2014 hat Rüdiger Suchsland seinen Dokumentarfilm „Von Caligari zu Hitler“ (113 min) herausgebracht. Er lehnt sich eng an Siegfried Kracauers Buch „Von Caligari zu Hitler“ (1947) an. Und das vermutlich deshalb, weil Kracauer seine Thesen über den Film im Deutschland der Weimarer Republik so plausibel vorgetragen hatte, dass, bei aller berechtigten Kritik, diese bis auf den heutigen Tag Bestand hat. Und wir könnten aus ihr für die Gegenwart lernen, was vielen von uns allerdings zu mühselig ist.
Siegfried Kracauer (1889-1966),
Soziologe, Jude, Emigrant,
war nämlich einer der Begründer der Soziologie in Deutschland. Schon 1922 veröffentlichte er
„Soziologie als Wissenschaft“.
Mit seiner Schrift
„Die Angestellten“ (1930)
eröffnete er das Verständnis für die seinerzeit neue Schicht der Angestellten („Die kleinen Ladenmädchen gehn ins Kino.“).
Vor allem anderen aber war Siegfried Kracauer der Filmkritiker der „Frankfurter Zeitung“ (der Vorläuferin der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“). Seine Kritiken aus den zwanziger Jahren dienten ihm als Basismaterial für seinen Bestseller
„Von Caligari zu Hitler“ (1947).
Dieses Buch hat in Deutschland eine besondere Editions-Karriere gemacht. In völlig verstümmelter Form erschien es zunächst 1958 bei Rowohlt (wo noch zu viele Wehrmachtsoffiziere und Nazis im Lektorat steckten) unter dem Titel „Von Caligari bis Hitler“. Erst 1979 wurde die von Karsten Witte herausgegebene authentische Version publiziert.
In den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts warteten alle Filminteressierten auf Kracauers
„Theorie des Films“,
die 1964 auf Deutsch erschien (1960 amerikanisch). Darin erkannte Kracauer den Film als Medium der „Errettung der äußeren Wirklichkeit“ vor den Ideologien der Welt. Damals eine große Enttäuschung und ein Fehlurteil, was nichts daran ändert, dass heute noch selbst viele intelligente Filmbeobachter die
„Realität“
als Qualitätsmaßstab für einen Film nehmen. Durch den „Konstruktivismus“ (etwa bei Peter Krieg oder Norbert Jochum) ist diese Perspektive weithin ad absurdum geführt. Siegfried Kracauer verarbeitete die Massenaufmärsche der Nazis und ihre Großkundgebungen in seinem Buch
„Das Ornament der Masse“ (1963),
das heute noch dazu dienen kann, die Inszenierungskunst der Nazis zu verstehen.
In „Von Caligari zu Hitler“ nimmt Kracauer an, dass Filme die Mentalität einer Nation unvermittelter reflektierten als andere künstlerische Medien. Erstens seien Filme niemals das Produkt eines Individuums. Und zweitens richteten sich Filme an die anonyme Menge und sprächen sie an. Letztlich bestimmten eben doch die Bedürfnisse des Publikums die Natur der Filme.
„Was die Filme reflektieren, sind weniger explizite Überzeugungen als psychologische Dispositionen – jene Tiefenschichten der Kollektivmentalität, die sich mehr oder weniger unterhalb der Bewusstseinsdimension erstrecken.“ Kracauer geht nicht von einem feststehenden Nationalcharakter aus. Er „befasst sich mit dem psychologischen Grundmuster eines Volkes in einer eingegrenzten Zeit.“ Dazu schrieb Volker Schlöndorff schon 1980: „Vielleicht haben wir doch so einen verdammten Nationalcharakter, den Kracauer nicht wahrhaben wollte und nur der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zuschrieb.“
Nach Kracauer ist es der SPD in der Weimarer Republik nicht gelungen, die Macht von Armee, Bürokratie, Großgrundbesitz und besitzenden Klassen zu beseitigen. Die Neigungen der Mittelklasse hätten alle Schichten durchdrungen. Die Kommunisten seien unfähig gewesen, die Arbeiter zu verstehen. Ökonomische, soziale und politische Faktoren genügten nicht zur Erklärung der Machtergreifung des Nationalsozialismus. Erkannt werden müssten vielmehr die „inneren Dispositionen des deutschen Volkes“. „Die Aufdeckung dieser Dispositionen im Medium des deutschen Films könnte dazu beitragen Hitlers Aufstieg und Machtergreifung zu verstehen.“
Der Titel von Kracauers Buch nimmt Bezug natürlich auf Robert Wienes Film „Das Kabinett des Dr. Caligari“ (1919), den Erich Pommer produziert hatte. Und im Anschluss an Kracauers Thesen entbrennt regelmäßig der Streit darüber, ob
Fritz Lang
etwa in seinen „Nibelungen“ (1924) die „Ornamente der Masse“ vorgezeichnet oder ob er sie schon damals
dekonstruiert
habe. Seinen „Dr. Mabuse, der Spieler“ (1934) verboten die Nazis, obwohl Goebbels ihn eigentlich zum Reichsfilmintendanten hatte ernennen wollen. Fritz Lang zog es vor zu emigrieren.