Archive for the ‘Literatur’ Category

845: Das Elend der Bildungsdebatte

Donnerstag, Februar 19th, 2015

Jürgen Kaube ist kürzlich FAZ-Herausgeber geworden und dort für das Feuilleton zuständig. Dass er dafür der geeignete Mann ist, dafür spricht das von ihm herausgebene Buch

Im Reformhaus. Zur Krise des Bildungssystems. Springe (zu Klampen) 2015, 174 Seiten, 18 Euro.

Kaube schreibt: „Das Elend der Bildungsdebatte liegt in der Unfähigkeit, die Schule als Schule und die Universität als Universität wertzuschätzen: ihre Anforderungen, ihren Eigensinn, ihre guten Traditionen.“

In dem Band werden „Bildungsziele und Bildungsregeln“, „Bologna und die Folgen“, die „Lage der Geisteswissenschaften“ und der Bildungssoziologe Charles Perrow behandelt (Jens Bisky, SZ 18.2.15). Perrow hatte in den fünfziger Jahren unter PR-Gesichtspunkten eine Klinik in Michigan analysiert und ihre Vorzüge in außermedizinischen Faktoren gefunden wie Fernsehgeräten, einem Museum, besserem Frühstück etc. So ist es heute nach Kaube auch mit den deutschen Universitäten. Da sie ihren Ruf nicht mehr vom Renommée bei den Studenten ableiten, setzen sie auf den

Perrow-Effekt

mit Rangtabellen, Drittmittellisten und Siegen in Exzellenz-Wettbewerben. Die Qualität von Forschung und Lehre ist weniger gefragt. Ja, wir brauchen heute anscheinend Programme dafür, dass an den Universitäten noch geisteswissenschaftliche Monografien geschrieben werden können. Eine wissenschaftspolitische Bankrotterklärung.

Anscheinend dient die Ausbildung von Studenten an Universitäten nur noch der Förderung der Angepasstheit und Folgsamkeit (Yascha Mounk, Die Zeit 29.1.15). Darin sehen viele Unternehmen offenbar einen ökonomischen Nutzen. Allgemeinbildung ist nicht mehr gefragt. Das wird mit dem Argument unterfüttert, dass dann, wenn die Allgemeinbildung weniger gelte, die Chancengleichheit steige. Dazu sage ich dann:

Zum Teufel mit den Chancengleichheit. Es geht hier um unsere Besten.

839: Freuds „Moses“ parallelisiert mit Arendts „Eichmann“

Montag, Februar 9th, 2015

Hans Blumenberg, der deutsche Philosoph, unternimmt es, in einer scharfen Kritik Sigmund Freud und Hannah Arendt zu verurteilen. In seinem aus dem Nachlass herausgegebenen Buch

„Rigorismus der Wahrheit“. „Moses der Ägypter“ und weitere Texte zu Freud und Arendt. Berlin (Suhrkamp) 2015, 133 S., 14 Euro,

parallelisiert er Freuds

Der Mann Moses und die monotheistische Religion: Drei Abhandlungen. 1939

und Arendts

Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen. 1962.

Freud hatte kurz vor seinem Tod den Charakter des Judentums vor dem Hintergrund seiner psychanalytischen Deutung des Phänomens Religion herausarbeiten wollen. Er machte Moses zum hohen ägyptischen Beamten, der dem jüdischen Volk in strenger Wüstenerziehung einen strikten Monotheismus auferlegt habe. Eine Geschichte, die mit der Tötung des Moses durch die Juden nicht etwa endet, sondern erst wirklich beginnt. Denn erst dieser Mord sorgte dafür, dass der Mechanismus von Verdrängung, Latenz und Wiederkehr ausgelöst wurde, den Freud im Innersten aller Religionen am Werke sehen wollte.

Auf jüdische Gefühle hat Freud anscheinend kaum Rücksicht genommen. Und Blumenberg wirft ihm vor, er habe sein Buch im „falschesten Augenblick“ publiziert, nämlich „auf dem Höhepunkt von Hitlers Macht“. Dies sei Ausdruck des Narzissmus eines Autors, der, seinen nahen Tod vor Augen, sich bloß noch um seine eigenen Angelegenheiten sorgte und nicht um die seines Volkes.

Hannah Arendt wirft Blumenberg vor, dass sie nicht gesehen habe, dass der Prozess gegen Adolf Eichmann 1960/61 kein übliches, nach juristischen Normen ablaufendes Verfahren gewesen sei. Vielmehr sei das Verfahren singulär gewesen und das als Staatsakt vollzogene Todesurteil über einen der Organisatoren des Genozids habe der Begründung eines „Nationalmythos“ in Israel gedient. An diese mythische Notwendigkeit reiche kein universaler Moralismus und keine soziologische Analyse heran. Nie hätte Arendt dieses Buch schreiben dürfen. Arendt habe mit dem Zionismus abrechnen wollen. Hans Blumenberg demgegenüber tritt dem israelischen Nationalmythos bedingungslos zu Seite. Eichmann hätte nie als Hanswurst dargestellt werden dürfen, selbst wenn er das – jenseits seiner Vertretungsfunktion als Feind schlechthin – sogar gewesen wäre (Helmut Mayer, FAZ 7.2.15).

Sigmund Freud und Hannah Arendt waren eben Rigoristen der Wahrheit und keine Propagandisten.

835: Enzensbergers „Tumult“

Sonntag, Februar 1st, 2015

Angeblich auf Grund eines zufälligen Kellerfunds gelangen wir an Hans Magnus Enzensbergers (geb. 1929)

Tumult. Berlin (Suhrkamp) 2014, 287 Seiten.

Es ist der wahrhaft vielfältige Rückblick eines frei schwebenden Intellektuellen auf die bewegten Jahre 1963 bis 1973. Im Zentrum streiten sich der junge und der alte Enzensberger (S. 109-241). Dabei kommt etwa die Kuba-Affäre (1968/69) zur Sprache. Enzensberger hat sich als Essayist nie auf einen Standpunkt oder eine Ideologie festlegen lassen, wie schon in seinem bekannten Disput mit Peter Weiss zum Ausdruck kam. Das Buch ist hochinteressant, weil sich der Autor nicht scheut, auch Klatsch und Privates zu besprechen.

Zunächst war uns der Schriftsteller mit Gedichten in der

„Verteidigung der Wölfe“ (1957)

gekommen. Dann besprach er die

„Bewusstseinsindustrie“ sowie den „Journalismus als Eiertanz“ (1962) und installierte seinen

„Baukasten zu einer Theorie der Medien“ (1970) (im Gefolge Walter Benjamins).

Um 1991 Saddam Hussein als

„Hitlers Wiedergänger“

zu entlarven. Damit war er bei der politischen Linken unmöglich geworden, was er in seinem neuen Buch an vielen Beispielen bekräftigt. Heute kritisiert der Dichter Europa. Weil er es verbessert sehen möchte. Aber darüber geht Enzensberger weit hinaus, wenn er beispielsweise von seinen Begegnungen mit den Dichterinnen

Lilja Brik

oder

Nelly Sachs

berichtet.

Deutschland stellt er kein so arg schlechtes Zeugnis aus, wo er im Kapitel „Danach (1970ff.)“ auf S. 243 schreibt:

„Denn zu meiner Überraschung zeigte sich, dass unser wüstes Land ganz allmählich, fast hinter unserem Rücken, immer bewohnbarer wurde. Niemand schlug mehr die Hacken zusammen, niemand machte einen Diener, Autofahrer fingen an, Fußgänger an der Kreuzung passieren zu lassen, Polizisten warfen ihre Tschakos ab, Busschaffner warteten auf alte Damen, statt ihnen vor der Nase wegzufahren. Der Kuppeleiparagraph und der § 175 wurden abgeschafft. Gegen den hinhaltenden Widerstand des Obrigkeitstsstaates setzten sich lässige Verkehrsformen durch. Es geschahen Zeichen und Wunder in Deutschland. Man konnte den Eindruck haben, als wäre die Republik auf dem Weg zur Zivilisation.“

Nun denn!

831: Literaturnobelpreisträger Winston Churchill

Donnerstag, Januar 29th, 2015

Vor fünfzig Jahren im Januar 1965 starb Winston Churchill (geb. 1874), der langjährige britische Premierminister und Überwinder des Faschismus in Europa. Damit war eine Zeitenwende bezeichnet von der alten imperialistischen und kolonialistischen Epoche hin zu einem modernen und freien Europa. In der Schule war Churchill nicht besonders erfolgreich gewesen, hatte sich weithin autodidaktisch ausgebildet. Dafür bekam er 1953 den Nobelpreis für Literatur „für seine Meisterschaft in der historischen und biografischen Darstellung sowie für die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von hohen menschlichen Werten hervorgetreten ist“.

Begabt war der aus altem Adel stammende Journalist und Schriftsteller vor allem für den Krieg. Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert war er als Kriegsberichterstatter in fünf Feldzügen tätig (Kuba, Indien, Sudan, Mozambique, Südafrika). Im Burenkrieg glänzte er mit Kabinettsstückchen. Mutig war er auch. Und ehrgeizig. Blieb Zeit seines Lebens seinen Faibles für Zigarren und – vor allem – für Whisky treu. Politiker wurde Churchill erst in dritter Linie. Trotzdem kündigte der alte Mark Twain den jungen Churchill in New York mit den Worten an: „Held von fünf Kriegen, Autor von sechs Büchern und künftiger Premierminister von England.“

In der Politik fiel Churchill durch seine Wechsel auf, 1904 von den Konservativen zu den Liberalen, 1924 zurück. Das haben ihm die Tories de facto nie verziehen. Lloyd George dazu: „Eine Ratte kann zwar ein sinkendes Schiff verlassen; aber wieder einsteigen, wenn das Schiff dann doch nicht sinkt, das kann sie nicht.“ Demgegenüber Kardinal Newmann: „Leben heißt, sich ändern, und vollendet zu sein, heißt, sich oft geändert zu haben.“ Churchill wurde früh Minister in sehr unterschiedlichen Ressorts. Von Wirtschaft und Finanzen verstand er sein ganzes Leben nichts. Seine zutiefst konservative Prägung erfuhr der niemals besonders kirchennahe Politiker durch seine Gegnerschaft zur russischen Revolution 1917. Auch hier hatte er, wie wir heute wissen können, die richtige Nase.

In den Dreißigern erschien das durch Opportunismus, Draufgängertum, Imperialismus und Kolonialismus gekennzeichnete Genie Churchill ziemlich gescheitert. Da kamen ihm Hitler und der Nationalsozialismus mit ihrer Kriegspolitik zu Hilfe. Churchill beschwor und organisierte als Premierminister den britischen Widerstand. Gemeinsam mit Charles de Gaulle war er am Anfang des Zweiten Weltkriegs entscheidend für die Gegenwehr gegen die deutschen Agressoren. Der Antikommunist Churchill wurde so zu einem Begründer des freien Europa (Hannes Hintermeier, FAZ 24.1.15; Johann Schloemann, SZ 24./25.1.15; Thomas Kielinger, Die Welt 24.1.15).

Nach 1945 wurde er nochmals Premierminister. Aber es waren andere Zeiten. Mitte der fünfziger Jahre war seine politische Karriere zu Ende. Er zog sich ins Privatleben zurück. Und malte. Churchill hat kein politisches Programm hinterlassen, keine Verfassungslehre, keine Denkschule. Er war ein großer Individualist. Von titanischen Dimensionen. Zum fünfzigsten Todesdatum sind sehr viele Bücher über Churchill erschienen, die ich bisher alle nicht kenne. In Deutschland haben wir die wunderbare Biografie von

Sebastian Haffner: Winston Churchill in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hamburg (Rowohlt) 1967, 188 Seiten.

823: Zwei Hauptfehler der Literatur

Montag, Januar 26th, 2015

Im Interview mit Julia Encke (FAS 25.1.15) spricht Michel Houellebecq über zwei Hauptfehler der Literatur des 20. Jahrhunderts:

„Das zwanzigste Jahrhundert hat für mich literarisch gesehen zwei Hauptfehler. Das eine ist der ‚Nouveau Roman‘: formale Experimente zum Ziel von Literatur zu erklären. Damit kann ich nichts anfangen. Für mich erzählt Literatur von der Welt, sie erzählt von etwas und handelt nicht vor allem von der Sprache selbst. Das andere, was ich auch nicht mag, ist, die Literatur in den Dienst eines Engagements zu stellen, so wie es Albert Camus und Jean-Paul Sartre gemacht haben.“

 

819: Houellebecqs Botschaft ?

Donnerstag, Januar 22nd, 2015

Mit meiner Bewertung vom 11.1.15 unter 801: „Ist Houellebecq Frankreich?“ lag ich wohl ziemlich richtig. Nach Houellebecqs Auftritt in Köln beim Verlag DuMont beschreibt Alex Rühle (SZ 21.1.15) Michel Houellebecqs Einstellung folgendermaßen:

„Eure Schönheit kotzt mich an, all euer Joggen, euer veganes Müsli, eure Vorsorgeuntersuchungen und eure Psychotherapien. Es gibt nur den Schmerz und die Einsamkeit, also wozu bitte zum Friseur gehen?“

812: „Verstrickung Heideggers in den Nationalsozialismus“

Sonntag, Januar 18th, 2015

Der Vorsitzende der Martin-Heidegger-Gesellschaft, der Philosoph Günter Fingal aus Freiburg, ist von seinem Amt zurückgetreten. Zur Begründung nannte er die „schockierenden“ antisemitischen Passagen in den 2014 veröffentlichten „Schwarzen Heften“. „Die Verstrickung Heideggers in den Nationalsozialismus ist viel größer, als wir bisher wissen konnten, und das heißt, man muss unter diesem Gesichtspunkt die Dreißigerjahre-Phase überhaupt erst mal gründlich erforschen.“

Die Heidegger-Erben verhindern den Zugriff auf Tausende von Heidegger-Manuskriptseiten, die im Deutschen Literaturarchiv in Marbach lagern (Die Welt, 17.1.15).

808: Vom Nutzen und Nachteil der Poesie für das Leben

Donnerstag, Januar 15th, 2015

Nainas Tweet „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ (Imre Grimm, Göttinger Tageblatt 15.1.15) Das ist der Angriff des Bildungsphilistertums auf uns Liebhaber von Gedichten. Den wir so nicht hinnehmen. Ich kenne Nainas Spießerwelt. Jeden Tag bin auch ich von ihr umgeben. Wo die Kenntnisse vom „richtigen Leben“ vorhanden sind, aber nicht von Poesie und Literatur, es fehlt an Fantasie.

1. Die Spießer nehmen an, dass in der Schule das „richtige Leben“ reproduziert werden soll, aber das stimmt nur zur Hälfte. In der anderen Hälfte wird kritisiert, dort werden Vorschläge gemacht, wie die Welt verändert und verbessert werden kann. In der Schule geht es eben nicht nur um die Reproduktion des Vorhandenen.

2. Naina sollte etwas lernen über die Poesie der Heinrich von Kleist, Paul Celan, Ingeborg Bachmann (über die meine Tochter ihre Examensarbeit geschrieben hat) und Sarah Kirsch. Hoffentlich kommen die in der Schule vor.

3. Es herrschen abenteuerlich reduzierte Begriffe von dem vor, was „realistisch“ ist. Die Kommunisten zum Beispiel sind beim „sozialistischen Realismus“ hängen geblieben. Die Nazis bei der „deutschen Kunst“. Banausen!

Zum Ende: Ich war auf einem „Realgymnasium“. Die Schule hat mir damals gut gefallen. Heute auch noch. Ich habe viel in Mathematik und in den Naturwissenschaften gelernt. Sehr gut! Aber noch heute leide ich darunter, dass wir etwa nichts von Kunstgeschichte und griechischer Mythologie gehört haben. Das kann man im Leben nicht aufholen. „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“

Naina empfehle ich, schon mal im Interesse des Immobilienkapitals den Mietspiegel auswendig zu lernen.

807: Kapitalismus macht nicht depressiv.

Mittwoch, Januar 14th, 2015

Kapitalismus gilt bei sogenannten fortschrittlichen Menschen als etwas Böses. Das ist Unfug, wie viele Untersuchungen zeigen. Martin Dornes und Martin Altmayer beschreiben das in einem beeindruckenden Aufsatz in der „Zeit“ (8.1.15). So etwa soll der Kapitalismus auch für die angebliche Zunahme von Depressionen verantwortlich sein. Es gibt dazu zwei konkurrierende Hypothesen.

„Die eine besagt, die Menschen litten an einer Überfülle von Freiheiten und Optionen: Von den Zumutungen einer selbstbestimmten Lebensführung psychisch überfordert, ziehe sich ein zunehmend ‚erschöpftes Selbst‘ in die Depression zurück. Dieser ‚postmodernen‘ steht eine ’spätkapitalistische‘ Theorie der Depressionszunahme gegenüber. Ihr zufolge treibe nicht zuviel Freiheit, sondern ein Übermaß an Leistungsanforderungen immer mehr Menschen in die Erschöpfung.“

Nun zeigen seriöse epidemiologische Studien  zwischen 1947 und 2012 keinen Anstieg von Depressionen und anderen psychischen Störungen. Verändert hat sich die ärztliche Praxis, es werden heute häufiger psychische Krankheiten diagnostiziert, aber nicht die Gesundheit der Menschen. Sogar die Modediagnose „Burn out“ ist wieder auf dem Rückzug.

Im Wesentlichen gibt es drei Gründe für die auffällige Differenz zwischen realer und diagnostiziert Krankheitshäufigkeit.

„Erstens wurden psychische Erkrankungen früher oft nicht erkannt, als körperliche Erkrankungen fehldiagnostiziert oder als Schicksalschlag hingenommen. Hinter dem Anstieg der Diagnosen verbirgt sich zum Teil also die wünschenswerte Aufhellung eines Dunkelfeldes.

Zweitens ist die Bereitschaft gewachsen, auch Befindlichkeitsstörungen in Krankheiten umzucodieren, weil sich unsere Sensibilitäten und Maßstäbe für seelische Gesundheit gewandelt haben.

Drittens hat sich auch die medizinisch-psychiatrische Erhebungsmethodik verändert. Zwischen 1952 und 2014 hat sich die Zahl der unterschiedlichen Krankheitsbefunde, die ein Arzt oder Psychologe nach dem ‚Diagnostischen Manual für psychische Krankheiten‘ feststellen kann, nahezu vervierfacht, nämlich von 106 auf 400. Zugleich wurden die Schwellenwerte, ab denen Symptome eine Erkrankung belegen sollen, gesenkt.“

Deshalb belegt eine steigende Zahl von Depressionsdiagnosen keineswegs, dass diese Krankheit heute tatsächlich häufiger auftritt. Außerdem besteht ein gut belegter Zusammenhang zwischen der Versorgungsdichte und der Diagnosehäufigkeit. Es gilt die Regel: Je mehr Ärzte, desto mehr Untersuchungen, und je mehr Untersuchungen, desto mehr Diagnosen. Die Suizidraten und die Tötungsdelikte haben seit 1980 abgenommen. Dagegen hat die subjektive Lebenszufriedenheit in drei Vierteln von 52 untersuchten Ländern zwischen 1981 und 2007 zugenommen. „Anscheinend überwiegen die positiven Folgen ökonomischer und gesellschaftlicher Modernisierung deren negative Folgen, jedenfalls in der Mehrheit der untersuchten Länder.“

„Sollen wir wirklich bedauern, dass die moderne Arbeitswelt zunehmend komplex geworden ist und mehr Selbstverantwortung, Eigeninitiative, Teamfähigkeit und Kommunikationskompetenz verlangt? Bedeuten die Belastungen weiblicher Berufstätigkeit nicht auch einen Freiheitszuwachs für Frauen (und zunehmend auch für Männer)? Ist es kein Fortschritt, dass Eltern nie zuvor so viel Zeit mit ihren Kindern verbracht und so viel Mühe für ihre Erziehung aufgewendet haben wie heute? Stehen gestiegene Scheidungsraten nicht auch dafür, dass Menschen sich von der Verpflichtung befreien, ein ganzes Leben in einer unglücklichen Ehe zu verbringen? Hilft der irritierende Pluralismus von Lebensstilen nicht auch dabei, den eigenen Horizont zu erweitern?“

„Mit der Modernisierung der Welt modernisiert sich eben auch das Seelenleben: Es entkrampft sich und wird durchlässiger für vormals tabuisierte innere Impulse und äußere Anregungen. Wahrscheinlich wird es dadurch auch irritierbarer und ablenkungsanfälliger. Wo innere und äußere Festlegungen nachlassen, steigen die Anforderungen an die eigene Selbststeuerungsfähigkeit, aber auch die Gestaltungs- und Freiheitsspielräume des Einzelnen. Daran kann man scheitern. Aber es gibt keine überzeugenden Belege dafür, dass eine wachsende Anzahl der Menschen damit seelisch überfordert wäre.“

(Martin Dornes ist Soziologe und Entwicklungspsychologe, Martin ALtmayer arbeitet als Psychologe und Psychotherapeut.)

 

802: Francesco Rosi gestorben

Montag, Januar 12th, 2015

Der 1922 geborene, weltberühmte italienische Filmregisseur Francesco Rosi ist tot. Typisch für den vielfach auch international ausgezeichneten Regisseur waren seine präzisen Kenntnisse der italienischen Gesellschaft. Er begann als Assistent von Luchino Visconti und damit im Milieu des Neo-Realismus und brillierte zunächst mit Mafiafilmen, ehe er in den siebziger Jahren zum poetischen Realismus

(„Christus kam nur bis Eboli“ 1979)

fand. Weitere bekannte Filme Rosis sind

„Wer erschoss Salvatore G?“ (1962),

„Der Fall Mattei“ (1972),

„Lucky Luciano“ (1974),

„Die Macht und ihr Preis“ (1976) und

„Drei Brüder“ (1981).

Einfluss hatten Rosis Filme auf Martin Scorsese, dessen Stiftung heute Rosi-Filme restauriert und zur Wiederaufführung bringt.