Archive for the ‘Literatur’ Category

1305: Henryk M. Broder 70

Donnerstag, September 1st, 2016

Henryk M. Broder gehört zu den besten deutschen Journalisten. Konflikten weicht er nicht aus. Manchmal scheint er sie zu suchen. Er scheut nicht davor zurück, über Autos zu schreiben. Seit den siebziger Jahren sind seine Hauptgegner die Linken und die Antisemiten. In unnachahmlicher Weise enttarnt er die als Antizionisten getarnten Antisemiten. In den achtziger Jahren wurde es für ihn so ungemütlich in Deutschland, dass er für zehn Jahre nach Israel übersiedelte. Zum Glück kam er mit der deutschen Vereinigung zurück. Er kennt Israel heute noch sehr gut und hält sich häufig dort auf.

Broder ist in Kattowice geboren und kam 1958 mit seinen Eltern, Auschwitz-Überlebenden, nach Deutschland. Er studierte Rechtswissenschaften, Soziologie und Volkswirtschaft und gelangte schnell in den Journalismus. Zuerst zu den „St. Pauli Nachrichten“, wo er früh Stefan Aust kennenlernte, der jetzt bei der „Welt“ wieder sein Chef ist. Broder hat für viele führende Blätter geschrieben, den „Spiegel“, den „Tagesspiegel“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. (Michael Hanfeld, FAZ 20.8.16, Leon de Winter, „Die Welt“ 20.8.16) Viele halten ihn für einen Workoholic, der auch noch sehr viele gut lesbare Bücher geschrieben hat. Besonders erfolgreich: „Linke Tabus“, „Der ewige Antisemit“ und „Hurra, wir kapitulieren!“.

Mit dem aus Ägypten stammenden Autor Hamed Abdel-Samad hat Broder kürzlich im Fernsehen „Entweder Broder – Die Deutschland Safari“ gemacht, eine Reihe mit vielen ungewöhnlichen Erkenntnissen, unverwechselbar. Auch im Institut in Göttingen hat uns Broder häufig durch seinen Witz und seinen Einfallsreichtum bereichert und belehrt. Herzlichen Dank dafür.

1304: Hermann Kant ist tot.

Donnerstag, September 1st, 2016

Hermann Kant ist tot. Anlässlich seines 90. Geburtstags hatte ich hier am 14.6.16 unter 1259 über sein Schriftstellerleben geschrieben. Er bleibt uns in Erinnerung als

„zwiespältige Figur“.

Er war einmal ein Schriftsteller von „großer Härte, Helligkeit und höhnisch-heiterer Ironie“ und zum zweiten ZK-Mitglied, Präsident des Schriftstellerverbands der DDR und Zuträger der Staatssicherheit. Darin war er ganz entschieden. Als Schriftsteller wurde er u.a. gelobt von Marcel Reich-Ranicki.

Hermann Kant ist nicht nur zu verstehen als SED-Funktionär. Denn er hat Schriftstellern wie Erich Loest in mühsamen Querelen mit der Kultusbürokratie auch zu Druckerlaubnissen verholfen. Das hat in seiner „Akte Kant“ 1995 sogar der „unnachsichtigste aller Stasi-Jäger“, Karl Corino, eingeräumt.

„Hermann Kant, 1926 in Hamburg geboren und jetzt in Neustrelitz gestorben, wird ohne Frage in den Dichterhimmel aufsteigen, in dem, ungeachtet ihrer irdischen Lügen und Charaktermängel, die deutschen Ironiker seit je die Nachwelt mit ihren halsbrecherischen Späßen und abgründigen Melancholien unterhalten. Auch der sozialistische Mensch ist nur ein Gleichnis – eine Spielform des universalen Scheiterns, das allein Kunst uns erträglich macht.“ (Jens Jessen, Die Zeit 18.8.16)

1291: Julius Schoeps misstraut Ignaz Bubis.

Freitag, Juli 22nd, 2016

Der bekannte jüdische Historiker Julius H. Schoeps, der inzwischen emeritiert ist, hat ein Buch über seine Begegnungen mit anderen Juden herausgegeben, die sich ebenso wie er sehr mit dem Verhältnis von Juden und Deutschen beschäftigt haben:

Julius H. Schoeps: Begegnungen. Berlin (Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag) 2016, 421 S., 22,95 Euro (Klaus Hillenbrand, taz 16./17.7.16).

Wir erfahren sehr viel über Philipp Auerbach, den Konservativen Ernst J. Cramer, der im Springer Verlag Karriere machte, den linken Historiker Walter Grab, der in Tel Aviv blieb, und den Friedensaktivisten Uri Avnery (Helmut Ostermann), der sich bei der israelischen Obrigkeit unbeliebt machte. Pikant ist die Darstellung der Begegnung mit Ignaz Bubis, dem 1999 gestorbenen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, dem es Schoeps nicht nachsehen kann, dass er sich in Israel begraben ließ. Schoeps zieht daraus den Schluss, dass Bubis daran gezweifelt habe, dass Deutschland ein Ort für Juden sei. Hier bewegt sich Schoeps ganz in den Fußstapfen seines Vaters, des bereits 1946 aus dem Exil zurückgekehrten Religionshistorikers Hans-Joachim Schoeps.

1276: Lou Andreas-Salomé-Film – künstlerisch überzeugend

Dienstag, Juli 5th, 2016

Der Spielfim „Lou Andreas-Salomé“ (Regie: Cordula Kablitz-Post; Darsteller: Katharina Lorenz, Nicole Heesters, Katharina Schüttler, Alexander Scheer; D 2016; 113 Min.), der jetzt in den Kinos anläuft, wird dem Leben der am Ende in Göttingen lebenden Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas-Salomé (1861-1937) künstlerisch vollkommen gerecht. Zustandegekommen war er unter Beratung von Mitgliedern des Göttinger Lou Andreas-Salomé-Instituts für Psychoanalyse und Psychotherapie (Dr. Inge Weber, Dr. Brigitte Rempp). Das „Lumière“ in Göttingen war bei seiner Präsentation mehrmals ausverkauft.

Weitere Termine dort: 6.7., 20 Uhr; 7.7., 19 Uhr; 10.7., 19 Uhr; 11.7., 19 Uhr; 12.7., 21 Uhr; 13.7., 19 Uhr. Die Regisseurin ist am 10.7. anwesend.

Der Film fängt das Leben der in St. Petersburg geborenen Schriftstellerin und Psychoanalytikerin treffend ein. Sie war Zeit ihres Lebens an Freiheit, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung, Inidividualismus und Emanzipation interessiert. Und an heute berühmten Männern wie Friedrich Nietzsche, Rainer Maria Rilke und Sigmund Freud. Den meisten von ihnen verdrehte sie den Kopf, beharrte aber auf ihrer Selbständigkeit.

Die Stärke des Films besteht im Casting, weil Katharina Lorenz und Nicole Heesters, welche die Lou zwischen 21 und 50 sowie über 50 verkörpern, ihr wunderbar im Aussehen und in der Darstellung nahekommen. Katharina Lorenz ist sehr schön. Der Film hat Göttinger Lokalkolorit. Ästhetisch zeigt er Ortswechsel (St. Petersburg, Zürich, Rom, Berlin, Göttingen, Wien) sehr gelungen mit Postkarten an.

Weitere Männer, die in Lous Leben wichtig waren, wie ihr Konfirmator Hendrik Gillot in St. Petersburg, ihr angetrauter Ehemann Friedrich Carl Andreas, ein Orientalist, ihr Liebhaber in Wien, Friedrich Pineles, und Ernst Pfeiffer, der ihr in Göttingen ihre „Lebenserinnerungen“ entlockt hat, bekommen im Film eine wirkliche Chance. Sigmund Freud, den sie mit 50 entdeckt hat, hielt sie für die „Dichterin der Psychoanalyse“. Er hat sie als wissenschaftlich gleichberechtigt akzeptiert und gelobt. Das zeigt ihr Briefwechsel.

So arbeitet der Film ein Motto Lous überzeugend heraus: „Wir wollen doch sehn, ob nicht die allermeisten sogenannten ‚unübersteiglichen Schranken‘, die die Welt zieht, sich als harmlose Kreidestriche herausstellen.“ Der ästhetische Kniff des Films, mit der Bücherverbrennung der Nazis im Mai 1933 zu beginnen, damit Lou in keinem Fall politisch falsch verstanden wird, verweist auf Eigenschaften Lous, die uns möglicherweise weniger überzeugen, die aber im Film auch gar nicht vorkommen.

Der Film ist unbedingt sehenswert.

1259: Hermann Kant 90

Dienstag, Juni 14th, 2016

Hermann Kant hatte das Pech, Schriftsteller in der DDR und als Nachfolger von Anna Seghers ab 1978 Präsident des Schriftstellerverbands der DDR zu sein. Denn Kant war ein großer Schriftsteller, der sich mit seinen drei Romanen „Die Aula“ (1965), „Das Impressum“ (1974) und „Der Aufenthalt“ (1977) einen festen Platz in der deutschen Literaturgeschichte erschrieben hat. Er hat in seinen jungen Jahren als Journalist gearbeitet und viele Erzählungen geschrieben. Darin fing er den „Stagnationssozialismus“ ein.

Als überzeugter Kommunist und Schriftsteller-Funktionär wurde Kant zwangsläufig in die Machtspiele von SED und Staat verwickelt. Und dabei hat er wohl keine rühmliche Rolle gespielt. Etwa als am Ende der siebziger Jahre nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 „unbotmäßige“ Kollegen wie Adolf Endler oder Stefan Heym gemaßregelt wurden. Kants Gegner behaupten, es sei ihm immer nur um seine Machtposition gegangen. Kant hat sich dagegen – insgesamt wohl vergeblich – verteidigt. Zuletzt in seinen Erinnerungen mit dem Titel „Abspann“ 1991.

Hermann Kant hatte nach dem Krieg, an dem er als Wehrmachtssoldat noch teilgenommen hatte, er geriet in Polen in Gefangenschaft, zunächst an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF) in Greifswald studiert. Daran schloss sich das Studium der Germanistik an der Humboldt-Universität Berlin an. Kant wurde Assistent von Alfred Kantorowicz, einem bekannten Spanienkämpfer. Um seiner Verhaftung zu entgehen, floh Kantorowicz 1957 nach West-Berlin. Kant blieb in der DDR.

In seinem ersten großen Roman „Die Aula“ lässt Kant einen sehr unsympathischen Antifaschisten vorkommen und berichtet ausführlich von einem Republikflüchtling. Dieser „Quasi“ Riek war organisatorisch und rhetorisch sehr versiert. Er verließ die ABF in Richtung Westen. Wahrscheinlich im Auftrag der Stasi als „Kundschafter“ (Jens Bisky, SZ 14.6.16). Ich habe die Romane Hermann Kants in den siebziger jahren gerne gelesen.

 

1234: Tilman Lahme: Die Manns – ein großartiges Buch

Mittwoch, April 27th, 2016

Kürzlich erst habe ich die Lektüre von

Tilman Lahme: Die Manns. Geschichte einer Familie. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2015, 479 S.,

beendet. Es ist ein großartiges Buch. Gestützt auf umfangreiches, teilweise bisher nicht ausgewertetes Quellenmaterial (insbesondere Briefe) und die ausgedehnte Forschungsliteratur zur Familie Mann. Tilman Lahme hatte 2009 bereits vorgelegt

Golo Mann. Biographie. Frankfurt am Main (S. Fischer), 551 S.

Er ist ein ausgewiesener Mann-Forscher. Er schreibt flüssig und ist sehr gut lesbar. Und so bekommen wir in sehr vielen Facetten das Leben einer hochneurotischen Künstlerfamilie geschildert, in der fast alle schrieben, die von Tablettenmissbrauch und Homosexualität geprägt wurde und die in vielen Fällen in den Selbstmord und in die Psychiatrie führte. Lahme bietet Neues, obwohl wir ja beispielsweise über die Familie Mann ziemlich gut informiert sind. Etwa durch die Forschungen von Marianne Krüll, die aus feministisch-emanzipatorischer Perspektive den Patriarchalismus herausgearbeitet hat. Der Fall Heinrich Mann, der etwa von seinem Bruder finanziell abhängig war, kommt nur am Rande vor.

Es geht um

Thomas Mann (1875-1955), Katja Mann (1883-1980), Erika Mann (1905-1969), Klaus Mann (1906-1949), Golo Mann (1909-1994), Monika Mann (1910-1992), Elisabeth Mann (1918-2002), Michael Mann (1919-1977).

Mehrere aus der Familie gestartete Musikerkarrieren scheitern mehr oder weniger. Michael Mann, der als Bratscher reüssieren wollte, endet 1977 als US-amerikanischer Germanistikprofessor im Selbstmord. Er ist der Vater von Thomas Manns „Lieblingsenkel“ Frido. Thomas Manns viele politische Fehlurteile werden von Lahme exakt vorgeführt. Klaus Mann, der es als bekennender Schwuler zu Lebzeiten schwer hat, ist heute zumindest unter Fachleuten als Autor anerkannt. Bei seiner Beerdigung 1949 in Cannes ist die Familie verhindert bis auf Michael, der ihm ein Bratschenkonzert spielt. Golo Mann ist in der Familie der seriöse Einzelgänger und Berater. Er macht als Wissenschaftler Karriere und als Politikberater (z.B. von Willy Brandt), ist aber schwermütig. Gegen Ende seines Lebens erweist er sich als Anhänger von Franz Josef Strauß.

Es entspricht wahrscheinlich meiner chauvinistischen Weltsicht, dass ich die Leistungen von Erika, Monika und Elisabeth Mann nicht für so bemerkenswert halte.

Thomas Man hat die Romane „Buddenbrooks“ (1901), „Der Zauberberg“ (1924), die Joseph-Tetralogie (1933-1943), „Doktor Faustus“ (1947) und „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1954) veröffentlicht.

Klaus Mann „Mephisto“ (1936) und die Autobiografie „Der Wendepunkt“ (1952).

Golo Mann die „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ (1958) und „Wallenstein“ (1971).

1216: Die Eroberung des Kurfürstendamms

Sonntag, April 10th, 2016

1931 erschien bei Rowohlt Gabriele Tergits Roman

Käsebier erobert den Kurfürstendamm.

2016 erlebt er seine Wiederauflage (Frankfurt am Main, 400 Seiten, 24,95 Euro). Gabriele Tergit war das Pseudonym der Journalistin Elise Hirschmann, die 1894 in Berlin geboren worden war. Sie arbeitete früh für Zeitungen. Seinerzeit beherrschten drei Verlagshäuser die Szene:

Ullstein, Mosse und Scherl.

Darüber wäre sehr vieles zu sagen. Gabriele Tergit jedenfalls arbeitete für das

Berliner Tageblatt,

das bei Mosse erschien (vgl. W.S.: Rudolf Mosse 1843-1920. In: Heinz-Dietrich Fischer /Hrsg./: Deutsche Presseverleger des 18. bis 20. Jahrhunderts. Pullach bei München 1975, S. 204-213). Die Nazis hassten sie und überfielen 1933 ihre Berliner Wohnung. Gabriele Tergit floh über Prag und Palästina nach London, wo sie 1982 starb (Jens Bisky, SZ 2./3.4.16).

In nur sechs Wochen soll die Journalistin den Roman geschrieben haben, der von den Erfahrungen der Reporterin lebt, vom genauen Blick auf Details, darauf, was die Wohnungseinrichtung über Menschen erzählt, wie einer mit Taxifahrern umgeht, wie man sich Liebesdinge schönredet. Der Roman war so plastisch und wirklichkeitssatt, dass er wenig ausgedacht wirkte. „Tergit erzählt von denen, die glauben, am großen Rad zu drehen, die zu den besseren Kreisen sich zählen, und dabei erfahren, dass sie ihr Ich viel zu wichtig nehmen, …“ Der Roman ist das Zeitbild einer Stadtgesellschaft, die ins Rutschen gekommen ist. Die Diagnose teilt er mit

Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ (1932) und

Erich Kästners „Fabian“ (1931).

 

1211: Edgar Hilsenrath 90

Sonntag, April 3rd, 2016

1971 erschien der epochale Roman

„Der Nazi und der Frisör“

von Edgar Hilsenrath, der gerade 90 Jahre alt geworden ist. In ihm schlüpft der NS-Massenmörder Max Schulz nach 1945 in die Identität des von ihm ermordeten Itzig Finkelstein und gibt in Palästina den überzeugten Zionisten. In den Feulletons fand dieses Werk enorme Beachtung und erlebte schnell mehrere Auflagen. Hilsenrath hatte mit den Mitteln der Groteske und der Verfremdung gearbeitet, um den seinerzeit in Deutschland aufkommenden „Philosemitismus“ zu bekämpfen. Er wollte den Deutschen das „Martin-Buber-Hafte“ austreiben.

Hilsenrath war 1926 als Jude in Leipzig geboren worden. Mit der Familie floh er 1938 nach Rumänien, wo er eine glückliche Zeit erlebte, bis er ins Arbeitslager Moghilew-Podolsk deportiert wurde. Nach der Befreiung durch die Rote Armee schlug er sich zu Fuß nach Czernowitz und schließlich nach Bukarest durch, wo Zionisten die illegale Ausreise nach Palästina organisierten. 1947 siedelte Hilsenrath nach Lyon über, wo sein Vater überlebt hatte. 1951 ging er in die USA, wo er als Kellner arbeitete und im Cafè schrieb. Hier erschien sein erster Roman „Nacht“, in dem er seine persönlichen KZ-Erlebnisse verarbeitete. Geschildert wird u.a. der mörderische Kampf von Ghettoinsassen untereinander. Seit 1974 lebt Edgar Hilsenrath in Berlin-Friedenau.

Hilsenrath war einer der ersten, die ohne Beschönigung mit dem Naziterror abrechneten. Literarisch avanciert liefert er Erkenntnisse, die noch nicht allgemein akzeptiert waren und fand wohl auch nicht gleich den richtigen Verlag. Erst 2003 erschienen im Dittrich-Verlag seine „Gesammelten Werke“ in zehn Bänden. Die grotesken Elemente in Hilsenraths Büchern haben noch manchen Streit provoziert. 1980 erschien der Roman „Bronskys Geständnis“. 1989 „Das Märchen vom letzten Gedanken“, in dem der Schriftsteller vom türkischen Genozid an den Armeniern erzählt. Dafür erhielt er 2006 den armenischen Staatspreis. Nach Helmut Böttigers Meinung wären die Bücher Edgar Hilsenraths als Schullektüre vielem vorzuziehen, was als kanonisch gehandelt wird (Helmut Böttiger, SZ 1.4.16; Andreas Platthaus, FAZ 2.4.16).

1210: Geschichten von Frauen und Geschichten von Männern

Sonntag, April 3rd, 2016

Die 1967 in Kanada geborene Schriftstellerin Rachel Cusk hat sich den Titel „meistgehasste Schriftstellerin Großbritanniens“ wohl hauptsächlich durch ihr Buch „Aftermath“ verdient, in dem sie über das Scheitern ihrer Ehe schreibt und dabei vom „menschlichen Bedürfnis nach Krieg“ fabuliert. Ihre Weltsicht erscheint vielen Lesern pessimistisch. Thomas David hat sie für die „Literarische Welt“ (26.3.16) interviewt.

Literarische Welt: Welche falschen Geschichten schaden uns am meisten?

Cusk: Es gibt einen großen Unterschied zwischen den Geschichten von Männern und denen von Frauen. Viele Frauen klammern sich an das Märchen vom Happy End und benutzen ihre unerschütterliche Hoffnung als den Mechanismus, der alles am Laufen hält. Der männliche Erzählmodus, der unsere Kultur am nachhaltigsten prägt, ist der der Ironie. Ironie als „way of life“, als Modus einer permanenten Verunglimpfung und Herabsetzung. Dies ist in der amerikanisierten Kultur besonders ausgeprägt, und ich würde es meinen Kindern deshalb zum Beispiel nie erlauben, „Die Simpsons“ zu sehen. Diese Serie ist zwar extrem geistreich und witzig in der Kommentierung des Tagesgeschehens und der Beobachtung gesellschaftlicher Fragen. Aber zugleich ist es absolut tödlich, wenn jemand etwas mit Intelligenz beobachtet und diese Beobachtung zugleich aber durch Humor neutralisiert. Dies ist Ausdruck einer unglaublichen Passivität, die niemals in der Lage sein wird, etwas zu bewirken oder richtigzustellen.

1209: Müller zerpflückt Biller.

Freitag, April 1st, 2016

Maxim Billers neuer Roman

Biografie. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2016, 896 S., 29,99 Euro,

ist erschienen (vgl. hier Nr. 1195, 1197). Daniel Kehlmann (Österreich) und Edgar Keret (Israel) sollen ihn schon positiv besprochen haben. So weit bin ich noch nicht. Aber Lothar Müller widmet ihm in der SZ (30.3.16) eine ausführliche Rezension. Darin lässt er fast kein gutes Haar an dem Roman.

Müller sieht in dem Werk eine „über weite Strecken hochtourig leerlaufende Stilübung“. Es stecke ein großer Kraftakt darin, den einmal angeschlagenen Ton bis zum Ende durchzuhalten. „Der Kraftakt gelingt, und deshalb scheitert der Roman. Seine Handlung zusammenzufassen, wäre unsinnig. Denn die Figuren und Ereignisse sind nur dazu da, den Stil zur Geltung zu bringen, in dem das Ganze geschrieben ist.“

Biller ist anscheinend in „Biografie“ wieder der große Provokateur. Als die FAS am 27.3.16 eine ganze Seite aus dem Roman abgedruckt hatte, empfand ich das jedenfalls so. Auch Sex wird reichlich geboten. Eine Schlüsselrolle spielt ein „Wichsvideo“ des Helden

Solomon Karubiner,

der eigentlich eifriger Nutzer der Website „Wefuckonlyjews“ (WFOJ) ist, aber angesichts des voluminösen Hinterteils einer Deutschen Hand an seinen „Dudek“ legt. Etc. Müller schreibt, dass Biller sich in seiner Pointengeilheit sehr an das Sitcom-Format US-amerikanischer Fernsehserien gehalten habe. Das Ganze könne auch 400 Seiten kürzer oder 200 Seuiten länger sein.

Vielleicht müssen wir Biller einfach ein bisschen vor sich selbst schützen. Ich habe schnell nochmals sein „Selbstporträt“ „Der gebrauchte Jude“ gelesen (Köln 2009, 174 S.). Da schreibt er flüssig, direkt, elegant. Es kommt dem Text zugute, dass er auf persönlichen Erfahrungen beruht. Biller schildert dort sein Studium, die Münchener Journalistenschule, seine aus Prag stammende Familie, die Medien „Tempo“, FAZ und „Zeit“ aus seiner Praktikantenperspektive. Das jüdische Milieu in Deutschland mit seinen George Tabori, Hans Sahl, Friedrich Torberg, Marcel Reich-Ranicki, Henryk M. Broder et alii wird uns vor Augen geführt. Auch seine US-amerikanischen jüdischen Bezugspersonen Saul Bellow, Philip Roth, Norman Mailer, Helmut Newton und Woody Allen sind treffend skizziert.

Und sein „einziger Gott“ ist der „Nichtjude Hemingway“ (S. 140).