Archive for the ‘Literatur’ Category

1153: Islamismus und Front Nationale wollen dasselbe.

Montag, Februar 8th, 2016

Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ („Soumission“) trifft offenbar den Nerv der Zeit. An drei deutschen Bühnen kommt der Stoff gerade heraus: am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, am Staatsschauspiel Dresden und am Deutschen Theater Berlin. Inszeniert wird das Stück in Hamburg von der Intendantin Karin Beier, die Hauptrolle spielt Edgar Selge. Für die SZ (6./7.2.16) hat Alex Rühle die beiden interviewt.

Selge interessiert sich dafür, was noch gültig ist an unserer Kultur, am Christentum, an der Aufklärung. „Nehmen Sie diesen Satz aus dem Roman: ‚Die Idee der Göttlichkeit Christi (…) sei der grundlegende Irrtum, der unausweichlich zu den Menschenrechten und dem Humanismus geführt habe.‘ Da wird alles drei denunziert, Christentum, Humanismus, Menschenrechte. Bei mir bewirkt der Satz aber das Gegenteil. Wir sehen Aufklärung und Christentum als Gegensatz. Vielleicht ist ja das Tolle, dass die Christusfigur erstmals zeigte, was Menschenrechte und Humanismus bedeuten.“

Beier antwortet auf die Bemerkung „Das Provokante des Buches ist der lasche Opportunismus der Pariser Elite, die geschmeidig zum Islam konvertiert.“: „Das ist der Kern. Wie leichtfertig sie alle ihre bis dahin gültigen Werte über Bord werfen. Francois konvertiert nicht aus spirituellen Gründen, sondern genau aus den Gründen, die Houellebecq an der westlichen Gesellschaft kritisiert: der Turboindividualismus, bei dem es nur eine Frage gibt: ‚Was springt für mich dabei raus?‘ Drei Frauen? Gut, ich bin dabei. Dass alle Frauen da beschädigt rausgehen, spielt keine Rolle. Er bringt in seiner Schilderung des sanften Islamismus immer wieder die extremistischen Erzfeinde in Deckung, indem er zeigt, dass Islamisten und Front Nationale dasselbe wollen:

Rückabwicklung der emanzipierten Moderne, rurale Gesellschaft, konservative Rollenmodelle. Einziger Unterschied: die einen mit, die anderen ohne die Muslime.“

1151: Charlotte Rampling 70

Sonntag, Februar 7th, 2016

Sie kam aus dem jungen britischen Kino der sechziger Jahre, das damals Weltruf genoss: Charlotte Rampling, die jetzt 70 Jahre alt wird. In „Georgy Girl“ (1966) war sie eines der beiden naughty girls. Für „45 Years“ hat sie auf der letztjährigen Berlinale den Silbernen Bären bekommen, ihr Partner Tom Courtenay. Charlotte Rampling ist für den Oscar nominiert. Die Proteste von Spike Lee u.a. gegen die geringe Berücksichtigung von Afro-Amerikanern bei den Oscars hat sie so kommentiert: „Ich finde, das geht genau in die andere Richtung, es ist rassistisch gegen Weiße.“ Ängstlich scheint Charlotte Rampling nicht zu sein.

Ihre sagenhafte zeitlose Schönheit, die Kühle, Unnahbarkeit und Leidenschaft gleichzeitig signalisiert, ihre herben Gesichtszüge und ihre grünen Augen präsentierte sie z.B. neben Robert Mitchum in „Farewell, my Lovely“ und Woody Allen in „Stardust Memories“. Für Helmut Newton war sie nackt. 1974 brillierte sie in Liliana Cavanis „Dere Nachtportier“, einem Film, bei dem man nicht wusste, ob Cavani dem Plot, einer KZ-Geschichte, die in einem Wiener Hotel endet, inhaltlich gewachsen gewesen war. 1969 hatte Luchino Visconti sie umgeben von schönen Menschen und in prächtigen Kleidern in „Die Verdammten“ gezeigt (Fritz Göttler, SZ 5.2.16)

1150: Jacques Rivette gestorben

Montag, Februar 1st, 2016

Der 1928 in Rouen geborene Jacques Rivette kam 1949 nach Paris und war von 1963 bis 1965 Chefredakteur der „Cahiers du Cinéma“. Mit den anderen Mitgliedern der

„Viererbande“ Francois Truffaut, Jean-Luc Godard und Eric Rohmer

hat er dem Publikum beigebracht, dass man sehr kundig über Filme schreiben kann und dass ein Gespräch über Kino lohnt. Das war für uns in Zeiten des deutschen Heimatfilms und des Landserfilms nicht ganz selbstverständlich. Es hat uns geholfen. Fritz Göttler (SZ 30./31.1.16) spricht unter Einbeziehung von Claude Chabrol sogar von einer Fünferbande. Aber das stimmt wohl nicht.

Aus den „Cahiers du Cinéma“ heraus jedenfalls wurde Ende der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts die „Nouvelle Vague“ kreiert. Am Vorbild des US-Kinos, nota bene. Nicht nur Alfred Hitchcock wurde gefragt, wie er es gemacht habe. Und die Redakteure machten schließlich selbst Filme. Auch Jacques Rivette.

1958 kam „Paris gehört uns.“.

Rivette verstand sehr viel vom Theater (wie sein Kollege Alain Resnais), von der Literatur und von Paris. In den „Cahiers“ erschienen inhaltsreiche Interviews mit Roland Barthes, Pierre Boulez und Claude Lévi-Strauss.

Rivette sagte: „Ich strebe an, dass den Zuschauer der Eindruck eines permanent gestörten Gleichgewichts beschleicht, so, als wenn er auf einer Pyramide aus Stühlen sitzt, die jeden Augenblick einstürzen könnte.“ Kaum ein anderer Filmemacher hat sich so wenig wie er darum gekümmert, ob seine Filme ein Geschäft werden konnten. Das erschien uns seinerzeit vorbildlich. Rivettes Filme schienen dokumentarischen Charakter zu haben und entfalteten hier und da doch magische Kraft. Er selbst wirkte auf viele meistens asketisch. In seinen Filmen mischten sich manchmal die Götter wie selbstverständlich unter die Menschen.

„Die Nonne“ war ein Skandal. In „Die schöne Querulantin“ (nach Balzacs „Das unbekannte Meisterwerk“) brillierten Emmanuelle Béart und Michel Piccoli. Einige Filme Rivettes hatten Überlänge und sind heute nicht mehr so wichtig. In seinen besten Filmen ging er von Schauspielerinnen aus. Körperliche Präsenz, physisches Spiel, Stimme und Körper waren ihm das Wichtigste. Man kann sich manchmal in seinen Filmen den Bewegungen nicht entziehen, wenn die Kamera lange dranbleibt an den Menschen und dabei immer neu den Raum definiert.

Jacques Rivette ist in Paris gestorben (Verena Lueken, FAZ 30.1.16; Ralph Eue, Die Welt 30.1.16).

1133: Hass stärkt die Darstellungskraft.

Montag, Januar 11th, 2016

So bei dem Schriftsteller Klaus Ungerer (geb. 1969), der mit dem Fahrrad in Berlin unterwegs war und der in der Einleitung einer Lobrede auf

Arnold Zweig (1887-1968)

schreibt (Literarische Welt 9.1.16):

„Mein Hass auf all die Deppen ist nach wie vor sehr groß. Thomas Mann zum Beispiel. Thomas Mann mit seinem gespreizten Getue, seinem Dünkel, mit seiner Eigenheit, durch alle Zeiten hinweg oben zu schwimmen wie ein Wasserball, eine Wasserleiche – so wie aufgeblasene Dinge eben stets oben zu treiben belieben.

Also, dieser Hass ist neulich noch schlimmer geworden. Ich war in Pankow unterwegs, kreuz und quer mit dem Rad, geschichtssattes Huckelpflaster allenthalben, ich fuhr durch die Brixener Straße, ich kurvte am Rudolf-Ditzen-Weg vorbei, passierte retour die Homeyerstraße, ich freute mich an der prächtigen Heinrich-Mann-Straße und dass die jüngst erst eingeweihte Beatrice Zweig ihm begegnet – und zuckte um so machtvoller zusammen, dass Heinrich Mann, der große Demokrat, dann ungefragt einmündet in den Geschenkbuchesoteriker Hesse. Das hätte doch irgendjemand verhindern müssen.“

1120: Göttingen: „Provinzielle Arroganz und Hybris“ bis heute ?

Samstag, Januar 2nd, 2016

Seine „Harzreise“ unternahm Heinrich Heine vom 14. bis 21. September 1824. Göttingen kam dabei nicht gut weg, aber auch Orte wie Northeim, Osterode und Clausthal-Zellerfeld nicht, soweit sie überhaupt vorkamen. Die Stadt Göttingen sei „berühmt durch ihre Würste und Universität“, sie gefalle einem am besten, „wenn man sie mit dem Rücken ansieht“. „Die Zahl der Göttinger Philister muss sehr groß sein, wie Sand, oder besser gesagt, wie Kot am Meer“. Als Student war Heine zweimal in Göttingen und machte hier am Ende seinen Doktor der Jurisprudenz, ohne das Fach besonders zu schätzen. In der Stadt kannte er vier Stände, Studenten, Professoren, Philister und Vieh. „Der Viehstand ist der bedeutendste.“ Das machte ihn bei den Göttingern nicht beliebt, wie er ohnehin vielen Lesern auch anderswo zu frech, zu kess, zu respektlos erscheint. De facto eine seiner größten Stärken.

Insofern ist Heine für ein modernes Stadtmarketing nicht so leicht zu verwerten wie etwa Karl-Friedrich Gauß (vgl. z.B. Michael Kehlmann: Die Vermessung der Welt). Für Heine war Göttingen wichtig, aber doch nicht so wichtig wie manche Göttinger denken. Die „Harzreise“ war hauptsächlich eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Wie andere Werke von ihm auch. Und Göttingen, das als Universitätsstadt ursprünglich für den Geist des Fortschritts, der Aufklärung und der Moderne stand, war zu Heines Zeit in eine beidermeierliche Phase eingetreten, wie der gegenwärtige Stadtarchivar Göttingens, Dr. Ernst Böhme, ein geborener Göttinger, behauptet. „Die provinzielle Arroganz und Hybris, sich immer mit den größten Universitaten der Welt zu messen und sich für den Nabel der wissenschaftlichen Welt zu halten“, sei bis heute eine Schwäche Göttingens, meint Böhme (Harald Hordych, SZ 2./3.1.16). Wir sehen also, dass – bei weitem – genug Selbstkritik vorhanden ist.

Heute muss sich Göttingen ja mit „Weltuniversitäten“ wie Eichstätt, Paderborn und Esslingen vergleichen … Eine Folge der bizarren Wissenschaftspolitik in Europa und Deutschland. Heinrich Heines „Harzreise“ ist für diejenigen, die lesen können, eine Reise in die Freiheit und ein Manifest für den freien Geist, den es gerade heute zu verteidigen gilt. Wo islamistischer Terrorismus einerseits und akademischer Mief andererseits die Welt bedrohen.

1115: Hannah Arendt war keine Dichterin.

Montag, Dezember 21st, 2015

Hannah Arendt (1906-1975) war eine große politische Theoretikerin, wohl unsere größte, aber sie war keine Dichterin. Das zeigen 70 Gedichte Arendts, die jetzt publiziert werden, von denen aber nur acht (8) noch nicht veröffentlicht sind:

Hannah Arendt: Ich selbst, auch ich tanze. Die Gedichte. München (Piper) 2015. 158 S., 20 Euro.

In ihrem Nachwort betont die Berliner Germanistin Irmela von der Lühe, die einmal in Göttingen gelehrt hat, wie viel Raum Dichtung und Kunst in Hannah Arendts Denken beansprucht haben. Und die deutsche Sprache, obwohl sie ihre letzten politologischen Publikationen auf Englisch geschrieben hat, so dass sie ins Deutsche übersetzt werden mussten. Wir erinnern uns an Arendts Satz in dem berühmten Fernseh-Interview mit Günter Gaus von 1964: „Es ist ja nicht die deutsche Sprache, die verrückt geworden ist.“

Die 70 Gedichte stammen aus 40 Jahren. Die aus den Jahren 1923 bis 1926 waren erkennbar an ihren Geliebten Martin Heidegger (1889-1976) gerichtet. Die Gedichte von 1942 bis 1961 kommen bereits aus dem US-amerikanischen Exil. Aber für Hannah Arendt waren – im Gegensatz zu vielen anderen Exilanten – die USA zur Heimat geworden. Arendts Gedichte scheinen von Friedrich Hölderlin (1770-1843) und Rainer Maria Rilke (1875-1926) beeinflusst. Gar nicht von Else Lasker-Schüler (1869-1945) und Gottfried Benn (1886-1956), einem anderen großen Liebespaar (Ina Hartwig, SZ 21.12.15).

Es bleiben uns Hannah Arendts große und bedeutende Werke:

– Der Liebesbegriff bei Augustin 1928,

– Rahel Varnhagen 1933/38,

– Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft 1951,

– Vita Activa 1960,

– Eichmann in Jerusdalem 1963 (ihr größtes Werk),

– Über die Revolution 1963,

– Macht und Gewalt 1970.

Und es bleiben uns die ganz einzigartigen Briefwechsel mit Kurt Blumenfeld, Heinrich Blücher, Hermann Broch, Martin Heidegger, Karl Jaspers, Uwe Johnson, Mary McCarthy, Gershom Scholem und Paul Tillich (alle im deutschen Buchhandel greifbar) und ihre Erinnerungen an Walter Benjamin.

Mit Schrecken erinnere ich mich daran, dass Hanna Arendt eine Zeit lang bei uns 68ern verpönt, weil nicht PC war. Denn sie hatte ja maßgeblich an der Ausarbeitung der

Totalitarismus-Theorie

mitgewirkt. Eine schlimme Tatsache. Heute haben wir sogar ihre Gedichte.

 

1107: Elias Canetti „Das Buch gegen den Tod“

Dienstag, Dezember 8th, 2015

Seit 1942 hat Elias Canetti (1905-1994) Gedanken gegen den Tod notiert. Sehr viele. Ein Drittel von Canettis hinterlassenen Aufzeichnungen sind mit dem Tod befasst. Das war eine fixe Idee von ihm. Aber er hat daraus nie ein Buch gemacht, sondern einzelne Aspekte in verschiedenen Anthologien erscheinen lassen. Das Buch kommt erst jetzt heraus in einer Edition unter der Leitung seiner Tochter Johanna Canetti:

Das Buch gegen den Tod. Mit einem Nachwort von Peter von Matt. Frankfurt/Main (S. Fischer) 2015, 352 S., 10,99 Euro.

Das Buch enthält viele unveröffentlichte Stücke. Es beschimpft den Tod, macht ihn herunter, denunziert ihn, versucht, ihn seiner Allmacht zu berauben. Natürlich ist es ein Buch gegen Gott. Es wird vom Paradox bestimmt. Canetti wird persönlich böse gegen Nietzsche und Max Frisch und andere.

Weiterführend ist ein Vergleich mit den Einordnungen des Todes an anderer Stelle: als Teil des Lebens, als Sinn des Lebens, als Übergang in die ewige Seeligkeit und was der verständlichen, aber inplausiblen Einordnungen mehr sind. Cabettis Buch ist nichts für zarte oder fromme Seelen. Verschonen wir sie damit. Das ertragen sie nicht.

Aber wir dürfen das Buch doch lesen, in dem Canetti schreibt: „Mich zwingt niemand am Leben zu bleiben. Darum liebe ich es so. Es ist wahr, die Späteren, bei denen der Tod verpönt sein wird, werden diese eine größte Spannung nicht mehr kennen, und sie werden uns um etwas beneiden, auf das wir mit Freuden verzichtet hätten.“ (Fritz Göttler, SZ 8.12.15)

1101: Christian Brückner hat Lust zu lesen.

Montag, November 30th, 2015

Christian Brückner, 72, ist der bekanntste Synchronsprecher der Republik. 1969, als ich beim Fernsehen von Radio Bremen mein Volontariat machte, kam er mir schon wie ein alter Hase vor. Seinen Durchbruch hatte er 1967 als Clyde (Warren Beatty) in Arthur Penns „Bonnie und Clyde“ gehabt. Brückner ist die Stimme von Robert de Niro und von Woody Allen in all den Allen-Filmen, in denen Woody als Star noch vorkommt. Nun haben Alexander Hagelüken und Jan Willmroth Christian Brückner für die SZ (27.11.15) interviewt.

SZ: Wie sehr unterscheiden sich die Gagen?

Brückner: Als ich da reinschlitterte, überraschte mich, was für gutes Geld es gab. 300 bis 500 Mark pro Drehtag beim Film, Ende der Sechzigerjahre. Beim Hörfunk gab es Ende der Siebzigerjahre 1.200 Mark für eine Stunde gesprochene Literatur. Das war viel Geld. Ich hatte ja beim WDR den Ruf: Dem Brückner kannst du das Kapital von Karl Marx hinlegen, der liest das einfach so, ohne Vorbereitung. Aber das finde ich unredlich. Ich bereite mich immer sehr lange vor. Wenn ich die Vorbereitung messen würde, verlöre ich den Mut.

SZ: Stimmt es, dass der Regisseur Martin Scorsese Sie persönlich auswählte für Ihren ersten de Niro-Film „Taxi Driver“?

Brückner: Das war auch bloß ein Casting.

SZ: Sie zicken mit Ihrer Stimme ja gar nicht rum. Sie stehen am offenen Fenster, es ist kalt, ein anderer Künstler würde Rosenöl einwerfen oder so.

Brückner: Habe ich nie gemacht. Ich bin ganz selten krank gewesen im Lauf von 40 Jahren. Das gehört auch zu der Disziplin. Du gibst dem einfach nicht nach. Selbst wenn ich eine Nacht durchgesoffen hatte, war ich morgens bereit. … Ich glaube, der wahre Grund für meine Arbeit ist ein erotischer. Ich meine damit: Es ist die Lust am Lesen.

SZ: Erkennen die Leute Ihre Stimme?

Brückner: Ja, dauernd. Inzwischen sprechen sie mich auch oft als Christian Brückner an. Das Schönste sind die Menschen, die mir inzwischen sagen: „Mit Ihnen bin ich aufgewachsen.“ Das finde ich Wahnsinn, da schmilzt mir das Herz.

1093: Wie Kafkas kleine Schwester nach Auschwitz kam.

Dienstag, November 24th, 2015

Franz Kafka (1883-1924) gilt bei vielen Fachleuten als der größte deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Die unzähligen wissenschaftlichen Veröffentlichungen über ihn kennt wahrscheinlich keiner. Ich als Nicht-Philologe schon gar nicht. Das letzte, was ich über Franz Kafka gelesen habe, war die Biografie des berühmten, 1932 in Prag geborenen Holocaust-Forschers Saul Friedländer, der den „Preis der Leipziger Buchmesse“ und den „Friedenspreis des deutschen Buchhandles“ erhalten hat:

Franz Kafka. München (C.H. Beck) 2012, 252 S.

Darin findet sich über Kafkas Familie nach seinem Tod 1924 fast nichts. Nun hat Anna Hájkova, eine Historikerin an der Universität von Warwick (Coventry), uns über das Leben und Sterben von Kafkas Schwestern Valli, Elli und Otilie (Ottla) ins Bild gesetzt (SZ 24.11.15). Die beiden älteren Schwestern Valli und Elli kamen 1941 ins Ghetto von Lodz und wurden 1942 in Chelmno ermordet. Kafkas Lieblingsschwester

Ottla, geb. 1892,

welche die meisten von uns aus den Briefen ihres berühmten Bruders kennen, heiratete 1920 gegen den Widerstand der beiden Familien den Nicht-Juden Josef David, einen Kollegen ihres Bruders bei der Prager Arbeiter-Unfall-Versicherung. Die Familie David sah in Ottla und ihren beiden Töchtern stets nicht willkommene Jüdinnen. Im Protektorat Böhmen und Mähren machte Josef David Karriere, er wurde Generalsekretär des Krankenversicherungsverbands.

1940 reichte er die Scheidung ein. Wir wissen, dass viele „Mischehen“ nur zum Schein geschieden wurden, um den Besitz zu retten und weiter zusammen leben zu können. Niemand ahnte, dass ab Herbst 1941 die Deutschen die Juden systematisch deportieren und später ermorden würden, und dass eine Mischehe vor Deportation schützen konnte.

Ottla kam im August 1942 nach Theresienstadt und arbeitete dort überwiegend als Krankenschwester. Im August 1943 wollte Heinrich Himmler 1.200 Kinder aus dem kurz vorher liquidierten Ghetto von Bialystok, die inzwischen in Theresienstadt waren, an jüdische Hilfsorganisationen verkaufen. Diese aber brachten den Kaufpreis nicht auf. So wurde am 7. Oktober 1943 in Theresienstadt ein Transport von 1249 Menschen zusammengestellt, darunter Ottla Davidova, Kafkas Schwester, und nach Auschwitz-Birkenau transportiert. Dort wurden sie sofort in den Gaskammern ermordet.

1090: „Paris – ein Fest fürs Leben“

Sonntag, November 22nd, 2015

Paris war für viele von uns ein Sehnsuchtsort. Und ist es trotz aller Terroranschläge bis heute geblieben. Auch wenn ich, der zum ersten Mal 1962 dort war, die Stadt inzwischen weit besser kennengelernt habe. Unsere Freunde wohnen mitten in der Stadt. Unser Sohn hat dort studiert und gearbeitet. Paris ist eine Weltstadt. Ein Zentrum der Freiheit in Europa, auch wenn es in den Banlieues manchmal anders aussieht.

Ernest Hemingway

schrieb 1950 an einen Freund: „Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst, denn

Paris ist ein Fest fürs Leben.“

Hemingway wurde von 1921 bis 1926 in Paris zum Schriftsteller. Er verkehrte im Salon von Gertrude Stein und in der Buchhandlung von Sylvia Beach. Dann kam

„Fiesta“.

Als er viele Jahre später, 1957, von Depressionen geplagt wurde, begann er sein Erinnerungsbuch

„Paris ein Fest fürs Leben“

zu schreiben, um darüber hinwegzukommen. Das Buch erschien 1964 erst nach seinem Tod im Jahr 1961. Ich lese in der Ausgabe meiner Frau von 1971. Das Buch stand in der letzten Woche plötzlich auf

Platz eins

der Bestsellerlisten (FAZ 21.11.15).