Archive for the ‘Literatur’ Category

524: Rudolf Augsteins Grab in F. J. Raddatz Tagebüchern

Dienstag, März 4th, 2014

Fritz J. Raddatz‘ Erinnerungen („Unruhestifter“, 2003) und seine Tagebücher 1982-2001 (2010) habe ich mit großer Lust und ebensolchem Gewinn gelesen. Süffiger Klatsch, intelligente Perspektiven, ein großes Wissen und viel Feingefühl waren da zu erkennen. Einmalig in seiner Art. Auf dem Level von Marcel Reich-Ranicki, dem großen Gegenspieler. Nun erscheinen wieder Tagebücher (2002-2012) von Raddatz (720 S., bei Rowohlt; 24,95 Euro). Vorabgedruckt sind sie zum Teil in der „Literarischen Welt“ (1.3.14), die sie als „literarische Sensation“ ankündigt.

Da heißt es unter „Ostersonntag 2003“ etwa: „Gestern schockiert vor dem Grab von Rudolf Augstein in Keitum, unweit dem meinen: Es ist kein Grab, sondern eine schlecht geharkte Sandstelle, als hätte man eine Katze verscharrt. Vor dem Stein mit seinem Namen eine verpisste Primel. Kein Strauch, keine auch nur winzigste Hecke, die nach links oder rechts abgrenzt. Die Grabstelle geht nahtlos über zum nächsten Grab. Ich habe etwas derart Liebloses, ein solches Wegwerfen eines Verstorbenen noch nie in meinem Leben gesehen. Da sind nun alle diese Söhne, Halbsöhne, Töchter, Halbtöchter, Witwen, geschiedene Damen, die in ihren von ihm bezahlten Villen wohnen. Die jahrzehntelang die von ihm gekauften Nerze und Dior-Roben trugen, Limousinen und Cabriolets fuhren resp. noch fahren, die er ihnen bezahlte. Und keiner/keine von all denen fühlt sich bemüßigt, fühlt sich ‚aufgerufen‘, dem Vater, dem ehemaligen Mann eine auch nur ordentliche, ihm gemäße Ruhestätte zu schaffen (ich denke ja nicht an Nekropolen, Skulpturen, irgendwas Wichtiges, aber …).

Nun neige ausgerechnet (und nachweislich) ICH ja nicht dazu, den Mann zu überschätzen, gar ihn hochzuschätzen – aber es ist doch nicht zu leugnen, dass er seine Bedeutung in und für Nachkriegsdeutschland hatte. SO geht man mit so jemandem nicht um. (…)“

Ich merke, dass ich immer noch an den großen Männern hänge, tot oder lebend. Sie haben meine Wahrnehmung bestimmt. Und tun es heute (4.3.14) noch.

521: „Heintje-Effekt“ oder „Onkel-Tom-Literatur“: die Schriftsteller dürfen sich keine Vorschriften machen lassen.

Dienstag, Februar 25th, 2014

Die Diskussion über die deutsche Literatur ist erfreulich lebhaft und andauernd. Nun schaltet sich noch Lothar Müller mit der ihm eigenen Klasse ein (SZ 25.2.14).

Florian Kesslers Diagnose vom „Heintje-Effekt“ in der Literatur der braven jungen Leute schloss sich Maxim Billers Verdikt über die „Onkel-Tom-Literatur“ der Immigranten an, welche die ihnen von Biller zugedachte Rolle nicht erfüllten, Stachel im Fleisch der deutschen Volksgemeinschaft zu sein. Lothar Müller macht darauf aufmerksam, dass das Abstellen auf die Herkunft der Autoren ein ständisches Element ist. Denn die Moderne hat ja gerade das Auseinandertreten von Herkunft und Zukunft gebracht. Die Regel „Einmal Bauernsohn, immer Bauernsohn“ gilt in der modernen Gesellschaft nicht mehr. Das ist ihr Vorzug.

„Die Herkunft gibt einem Autor nicht zwingend seine Stoffe vor, und der Stoff gibt die Form nicht vor, in dem er erzählt wird oder in ein Gedicht oder einen Essay eingeht. Ästhetisch gesehen gehört Maxim Biller zu den konservativen Autoren. Er mag von seinem Erzählton nicht mehr abweichen, den er in Orientierung an den osteuropäischen jüdischen Autoren  des 20. Jahrhunderts und den nordamerikanischen Autoren, die ihn aufgriffen, gefunden hat. Zur realistischen, allgemein verständlichen Tradition des Erzählens, die er unter beständigem Avantgarde-Bashing hochhält, gehört die unangefochtene Herrschaft des epischen Imperfekts. Darum ist er so allergisch gegen das Präsens als Erzählzeit, für ihn kann der ‚Präsensstil‘ seiner Kollegen nur eine Kapitulation vor dem ‚ARD-Fernsehspiel-Drehbuch‘ sein.“

Was m.E. aber noch viel wichtiger ist: dass die deutschsprachigen Autoren sich von niemandem Vorschriften machen lassen.

520: Feridun Zaimoglu ist unser Thomas Mann.

Montag, Februar 24th, 2014

Volker Weidermann lese ich immer gerne. Speziell seit seinem schönen Buch „Lichtjahre“ aus dem Jahr 2006 („Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute“). Für diejenigen von uns, die keine Literaturprofessoren sind, und deswegen nicht alles gelesen haben müssen, eine wunderbare und gelungene Einführung in die deutsche Literatur der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Weidermann (FAS 23.2.14) beschäftigt sich mit Maxim Billers Verdikt über die deutsche Gegenwartsliteratur („Die Zeit“, 20.2.14). Das sitzt.

„Billers Analyse der deutschen Gegenwartsliteratur fällt so aus: langweilig, leblos, unehrlich, angepasst, ermüdend, irrelevant, selbstbezogen, kraftlos, provinziell. Keiner, der nicht gerade in irgendeiner Literaturjury sitzt, redet drüber. Jeder schreibt vor sich hin, von Literaturpreisen gefördert, von Stipendien zufriedengestellt. Keiner will auffallen. Keiner will durch Ungehorsam aus dem Fördersystem herausfallen. Also schreiben alle Literaturhausprosa. Beruhigungsliteratur. Egalbücher.

Die ganze Langeweile und Borniertheit begann, so Biller, mit der Vertreibung der Juden aus der deutschen Literatur. Damit das wieder anders wird, müssten die Rolle der Juden – ’scharf denken, präzise fühlen, kosmopolitisch leben‘ – heute die in Deutschland lebenden Ausländer übernehmen. All die Leute nichtdeutscher Herkunft sollten schreiben, dichten, wüten, verlegen und kritisieren, furchtlos und mutig und unangepasst nach ihrer Art. In ihrer Sprache. Mit ihrer Wut und Ehrlichkeit. So Maxim Biller.

Und er hat total recht. Und er hat total unrecht. Erstens, ja, ist der Überdruss gewaltig, auch bei mir, Leser aus Berufsgründen. Es ist irre, was für eine gigantische Zahl an Privatbüchern der literarische Subventionsbetrieb Saison für Saison hervorbringt. Und natürlich ist dieser Literaturbetrieb ein unfassbar selbstbezügliches System, in dem man sich gegenseitig applaudiert, Preise zuschanzt, dafür mit Gegenpreisen belohnt wird und so weiter. Eine gigantische, landesweite, ewige Gruppe 47, in der jeder schön seine Rolle spielt. Und Maxim Biller die Rolle des stolzen Außenseiters, der alle sieben, acht Jahre seine Kollegen anherrscht und ihnen sagt, wie sie zu schreiben haben.“

Volker Weidermann überprüft das anhand der Schriftstellerinnen und Schriftsteller Herta Müller, Terézia Mora, Feridun Zaimoglu, Katja Petrowskaja, Sascha Stanisic und Per Leo. Und gelangt zu einem anderen Ergebnis als Maxim Biller. Insbesondere Feridun Zaimoglu lobt er über den grünen Klee. Für „Kanak Sprak“, für „Leyla“ und zuletzt für „Isabell“. „Wie der Autor Zaimoglu es schafft, nach zwanzig Jahren Streicheleien durch den Betrieb, in seiner Literatur immer noch nicht dazuzugehören, authentisch, unkünstlich und direkt seine Stimme zu bewahren und diese Geschichten zu finden und zu schreiben, das ist bewundernswert. Für mich ist er der repräsentative Autor unserer Zeit. Unser Thomas Mann.“

Volker Weidermann nutzt die Gelegenheit für eine Wahrheit, die für einen Schriftsteller wie für einen Literaturkritiker ungefähr gleich bitter ist. Literatur habe in unserer Zeit einfach an Relevanz verloren. „Wir sind doch alle viel, viel zu zerstreut, im permanenten Informationstaumel vor tausend Bildschirmen des Lebens. Es braucht da gar nicht die ermüdende These der amerikanischen Fernsehserie bemüht zu werden, die angeblich den Roman ersetzt hat. Alles, alles ersetzt heute den Roman. Und es ist eher erstaunlich, was für eine große Rolle die Literatur in diesen gigantischen Textzeiten überhaupt noch spielt. Ja, auch ich hätte gerne die Diskurse, die Romane, die Feuilletons, die ganze literarische Wichtigkeit der zwanziger Jahre zurück. Aber ich fürchte, daraus wird nichts mehr werden.“

514: Omas Salzgebäck und der Nutzen von Buchklubs und amerikanischen Fernsehserien

Samstag, Februar 15th, 2014

Das Lamento über gehaltlose Literatur ist wieder groß. Besonders in Deutschland. Nun beteiligen sich auch noch der deutsche Schriftsteller Klaus Ungerer und der US-amerikanische Schriftsteller Philip Roth daran (Literarische Welt 15.2.14).

Klaus Ungerer schreibt: „Ansonsten schlägt mir, …, immer und überall dieser Popanz, dieser Muff der Literaten-Literatur entgegen und der beigeordneten Literaturkritik, die es für berichtenswert hält, wer mit wem auf dem Nobelpreisball getanzt hat. … Als rundum alter Sack fühle ich mich gar nicht. Ich lese Nachrichten, ich gucke Bundesliga, streame die neuesten Serien, chatte mit Neuseeland. Überall bilde ich mir ein, über eine gewisse Neugierde zu verfügen. Auch bei Literatur. Der merkwürdige Effekt aber, immer wieder, wenn ich mal reinschaue in die einheimische Produktion: 95 Prozent davon fühlen sich so frisch an wie Omas Salzgebäck.“

Philip Roth antwortet auf die Frage, was Buchklubs bewirken können: „.. von Buchclubs habe ich keine Ahnung. Aus meinen vielen Jahren als Literaturprofessor weiß ich allerdings, dass es der ganzen Strenge bedarf, die man im Verlauf eines Semesters aufzubieten vermag, um wenigstens die besten Studenten dazu zu bringen, dass sie mit all ihrer Intelligenz und ohne das übliche Moralisieren, ohne ausgeklügelte Interpretationen und biografische Spekulation genau die vorgesehene Literatur lesen und sich insbesondere vor dem Schreckgespenst der dampfwalzenartigen Verallgemeinerung hüten.“

Klaus Ungerers Rat für potentielle Autoren: „Schauen Sie auf keinen Fall amerikanische Fernsehserien an! Amerikanische Fernsehserien haben eine unangenehme Neigung, ihre Handlung mit allerhand GEGENWART zu kontaminieren: Irak-Krieg, Alltagsrassismus, Gesundheitssystem, Computerspionage, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, politische Korruption, Google in China, Pharmalobbyismus … und immer so weiter, you name it. All dies sind Dinge, mit denen Sie sich nicht belasten sollten, um Sinnkrisen zu vermeiden: Was mache ich hier eigentlich? Welche Relevanz hat das? Woher wissen die so viele SACHEN, diese amerikanischen Fernsehserienmacher?“

Können wir Klaus Ungerer und Philip Roth ernst nehmen?

508: Roman über „akademischen Kapitalismus“ erschienen

Mittwoch, Februar 12th, 2014

College-Romane kann verschlingen, wer im universitären Milieu lebt oder gelebt hat. Viele von uns haben noch

David Lodges „Schnitzeljagd“ („Small World“) (1984)

im Kopf. Manche

Dietrich Schwanitz „Der Campus“ (1995) oder

Jeffrey Eugenides „Die Liebeshandlung“.

Wie der letztgenannte Titel nahelegt, geht es dabei vielfach um die Liebe. Das ist sehr schön, auch wenn wir es nicht überschätzen sollten. Denn wie der Volksmund sagt, könnte das Liebesleben der Metzger und das der Literaten ziemlich ähnlich sein, nur schreiben die Metzger nicht drüber.

Gegenwärtig ist natürlich alles viel ernster. Ein erster Roman über den „akademischen Kapitalismus“ ist erschienen:

Sam Lipsyte. Der Spender. Wiesbaden (Luxbooks) 2013; 22,80 Euro.

Wenn Universitäten zu Unternehmen und Lehrbeziehungen zu Dienstleistungsverhältnissen verkommen, stehen andere Dinge auf der Tagesordnung (Kai Sina FAZ 8.2.14). Der Held, Milo Burk, ein gescheiterter Künstler, treuer Ehemann und liebevoller Vater arbeitet in der Finanzentwicklungsabteilung einer gebührenstarken, geistig aber mittelmäßigen New Yorker Universität. Er betrachtet die Studenten als Hochstapler und verachtet sie. Sie seien „vollgepumpt mit Selbstüberschätzung und mit den daraus resultierenden Bankschulden“.

Eine Studentin beschreibt sich Burk gegenüber voller Überheblichkeit als „Kundin“. Dieser bezeichnet sie als „arrogant“ und „talentlos“ und beschimpft sie sogar. Das hätte er besser nicht tun sollen; denn die „Kundin“ ist die Tochter eines einflussreichen Universitätsmäzens. Die Folge: Burks Entlassung.

Aber unser Mann hat Glück. Sein Studienfreund Purdy Stuart, der mittlerweile im Zuge des IT-Booms zu sagenhaftem Reichtum gekommen ist, erwägt eine Spende, will aber nur mit Milo Burk darüber verhandeln. Voller Gier nach frischem Geld verspricht die Hochschule, von Milos Vorgeschichte abzusehen und ihn wieder einzustellen. sollte die Spendeneinwerbung wirklich gelingen. Wir werden in die Welt des Hochschul-Kapitalismus eingeführt. Mit einem Temperaturabfall bis zur Eiseskälte.

Purdy wittert seine Chance und instrumentalisiert Burk für seine Zwecke. Als Gegenleistung verlangt er, dass Burk ihm seinen unehelichen Sohn vom Halse halten soll. Dieser entpuppt sich als verstümmelter und zynischer Irak-Veteran mit einer Vorliebe für „White Trash“. Lipsyste porträtiert hier die US-amerikanische Gegenwart. Während seine eigene Ehe mehr und mehr vor die Hunde geht, besucht Milo Burk seine lesbisch gewordene Mutter, die mit ihrer Freundin glücklich in einer Art hippiehafter Kommune lebt.

Lipsyste, der als Dozent für „Creative Writing“ an der Columbia University vom Bau ist, entwirft ein sehr trauriges Endzeitszenario. Seine Lesart des gesellschaftlichen Wandels und der universitären Wirklichkeit in den Vereinigten Staaten läuft auf die Frage hinaus, wohin die Verquickung von Geist und Geld führt, die es auch schon an deutschen Universitäten gibt. Es ist ein Abgesang auf ein geistiges Milieu, ja die Verabschiedung eines intellektuellen Zeitalters.

Darin steckt eine Aufwertung der Literatur, die sich unwillkürlich einstellt. Sie ist der letzte Rückzugsort eines aufgeklärten Bewusstseins. Halten wir daran fest.

506: Philip Roth will kein jüdisch-amerikanischer Schriftsteller sein.

Montag, Februar 10th, 2014

Philip Roth möchte nicht als jüdisch-amerikanischer Schriftsteller bezeichnet werden (pba, FAZ 7.2.14). Ein Romancier wie er sei besessen von der Sprache. Er suche das nächste richtige Wort. Für ihn sei dieses Wort ein Wort des amerikanischen Englisch.

„Die amerikanische Republik ist 238 Jahre alt. Meine Familie ist seit 120 Jahren hier. Sollte ich mich damit noch nicht als amerikanischer Schriftsteller qualifizieren, lassen Sie mir wenigstens die Einbildung.“

484: Avi Primors erster Roman erscheint.

Samstag, Januar 25th, 2014

Avi Primor war von 1993 bis 1997 israelischer Botschafter in Deutschland. Der 1935 in Tel Aviv geborene Berufsdiplomat war vorher Botschafter bei der EU. Heute ist er Vorsitzender der Israelischen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Er gilt als Gesicht des Staates Israel in Deutschland und bekanntester Förderer des deutsch-israelischen Dialogs. Regelmäßig kommt er in der SZ als Gastkommentator zu Wort, der sich durch Vernunft und Augenmaß auszeichnet. Nach mehreren Sachbüchern veröffentlicht Avi Primor jetzt seinen ersten Roman

„Süß und ehrenvoll“. Köln (Quadriga), 384 S., 19,99 Euro.

Darin geht es um zwei Juden, die auf der französischen und der deutschen Seite im Ersten Weltkrieg gegeneinander kämpfen. Sven Felix Kellerhof Hat Primor in der „Literarischen Welt“ (LW) interviewt (25.1.14).

LW: Warum ein Roman über jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg?

Primor: Weil es das erste und auch einzige Mal in der Weltgeschichte war, dass Juden einander in größerer Zahl auf feindlichen Seiten gegenüberstanden, aufeinander geschossen haben. Gewiss, einzelne jüdische Soldaten mag es vorher gegeben haben, aber 1914 bis 1918 sind Juden in Deutschland und Frankreich geradezu begeistert in den Krieg gezogen, um für ihre Nation ihr Leben zu riskieren und oft auch zu opfern. Das hat mich interessiert.

LW: Sind die deutsch-israelischen Beziehungen so gut, dass Sie Zeit hatten, sich einem historischen Roman zu widmen – oder im Gegenteil so schlecht, dass Ihnen außer Fiktion dazu nichts mehr einfällt?

Primor: Die deutsch israelischen Beziehungen sind hervorragend und für Israel geradezu unentbehrlich. Aber für die Zukunft bin ich nicht zuversichtlich, denn die Stimmung wandelt sich. Nicht unbedingt gegen den Staat Israel oder das israelische Volk, aber gegen die israelische Politik. Wenn wir Tacheles reden: Die Beziehungen mit der Regierung und vielen Institutionen sind gut, aber das gilt immer weniger für die deutsche Bevölkerung.

LW: Dier Situation der deutschen und der französischen Juden ist also sehr unterschiedlich vor dem ersten Weltkrieg?

Primor: Ja, ganz gewiss. Das gegenüberzustellen war mir ganz wichtig.

LW: Ihre beiden Protagonisten begegnen einander zweimal. Beim ersten Mal während des berühmten „Weihnachtsfriedens“ 1914, stellen sie fest, dass sie beide Juden sind. Man kann diese Episode so lesen, als hätten Juden untereinander eine besondere Beziehung. Wollen Sie das andeuten?

Primor: Nein. Aber man muss diese Ebene mitbetrachten. Da sind zwei junge Männer, die am Heiligen Abend keine Gebete sprechen, während alle anderen um sie herum beten. Sie sind überrascht, aber Ludwig fällt nicht sofort ein, dass sein gegenüber ebenfalls Jude sein könnte. Er ist gar nicht darauf gekommen, dass Juden auch auf der anderen Seite kämpfen könnten.

LW: Bei diesem Treffen im Niemandsland verspricht Ludwig seinem Gegenüber Louis, er werde ihn besuchen kommen, „wenn wir Frankreich besetzt haben“, und der junge Franzose antwortet: „Um meine Heimat zu besuchen, brauchst du keinen Krieg.“

Primor: Das ist in der Tat eine Schlüsselszene. Ich habe in dem Jahr, in dem ich für das Buch geforscht habe, nach einer Stimme gesucht, die etwas zum Kampf von Juden gegen Juden sagt. Es gibt keine solche Stimme; nicht bei Rabbinern, nicht bei Schriftstellern, nirgends.

LW: Genauso wenig wie bei Christen.

Primor: Eben!

LW: Das wichtigste Ereignis, um das ihr Roman kreist, ist die berüchtigte „Judenzählung“, die das preußische Kriegsministerium 1916 angeordnet hat. Sie lassen mehrere jüdische Nebenfiguren unterschiedliche Deutungen besprechen. Konnten Sie sich nicht entscheiden, wie Sie den Fall interpretieren sollten?

Primor: Das ist schwierig. Denn die Judenzählung ist ja von den Antisemiten tatsächlich benutz worden, um Stimmung gegen die Juden zu machen, weil die Regierung die Ergebnisse nicht veröffentlicht hat. Andererseits hat es besonders demütigende Untersuchungen von Frontsoldaten in Lazaretten, wie ich sie beschreibe, eben nicht besonders oft gegeben, und sie sind rasch unterbunden worden. Also, die Frage ist für mich offen, und das will ich auch dem Leser zeigen.

LW: In der letzten Szene des Romans sagt eine jüdische Bekannte von Karoline und Ludwig im Dezember 1918: „Es wird nie wieder einen Unterschied zwischen jüdischen und christlichen Deutschen geben, wir sind ein Volk und haben ein Vaterland.“ Mit dem Wissen um den Holocaust eine besonders bittere Bemerkung …

Primor: Karoline und ihre jüdische Bekannte sind der Überzeugung, nun sei das Ziel der Integration der Juden in die deutsche Gesellschaft erreicht. Aber die Leser wissen natürlich, dass es nicht so war – im Gegensatz zu den Menschen 1918. Selbstverständlich ist das bitter. Das Ende meines Romans ist ganz bewusst ein falsches Happy End.

Kommentar W.S.: Ich wünsche dem Roman sehr viele Leser.

480: Uwe Johnson und die Hymne der DDR

Donnerstag, Januar 16th, 2014

Vor dreißig Jahren, im März 1984, wurde Uwe Johnson tot in seiner Wohnung in Shearness-on-Sea in der Themse-Mündung aufgefunden. Und vor 80 Jahren, am 20. Juli 1934, ist er in Kammin in Pommern geboren. In Anklam an der Peene und in der Barlach-Stadt Güstrow wuchs er auf. Von 1952 bis 1956 studierte er Germanistik in Rostock und Leipzig, zuletzt bei Hans Mayer. Nach dem glänzend bestandenen Examen strebte er keine feste Anstellung an, sondern lebte von „wissenschaftlicher Heimarbeit“.

Sein erster Roman

„Ingrid Babendererde“,

in dem Johnson den Skandal um die „Junge Gemeinde“ in Güstrow 1951 reflektierte, wurde vom Ost-Berliner Aufbau-Verlag abgelehnt, konnte aber auch bei Suhrkamp nicht erscheinen, weil sich der Pommer Uwe Johnson mit dem Oldenburger Peter Suhrkamp nicht darauf einigen konnte, dass es den sonderbaren Namen „Babendererde“ tatsächlich gab. Der Roman erschien 1985 post mortem bei Suhrkamp. Der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld hat gewiss die größten Verdienste um das Werk Uwe Johnsons. Es gehört zu den eigenwilligsten Schöpfungen der deutschen Literatur. Uwe Johnson war nicht, wie es wohl Günther Blöcker in der FAZ behauptet hatte, der „Dichter beider Deutschland“, sondern er war der genaueste Kenner der Verhältnisse in der Sowjetischen Besatzungszone und am Anfang der DDR. Und er war ein großer Schriftsteller.

Er mutete seinen Leserinnen und Lesern eine Menge zu. Sein neuer Roman

„Mutmaßungen über Jakob“

war neben der „Blechtrommel“ die literarische Sensation des Jahres 1959. Sein Protagonist Jakob Abs, ein Eisenbahner, wurde am Ende von einer Rangierlok überfahren. Die Fäden der Geschichte hatte der Autor so kunstvoll verschlungen, dass der Roman vielen dunkel erschien. Auf den Umschlag der Erstausgabe setzte der Verlag (Suhrkamp) vorsichtshalber eine Inhaltsangabe. Der erste Satz des Buchs „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.“ wurde in der Literaturgeschichte berühmt. Vielleicht können wir von Uwe Johnson sagen, dass auch er immer quer zum Betrieb gestanden hat. Er war ein Quertreiber. Sein Roman führt die Schwierigkeiten bei der Suche nach der Wahrheit rücksichtslos vor.

„Er vergegenwärtigt die Infiltration der Politik in das Leben eines jeden Individuums im totalitären Staat von heute und zeigt das erschreckende Resultat. Alle tarnen sich und sind daher undurchschaubar. Für die Behörden, für die Machthaber? Nicht nur: sie sind undurchschaubar  für alle, mit denen sie in ihrem Alltag zu tun haben – und somit auch für den Romanautor.“ (Marcel Reich-Ranicki, FAZ 14.3.1984)

Hatte Johnson in den „Mutmaßungen“ gegen den sozialistischen Realismus rebelliert, so protestiert sein nächster Roman

„Das dritte Buch über Achim“ (1961)

gegen westliche Denkschablonen, gegen klischeehafte Vorstellungen vom Leben in der DDR. Der Journalist Karsch aus Hamburg nimmt den Auftrag eines staatlichen Verlages an, die Biografie eines dort gefeierten Radrennfahrers zu schreiben. Zugrunde lag der Geschichte das Leben des international hoch erfolgreichen Radrennfahrers Gustav-Adolf („Täve“) Schur, der tatsächlich noch als PDS-Abgeordneter (1998-2002)  im Bundestag des wieder vereinigten Deutschlands gesessen hat. Schur war mit Abstand der populärste Sportler der DDR. Und die DDR war bekanntlich der erfolgreichste Sportstaat der Welt. Legendär ist Schurs Verhalten bei der Weltmeisterschaft 1960, als er auf dem Sachsenring seinem Mannschaftskameraden Bernhard Eckstein den Sieg überließ.

„Das dritte Buch über Achim“ ist der einzig nennenswerte Roman in der deutschen Nachkriegsgeschichte der Literatur, der einen Sportler zur Hauptfigur hat. Johnson findet hier eine Sprache, die dem Radrennen und seinem Rhythmus  angemessen ist, eine ganz und gar originelle Sprache. Achim, der sich mit dem West-Journalisten anfangs gut versteht, will seine Geschichte schließlich unverbindlicher, kleinmütiger. Einen „schimärenhaften Opportunisten“ hat Uwe Johnson „Täve“ Schur später einmal genannt (Jochen Hieber, FAZ 30.6.2009).

Für Ines Geipel, die ehemalige Weltrekord-Sprinterin der DDR, die sich heute neben ihrer publizistischen Arbeit hauptsächlich für DDR-Dopingopfer einsetzt, war Uwe Johnson „die Integrität“ in Person. „Dabei dieses Norddeutsche, Karge, seine Absolutheit. Man wurde in der DDR ja immer in die Perversion der Ideologie hineingemantelt. Und Johnson hatte das immer schon erzählt.“ (Literarische Welt, 5.9.2009) „Es gibt noch immer keine wirkliche Sprache, keine wirkliche Erzählung für die DDR. Es gibt aber auch keinen gültigen Satz für die 20 Jahre nach 1989. Mir kommt der Osten ungemein elternlos vor. … Für Johnson jetzt das absolute Eldorado.“

Der DDR-Romancier Hermann Kant lud 1962 den Republikflüchtling Uwe Johnson, den er wohl heimlich bewunderte, zu einem „Colloquium“ an den Schwielow-See ein. Als Johnson abgelehnt hatte, erschien im „Neuen Deutschland“ eine Abrechnung Hermann Kants mit Uwe Johnson. „Johnsons Bücher sind gegen die DDR gerichtet. Sie sind Produkte aus Unverstand und schlechtem Gewissen. Ihre Aussage ist falsch und böse; ihr Stil spiegelt tiefe Verworrenheit, die zeitweilige Erleuchtung nicht ausschließt.“ (Der Spiegel 2/1992).

Uwe Johnson, der seit 1959 in West-Berlin lebte, hielt es für möglich, dass die Stasi ihn nach Ost-Berlin verschleppen wollte. Ein DDR-Lektor empfahl für ihn eine „Gehirnwäsche“. Und so fühlte sich der Schriftsteller zu Recht unbehaglich. Eine Krise begann sich abzuzeichnen. Johnson floh häufiger ins Ausland, nach Italien und in die USA, wo er 1967/68 auf Vermittlung der Verlegerin Helen Wolff eine Stelle als Schulbuchlektor innehatte. Hier entstand die heute weltberühmte Tetralogie der

„Jahrestage“ (1970, 1971, 1973, 1983).

Die Protagonistin Gesine Cresspahl war einst die Freundin des Eisenbahners Jakob Abs gewesen (Johnson hatte ein eigentümlich anhängliches Verhältnis zu seinen Romanfiguren). Sie wirkte nun in New York als Medium und übermittelte Uwe Johnsons Eindrücke von New York zu Zeiten des Vietnamkriegs (mit Zitaten aus der „New York Times“), gleichzeitig erzählte sie ihrer Tochter, was deren Großeltern in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in Mecklenburg erlebt hatten. Der letzte Band der „Jahrestage“ ließ auf sich warten. Johnson erlebte eine persönliche Krise, wurde herzkrank und sprach immer mehr dem Alkohol zu. Er hatte seine Frau im Verdacht, noch während ihrer Ehe eine Beziehung zu einem tschechischen Geheimdienst-Mann gehabt zu haben. Depressionen bestimmten zunehmend seine Wahrnehmungen. Johnson lebte schließlich allein in seiner Wohnung auf der Themse-Insel Shearness. Der vierte Band der „Jahrestage“ komplettierte ein episches Kunstwerk und war zugleich ein Werk der Geschichtsschreibung. Joachim Kaiser sah darin „ein Zeit-Mosaik von staunenerregender, präziser Fülle, von politisch-aufklärerischem Rang, von verhalten melancholischer Zartheit und einsamer schriftstellerischer Meisterschaft“.

Im vierten Band der „Jahrestage“ schildert Uwe Johnson etwa, dass und wie die Melodie der DDR-Hymne „Auferstanden aus Ruinen“ übernommen ist von einem Song aus dem Nazi-Film „Wasser für Canitoga“ (1936), in dem Hans Albers und René Deltgen nach Noten von Peter Kreuder singen: Good-bye, Johnny (Auferstanden), Good-bye, Johnny (aus Ruinen), schön war’s mit uns zwein (Und der Zukunft zugewandt), aber leider (lass uns dir), aber leider (zum Guten dienen), kann es nun nicht mehr sein (etc.)

In seinem „Berliner Journal“ schreibt Max Frisch am 4.6.1973 über Uwe Johnson („Die Zeit“ 27.12.2013): „Er wird vierzig; es beschäftigt ihn, es verrät sich indirekt. Sein Selbstwertgefühl ist kein behagliches Selbstwertgefühl; alles andere als Arroganz (was ihm seit der Jugend vorgeworfen wird), es manifestiert sich in seinen Maßstäben, die nicht übernommen sind, sondern zu ihm gehören. Er inszeniert sich nicht auf diese oder jene Aura; er hat Format, das ihn nicht verlässt. Er braucht Alkohol, ein Mensch unter dem Überdruck seiner Gewissenhaftigkeit. Was bei Alkohol (drei oder vier Flaschen Wein im Lauf des Abends) zum Vorschein kommt, entlarvt ihn nicht; er erscheint als verwundeter, aber nicht kleiner. Seine Erscheinung, die Robustheit seines Körpers, seine Denk-Disziplin, seine enorme Sensibilität. Einiges hat damit zu tun, dass er sich für hässlich hält, nicht attraktiv für Frauen. Die Zärtlichkeit im Umgang mit seinen Roman-Gestalten. Sympathie macht ihn nie kumpelhaft, unter Umständen aber männlich-zärtlich bei einer präzisen Schamhaftigkeit. Was gefährlich werden kann: er schaltet wahnhaft, nimmt seine Assoziationen für die Aussage des andern. Und dazu sein Gedächtnis: indem er sich genauer an Nebensachen erinnert (wo man gestanden hat, wann es gewesen ist usw.) und den andern dadurch unsicher macht, befestigen sich ihm auch seine Unterstellungen, seine Interpretationen; er dichtet, er interpoliert und zwar so klug, dass ich mit meiner Erinnerung, die Lücken hat, nicht dagegen aufkomme. Ich weiß nur, dass ich es so nicht erlebt habe. Er vergrößert. Eine Bagatelle (eine Bagatelle für mich) bekommt Gewicht, oft auch Glanz; er schafft Bedeutung, die er dann durch Zitat belegt, und das Zitat mag ja stimmen. Man kommt sich vor wie eine Gestalt unter den Händen eines starken Autors, eines Dichters, der hartnäckig so tut, als rapportiere er bloß. Als er für einen Augenblick hinausgeht, verkorke ich meine Flasche, um nicht weiter zu trinken, und stelle sie hinter den Fernseher; als er wieder hereinkommt, sagt er sofort: es fehlt eine Flasche. Ein Detektiv ersten Ranges. Als ich ein Streichholz in den Aschenbecher lege, wo ein Zigarettenstummel liegt, nimmt er den Stummel weg, sagt: Ich habe Sie nicht daran erinnern wollen, dass Marianne gegen ihren Wunsch wieder raucht. Ich dachte etwas ganz anderes; aber er ist nicht abzubringen davon, dass er gesehen habe, woran ich im Augenblick gedacht habe. Er sagt: Sie haben den Kampf verloren. Welchen Kampf? Er sagt: Sie wollten nicht, dass Marianne wieder raucht, und haben einen Machtkampf daraus gemacht. Das nebenbei.“

 

478: Max Frischs „Berliner Journal“ erscheint.

Dienstag, Januar 14th, 2014

Nach seiner Scheidung von Marianne hatte Max Frisch (1911-1991) sein „Berliner Tagebuch“ auf zwanzig Jahre nach seinem Tod gesperrt (1973 war er nach Berlin gezogen). Nun erscheint es.

Max Frisch: Aus dem Berliner Journal. Berlin (Suhrkamp) 2014, 235 S., 20 Euro.

Und verspricht aus der Literatur-Szene den süffigsten Klatsch. Christa Wolf, Wolf Biermann, Hans Magnus Enzensberger, Uwe Johnson und Günter Grass lebten seinerzeit in nächster Nähe von Frisch in Berlin. Der ist nicht dafür bekannt, in seinem Tagebuch ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Über seinen Alkoholismus schreibt er: „Kampf gegen den Alkohol, keine Woche ohne Niederlagen diesbezüglich. Der ärztliche Leberbefund (Januar) ist tadellos; kein Arzt findet heraus, warum mir die Aasgeier auf der Schulter sitzen. Jeder Arzt, ob in Zürich oder New York, zeigt mein Elektrokardiogramm mit wahrem Entzücken. Betreffend Alkohol: ich besitze nicht einmal mehr den Willen, ehrlich zu sein, nicht einmal mir selbst gegenüber.“ („Die Zeit“ 27.12.13)

Volker Weidermann (FAS 12.1.14) ärgern die Auslassungen in Frischs Tagebuch. „Und jetzt haben sie alles gestrichen, was sie für eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte halten. Mal ‚Montauk‘ gelesen? Das ganze Buch ist eine Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Und eines der tollsten Bücher der Welt. Und jetzt verbieten die einfach die Hälfte dieses Tagebuchs schon mal vorab. Und haben es der, die vor allem davon betroffen wäre, Marianne Frisch, nicht einmal vorgelegt. Auch sie kennt nur die veröffentlichten Teile. Ein Witz! Sie, die ihrem Mann keine ‚Montauk‘-Szene abgehandelt hat, obwohl er darin nicht nur den eigenen Ehebruch, sondern auch ihren der Öffentlichkeit beschreibt. Sie ist die coolste und tollste Schriftstellerwitwe der Welt.“

Ein Tipp von mir: Das „Berliner Tagebuch“ lesen. Und „Montauk“ lesen. Und genießen.

462: Ernest Hemingway schoss sich durch den Kopf.

Samstag, Dezember 28th, 2013

Als Ernest Hemingway sich 1961 mit dem Jagdgewehr durch den Kopf schoss, um sein Leben zu beenden, wurde damals noch halbherzig über diesen Selbstmord berichtet (ich habe gerade Werner Schmitz‘ Neuübersetzung von „Fiesta“ aus dem Jahr 1926 mit für mich großem Gewinn gelesen). Selbsttötung stand unter moralischem Vorbehalt.

Nun hat sich der krebskranke deutsche Romancier Wolfgang Herrndorf erschossen. Sein letztes Buch wurde in den Feuilletons teilweise hoch gelobt. Erich Loest hat sich in Leipzig aus dem Fenster gestürzt. Wie einige Jahre vorher Gisela Elsner (Fritz J. Raddatz „Literarische Welt“, 28.12.13).

Zweifellos haben wir das Recht, uns das Leben zu nehmen. Kirche und Staat sind nicht mehr die Instanzen, die uns dies mit Aussicht auf Erfolg verbieten könnten. Aber es ist technisch und sozial prekär, Selbstmord zu begehen. Niederländische und schweizerische Selbstmord-Hilfe-Vereine könnten moralisch fragwürdig sein. Einerseits ist eine Selbsttötung ganz und gar privat und geht keinen etwas an, keiner darf sich einmischen und mir etwa das Leben nehmen. Andererseits trifft der Selbstmord gerade unsere Nächsten.

Fritz J. Raddatz schreibt: „Wer ist das, der sich das Recht herausnimmt, mir Hilfe zu untersagen bei einer Entscheidung, die nur ich – ich allein – treffen darf, zu verantworten habe? Müssen wir Aldi-Tüten über den Kopf ziehen, wie es dieser Tage mit Carrefour-Tüten ein Pariser Ehepaar im Hotel ‚Lutetia‘ tat – bürgerliche Menschen, er Offizier der Ehrenlegion, sie eine elegante Literaturprofessorin? Sie hinterließen einen Abschiedsbrief der bittersten Anklage gegen das inhumane, unchristliche Gesetz (auch des französischen Staates), sein Leben nicht selbstbestimmt und etwa mit ärztlicher Hilfe beenden zu können.“

Der ehemalige MDR-Intendant Udo Reiter, seit 1966 querschnittsgelähmt, hat bekundet, er wolle nicht gezwungen sein, sich eine Tüte über den Kopf zu ziehen oder sich vor den Zug zu werfen. „Ich möchte bei mir zu Hause, wo ich gelebt habe und glücklich war, einen Cocktail einnehmen, der mich dann sanft einschlafen lässt.“