Archive for the ‘Literatur’ Category

1374: Peter Weiss 100

Dienstag, November 8th, 2016

Als Peter Weiss‘ „Roman“ „Die Ästhetik des Widerstands“ (1975/78/81) vollständig erschienen war, entstanden an der Universität Göttingen gleich Lese- und Diskussionszirkel auf der Linken dazu. Ich habe mich daran nie intensiv beteiligt, was mir später leidtat, als Weiss‘ Hauptwerk als solches wahrgenommen wurde. Es beschäftigt sich mit dem Widerstand der Arbeiterbewegung gegen den Faschismus und integriert immer wieder autobiografische Perspektiven von Peter Weiss. Es ist wohl ein Jahrhundertwerk mit Ecken und Kanten, ein „sperriger, mehrdeutiger und überbordender Roman“ (Helmut Böttiger, SZ 8.11.16). Die negative Kritik daran ist hauptsächlich politisch motiviert und arbeitet mit den Vokabeln „unklar“, „schwammig“ und „raunend“.

Peter Weiss wurde in einer wohlhabenden Fabrikantenfamilie geboren. Weil der Vater jüdischer Herkunft war, wurde die Familie, die ursprünglich in Berlin und Bremen angesiedelt war, von den Nazis durch Europa gejagt: London, Tschechoslowakei, Stockholm. Der Vater war überall wirtschaftlich erfolgreich. Schon als Schüler in Deutschland zeigte Peter Weiss großes Interesse an der Malerei und am Fotografieren. In London starb seine Schwester Margit 1934 bei einem Autounfall. Der „Anfang von der Auflösung unserer Familie“. Peter Weiss gelangte über die Schweiz nach Schweden. Er war schließlich bis zu seinem Tod 1982 schwedischer Staatsbürger.

In Schweden erlebte Weiss die konkreten Probleme der Emigration aus erster Hand. In erster Linie mit der Sprache. Aber auch mit der Familie. Er hat sich zwei ausführlichen Psychoanalysen unterzogen. Peter Weiss studierte und lehrte in Stockholm nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Filmtheorie und -praxis. Er hat selbst 16 Experimental- bzw. Dokumentarfilme gedreht. Daneben aber immer geschrieben. 1952 erschien sein „Mikro-Roman“

„Der Schatten des Körpers des Kutschers“

bei Suhrkamp. Weiss galt fortan als literarischer Avantgardist. Nach dem Tod seiner Eltern erschienen 1961 seine Erzählung „Abschied von den Eltern“ und 1962 der Roman „Fluchtpunkt“, in denen er sich autobiografisch äußert. Ich habe beide Bände sofort gelesen, weil mein Freund Wolfgang Spethmann gute Beziehungen zum Delmenhorster Buchhandel unterhielt und mich aufmerksam machte. Wer in oder bei Bremen aufgewachsen ist, spürt die Relevanz der Beschreibungen darin.

Peter Weiss‘ Theaterstücke „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats“ (1964) und „Die Ermittlung“ (1965) wurden riesige Erfolge. Erwin Piscator und Peter Palitzsch schalteten sich in die Publizierung und die Inszenierungen ein. Grundlage der „Ermittlung“ war der Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963-1965). Peter Weiss politisierte sich immer mehr. Er nahm am Russel-Tribunal gegen den Vietnamkrieg teil. Bei seiner kritischen Beobachtung der Bundesrepublik und der DDR gab er letztlich der DDR den Vorzug. Er wusste wohl nicht genug. Er verfasste schließlich 1965 „10 Arbeitspunkte eines Autors in der geteilten Welt“.

Peter Weiss hat zahlreich wichtige Preise bekommen. Darunter den Lessing-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg (1965), den Heinrich-Mann-Preis der Deutschen Akademie der Künste (DDR) (1966), den Literaturpreis der Stadt Bremen (1982)und schließlich den Georg-Büchner-Preis (posthum am 15. Oktober 1982). Kurz davor war Weiss an einem Herzinfarkt in Stockholm gestorben. Er gilt heute als einer der größten deutschen Schriftsteller nach 1945. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus war sein Hauptthema. 2016 sind mehrere Biografien und Monografien über ihn erschienen.

1365: Der Kritiker Alfred Kerr (1867-1948)

Donnerstag, November 3rd, 2016

Dass erst 2016 die erste Biografie Alfred Kerrs (1867-1948) erscheint, ist verwunderlich; denn Kerr war der Protagonist der deutschen Kritik von der Jahrhundertwende bis 1933, ein Vorbild im deutschen Journalismus. Vielleicht war es seine nicht zu übersehende Arroganz, die dafür sorgte, dass er nicht besonders beliebt war. Sie spielt in der Biografie von

Deborah Vietor-Engländer: Alfred Kerr. Die Biographie. Reinbek (Rowohlt) 2016, 720 S., 29,98 Euro,

nicht ganz die Rolle, die ihr bei diesem selbstbewussten Journalisten zukommt.

Alfred Kerr wurde als Alfred Kempner in Breslau geboren. Er studierte Germanistik und Romanistik in Breslau und Berlin und wurde mit einer Arbeit über

Clemens Brentano

promoviert. Den Ironiebegriff der Romantik machte sich Kerr ganz zu eigen. Früh kam er zu seinem eigentümlichen Stil, den er selber so charakterisierte:

„Aus einem Gedanken macht der Stückeschreiber ein Stück. Der Schriftsteller einen Aufsatz. Ich einen Satz.“

Kerr bezeichnete Schleuder und Harfe als seine Waffen. Er war ein Meister der Pointe und bekannte, er könne nur „jauchzen oder rülpsen“. Alfred Kerr sah die Kritik als Kunst und als gleichberechtigte literarische Gattung neben Epik, Dramatik und Lyrik. Das passt, wenn wir die geeigneten Kritiker haben …

Alfred Kerr hat wesentlich dazu beigetragen, dass das Theater fast der wichtigste Platz der gesellschaftlichen Auseinandersetzung wurde, ein Leitmedium. Sein Hausgott war

Heinrich Heine (1797-1856).

Und sein Todfeind demgemäß Karl Kraus (1874-1936) in Wien. Der kramte in den zwanziger Jahren Kerrs chauvinistische Verse aus dem Ersten Weltkrieg hervor. In Berlin allerdings prägte Kerr die an herausragenden Gestalten nicht eben arme Kritik. Er selbst schrieb u.a. für die „Neue Rundschau“ und das „Berliner Tageblatt“ und hatte großen Einfluss auf die Presse im kaiserlichen Deutschland und in der Weimarer Republik. Alfred Kerr brachte einen neuen, direkten Ton ins akademisch vermuffte Rezensionswesen. Er war ein Meister des Sarkasmus.

Alfred Kerr reiste viel. Nach Italien, Frankreich, England, aber auch nach Palästina und in die USA. Daraus sind manche Reisebücher entstanden. Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 war das alles schlagartig vorbei. Kerr wurde die Stellung gekündigt, die Staatsbürgerschaft aberkannt und der Doktortitel entzogen. Er floh zunächst nach Paris, dann nach London. Dort packte ihn die Armut. Denn sein Nimbus wurde ihm zum Verhängnis. Niemand traute sich, einer Berühmtheit wie ihm Arbeit anzubieten. Davon hat er sich nicht mehr erholt. Er kehrte nach 1945 zwar noch nach Deutschland zurück, nahm sich aber nach einem Schlaganfall 1948 das Leben. Dass in einer der letzten Berliner Premieren, die er bespricht, Gustaf Gründgens den Mephisto spielt, also die Rolle, die als Nazi-Günstling politisch seine Lebensrolle wurde, ist eine makabre Pointe (Christopher Schmidt, SZ 18.10.16).

1361: Philip Roth verschenkt seine Bibliothek.

Samstag, Oktober 29th, 2016

Der große US-amerikanische Schriftsteller Philip Roth („Sabbaths Theater“) hat die rund 4000 Bücher seiner privaten Bibliothek in Connecticut der Bibliothek in Newark vermacht. „Ich bin 83 und habe keine Erben. Wenn ich Kinder hätte, wäre es vielleicht eine andere Sache. Es ist keine große Büchersammlung, aber sie bedeutet mir etwas, und ich wollte, dass sie so aufgehoben wird, wie sie ist.“ (Die Welt 29.10.16)

1352: Sigmund Freud – ihn entlarven oder retten?

Dienstag, Oktober 18th, 2016

Sehr unterschiedliche Wege beschreiten Ulrike May (FAZ 15.10.16) und Alan Posener (Literarische Welt 15.10.16) bei der Rezension von

Peter André Alt: Sigmund Freud. Der Arzt der Moderne. München (C.H. Beck), 1.036 S., 34,95 Euro.

Beide lehnen Alts Buch im wesentlichen ab. Aber May doch hauptsächlich um das Ansehen des Begründers der Psychoanalyse, Sigmund Freud, und das der Psychoanalyse zu bewahren. Posener um die Psychoanalyse – wieder einmal – als „Pseudowissenschaft“ zu entlarven. Der Streit ist anregend, wo man sich doch zuerst gefragt hatte, was eine neue Freud-Biografie nach den großen von Ernest Jones, Ronald W. Clarke und Peter Gay eigentlich solle.

May schreibt: „Aber vor allem hat Alt eine originelle und kaum haltbare Hauptthese: Freud habe seine Sexualtheorie nur entwickeln können, weil er sexuell enthaltsam gelebt und mit seiner Frau Martha ’nur zum Zweck des Zeugungsvorgangs‘ verkehrt habe. Verkehr allein zur Befriedigung habe er für ‚unnatürlich‘ gehalten, während der Verlobung abstinent gelebt, zeitlebens keine außereheliche sexuelle Beziehung unterhalten, keine ‚ungewöhnlichen Sexualpraktiken‘ ausgeübt, sich die Masturbation verboten und auch nach Marthas Menopause auf Geschlechtsverkehr verzichtet. Nur weil er seine Libido sublimiert habe, gelang ihm eine ‚geistige Erkenntnis des Sexus‘.

Grund der Enthaltsamkeit sei eine ‚panische Angst vor Empfängnisverhütung und dem Coitus interruptus‘ gewesen. Diese Angst habe ihn von der Schwägerin Minna Bernays, die mit im Haushalt lebte, ferngehalten: ‚die einzige Geliebte, mit der er sich abgab, blieb seine Arbeit‘. So schützte er sich vor Verführungen, auch vor Patientinnen, die ihn ’schwer parfümiert‘ und mit ‚üppigem Schmuck‘ behangen zu ‚umgarnen suchten‘. Schließlich: Freud sei wegen seiner sexuellen Enthaltsamkeit oft krank gewesen, habe die Ursache jedoch ignoriert.

Freuds großes Werk beruhe, mit einem Wort, auf einer großen Sublimierung. Was ist das? Eine späte Reaktion auf das Achtundsechziger-Programm der sexuellen Befreiung? Eine neue Frömmigkeit, eine Art veganer Psychoanalyse? Und woher weiß Alt das alles? Er belegt seine These nicht, und sie lässt sich auch nicht belegen, weil wir kaum etwas über Freuds Sexualverhalten wissen. Von einer ‚panischen Angst‘ vor dem Coitus interruptus ist jedenfalls nichts bekannt. Hingegen wissen wir, dass Freud Sexualität ohne Zeugungsabsicht durchaus begrüßte, auch wenn er die damaligen Verhütungsmethoden als störend empfand.“

Posener baut seine Perspektive auf der Tatsache auf, dass Freud ursprünglich (so in einem Vortrag am 21. April 1896) Hysterie als Folge frühkindlichen Sexualmissbrauchs sah. Später hat er die Vergewaltigung durch den Vater als Wunschfantasie der hysterischen Frauen betrachtet, als Ausdruck unerfüllter Inzestwünsche. Dieser Theoriewechsel war in dem Buch von

Jeffrey Masson: Die Abschaffung der Psychotherapie. Ein Plädoyer. München (C. Bertelsmann) 1991, 352 S.,

ausführlich zur Grundlage einer Verdammung der Psychoanalyse genommen worden.

Posener: „Warum also änderte Freud seine Meinung? Masson vermutete eine Beziehung zum Fall der Emma Eckstein, die Freud und Fließ 1895 wegen neurotischer Störungen behandelten und beinahe töteten. Fließ, ein ausgemachter Scharlatan, besaß einen unheimlichen Einfluss auf Freud, der zeitlebens für Geheimwissen anfällig blieb. Fließ glaubte, bei Frauen eine intime Beziehung zwischen der Nase und den Geschlechtsorganen entdeckt zun haben, weshalb sich eine Behandlung der Hysterie durch Herumdoktern an der Nase anbot. Emma Eckstein, die unter starken Vaginalblutungen litt, wurde als Versuchsobjekt auserkoren. Fließ entfernte aus der Nase operativ einige Knochenteile (Emma wurde dauerhaft entstellt) und hinterließ aus Versehen – eine Freudsche Fehlleistung? – ein 50 Zentimeter langes Gazestück, das er zum Tamponieren gebraucht hatte. Der Kunstfehler kostete Emma fast das Leben.

Auch nach der Operation, die Freud als Erfolg deklarierte, litt Emma an starken Vaginalblutungen. Einige Jahre später wurde ein gutartiger Tumor an ihrem Uterus entdeckt. Nach der Entfernung der Gebärmutter genas sie. Freud hat weder seine Fehldiagnosen anerkannt noch die Stümperei seines Freundes kritisiert. Vielmehr meinte er in einem Brief an Fließ, Eckstein habe ‚aus Liebe geblutet‘ – aus Liebe zu ihm, dem Therapeuten. Wie bei den missbrauchten Mädchen machte Freud aus dem Opfer – in diesem Fall seinem Opfer – eine verhinderte Verführerin. Offensichtlich liegt hier ein Muster vor.

Wie geht Alt mit diesem Komplex um? … (Er) folgt den dogmatischen Freudianern, die Jeffrey Masson seine Kritik am Meister nie verziehen haben.

Der Fall ist leider symptomatisch für diese hagiografische Fleißarbeit. Man mag dem Autor zugute halten, dass er als Präsident der Freien Universität Berlin nicht die Zeit hatte, sein Sujet kritisch zu durchdenken. Doch steckt mehr dahinter. Alt ist Germanist, und unter dem Einfluss des Freudianers

Jacques Lacan

und seiner Jünger hat die Germanistik gelernt, dem Autor die Autorität über sein Werk abzusprechen und sie dem Deuter – dem akademischen Literaturkritiker – zuzuerkennen, so wie Freud seinen Patientinnen die eigenen Erinnerungen wegnahm und sie zu Einbildungen umdeutete. Freud kritisieren hieße, dieser Art von

Pseudowissenschaft

den Teppich unter den Füßen wegziehen.

Überflüssig zu sagen, dass Freud selbst das erste Beispiel dieser Pseudowissenschaft lieferte, als er Hamlet einer Analyse unterzog und zum Ergebnis kam, Shakespeares zögerlicher Dänenprinz könne seinen ehebrecherischen und mörderischen Onkel deshalb nicht töten, weil der genau das tat, was Hamlet wollte, nämlich den Vater töten und mit der Mutter schlafen. Tadaah! Genug.“

Liebe Leserinen und Leser: lesen und urteilen Sie selbst!

 

1351: Bob Dylan – ein Konservativer ?

Montag, Oktober 17th, 2016

Zunächst wollte ich gar nicht über Bob Dylans Literatur-Nobelpreis schreiben. Einmal geschah das überall, mehr oder weniger kundig. Und zweitens bin ich gar kein Fan von Dylan. Aber dann nahm sich mit Tobias Rüther ein richtiger Popmusik-Kenner der Sache an und schrieb in der FAS (16.10.16).

„Nichts gegen Dylan. Es ist auch gar nicht wichtig, wie gut oder schlecht man ihn nun findet. Wie einzigartig seine Stimme. Wie ergreifend seine Texte. Wie radikal seine Hinwendung von der akustischen zur elektrischen Gitarre und zu Jesus und wieder zurück. Wie entscheidend seine Rolle als Chronist amerikanischer Verhältnisse und Chronist ihres Wandels. Wie bewundernswert seine Ausdauer, seine Unbestechlichkeit, seine Unbeirrtheit. All das spielt überhaupt keine Rolle, um den Nobelpreis für Literatur an Bob Dylan für einen Fehler zu halten: Und zwar nicht um der Literatur, sondern um der Popmusik wegen.“

Das saß.

Vorher hieß es erwartungsgemäß: „In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es keinen anderen Poeten gegeben, dem es so wie Dylan gelungen wäre, Träume, Hoffnungen, Verzweiflung so vieler Menschen so rätselhaft eindeutig auszudrücken und zu besingen.“ (Kurt Kister, SZ 14.10.16)

Bundsaußenminister Frank Walter Steinmeier schrieb: „Er formulierte die Fragen an die Erwachsenen, die auch wir stellen wollten, er war für mich wie ein

Willy Brandt

der Rockmusik.“ (Die Welt 15.10.16) Nun ja, ein Außenminister eben.

Die immerwährenden Dylan-Fans verwiesen auf die Bezüge zu Homer, Sappho, Ovid und Skakespeare (Lothar Müller, SZ 14.10.16) oder betonten die Nachbarschaft zu Elvis Presley, Woody Guthrie, Bertolt Brecht, Pete Seeger, Jack Kerouac und Allen Ginsberg (Willi Winkler, SZ 14.10.16) und Dylans Wurzeln im Blues. Einigkeit bestand darin, Dylans ständigen Verstöße gegen das zu betonen, was man von ihm erwartete. Dass Dylan als der Gott der Gegenkultur wahrgenommen wurde. Die wohl tiefste Verstörung erzielte Dylan mit seiner Entdeckung von Jesus. Kam als nächstes aber programmgemäß auf sein fundamentalistisches Judentum zurück. Es kündigte sich früh seine „Never Ending Tour“ an. 2011 wurde ihm sogar ein Oscar zuerkannt.

In der „Welt“ (15.10.16) machte Alan Posener darauf aufmerksam, dass Bob Dylan nie daran geglaubt hatte, dass politische Mauern durch Aktionen eingerissen würden. Er habe nur

opportunistische Ausflüge

ins Genre des politischen Protests unternommen. Ständig habe er sich bemüht, durch seine Perspektivenwechsel seine Fans vor den Kopf zu stoßen. Posener belegt, dass Dylan seine Nähe zu

Lee Harvey Oswald

behauptet habe. Den großen Konsensus im Juste Milieu habe er verabscheut. Bob Dylan feierte in seinen Songs den Boxer Rubin „Hurricane“ Carter, den Gangster Joseph Gallo, die Atomspione Julius und Ethel Rosenberg und Judas Ischariot. „Wenn man also nicht begreift, dass Dylan in einer progressiven Zeit

ein großer Konservativer,

in einer Massenkultur ein großer Einsamer, in einer säkularen Gesellschaft ein Religiöser war, kann man seine Bedeutung nicht ermessen.“ (Alan Posener)

Tobias Rüther begründet, dass die Popmusik einen Literatur-Nobelpreis wirklich nicht nötig hat, dass die Herablassung der Nobelpreis-Jury völlig unangebracht ist. „Doch die Popmusik ist eine Kunstform aus eigenem Recht und mit eigenen Regeln. Daran wird dieser Literatur-Nobelpreis 2016 für den amerikanischen Sänger Bob Dylan nichts ändern. Eine falsche Entscheidung bleibt er trotzdem. Eine Entscheidung, die sich zwar unkonventionell gibt, zeitgemäß und ‚groundbreaking‘ – aber ganz im Gegenteil ein Ausdruck von

Desinteresse

ist, von Unsicherheit und vielleicht sogar von Arroganz. Als wäre Popmusik etwas, das sich noch rückversichern muss.“

Ich habe Ende der sechziger/Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Interviews mit Bob Dylan gesehen, an die ich mich nicht mehr genau erinnere. Nur an eines: dass Bob Dylan von Politik keine Ahnung hatte.

1331: PC: US-Unis drehen ab.

Mittwoch, September 28th, 2016

Neu ist es nicht, das Phänomen der „Political Correctness“ (PC), auch nicht in Deutschland, insbesondere an Universitäten. Aber führend auf diesem Gebiet waren von Anfang an (seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts) US-Universitäten (Sie wissen schon: die „Nigger“ bei Mark Twain). Dort gibt es seit Neuerem „Mikro-Aggressionen“, kleinere Verletzungen der PC.

Die Uni-Verwaltungen spielen prächtig mit bei diesem Spiel aus Absurdistan. „Gutdenk“ wird Gesetz, „Schlechtdenk“ erfordert Entschuldigung, Umerziehung durch „Sensibilitätstraining“ oder gar Entlassung. Viele Universitäten belohnen den neuen

Jakobinismus,

indem sie ein Vermögen für „Diversität“ und „Identitätsstudien“ hinlegen. Die Yale Universität hat sich für 50 Millionen Dollar freigekauft. Studentinnen, die sich „sexuell belästigt“ fühlen (wir denken alle an Philip Roths „Der menschliche Makel“ 2000 und John Maxwell Coetzees „Schande“ 2000), bekommen ein Gratis-Jahr im Wert von 60.000 Dollar.

Im Mai 2016 forderten die Studenten der Universität Seattle die Abschaffung des Kern-Curriculums, das die Klassiker der westlichen Zivilisation behandelt (Aufklärung etc.). Dieses habe die Studenten „traumatisiert und pathologisiert“, ihre „geistige und emotionale Sicherheit“ attackiert. Prompt erhielten die Dozenten auf Weisung des Präsidiums Pflichtunterweisungen in „rassischer und kultureller“ Empfindsamkeit.

Klassisch der Ausruf eines Yale-Studenten: „Ich will nicht debattieren. Ich will über meinen Schmerz reden.“

Die Universität Chicago macht da nicht mit. Sie begrüßt ihre Studenten mit einem Brief: „Willkommen und Glückwunsch! Hier werden Sie erfahren, was uns wichtig ist: die Freiheit von Denken und Meinung.“ Sie würden „ermutigt, ohne Angst vor der Zensur zu reden, schreiben, hören, lernen und kritisieren.“ „Wir laden kontroverse Redner nicht aus. Und wir stellen keine Schutzräume her, in die man sich vor unbequemen Ideen und Sichtweisen zurückziehen kann.“ (Josef Joffe, „Die Zeit“ 15.9.16)

 

1329: Klaus Harpprecht gestorben

Donnerstag, September 22nd, 2016

Bekannt geworden war er als Redenschreiber Willy Brandts. Der 1927 in einem Tübinger Pfarrhaus geborene Klaus Harpprecht. Bei Brandt leitete er die „Schreibstube“. Und er prägte den sozialdemokratischen Stil jener Zeit. Mit seiner These von der „neuen Mitte“ und mit dem Satz, dass die Deutschen stolz sein könnten auf ihr Land, was der SPD einen neuen Patriotismus ermöglichte. Wir sollten uns heute daran erinnern.

Als Journalist war Harpprecht gestartet bei „Christ und Welt“, einer konservativen evangelischen Wochenzeitung. Aber der Journalismus war keineswegs sein einziges Betätigungsfeld, wo er Kommentator des Rias Berlin und des WDR war und USA-Korrespondent des ZDF. Gegen Ende seines Lebens lehrte Klaus Harpprecht Journalismus an der Universität Wien. Erfahrungen dafür hatte er zudem als Paris-Korrespomndent der „Zeit“ und als Chefredakteur von „Geo“ gesammelt.

Klaus Harpprecht war ebenso Redakteur der Zeitschrift „Der Monat“ gewesen, als sie noch vom CIA mitfinanziert wurde. Und er reussierte als Leiter des S. Fischer-Verlags. Harpprecht war kein Hans Dampf in allen Gassen, sondern ein weltkluger Grandseigneur. Der seit dem Ende der fünfziger Jahre mit der kritischen und scharfzüngigen Autorin Renate Lasker-Harpprecht, die Auschwitz überlebt hatte, verheiratete Autor lebte seit 30 Jahren in Südfrankreich nahe St. Tropez. Er hat Bücher geschrieben über die „Lust der Freiheit“, den Seelsorger des deutschen Widerstands im Nationalsozialismus, Harald Poelchau, und Thomas Mann. Gut 2.000 Seiten (Heribert Prantl, SZ 22.9.16).

Klaus Harpprecht, dieser große Publizist und Literat, ein gänzlich undogmatischer Charakter, schätzte die aufklärerische Kraft Amerikas. Wir werden diesen geistreichen Mann vermissen.

1323: Hilmar Thate ist tot.

Montag, September 19th, 2016

Er galt als Fachmann für die Darstellung „komplizierter, gebrochener und brechbarer Saft- und Kraftkerle“: Hilmar Thate, der im Alter von 85 Jahren in Berlin gestorben ist. An den großen Schauspielhäusern der DDR war er ein Star. Spielte Richard III. und Götz von Berlichingen. Aber auch im Defa-Film entfaltete er seine Kunst. So etwa in „Der geteilte Himmel“ (1964) nach Christa Wolf in der Regie von Konrad Wolf. Bei Rainer Werner Fassbinder spielte er in „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1978).

Nachdem Thate 1976 gemeinsam mit seiner Frau Angelica Domröse gegen die Ausweisung Wolf Biermanns protestiert hatte, war er in der DDR nicht mehr wohlgelitten. 1980 siedelte sich das Ehepaar in West-Berlin an. Dort setzte es seine außergewöhnlichen Karrieren unbeirrt fort. Wie seine Frau gehört Hilmar Thate in die Liga der Manfred Krug und Armin Müller-Stahl (F.A.S., 18.9.16, Peter Laudenbach, SZ 19.9.16).

1320: Wieviel Kinder haben Intellektuelle?

Samstag, September 17th, 2016

Peter Sloterdijk wird anlässlich seines neuen Buchs „Das Schelling-Projekt“ von Sven Michaelsen, David Pfeifer und Vera Schroeder interviewt (SZ 17./18.9.16).

SZ: Wolf Biermann hat von vier Frauen neun Kinder, dazu kommt ein angenommenes Kind. Günter Grass hatte sechs leibliche Kinder von drei Frauen und zwei Ziehkinder. Martin Walser bringt es immerhin auf fünf Kinder. Ist der Typus des vitalen, sich an seiner Kinderschar erfreuenden Intellektuellen am Aussterben?

Sloterdijk: Intellektuelle, die größere Fortpflanzungsergebnisse an den Tag legen, sind selten geworden. Es ist zu befürchten, dass mit Martin Walser die gelebte Erotomanie in der deutschen Nachkriegsliteratur ausstirbt. Nachfolger sind nicht bekannt. Es überwiegt der Typus, der null Kinder von sieben Frauen hat. Die Könige gehen ins Exil.

1308: Martin Amis über: USA, UK, Germany und Terror

Montag, September 5th, 2016

Der Autor Martin Amis gehört zu den scharfzüngigsten englischen Autoren der Gegenwart. Seine satirische Schärfe ist gefürchtet. Nach der britischen Entscheidung über den

Brexit

hat Peter Kümmel ihn  für die „Zeit“ (21.7.16) befragt.

Über die USA: Der Abstieg findet schon statt, … Spätestens 2025 wird China mächtiger sein – ökonomisch und mit allem, was daran hängt. Und ich glaube nicht, dass die Amerikaner sich so vernünftig benehmen werden, wie die Engländer es taten. … England wurde ein zweitklassiges Land, und das ohne Gebrüll, Gekicke, Theater. …

Über den Postrassismus der Briten: Es kommt natürlich darauf an, in welchem Teil von London Sie sind. Je reicher die Gegend, desto weniger scheren sich die Leute um die Frage, welcher Rasse einer anbgehört. … Amerika wurde reich dadurch, dass man die Schwarzen dazu zwang, auf dem Land zu arbeiten, das man den Indianern gestohlen hatte.

Über die deutschen Eigenschaften, die zum Holocaust führten: … Eine gewisse Buchstabengläubigkeit, die Bereitschaft zur strengen Auslegung von Text und Befehl. Das war nötig, um alle europäischen Juden, elf Millionen, umbringen zu wollen. … Es war ein humorloses Projekt, völlig unironisch und sehr autoritätsgläubig, das Projekt tiefer Antiintellektualität. Und das, obwohl Deutschland das exemplarische Land der Intellektuellen ist.

Über den Brexit: Der Brexit ist ein Ausbruch krankhafter ‚Englishness‘, britischen Stolzes. Er steht für einen Isolationismus, der mir vollständig unpraktizierbar und weltfremd erscheint. Eigentlich geht es den EU-Gegnern um die Globalisierung, die ist ihr Feind, davor fürchten sie sich, nicht vor Europa.

Über die Attentate von Brüssel, Paris, Istanbul, Nizza: Joseph Conrad schrieb 1908 in seinem Roman ‚Der Geheimagent‘, die beiden Hauptcharakterzüge, die zum Terrorismus führten, seien

Eitelkeit und Faulheit.

Er hat recht. Wenn Sie eitel sind, haben sie den Drang, auf die Welt großen Eindruck zu machen. Wenn Sie faul sind, haben Sie nicht die Geduld und Kraft, dieses Ziel auf einem seriösen Weg zu erreichen und 30 Jahre dafür zu investieren. Also jagt man sich in die Luft und hofft, Spuren zu hinterlassen. Atta, der Städteplaner aus Kairo, hat sich in gewisser Weise unsterblich gemacht. Nicht indem er gebaut, sondern indem er zerstört hat.