Archive for the ‘Literatur’ Category

560: Barbara Vinken mag Hannover nicht.

Mittwoch, Mai 7th, 2014

Barbara Vinken gilt als „glamouröseste Professorin Deutschlands“. Die Literaturwissenschaftlerin (LMU München) und Modetheoretikerin ist von Alem Grabovac in der taz (3./4.5.14) interviewt worden.

taz: Sie sind in Hannover aufgewachsen …

Vinken: Stimmt – leider.

taz: Sie bedauern das?

Vinken: Es ist einfach die langweiligste Stadt Deutschlands.

taz: Und die Politiker allgemein? Fällt Ihnen ein Politiker oder eine Politikerin mit einem guten Modestil ein?

Vinken: Sahra Wagenknecht hat Autorität und ist trotzdem eine modische Erscheinung.

taz: Fällt Ihnen ein Mann ein?

Vinken: Nee, tut mir leid. Mag aber auch daran liegen, dass ich Politiker nicht gerade für eine Augenweide halte und deshalb nicht so oft hingucke.

taz: Sie schreiben, dass heutzutage jeder den Anschein erwecken möchte, nicht modisch angezogen zu sein. Weshalb ist das so?

Vinken: Ganz grob gesagt: In Deutschland hat das Bildungsbürgertum den Adel und nicht der Adel das Bildungsbürgertum reformiert. In Frankreich ist es umgekehrt. Der Einfluss der Aristokratie ist stilprägend geblieben. Das deutsche Bildungsbürgertum hat sich nun einmal gegen alles Weibliche, Französische, Verführerische, Oberflächliche, Geschminkte, gegen allen leeren eitlen Schein der schönen Oberfläche definiert. Dagegen wurden breitbeinig Tiefe und Authentisches ins Feld geführt.

taz: Als gefragte Professorin kommen Sie viel herum in der Welt. Wo sind die Menschen am besten angezogen?

Vinken: Interessanterweise immer noch in Italien. In Manhattan – in Brooklyn übrigens auch.

 

556: Siegfried Lenz‘ „Deutschstunde“ bleibt ein großer Roman.

Samstag, Mai 3rd, 2014

Seit der „Deutschstunde“ (1968) genießt Siegfried Lenz literarischen Weltruhm. Seine Hauptfigur Max Ludwig Nansen ist ein Maler in Nordfriesland. Er ist Emil Nolde nachgebildet. Wir wissen seit langem, dass Nolde ein Antisemit und glühender Nazi war (Ulrich Greiner. Die Zeit, 30.4.14). Seine Bilder wurden von den Nationalsozialisten trotzdem als „entartet“ eingestuft. Sie durften nicht ausgestellt und verkauft werden. Ganz unstrittig ist es, dass Noldes Malerei singuläre künstlerische Größe hat. Siegfried Lenz hat die braune Seite von Nolde gekannt. In Nordfriesland war sie nie ein Geheimnis. Lenz hat kürzlich im Literaturarchiv in Marbach Emil Nolde sogar dafür kritisiert, dass er sich nie für seine Kollaboration entschuldigt hat. Er hatte lieber an einer Widerstandslegende gestrickt, die völlig unglaubwürdig ist.

Da erscheint es lächerlich, dass Jochen Hieber (FAZ 26.4.14) der Meinung ist, die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der „Deutschstunde“ müsse „umgeschrieben“ werden. Denn die zentrale Figur des Romans, Max Ludwig Nansen, ist ja nicht abhandengekommen. Sie ist nur nicht identisch mit Emil Nolde. Siegfried Lenz ging es darum, am Beispiel des Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen, der Nansen überwacht, jene „autoritäre Persönlichkeit“ zu zeigen, die Theodor W. Adorno und andere 1950 analysiert hatten. Siggi Jepsen, der uns die Geschichte im Roman erzählt, ist der Sohn jenes Dorfpolizisten. Seine Eltern sind realistische und grauenerregende Gestalten, die von Siegfried Lenz meisterhaft gestaltet sind.

„Ansonsten bleibt es dabei, dass die ‚Deutschstunde‘ zu den bedeutendsten Romanen der deutschen Literatur gehört.“

Und Emil Nolde, dieser große und berühmte Maler, der außerdem Nazi war, ist heute glücklicherweise wieder weithin präsent. Unter anderem in der Dependance Berlin (Jägerstraße 55, 10117 Berlin, www.nolde-stiftung.de).

554: FJR hat seine Exit-Strategie gefunden.

Montag, April 7th, 2014

Ja, ich gestehe es. Ich habe Fritz J. Raddatz Tagebücher 2002-2012 gelesen, die 2014 erschienen sind. 692 Seiten. Und ich war überwiegend gefesselt. Wie schon von seinen Erinnerungen 2003 („Unruhestifter“) und von seinen Tagebüchern 1982-2001 (2010). Nie hat Raddatz etwas Besseres und Interessanteres geschrieben. Einmalig. Er ist nun mal neben Marcel Reich-Ranicki (MRR) unser wichtigster Feuilletonist.

Gewiss, da finde ich viel Blumen und Kerzen, Strümpfe, Anzüge, Grandhotels und Champagner, einen Jaguar oder Porsche, ich lese von Eckfried, Bernd und Gerd, seinen Langzeit-Geliebten. Ich erfahre vom Besuch in der Knabensauna mit Hubert Fichte oder warum Raddatz keine Schwanzringe benutzte. Das brauche ich alles nicht. Aber kaum jemand schreibt so begeistert und, ja, leidenschaftlich über Literatur und ihren Klatsch. Noch in seinen vielen Fehlurteilen beweist der Mann Format. Und kann einer, der Helmut Schmidt, Hellmuth Karasek und Michel Houllebecque verabscheut, ein schlechter Feuilletonist sein? Wer ein bisschen Selbstvertrauen hat, sollte Raddatz lesen.

Nun erscheint im SZ-Magazin (4.4.14) ein Interview mit Sven Michaelsen, das ich hier partiell zitiere.

SZ-Mag: Nach knapp 40 Raddatz-Büchern war der 2010 erschienene erste Band Ihrer Tagebücher der größte Kritikererfolg Ihres Lebens. Der jetzt erschienene zweite Band schließt mit der Ankündigung, nichts mehr notieren zu wollen.

FJR: Ich schreibe seit dem 31.12.2012 nicht mehr Tagebuch. Manchmal ärgere ich mich über meine eigene Entscheidung, zum Beispiel wenn das Honorar der SZ nicht kommt für meinen Artikel zum 85. Geburtstag von Joachim Kaiser. Ich musste denen schreiben wie ein Junge, der den Papa um das Taschengeld anfleht. Dann hieß es, ich müsse eine Rechnung schicken. Zumutungen dieser Art hätte ich normalerweise aufgeschrieben, um meinen Ärger zu bannen. Ein Tagebuch ist ja auch ein Jammerlappen und ein Schluchztüchlein.

SZ-Mag: Was haben Sie zuletzt aufgegeben?

FJR: Viel zu schnelle Autos zu fahren, unter anderem wegen meiner schlechten Augen. Heute fahre ich nur noch zur Apotheke und zurück, natürlich in einem Zwölfzylinder, das muss sein.

SZ-Mag: Lesen Sie noch Zeitung?

FJR: Ja, aber ganz selektiv, auch das Feuilleton. Was interessiert mich Tarantino?

SZ-Mag: „Glück ist nicht mei Sach“, schreiben Sie.

FJR: Ob man glücklich ist, ist zu 90 Prozent Veranlagung. Ich habe diese Glücksbegabung nicht. Einen Satz wie ‚Was ist das Leben schön!‘ habe ich nie sagen können. Dazu gab es dann doch zu viele Verwundungen. Wenn man meint, im Beckett-Sand zu versinken, hilft nur viel Selbstironie. … Es gibt Angenehmes, Schönes nicht. Das Alter ist ein Massaker. Da hat Philip Roth leider recht.

SZ-Mag: Der unrettbar an Krebs erkrankte Wolfgang Herrndorf notierte nach dem Kauf eines Revolvers: ‚Die gelöste Frage der Exitstrategie hat eine so durchschlagend beruhigende Wirkung auf mich, dass unklar ist, warum das nicht die Krankenkasse zahlt. Globuli ja, Bazooka nein. Schwachköpfe.‘

FJR: Ein toller Satz. Ich habe ihm daraufhin ein Kärtchen geschrieben. Man sollte den Giftbecher auf Krankenschein bekommen. Sonst zwingt man die Leute dazu, sich am Kanal eine Kugel in den Kopf zu schießen oder sich vor den Zug zu werfen – was ich dem Zugführer gegenüber ungehörig finde. Ich werde mein Ende selbst in die Hand nehmen. Ich habe eine Exitstrategie gefunden. Ich hätte keine Lust, in die Schweiz zu fahren und einer Combo von Ärzten eine Sterbeerlaubnis abzutrotzen.

553: Palmström steht an einem Teiche.

Mittwoch, April 2nd, 2014

Der Dichter der „Galgenlieder“, Christian Morgenstern (1871-1914), ist vor hundert Jahren gestorben. Er entstammte einer Familie von Landschaftsmalern. Sein Einfluss auf die deutsche Literatur reicht weiter, als viele sich klarmachen. Das geht von den Dadaisten, Kurt Schwitters und der konkreten Poesie bis hin zu Heinz Erhardt und Robert Gernhardt. Bei ihm sahen alle Möwen so aus, als ob sie Emma hießen (Burkhard Müller, Christoph Bartmann, SZ 31.3.14) Morgenstern hat sich an Nietzsche, Ibsen und Strindberg orientiert und hatte doch einen viel stärkeren Hang zur Harmonie als diese. Morgenstern hat Hamsun, Strindberg und Ibsen übersetzt.

Wie Morgensterns Biograf Jochen Schimmang schreibt (J. Sch.: Christian Morgenstern. Eine Biografie. St. Pölten /Residenz 2013, 280 S., 24,90 Euro) hat sich der Dichter möglicherweise manchmal selbst missverstanden. Morgenstern gehörte zur Bohème, war häufig mittellos und flatterhaft. Er wurde früh tuberkulose-krank und starb schon mit 43 Jahren. Morgenstern verdanken wir Wörter und Begriffe wie Nasobem, Vierviertelschwein, den Zwölf-Elf, die Mitternachtsmaus, den Mondberg-Uhu, das einsame Hemmed und viele andere. Palmström war sein Protagonist.

Aber Morgensterns Satz „Ein Knie geht einsam durch die Welt. /Es ist ein Knie sonst nichts!“ gelangte in einen so todernsten Film wie Alexander Kluges „Die Patriotin“, in dem Hannelore Hoger als Geschichtslehrerin Gabi Teichert nach der deutschen Geschichte buddelt. Er ist also auch unser deutscher Christian Morgenstern, der uns Sätze geschenkt hat, wie den folgenden: „Der Flügelflagel gaustert / durchs Wiruwaruwolz / die rote Fingur plaustert / und grausig gutzt der Golz.“ Davon sollten wir uns eine Scheibe abschneiden.

550: Helmut Schmidt = unser „Ersatz-Hindenburg“

Freitag, März 28th, 2014

FJR ist selbst außerhalb seiner Tagebücher (2002-2012) sehr meinungsfreudig und klatschsüchtig. Helmut Schmidt mag er nicht. Etwa in einem „Stern“-Interview mit Stephan Maus (6.3.14).

Stern: Was halten Sie von ihm?

FJR: Nichts. Gar nichts. Ein Scharlatan.

Stern: Warum?

FJR: Das fängt damit an, dass er sich nie dazu geäußert hat, wie das eigentlich war, Oberleutnant bei Hitler zu sein. Seinen Eid auf Hitler zu schwören. Mich würde zum Beispiel interessieren, ob er sich an diesen Eid gebunden gefühlt hat. Wie ja tragischerweise viele 20.-Juli-Leute. Die sagten: „Aber ich habe den Eid geschworen. Ich kann den Eid nicht brechen.“ Und warum zum Beispiel hat er in Uniform für sein Hochzeitsfoto posiert? Es gab mit Sicherheit keinen Führerbefehl, dass Hochzeitsfotos nur in Uniform zu machen waren. Also war er stolz darauf. Und hat die Ehre des deutschen Volkes in der Sowjetunion verteidigt. Obwohl wir die überfallen haben, höre ich immer. Heute lobt er Mao und findet es verständlich, dass auf dem Tian’anmen-Platz die Leute erschossen wurden. Regt sich über Waffenexporte auf. Dabei gab es unter seiner Regierung enorme Waffenexporte. Er nimmt nie zu irgendetwas Stellung, sondern belehrt die Menschen. Er ist ein Ersatz-Hindenburg.

549: Der „alte Fritz“ in den Tagebüchern (2002-2012) von FJR

Donnerstag, März 27th, 2014

„Der alte Fritz, als ihm ein Kommandeur eines Regiments der Kavallerie einen Fähnrich zur Anzeige brachte, weil der es mit den Pferden trieb, schrieb an den Rand: ‚Der Kerl soll zur Infanterie versetzt werden.'“ (S. 326)

535: Der „bösartigste“ alte Mann – Philip Roth

Mittwoch, März 12th, 2014

Philip Roth schreibt ja nicht mehr. Stattdessen wurde er jetzt von „Svenska Dagbladet“ interviewt. Das Interview erscheint demnächst in der „New York Times“ (Willi Winkler, SZ 11.3.14).

Roth sagt: „Fünfzig Jahre lang saß ich jeden Morgen wehrlos und unvorbereitet vor der nächsten Seite. Das Schreiben erhielt mich am Leben. Wenn ich nicht schreiben würde, dann würde ich sterben.“ Nicht sein Talent, seine Hartnäckigkeit habe ihm das Leben gerettet.

Roth führt die Qualität der amerikanischen Literatur darauf zurück, dass keinem Schriftsteller eine politische Verantwortung abverlangt werde. Die amerikanische Gesellschaft sei so

disparat,

zentrumslos und

unübersichtlich,

dass der Literatur daraus eine große Freiheit erwachse. Dass die Schriftsteller neun Zehntel der Bevölkerung völlig gleichgültig seien, findet Roth „berauschend“. Und die „alte amerikanische Plutokratie“ sei heute schlimmer als je zuvor.

Auf die unvermeidliche Frage, warum er wohl den Literatur-Nobelpreis nicht bekommen habe, antwortet Roth: „Vielleicht hätte ich die Gunst der schwedischen Akademie errungen, wenn ich ‚Portnoys Beschwerden‘ (einen seiner bekanntesten Romane) ‚Der Orgasmus im Raubtierkapitalismus‘ betitelt hätte.“

Und so bleibt Philip Roth das, was Willi Winkler am meisten gefällt, „der bösartigste und deshalb der beste aller alten Männer“.

533: Der alte Fritz mochte die deutsche Sprache nicht.

Montag, März 10th, 2014

Hans Joachim Schädlich hat den „Berliner Literaturpreis 2014“ erhalten. Finanziert wird er von der Stiftung Preußische Seehandlung und verbunden ist er mit der Berufung auf die Heiner-Müller-Gastprofessur an der FU Berlin. In seiner Dankesrede analysiert Schädlich das Verhältnis Friedrichs II. von Preußen zur deutschen Sprache (SZ 5.3.14).

Der alte Fritz habe von der deutschen Sprache rein gar nichts gehalten. In seiner Schrift „De la littérature allemande“ (1780) schrieb er: „Seien wir also aufrichtig und gestehen wir gutwillig, dass bis jetzt die Literatur auf unserem Boden noch nicht hat gedeihen wollen.“ Friedrich II. ignorierte Klopstock, Lessing, Wieland, Herder, Ewald von Kleist, Winckelmann und Moses Mendelssohn. Goethes „Götz von Berlichingen“ nannte er „eine abscheuliche Nachahmung der schlechten englischen Stücke“.

In einem Gespräch mit Klopstock bekannte der alte Fritz: „… ich habe von Jugend auf kein deutsches Buch gelesen und spreche das Deutsche wie ein Kutscher.“ Hans Joachim Schädlich meint, dass er es auch so geschrieben habe.

532: Jonathan Lethems Großmutter und seine Sicht auf Berlin

Montag, März 10th, 2014

Jonathan Lethem gilt als der Chronist von New York. Er sucht die DNA der Stadt, wie er sagt. Der 1964 geborene Romancier hat mit „Motherless Brooklyn“ (1999) und „Festung der Einsamkeit“ (2003) zwei beachtliche Erfolge vorgelegt. Sein neuer Roman „Der Garten der Dissidenten“ befasst sich in erster Linie mit seiner Großmutter, Rose Zimmer, einer jüdischen Opernsängerin aus Lübeck. Sie setzte sich ähnlich wie seine Mutter ihr ganzes Leben für revolutionäre politische Ideale ein und vernachlässigte Sohn und Enkel (Doris Akrap; taz 22./23.2.14).

„Ich wollte verstehen, warum meine Großmutter so war, wie sie war, so eigenwillig und hart, so unbedingt das Leben in der Stadt, die Bücher, die Freiheit, Amerika verteidigend und so gnadenlos alle Menschen verachtend, die das Leben auf dem Land besser fanden, und jeden verurteilend, der nicht so dachte wie sie.“

Lethem tritt in die Fußstapfen so großer Erzähler wie Saul Bellow und Philip Roth, die den Kampf um Selbstbehauptung und Identität säkularer Juden im New York der Nachkriegszeit zur Weltliteratur gemacht haben. „Es ist nun mal eine amerikanische Legende, dass wir die europäische Geschichte überwunden haben. Aber tatsächlich haben wir sie nur verdrängt. Sie ist immer noch mitten unter uns, macht etwas mit uns, ob wir das wollen oder nicht.“

Lethem unterrichtet als Nachfolger von David Foster Wallace Kreatives Schreiben am kalifornischen Pomona College. Zur Zeit hält er sich in Berlin auf. In seinem Urteil über die Stadt möchte er nicht beleidigend klingen und entschuldigt sich mehrmals, bevor er sagt: „Berlin ist unvollendet. Die Gegenwart der Vergangenheit ist hier so lebendig. Brutal lebendig. Unter der Haut des Alltags spüre ich sie ständig.“

527: Frank Schätzings Israel

Donnerstag, März 6th, 2014

Frank Schätzing ist „Bestseller“-Autor („Der Schwarm“, „Limit“). In seinem neuen Roman „Breaking News“ hat er sich den Nahen Osten vorgenommen, gewiss ein heikles Thema. Titus Arnu hat ihn dazu für die SZ interviewt (1./2.3.14).

SZ: Was ist der Unterschied zwischen dem Israel, das Sie aus den Nachrichten gekannt haben, und dem Israel, das Sie durch die Recherche fürs Buch und Ihren Besuch dort erlebt haben?

Schätzing: Was uns die Nachrichten vermitteln – egal, ob es um den Nahen Osten, die Ukraine oder sonstige Krisenregionen geht -, sind Konflikte der Systeme. Schnell vergisst man, dass Systeme bloß Konstrukte sind. In der Realität gibt es nur Menschen. Jeder ist ein bisschen anders. Fährt man in solche Regionen und lernt diese Menschen kennen, zerfällt jedes Schema von Gut und Böse, richtig und falsch in kürzester Zeit. Das macht es schwierig, sich mit der Materie auseinanderzusetzen oder gar zu einer Lösung zu gelangen. Andererseits stimmt es optimistisch, weil man sieht, dass eben nicht alle im Gleichschritt unter einer Ideologie marschieren. Und die israelische Gesellschaft ist besonders vielschichtig, voller kreativer, weltoffener Leute – das Land könnte eine so gute Zukunft haben …

SZ: Wenn …?

Schätzing: Wenn die Vergangenheit nicht so furchtbar kompliziert wäre. Ein gordischer Knoten. Die Ansprüche reichen Jahrtausende zurück. Auf allem lastet die Religion, jeder reklamiert Gottes Willen für sich. Bloß, man kann aus einem Tempelberg, aus einem Gott nicht zwei oder drei machen. Jemand muss den gordischen Knoten durchschlagen – wer auch immer das Schwert dazu schmieden wird.