Archive for the ‘Literatur’ Category

1073: Dieter Wellershoff 90

Sonntag, November 1st, 2015

Dieter Wellershoff wird 90 Jahre alt. Wir kennen ihn als Autor eines vielgestaltigen Werks von Romanen, Essays, Novellen, Gedichten und Erzählungen. Von 1959 bis 1981 war er Lektor bei Kiepenheuer & Witsch. Seine Autoren waren etwa Rolf Dieter Brinkmann, Nicolaus Born, Günter Seuren und Günter Steffens. Am Vorabend seiner Londonreise, auf der er zu Tode kam, hat Brinkmann 1975 Dieter Wellershoff besucht. Er machte damals einen „erbärmlichen Eindruck“. „Aber so war das immer bei ihm. Allmachtsphantasien wechselten sich spontan mit Minderwertigkeitsgefühlen ab. Eben noch scheinbar ein Nichts konnte er einem im nächsten Moment Schläge anbieten.“ (Peter Henning, FAS 1.11.15; Richard Kämmerlings/Marc Reichwein, Literarische Welt 31.10.15)

Für mich persönlich ist Dieter Wellershoff noch aus einem anderen Grunde wichtig. Er hatte 1952 über

Gottfried Benn

promoviert und gab dann von 1960 bis 1968 dessen „Gesammelte Werke in acht Bänden“ im Limes Verlag, Wiesbanden, bei Max Niedermayer heraus, von den Gedichten in Band 1 bis zu den autobiografischen Schriften in Band 8. Das war Benns Verlag gewesen. Ich benutze diese Ausgabe bis auf den heutigen Tag, habe sie auch für meine Benn-Lesung zum hundertsten Geburtstag des Dichters am 2. Mai 1986 verwandt.

Dieter Wellershoffs Literatur steht, seinem Jahrgang entsprechend, im Zeichen des Existentialismus. Es sind Bücher über gefährdete Existenzen in einer prekären, von Zufällen gekennzeichneten Welt. Im Jahr 2000 landete er mit dem Roman „Der Liebeswunsch“ seinen größten Erfolg. Für Marcel Reich-Ranicki war es Wellershoffs „Meisterstück“, es sei selten in unserer zeitgenössischen Literatur, „dass Liebe so vergegenwärtigt wird“. Ich musste in meinem Seminar über „Journalistische Kritik“ feststellen, dass es die meisten männlichen Teilnehmer ganz anders wahrnahmen.

1067: Russische Militärmission in Syrien

Montag, Oktober 26th, 2015

Der russische Militäreinsatz in Syrien treibt noch mehr Flüchtlinge nach Europa. Das ist so beabsichtigt. Inga Polypchuk hat in der „Literarischen Welt“ (24.10.15) den russischen Schriftsteller Sergej Lebedew dazu befragt.

Literarische Welt: Was halten Sie von der russischen Militäroperation in Syrien?

Lebedew: Ein Bekannter von mir, ein Offizier, hat die Situation mit einem Satz auf den Punkt gebracht: „Russland hat kein anderes Exportprodukt mehr als das Blut seiner Soldaten.“

1052: Familie Cassirer

Dienstag, Oktober 13th, 2015

Die ursprünglich aus Schlesien stammende jüdische Familie Cassirer repräsentierte bürgerliche Kultur in ihrem ganzen Umfang, wie wir das ansonsten nur von der Familie Mendelssohn kennen. Das dokumentiert weithin

Sigrid Bauschinger: Die Cassirers. Unternehmer, Kunsthändler, Philosophen. Biographie einer Familie. München 2015, 464 S., 41 Abb., 29,95 Euro.

Das ist wohl zu unbekannt in Deutschland.Der Rezensent Jens Bisky kritisiert den Band scharf und misst ihm nur die Funktion einer Materialsammlung zu (SZ 13.10.15).

Max Cassirer (1857-1943)

war Holzhändler und Charlottenburger Kommunalpolitiker. Er trat als Kunstmäzen auf. Seine Tochter

Edith (1885-1982)

gründete mit ihrem Mann Paul Geheeb die

Odenwaldschule,

die von Max Cassirer massiv finanziell unterstützt wurde. Kürzlich mit dem Scheitern der Reformpädagogik ist sie an ihr Ende gekommen. Max Cassirers Vermögen wurde „arisiert“. Mit nichts als einem Regenschirm und einem Handkoffer floh er in die Schweiz zu seiner Tochter und starb 1943 im Exil in Wales.

Die Vettern (und später auch Schwager)

Paul Cassirer (1871-1926) und

Bruno Cassirer (1872-1941)

gründeten 1898 in Berlin die „Bruno & Paul Cassirer Kunst- und Verlaganstalt“, die in der Folgezeit führend in der deutschen Kunst wurde. Von hier wurde die „Berliner Sezession“ gefördert und Künstler wie Lovis Corinth, Max Liebermann und Max Slevogt. Die Firma zeigte Ausstellungen von Vincent van Gogh und vielen Franzosen, etwa Edgar Degas. 1901 zerstritten sich die Vettern, Paul behielt die Galerie und den Kunsthandel, Bruno den Verlag. Hier erschienen die Zeitschriften

„Pan“ und „Das Theater“.

Ein Lektor war Christian Morgenstern, ein anderer Max Tau.

Der Pferdefreund Bruno Cassirer betrieb das Gestüt Lindenhof und importierte erstklassige ausländische Pferde. Charlie Mills gewann mit Cassirers Pferd „Walter Dear“ 1924 den Prix d’Amerique. 1938 enteigneten die Nazis die Cassirers entschädigungslos. Charlie Mills übernahm pro forma die Gestütsleitung für Bruno Cassirer. Dieser emigrierte nach Großbritannien, wo er 1941 in Oxford starb.

Paul Cassirer war selbst Kunsthistoriker. Er wurde der große Förderer des Impressionismus in Deutschland. Arthur Holitscher war der leitende Lektor im Hause. Verlegt wurden etwa Else Lasker-Schüler, Frank Wedekind, Carl Sternheim und Ernst Toller. Paul Cassirer erschoss sich kurz vor der Scheidung von seiner zweiten Frau, der Schauspielerin Tilla Durieux, 1926 in einer Berliner Anwaltskanzlei. Nach 1933 versuchten Walter Feilchenfeldt und Grete Ring den Verlag im Ausland weiterzuführen. 1932 hatten sie noch gemeinsam mit Alfred Flechtheim drei große Ausstellungen moderner Kunst organisiert.

Ernst Cassirer (1874-1945) war ein sehr angesehener Philosoph. Sein Hauptwerk war die „Philosophie der symbolischen Formen“, worin er die verschiedenen „Zugangsweisen zur Welt“ (Mythos, Religion, Wissenschaft, Sprache etc.) zeigte und analysierte. Von 1919 bis 1933 war der dem Neu-Kantianismus nahestehende Cassirer Professor in Hamburg. Er arbeitete eng mit dem Kunsthistoriker Aby Warburg zusammen. 1929 kam es in Davos zu dem sagenhaften Streitgespräch mit Martin Heidegger über das Thema „Wie ist Freiheit möglich?“. Nun: Heidegger wurde NSDAP-Mitglied, wollte „den Führer führen“ und hat sich offiziell nie vom Nationalsozialismus losgesagt. Ernst Cassier emigierte 1933 sofort, hatte später Professuren in Oxford, Göteborg, Yale und an der Columbia University inne.

 

1051: Schnee auf dem Kilimandscharo

Montag, Oktober 12th, 2015

Wir seinerzeit jungen Leser waren von Ernest Hemingways Erzählungen begeistert, weil seine Erzählweise in der Kunst des Weglassens und der Aussparungen bestand, basierend auf der Sensibilität des Psychologen, der nur weniger Hinweise bedarf, um zu erkennen, was menschlich auf dem Spiel steht. Er ließ das Unbewusste sprechen, indem er es nicht zur Sprache brachte. Meine Ausgabe der „sämtlichen Erzählungen“ in der Übersetzung von Annemarie Horschitz-Horst stammt von 1966 (Rowohlt), ursprünglich 1938. Erstaunlich, in welch jungen Jahren Hemingway seine Meisterschaft erreichte.

Nun hat Werner Schmitz zehn seiner Storys in ein zeitgemäßes Deutsch neu übersetzt.

Ernest Hemingway: „Schnee auf dem Kilimandscharo“ Storys. Reinbek (Rowohlt) 2015, 221 S., 18,95 Euro.

Ernst Osterkamp, ein offenbar höchst gelehrter Anhänger Hemingways, zeigt sich in seiner Rezension (FAZ 10.10.15) wiederum begeistert. „In Hemingways Storys stehen die Extreme des Heroismus und der Erbärmlichkeit eng beieinander. Auch deshalb verlässt den Leser nie das Empfinden, er könne alles Entscheidende über das Leben aus den Geschichten dieses großen Psychologen erfahren.“

Der Band enthält u.a. „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“, „In einem anderen Land“, „Wie du niemals sein wirst“, „Fünfzigtausend“, „Die Killer“ und „Schnee auf dem Kilimandscharo“. Angesichts des alltäglichen Geschwätzes kommt die Lektüre dieser von allem Überflüssigen gereinigten Prosa einer geistigen Reinigung gleich. „Ein großer Psychologe war Hemingway auch deshalb, weil er die eigenen Posen durchschaute und in ihnen einen besonderen Ausdruck seiner seelischen Schutzlosigkeit, Sensibilität und Versagensängste erkannte.“

In der Meistererzählung „Schnee auf dem Kilimandscharo“ hält der Schriftsteller Harry in Anwesenheit seiner Frau am Vorabend und in der Nacht seines Todes Gerichtstag über sich selbst, sein Leben und vor allem sein Schreiben. Hier ein Zitat noch in der alten Übersetzung:

„Wie fühlst du dich jetzt?“ sagte sie. Sie war, nachdem sie gebadet hatte, aus dem Zelt gekommen.

„Ganz gut.“

„Magst du jetzt essen?“ Er sah Molo hinter ihr mit einem Klapptisch und den anderen Boy mit den Schüsseln.

„Ich möchte schreiben“, sagte er.

„Du solltest etwas Brühe trinken, um bei Kräften zu bleiben.“

„Ich sterbe heute nacht“, sagte er. „Ich brauche nicht bei Kräften zu bleiben.“

1050: Peter Handke mag „Lebensmenschen“ nicht.

Sonntag, Oktober 11th, 2015

Der erfolgreiche österreichische Schriftsteller Peter Handke, 72, lebt schon lange bei Paris. Julia Encke hat ihn für die FAS (11.10.15) zum Thema Wut interviewt.

FAS: Braucht man Wut zum Schreiben?

Handke: Ich weiß es nicht. Wissen Sie noch, wer Georg Stefan Troller ist, der Fernsehjournalist? Der hat vor 30, 40 Jahren zugleich zarte und freche Porträts über Stars und Pseudostars gemacht. Und er hat damals schon von mir gesagt, ich hätte eine Grundwut. Das muss so sein. Ich habe keine Erklärung dafür. Ich glaube, es kommt von meiner mütterlichen Familie her, obwohl da auch ungeheure Sanftmut mit drin ist. Es gibt das Wort „Sanftwut“, ich weiß nicht, von wem das ist. Irgendjemand hat das auch auf mein Tun und Wirken angewendet. Ich finde es gar nicht so schlecht.

FAS: Es gab ein legendäres Treffen zwischen Ihnen, Hubert Burda und Thomas Bernhard. Bernhard hat darüber einen Brief an Siegfried Unseld geschrieben, den er nie abgeschickt hat. Ich habe ihn mal im Archiv in Gmunden gelesen. Bernhard schreibt da, Sie hätten ihn als „Großgrundbesitzer“ und „Giftzwerg“ beschimpft.

Handke: „Großgrundbesitzer“ habe ich sicher nicht gesagt, „Giftzwerg“ habe ich gesagt. Das war am Attersee. Als junger Schreiber hat mir Thomas Bernhard ja gutgetan, wie er da als Österreicher mit einem Spieß das fette Land durchstieß. Die ersten zwei, drei Bücher waren wie eine Erlösung für mich. Aber allmählich hat es angefangen, mich abzustoßen und zu erzürnen. Ich habe dann gedacht, dass es eine Mache ist, eine sehr schlaue und rhythmisch gut durchgezogene Mache, diese negative Kraft ist ja unvergleichlich, da kommt niemand an ihn heran. Am Attersee war auch sein sogenannter „Lebensmensch“ dabei, wenn ich das Wort schon höre, da krieg ich wirlich einen Wutanfall. Ein scheußliches Wort! Man sagt: meine Frau oder meine Lebensgefährtin oder Geliebte oder meine Komplizin oder meine Expeditionsbegleiterin. Aber doch nicht „Lebensmensch“! Ich weiß nicht, wie es kam, durch das Trinken vielleicht. …

1049: Ruth Klüger: Amerika war das falsche Land.

Sonntag, Oktober 11th, 2015

Die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Ruth Klüger (geb. 1931) hat 1992 mit „Weiter leben“ einen allgemein anerkannten Bestseller vorgelegt. Sie setzt sich darin auseinander mit ihrem Leben im KZ. Für ihr Buch „Die letzten Dinge“ hat die „Zeit“-Literaturchefin Iris Radisch Ruth Klüger interviewt (auch abgedruckt in der „Zeit“ vom 24. September 2015).

Zeit: Was hätten Sie im Rückblick unbedingt anders machen sollen?

Klüger: Was mir am meisten leidtut, ist, dass ich in Amerika gelandet bin und nicht in Israel. In Israel hätte ich zu einer Mehrheit gehört. In Amerika wurde ich als fremd eingestuft. Ich habe das lange nicht einsehen wollen, dass man in Amerika niemanden haben wollte, der wie ein Mahnmal herumläuft. Ich hatte ja diese KZ-Nummer auf meinem Arm. Das ist mir nicht eingefallen, dass das so wirken könnte. Für mich war diese Nummer ein Teil meines Lebens, und ich kannte so viele Leute, die auch eine hatten. Nein, Amerika war das falsche Land.

Zeit: Warum mussten Sie beinahe 60 Jahre alt werden, um Ihre Erinnerungen an Auschwitz aufzuschreiben?

Klüger: In der ersten Zeit und viele Jahre nach dem Krieg haben sich vor allem Männer zu Wort gemeldet. Sie schienen diejenigen, die etwas zu sagen hatten. Ich bin mir da nicht wichtig genug vorgekommen, ich war damals ja noch ein Kind und hatte die Kinderperspektive. Für mich hat dann die Frauenbewegung mit reingespielt, die ungeheuer wichtig war für mich.

Zeit: Ihre Freundschaft zu Ihrem Jugendfreund Martin Walser war immer ein Gradmesser für Ihr Verhältnis zu Deutschland.

Klüger: Solange ich mit ihm befreundet war, mochte ich ihn. Aber ich sehe, dass ich einen Fehler gemacht habe, indem ich nicht richtig eingeschätzt habe, wie er zu Juden steht. Was er in seinem Roman „Tod eines Kritikers“ (ein Schlüsselroman, dessen Hauptfigur an Marcel Reich-Ranicki angelehnt war, Anm. d. Red.) geschrieben hat, ist so ungut, dass ich mit ihm nicht wieder an einem Tisch sitzen möchte. Für mich ist es eine große persönliche Enttäuschung. …

1045: Das Elend der Pädagogik

Mittwoch, Oktober 7th, 2015

Die Pädagogik, also die wissenschaftliche Beschäftigung mit Lehr- und Lernprozessen, hat hier und da permanent einen sehr schlechten Ruf. U.a. wird ihr eine zu große Anpassung an den Untertanengeist im Kaiserreich, an den Rassismus im Nationalsozialismus und an den weltanschaulichen Dunst in der DDR vorgeworfen. Das ist in einigen Fällen gewiss übertrieben, andererseits manchmal berechtigt. Auch in der alten Bundesrepublik gab es bizarre pädagogische Projekte.

Veronika Hackenbroch demonstriert das an der mutwillig herbeigeführten Rechtschreibkatastrophe (Der Spiegel 41/2015). Sie kam zustande, weil der bewährte Rechtschreibunterricht abgeschafft und durch die Methode „Lesen durch Schreiben“ ersetzt wurde. Dabei sollen Erstklässler nach Gehör eigene Texte verfassen und dadurch Lesen lernen. Rechtschreibung spielt dann erst in der zweiten oder dritten Klasse eine Rolle. Dieser Schwachsinn hat sich weithin durchgesetzt. Er kommt Lehrern entgegen, die selbst keine Rechtschreibung können.

Hackenbroch: „Müssen Lehrverfahren nicht in wissenschaftlich hochwertigen Studien auf ihre Wirksamkeit getestet werden, so wie neue Medikamente? Und zwar bevor sie flächendeckend auf die Kinder losgelassen werden? Leider nein.“ Die Verfechter des schwachsinnigen neuen Schreibenlernens halten Studien, die das Desaster belegen, entgegen: „Heute sind andere Fähigkeiten wichtiger.“ Wer in Studien messe, was Kinder tatsächlich könnten, werde der „Grundidee von Bildung“ nicht gerecht.

Dieser Schwachsinn ist völlig unverantwortlich. Wem nützt die „Grundidee von Bildung“, wenn er auf der weiterführenden Schule scheitert, weil er nicht richtig schreiben gelernt hat? Gar nicht zu denken an ein Studium. Schon zu meiner Zeit hätten wir Kurse „Deutsch für Deutsche“ gebraucht. Wie will jemand, der kein Deutsch kann, eine andere Sprache lernen? Wie will jemand, der seine eigene Sprache nicht beherrscht, Fremde, etwa Flüchtlinge, verstehen?

1044: Martin Walser hat Walter Jens und Günter Grass gemeint.

Dienstag, Oktober 6th, 2015

Martin Walser (geb. 1927) gehört zweifellos zu unseren größten Schriftstellern. Nach dem Tod von Günter Grass und Siegfried Lenz hat er eine gewisse Alleinstellung unter den „Alten“ (immerhin wird er 2017 neunzig). Aber er war zu allen Zeiten ein „bunter Hund“, in vielerlei Kämpfe verwickelt, vieler Dinge bezichtigt, von denen sich dann herausstellte, dass es doch wohl anders gewesen war. Und er hat wunderbare Romane, Erzählungen, Drehbücher und Theaterstücke geschrieben. Darunter „Ein fliehendes Pferd“ (1978) oder „Ein springender Brunnen“ (1998).

Vorsichtshalber füge ich hier eine kleine Auswahl von Lebensdaten an: Walser war Hörfunkredakteur beim SDR, saß im Seminar von Henry Kissinger, galt als DKP-Mitglied (was er nie war), war eng befreundet mit Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, hat den Sohn Jakob Augstein mit Rudolf Augsteins damaliger Frau Maria Carlsson, trat Gerüchten, er sehe sich kurz vor dem Literatur-Nobelpreis, nie entschieden genug entgegen, etc. Das genügt für mehrere Leben.

Martin Walser hat sich nicht gescheut, Dinge zu tun, von denen abzusehen war, dass er dafür scharf abgelehnt würde bis zum Hass. Drei Vorgänge sind hier hervorzuheben:

1. die Rede in den Münchnener Kammerspielen 1988 „Über Deutschland reden“, in der Walser sich nicht mit der Teilung Deutschlands abfinden wollte (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg. 2. Auflage 2009, S. 63-89),

2. die Paulskirchenrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1998, in der Walser verlangte, man dürfe Auschwitz nicht instrumentalisieren (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg. 2. Auflage 2009, S. 163-167) und

3. sein Roman „Tod eines Kritikers“ 2002, in dem sich Walser mit Marcel Reich-Ranicki auseinandersetzte (vgl. W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg. 2. Auflage 2009, S. 167-171).

Zu diesen Skandalen hat sich Martin Walser nun anlässlich des 70. Jubiläums der SZ in einem Interview (Christian Mayer und Christopher Schmidt, 6.10.15) geäußert:

SZ: Als Sie schrieben, dass Sie sich nicht abfinden können mit der deutschen Teilung galten Sie plötzlich als Nationalist.

Walser: Die besten und intelligentesten Leute haben sich von mir distanziert, Habermas zum Beispiel. Oder Jurek Becker. Auch Freundschaften sind an Intoleranz kaputtgegangen. Noch die Paulskirchenrede hat mir 1998 ein fatales Unverständnis eingebracht, weil ich gesagt habe, man dürfe Auschwitz nicht instrumentalisieren. Weil ich es, warum auch immer, unterlassen habe zu sagen, wen ich meine, als ich von der „moralischen Keule“ sprach, hat der damalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, behauptet, ich würde jüdische Ansprüche kritisieren.

SZ: Na ja, Sie haben von „unserer Schande“ gesprochen, nicht von unserer Schuld. Wer war denn der Adressat der Rede?

Walser: Gemeint habe ich Walter Jens, Günter Grass, die gesagt haben, die deutsche Teilung sei eine Strafe für Auschwitz. Und das ist – ich habe ja mal Geschichte studiert – in jeder Hinsicht absurd. …

SZ: Und deshalb diese ganze Aufregung?

Walser: Wenn ich den Literaturbetrieb aus der Ferne betrachte, von ganz weit oben, kann ich sagen, dass ich der einzige Autor war, der sich gegen diese Machtausübung namens Reich-Ranicki gewehrt hat: und das kann ich mir nicht übelnehmen, auch wenn ich es damit anderen, die sowieso schon ein  bisschen was gegen mich hatten, leicht gemacht habe. Zum Beispiel Frank Schirrmacher, der in dieser Sache ein richtig begabter Opportunist war. Er hat die Diskussion über das Buch für einen Auftritt genutzt, wie er ihn brauchen konnte. …

1043: Botho Strauß – der letzte Deutsche

Montag, Oktober 5th, 2015

Noch sehr gut erinnere ich mich daran, wie Botho Strauß‘ „Anschwellender Bocksgesang“ (Der Spiegel 6/1993) bei denjenigen meiner Studierenden Furore machte, die sich mit publizistischen Kontroversen beschäftigten. Schon seinerzeit schrieb der Schriftsteller: „Wir werden herausgefordert, uns Heerscharen von Vertriebenen und heimatlos Gewordenen gegenüber mitleidvoll und hilfsbereit zu verhalten, wir sind per Gesetz zur Güte verpflichtet.“ Und in meinem Archiv (noch ganz aus Papier) finde ich spielend die zahlreichen Strauß-Kritiker, die keineswegs alle anderer Meinung waren als der Dichter: Michael Maar, Thomas Assheuer, Robin Detje, Klaus Kleinschmidt, Willi Winkler, Bodo Kirchhoff, Tilman Spengler, Reinhard Mohr, Mathias Schreiber und Rober Misik.

Angesichts der Flüchtlingswellen hat sich der in der Uckermark lebende Botho Strauß, 70, der uns zwischendurch vor der technisch-ökonomischen Intelligenz und vor dem Verlust von Kultur und Gedächtnis gewarnt hatte, wieder zu Wort gemeldet (Der Spiegel 41/2015). Er erweist sich dabei als sehr konservativ, vorsichtig formuliert.

Er interpretiert die deutsche Flüchtlingspolitik und ihre Aufnahme in der Bevölkerung als Selbstaufgabe. Wir seien ein aussterbendes Volk. Politische Korrektheit lähme uns. Unsere Willkommenskultur sei nicht anderes als Furcht vor den uns überflutenden Fremden. Es dominiere der Pazifismus mit seinem Satz „Deutschland wird jeden Tag weniger. Das finde ich großartig.“

Botho Strauß verwendet partiell Selbstzitate: „Manchmal habe ich das Gefühl, nur bei den Ahnen noch unter Deutschen zu sein. Ja, es ist mir, als wäre ich der letzte Deutsche.“ Der Dichter sieht sich selbst als „Fortsetzer“ „von Empfindungs- und Sinnierweisen“, „die seit der Romantik eine spezifisch deutsche Literatur hervorbrachten“.

„Ich möchte lieber in einem aussterbenden Volk leben als in einem, das aus vorwiegend ökonomisch-demografischen Spekulationen mit fremden Völkern aufgemischt, verjüngt wird, einem vitalen.“

Für Strauß ist die „linkskritische Intellektualität“, die sich gegen die Hegemonie des Ökonomischen auflehnte, ersetzt worden von Geistesverwandten, die selbst Ökonomen seien: Thomas Piketty, Joseph E. Stiglitz, Paul Krugman.

Die meisten „ansässigen Deutschen, die Sozial-Deutschen seien nicht weniger entwurzelt als die Millionen Entwurzelten“, „die sich nun zu ihnen gesellen“.

„Uns wird geraubt die Souveränität, dagegen zu sein. Gegen die immer herrschsüchtiger werdenden politisch-moralischen Konformitäten. Ihre Farbe scheinen parlamentarische Parteien heute ausschließlich in der Causa Schwulenehe zu bekennen.“

„Bei uns bestimmen Massen und Medien das Niveau der politischen Repräsentanten, die allesamt Ungelehrte in jeder Richtung sind …“

„Dank der Einwanderung der Entwurzelten wird endlich Schluss sein mit der Nation und einschließlich einer Nationalliteratur. Der sie liebt und ohne sie nicht leben kann, wird folglich seine Hoffnung allein auf ein wiedererstarktes, neu entstehendes ‚Geheimes Deutschland‘ richten.“

Dieser Reflex auf Claus Graf Schenck von Stauffenberg und den deutschen Widerstand gegen die Nazis kommt mir reichlich hochgestochen vor.

Aber hat Botho Strauß nicht recht mit seiner Aufforderung, uns auf uns selbst zu besinnen? Zu wissen, wer wir sind? Kennen wir unsere Literatur überhaupt? (Strauß zitiert Paul Valéry: „Die Dichtung hat die Aufgabe, die Sprache einer Nation in einigen vollendeten Anwendungen zu zeigen.“) Unsere Theologie? Unsere Philosophie? Uns?

Sprechen Sie mit den Menschen in Ihrer Umgebung!

1023: Theodor-Wolff-Preis für Barbara Sichtermann

Montag, September 7th, 2015

Eine der großen deutschen Journalistinnen bekommt den Theodor-Wolff-Preis für ihr Lebenswerk, Barbara Sichtermann. Wir kennen sie aus der „Zeit“ und dem „Tagesspiegel“. Barbara Sichtermann hat auch sehr viel fürs Radio gearbeitet. 25 Jahre saß sie in der Jury des Adolf-Grimme-Preises. Ihre Themen sind Frauen, das Geschlechterverhältnis, Sex, Kinder und das deutsche Fernsehen. Frau Sichtermann ist stets sehr Problem bewusst und gleichzeitig selbstkritisch. Und sie kann schreiben.

Barbara Sichtermann kam aus der zweiten Welle der Frauenbewegung, die aus der Studentenbewegung der sechziger Jahre hervorgegangen war. „Wir haben alles in Frage gestellt und nochmal ganz neu angefangen. Es war eine großartige Zeit.“ Mit diesem Schwung hat die Frauenbewegung schon sehr viel Vernünftiges erreicht, auch wenn die ungleiche Wahrnehmung und Behandlung von Frauen und Männern noch nicht überwunden ist. Aber wir sollten die Erfolge dieser Bewegung nicht gering schätzen.

Barbara Sichtermann ist gelernte Schauspielerin. Sie zog 1968 nach Berlin, um VWL und Sozialwissenschaften zu studieren. Das hat ihr stets genügend Know How und Nüchternheit verliehen. Nach dem sie ein Kind bekommen hatte, begann sie ihre Karriere als Schriftstellerin. Ihre journalistischen Beiträge und Essays waren und sind immer eine gelungene Mischung aus theoretischer Analyse und eigener Erfahrung. 1983 erschien ihr Buch „Weiblichkeit. Zur Politik des Privaten“. Barbara Sichtermann hat gekonnt über Sexualität geschrieben, z.B. über Orgasmen. „Über Sex zu schreiben hat mich gereizt, weil es so schwer ist.“ Die Frauenbewegung hat sie dort zu Recht kritisiert, wie ich finde, wo diese die biologischen Unterschiede zwischen Frauen und Männern bestreitet (Mounia Meiborg, SZ 7.9.15).