Archive for the ‘Literatur’ Category

553: DDR-Bürgerrechtler und Stasi-Opfer protestieren gegen die NSA.

Mittwoch, Dezember 11th, 2013

Die taz (6.12.13) druckt einen Aufruf von ehemaligen DDR-Bürgerrechtlern und Stasi-Opfern gegen die NSA ab:

Wir haben viele Jahre in einer Diktatur gelebt und waren auf verschiedene Weise daran beteiligt, uns aus dieser Diktatur zu befreien. Wir empfanden als übelste Frucht der Diktatur den Geheimdienst, der mit Bespitzelung, Telefonüberwachung, Postkontrolle, Zersetzung und mit der Schaffung einer chronischen Atmosphäre der Angst als „Schild und Schwert der Partei“ für die Aufrechterhaltung der Diktatur gearbeitet hat. Es war ein Fest, die Überwachungskameras, die Wanzen und die Abhörtechnik der Stasi zu demontieren.

Was wir durch Edward Snowden heute über die technischen Möglichkeiten und den Umfang der Überwachung durch die NSA, über deren Zusammenarbeit mit dem BND und anderen europäischen Geheimdiensten wissen, zeugt von einer neuen Qualität globaler Kontrolle. Wir sind entsetzt, wie weitgehend sich die führenden Politiker unseres Landes mit dem Verlust wesentlicher bürgerlicher Grundrechte der gesamten Bevölkerung abgefunden haben.

Wir appellieren an die mündigen Bürger unseres Landes – egal, ob sie in der DDR oder in der BRD aufgewachsen sind: Lasst es nicht zu, dass unter dem Banner der Demokratie und unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung international verknüpfte Geheimdienste Waffen auf die Bürger richten, mit denen im Handumdrehen aus der Demokratie eine Diktatur gemacht werden kann. Machen wir den Mund auf, gehen wir gegen unsere eigene Resignation und die Servilität in der Politik an – wir haben erlebt, dass man eine Diktatur beenden kann, dann werden wir doch eine Demokratie am Leben erhalten können.

Von uns allen hängt ab, ob wir die Demokratie zur Farce werden lassen.

Wir sind das Volk.

548: Thomas Mann „hinterging“ Arnold Schönberg.

Samstag, Dezember 7th, 2013

Nuria Schoenberg Nono ist die Tochter Arnold Schönbergs (1874-1951), des Erfinders der 12-Ton-Musik. Sie war die Frau Luigi Nonos (1924-1990), des avantgardistischen Komponisten. Beider Erbe versucht sie zu bewahren. Susanne Schneider hat sie für das SZ-Magazin (6.12.13) interviewt.

SZ-Mag: Ihr Vater hatte ja auch einen kleinen Disput mit Thomas Mann.

Schoenberg Nono: Einen großen.

SZ-Mag: Einen großen?

Schoenberg Nono: Das ist wirklich eine scheußliche Geschichte, die passierte, als mein Vater schon alt und krank war. Als er 1933 von Wien in die USA emigriert ist, hat er alles zurücklassen müssen, seine Schüler, Freunde. Er fühlte sich einsam. Aber ich glaube, hätte er sich nicht so über Thomas Mann ärgern müssen, hätte er länger gelebt.

SZ-Mag: Sie spielen auf den Roman „Doktor Faustus“ an, in dem Adrian Leverkühn die Zwölftonmusik erfindet, die in Wahrheit Ihr Vater erfunden hat?

Schoenberg Nono: Mann hat sich in den USA hinter seinem Rücken von Theodor Adorno die Methode der Zwölftonkomposition erklären lassen für seinen „Doktor Faustus“, Adorno war ja nicht nur Philosoph, sondern auch Musiktheoretiker. Leider war Leverkühn das komplette Gegenteil meines Vaters. Er hat sie für sich selbst erfunden, aber nicht, weil er wie Leverkühn etwa Syphilis hatte oder verrückt war oder das Ende der deutschen Kultur repräsentierte.

SZ-Mag: Soll ein Schriftsteller nicht die Freiheit haben, eine Figur nach seiner Fantasie auszuschmücken?

Schoenberg Nono: Mein Vater und Thomas Mann haben sich in den Vierzigerjahren öfter in L.A. gesehen, aber Mann hat ihm nie gesagt, dass er gerade an diesem Roman schreibt. Und seit der Briefwechsel zwischen Mann und Adorno veröffentlicht wurde, weiß man, die beiden haben es meinem Vater bewusst verschwiegen, weil sie fürchteten, er wäre dagegen, so charakterisiert zu werden. Wie alle Deutschen hatte er einen großen Respekt vor Thomas Mann. Früher hatten sie einander ihre Bücher gewidmet und dann hintergeht der eine den anderen so.

SZ-Mag: Jetzt, fast 70 Jahre nach Erscheinen von „Doktor Faustus“, denken Sie, es sind Ihrem Vater Nachteile dadurch entstanden?

Schoenberg Nono: Oh ja. Immer noch sagen Leute zu mir: Ich weiß alles über Ihren Vater, ich habe „Doktor Faustus“ gelesen. Genau das hat er befürchtet und es hat ihn so gekränkt.

543: Flächendeckendes Ausspähen beschädigt die Literatur und den Journalismus.

Samstag, November 30th, 2013

Wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir flächendeckend ausgespäht und abgeschöpft werden. Aber eine Kleinigkeit ist das nicht. Ilja Trojanow zeigt uns, dass dadurch die Literatur und der Journalismus Schaden nehmen (taz 27.11.13).

Fast ein Sechstel der Autoren in den USA vermeidet bestimmte Themen und übt insofern Selbstzensur. Ein weiteres Sechstel hat das schon einmal ernsthaft in Erwägung gezogen. Was machen Jonathan Franzen und Co. demnächst?

„Auch die Arbeit der recherchierenden Publizisten (unabhängig davon, ob sie dokumentarisch oder fiktional arbeiten) hängt entscheidend davon ab, dass die Anonymität der Interviewten gegebenenfalls garantiert werden kann; es muss sich dabei nicht gleich um Whistleblower handeln. Zeitzeugen öffnen ihre privaten Archive oft nur aufgrund eines Vertrauensverhältnisses, das nur in der Intimität der jeweiligen Beziehung gedeiht.“

„Repression muss keineswegs brutal und aggressiv daherkommen. Im Gegenteil: Die effizienteste Repression ist jene, die dem Einzelnen das Duckmäusertum so schmackhaft macht, dass er sich selbst auf untertänige Diät setzt.“

541: Kehlmann: Brecht war gegen freie Wahlen, Meinungsfreiheit und Bewegungsfreiheit.

Mittwoch, November 27th, 2013

In 540 war von der McCarthy-Ära in den USA (Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts) die Rede. Eine schlimme Zeit der Verdächtigungen, des Ausspähens, der Verhöre. Wir dürfen daraus nicht den falschen Schluss ziehen, dass diejenigen, die ausgespäht wurden, lupenreine Demokraten waren, wie man heute ja wohl sagt.

Das gilt zum Beispiel für unseren verehrten Bertolt Brecht, der als überzeugter Kommunist schnellstens das Vaterland aller Proletarier, die Sowjetunion, durchquert und sich beim Klassenfeind in Hollywood niedergelassen hatte. Um sich unter die „Verkäufer von Lügen“ einzureihen. Lieber in Hollywood lügen (Brecht schrieb das Drehbuch zu Fritz Langs „Hangmen also die.“), als im „Hotel Lux“ wohnen und im Archipel Gulag umkommen.

Daniel Kehlmann hat anlässlich der Eröffnung des Brecht-Festivals in Augsburg 2008 dazu eine bemerkenswerte Rede gehalten („Es ist nicht weniger als unser aller Glück, dass die Welt nicht so geworden ist, wie Bertolt Brecht sie sich gewünscht hat“) (SZ 19./20.7.2008).

Darin sagt er: „Und bevor wir uns wohlfeilen Phrasen überlassen, sollten wir einmal deutlich aussprechen, welches Glück wir haben, alle von uns, jeder Einzelne, dass die Welt nicht so geworden ist, wie er sie sich gewünscht hat, denn die seine würde keine freien Wahlen kennen, keine Meinungsfreiheit, keine Freiheit, dorthin zu gehen, wohin man will. In jenem großen Religionskrieg der Sowjetregierung (Archipel Gulag, W.S.) gegen ihr eigenes Volk, einem Krieg, in dem nur eine Seite bewaffnet war, stand er zuverlässig, wenn auch mit jener sanften Ironie, auf die seine Verteidiger sich gerne berufen, bei denen, die die Religion hatten und die Maschinengewehre.“

Kehlmann schätzt verständlicherweise sehr vieles von Brechts Literatur. Sie gehöre partiell zum Besten, was in unserer Sprache geschrieben wurde.

Er verweist zu Recht auf den „Verrat der Intellektuellen“, wie ihn Julien Benda 1926 („Le trahison des clercs“) analysiert und verurteilt hatte.

„Es war immer eine seltsame Annahme, dass Lyriker und Romanciers mehr über Politik wüssten als etwa die Ingenieure, die Zahnärzte oder die Orchestermusiker.“ Dreimal ja!

„Nein, wir sind nicht klüger als sie, aber rückblickend sollten wir auch nicht den Schrecken leugnen und tun, als wären sie klüger gewesen, als sie waren.“

539: Claude Lanzmann hat Hannah Arendt nicht verstanden.

Mittwoch, November 27th, 2013

Claude Lanzmann hat mehrfach Furore gemacht. Als Regisseur von „Shoah“ (1985), als Liebhaber von Simone de Beauvoir und mit seinen Lebenserinnerungen 2010 („Der patagonische Hase“). Nun kommt sein neuer Film heraus („Der Letzte der Ungerechten“), ein langes Gespräch mit dem „Judenältesten“ von Theresienstadt, Benjamin Murmelstein. Sascha Lehnartz hat Lanzmann für die „Welt“ (23.11.13) interviewt. Dabei zeigt sich, dass Lanzmann wie so viele andere „Prominente“ auch Hannah Arendts „Eichmann in Jerusalem“ nicht verstanden hat.

„Welt“: Hannah Arendt hat mit Blick auf Adolf Eichmann die berühmte Formulierung von der „Banalität des Bösen“ geprägt. Was halten Sie von diesem Konzept?

Lanzmann: Das Böse ist nicht banal. Diese Idee, die Hannah Arendt in die Welt gesetzt hat, ist eine wirklich schwache Idee. Sie belegt eher die Banalität der Schlussfolgerungen von Hannah Arendt. Sie hat ein paar gute Bücher geschrieben, aber was den Eichmann-Prozess betrifft, liegt sie vollkommen daneben. Der Eichmann-Prozess war ein abstoßender Prozess, denn er wurde von Ignoranten geführt, die in Eile waren. Das waren faule Leute, die ständig die Ortsnamen verwechselten und die unfähig waren, die Überlebenden zu befragen, die extreme Geschehnisse durchgemacht haben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer das ist. Wenn man das während eines Prozesses macht, dann ist das fatal. Die kommen in dem Prozess zu der Ansicht, Eichmann habe nicht an der Kristallnacht teilgenommen. Dabei war er einer der Hauptorganisatoren in Wien.

510: Erich Kästners „Fabian“ erscheint neu.

Samstag, November 2nd, 2013

Unter dem Titel „Der Gang vor die Hunde“, den sich Erich Kästner ursprünglich gewünscht hatte, erscheint sein ambitioniertestes Werk für Erwachsene neu, „Fabian“. Bei Atrium. Eine Parallele zu Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ (David Denk „taz“ 21.10.13). Damit wird sein Image als Kinderbuch-Onkel und linksliberaler Spießer abgebaut. Denn Kästner war ein veritabler Autor und politisch hellwacher Zeitgenosse. In der Filmgeschichte unvergessen ist sein „Münchhausen“ (1942), den er unter dem Pseudonym Berthold Bürger geschrieben hatte. Bis zu seinem Tod 1974 blieb Erich Kästner „Deutschlands hoffnungsvollster Pessimist“ (Marcel Reich-Ranicki). Über den Moralisten „Fabian“ sagte er: „Sein angestammter Platz ist und bleibt der verlorene Posten.“

509: Ich vermisse Harald Schmidt.

Samstag, November 2nd, 2013

Harald Schmidt moderiert seine Show auf dem Bezahlsender Sky vor kleinem Publikum. Ich habe Sky nicht abonniert und habe auch nicht vor, das zu tun. Aber ich vermisse Harald Schmidt. Wie er früher vom Rande eines Sandkastens auf dem Kinderspielplatz die Welt erklärte und die Kinder Saul hießen. Etc. Hilmar Klute hat Schmidt für die SZ interviewt (19./20.1013). Schmidt spricht dabei über das Sterben. Und Peter Sloterdijk und Martina Gedeck.

SZ: Sterben ist jetzt auch kein Tabuthema mehr. Im Gegenteil.

Schmidt: Die Frage wird lauten: Sterben wir falsch? Lebendiges Sterben oder Sterben teilen, nachhaltig sterben, erneuerbar sterben. Soll man ein Ministerium gründen, bei dem Sloterdijk eine entscheidende Rolle spielt?

SZ: Du musst Dein Sterben ändern.

Schmidt: Ich wollte sterben, da sah ich das wunderschöne Gesicht von Martina Gedeck. So. Am Sloterdijkplatz in Berlin das neue Sterbeministerium. Leben machen, sterben lassen.

SZ: Sie dagegen haben ihren Vertrag verlängert.

Schmidt: Bis März 63 Shows.

SZ: Wann hören Sie mal auf?

Schmidt: Von mir aus gar nicht. Ich geh‘ da jeden Tag hin, da ist für mich ein großer Stabilitätsfaktor.

505: Sahra Wagenknecht kennt Goethe und lobt ihn.

Montag, Oktober 28th, 2013

Sahra Wagenknecht, die stellvertretende Vorsitzende der Linken im Deutschen Bundestag, rezensiert Rüdiger Safranskis „Goethe – Kunstwerk des Lebens“ (Hanser, 27,90 Euro) in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) vom 27. Oktober 2013 und erweist sich dabei als profunde Goethe-Kennerin. Das können wir von keinem Politiker erwarten. Wagenknecht steht dabei in der Tradition Georg Lukacs‘ und Peter Hacks‘. Rüdiger Safranski hat sich schon als Biograf anderer Geistesgrößen (z.B. Heidegger) und als Fernseh-Moderator einen Namen gemacht.

Zunächst lobt Wagenknecht Safranski dafür, dass er Goethe nicht unter den weit verbreiteten Stereotypen laufen lässt wie dem

– vom kleinkarierten Pedanten oder

– vom Leben verwöhnten Egoisten oder

– vom Antidemokraten und politischen Opportunisten oder

– vom selbstsüchtigen Macho, der seine Frauen schlecht behandelt hat.

„Safranski stellt dieser Kleinmacherei die sympathische These entgegen, dass Goethes Größe nicht zuletzt darin besteht, dass er es tatsächlich geschafft hat, ein Mensch zu sein und als solcher zu leben: selbstbestimmt, souverän, in Würde. Er war ein Mensch gerade weil er ein Leben lang darum gerungen hat, sich zu dem zu machen, der er war. Das war harte Arbeit und keineswegs selbstverständlich.“

„Goethe hat die drohende Zerstörung von Kultur, Zivilisation und Humanität in einer durchkommerzialisierten Gesellschaft bereits lange vor Marx mit verblüffender Klarheit vorhergesehen. Ihm graute vor Verhältnissen, in denen sich alles rechnen muss. Eine gesellschaftliche Ordnung, in der die wertvollsten Eigenschaften des Menschen – Liebesfähigkeit, Sehnsucht nach menschlichen Bindungen, nach Harmonie und Schönheit – verkümmern lässt und seine schlechtesten – Habsucht, Egoismus, soziale Ignoranz – gnadenlos kultiviert, musste Goethe als Affront gegen den Kerngedanken seiner Literatur empfinden. Der Homo oeconomicus, der Mensch als von niederen Instinkten angetriebener roboterhafter Nutzenoptimierer, ist die fundamentalste Infragestellung des klassischen Menschenbildes, die sich denken lässt.“

„Fausts letzte Wort sind eine Liebeserklärung an die Menschheit, während Halbtote unter Mephistos Oberbefehl damit beschäftigt sind, sein Grab zu schaufeln. Vielleicht hat der alte Goethe seine Lebensumstände genau so grotesk empfunden?“

„Wirklich ‚erbärmlich‘ endet übrigens Mephisto. Der Menschenverächter wird in dem Augenblick, als er sich Fausts Seele schnappen will, ausgerechnet von der schönsten aller menschlichen Leidenschaften, von dem Gefühl der Liebe, überwältigt. Das währt natürlich nicht lange, aber es genügt, um den Engeln Gelegenheit zu geben, mit Fausts Seele gen Himmel zu fliegen. Mephisto verflucht sich und seine ‚Torheit‘ und steht ziemlich belämmert da.“

Kommentar W.S.: Wer Goethe so gut kennt, ihn als Seelenverwandte so überzeugend und stilsicher loben kann, kann die eine schlechte Politikerin sein? Ein bisschen zu klassisch angelegt diese Rezension. Aber sie wird Goethe und Safranski gerecht.

 

504: F.J. Raddatz sehnt sich nach der Belle Epoque.

Sonntag, Oktober 27th, 2013

Fritz J. Raddatz ist immer noch einer der klügsten Feuilletonisten unserer Zeit. Als ein Redakteur der „Literarischen Welt“ (26.10.13) ihn fragt: „Hätten Sie gerne zu der Zeit von Marcel Proust in Paris gelebt?“, antwortet Raddatz mit einer Klage über die „Vulgarität unserer Tage“:

Mein schnelles, unumwundenes „Ja“ bedarf einiger Variationen und Erläuterungen. Angeekelt von der Vulgarität unserer Tage, von den „Coffee to go“-Pappbecherschlürfern, den Frittenmampfern, den Tätowierten in T-Shirts mit „University of California“-Aufdruck, die nie eine Universität von innen gesehen haben, einem aber jede Glastür ins Gesicht schmettern – angewidert von bramsiger Unhöflichkeit und rabaukiger Unverfrorenheit, bekenne ich gerne: Die Belle Epoque, ein versunkenes Märchen, übt auf mich eine ob ihres Vergangenseins traurige Faszination aus.

W.S.: Ja, lieber F.J.R., was können wir da nur tun?

502: Sibylle Lewitscharoff: „Geld und Manneskraft hängen zusammen“

Samstag, Oktober 26th, 2013

Den wichtigsten deutschen Literaturpreis, den Georg-Büchner-Preis, erhält in diesem Jahr die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff. Ihr letzter Roman „Blumenberg“ knüpfte an Material über das Leben des deutschen Philosophen Hans Blumenberg (1920-1996) an. Blumenbergs Briefwechsel mit Jacob Taubes (1923-1987), dem großen Judaisten, ist kürzlich veröffentlicht worden (ich habe ihn noch nicht gelesen). Andreas Zielcke hat Sibylle Lewitscharoff in der Villa Massimo in Rom über Geld interviewt (SZ 26./27.10.13). Dabei kommt die Rede auch auf Richard Fuld, den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Lehmann Brothers.

SZ: Er hat der Bank schließlich Schulden von 600 Milliarden Dollar beschert. Aber solche Geldberge muss man erst mal versetzen können – und wollen.

Lewitscharoff: Ich glaube, dass Männer hier gefährdeter sind, weil sie die Wucht des Schwungrades nahe an die eigene Potenz binden. Das tun Frauen nicht. In meiner Erfahrung sind es praktisch nur Männer, die mit verwegenen Finanztransaktionen untergegangen sind. Frauen haben natürlich auch ihre Geldphantasmen, aber die sind psychisch nicht so an ihre Überlebenskraft gekoppelt wie bei Männern.

SZ: Statistisch lässt sich schwer widersprechen, da der Finanzmarkt zum allergrößten Teil von Männern beherrscht wird. Immerhin aber sitzen bei der amerikanischen Zentralbank und beim IWF jetzt Frauen an wichtigen Schaltstellen.

Lewitscharoff: Kann sein, dass dies den maskulinen Zug des Geldbetriebs etwas aufweicht. Und es kann auch sein, dass Finanzgeschäfte traditionell in männlicher Hand waren und schon deshalb Aussagen über weibliches Finanzgebaren schwierig sind. Persönlich habe ich nur erlebt, wie eng bei Männern Finanzerfolg und erotisches Vermögen verknüpft sein können. Offenbar hängen Geld und Manneskraft zusammen. Frauen kommen, sagten mir Psychiater, eher wegen Liebeskummer in die Psychiatrie, Männer wegen Geldsorgen oder Geldwahn.