Archive for the ‘Literatur’ Category

871: Amos Oz sucht den Ursprung des Bösen.

Donnerstag, März 12th, 2015

Amos Oz (vgl. hier Nr. 561), der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels 1992, hat einen neuen Roman geschrieben:

Judas. Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler. Berlin (Suhrkamp) 2015, 335 Seiten; 22,95 Euro.

Darin geht es – natürlich – um Verrat und Verräter, Israelis und Araber und, nicht zuletzt, um das Verhältnis von Juden und Christen.

Ein zionistischer Dissident sagt: „Zwischen Juden und Arabern besteht kein Missverständnis, es hat nie ein Missverständnis gegeben. Im Gegenteil. Seit Jahrzehnten besteht zwischen ihnen  ein vollkommenes Verständnis. Die einheimischen Araber hängen an diesem Land, weil es ihr einziges ist, sie haben kein anderes, und wir hängen an diesem Land aus genau den gleichen Gründen.“ (zit. nach Stephan Speicher, SZ 10.3.15)

Thomas David (Literarische Welt 7.3.15) hat Amos Oz interviewt:

Literarische Welt: Welche Fragen bleiben nach fünfzig Jahren des Schreibens nach wie vor ungelöst?

Oz: Die entscheidende Frage, auf die ich immer noch keine Antwort finde, ist die nach dem Ursprung des Bösen. Überall um mich herum sehe ich Grausamkeit – in der Geschichte, in der Nachbarschaft, manchmal sogar innerhalb einer Familie. Ich versuche, diese Grausamkeit zu entschlüsseln, aber ich finde keine Antworten, abgesehen von der klaren Gewissheit, dass das Böse existiert. Aber weshalb? Woher kommt es? Die Wissenschaften lehren uns, dass das Böse von Armut und Existenznot herrührt, von einer schwierigen Kindheit oder einer komplizierten Psychologie und emotionalen Wunden. Dies wissen wir von Marx und Freud, von Max Weber und allen möglichen anderen Denkern. Aber ich bin nicht überzeugt. Ich habe den Eindruck, dass in vielen, wenn nicht in allen von uns ein Gen des Bösen existiert, das nicht durch unser soziales Umfeld bestimmt wird, durch das Leid, das wir als Kinder erfahren haben oder durch andere äußere Einflüsse. Diese Frage beunruhigt mich, ja. Die Frage nach den Ursprüngen des Bösen belastet mich sehr, und ich weiß nicht, ob ich jemals eine befriedigende Antwort darauf finden werde, zumal jede Antwort neue Fragen aufwirft und es in dieser Welt ohnehin mehr Fragen als Antworten gibt.

869: Anekdotische Beweisführung

Mittwoch, März 11th, 2015

Der Londoner Evolutionsbiologe Armand Marie Leroi begründet, dass sich die „digitalen Geisteswissenschaften“ gegen die klassischen Geisteswissenschaften durchsetzen werden (SZ 7.3.15). Heute schon fühlten sich die „alten“ Geisteswissenschaftler im „Land des Lernens“ als Bürger zweiter Klasse. Sie würden von der Wissenschaftspolitik zunehmend vernachlässigt.

Für diese traditionellen Geisteswissenschaften gelte die „anekdotische Beweisführung“. Dort würden Behauptungen über den Ursprung, das Schicksal oder die Bedeutung eines Werks aufgestellt. Sie würden mit Zitaten untermauert und am Kanon überprüft. Und dann würde ein Code-erfahrener Student den Kanon und tausende Texte mehr herunterladen, die Algorithmen darüberschicken, statistische Werte erstellen und zeigen, dass die analoge Beweisführung falsch sei. Der Student betreibe

Science

im Gegensatz zu den traditionellen

Humanities.

Die digitalen Geisteswissenschaftler könnten sowohl Cicero erforschen als auch in Python programmieren.

Leroi schreibt, dass Quantifizierung auf allen Feldern triumphiert habe, in den Natur- wie in den Sozialwissenschaften. Und sie werde es auch in den traditionellen Geisteswissenschaften tun. Es gehe dabei gerade um Theorien. So hätten Biologen um biologische Vielfalt zu erklären eine Evolutionstheorie erschaffen, deren Grundlagen in der Mathematik lägen und auf die man sich ganz allgemein geeinigt habe. Die Theorie werde sich nicht in Wörtern ausdrücken, sondern in Gleichungen. Dagegen gäbe es in den traditionellen Geisteswissenschaften nur eine Folge nicht miteinander vergleichbarer Interpretationen und Einzelstudien. Das reiche nicht, um das große Ganze zu erklären.

„Es gibt einen großen Unterschied zwischen Dingen, die Menschen erschaffen haben, und Dingen, die die Natur geschaffen hat: Erstere bedeuten etwas, letztere nicht. Deswegen sind die Geisteswissenschaftler voller Kritiker, die Naturwissenschaften nicht: Kritiker erklären uns, was ein Werk bedeutet.“

Aber wer versteht die Gleichungen zur Welterklärung? Und was haben wir davon?

Der Literaturkritiker

Harold Bloom

schrieb 1973: „Was ist denn die Erforschung der Intertextualität anderes als eine mühsame Industrie der Quellenjagd, des Anspielungs-Zählens, eine Industrie, die sowieso bald ihre Apokalypse erleben wird, wenn Computer die Arbeit der Gelehrten übernehmen. … Ich bin ein epikuräischer Literaturkritiker, der sich auf Empfindungen, Wahrnehmungen und Eindrücke stützt.“

Vielleicht lassen wir einfach die Wissenschaft Wissenschaft sein und genießen (unwissenschaftlich) das, was unserem Genuss zur Verfügung steht?

866: Ringelnatz-Biografie

Montag, März 9th, 2015

Hilmar Klute, Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, hat eine gründliche, kluge und liebevolle Ringelnatz-Biografie geschrieben. Von Hans Boetticher (1883-1934), wie der Dichter eigentlich hieß, ist allerdings schon einiges bekannt. Hier wird es untermauert und bekräftigt (Dirk von Petersdorff, FAZ 7.3.15).

Dass er ein schwererziehbarer Jugendlicher war, Matrose, fromm, Kleinkünstler in Schwabing, Großkünstler in Berlin, erfolgreicher Netzwerker und – nicht zuletzt – ein eingeschworener Gegner der Nazis. Weshalb er das ganz andere Verhalten Gottfried Benns (1885-1956) deshalb zu Recht als „kläglich“ bezeichnete.

Ringelnatz hatte eine große Nähe zu dem zu seiner Zeit aufkommenden Sport. Hilmar Klute schildert seine harten Lehrjahre auf See und seine Kabarettisten-Lehrjahre im Schwabinger „Simplicissimus“. Und er übergeht nicht die Situationen „großer Verlorenheit“. 1920 hatte Ringelnatz Leonarda Pieper geheiratet, „Muschelkalk“, die nach seinem Tod dazu beitrug, dass sein künstlerischer Rang nicht ganz in Vergessenheit geriet.

Das Ende der Weimarer Republik und der Sieg der Nazis waren für den Dichter bitter. Trotzdem wurden zunächst noch wilde Partys gefeiert. Mit Gästen wie der Schauspielerin Asta Nielsen und dem Jagdflieger Ernst Udet. „Muschelkalk“, die in der Nazizeit zum Kreis von Gottfried Benn gehörte, schrieb: „Unter diesem Herzen habe ich gewohnt, bis ich nach dem Tode von Ringelnatz aus der Wohnung am Sachsenplatz ausziehen musste.“

864: Briefwechsel Reich-Ranicki – Rühmkorf

Montag, März 9th, 2015

Waren sie nun Freunde oder nicht, der unerbittliche Großkritiker Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) und der kapriziöse Poet Peter Rühmkorf (1929-2008)? Darüber gibt auch ihr nunmehr herausgegebener Briefwechsel zwischen 1967 und 2006 keinen endgültigen Aufschluss:

Marcel Reich-Ranicki und Peter Rühmkorf: Der Briefwechsel. Hrsg. von Christoph Hilse und Stephan Opitz. Göttingen (Wallstein) 2015, 334 Seiten, 22,90 Euro.

Es sind 287 Briefe einschließlich von Postkarten und Telegrammen. Hauptsächlich begegneten die Beiden sich als Literaturchef der FAZ und als Rezensent. Der Band enthält manche kecke Wendung, etwa wo Rühmkorf ein höheres Honorar verlangt: „Es würde der weiteren Zusammenarbeit ein gutes Fundament einziehen helfen. Die Gerechtigkeit gegenüber den Kollegen bliebe in jedem Fall gewahrt, weil ich nie was hinwichse, immer Grundlagenforschung mitliefre.“

Marcel Reich-Ranicki schreibt: „Ich warte nun sehnsüchtig (und tue dies schon seit über einem Jahr) auf Ihren Ringelnatz-Aufsatz. Gott hat für die Erschaffung der Welt sechs Tage gebraucht, und wieviel brauchen Sie für eine Kritik? Doch wird diese gewiss vollkommener sein als jene. Hebbel-Tagebücher? Muss das sein? (…) Wenn Sie aber unbedingt etwas zu Hebbel sagen wollen – wir werden uns schon einigen, von Ihnen nehme ich ja, wie Sie wissen, eigentlich alles. Ich kann nur mit Heine sagen: Mein Liebchen, was willst du noch mehr?“ (Hubert Spiegel, FAZ 7.3.15)

Gibt es heute solche Briefwechsel noch?

Sehr lesenswert.

 

 

863: Raddatz‘ Testament

Montag, März 9th, 2015

Für Julia Encke (FAS 8.3.15) ist Fritz J. Raddatz‘ Buch

Jahre mit Ledig. Eine Erinnerung. Reinbek bei Hamburg (Rowohlt), 160 Seiten, 16,95 Euro

sein Testament. Es berichtet von der ganz außergewöhnlichen Beziehung wischen Raddatz und Heinrich Maria Ledig-Rowohlt. Der 1908 geborene uneheliche Sohn Ernst Rowohlts wählte Raddatz, als er im Westen war, zu seinem Stellvertreter im Verlag. Damit begann die Rowohlt-Erfolgsgeschichte.

Raddatz schreibt über Ledig: „Ich habe ihn geliebt. Er war ein bekannter Mann, wenige haben ihn gekannt.“ Und: „Er hatte die Disposition des Künstlers, der in unersättlichem Verlangen darauf wartet, dass man ihn liebe; der die Einsamkeit hasst, die er braucht, um zu produzieren. Die ineinandergeschichteten Widersprüche formten den Charakter dieses Mannes, der zu unvergesslichen Gesten fähig war.“

Das ist vielversprechend. Ich kenne Ledig und Raddatz ziemlich gut. Aber ich lese das Buch über Ostern in Italien.

862: Anselm Kiefer 70

Samstag, März 7th, 2015

Mit keinem anderen Künstler, Gerhard Richter ausgenommen, haben sich Kunstbetrieb und Kunstkritik in Deutschland so auseinandergesetzt wie mit dem Maler und Plastiker

Anselm Kiefer.

In der Welt erscheint er manchmal als „deutscher Künstler“, der entsprechend aus allen Rahmen fällt. Den Reiz macht bei Kiefer häufig der Unergründliche, noch nicht Begriffene aus. Dabei wollte er zurück zur Figuration. Und startete 1971 mit „Märkische Heide“ deutsch-militärisch. Die von Kiefer bevorzugt verwendeten Stoffe Holz, Lehm und Blei, die an seinen Lehrer

Joseph Beuys

erinnern, bergen Geschichte, aus der es – bei Kiefer – keine Befreiung gibt. 1973 malte er „Deutschlands Geisteshelden“ (sieben Meter breit) und ließ darin

Friedrich Hölderlin,

Adalbert Stifter,

Richard Wagner und

Theodor Storm

Revue passieren. Dass Kiefer Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre manchmal den Arm zum Hitlergruß hob, verstehen wir heute didaktisch.

Dreimal war Kiefer zur Documenta eingeladen und vertrat Deutschland 1980 auf der Biennale in Venedig. Er hat viele Preise und Auszeichnungen erhalten: 1990 wurde er zum Ehrenmitglied der American Academy and Institute of Arts and Letters ernannt, 2005 zum Träger des Ordre des Arts et des Lettres, es folgten der Goslarer Kaiserring und – auch für ihn unerwartet – 2008  der

Friedenspreis des deutschen Buchhandels,

von dem Kiefer sagte, er habe gedacht, „dass nur Schriftsteller, Politiker, Historiker und Intellektuelle ihn bekämen“. Das ist das PR-gerechte Understatement von Anselm Kiefer. Wie sein Generationsgenosse

Botho Strauß

glaubt der Maler, dass sich Geschichte wiederholt und damit die Struktur von Mythen teilt. Zu schwer verdaulich für uns?

Anselm Kiefer hat seinen Weg nach dem Studium (vorwiegend in Karlsruhe) über  den Odenwald, Düsseldorf und Südfrankreich nach Paris genommen, wo er zusätzlich zu seinem Atelier ein zweites in einer riesigen Lagerhalle im Pariser Osten, in Croissy-Beaubourg, eröffnete. Er zog in die Welt hinaus. Und machte dabei seinem Galeristen Thaddaeus Ropac manche technisch-logistischen Probleme. Der eröffnet im Jahr von Kiefers 70. Geburtstag Ende März eine Kiefer-Schau in seinem

Salzburger

Stammsitz (Thomas Steinfeld, SZ 6.3.15; Julia Voss, FAZ 7.3.15).

861: Kisch: Absturz eines Journalisten

Freitag, März 6th, 2015

Volker Weidermann schreibt sehr anschaulich über einen Journalisten-Roman:

Robert Kisch: Möbelhaus. Ein Tatsachenroman. Droemer, 315 Seiten, 12,99 Euro

(FAS 1.3.15). Darin geht es um den Untergang eines ehemals erfolgreichen Feuilleton-Journalisten. Robert Kisch ist ein „vielsagendes“ Pseudonym.

„Das Buch haut einen um. Vielleicht uns hier besonders, weil es eben auch von uns handelt, von der Feuilletonwelt, der Welt der Festangestellten, der Ironiker, von den Leuten, die sich so sicher wähnen und unbedeutende kleine Bürosorgen so lange besprechen, bis sie riesiggroß erscheinen. Und von der ganzen Welt der Zeitungen und Magazine, die auf Grund des Gratis-Journalismus im Internet seit vielen Jahren in der Krise steckt und dabei nach außen hin Normalität und Kontinuität simuliert, während seit Jahren Entlassungswelle auf Entlassungswelle folgt und freie Autoren von den gezahlten Honoraren längst schon nicht mehr leben können.

Wie ist es so weit gekommen? Da brauchte es nicht viel. Er ist zweimal falsch abgebogen, das reicht schon in diesen Tagen. Eigentlich verdiente er als freier Autor gut genug, wie er fand, doch dann kam sein Sohn auf die Welt, seine Frau sehnte sich nach Sicherheit, er fand das richtig. Er nahm eine feste Stelle bei einem neu gegründeten Magazin an, das wurde nach einem halben Jahr eingestellt. Gut, arbeitslos, kein Problem. ‚Vertrau mir‘, sagte er seiner Frau. Nächstes Magazin, nächste Stelle, wieder Hoffnung, Aufbruch, Herrlichkeit. Nach einem weiteren halben Jahr wird auch dieses Heft ‚vom Markt genommen‘, wie es heißt. Jetzt wird es schwierig.“

Unser Journalist findet einen Job in einem Möbelhaus.

„Die einzigen Angestellten, die auf diesem Kriegsschauplatz ihre Würde und so etwas wie Lebensfreude bewahren, sind die Deutschtürken, die hier arbeiten. Weil sie untereinander solidarisch sind. Weil ihre Familienstrukturen belastbarer und stabiler sind als die der Deutschen, weil sie einen beständigen Freundeskreis haben und das Talent zu kleinen Fluchten.

Sonst arbeiten hier nur Leichen, die den ganzen Tag lächeln müssen, unterwürfig sein, empfehlen, lügen, sich klein machen. Das Möbelhaus ist ein Modell unserer Zeit: ‚Der Kapitalismus frisst sich von innen heraus auf wie ein Tumor, die Leute brechen zusammen. Und die Kunden genauso mit ihrer Kaufsucht.‘ Kaufsucht, Billigsucht, Freudlosigkeit. Die Käufer, also wir, das sind die Schlimmsten. Betrachten die Verkäufer nicht als Menschen, haben permanemnt Angst, betrogen zu werden. Lassen sich stundenlang beraten und kaufen dann im Internet. Kommen mit Preisvergleichslisten an, drücken Preise, wie sie können, nörgeln, reklamieren. Sie sind nie, nie, nie zufrieden. Wenn man einen Deutschen heute tödlich beleidigen wolle, müsse man ihm sagen, ihm nur sagen, dass er für irgendwas zu viel Geld bezahlt habe. Davon erholt er sich nie. Und das gekaufte Produkt, das Möbel, ist für ihn immer mit dem Makel des ‚Übers-Ohr-gehauen-Werdens‘ verbunden. Die Einzigen, die noch wissen, dass Einkaufen Spaß machen kann, sind, so Kisch, Osteuropäer, die frisch in Deutschland angekommen sind. Für die sei Kaufen noch ein Fest. Was koste das? Gut. Gerne. Wird bezahlt. Was für ein herrliches Möbel habe ich dafür bekommen! Konsum als Glück. Dankbarkeit. Das kennt sonst keiner mehr, so Kisch in seinem Tatsachenroman.

Womit wir kurz beim Pseudonym wären: ‚Kisch schreibt Wirklichkeit von sensationellem Rang‘, hat Joseph Roth einmal geschrieben. Da hat er einen anderen Kisch gemeint, Egon Erwin, den rasenden Reporter. Aber es trifft auch diesen hier, den von heute, der sich den Namen nur geliehen hat und sich mit Vornamen Robert nennt. Wirklichkeit von sensationellem Rang. Heißt: Wir wissen das alles. Wir sehen das alles. Wir sind mittendrin, aber manchmal braucht es ein Buch, um klar zu sehen. Den Tumor. Die Unausweichlichkeit. Die Angst und die Einsamkeit. Unsere Zeit. …“

854: Fritz J. Raddatz hat den Freitod gewählt.

Freitag, Februar 27th, 2015

Sein Freund Rolf Hochhuth hat den Tod von Fritz J. Raddatz als „Selbstmord“ bezeichnet. Und wer Raddatz gekannt hat, hält diese Version für plausibel. Ich habe im Winter 2013/14 Fritz J. Raddatz bei seiner letzten Lesung im Göttinger Rathaus erlebt. Da war er noch putzmunter. Im September 2014 hatte Raddatz seinen Abschied vom Journalismus verkündet (vgl. hier Nr. 674).

Er ist wohl seinem Vorbild Kurt Tucholsky gefolgt, „diesem raren Heiligen des antifschistischen Deutschland“ (wie Willi Winkler in der SZ, 27.2.15, schreibt). Tatsächlich war Raddatz, geboren 1931, Zeit seines Lebens bei aller „Vernetzung“ stets ein Einzelner, ein singulärer Mensch und Schreiber. Er hat nicht nur Kritiken und Romane geschrieben, sondern auch über sich selbst schonungslos berichtet. Über seinen gewalttätigen Vater, über seinen Vormund, einen Pastor, der ihn sexuell missbrauchte. Über seine Bisexualität. Eigenem Bekunden nach hat er sich in Paris, London und New York mit über tausend Liebhabern vergnügt.

In der DDR hatte Fritz J. Raddatz über Johann Gottfried Herder ziemlich schnell promoviert. 1971 habilitierte er sich bei Hans Mayer in Hannover, dem er bei dessen Flucht aus der DDR geholfen hatte. Seine erste große Station war das Cheflektorat bei Rowohlt, dem damaligen Verlagszentrum der deutschen Literatur. Georg Lukacs mit seiner Lehre vom bürgerlichen Realismus, die sich auf die Romane des 19. Jahrhunderts stützte, blieb sein Lehrmeister. Auch das hören manche nicht gerne.

Größte Verdienste hat Raddatz als Tucholsky-Herausgeber. Ohne ihn kennten wir den wunderbaren Menschen und Schreiber Kurt Tucholsky, der sich 1935 das Leben nahm, nicht annähernd so gut, wie es der Fall ist. Raddatz lancierte den schwulen James Baldwin. Er druckte Rolf Hochhuths „Stellvertreter“ und förderte Hubert Fichte, Elfriede Jellinek und Walter Kempowski. Das zeigt, welch unterschiedliche Schreibweisen er wertschätzen konnte. Raddatz war kein Dogmatiker. Raddatz druckte Bahman Nirumand, den persischen Studenten, und brachte damit die Studentenbewegung, die 68er, auf den Weg.

Seine besten Jahre hatte Raddatz als Feuilletonchef der „Zeit“ von 1968 bis 1975. Damals war das „Zeit“-Feuilleton das Zentrum des deutschen Geistes. Den Job verlor unser Mann wegen der unbegründeten Zusammenführung Goethes mit dem Frankfurter Bahnhof. Bei der „Zeit“ waren zu unterschiedlichen Zeiten Gerd Bucerius, Marion Gräfin Dönhoff und Helmut Schmidt seine Antipoden. Seine Widersacher im deutschen Feuilleton: Marcel Reich-Ranicki und Helmuth Karasek.

Fritz J. Raddatz demontierte die Legende von der „inneren Emigration“ in der deutschen Literatur.

Willi Winkler schreibt in seinem verständnisvollen Nachruf in der SZ: „Zu seinem Unglück gehörte, dass er zuletzt ein Gnadenbrot bei der ‚Welt am Sonntag‘ verzehren durfte, in einem Altersheim für abgedankte Feuilletonkräfte, großzügig alimentiert von jenem Springer-Verlag, dessen Enteignung der Rowohlt-Lektor Raddatz einst gefordert hatte.“ Das ist hart, aber nicht ganz falsch. In seinen letzten Tagebüchern schrieb Fritz J. Raddatz: „Leben, um zu leben? Wie unsinnig.“ und „Asche und Schatten und Schmerzen – das ist mein Leben geworden.“ (Ronald Meyer-Arlt, HAZ 27.2.15)

Ich verehre Fritz J. Raddatz.

852: Robert Altman (1925-2006) – der Regisseur ohne Skrupel

Montag, Februar 23rd, 2015

In den deutschen Kinos erscheint demnächst Ron Manns Dokumentarfilm

Altman, USA 2014, 96 Minuten.

Der Film bringt vieles von und mit Robert Altman und wird dem Regisseur wohl doch nicht gerecht. Denn es gibt kaum einen vielschichtigeren Regisseur, der, wie Andreas Kilb (FAZ, 21.2.15) so treffend schreibt, ohne Skrupel war. Für mich ist er neben Woody Allen der wichtigste US-Regisseur. Robert Altman kam vom Fernsehen. Sein mitleidloser Blick auf die US-Gesellschaft war entlarvend, und er glaubte nicht an die großen politischen Lösungen. Robert Altman hatte, wie wir so schön platt sagen, sein Metier von der Pike auf gelernt, geschaut, was die anderen machen,

und dann das Gegenteil davon probiert (Susan Vahabzadeh, SZ 19.2.15).

Er brachte uns den überlappenden Dialog („Nashville“ 1975). Seinen Durchbruch hatte Altman mit „M.A.S.H.“ 1970, einer schrillen Militärgroteske über den Koreakrieg. Gemeint war

Vietnam.

Der Dokumentarfilm versucht Variationen über den Begriff

altmanesk

und wird damit doch nicht fertig. Wenn etwa Bruce Willis darüber sagt, es bedeute, Hollywood in den Hintern zu treten, dann ist das allenfalls die halbe Wahrheit. Denn Hollywood konnte der Jazz-Liebhaber Robert Altman zwischendurch auch. Manchmal nur um des Geldes willen.

Ich führe hier einige der großartigen Altman-Filme auf, die nie einem billigen Schema folgten:

– „M.A.S.H.“ 1970,

– „McCabe and Mrs. Miller“ 1971,

– „The long Goodbye“ 1973,

– „California Split“ 1974,

– „Nashville“ 1975,

– „Buffalo Bill und die Indianer“ 1976,

– „Welcome to L.A.“ 1976,

– „Eine Hochzeit“ 1978,

– „Quintet“ 1979,

– „Come back to the Five and Dime, Jimmy Dean“ 1982,

– „Vincent und Theo“ 1990,

– „The Player“ 1992,

– „Short Cuts“ 1993,

– „Kansas City“ 1996,

– „Gosford Park“ 2001.

 

 

846: Hörisch: Die Uni ist heute geist- und besinnungslos.

Freitag, Februar 20th, 2015

Der bekannte und erfolgreiche Germanist Jochen Hörisch (Mannheim) beklagt sich über den Zustand der deutschen Universität (taz 14./15.2.15).

Dort werde heute über die eingeworbenen Drittmittel gesprochen, über die Prämien für die Einwerbung von Drittmitteln, die Vorfinanzierung der Antragsprosa, die Höhe der Studiengebühren, etwaige Gehaltszulagen bei Berufungsverhandlungen, die Milliardenbeträge, die in Exzellenz-Initiativen fließen, und die Probleme bei der Anlage von Stiftungsvermögen.

Das Medium der Universität sei heute das Geld. Es sei ein homogenisierendes Mittel. Ein Spitzengemälde von Gauguin, ein Neubau und ein Sonderforschungsbereich kosteten womöglich alle 70 Millionen Euro. Sie seien aber nicht gleichwertig.

Jeder Drittmittel-Antrag verspreche einen multiperspektivischen und plurimethodischen Ansatz, die Ergebnisse des Projekts sollten multidisziplinär anschlussfähig sein. Tatsächlich  seien die Ergebnisse meist langweilig. Kein Mensch interessiere sich für sie. Kritisch sei die Lage gerade bei den Sozial- und Geisteswissenschaften. Sie hätten sich der Forschungskultur der Naturwissenschaften unterworfen. Einzig gültiges Kriterium: Drittmittel.

„Was der Forscher außer von Sammelbandvorworten und Antragsprosa … verfasst und publiziert, spielt schlicht keine Rolle mehr.“ Dabei verdankten sich die Publikationen eines Jan Assmann, eines Norbert Bolz, Hans-Ulrich Gumbrecht oder Peter Sloterdijk gerade der Freiheit und Einsamkeit des Forschers und nicht den endlosen Gremiensitzungen eines Drittmittelprojekts.

Nach Jochen Hörischs Meinung ist die Universität heute „ebenso geldbesessen wie geist-und besinnungslos“.