Archive for the ‘Literatur’ Category

917: R.W. Fassbinder (1945-1982) – die Ausstellung in Berlin

Donnerstag, Mai 7th, 2015

Der Mann in der Lederjacke mit der zu großen Brille und der ewigen Zigarette hat in 13 Jahren 41 Filme gedreht. Der Regisseur als Berserker hatte schon 1982 in Exzessen und mit Drogen sein Leben verbraucht. Der Spießerschreck mit dem Schmuddelimage war ein großer Künstler. Der Regisseur der exakten Kadrierung und der bedrohlichen Innenräume war getrieben von Arbeitswut und von

der Angst vorm Alleinsein.

Bezeichnend dafür ist sein Film „Ich will doch nur, dass ihr mich liebt.“ (1975).

Fassbinder hat wunderbar zarte Filme geschaffen wie „Fontane: Effi Briest“ (1974). Weitere aussagekräftige Filmtitel sind „Liebe ist kälter als der Tod.“ (1969), „Warnung vor einer heiligen Nutte“ (1971), „In einem Jahr mit dreizehn Monden“ (1978).

Im Martin Gropius-Bau in Berlin wird anlässlich des siebzigsten Geburtstags des Filmkünstlers eine

Ausstellung (6.5. – 23.8.15)

gezeigt. Darin finden wir natürlich nicht die Wahrheit, sondern die Version, die von der Fassbinder Foundation unter der Leitung von Fassbinders letzter Lebensgefährtin, Juliane Lorenz, für richtig gehalten wird. Die Foundation hat sich um die Digitalisierung und Restaurierung von Fassbinder-Filmen verdient gemacht (Peter Körte, FAS 3.5.15).

U.a. kommt darin auch Fassbinders Fußball-Leidenschaft zum Ausdruck. Wir finden zwischen Drehbuchskizzen Tabellen und Mannschaftsaufstellungen und das Trikot von Paul Breitner. Ich habe es auf einer Berlinale Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts selbst miterlebt, wie Fassbinder auf einer Pressekonferenz mit der gesamten Filmfachpresse der Welt plötzlich abbrach und mitteilte, er müsse jetzt weg, die Sportschau fange an.

916: Rolf Dieter Brinkmann – ein starker poetischer Muskel

Donnerstag, Mai 7th, 2015

Für Heiner Müller war er „das einzige Genie in der westdeutschen Literatur“, Rolf Dieter Brinkmann, 1940 geboren in Vechta, 1975 in London von einem Auto überfahren. Brinkmann absolvierte eine Buchhändlerlehre in Essen, studierte Pädagogik in Köln, lebte aber bald als freier Schriftsteller. Er war ein Rebell der Pop- und Underground-Literatur, ein Quertreiber. 1969 gab er gemeinsam mit Rolf Rainer Rygulla heraus

„Acid. Neue amerikanische Szene.“

Darin präsentierte Brinkmann Literatur der Beat-Generation (Jack Kerouac et alii). Den Literaturbetrieb verachtete der kleine Mann. Einladungen der Gruppe 47 schlug er aus. Marcel Reich-Ranicki rief er einmal zu:

„Wenn dieses Buch ein Maschinengewehr wäre, würde ich Sie über den Haufen schießen.“

Seine Heimatstadt Vechta im Südoldenburgischen hasste der Dichter. Er schrieb: „Geboren zu Anfang des Krieges in Norddeutschland, Vechta im südlichen Oldenburg, einer Kleinstadt von 15000 Einwohnern, ein Schweinelandstrich, leeres Moor … viel krüppiges Grünzeug, katholisch verseucht.“ Es blieb seine „Heimat“. 1972/73 war Brinkmann ein Jahr Stipendiat in der Villa Massimo in Rom, woraus sein 1979 posthum veröffentlichter Roman

„Rom, Blicke“

entstand, ein wildes und obszönes Konvolut aus Briefen, Notizen und Zeitungsausschnitten. 1974 war Brinkmann ein Semester lang Gastdozent in Austin/Texas.

Von Brinkmann sind einige Gedichtbände erschienen. Seine Frau Maleen publizierte weitere Bände. Nicht immer zum Wohlgefallen der deutschen Philologie. 1975 erschien

„Westwärts 1 & 2“,

1985

„Eiswasser in der Guadelupe Street“.

Brinkmanns Roman

„Keiner weiß mehr“ (1968),

in der Tradition des Nouveau Roman, wurde von Ludwig Marcuse sehr gelobt. Rolf Dieter Brinkmann wäre in diesem Jahr 75 Jahre alt geworden (Mareike Nieberding, FAS 3.5.15).

910: Joseph Roth lesen !

Montag, April 27th, 2015

Vor 20 Jahren erschien Christian Krachts „Faserland“. Der Roman wird heute noch häufig gelesen. Felicitas von Lovenberg fragt den Autor (FAZ 25.4.15):

„Faserland“ hat sich literaturgeschichtlich als enorm einflussreich erwiesen; Sie selbst gehören zu den meistgenannten Vorbildern junger Autoren. Was raten Sie denen, die heute Schriftsteller werden wollen?

Kracht: Schreiben Sie kürzere Sätze. Lesen Sie Joseph Roth.

902: Kurt Tucholsky im Fernsehen

Dienstag, April 21st, 2015

Als Auftakt einer dreiteiligen Serie (Berlin, Paris, Wien) über „Die wilden Zwanziger“ zeigt Arte am Mittwoch, 22.4.15, um 21.45 Uhr „Berlin und Tucholsky“. Christoph Weinerts „halbdokumentarischer Film“ hat Kurt Tucholsky als idealen Begleiter der zwanziger Jahre. Und Gustav Seibt (SZ 21.4.15) schreibt treffend:

„Tucholsky fühlt, denkt und spricht fast wie wir (viele seiner Texte klingen wie gesprochen), sein unfeierlicher, meist trocken-witziger, gelegentlich gefühlvoller Ton lässt historische Distanz fast verschwinden. Er ist links, ohne doktrinär zu sein, modern ohne Allüre, und war mit einem gesunden Menschenverstand gesegnet, der ihn gegen die Phrasen seiner Zeit weitgehend immun machte.“

890: Günter Grass ist unser Nationaldichter.

Dienstag, April 14th, 2015

Der am Montag gestorbene Günter Grass ist unser deutscher Nationaldichter. Das ist literarisch durch den Literaturnobelpreis von 1999 hinreichend beglaubigt. Seine Sprachmacht war einmalig. Er hat freilich nie mehr die literarischen Höhen der „Blechtrommel“ (1959) erreicht, aber das teilt er ja mit vielen großen Schriftstellern.

Wichtiger noch als Schriftsteller aber war Günter Grass als öffentliche Institution, als Intellektueller, als politischer Kommentator und Kritiker. Er hat sich eingemischt und durch sein Engagement Maßstäbe gesetzt. Vieles davon ist unvergessen, sein Eintreten gegen Extremismus, sein Engagement für die deutsch-polnische Aussöhnung und manches andere.

Mit den Deutschen war er durch seine Biografie eng verbunden. Etwa durch sein spätes Bekenntnis (2006), dass er als junger Mann Mitglied der Waffen-SS gewesen war (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg 2009, S. 171-181). Die Wiedervereinigung Deutschlands hat Grass abgelehnt, sie erschien ihm als Anschluss der DDR an die BRD (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg 2009, S. 63-88). Hoffentlich wird sein anti-israelisches Gedicht „Was gesagt werden muss“ (2012) nicht einmal prophetisch.

889: „Fänger im Roggen“ immer noch relevant

Montag, April 13th, 2015

Von dem 2010 im Alter von 91 Jahren gestorbenen J.D. Salinger sind drei Kurzgeschichten erschienen. Eike Schönfeld hat sie übersetzt.

„Die jungen Leute. Drei Stories.“ München (Piper) 2015, 80 S.; 14.99 Euro.

Schönfeld war es ja auch, der 2003 den weltberühmten

„Fänger im Roggen“,

der 1951 erschienen war, erstmals kongenial ins Deutsche übersetzt hatte. Dieses Buch ist heute noch lesenswert und politisch relevant. Es zeigt die infantilen Perspektiven, mit denen

Holden Caulfield

der Welt der Erwachsenen gegenübertritt, um ihre Verlogenheit zu entlarven. Salinger war der US-amerikanische Autor, „der Zärtlichkeit und Revolte in Person war“. Seine Schreibweise ist gekennzeichnet durch pointierte Dialoge, in denen die Figuren alles über sich verraten, ohne es zu wollen. Bei Hemingway hat das ein kluger Kritiker einmal als den psychoanalytischen Stil bezeichnet, bei dem nur das, was den Protagonisten zu Bewusstsein kommt, geschildert wird, zugleich aber das erkennbar ist, was im unterirdischen Gebirge des Unbewussten wirkt. Salinger ist ein Meister darin.

Das der Champion sich nach seinem Welterfolg allmählich zurückzog und zuletzt 1965 publizierte, dass er sich in die 16-jährige Oona O‘ Neill verliebt hatte, die Tochter des Literatur-Nobelpreisträgers Eugene O‘ Neill, die dann Charlie Chaplin heiratete, dass er als US-amerikanischer Soldat im Zweiten Weltkrieg anscheinend schwer traumatisiert wurde, sind Nebenlinien, die der Person Salingers die bekannte mystische Aura verleihen. In einem verkappten Selbstporträt des Schriftstellers steht der Satz: „Was ist das, die Hölle? Ich behaupte, es ist die Qual, der Liebe unfähig zu sein.“ (Lars Weisbrod, Zeit Literatur März 2015; Willi Winkler, SZ 11./12.4.15)

884: Imre Kertész‘ „Tagebuchroman“

Donnerstag, März 19th, 2015

Der große Romancier und Literaturnobelpreisträger Imre Kertész hat einen „Tagebuchroman“ vorgelegt:

Letzte Einkehr. Ein Tagebuchroman. Reinbek (Rowohlt) 2015, 350 S., 10,99 Euro.

Er besteht aus Alltagsbeobachtungen, Selbstzweifeln, Todessehnsucht, Todesfurcht und sarkastischen Abrechnungen mit dem wahrlich ungeliebten

Ungarn,

dem Kertész keine Aussicht auf Läuterung und liberale Entwicklung voraussagt. Auschwitz bleibt der Angelpunkt, von dem aus Kertész seine beiden Wohnorte Budapest und Berlin beurteilt. Kertész sagt: „Bücher muss man nicht verstehen, es genügt die Inspiration, die sie uns geben, oft schon allein dadurch, dass wir sie in Händen halten und lesen.“ (Harald Eggebrecht, SZ 18.3.15)

 

875: Israel – ein Stück Mitteleuropas ?

Montag, März 16th, 2015

Auf der Leipziger Buchmesse, die in diesem Jahr unter dem Motto stand

„1965 bis 2015. Deutschland – Israel“,

sagte der Historiker Dan Diner bei der Vorstellung seines neuen Buchs, wir lebten in einer

Doppelprojektion,

bei der auf der einen Seite dieser dokumentarische Schwarz-Weiß-Film laufe, mit den nicht vergehenden Schreckensbildern, und daneben der Farbfilm über die jungen Israelis in Berlin, das Strandleben in Tel Aviv.

Dan Diner erklärt es so, dass zu Israel gehöre, dass es ein herausgerissenes Stück Mitteleuropa sei, das Deutschland einschlösse, einschließlich seiner Sprache, die bis zum Nationalsozialismus auch eine jüdische Sprache gewesen sei. Die jungen Israelis reisten in einen Farbfilm, dessen aktuelle Attraktionen – die Kulturszene, die relativ günstigen Mieten – die Neuentdeckung der alten Linien zwischen Berlin und dem versprengten Mitteleuropa in Israel begünstige (Lothar Müller, SZ 16.3.15).

874: Der Anti-Tellkamp

Sonntag, März 15th, 2015

Michael Pilz kennt die DDR-Literatur. Besonders gut kennt er die Literatur über die Vereinigung Deutschlands („Die Wende“). Nun schreibt er über

Peter Richters Epochenerzählung

89/90. München (Luchterhand) 2015, 416 Seiten; 19,99 Euro.

Pilz stilisiert den Band (Literarische Welt, 14.3.15) zum Anti-Tellkamp.

„Peter Richters Held, er selbst, tanzt als in dieses Land hineingeborener Anarchist durch seine vor sich hin bröckelnde Stadt, im Sommer 1989. Seine Freunde werden weniger, aber die Freunde, die nicht mit den Eltern in den Westen umsiedeln, treiben sich nachts herum und schlafen tags in ihren Schulbänken, besuchen Punkkonzerte, trinken reichlich Feldschlösschen und sind zu Mädchen nett, jedenfalls zu den schönsten.

Der, um den sich alles dreht, wohnt in einer der baufälligen Villen hoch über der Elbe, die man aus dem ‚Turm‘ von Uwe Tellkamp bereits bestens kennt, in einem Ärztehaushalt, und auch hier wird klassische Musik gehört, der Sohn geht in die Kirche. ’89/90′ aber liest sich wie ein Anti-Tellkamp, weil der Sohn den Krach von Kaltfront auf Kassetten den Rachmaninow-Platten der Eltern vorzieht und sich auch viel lieber zu den Säufern und Schlägern im Dynamo-Stadion gesellt als zu den Schnöseln auf dem Tennisplatz. ‚Milieu-Hopping‘, nennt Richter, was sein Held so treibt, und das beschreibt ein Dasein ohne Distinktionsgehampel und soziale Dünkel.“

873: Maxim Gorki Theater: Völkermord in Armenien 1915

Freitag, März 13th, 2015

Unter der Regie von Hans Werner Kroesinger hat sich das Maxim Gorki Theater Berlin eines nach wie vor schwierigen Objekts angenommen, des Völkermords an den Armeniern durch die Türken 1915 (Ingo Arend, taz 9.3.15). Unter Beteiligung deutscher Offiziere. Nach

Franz Werfels (1890-1945) Roman

„Die vierzig Tage des Musa Dagh“.

Reichskanzler Bethmann-Hollweg sah das einzige Ziel darin, „die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht“. Die türkischstämmige Intendantin des Maxim Gorki Theaters, Shermin Langhoff, sagt: „Von Jugend an begleitet mich der Völkermord als Wunde in der Geschichte.“

Fatih Akins Film zum Thema „Cut“ wurde von der Kritik 2014 überwiegend abgelehnt.

„Das Ineinander der Zeitschichten ist gespenstisch: Werfel, als Jude von den Nationalsozialisten verfolgt, beendet seinen Roman 1933. Werfels Erinnerung an den ersten deutschen Genozid des Jahrhunderts wird zum Vorboten des Völkermords an den europäischen Juden. Als Buch des Widerstands geht sein Roman im Warschauer Ghetto von Hand zu Hand.“ (Peter Laudenbach, SZ 10.3.15)