Kapitalismus gilt bei sogenannten fortschrittlichen Menschen als etwas Böses. Das ist Unfug, wie viele Untersuchungen zeigen. Martin Dornes und Martin Altmayer beschreiben das in einem beeindruckenden Aufsatz in der „Zeit“ (8.1.15). So etwa soll der Kapitalismus auch für die angebliche Zunahme von Depressionen verantwortlich sein. Es gibt dazu zwei konkurrierende Hypothesen.
„Die eine besagt, die Menschen litten an einer Überfülle von Freiheiten und Optionen: Von den Zumutungen einer selbstbestimmten Lebensführung psychisch überfordert, ziehe sich ein zunehmend ‚erschöpftes Selbst‘ in die Depression zurück. Dieser ‚postmodernen‘ steht eine ’spätkapitalistische‘ Theorie der Depressionszunahme gegenüber. Ihr zufolge treibe nicht zuviel Freiheit, sondern ein Übermaß an Leistungsanforderungen immer mehr Menschen in die Erschöpfung.“
Nun zeigen seriöse epidemiologische Studien zwischen 1947 und 2012 keinen Anstieg von Depressionen und anderen psychischen Störungen. Verändert hat sich die ärztliche Praxis, es werden heute häufiger psychische Krankheiten diagnostiziert, aber nicht die Gesundheit der Menschen. Sogar die Modediagnose „Burn out“ ist wieder auf dem Rückzug.
Im Wesentlichen gibt es drei Gründe für die auffällige Differenz zwischen realer und diagnostiziert Krankheitshäufigkeit.
„Erstens wurden psychische Erkrankungen früher oft nicht erkannt, als körperliche Erkrankungen fehldiagnostiziert oder als Schicksalschlag hingenommen. Hinter dem Anstieg der Diagnosen verbirgt sich zum Teil also die wünschenswerte Aufhellung eines Dunkelfeldes.
Zweitens ist die Bereitschaft gewachsen, auch Befindlichkeitsstörungen in Krankheiten umzucodieren, weil sich unsere Sensibilitäten und Maßstäbe für seelische Gesundheit gewandelt haben.
Drittens hat sich auch die medizinisch-psychiatrische Erhebungsmethodik verändert. Zwischen 1952 und 2014 hat sich die Zahl der unterschiedlichen Krankheitsbefunde, die ein Arzt oder Psychologe nach dem ‚Diagnostischen Manual für psychische Krankheiten‘ feststellen kann, nahezu vervierfacht, nämlich von 106 auf 400. Zugleich wurden die Schwellenwerte, ab denen Symptome eine Erkrankung belegen sollen, gesenkt.“
Deshalb belegt eine steigende Zahl von Depressionsdiagnosen keineswegs, dass diese Krankheit heute tatsächlich häufiger auftritt. Außerdem besteht ein gut belegter Zusammenhang zwischen der Versorgungsdichte und der Diagnosehäufigkeit. Es gilt die Regel: Je mehr Ärzte, desto mehr Untersuchungen, und je mehr Untersuchungen, desto mehr Diagnosen. Die Suizidraten und die Tötungsdelikte haben seit 1980 abgenommen. Dagegen hat die subjektive Lebenszufriedenheit in drei Vierteln von 52 untersuchten Ländern zwischen 1981 und 2007 zugenommen. „Anscheinend überwiegen die positiven Folgen ökonomischer und gesellschaftlicher Modernisierung deren negative Folgen, jedenfalls in der Mehrheit der untersuchten Länder.“
„Sollen wir wirklich bedauern, dass die moderne Arbeitswelt zunehmend komplex geworden ist und mehr Selbstverantwortung, Eigeninitiative, Teamfähigkeit und Kommunikationskompetenz verlangt? Bedeuten die Belastungen weiblicher Berufstätigkeit nicht auch einen Freiheitszuwachs für Frauen (und zunehmend auch für Männer)? Ist es kein Fortschritt, dass Eltern nie zuvor so viel Zeit mit ihren Kindern verbracht und so viel Mühe für ihre Erziehung aufgewendet haben wie heute? Stehen gestiegene Scheidungsraten nicht auch dafür, dass Menschen sich von der Verpflichtung befreien, ein ganzes Leben in einer unglücklichen Ehe zu verbringen? Hilft der irritierende Pluralismus von Lebensstilen nicht auch dabei, den eigenen Horizont zu erweitern?“
„Mit der Modernisierung der Welt modernisiert sich eben auch das Seelenleben: Es entkrampft sich und wird durchlässiger für vormals tabuisierte innere Impulse und äußere Anregungen. Wahrscheinlich wird es dadurch auch irritierbarer und ablenkungsanfälliger. Wo innere und äußere Festlegungen nachlassen, steigen die Anforderungen an die eigene Selbststeuerungsfähigkeit, aber auch die Gestaltungs- und Freiheitsspielräume des Einzelnen. Daran kann man scheitern. Aber es gibt keine überzeugenden Belege dafür, dass eine wachsende Anzahl der Menschen damit seelisch überfordert wäre.“
(Martin Dornes ist Soziologe und Entwicklungspsychologe, Martin ALtmayer arbeitet als Psychologe und Psychotherapeut.)