Archive for the ‘Literatur’ Category

977: Camus‘ Moral der Brüderlichkeit

Samstag, Juni 27th, 2015

Albert Camus (1913-1960), der französische Philosoph und Literatur-Nobelpreisträger von 1957 war ein großer Moralist. Seine Philosophie, die mit dem Existentialismus verbunden war, wird allgemein als

Philosophie des Absurden

bezeichnet. Sie ist angelehnt an Friedrich Nietzsche (1844-1900).

1942 erschien „Der Mythos von Sisyphos“,

1951 „Der Mensch in der Revolte“.

Nach Camus‘ Kurzgeschichte „Der Gast“ hat der französische Regisseur David Oelhoffen nun den Film „Den Menschen so fern“ (mit Viggo Mortensen) gedreht. Darin treffen im Algerienkrieg Daru und ein Mann aufeinander, die einmal Kameraden in der französischen Armee waren. Heute stehen sie auf verschiedenen Seiten. Der Mann sagt: „Daru, ich liebe dich wie einen Bruder. Aber wenn ich dich morgen töten muss, weil du auf der falschen Seite stehst, werde ich das tun.“ (Rainer Gansera, SZ 25.6.15)

Das ist die Moral, der Albert Camus stets widersprochen hat. Niemals darf die Brüderlichkeit irgeneiner „Sache“ (Ideologie) geopfert werden. Das war auch Camus‘ Haltung in der Algerienfrage. Es macht ihn zum Philosophen der Menschlichkeit.

959: Gerhard Zwerenz 90

Samstag, Juni 13th, 2015

1944 war er in Polen aus der Wehrmacht desertiert. In der DDR studierte er bei Ernst Bloch, dessen utopisches Denken er schätzte. Aber er war stets unangepasst und musste deshalb 1956 die SED verlassen, fühlte sich seither als Antikommunist. In der BRD aber, in die er 1957 geflüchtet war, eckte er ebenso häufig an. Hier wurde er Schriftsteller. Sein autobiografischer Roman

„Kopf und Bauch. Die Geschichte eines Arbeiters, der unter die Intellektuellen gefallen ist.“ (1971)

ist heute noch lesenswert. 1973 folgte der Roman

„Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond“,

der Rainer Werner Fassbinder als Vorlage für sein Skandalstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ gedient hat. Seither konnten beide als Antisemiten gesehen werden. Seinem „Vorbild“ Kurt Tucholsky fühlte sich Zwerenz stets verbunden. Das zeigt sein Essay

„Soldaten sind Mörder“ (1988).

1994 wurde Gerhard Zwerenz für die PDS für vier Jahre in den Bundestag gewählt. Nun ist er neunzig Jahre alt geworden.

958: Von Caligari zu Hitler

Freitag, Juni 12th, 2015

2014 hat Rüdiger Suchsland seinen Dokumentarfilm „Von Caligari zu Hitler“ (113 min) herausgebracht. Er lehnt sich eng an Siegfried Kracauers Buch „Von Caligari zu Hitler“ (1947) an. Und das vermutlich deshalb, weil Kracauer seine Thesen über den Film im Deutschland der Weimarer Republik so plausibel vorgetragen hatte, dass, bei aller berechtigten Kritik, diese bis auf den heutigen Tag Bestand hat. Und wir könnten aus ihr für die Gegenwart lernen, was vielen von uns allerdings zu mühselig ist.

Siegfried Kracauer (1889-1966),

Soziologe, Jude, Emigrant,

war nämlich einer der Begründer der Soziologie in Deutschland. Schon 1922 veröffentlichte er

„Soziologie als Wissenschaft“.

Mit seiner Schrift

„Die Angestellten“ (1930)

eröffnete er das Verständnis für die seinerzeit neue Schicht der Angestellten („Die kleinen Ladenmädchen gehn ins Kino.“).

Vor allem anderen aber war Siegfried Kracauer der Filmkritiker der „Frankfurter Zeitung“ (der Vorläuferin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“). Seine Kritiken aus den zwanziger Jahren dienten ihm als Basismaterial für seinen Bestseller

„Von Caligari zu Hitler“ (1947).

Dieses Buch hat in Deutschland eine besondere Editions-Karriere gemacht. In völlig verstümmelter Form erschien es zunächst 1958 bei Rowohlt (wo noch zu viele Wehrmachtsoffiziere und Nazis im Lektorat steckten) unter dem Titel „Von Caligari bis Hitler“. Erst 1979 wurde die von Karsten Witte herausgegebene authentische Version publiziert.

In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts warteten alle Filminteressierten auf Kracauers

„Theorie des Films“,

die 1964 auf Deutsch erschien (1960 amerikanisch). Darin erkannte Kracauer den Film als Medium der „Errettung der äußeren Wirklichkeit“ vor den Ideologien der Welt. Damals eine große Enttäuschung und ein Fehlurteil, was nichts daran ändert, dass heute noch selbst viele intelligente Filmbeobachter die

„Realität“

als Qualitätsmaßstab für einen Film nehmen. Durch den „Konstruktivismus“ (etwa bei Peter Krieg oder Norbert Jochum) ist diese Perspektive weithin ad absurdum geführt. Siegfried Kracauer verarbeitete die Massenaufmärsche der Nazis und ihre Großkundgebungen in seinem Buch

„Das Ornament der Masse“ (1963),

das heute noch dazu dienen kann, die Inszenierungskunst der Nazis zu verstehen.

In „Von Caligari zu Hitler“ nimmt Kracauer an, dass Filme die Mentalität einer Nation unvermittelter reflektierten als andere künstlerische Medien. Erstens seien Filme niemals das Produkt eines Individuums. Und zweitens richteten sich Filme an die anonyme Menge und sprächen sie an. Letztlich bestimmten eben doch die Bedürfnisse des Publikums die Natur der Filme.

„Was die Filme reflektieren, sind weniger explizite Überzeugungen als psychologische Dispositionen – jene Tiefenschichten der Kollektivmentalität, die sich mehr oder weniger unterhalb der Bewusstseinsdimension erstrecken.“ Kracauer geht nicht von einem feststehenden Nationalcharakter aus. Er „befasst sich mit dem psychologischen Grundmuster eines Volkes in einer eingegrenzten Zeit.“ Dazu schrieb Volker Schlöndorff schon 1980: „Vielleicht haben wir doch so einen verdammten Nationalcharakter, den Kracauer nicht wahrhaben wollte und nur der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zuschrieb.“

Nach Kracauer ist es der SPD in der Weimarer Republik nicht gelungen, die Macht von Armee, Bürokratie, Großgrundbesitz und besitzenden Klassen zu beseitigen. Die Neigungen der Mittelklasse hätten alle Schichten durchdrungen. Die Kommunisten seien unfähig gewesen, die Arbeiter zu verstehen. Ökonomische, soziale und politische Faktoren genügten nicht zur Erklärung der Machtergreifung des Nationalsozialismus. Erkannt werden müssten vielmehr die „inneren Dispositionen des deutschen Volkes“. „Die Aufdeckung dieser Dispositionen im Medium des deutschen Films könnte dazu beitragen Hitlers Aufstieg und Machtergreifung zu verstehen.“

Der Titel von Kracauers Buch nimmt Bezug natürlich auf Robert Wienes Film „Das Kabinett des Dr. Caligari“ (1919), den Erich Pommer produziert hatte. Und im Anschluss an Kracauers Thesen entbrennt regelmäßig der Streit darüber, ob

Fritz Lang

etwa in seinen „Nibelungen“ (1924) die „Ornamente der Masse“ vorgezeichnet oder ob er sie schon damals

dekonstruiert

habe. Seinen „Dr. Mabuse, der Spieler“ (1934) verboten die Nazis, obwohl Goebbels ihn eigentlich zum Reichsfilmintendanten hatte ernennen wollen. Fritz Lang zog es vor zu emigrieren.

947: Hans Bender: „Ich schreibe kurz.“

Freitag, Mai 29th, 2015

Hans Bender ist tot. Der 1919 im Kraichgau geborene Schriftsteller und Zeitschriftenredakteur („Konturen“, „Akzente“), ein Kollege von Walter Höllerer,  war eine der Schlüsselfiguren der deutschen Nachkriegsliteratur. Sein Terrain war die „kleine Form“. Erst 1949 war er aus sowjetischer Gefangenschaft zurückgekehrt und lebte seit 1959 in Köln. Seiner Heimat, dem Kraichgau, fühlte er sich stets verbunden. Das ging bis zum Aufstieg der TSG 1899 Hoffenheim. Benders Motto kommt in einem Buchtitel von 1996 zum Ausdruck:

„Ich schreibe kurz.“

Dem eifere ich hier nach.

945: Volker Weidermann, Maxim Biller, Christine Westermann – Literatur im Fernsehen

Freitag, Mai 29th, 2015

Das „Literarische Quartett“ wird fortgesetzt. Ab Oktober 2015 sechsmal im Jahr im ZDF. Vier Bücher werden besprochen. Von Volker Weidermann, dem neuen Literatur-Chef des „Spiegels“, der mir durch seine begeisternden „Lichtjahre“ (2006) aufgefallen ist. Und Maxim Biller, 1960 in Prag geboren und bekannt geworden durch den „Esra“-Skandal und als Kolumnist der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Die dritte ständige Kritikerin ist Christine Westermann („Zimmer frei!“). Diese drei Kritiker bewerten Literatur gemeinsam mit einem wechselnden Gast.

Davon verspreche ich mir Pep im Streit.

943: Fassbinder und Wenders, der Mini-Goethe

Montag, Mai 25th, 2015

Rainer Werner Fassbinder (gestorben 1982) und Wim Wenders werden in diesem Jahr 70. Beide gelten als große deutsche Regisseure. Aber

Oskar Roehler,

der Erfolgsregisseur von „Die Unberrührbare“ und „Elementarteilchen“ (nach Michel Houllebecque), hat da eine andere Perspektive. Sie wird deutlich im Interview mit Willi Winkler (SZ 23./24./25.5.15), diesem verlässlichen Linken und Kenner der Münchener Szene(n) par excellence.

SZ: Wie reagieren Sie, wenn man Sie den neuen Fassbinder nennt?

Roehler: Ich bin weder homosexuell noch tot, bin also eindeutig nicht Fassbinder. Im Vergleich führe ich ein relativ langweiliges, bürgerliches Leben.

SZ: Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten.

Roehler: Ich liebe die Deutschen nicht, jede Form von Gemeinschaft ist ein Horror für mich, und ich zündele gerne ein bisschen, das schon. Aber ich habe nicht Fassbinders an die Arbeit gekoppelte Todessehnsucht, dieses Leben um jeden Preis.

SZ: Wie kommt Ihnen der deutsche Film sonst vor?

Roehler: Ist mir viel zu politisch korrekt. Fassbinder erlaubte sich eine ganz andere geistige Freiheit und hat damit auch künstlerisch viel mehr gewagt.

SZ: Der deutsche Film ist doch weltberühmt: Schlöndorfff, Herzog, Wenders …

Roehler: Ich weiß nicht, wofür Herr Wenders, dieser Miniatur-Goethe, so berühmt ist. Vielleicht fehlt mir einfach das Gen für diese gediegene Ästhetik, die einen immer noch mit der ‚Iphigenie‘ quälen muss. Ich habe mich bei seinen Spielfilmen immer nur grauenhaft gelangweilt. Mit einem Freund habe ich mal im Kino während der Vorstellung einen Wenders-Film wie einen Porno synchronisiert. Das war lustig.

SZ: Und sonst?

Roehler: Schauen Sie doch mal die Filmakademie an: Die werden alle mit Preisen überschüttet, dabei sind das doch alle Analphabeten. Keiner von denen liest je ein Gedicht. Die wissen nicht mal, wer Honoré de Balzac war.

SZ: Anders als Fassbinder.

Roehler: Fassbinder war ein unheimlicher Leser.

938: Der Weltanschauungskrieger Hans Robert Jauß (1921-1997)

Freitag, Mai 22nd, 2015

Um die Romanistik hat er große Verdienste, der Vertreter der

„Rezeptionsästhetik“

und Begründer der legendären Forschungsgruppe

„Poetik und Hermeneutik“,

Hans Robert Jauß (1921-1997),

der ein Mitbegründer der Konstanzer Reformuniversität war. Legendär auch seine Antrittsvorlesung aus dem Jahr 1966 mit dem Titel „Literaturgeschichte als Provokation“. Zur Forschungsgruppe „Poetik und Hermeneutik“ gehörten Wissenschaftler wie z.B. Reinhart Kosselleck, Hans Blumenberg und Dieter Henrich.

In David Lodges berühmten Campusroman, für mich ist es der beste,

Schnitzeljagd. Ein satirischer Roman. Frankfurt am Main (Ullstein) 1987, 352 Seiten (zuerst erschienen unter „Small World“ 1984 in London)

taucht Jauß als

Siegfried von Turpitz

auf (in meiner Ausgabe insbesondere auf den S. 103 und 118). „Er fährt mit 180 Sachen auf der Überholspur der Autobahn Berlin-Hannover, nachdem er die lästige Geschwindigkeitsbeschränkung in der DDR hinter sich gelassen hat, und scheucht langsamere Fahrzeuge aus dem Weg, …“

Die Universität Konstanz hat sich gerade mit Jauß‘ Mitgliedschaft und Rolle bei der

Waffen-SS

beschäftigt, die Jauß stets heruntergespielt hatte. Grundlage ist die 125 Seiten umfassende Studie des Militärhistorikers Jens Westemeier. Sie hat auch 2015 noch einigen Weggefährten von Jauß größte Schwierigkeiten bereitet (Volker Breidecker, SZ 22.5.15). „Dieser Hans Robert Jauß, der bereits aus einem stark von NS-Ideologien infizierten familiären und schulischen Milieu stammte, war als SS-Mann von der ersten bis zu letzten Stunde ein überzeugter Weltanschauunsgkrieger.“ Jauß hatte sich 1939 freiwillig zur SS gemeldet und befehligte am Ende des Krieges als Hauptsturmbannführer eine Kompanie, die mehrfach in der „Partisanenbekämpfung“ eingesetzt war. Die weltanschaulichen Gegner waren der „Bolschewsimus“ und das „internationale Judentum“. Darüber hat Jauß nie wahrheitsgemäß gesprochen.

„Und dann wirft die Studie noch ihr Licht auf einen für einen Philologen geradezu gespenstischen Vorgang: Hans Robert Jauß hatte zwei Jahre vor seinem Tod ein Tagebuch eröffnet, darin er Zitate aus seinen Feldpostbriefn collagierte, kommentierte und womöglich auch revidierte. Was Jens Westemeier daraus zitiert, ist dabei weniger apologetisch als bis zu einem gewissen Grade selbstentblößend. Das Ausgangsmaterial aber, die Feldpostbriefe, hat Hans Robert Jauß anschließend jedoch vernichtet – der Überlieferung zufolge habe er sie verbrannt, im häuslichen Garten mit Blick über den See.“

934: Sozialisten beschneiden Deutschunterricht.

Montag, Mai 18th, 2015

Die französische Regierung schränkt den Deutschunterricht ein. Es geht um die Mittelstufe (Collège). Bislang wählten die Schüler eine erste Fremdsprache in der Grundschule und eine weitere im dritten Jahr des Collège. Nun soll die zweite Fremdsprache bereits im zweiten Collège-Jahr hinzukommen. Das wäre eine erfreuliche Maßnahme, würde dadurch nicht die seit 2002 bestehende vorzügliche Einrichtung der ‚classes bilangues‘, der Doppelfremdsprachenklassen geopfert.

Mit diesem System, das in mittlerweile 3.500 Klassen durchs ganze Land vom sechsten Schuljahr an gleich zwei Fremdsprachen anbietet, konnte insbesondere der Rückgang des Deutschen gebremst und hinter dem Englischen (98 Prozent) und Spanischen (47 Prozent) auf 15 Prozent stabilisiert werden. Die Fremdsprachenkombination Englisch-Deutsch wird heute annähernd von 90.000 Schülern genutzt.

Damit soll nun Schluss sein, außer für jene verschwindend kleine Zahl von Schülern, die Deutsch als erste Fremdsprache lernen. Die Doppelfremdsprachenklassen werden abgeschafft ebenso wie die ‚Europaklassen‘, die den Unterricht mancher Fächer in einer Fremdsprache anbieten (Joseph Hanimann, SZ 15.5.15).

Keine Extrawurst mehr für Begabte und Privilegiuerte, so will es die französische Regierung.

Typisch sozialistische Bildungspolitik.

Statt Kinder zu fördern und zu Fremdsprachen zu motivieren, Senken der Anforderungen und Beschneiden des Angebots.

Das geht in die falsche Richtung.

931: Woody Allens „Irrational Man“ in Cannes

Sonntag, Mai 17th, 2015

Abe Lucas (Joaquin Phoenix) ist in Woody Allens 45. Film „Irrational Man“, der in Cannes gezeigt wurde, ein brillanter Philosophie-Professor, der durch seine Lebenserfahrung, Suchterprobtheit, Abgebrühtheit und Depressivität interessant für Frauen ist. Eine klassische Woody Allen-Figur. Seine „Schülerin“ (Emma Stone) ist aber unabhängig und selbstbewusst.

Also: immer das Gleiche in Allens Filmen? Fast. Und natürlich mögen wir den Sarkasmus, die Ironie, den beißenden Witz. Nicht leicht zu entscheiden ist auch die Frage, ob es sich um einen College-Film oder eine Mordkomödie handelt. Die immer gleichen Woody Allen-Fragen dominieren: Wählen wir unser Schicksal oder umgekehrt? Ist eine kleine Lüge schon inakzeptabel? Ist es Zufall oder Bestimmung, was uns zustößt?

Beste Unterhaltung!

Und es scheint so, als finde unser Professor am Ende den Sinn des Lebens. (Verena Lueken, FAZ 16.5.15) Ja, dann!

928: Das evangelische Pfarrhaus

Dienstag, Mai 12th, 2015

Über das evangelische Pfarrhaus ist schon viel geschrieben worden. Und meistens wurde das Milieu nicht so gewalttätig-bedrückend dargestellt wie in Michael Hanekes Film

„Das weiße Band“ (2009),

diesem großartigen und eindrücklichen Beitrag.

U.a. schrieb Gottfried Benn in seinem autobiografischen „Lebensweg eines Intellektualisten“ (1934): „Ich habe in verschiedenen Aufsätzen der letzten Jahre auf das eigentümliche Erbmilieu dieses protestantischen Pfarrhauses hingewiesen, eigentümlich nicht nur, weil es statistisch in den vergangenen drei Jahrhunderten Deutschland weitaus die meisten seiner großen Söhne geschenkt hat, nämlich, wie von Schulte nachwies, weit über fünfzig Prozent, sondern weil es eine ganz bestimmte Art von Begabung war, die das Pfarrhaus erbmäßig produziert hat und die mit seinen Söhnen zutage trat. Es war die Kombination von denkerischer und dichterischer Begabung, die so spezifisch für das deutsche Geistesleben ist und in dieser Prägung in keinem anderen Volk vorkommt.“ Benn stützte sich auf die Forschung von Johann Friedrich von Schulte. Leider schrieb er diese Sätze 1934, in einer Zeit also, als er sich politisch vergaloppierte.

Benns Biograf Wolfgang Emmerich nennt 2006 folgende schreibenden Pfarrerssöhne 1525 bis 1900:

„Nikodemus Frischlin, Paul Fleming, Andreas Gryphius, Johann Christoph Gottsched, Christian Fürchtegott Gellert, Gotthold Ephraim Lessing, Christoph Martin Wieland, Matthias Claudius, Georg Christoph Lichtenberg, Gottfried August Bürger, Jakob Michael Reinhold Lenz, Jean Paul (Richter), August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Friedrich Wilhelm Schelling, Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher, Jeremias Gotthelf, Friedrich Nietzsche, Heinrich Schliemann, Gottfried Benn (und hundert andere).“

Jetzt ist Cord Aschenbrenners Buch

Das evangelische Pfarrhaus. 300 Jahre Glaube, Geist und Macht: Eine Familengeschichte, München (Siedler) 2015; 368 S.; 24,99 Euro,

erschienen. Johann Hinrich Claussen (SZ 12.5.15) schreibt darüber:

„Die Erfindung des Pfarrhauses war der große Beitrag des Protestantismus zur Bau- und Sozialgeschichte des Christentums. Es prägte Jahrhunderte und wird mit erheblichen Anstrengungen am Leben erhalten. Aber es war und bleibt eine prekäre Institution. Vielleicht fasziniert sie deshalb bis heute. Zugleich stellt sich die Frage, ob sie noch eine Zukunft hat. Es kann kein Zufall sein, dass in den vergangenen Jahren mehrere gute Sachbücher und Bildbände darüber erschienen sind. Im Deutschen Historischen Museum zu Berlin gab es vor zwei Jahren die große Ausstellung ‚Leben nach Luther‘. An diese Interessen schließt der Journalist Cord Aschenbrenner an und wählt doch einen anderen Zugang. Er entfaltet keinen breiten kulturgeschichtlichen Bilderbogen, sondern erzählt die exemplarische Geschichte einer einzigen Pfarrhaus-Familie. Darin ist sein Blick enger, aber auch tiefenschärfer. …

Jede dieser Generationen bewohnt ‚ein Haus, das eher groß ist als klein und jedem offen steht‘, und diese festen Elemente besitzt: ‚eine große Kinderschar, einen üppigen Pfarrgarten, Hausmusik, Bücher, Tischgebet und Tischgespräch, eine resolute Pfarrfrau und einen selbstgewissen Pfarrherrn mit einer anspruchsvollen Nebenbeschäftigung‘. Man muss mit kärglichen Mitteln auskommen und zugleich höchsten Ansprüchen genügen. Das Haus bietet allen Hilfe, Gespräche, Gastfreundschaft. Eine Privatsphäre ist nicht gegeben. Darin verweigert sich das Pfarrhaus dem modern-bürgerlichen Modell einer Trennung von Beruf und Familie, Amt und Person. Es ist nicht der intime Rückzugsort von den Kämpfen des Lebens, sondern immer noch in eins Wohnort und Arbeitsplatz – nicht nur für den Pastor, sondern auch für seine Frau und seine Kinder. Als Arbeitsplatz ist es auch Kultureinrichtung. Hier geht es gebildeter, literarischer und musischer zu als in anderen Häusern – aber auch asketischer, wie man an der notorisch stillosen Möblierung oder der unmodischen Kleidung der Bewohner sehen kann. Frömmer geht es ebenfalls zu, doch das Theologische wird diskret gelebt, findet seinen Ausdruck nicht in direkter Belehrung, sondern in einer Atmosphäre schlichten Gottvertrauens: mehr Paul Gerhardt als Martin Luther.“

Ich bin mit einer Pfarrerstochter verheiratet.