Archive for the ‘Literatur’ Category

753: Klaus Harpprechts Lebenserinnerungen

Montag, Dezember 1st, 2014

Klaus Harpprechts Lebenserinnerungen sind erschienen:

Schräges Licht. Erinnerungen ans Überleben und Leben. Frankfurt a. M. (S. Fischer) 2014, 560 S., 26,99 Euro.

Harpprecht war weit mehr als Willy Brandts Redenschreiber und Berater (1972-1974). Der 1927 geborene schwäbische Pastorensohn hat eine beeindruckende Karriere als Journalist und Publizist hingelegt. Er ist ein wahrer „homme de lettres“ und Anti-Spießer. Er war noch zur Wehrmacht eingezogen worden, diente bei der Flak. Am Ende des Kriegs musste er die Hinrichtung eines Fahnenflüchtigen mit ansehen. Zwei Brüder sind gefallen. Harpprecht geriet am Ende des Kriegs in Bayern in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Er gehörte als Volontär der Gründungsredaktion von „Christ und Welt“ an, ging zum RIAS Berlin, wo er den 17. Juni 1953 miterlebte. Darüber hat er unter dem Pseudonym Stefan Brant ein Buch geschrieben. Beim WDR lernte er 1958 seine Frau, die Journalistin Renate Lasker kennen, die Auschwitz überlebt hatte. Harpprecht leitete den S. Fischer Verlag und gab bis 1971 den „Monat“ mit heraus, wo er ein enger Kollege von Melvin Lasky war. Stationen in London und für das ZDF in den USA folgten. 1982 erschien über die USA Harpprechts Buch „Der fremde Freund“. Klaus Harpprecht erhielt zweimal den Theodor-Wolff-Preis. Als Intellektueller hatte er Sinn für Realpolitik.

Harpprechts Lebenerinnerungen sind bestimmt von der Freude darüber, dass die Bundesrepublik den Weg nach Westen gefunden hatte. Er hat die Westpolitik Konrad Adenauers ebenso unterstützt wie später die Ostpolitik Willy Brandts, zu dem er ein enges Verhältnis hatte.

Harpprecht stand aber auch für manche eigenwilligen Urteile. So verurteilte er Wolfgang Koeppens allseits gelobten Roman „Treibhaus“ für seinen „nachnazistischen Mief“. Das Buch sei „eine unaufgeräumte Waschküche voll verschwitzter Hemden und Socken“. Kurz nach dem 17. Juni 1953 luden der DDR-Kulturminister Johannes R. Becher und Bertolt Brecht zu einem „geselligen Nachmittag“ in die Berliner Kneipe „Mampe“. Für Harpprecht beherrschte Becher vom „flammenden-sozialistischen Pathos bis zur blumigen Herz-Schmerz-Romanze alle Tonarten der deutschen Spießer-Poesie“. Sie wurden keine Freunde. Klaus Harpprecht schrieb beindruckend lesenswerte Bücher über Georg Forster, den Anthropologen und deutschen Revolutionär (1990), und – nicht zuletzt – über Thomas Mann (1995). Darin erweist sich Klaus Harpprecht als großer deutscher Publizist. Er lebt seit 1982 an der französischen Riviera (Wolf Lepenies, Literarische Welt 29.11.14).

730: Berliner Salons als Modelle für demokratische Öffentlichkeit

Mittwoch, November 12th, 2014

Es ist vielleicht doch kein Zufall, dass es in Preußen um die Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert, in der Zeit der napoleonischen Besatzung und danach während des Beginns der preußischen Reformen die Salons jüdischer Frauen waren, in denen am freiesten politisch diskutiert wurde. Die Gastgeberinnen waren

Henriette Herz (1764-1847), Dorothea Schlegel (1764-1839) und Rahel Varnhagen (1771-1833).

Bei ihnen traf sich die geistige Elite, darunter auch nicht besonders vermögende Männer, mit Politikern, Verwaltungsbeamten und Offizieren bis hin zum Kronprinzen. Der aufklärerische Geist Gotthold Ephraim Lessings (1729-1781) und Moses Mendelssohns (des Vaters von Dorothea Schlegel) (1729-1786) war der Humus, auf dem sich die

deutsche Romantik

ganz eigenständig entwickeln konnte. Bis hin zu Friedrich Schlegel (1772-1829), auch wenn dieser am Ende in Diensten Metternichs das aufklärerische Denken verließ. In den Salons zählten nicht die Herkunft, das Vermögen, die politische Macht, sondern das Argument. Leider ging dieser freie und beflügelnde Geist im

„Vormärz“

vom Wiener Kongress (1814/15) bis zum März 1848 wieder unter und blieb in Deutschland lange Zeit ohne Wirkung.

Die große Politikwissenschaftlerin Hannah Arendt (1906-1975) hat sich in ihrer Habilitation Rahel Varnhagen gewidmet: Rahel Varnhagen. Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik. (1938) Vorher hatte sie in ihrer Dissertation den „Liebesbegriff bei Augustinus“ (1929) reflektiert. Dessen sollten wir uns wohl bewusst sein.

Die Journalistin Carola Stern (1925-2006) hat zwei Bücher über die preußischen Salons geschrieben:“Ich möchte mir Flügel wünschen.“ Das Leben der Dorothea Schlegel. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1990 und „Der Text meines Herzens. Das Leben der Rahel Varnhagen.“ Reinbek bei Hamburg (Rowohlt) 1994.

Ich bin mir wohlbewusst, dass die „deutsch-jüdische Symbiose“ durch den Holocaust endgültig dementiert worden ist. Aber vielleicht dürfen wir uns an diese Idee in der Gegenwart erinnern.

 

725: PS über Wein, Weib und Jürgen Habermas

Samstag, November 8th, 2014

Peter Sloterdijk gilt als Antipode von Jürgen Habermas. Viele von uns kennen ihn aus dem Fernsehen. Sehr viele seiner Sätze, auch in seinen Büchern, sind ziemlich unverständlich. Die meisten davon habe ich gar nicht gelesen. Sehr bekannt geworden ist Sloterdijks Debüt „Kritik der zynischen Vernunft“. Sven Michaelsen hat den Philosophen für das SZ-Magazin interviewt (7.11.14).

1. Sloterdijk über „grenzdebiles Rammeln“: „Dass bei uns die meisten Männer, sogar die klügeren wie Arthur Miller, Philip Roth und andere Bett-Matadore, aus dem Stadium des grenzdebilen Rammlers nie herauskommen, ist die reale Tragödie unserer Kultur.“

Vielleicht meint er Henry Miller.

2. Zur Kennzeichnung von Jürgen Habermas bemüht Sloterdijk bitterste Ironie.

SZ-Mag: Habermas ist 85 Jahre alt. Wird er noch seine Hand zur Versöhnung ausstrecken?

Sloterdijk: Vermutlich nein.

SZ-Mag: Und Sie?

Sloterdijk: Wenn Putins Truppen den Rhein erreichen, und es kommt ein Telegramm aus Starnberg, ob wir nicht gemeinsam eine Erklärung der Intellektuellen über die Rückkehr zu nicht-militärischen Lösungen signieren sollten, würde ich meinen Namen neben den seinen setzen.

3. SZ-Mag: Muss ein deutscher Professor das Feuilleton der „Zeit“ lesen?

Sloterdijk: Früher ja. Heute ist es wegen der Anbiederung an die Massenkultur fast unbrauchbar geworden. Ich profitiere mehr vom Reizklima der Kunst-Universität, die ich leite. Fast jeden Tag kommen zwei, drei Kollegen zu mir nach Hause und werden, wenn sie nett sind, von mir bekocht. Ihre Gastgeschenke bestehen in dem, was sie gerade im Kopf haben. Neben den Karlsruher Tischgesprächen klingt das „Zeit“-Feuilleton wie eine Schülerzeitung.

4. Als Sloterdijk einmal mit seinem Freund Wolfgang Rihm ein Hochgewächs aus Burgund verkostete, sagte einer von beiden: „So was dürfte man eigentlich nur im Stehen trinken.“

5. Sloterdijks Satz, der in die Philosophiegeschichte eingehen soll: „Man denkt an mich, also bin ich. Mit etwas Glück wird daraus: Ich bin, seit sie an mich denkt.“

680: Sofi Oksanen ist politisch.

Dienstag, September 30th, 2014

Die 37-jährige finnische Autorin Sofi Oksanen wird als Star der Buchmesse angekündigt. Gerade hat sie ihren vierten Roman

Als die Tauben verschwanden. Köln (K & W) 2014, 432 S., 19,99 Euro,

veröffentlicht. Darin setzt sie sich mit dem Baltikum auseinander, der Heimat ihrer Mutter. Holger Heimann hat sie für die „Literarische Welt“ interviewt (20.9.14).

LW: Sie fordern vom Westen, nicht länger mit Russland zu diskutieren, sondern zu handeln. Was erwarten Sie?

Oksanen: Für Russland bedeutet Diplomatie nur eines: blenden und täuschen. Sie lügen die ganze Zeit. Es gibt keinen Grund, mit jemanden zu reden, der lügt. Der Kreml behandelt Vorgänge in der Ukraine als innenpolitische Angelegenheiten. Aber das sind sie nicht. Nachdem der Westen die Oligarchen auf die Sanktionsliste gesetzt hat, ist Russland dazu übergegangen, die gesamte Lebensmittelproduktion aus dem Westen zu boykottieren. Das ist einerseits nicht besonders intelligent, denn Russland ist abhängig davon. Andererseits wird so der Krieg zu einem kollektiven Kampf überhöht. Die Last haben vor allem die einfachen Leute zu tragen. Jeder Einzelne, der keine Milch oder Butter bekommt oder kein Ersatzteil für sein Auto, wird Teil eines kollektiven Kriegsgedächtnisses.

LW: Wie lässt sich die Situation entschärfen?

Oksanen: Russland muss die Krim an die Ukraine zurückgeben und klären, wer verantwortlich ist für den Flugzeugabsturz. Aber weder das eine noch das andere scheint derzeit sehr wahrscheinlich.

674: Fritz J. Raddatz hört auf.

Sonntag, September 21st, 2014

In der „Literarischen Welt“ nimmt Fritz J. Raddatz unter dem Titel „Time to say goodbye“ Abschied vom Journalismus (20.9.14). Wie meistens etwas zu blumig und bildungsbesoffen. Aber mich befällt doch Wehmut, dass dieser Mann nicht mehr schreibt. Er hatte im deutschen Feuilleton den gleichen Rang wie sein Widersacher Marcel Reich-Ranicki.

Raddatz reflektiert das „Aufhören zur rechten Zeit“. Ein wichtiges Thema, mit dem sich viele alte Männer mehr beschäftigen sollten …

„Also beende ich hiermit meine Zeitungsarbeit, die ich mit 21 Jahren begann: die als Literaturkritiker, die als kommentierender Journalist – nicht ohne indes den Dank an meine Leser zu vergessen. Ich bin vor drei Wochen 83 geworden. Time to say goodbye. Goodbye.“

Fritz J. Raddatz kommt noch einmal ins „Literarische Zentrum Göttingen“. Unter dem Thema „Roman Raddatz“ am Donnerstag, dem 23.10.14, um 20 Uhr ins Alte Rathaus Göttingen.

673: Wolf Biermanns Russland-Gedicht

Sonntag, September 21st, 2014

Wolf Biermann hat ein Gedicht geschrieben, in dem er sich kritisch mit Wladimir Putin und Russland auseinandersetzt (Die Welt 20.9.14). Darin spricht er auch seinen berühmten Kollegen Jewgeni Jewtuschenko an.

Wolf Biermann

„Meinst du, die Russen wolln,/meinst du, die Russen wolln,/meinst du die Russen wollen Krieg?/

Nein, nein, mensch! auf gar keinen Fall, denn/Auch Russen wolln lieber leben, Idiot!/Wolln Frieden, wolln Butter und Freiheit aufs Brot/- nur Putin und seine Canaillen/der KGB-Offizier allein/macht Krieg mit Stalin und Gott im Verein/nur Putin und seine Canaillen

1

Mensch Jewtuschenko! Mein Freund! Molodjez!/Mit Harlekin-Hemd und Knüppelwort-Sack/Du tapferer Kraft-durch-Kummer-Poet/Gigantischer russischer Bär: Sibiriak!/– ej, uch-njem

Wenn ich in der Tagesschau Bilder seh/Den Großrussen-Krieg in der Kiewer Rus/Tut mir Babi Jar, dein Klagelied weh/Aus Kiew, dein schnapsfeuchter Bruderkuss:/„Meinst du, die Russen wolln …“

2

Das Elend des Krieges hat auch beklagt/Ein Deutscher: Matthias Claudius/Der „wandsbecker Bote“. Sein Mond-Gedicht/Ist Trost für die Seele, wie’n Kinderkuß/Der war ein poetischer Fischkopf wie ich/Schrie sein M i s e r e r e, ein hilfloses Nein!/s’ist Krieg! s’ist Krieg! und ich begehr’/Begehre nicht Schuld daran zu sein/“Meinst du, die Russen wolln …“

3

Jetzt wütet im Kreml ein neuer Tyrann/s’ist traurig, Drugan, und leider wahr:/Ein Schwächling spielt Russlands starken Mann/Im Kreml herrscht Stalins getreuer Zar/ej, uch-njem

Und nun ziehn wie Wolgaschlepper im Joch/Die Völker den sinkenden Friedenskahn,/Und Putin peitscht uns, total plemplem:/Wir stöhnen und fluchen und singen noch/ej, uch-njem!

4

Jewgeni, … wir haben tollkühne Attacken gemacht/Im Freiheitskrieg gegen das Pack vereint/Wir haben uns manchmal kaputt gelacht/Über das Gleiche im Zorn geweint/Todmüde bin ich nun, das ist wahr/Wir leben in grauenhaft großer Zeit/Als Greise inzwischen. Und nun stirbt sogar/Ganz sachte auch meine Traurigkeit.

Ej, Uch-Njem = Das legendäre Arbeitslied der Wolgaschlepper im zaristischen Russland

665: Lwiw (Lwow, Lemberg) – einst die Stadt der vielen Völker

Donnerstag, September 4th, 2014

Joseph Roth, einer der größten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, wurde 1894 in Brody bei Lemberg in Galizien geboren. Im damaligen Österreich-Ungarn. Zeit seines Lebens war er auf der Suche nach seinem Vater, den er gar nicht kennengelernt hatte und quasi als Vaterersatz nach einer Heimat, die er in Österreich-Ungarn gefunden zu haben glaubte. Er endete als habsburgischer „Legitimist“ 1939 in Paris im Exil, wohin er sich als Jude über viele andere Stationen (Amsterdam, Ostende etc.) hatte flüchten müssen.

Seine Beerdigung in Paris wurde zu einer Schau der verschiedenen Religionen und politischen Ideologien. Dort wurde jüdisch, protestantisch und katholisch gebetet, und es wurden Nachreden auf seinen „Patriotismus“, Konservatismus und Sozialismus gehalten. Im Grunde ein treffendes Sinnbild der Vielvölkerstruktur Galiziens und der Multi-Ethnizität Habsburgs. Selbst wer Joseph Roths ohnehin gewagte politische Analysen nicht teilt, darf sich davon beeindrucken lassen. Roth hatte in Wien und Berlin als Journalist u.a. für die „Frankfurter Zeitung“ gearbeitet. Dort erschienen viele seiner Novellen und Romane als Vorabdruck. Und dabei kam es nicht selten vor, dass dann, wenn ein Kapitel erschien, das nächste noch gar nicht geschrieben war. Das waren noch Zeiten.

Bekannte Publikationen von Roth sind etwa „Das Spinnennetz“ (1923), „Hotel Savoy“ (1924), „Zipper und sein Vater“ (1928), „Hiob“ (1930), „Radetzkymarsch“ (1932), „Das falsche Gewicht“ (1937), „Die Kapuzinergruft“ (1938), „Die Geschichte von der 1002. Nacht“ (1939), „Die Legende vom heiligen Trinker“ (1939). Im „Radetzkymarsch“ erzählt Roth die faszinierende Geschichte, wie der Leutnant Trotta, ein Kroate, den Kaiser auf dem Schlachtfeld rettet.

Joseph Roths Geburtsort und die benachbarte Großstadt Lemberg (ukrainisch: Lwiw, polnisch: Lwow) liegen heute in der West-Ukraine. Zu Roths Zeiten lebten dort Polen, Ukrainer, Juden, Armenier, Griechen, Russen, Deutsche und viele andere Völker. Nicht immer friedlich miteinander, aber doch häufig nebeneinander, es gab auch viel Hass. 1772, bei der ersten polnischen Teilung, war Galizien mit Lemberg zu Habsburg gekommen. Die drei imperialistischen Mächte Preußen, Habsburg und Russland hatten Polen unter sich aufgeteilt. 1918 kam Galizien zu Polen, nun wurden Ukrainer verfolgt.  Der Vielvölker-Status Galizien wurde erst durch den Hitler-Stalin-Pakt 1939 nachhaltig verändert. Stalins Geheimdienst, der NKWD, übernahme 1939 das Kommando. Dessen Verheerungen waren noch nicht beseitigt, als 1941 Deutschland die Sowjetunion überfiel. Völkermord und Massenvertreibungen waren die Folge. Heute leben in Lemberg zu 90 Prozent Ukrainer und russiche und jüdische Minderheiten.

Lwiw ist heute das Zentrum der an Europa orientierten, menschenrechtlich gesonnenen Menschen in der Ukraine. Sie wollen keine russische Vorherrschaft. Nachdem im 20. Jahrhundert die Schrecken des Nationalismus, Antisemitismus, Faschismus und Stalinismus Galizien heimgesucht hatten, können wir heute nicht mehr in den Kategorien von „Blut“, „Volk“ oder „Rasse“ denken. Es geht um Menschen und Staaten, deren kulturelle und religiöse Vielfalt gewährleistet sein müssen. Furchtbar gewütet und gemordet hatten in Lwiw die Deutschen. Von den 160.000 Juden blieben danach kaum 800. Im „Lemberger Professorenmord“ wurden Hochschullehrer und jüdische Hochschullehrer systematisch ermordet. Die jüdische Gemeinde umfasst heute wenige tausend Menschen (Joachim Käppner SZ 1.9.14).

Den Putin-Freunden in Deutschland müssen wir sagen, dass sie im Grunde neben den Fehlern von 1939 („Mourir pour Dantzig?“) noch den begehen, Putins Hegemonialismus, den sie sich selbst nicht gestatten würden, zu bewundern, sein russisches Großmachtdenken in den veralteten Kategorien. Dem muss Europa entgentreten. Das wäre im Sinne Joseph Roths, der seiner Heimat Galizien stets ein ehrendes Andenken bewahrt hatte.

656: War Kafka religiös ?

Sonntag, August 24th, 2014

Nicht wenige von denen, die ich als literarische Experten sehe, betrachten Franz Kafka als den größten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Jetzt diskutieren der französische Schriftsteller Georges-Arthur Goldschmidt, der 1938 als Jude aus Deutschland fliehen musste, und der Kafka-Biograf Reiner Stach (der dritte Band seiner Kafka-Biografie erscheint demnächst) in der FAZ (23.8.14) über den Schriftsteller und über die Frage, ob er religiös gewesen sei, wie Kafkas Freund Max Brod behauptet habe.

Goldschmidt: Ich habe nicht gelesen, was Brod über Kafka geschrieben hat. Aber mir ist schon als kleinem Studenten niemals eingefallen, Kafka religiöses Denken zu unterstellen. Damit hat er nichts zu tun. Kafka steht vielmehr für die Abschaffung religiösen Denkens.

Stach: Es gibt heute noch Autoren, die das Gegenteil behaupten. Zum Beispiel Sibylle Lewitscharoff. Bei einer Kafka-Woche, die ich kürzlich in Berlin kuratiert habe, behauptete sie, bei Kafka sei permanent eine metaphysische Hintergrundstrahlung spürbar.

Goldschmidt: O Gott, furchtbar! Es gibt keinen HIntergrund bei Kafka. Der Satz sagt, was er sagt, und nicht anderes. Kafkas Mechanik ist derart perfekt.

Stach: Er benutzt natürlich Motive und Erzählmodelle aus der jüdischen Überlieferung. Eine besondere Art von Paradoxa zum Beispiel. Aber genau über das, was wir gerade bereden, muss es auch zwischen Brod und Kafka Streitgespräche gegeben haben. Eines hat Brod überliefert, bei dem er Kafka vorgehalten habe: „Nach dem, was du da sagst, gibt es ja gar keine Hoffnung!“ Und darauf habe Kafka ihm geantwortet: „Doch, es gibt unendlich viel Hoffnung. Aber nicht für uns.“

W.S.: Am Ende läuft es darauf hinaus, was stets entscheidend ist. Nämlich die Perspektive desjenigen, der Kafkas Literatur betrachtet und bewertet.

651: „Lyrik ist Wissen vom Unbewussten.“ – Georg Trakl – „Grodek“

Mittwoch, August 20th, 2014

Verständlicherweise ist 2014 sehr viel die Rede vom Ersten Weltkrieg (1914-1918) und seinen Ursachen. Die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ kann wohl in ihrer Bedeutung kaum überschätzt werden. Nun hat der „Georg-Trakl-Gastprofessor“ 2013/14 an der Universität Salzburg,

Rüdiger Görner,

eine Biografie Georg Trakls veröffentlicht, der 1914 gestorben ist: „Georg Trakl. Dichter im Jahrzehnt der Extreme.“ Wien (Zsolnay), 352 S., 24,90 Euro.

Georg Trakl gehört zur frühen Moderne. Sein Rang unter den vielen außerordentlich befähigten Kollegen (u.a. Georg Heym, Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler) ist hoch. Für manche von uns mag Trakl auch erst zu entdecken sein.

Fritz J. Raddatz hat Görners Biografie außerordentlich gelobt (Literarische Welt 26.7.14). Dabei gibt er weitere Hinweise zu Trakls Dichten und zur Relevanz von Lyrik überhaupt. So gilt wohl für keinen Lyriker des 20. Jahrhunderts mehr als für Trakl Jacques Lacans Satz „Lyrik ist Wissen vom Unbewussten“. Und Trakl wird es auch überstehen, dass Martin Heidegger, der sich mit Lyrik auskannte und Gedichte häufig in seinen Vorlesungen analysiert hat, über seine Dichtung geschrieben hat: „Das lyrische Werk Trakls ist ein einziges großes Gedicht.“

Zu Trakls Lebzeiten ist nur ein einziger Gedichtband von ihm erschienen, 1913 bei Kurt Wolff in Leipzig. Auf Empfehlung Karl Kraus‘. In Ludwig von Fickers Zeitschrift „Brenner“ hat Trakl aber viele seiner Gedichte veröffentlicht. Ludwig Wittgenstein hat ihm gegen Ende seines Lebens eine Zuwendung von 20.000 Mark gemacht.

Der Apothekersohn Georg Trakl wuchs in Salzburg auf. „Trakl führte ja eine ganz bürgerliche Existenz, absolvierte geflissentlich seine Apothekerlehre, war gerne in den sprichwörtlichen Cafés mit Kameraden zusammen (wo man gelegentlich zu viel trank), besuchte die Salzburger Bordelle (der oft in der Sekundärliteratur betratschte Inzest mit seiner Schwester Grete lässt sich nicht belegen).“ In seiner Lyrik orientierte er sich wohl an Arthur Rimbaud, dessen Lyrik er im Original rezipieren konnte, weil er gut französisch sprach (die Rede ist von einem französischen Kindermädchen). Bestimmt wurde Trakls Produktion auch von Drogen (mit denen er viel Erfahrung hatte). Ein „Hauptwort“ für seine Gedichte ist deswegen „Halluzination“. Trakl diente 1910/11 als k.u.k. Sanitätsabteilungsfreiwilliger. 1912 durfte er sich „Landwehrmedikamentenakzessist“ nennen.

Trakls Lyrik ist bisweilen vom fiebrig Rauschhaften bestimmt. Schon in seinem ersten Gedicht „Die Raben“: „Über den schwarzen Winkel hasten/ Am Mittag die Raben mit hartem Schrei/ Ihr Schatten streift an der Hirschkuh vorbei/ Und manchmal sieht man sie mürrisch rasten.“ Trakl kennt die Sinnlosigkeit der Welt und scheint partiell in Todessehnsucht zu verfallen. Erlösung bietet er nicht. Vorne auf meinem Blog (bei den Gedichten) habe ich seine Gedichte „Verklärter Herbst“ und „Grodek“ abgedruckt. Görner schreibt: „Die Sprache wurde (auch) ihm eine Art Rauschmittel, ein Trance-Medium und eine Form von Autosuggestion, die ihn jedoch seiner Identität zu entfremden schien. Denn das Seltenste bei Trakl sind Ich-Gedichte.“ Für Fritz J. Raddatz waren seine Gedichte Sterne in einem Firmament ohne Hoffnung. Er habe Unvergleichliches geschaffen.

Georg Trakl musste in den Krieg ziehen. Er verrichtete die blutige Arbeit eines Sanitäters im Feldlazarett. So auch in der Schlacht bei Grodek am 13. Oktober 1914. Dem Blut und Grauen war er danach nicht mehr gewachsen. Er kam in das Krakauer Garnisonsspital „zur Beobachtung seines Geisteszustands“. Schließlich musste am 4. November 1914 ein „Suicid durch Cocainintoxication“ testiert werden.

Ich schreibe hier Georg Trakls Gedicht „Grodek“ nochmals ab:

„Am Abend tönen die herbstlichen Wälder/ Von tödlichen Waffen, die goldenen Ebenen/ Und blauen Seen, darüber die Sonne/ Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht/ Sterbende Krieger, die wilde Klage/ Ihrer zerbrochenen Münder./ Doch stille sammelt im Weidengrund/ Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt,/ Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;/ Alle Straßen münden in schwarze Verwesung./ Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen/ Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,/ Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;/ Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes./ O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre,/ Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,/ Die ungebornen Enkel.“

650: Robin Williams ist tot.

Dienstag, August 19th, 2014

Robin Williams ist tot. Er war einer der Großen Hollywooods. Und er hat über den Tellerrand Hollywoods hinausgeschaut. Robin Williams hat sich das Leben genommen. Er verkörperte den Glauben an die Macht der Fantasie und Unbeirrbarkeit. In Filmen wie „Der Club der toten Dichter“, „Garp und wie er die Welt sah“ und „Good Will Hunting“ hatte er große Auftritte. Bertram Eisenhauer (FAS 17.8.14) hat nun herausgearbeitet, dass es für ihn eine Szene in

„Good Morning, Vietnam“

war, in der am besten zum Ausdruck kommt, was Robin Williams auch persönlich ausmachte. Dem Armee-DJ Adrian Cronauer (Williams) wird gekündigt. Als er danach das Büro des Sergeants verlässt, dreht er sich noch einmal um und sagt: „You know, you’re in more dire need of a blowjob than any white man in history.“

„Williams‘ Imagination schien in Kaskaden zu explodieren, denen man als Zuschauer nicht immer in allen Einzelheiten folgen, die man nur noch atemlos bestaunen konnte. Er war in der Lage, sich innerhalb weniger Minuten durch mehrere Figuren hindurchzuarbeiten, von einer schwarzen Matrone über einen indischen Kellner bis zu einem Rabbi, von betrunkenen Schotten über hochnäsige Briten bis zu hochnäsigeren Franzosen, inklusive aller erforderlichen Akzente. ‚Er war ein Wahnsinniger, vor dem man sich hätte fürchten müssen‘, schrieb Sarah Larson in einem Nachruf für den ‚New Yorker‘. ‚Er war wie ein Freudsches Es, dem man freien Lauf gibt, wie ein Kind, wie wir selbst, wenn wir völlig verrückt sein dürfen.'“

In seinen Bühnenskows und Fernsehauftritten verwandelte sich Robin Williams in ein Maschinengewehrfeuer der freien Assoziation.

„Es muss eine brutal einsame Existenz sein, dieses Dasein als Bühnenkomiker: sich einem Publikum zu stellen, bewaffnet allein mit dem eigenen Witz. Vielleicht hätte sich die manische Energie, die Williams dabei an den Tag legte, wenigstens zwischendurch einmal beruhigen müssen, nicht zuletzt weil er selbst seine zeitweilige Alkohol- und Kokainabhängigkeit noch zum Material machte.“

Wir wissen nicht, ob sein Kampf gegen die Drogensucht, seine Depressionen oder der beginnende Parkinson Robin Williams zu seinem Schritt geführt haben. Dass er sich nicht um Grenzen scherte, war für das Publikum ein Glück.