dem Leben entnehme. Roth hat einmal gesagt, seine Vorstellungskraft sei die Bestie, die er auf die Tatsachen loslasse. Das heißt, er kennt die Menschen, die er beschreibt, ganz genau und benutzt dann seine Vorstellungskraft, um sie in Stücke zu reißen. Er hat offenbar eine sehr gefräßige Vorstellungskraft. Bei mir ist es ähnlich: Auch ich gehe von der Realität aus, verzichte aber auf das Massaker.

 

472: Taiye Selasi: Literatur ist universell und individuell. Es gibt keine „afrikanische Literatur“.

Donnerstag, September 5th, 2013

Taiye Selasi ist 1979 in London geboren. Ihr Debütroman erschien auf Deutsch unter dem Titel „Diese Dinge geschehen nicht einfach so.“ Sie hat am 4.9.13 das Internationale Literaturfestival in Berlin mit einer Rede eröffnet, die ich sehr bemerkenswert finde. Darin vertritt sie die These, dass es keine „afrikanische Literatur“ gibt (SZ 5.9.13).

Der „Vater der afrikanischen Literatur“, Chinua Achebe, resümierte schon 1965: „Jeder Versuch, afrikanische Literatur zu definieren, in Begriffen, welche die Komplexität der afrikanischen Welt nicht sehen, ist zum Scheitern verurteilt.“ Selasi stützt sich weiterhin auf Charles Simic, wo er sagt, dass die Literatur „die Verteidigung des Individuums gegen sämtliche Verallgemeinerungen (ist), die die Wirklichkeit in ein einziges konzeptuelles System pressen wollen“.

Wie eigentümlich Literatur manchmal wahrgenommen werde, sähen wir daran, dass Samuel Beckett, Eugène Ionesco und Andrei Makine als französische Autoren gelten würden, obwohl der eine in Irland, der zweite in Rumänien und der dritte in Russland geboren worden sei. Emile Zola war der Sohn eines italienischen Einwanderers. Joseph Conrad habe mit „Herz der Finsternis“ quasi einen „afrikanischen Roman“ geschrieben. Also hätte der Pole Conrad, der Englisch schrieb, „afrikanische Literatur“ schreiben können. Während Graham Greenes Roman „Das Herz aller Dinge“ nicht dazugehöre, weil er auch irgendwo außerhalb Afrikas spielen könne. Selasi kann sich nicht vorstellen, Salman Rushdie (Pakistan), Haruki Murakami (Japan), Mo Yan (China) und Arundhati Roy (Indien) als „asiatische Schriftsteller“ zu bezeichnen.

Sie selbst sei in London als Tochter einer in London geborenen nigerianischen Mutter und eines Vaters aus Ghana geboren und in Boston aufgewachsen. Sie spreche keine afrikanische Sprache und habe keinen afrikanischen Pass. Aber die Protagonisten ihres Romans seien in Ghana beziehungsweise Nigeria geboren.

„Jedes Mal, wenn wir ein Buch in die Hand nehmen, löschen wir unsere persönlichen Grenzen aus. Wir überschreiten die Markierungen unseres Selbst und betreten das unbekannte Territorium des Anderen. Nach den ersten Augenblicken der Desorientiertheit merken wir, dass wir zu Hause sind. Wir können nicht alle Künstler sein. Aber wir können alle Leser sein. Wir können alle dazugehören. Und wenn das klingt wie eine Utopie – eine Welt ohne afrikanische Literatur, ja, ohne ein Bedürfnis danach, eine Welt mit menschlicher Literatur – , dann würde ich sagen: ja, klar ist es eine Utopie.“