Archive for the ‘Literatur’ Category

801: Ist Houllebecq Frankreich ?

Sonntag, Januar 11th, 2015

Der große französische Romancier Michel Houllebecq steht wieder einmal im Mittelpunkt einer literarischen Affäre. Ihm wird vorgeworfen, mit seinem neuen Roman

„Unterwerfung“ Köln (Dumont) 2015, 278 S., 22,99 Euro,

die Mordanschläge von Paris zu rechtfertigen. Aber davon kann keine Rede sein. Allerdings ist die Beurteilung der literarischen Lage dieses Mal schwieriger als in allen anderen Fällen, in die Houllebecq verwickelt war. Die Kampagne für sein Buch hat der Schriftsteller abgebrochen, dem ansonsten einiges zuzutrauen wäre, was Werbung und Promotion angeht. Michel Houllebecq ist auch nicht im Untergrund oder steht unter Polizeischutz (Thomas Steinfeld, SZ 9.1.15), wie schon ein paar mal, sondern er trauert um seinen Freund Bernard Maris, der von den Mördern umgebracht worden ist (Jürg Altwegg, FAZ 10.1.15).

Michel Houllebecq zu verstehen, ist nicht ganz einfach. Denn sehr häufig setzt er die Mittel der Satire und der Persiflage ein. Und er setzt sie ein zur Kritik der modernen Gesellschaft, deren vordergründigen Materialismus und deren Geistlosigkeit er verachtet. Er misstraut dem Westen. In seinem Roman haben sich die Sozialisten und die ehemals gaullistische Partei  2022 mit gemäßigten Muslimen verbündet, um den „Front Nationale“ zu verhindern. Ein muslimischer Ministerpräsident wird gewählt. Damit ziehen Familie, Moral, Patriarchat und die Zurücksetzung von Frauen wieder in die Gesellschaft ein, wo sie lange gefehlt haben. Ein klare Provokation des großen Provokateurs Houllebecq für die freie Gesellschaft, für das liberale Milieu. Europa geht nicht am Islam, sondern an sich selbst zugrunde. Und es hat seinen Untergang verdient (Iris Radisch „Die Zeit“ 8.1.15).

Michel Houllebecq schreibt eben ganz anders als die eingeführten Massenmedien. Er spricht Tabus an. Das ganze Buch ist ein Tabu. Aber der französische Ministerpräsident Manuel Valls hatte Houllebecq missverstanden, als er sagte: „Houllebecque ist nicht Frankreich.“ Houllebecque ist ein scharfer Frankreich-Kritiker, der sich nicht scheut, der französischen Gesellschaft seine Missachtung zu zeigen. Ein wenig erinnert Houllebecques Buch manchmal an Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlands“ (Cord Riechelmann, FAS 11.1.15).

„Es geht gar nicht um den Islam. Es geht darum, dass die aufgeklärte Demokratie keine Anhänger mehr hat – oder nur noch ein paar versprengte, die sich, wie Houllebecq am Beispiel des universitären Milieus genüsslich ausbreitet, mit vorauseilendem Opportunismus anpassen.“ (Jens Jessen „Die Zeit“ 8.1.15) Was die eigene Meinung des Autors ist, erfährt man nicht, weil er sich jederzeit auf die prekäre Situation seiner Romanfiguren zurückziehen kann. Ein unerlaubtes Verfahren? Aber es bringt den gesellschaftlichen Diskurs ganz schön zum Tanzen! Volker Weidermann schreibt, dass der Autor immer gerade dort steht, wo seine Figuren stehen (Volker Weidermann, FAS 11.1.15).

Für Tilman Krause macht sich Houllebecq den Jux, aktuelle Deabatten zu berühren, indem er sie mit einem Höchstmaß an Verletzung gängiger Denkverbote munter durcheinanderwirbelt. Am Ende schreibt Krause, dass Houllebecqs Utopie regressive und pubertäre Züge trage. „Auch darin bleibt Houllebecq sich treu. Seine Bücher sind immer auch krude Männerfantasien. Doch wie er sie hier amalgamiert mit Scherz, Satire, Ironie im Hinblick auf Frankreichs Zustände, um all dem die tiefere Bedeutung einer Erlösungsfantasie zu geben, das macht ‚Unterwerfung‘ zu einem grandiosen Buch.“ (Tilman Krause, Literarische Welt 10.1.15)

796: Kurt Tucholsky 125

Freitag, Januar 9th, 2015

Am 9. Januar 1890 wurde Kurt Tucholsky in Berlin geboren, er wird also heute 125 Jahre alt. Am 21.12.1935 hat er sich in Hindas/Schweden das Leben genommen. Der Journalist und Schriftsteller war in der deutschen Publizistik des 20. Jahrhunderts wohl der

größte Stilist.

Er gehört in die Reihe der Ludwig Börne (1786-1837) und Heinrich Heine (1797-1856), alle drei Juden. Tucholsky schrieb auch unter den Pseudonymen

Peter Panter,

Kaspar Hauser,

Theobald Tiger und

Ignaz Wrobel.

Hauptsächlich für die „Weltbühne“, aber auch für Blätter wie das „Berliner Tageblatt“ oder die „Vossische Zeitung“. Kurt Tucholsky war ein dezidierter Linker und Pazifist. Von 1924 bis 1930 arbeitete er als Korrespondent in Frankreich (vgl. Börne und Heine). Seit 1930 lebte er in Schweden, aber er schrieb für deutsche Zeitungen und Zeitschriften. Tucholsky hat sich dafür eingesetzt, dass der Nachfolger Siegfried Jakobsohns bei der „Weltbühne“, Carl von Ossietzky, den Friedensnobelpreis erhielt. Ossietzky saß im Konzentrationslager Esterwegen und starb 1938 in Berlin.

Die heute wieder so aktuelle Frage „Was darf die Satire?“ hat uns Kurt Tucholsky mit „Alles!“ schlüssig beantwortet.

Tucholskys Grab („Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“) befindet sich in Mariefred bei Göteborg in Schweden. 1935 hat er die politische Lage in Deutschland wohl zu deutlich gesehen und resigniert. Dass wir Tucholsky heute so gut kennen können, dafür hat Fritz J. Raddatz gesorgt, in den achtziger Jahren Feuilletonchef der „Zeit“.

Ich schreibe hier hin Kurt Tucholskys Gedicht „Das Ideal“. Es erschien am 31. Juli 1927 in der „Berliner Illustrierten Zeitung“:

„Ja, das möchste:/Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,/vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße;/mit schöner Aussicht, ländlich-mondän,/vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehen – /aber abends zum Kino hast dus nicht weit.//Das ganze schlicht, voller Bescheidenheit://Neun Zimmer, – nein, doch lieber zehn!/Ein Dachgarten, wo die Eichen drauf stehn,/Radio, Zentralheizung, Vakuum,/eine Dienerschaft, gut gezogen und stumm,/eine süße Frau voller Rasse und Verve – /(und eine fürs Wochenend, zur Reserve) -,/eine Bibliothek und drumherum/Einsamkeit und Hummelgesumm.//Im Stall: Zwei Ponies, vier Vollbluthengste,/acht Autos, Motorrad – alles lenkste/natürlich selber – das wär ja gelacht!/Und zwischendurch gehst du auf Hochwildjagd.//Ja, und das hab ich ganz vergessen:/Prima Küche – erstes Essen – /alte Weine aus schönem Pokal – /und egalweg bleibst du dünn wie ein Aal./Und Geld. Und an Schmuck eine richtige Portion./Und noch ne Million und noch ne Million./Und Reisen. Und fröhliche Lebensbuntheit./Und famose Kinder. Und ewige Gesundheit.//Ja, das möchste!//Aber wie das so ist hienieden:/manchmal scheints so, als sei es beschieden/nur pöapö, das irdische Glück./Immer fehlt dir irgendein Stück./Hast du Geld, dann hast du nicht Käten;/hast du die Frau, dann fehln die Moneten – /hast du die Geisha, dann stört dich der Fächer:/bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.//Etwas ist immer.//Tröste dich//Jedes Glück hat einen kleinen Stich./Wir möchten so viel. Haben. Sein. Und gelten./Dass einer alles hat: das ist selten.“

 

787: Gertrud Kolmars Briefe

Sonntag, Januar 4th, 2015

Gertrud Kolmar (1894-1943) ist unsere bildkräftige und sehr bedeutende deutsche Lyrikerin im 20. Jahrhundert. Nun sind vollständig ihre Briefe erschienen:

Gertrud Kolmar: Briefe. Herausgegeben von Johanna Woltmann. Göttingen (Wallstein) 2014, 324 S., 24,90 Euro.

Darin bleibt Kolmar, wohl auch wegen der Zensur, privat und vermeidet politisch zu deutende Aussagen. Ausführlich beschäftigt sie sich mit dem „Honiggehalt“ von „braunen Pfefferkuchen“. „Nichts wird direkt touchiert, keine antijüdische Maßnahme erwähnt und keine Schikane beklagt. Es ist eben nur so, dass sie ab 1941 ab vier Uhr früh aufstehen und den ganzen Tag Zwangsarbeit leisten muss. Oder dass sie am Wochenende Gewaltmärsche unternimmt, um Besuche im Westend zu machen, als gäbe es keine öffentlichen Verkehrsmittel. Für Juden gab es sie wirklich nicht mehr, ihre Benutzung war seit dem April 1942 verboten.“ (Wolfgang Schneider, FAZ 3.1.15)

Gertrud Kolmar kümmerte sich um ihren alten Vater, Ludwig Chodwiesner, von dessen Vermögen sie lebte. Der Vater starb 1943 in Theresienstadt. Wenige Wochen später wurde Gertrud Kolmar mit den anderen Berliner „Rüstungsjuden“ nach Auschwitz deportiert uind dort wahrscheinlich gleich nach der Ankunft ermordet.

„Ihre Briefe, die diese überarbeitete Neuausgabe vollständig versammelt, sind ihre bedeutendste autobiografische Hinterlassenschaft. Texte, in denen mehr zwischen den Zeilen verborgen wäre, in denen das Ungesagt größere Schwerkraft entwickeln würde, sind kaum vorstellbar.“

783: Nutzen und Nachteil des Lateins für das Leben

Dienstag, Dezember 30th, 2014

Latein gilt als tote Sprache. Besonders bei denen, die sie nicht kennen oder gar beherrschen (vgl. hier den Beitrag 755 „Politiker verstehen Latinum nicht.“ vom 3.12.14). Dabei liegt es bei den Fremdsprachen hinter Englisch und Französisch an der dritten Stelle. Nach einem Nachfrage-Boom in den neunziger Jahren lernen heute neun Prozent aller Schüler Latein. Wenn schon die Hälfte eines Jahrgangs Abitur macht, möchten manche Eltern, dass ihre Kinder daraus hervorstechen. Im Zuge des Bologna-Prozesses (weniger Freiheit, Verschulung, detaillierte Lernziele, Leistungspunkte, Ruck-Zuck-Mentalität) ist Latein als Voraussetzung für viele Studienfächer ja nicht mehr erforderlich.

Bei der Beurteilung des Lateins bilden Bochumer Studenten, die das Fach als „Luxusfach“ betrachten, und Altphilologen, die bei Abschaffung des Lateins den Untergang des Abendlands kommen sehen, die Extreme. Beide haben nicht Recht. Wir sollten uns von Horaz leiten lassen:

„Est modus in rebus, sunt certi denique fines,/quos ultra citraque nequit consistere rectum.“

In freier Übersetzung: Bei allen Dingen ist das rechte Maß zu finden, außerhalb gewisser Grenzen entsteht meist Murks. Und es gilt wohl auch:

„Tempora mutantur, et nos mutamur in illis“ (Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen).

In der römischen (und griechischen) Antike wurzelt die westliche Kultur, sie brachte literarische, rhetorische und philosophische Meisterwerke hervor, die Bestand haben. Natürlich kann ich davon auch im Geschichtsunterricht lernen oder durch die Lektüre von Übersetzungen. Als Alternativen zum Latein bieten sich Französisch, Italienisch und Spanisch an. Heute hat uns Isabel Allendes „Das Geisterhaus“ so viel zu sagen wie Caesars „De bello gallico“. Jean-Jacques Rousseau ist so wichtig wie Tacitus. Und wir kennen den Satz

„Non scholae, sed vitae discimus.“ (Das versteht jeder.)

Latein ist ein „Lernfach“. Hier kann man das Lernen lernen. Auch für andere Sprachen. Es gibt Orientierung für Kultur, Philosophie und Politik. Hier geht es um die Bildung von Menschen und nicht nur von Arbeitskräften. Und selbstverständlich gehört Latein für alle Philologen zum Grundwissen. Auch wenn manche Universitäten die Pädagogik als fünftes Rad am Wagen betrachten und deswegen die Lehre in diesem Fach so grottenschlecht ist.

Im Internet hat Latein erwartungsgemäß keinen guten Ruf. Und es bringt machmal einen Typus von Lehrer hervor, der gerade deshalb so liebenswert erscheint, weil er einer der letzten professionellen Vertreter institutionalisierter Nutzlosigkeit ist, den Gegentyp des „modernen“ Lehrers. Latein folgt ähnlich wie die Mathematik und die Musik logisch stringenten Regeln. Die Schüler müssen sich der Harmonie der Grammatik fügen, Standpunkte, Meinungen, Kommunikationskompetenzen führen hier nicht weiter. Und die eigentümliche Musikalität des Hexameters erschließt sich nicht jedem sofort (Johann Osel, Roland Preuss, SZ 22.12.14; Jan Grossarth, FAZ 27./28.12.14).

Mein Vorschlag: wir behalten Latein als Unterrichtsfach für die Elite.

 

782: Professx und 60 Geschlechter

Montag, Dezember 29th, 2014

Der Schriftsteller und Germanist Herbert Genzmer will der deutschen Grammatik wieder zu ihrem Recht verhelfen. Matthias Heine hat ihn für „Die Welt“ (20.12.14) interviewt.

Welt: Bei Facebook kann man zwischen

60 verschiedenen Geschlechtern

wählen. Die Berliner Professorin Lann Hornscheidt will „Professx“ genannt werden und verbittet sich auch „zweigendernde“ Anreden wie „Liebe …“ oder „Lieber …“. Brauchen neue gesellschaftliche und sexuelle Differenzierungen auch neue grammatische Formen?

Genzmer: Ich finde das großartig. Ob es etwas bringen wird? Es wird eine Sensibilisierung mit sich bringen. Leute werden anfangen, darüber nachzudenken, ob die festen Parameter nicht wert sind, überdacht zu werden. Ich habe für eine Artikel mal in Sex-Chatrooms recherchiert, da gibt es ja sogar

120 Kategorien,

jede Spielart, jede Geschlechterbezeichnung für das, als was die Leute sich empfinden, oder wie sie sich gerne sehen wollen. In diesem Chatroom waren an dem Vormittag 14.000 Leute. Ob das eine Sache wird, die auf ewig bleibt oder ob es nur semantische Spielereien sind, wird sich zeigen. Ich denke nicht, dass sich in Deutschland 60 Geschlechter einbürgern werden.

781: Fritz Rudolf Fries ist tot.

Montag, Dezember 29th, 2014

1966 erschien Fritz Rudolf Fries‘ Debütroman „Oobliadoh“ auf Vermittlung des sieben Jahre vorher aus der DDR geflohenen Uwe Johnson bei Suhrkamp. Dieser Roman, eine Jugendgeschichte, deren Lebenselixier der Jazz ist, galt der DDR-Kultusbürokratie von vornherein als „snobistisch“. Er ist bis heute die bekannteste Publikation von Fritz Rudolf Fries. Sein Erzählungsband „Der Fernsehkrieg“ war 1969 seine erste literarische Veröffentlichung in der DDR. Fries weitere Veröffentlichungen bis hin zu „Hesekiels Maschine“ (2004) machten ihn zu einem zunächst angesehenen Rezensenten und Essayisten. Bis Fries sich in seinem Tagebuchband „Im Jahr des Hahns“ (1996) als Mitarbeiter der Stasi zu erkennen gab. Das war der Preis dafür, dass er nach „Oobliadoh“ in der DDR publizieren konnte. Von der darauf folgenden Ächtung hat sich Fries‘ literarischer Ruf nicht mehr erholt.

Er war einen eigenen Weg gegangen. Geboren wurde er 1935 in Bilbao, seine Mutter war Spanierin. 1942 zog die Familie nach Deutschland um. In Leipzig studierte Fries nach dem Krieg u.a. bei Hans Mayer und arbeitete dann als Übersetzer und Kinderbuchautor, bis er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin wurde. Seinen Job verlor er nach „Ooobliadoh“, ehe er sich bei der Stasi verpflichtete. Dies zerstörte den Ruf von Fries nachhaltig, obwohl er literarisch in andere Zusammenhänge gehört. Für Helmut Böttiger (SZ 20./21.12.14) stand Fries in den Achtzigern kurz vor dem Büchner-Preis. Den hat er nicht bekommen.

Fries ist am 17. Dezember bei Berlin gestorben (Andreas Platthaus, FAZ 20.12.14).

765: Studieren in den Siebzigern

Montag, Dezember 8th, 2014

Wie man weit vor G 8 und Bachelor/Master studieren konnte, das beschreibt Ulrich Raulff in seinem Buch

Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens. Stuttgart (Klett-Cotta) 2014, 170 Seiten.

Der Autor ist seit zehn Jahren Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar, er war früher Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ und Feuilletonchef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Raulff erzählt schwungvoll und sehr gut lesbar. Das gesamte Kaleidoskop eines Studiums außerhalb der Naturwissenschaften wird entfaltet. Vorzugsweise geht es um Fächer wie Philosophie, Geschichte, Literaturwissenschaft, Romanistik, Anglistik, Slawistik, also die Gegenstände der „Phil.Fak.“, wie wir sie früher nannten. Und es geht um die Lust des Lesens. Und zwar nicht nur in Marburg, wo Raulff sein Studium begann, sondern auch in Paris, London und Berlin. Das alles betrachtet der Autor keineswegs unkritisch, aber wir spüren seine Begeisterung. Da ist auch die Rede von Zeitschriftengründungen, von den dunklen französischen Philosophen und von der neu sich durchsetzenden Bildwissenschaft. Wir werfen einen Blick auf ein ansonsten so unterschätztes Fach wie die Kunstgeschichte. Und Raulff lässt Mitstreiter auftauchen wie

Hans Zischler und

Frank Böckelmann.

Das erlaubt einen – zwar nicht vollständigen, aber treffenden – Blick auf die philosophische und die literarische Szene und in die Welt der Kunst und der Bibliotheken.

Was waren das für herrliche Zeiten!

764: Karl Kraus hat Heinrich Heine gehasst.

Sonntag, Dezember 7th, 2014

Vorne auf diesem Blog bei den Gedichten stehen 36 von Heinrich Heine (1797-1856). Da können Sie sich vorstellen, wie mein Verhältnis zu Karl Kraus (1874-1936) ist. Dabei kann ich überhaupt nicht bestreiten, dass Kraus hohe Verdienste um eine fundierte Kritik am Journalismus hat. In seinem Aufsatz „Heine und die Folgen“ aber erweist er sich als verbitterter Kritiker von Heine. Er kann dessen Leichtigkeit und Ironie nicht ertragen. Wie Heine das Triviale neben das Erhabene stellt. Kraus schreibt, Heine habe „der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert, dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können“. Heine ist für Kraus, den österreichischen Gründler, zu süßlich, zu spielerisch, zu charmant, fast ein französischer Bruder Leichtfuß. Von ihm stamme ja auch das

Feuilleton.

„Das ist die Franzosenkrankheit, die er uns eingschleppt hat. Wie leicht wird man krank in Paris! Wie lockert sich die Moral des deutschen Sprachgefühls!“ Ja, die Moral, damit hat es Kraus.

Daran denken wir, wenn wir vom „Kraus-Projekt“ des großartigen US-amerikanischen Romanciers Jonathan Frenzen hören. Nun haben sich zwei sehr kundige und angesehene deutsche Journalisten, Niklas Maak und Volker Weidermann, gegen Kraus gestellt (FAS 7.12.14). „Das ist das Kraus-Gift, dass alle seine Verehrer so magisch anzieht: Schreiben im Modus des Verdachts, des Misstrauens, des Schnüffelns nach Fehlern, statt frei heraus das Schöne zu lieben.“

In Heines Gedicht über das vom Sonnenuntergang entzückte Fräulein erkenne Karl Kraus „Heines Zynismus“. „Mein Fräulein, sein sie munter/Das ist ein altes Stück/Hier vorne geht sie unter/Und kehrt von hinten zurück.“ (vgl. vorne im Blog). Karl Kraus hat Heinrich Heine wahrscheinlich beneidet um seine Schreibkunst.

Maak und Weidermann schreiben sehr zu Recht über die Wirkung von Journalismus: „Aufklärerisch haben viele andere gewirkt. Man kann Zolas ‚J’accuse‘ lesen, man kann Heines oder Tucholskys kluge, warmherzige, nicht minder scharfe Satiren lieben, die Kraus vor allem einen Humor voraushaben, der den Menschen nicht verlorengegeben hat.“

Ein Schriftsteller ist dort am besten, wo er dicht am Journalismus steht. Von Heine bis Hemingway.

763: Sabina Spielrein – zum Fünften

Samstag, Dezember 6th, 2014

Nachdem Anfang der siebziger Jahre Sabina Spielreins Briefe an Sigmund Freud und Carl Gustav Jung in einem Genfer Keller entdeckt worden waren, schrieb der US-Amerikaner John Kert „The Dangerous Method“ über diese Beziehungen. Christopher Hampton, der bekannte Regisseur, machte daraus 2002 das Theaterstück „The Talking Cure“. Dieses wiederum wurde von Alissa Walser ins Deutsche übersetzt. So entstand 2005 unter dem Titel „Die Methode“ eine deutschsprachige Erstaufführung. David Cronenbergs Film „The Dangerous Method“ erschien 2013. Wir wissen also schon einiges über Sabina Spielreins Eigenarten. Ein SS-Offizier erschoss die Jüdin und ihre beiden Töchter 1942 in Rostow am Don.

In Wien hat nun Christopher Hampton erneut das Theaterstück herausgebracht. Unter dem Titel „Dunkle Begierde“ (Übertragung ins Deutsche von Daniel Kehlmann). Nach Meinung von Gerhard Stadelmaier (FAZ 29.11.14) war die Übersetzung von Alissa Walser wesentlich schlüssiger und eleganter. An den Begierden findet er nichts Dunkles.

„Wobei Jung die mythische, ja religiöse Dimension der gesprächsweisen Seelenausgrabung mehr als die sexuelle betont und die Couch als Altar betrachtet, auf dem zum Zweck der Menschenverbesserung analytisch geopfert wird, aber nebenan, im Klinik-Schlafzimmer, heftigen natur- und berufsethikgemäß verbotenen Sex mit seiner von Hysterien und sadomasochistischen Masturbationsphantasien geplagten Patientin Sabina Spielrein hat, dieweil Jungs unermesslich reiche und ihn großzügig finanzierende Frau Emma von einem Wochenbett ins nächste sich hangelt. Sabina ist eine junge russische Jüdin, die sich später (klug durch Leiden) auch zur Psychoanalytikerin ausbildet. Freud dagegen wünscht allen Mythos und alle Religion zum rationalen Teufel und pocht ganz auf die sexuelle Basis seiner Seelenlehre. Und so sehr er die Couch einfach als Mittel zum Zweck der Menschenerkenntnis (nicht der Menschenverbesserung) nimmt – selbst lässt er die Finger von seinen Patientinnen.“

754: Botho Strauß, der „Virtuose des Rückzugs“, wird 70.

Dienstag, Dezember 2nd, 2014

Botho Strauß hat sich in die Einsamkeit der Uckermark zurückgezogen. Vielleicht feiert er dort seinen 70. Geburtstag. Angefangen hatte der eigenwillige Autor als brillanter Theaterkritiker bei „Theater heute“ (1967-1970). Bis 1975 war er Dramaturg an der Schaubühne am Halleschen Ufer, seither ist er freier Schriftsteller. Ein tatsächlich freier, der sich keiner Mode, keiner Norm, keinem Common Sense verpflichtet weiß.

Mit seinem Frühwerk (u.a. „Paare, Passanten“ 1981) war Strauß wie Phoenix aus der Asche aufgestiegen. Seine elitäre und anspruchsvolle Sprache faszinierte seinerzeit viele der fähigsten Kritiker (u.a. Marcel Reich-Ranicki). Seine Abscheu vor einem „herunterdemokratisierten, formlosen Gesellschaftsbewusstsein“ brachte er am stärksten zum Ausdruck im „Anschwellenden Bocksgesang“ 1993. Danach konnte er nicht mehr wie vorher mit Theodor W. Adorno in einem Atemzug genannt werden, mit dem er allerdings die Überzeugung von der Aufklärung als Massenbetrug teilte. Er gefiel sich in der Feier des „Reaktionären“ und zog sich mehr und mehr aus der Gesellschaft zurück.

Rainald Goetz rezensierte Botho Strauß noch vor dem Erscheinen seines ersten eigenen Romans 1981 im „Spiegel“ und formulierte dabei seine Abkehr von seinen ehemaligen Vobildern Peter Handke und Botho Strauß: „Er muss zum Sozialen, dem er sich verdankt, ein ungekünstelt fundamentales Dekonstruktionsverhältnis unterhalten. Text ist hier: die aus der Sprache lebende Literatur. Und es ist interessant und entmutigend zu sehen, dass die Autoren, die diese Art sprachgenerierter Literatur machen oder gemacht haben, eigentlich immer, zwangsläufig in der Isolation, im sozialen Abseits und damit kurz über lang in der Verblödung irgendwelcher abgedrehter Individualkosmen, im Schwachsinn gelandet sind. Privatroman, Langsame Heimkehr, Bocksgesang.“

Der Strauß-Fan Heinz Strunk („Fleisch ist mein Gemüse“) schreibt: „Erwähnen möchte ich aber auch, dass mir einige Texte bis heute ein Rätsel geblieben sind. Auch nach wiederholten Versuchen hab ich’s nicht kapiert.“ (Dirk Kniphals, taz 29./30.11.14; Andreas Bernard, FAS 30.11.14; Lothar Müller, SZ 2.12.14)