Amos Oz (vgl. hier Nr. 561), der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels 1992, hat einen neuen Roman geschrieben:
Judas. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Berlin (Suhrkamp) 2015, 335 Seiten; 22,95 Euro.
Darin geht es – natürlich – um Verrat und Verräter, Israelis und Araber und, nicht zuletzt, um das Verhältnis von Juden und Christen.
Ein zionistischer Dissident sagt: „Zwischen Juden und Arabern besteht kein Missverständnis, es hat nie ein Missverständnis gegeben. Im Gegenteil. Seit Jahrzehnten besteht zwischen ihnen ein vollkommenes Verständnis. Die einheimischen Araber hängen an diesem Land, weil es ihr einziges ist, sie haben kein anderes, und wir hängen an diesem Land aus genau den gleichen Gründen.“ (zit. nach Stephan Speicher, SZ 10.3.15)
Thomas David (Literarische Welt 7.3.15) hat Amos Oz interviewt:
Literarische Welt: Welche Fragen bleiben nach fünfzig Jahren des Schreibens nach wie vor ungelöst?
Oz: Die entscheidende Frage, auf die ich immer noch keine Antwort finde, ist die nach dem Ursprung des Bösen. Überall um mich herum sehe ich Grausamkeit – in der Geschichte, in der Nachbarschaft, manchmal sogar innerhalb einer Familie. Ich versuche, diese Grausamkeit zu entschlüsseln, aber ich finde keine Antworten, abgesehen von der klaren Gewissheit, dass das Böse existiert. Aber weshalb? Woher kommt es? Die Wissenschaften lehren uns, dass das Böse von Armut und Existenznot herrührt, von einer schwierigen Kindheit oder einer komplizierten Psychologie und emotionalen Wunden. Dies wissen wir von Marx und Freud, von Max Weber und allen möglichen anderen Denkern. Aber ich bin nicht überzeugt. Ich habe den Eindruck, dass in vielen, wenn nicht in allen von uns ein Gen des Bösen existiert, das nicht durch unser soziales Umfeld bestimmt wird, durch das Leid, das wir als Kinder erfahren haben oder durch andere äußere Einflüsse. Diese Frage beunruhigt mich, ja. Die Frage nach den Ursprüngen des Bösen belastet mich sehr, und ich weiß nicht, ob ich jemals eine befriedigende Antwort darauf finden werde, zumal jede Antwort neue Fragen aufwirft und es in dieser Welt ohnehin mehr Fragen als Antworten gibt.