Archive for the ‘Literatur’ Category

1020: Navid Kermani – ein 68er ?

Donnerstag, September 3rd, 2015

Navid Kermani ist Orientalist und Schriftsteller. Er hat über die Ästhetik des Korans promoviert. Zum 65-jährigen Bestehen des Grundgesetzes war Kermani der Festredner im Bundestag und rühmte die Integrationskraft unserer Verfassung in einer bewegenden Rede. Im August ist sein neues Buch „Ungläubiges Staunen“ erschienen, der Versuch einer sinnlichen Annäherung an das Christentum. Alexander Cammann hat ihn für die „Zeit“ (20.8.15) interviewt.

Zeit: Sie bekommen im Oktober in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Ein anderer Preisträger, Jürgen Habermas, hat 2001 in seiner Dankesrede Religion als Ressource für unsere moderne Gesellschaft entdeckt, obwohl er selbst einräumt, „religiös unmusikalisch“ zu sein.

Kermani: Ich bewundere Habermas dafür, wie er über seine eigenen Grenzen hinausdenkt, dass er nicht verurteilt, was er nicht versteht, sondern ein Potential erkennt. Das ist im Sinne einer intellektuellen Moralität ein beeindruckender Weg. Dabei waren die Stammväter der Kritischen Theorie religiös ziemlich musikalisch, wenn Sie an Adorno, Horkheimer und Benjamin denken, die wiederum eng mit Scholem und Bloch in Kontakt standen und sich gut in der religiösen Tradition auskannten, besonders in der mystischen. Gerade in der geistigen Schule, aus der Habermas kommt, ist ein transzendentes Moment angelegt. Dennoch tut er nicht so wie manche Talkshow-Katholiken von heute, als wäre das urplötzlich seine eigene Sache.

Zeit: Wo bleibt die Aufklärung? Nirgends taucht bei Ihnen das heilige Wort der Moderne auf.

Kermani: Natürlich will ich nicht hinter die Aufklärung zurück, meine intellektuellen Schlüsselerlebnisse verdanke ich dem Kanon der 68er, meine Bibel als junger Mensch war Adorno. Aber zur Aufklärung gehört genuin, sich ihrer Grenzen und Gefahren bewusst zu sein. Vernunft ist niemals blinde Verstandesgläubigkeit, sondern immer auch die Einsicht in die Grenzen des Verstandes.

1019: Wilhelm Raabe – ein unterschätzter Autor ohne „Code“

Donnerstag, September 3rd, 2015

Wilhelm Raabe (1831-1910) haben wir in der Schule gelesen. Ohnehin waren wohl der Englisch- und der Deutschunterricht nicht so schlecht. Ich hatte jedenfalls Lust dazu. So lernte ich „Else von der Tanne“ (1865) kennen, „Das Odfeld“ (1888) und „Stopfkuchen“ (1891). Wir lasen Raabe schon nicht mehr als Idylliker, sondern als Gesellschaftskritiker. Aber einige Klassenkameraden, die mehr in Richtung Mathematik und Maschinenbau tendierten, machten seinerzeit hämische Bemerkungen. So erklärt es sich wohl zum Teil, dass Raabe heute ein fast vergessener Autor ist. Auch im Weserbergland, wo der Dichter zeitweilig gelebt hat und wo einige seiner Erzählungen spielen. Ebenso in Göttingen, wo die Georg-August-Universität Raabe 1901 die Ehrendoktorwürde verliehen hat.

Dabei hat Raabe 68 Romane, Erzählungen und Novellen geschrieben. Er war Berufsschriftsteller und musste von seinen Honoraren leben. Das zeigt Werner Fulds

Wilhelm Raabe. Eine Biographie. München 2006, 382 Seiten,

eindrücklich. In einer biografischen Skizze hat Raabe 1906 über sich Auskunft gegeben. Er setzte sich auseinader mit dem Alten und dem Neuen, mit der Industriegesellschaft, mit der Umweltzerstörung. 1864 erschien sein ökologischer Roman „Pfisters Mühle“. Aus erzählerischer Distanz sah Raabe die Entwicklung seiner Zeit skeptisch, bisweilen pessimistisch. Und er erfasste dabei manche gesellschaftliche Misere sehr genau. 1931 wurde ihm zu Ehren in Berlin-Mitte die Spreestraße in „Sperlingsgasse“ umbenannt. In Anknüpfung an Raabes erstes Erfolgsbuch

Die Chronik der Sperlingsgasse, 1856.

Es folgten so bekannte und manchmal viel gelesene Werke wie

Unseres Herrgotts Kanzlei 1862,

Der Hungerpastor 1864,

Abu Telfan 1867,

Der Schüdderump 1870,

Das Odfeld 1888,

Stopfkuchen 1891 und

Altershausen 1901 (1911).

Davon habe ich bei weitem nicht alle gelesen. Der Erfolgsroman „Der Hungerpastor“ (1864) ist antisemitisch wie Gustav Freytags „Soll und Haben“. Der unsympathische Gegenspieler des Helden Hans ist intrigant, ökonomisch und sexuell erfolgreich. Und Jude. Marcel Reich-Ranicki hat Wilhelm Raabe nie gewürdigt.

Nun hat Moritz Baßler, der in Münster neuere deutsche Literatur lehrt, den in Vergessenheit geratenen Schriftsteller für uns in die Gegenwart geholt (FAZ 15.8.15). Er widmet ihm eine emphatische Besprechung, in der er zeigt, dass Raabe nicht in inniger Zurückgebliebenheit hängenbleibt, sondern den Gegensatz zwischen Weltläufigkeit und Heimatverbundenheit thematisiert. In Zeiten der Öko-Wende sehr aktuell. Raabe setzt sich mit der philiströsen Selbstgerechtigkeit auseinander. Vielleicht können auch erst wir Gegenwärtigen diese Lesart bevorzugen. Raabe kritisiert die Entfremdung in der ansonsten von nationalistischer Propaganda gerühmten „Gründerzeit“ nach 1870.

Wunderliche Wendungen wie „nicht totzukriegen“ oder „im Zusammenhang der Dinge“ stammen von Raabe. Nach Baßler hat Thomas Mann hier von ihm gelernt. Bei der Raabe-Lektüre wird ebenso seine Nachbarschaft zu Theodor Fontane deutlich. Der Dichter, der nach Stationen in Berlin, Wolfenbüttel und Stuttgart ab 1870 in Braunschweig lebte, sah weder in der Religion noch in der Liebe, der Kunst, dem Vaterland oder der Familie die Rettung. Moritz Baßler findet das ausgerechnet in John Lennons Motto „Nothing to kill or die for/and no religion, too.“ ausgedrückt. Raabe folgte keiner Erlösungsideologie. Seine Helden müssen sich durchwurschteln.

„Untertitel wie ‚eine See- und Mordgeschichte‘ (‚Stopfkuchen‘, 1891) führen bewusst in die Irre, so wie der aussortierte, schrullige alte Klosterschullehrer Magister Buchius in ‚Das Odfeld‘ (1888) seine unwahrscheinliche Kleingruppe um eine Schlacht des Siebenjährigen Krieges herum im Kreis führt. Und dennoch wird man in der deutschen Literatur ein Buch, das in ähnlicher Weise Bildung, Geschichte, Humanität und Tod zu einem historischen Roman verdichtet, vergeblich suchen.“

Raabe zieht aus dem Fehlen eines verlässlichen Sinncodes eine radikale Konsequenz: Uns bleibt nur das „Muddling through“.

 

1014: Jonathan Franzen: „Ich bin das Gegenteil von Philip Roth.“

Sonntag, August 30th, 2015

Als ich Jonathan Franzens Romane „Korrekturen“ (2001) und „Freiheit“ (2010) gelesen hatte, war ich schlicht begeistert und fand mich in meiner Vorliebe für anglo-amerikanische Schriftsteller bestätigt (Saul Bellow, John Updike, Philip Roth, David Lodge). Manche halten Franzen für den besten US-amerikanischen Autor, andere beklagen seinen Kulturpessimismus und seinen Konservatismus und werfen ihm seine Rückwärtsgewandtheit vor. Das wird wohl durch seinen neuen Roman

„Unschuld“ (der im Original „Purity“ heißt). Rowohlt, 832 S.; 26,95 Euro,

nicht anders werden (Wieland Freund, Literarische Welt 29.8.15/ Felicitas von Lovenberg, FAZ 29.8.15/ Sandra Kegel, FAZ 29.8.15/ Julia Encke, FAS 30.8.15). Franzen selbst sagt im Interview mit Wieland Freund: „Ich bin das Gegenteil von Philip Roth – eine Figur, die wie ich klingt, finde ich langweilig und peinlich.“

In „Unschuld“ spielt Deutschland (für den Deutschland-Kenner Franzen nicht unerwartet) eine Hauptrolle, insbesondere die DDR und was ihr folgte. Andreas Wolf ist mit Markus Wolf, dem Geheimdienstchef der DDR, verwandt und lebt als prominenter Whistleblower lange nach dem Fall der Mauer in Südamerika, um vor den westlichen Geheimdiensten sicher zu sein. Sein Gegenspieler ist der Journalist Tom Aberant. „Unschuld“ reicht von den achtzigern bis in die Gegenwart. Darin wird der „waghalsige Zusammenhang“ (Sandra Kegel) zwischen

der DDR und dem Internet

entwickelt. Beide gelten Franzen als totalitär. Denn auch mit dem System der DDR hätte man nicht wirklich in Beziehung treten können. Die konkurrierenden Plattformen des Internets vereine der Ehrgeiz, jeden Aspekt unserer Existenz zu definieren.

Andreas Wolf sagt: „Das Ziel des Internets und der mit ihm verbundenen Technologien war es, die Menschheit von Aufgaben – etwas zu tun, etwas zu lernen, sich an etwas zu erinnern -, die dem Leben zuvor einen Sinn gegeben und es folglich ausgemacht hatten, zu ‚befreien‘. Es war, als bestünde die einzige Aufgabe, die noch einen Sinn hatte, in der Suchmaschinenoptimierung.“

Whistleblower wie Assange und Snowden und die von ihnen ermöglichte

Transparenz

sieht Franzen durchaus kritisch: „Ein schönes Wort, wenn man neunzehn ist und keine Ahnung hat, wie die erwachsenen Welten der Diplomatie, der Gesetzgebung, des Handels und intimer Beziehungen wirklich funktionieren.“ Und er sorgt sich um den

guten alten Journalismus.

„Die Besitzer der Plattformen – Facebook, Twitter, Google und so weiter – werden reich, während die, die die Inhalte zur Verfügung stellen, kaum oder gar kein Geld verdienen. Das Beispiel Journalismus ist besonders bedeutend, weil die Demokratie auf ihn angewiesen ist und weil sich Profis nicht durch Amateure ersetzen lassen. Julian Assange fehlten alle Möglichkeiten, Sinn zu machen aus dem, was er geleakt hat. Er brauchte die ‚New York Times‘, er brauchte den ‚Guardian‘.“

Über Dissidenten sagt Franzen, sie seien großartig. Aber es brauche einen gewissen Narzissmus, um einer zu sein. Man müsse schon ziemlich viel von sich halten. Das Internet ist für ihn so ziemlich das größte Instrument zur Förderung des Narzissmus. „Die Idee, dass man sich dort einen sicheren Ort schaffen kann – … – ist zumindest höchst fragwürdig. Ich rede hier von einer modernen politischen Idee von Unschuld. Im Internet wird alles überwacht. Man darf nicht mal mehr von männlich und weiblich reden, sondern es gibt sechs verschiedene Geschlechterkategorien.“

„Unschuld“ ist für Sandra Kegel trotz aller essayistischen Exkursionen kein Thesenroman geworden, sondern eine in Raum und Zeit groß angelegte Erzählung, die von Vögeln und Landschaften ebenso berichtet, wie sie Einblicke in eine amerikanische Eliteuniversität der siebziger Jahre oder die Machenschaften eines agrarwissenschaftlichen Megakonzern à la Monsanto gewährt.

Julia Encke bleibt skeptisch gegenüber Franzen. Sähe man sich die Sätze, die auf den ersten Blick nach etwas Größerem klängen, wie die von der Analogie von Internet und DDR, länger an, erschienen sie einem als ziemlich hohle und effektheischende Phrasen. „Franzen war es offensichtlich ein ganz besonderes Anliegen, die Figur des Whistleblowers als größten Zyniker von allen zu skizzieren. Diese durchaus patriotische Pointe von ‚Unschuld‘ dürfte ihm bei Mitarbeitern von NSA und CIA zusätzlich viele neue Fans bescheren.“

 

 

1012: Houellebecq: Wirtschaft unter Aufsicht stellen !

Mittwoch, August 26th, 2015

Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq (geb. 1956) ist gemeinhin literarisch sehr umstritten. Dabei ist der Streit – wie nicht anders zu erwarten – auch politisch. Houellebecqs Hauptwerke sind in Deutschland viel diskutiert:

– „Ausweitung der Kampfzone“ 1994,

– „Elementarteilchen“ 1998,

– „Lanzarote“ 2000,

– „Plattform“ 2001,

– „Die Möglichkeit einer Insel“ 2005,

– „Karte und Gebiet“ 2010,

– „Unterwerfung“ 2015.

Julia Encke hat nun die politische Botschaft Houellebecqs gekonnt herauspräpariert (FAS 23.8.15). Dabei verwendet sie das posthum erschienene Buch von Houellebecqs Freund Bernard Maris (1946-2015)

Michel Houellebecq. Ökonom. Eine Poetik am Ende des Kapitalismus. Dumont Verlag, 142 S., 18,99 Euro,

der beim Anschlag auf „Charlie Hebdo“ ums Leben gekommen ist. Encke behauptet, Houellebecq verweise auf die Schriften der Ökonomen

Robert Malthus (1766-1834),

Karl Marx (1818-1883),

Alfred Marshall (1842-1924),

Joseph Schumpeter (1883-1950) und

John Maynard Keynes (1883-1946).

In seinen Büchern, die in einem engen Zusammenhang ständen, kritisiere der Schriftsteller die Verheerungen des Liberalismus und die Auswüchse des Individualismus (z.B. in „Elementarteilchen“). Die liberale Wirtschaft zerstöre alles, was kollektiv sei, die Arbeitsgruppe, die Familie, das Paar. Ein Zurück aus der Welt des Zerfalls gäbe es für Houellebecq nicht.

Der Schriftsteller schreibe von einer Gesellschaft, deren Regeln und Lebensformen von ihren Subjekten nicht mehr aktiv getragen würden, weil sie für die Einzelnen unerträglich geworden seien und weil dieselbe Gesellschaft das Leben ihrer Mitglieder nur noch als sinn- und ziellosen individualistischen Konkurrenzkampf aller gegen alle organisiere. Es fehle eine

kollektive moralische Instanz.

Houellebecq: „Wir müssen dafür kämpfen, die Ökonomie unter Aufsicht zu stellen und sie gewissen Kriterien zu unterwerfen, die ich als ‚ethisch‘ bezeichnen würde.“

 

1007: Sam Peckinpah-Retrospektive

Donnerstag, August 13th, 2015

Dem US-amerikanischen Western- und Roadmovie-Regisseur Sam Peckinpah (1925-1984) widmet das Filmfestival in Locarno eine Retrospektive. Diese sind in Locarno stets besonders sorgfältig zusammengestellt und werden von Einführungen und Diskussionen begleitet. In diesem Jahr beeindruckte

Senta Berger,

die 1965 in „Major Dundee“ und 1977 in „Steiner – das Eiserne Kreuz“ von Peckinpah eine Chance bekam. Senta Berger verkörperte die schöne Frau, die dem männlichen Helden einen Ausweg aus einem Leben im Kampf, im Krieg, in der Gewalt zeigen will. Aber die schöne Frau ist nicht immer erfolgreich.

Peckinpah zeigt uns alternde Männer, die ihr Scheitern voraussehen und doch aus ihrer Haut nicht herauskönnen. Sie erscheinen uns lächerlich. Wer könnte das besser erkennen als ich. Tragisch ist in Peckinpahs Filmen, dass die Helden in vermeintlicher Pflichterfüllung manchmal ihre Freunde erschießen. Peckinpah gilt als Regisseur der Gewalt und der Ausweglosigkeit. Bei seinen Produzenten, bei der Kritik und beim Publikum hatte er bisweilen schlechte Karten. Auch weil er als Alkoholiker und zeitweise Drogenabhängiger manchmal undiszipliniert zu Werke ging. Stilistisch arbeitete Peckinpah mit vielen Einstellungen, assoziativen Eingangssequenzen, Zeitlupen und Großaufnahmen. Er war ein Vorbild für Quentin Tarantino. Nur eines hat Tarantino nicht von Peckinpah übernommen, dass es nämlich um etwas geht. Dass es kein guter Augenblick ist beim Töten und Sterben sich genussvoll zurückzulehnen und gut unterhalten zu fühlen (Verena Lueken, FAZ 11.8.15).

Mit „Sacramento“ (1962) verabschiedete Sam Peckinpah parallel zu John Fords „Der Mann, der Liberty Vanace erschoss“ (1961) den klassischen Western und läutete die Ära des „Spätwestern“ ein. 1969 folgten „The Wild Bunch“, 1973 „Pat Garrett jagt Billy the Kid“, 1974 „Bring mir den Kopf von Alfredo Garcia“. Die Roadmovies „Getaway“ (1972) und „Convoy“ (1978) vervollständigten mit dem Kriegsfilm „Steiner – das Eiserne Kreuz“ (1977) das Werk des selbstzerstörerischen und früh gestorbenen Regisseurs. Für „Pat Garrett“ schrieb

Bob Dylan

„Knocking on Heaven’s Door“. Peckinpah kaprizierte sich in seinen späten Filmen häufig auf den Gegensatz USA-Mexiko. Und nicht zugunsten der USA. Um sich hatte er eine Stamm-Mannschaft von Schauspielern versammelt wie James Coburn, Kris Kristoffersen und Steve McQueen.

1006: G.A. Bürgers Briefe – persönlich bis zum Äußersten

Dienstag, August 11th, 2015

Für Göttingen ist Gottfried August Bürger (1747-1794) wichtig. Ein Aushängeschild. August Wilhelm Schlegel war der Meinung, allein seine Ballade „Lenore“ werde Bürger „die Unsterblichkeit sichern“. Trotzdem ist der Dichter heute weithin vergessen. Auch wenn er z.B. noch die Lügengeschichten des Barons von Münchhausen geschrieben hat, dessen Prahlereien erst Bürger auf den Nebenbeiton „augenzwinkender Schnurrpfeifereien“ stimmte.

Bürger wurde 1747 im Pfarrhaus in Molmirswende geboren und starb 1794 vereinsamt und verarmt in Göttingen. Er hatte sechs Semester Theologie in Halle studiert und sein Rechtsstudium in Göttingen abgebrochen. Seit 1772 verdiente er sein Brot als Amtmann am von Uslar’schen Patrimonialgericht Altengleichen bei Göttingen. Sein Lebenswandel zunächst mit zwei Schwestern und dann nach einem Huldigungsgedicht und öffentlichen Heiratsantrag 1792 mit der Scheidung von einer jüngeren Frau, die ihn in Göttingen hemmungslos betrog, ist es wohl auch gewesen, der Bürger literarisch das Genick gebrochen hat. Denn die Herren Schiller und Goethe sind es gewesen, die G.A. Bürger als „liederlichen“ Dichter abqualifizierten, dem es an „sittlicher Maßbeschränkung“ mangele (Schiller) und der nicht gesellschaftsfähig sei in der Republique des lettres (Goethe). Insbesondere Friedrich Schiller, der „Moraltrompeter von Säckingen“, wie Friedich Nietrzsche ihn nannte, hat Bürger wohl auch als Konkurrenten gefürchtet.

Nun haben Ulrich Joost und Udo Wargenau den ersten Band von Bürgers Briefen (eine vierbändige Ausgabe ist auf fast 1800 Exemplare geplant) herausgegeben.

Gottfried August Bürger: Briefwechsel. Bd. 1: 1760-1776. Hrsg. von Ulrich Joost und Udo Wargenau. Göttingen (Wallstein) 2015, 1008 Seiten, 69 Euro.

Darin zeigt sich uns Gottfried August Bürger als bewegter und von starken Gefühlen geprägter Mensch, der in seinen Briefen kein Blatt vor den Mund nahm und seine Seele nach außen kehrte. Hier wandte er die gleichen Stilmittel an, welche auch die starke Wirkung seiner Balladen ausmachten. Bürger arbeitete an den Briefen, verbesserte und polierte. Das zeigt sich gerade im Austausch mit den Mitgliedern des Göttinger Hainbunds. „Bürger ist in seinen Briefen persönlich bis zum Äußersten.“ Und obwohl Bürger ab 1784 als Göttinger Privatdozent für Poetik und Ästhetik auch bei den akademischen Kollegen nicht salonfähig war, fasziniert sein Briefwechsel. Georg Christoph Lichtenberg schätzte ihn. Mit seinen Freunden tauschte er sich überschäumend aus, bei seinem Verleger Christian Dietrich gab er sich unverblümt. Bei zeitgenössischen Geistesgrößen schrieb er launig und burschikos (Walter Schübler, FAZ 7.8.15).

Und es war Heinrich Heine, der Gottfried August Bürger den ihm gebührenden Platz zuwies: „Der Name Bürger ist im Deutschen gleichbedeutend mit dem Wort citoyen.“

1004: Mit der Handschrift entdecken wir uns selbst.

Dienstag, Juli 28th, 2015

Mit der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg (1400-1468) begannen die großen Beschleunigungen der Neuzeit. Es setzte ein der

Machtverlust der Kirche,

das Bürgertum trat seinen Siegeszug an,

der Journalismus entstand.

Martin Luther (1493-1546)

wurde so etwas wie der erste Journalist. Die Reformation verbreitete sich rasend schnell. Durch die Presse konnte Luther wie zu einem Auditorium sprechen. Er redete mit seinen Lesern wie mit Zuhörern in einem Raum. Der schreibende Luther brauchte keine Agora, keinen Senat, keine Aula, keinen Reichstag mehr, um Menschen zusammenzubringen, anzustiften, zu überzeugen.

Die Presse

und das gedruckte Wort werden wir deshalb nie unterschätzen. Und ging nicht die Erfindung des Rotationsdrucks für die Massenpresse dem ersten modernen Krieg voraus, dem US-amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865)? (Volker Zastrow, FAS 18.1.15)

Die genannten Tatsachen werden neuerdings gerne ins Feld geführt, wenn es darum geht, die Handschrift abzuschaffen und nicht mehr in der Schule zu lehren, allenfalls in rudimentärer Form. Dabei wird übersehen, dass es beim Schreiben mit der Hand um mehr geht, als nur Buchstaben zu Papier zu bringen. Es geht um alle Sinne. Alles konzentriert sich auf einen Punkt, auf die Spitze des Stifts, aus der Buchstaben auftauchen, die Wörter formen, die den Gedanken entspringen. Ausschweifungen sind nicht möglich, wenn Sinn entstehen soll. Das einmal Gedachte lässt sich wie das einmal von Hand Geschriebene nicht zurücknehmen. Das sorgfältige Schreiben mit der Hand wird zum Abbild des sorgfältigen Denkens. Durch das Schreiben mit der Hand wird das Geschriebene konzentriert. Die Schrift zwingt zum genauen Denken. Mit der Hand zu schreiben hilft dabei, schneller zu lesen, sich Informationen besser zu merken.

Das Tippen am Computer vermittelt dagegen die Illusion einer Welt ohne Fehler und Scheitern. Alles kann gelöscht, umgestellt, geändert werden. Vielleicht sehnen sich die Erwachsenen deshalb so danach. Die Anstrengung und mögliche Enttäuschung beim Schreiben mit der Hand, die sie selbst fürchten, wollen sie den Kindern vorenthalten. Sie wollen ihre Kinder zu effizienteren, normierteren, angepassten Menschen machen (Simona Pfister, FAS 18.1.15).

Aber das wollen wir doch gar nicht.

Wir wissen außerdem, dass die Studenten, die sich in der Vorlesung Notizen mit der Hand machen, bei der Wiedergabe von Fakten deutlich besser abschneiden als diejenigen, die auf einem Laptop schreiben. Gerade bei komplexeren Zusammenhängen. Die höhere Schreibgeschwindigkeit mit dem Laptop verleitet dazu, wörtlich mitzuschreiben. Papier- und Stiftbenutzer verarbeiten den Inhalt eher in eigenen, knappen Worten und verinnerlichen besser (Georg Rüschemeyer, FAS 18.1.15).

Die Schriftstellerin Cornelia Funke schreibt seit drei Jahren ihre Bücher wieder mit der Hand. Katrin Hörnlein und Jeanette Otto haben sie für die „Zeit“ interviewt (9.7.15).

Zeit: In Deutschland gibt es .. seit Jahren eine Debatte über die Schreibschrift. Vom Grundschulverband kommt die Empfehlung, künftig nur noch die sehr viel einfachere Grundschrift zu lehren. In etlichen Bundesländern geschieht das bereits.

Funke: Das verstehe ich überhaupt nicht. Wenn es die Schreibschrift noch nicht gäbe, müsste man sie erfinden. Ich glaube ganz fest daran, dass die Schreibschrift für Kinder und Jugendliche ein wunderbares Mittel ist, um sich selbst zu entdecken.

Zeit: Was entdeckt man da?

Funke: In der Art und Weise, wie wir schreiben, erkennen wir uns selbst – unsere Kraft, unsere Unsicherheiten. Wir sehen, ob wir gerade sehr aufgeregt und nervös sind oder ganz ruhig. Ob wir uns kleinmachen, wenn wir die Buchstaben klein halten, oder einen Platz in der Welt mit ausladenden Bögen behaupten. Im Schreiben drückt sich unsere Persönlichkeit aus.

Zeit: Das Argument gegen die Schreibschrift ist, dass die Kinder diese in der Arbeitswelt später nicht brauchen, da sei schnelles Tippen gefragt. Leuchtet Ihnen als studierter Pädagogin das nicht ein?

Funke: Überhaupt nicht! Erstens haben wir keine Ahnung, wie die Arbeitswelt in einigen Jahren aussehen wird – die Welt befindet sich in einem Umbruch wie nie zuvor. Und zweitens glaube ich, dass Kinder sowieso schon viel zu früh auf die Arbeitswelt vorbereitet werden anstatt auf die wirkliche Welt.

Zeit: Was meinen Sie mit der wirklichen Welt?

Funke: Wenn unsere Kinder eins für die Zukunft lernen müssen, dann kreative Lösungen für Probleme zu finden. Das Gegenteil ist der Fall. Der Kunstunterricht etwa wird gern abgeschafft, weil er nicht als besonders nützlich für die Vorbereitung auf das spätere Leben angesehen wird. Stattdessen wird nutzloses Wissen in die Köpfe gestopft. Es geht immer um Effizienz und Optimierung. Das finde ich ganz furchtbar!

 

 

 

998: Brecht und Urheberrecht

Freitag, Juli 17th, 2015

Frank Castorfs „Baal“-Inszenierung (Bertolt Brecht) kam im Januar 2015 am Münchener Residenztheater heraus. Sie wurde abgesetzt und konnte zum letzten Mal im Mai 2015 beim Berliner Theatertreffen gezeigt werden. Aufgrund einer einstweiligen Anordnung, welche die Brecht-Rechteinhaberin Barbara Brecht-Schall und der Suhrkamp-Verlag erwirkt hatten. Bei Castorff war Brechts „Baal“ eine Textrampe gewesen für einen historisch-politisch viel größeren Entwurf. Der Theater-Dekonstruktivist Castorf hatte das Stück in den Kontext des europäischen Kolonialismus gestellt. Darin waren Anleihen bei Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“, bei Rimbaud, Verlaine, Ernst Jünger und Frantz Fanon gemacht worden.

Das entsprach nicht dem Geschmack von Frau Brecht-Schall. Eine Aufführung gesehen hatte sie nicht. Der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin, dazu: „Der Fall zeigt, wie sehr das Urheberrecht noch immer wie in Stein gemeißelt dasteht, obwohl es der heutigen Aufführungspraxis in keiner Weise mehr entspricht.“ Das Urheberrecht schützt das geistige Eigentum eines Künstlers. In Deutschland bis 70 Jahre nach seinem Tod. Es wird auf die Erben übertragen. Das ist grundsätzlich gut. Es geht dabei meistens um viel Geld. Im Urheberrecht ist der Autor stark. Und der Regisseur schwach. Er macht aus dem Stück Theater und schafft damit eigenständig Kunst. Häufig und anscheinend auch bei Frau Brecht-Schall gehen die Erben etwa nach dem Motto vor: Streichungen gehen in Ordnung, Hinzufügungen nicht.

Brecht selbst ging bekanntlich mit geistigem Eigentum lax um. Es muss auch deshalb die Frage gestellt werden, warum das Urheberrecht eines weltberühmten, fast 60 Jahre toten Autors eigentlich so viel mehr wiegt als die Freiheit eines nicht minder großen Regisseurs, sich als Künstler damit auseinanderszusetzen. Zumal dann, wenn er es ernsthaft tut, ohne Verballhornung und Zersetzungswut. Rolf Bolwin fügt hinzu: „Die Schutzbedürftigkeit eines Werkes, das gerade erst geschrieben wurde, ist stärker als die eines Autors, der schon 60 Jahre tot ist. Da ist einfach bei Brecht mehr erlaubt als, sagen wir, bei Roland Schimmelpfennig.“

Das Bundesverfassungsgericht äußerte sich dazu in der gewohnten Klarheit, als es zu entscheiden hatte, ob Heiner Müllers „Germania 3. Gespenster am toten Mann“ urheberrechtswidrig war, in dem Passagen aus Brechts „Das Leben des Galilei“ und „Coriolan“ zitiert wurden. In dem Beschluss vom 29.6.2000 heißt es: „Dabei ist grundlegend zu beachten, dass mit der Veröffentlichung ein Werk nicht mehr allein seinem Inhaber zur Verfügung steht. Vilemehr tritt es bestimmungsgemäß in den gesellschaftlichen Raum und kann damit zu einem eigenständigen, das kulturelle und geistige Bild der Zeit mitbestimenden Faktor werden. Es löst sich mit der Zeit von der privatrechtlichen Verfügbarkeit und wird geistiges und kulturelles Allgemeingut.“ (Christine Dössel SZ 17.7.15)

In diesem Sinn muss unser Urheberrecht geändert werden.

993: „Fabian“-Regisseur Wolf Gremm tot

Mittwoch, Juli 15th, 2015

Über 50 Filme hat Wolf Gremm gedreht. Darunter „Fabian“ (mit Hans-Peter Hallwachs) nach Erich Kästner. Sein Freund Rainer Werner Fassbinder spielte in seinem „Kamikaze 1989“ (1982) die Hauptrolle. Mit der Produzentin Regina Ziegler bildete er ein Erfolgsgespann. Die beiden heirateten 1977. Wolf Gremm war Dozent an der Hochschule für Film und Fernsehehen (HFFB) in Berlin. Nun ist er in Berlin gestorben.

Unser Sohn heißt Fabian.

988: Büchner-Preis für Rainald Goetz – spät und sensationell

Freitag, Juli 10th, 2015

Je länger der Büchnerpreis, der wichtigste deutsche Literaturpreis, Rainald Goetz vorenthalten wurde, desto unglaubwürdiger machte sich die Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Goetz zählt zum Typus des nervösen Gegenwartschronisten mit theoretischem Überbau, dessen Intelligenz eigentlich zu ungeduldig ist, um Romane zu schreiben. Goetz hat es zweimal aber doch erfolgreich getan, 1983 mit

„Irre“

und 2012 mit

„Johann Holtrop“.

Der Typ des intellektuellen Schriftstellers wird in Deutschland hauptsächlich von

Hans Magnus Enzensberger und Alexander Kluge

verkörpert. Und Enzensberger hat den Büchner-Preis schon …

Die Verleihung des Preises an Goetz (geb. 1954 in München) kommt spät, ist eine Sensation und gleicht einem Befreiungsschlag. Goetz war einer der ersten, welche die mediale Verfasstheit der Wirklichkeit zum Ausgangspunkt ästhetischer Überlegungen machten. Gegen die Innerlichkeitsprosa der frühen achtziger Jahre setzte er auf

Punk und Pop.

In „Irre“ reflektiert Goetz, der Dr. med. und Dr. phil., den psychiatrischen Kliniksalltag seines Alter Egos Raspe nach der „bleiernen Zeit“. Seine Rasierklingen-Inszenierung beim Bachmann-Preis in Klagenfurt deutete Marcel Reich-Ranicki als Unbedingtheit dieses Talents (Christopher Schmidt, SZ 9.7.15). In „Johann Holtrop“, dieser Parabel der New Economy, karikierte Goetz Thomas Middelhoff, den ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von Bertelsmann und Arcandor. Er sitzt mittlerweile im Knast und gilt als insolvent. Welch treffendes Bild unserer Gesellschaft.