Archive for the ‘Literatur’ Category

1476: Yasmina Reza: Die Sehnsucht nach Identität ist absurd.

Sonntag, Februar 26th, 2017

Die Französin Yasmina Reza ist die erfolgreichste Dramatikerin der Welt. Furore machte 2007 ihr Porträt des französischen Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy. Ihr Stück „Der Gott des Gemetzels“ wurde 2011 von Roman Polanski verfilmt. Seit 1997 veröffentlicht Reza auch Prosa. Sie wurde für die FAZ (25.2.17) von Sandra Kegel interviewt.

FAZ: Fragen nach Zugehörigkeit, das Ringen um Identität, das treibt dieser Tage nicht nur Franzosen um.

Reza: Das erstaunt mich. Alle Welt tendiert heute dazu, Gruppen zu bilden, die sich auf bestimmte Identitäten gründen. Die Suche nach einer französischen Identität erscheint mir vollkommen absurd. Diese Sehnsucht nach einer nationalen Identität ist mir fremd. Ich für meinen Teil bin jedenfalls schon immer vom Gefühl der Nichtzugehörigkeit geprägt gewesen. Ich habe mich auch nie darum bemüht, irgendwo dazuzugehören. Weder wollte ich dem literarischen Milieu angehören noch der Welt des Theaters, ich wollte zu nichts und niemandem gehören. Medaillen der Akademien habe ich immer abgelehnt.

FAZ: Aber warum?

Reza: Um meiner Freiheit willen. Sobald sie irgendwo dazugehören, sind Sie auch schon darin gefangen.

FAZ: Viele ihrer Stücke wurden auf deutschen Bühnen und nicht in Frankreich uraufgeführt. Warum eigentlich?

Reza: Weil das deutsche Theatersystem phantastisch ist – einzigartig in der Welt. Dass jede Stadt ihr eigenes Haus hat, verleiht der Theaterlandschaft eine Vitalität, wie es sie in Frankreich nicht gibt. Bei uns ist alles viel schwerfälliger. Und alles spielt sich in Paris ab. In Deutschland gibt es viel größere Vielfalt. Und ich habe dadurch das Glück, meine Stücke nicht nur in Berlin, sondern auch in Hamburg, Frankfurt oder München zu sehen – mit unterschiedlichen Schauspielern, in verschiedenen Inszenierungen.

FAZ: Sind Sie gern in Deutschland?

Reza: Tatsächlich fühle ich mich in Deutschland verstanden. In Frankreich neigt man ja dazu, die Deutschen als ernst und schwerfällig zu karikieren. Ich habe das anders erlebt. Sicher, die Deutschen haben ein schwieriges historisches Erbe und mitunter eine Ästhetik, die von der unsrigen weit entfernt ist, eine Tendenz zur Ernsthaftigkeit. Aber sie haben auch eine Seite, die leicht ist und voller Esprit. Man kann immer mit ihnen lachen.

1471: Jonas Lüschers „Kraft“ nicht auf der Shortlist.

Mittwoch, Februar 22nd, 2017

Die SZ-Literaturredaktion bemängelt, dass das „mit Abstand beste Buch dieses Frühjahrs“, Jonas Lüschers „Kraft“, nicht auf der Shortlist des Leipziger Buchpreises steht. „Wer aber den stäksten Kandidaten vorzeitig aus dem Rennen nimmt, disqualifiziert sich nicht nur als Jury, sondern verzerrt auch den Wettbewerb und beschädigt seine Teilnehmer, die da heißen: Lukas Bärfuss ‚Hagard‘ (Wallstein Verlag), Brigitte Kronauer ‚Der Scheik von Aachen‘ (Klett-Cotta), Steffen Popp ‚118‘ (Kookbooks), Anne Weber ‚Kirio‘ (S. Fischer) und Natascha Wodin ‚Sie kam aus Mariupol‘ (Rowohlt).“ (MIDT, SZ 17.2.17)

1470: „M. Frisch schlägt Frau Oellers, danach einen großen Hund, …“

Montag, Februar 20th, 2017

Als Ingeborg Bachmann 1962 einen körperlichen und seelischen Zusammenbruch erlitt, begann sie, ihre Träume zu notieren. Das war bestimmt nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Nun erscheinen die Aufzeichnungen im Rahmen der großen Salzburger Werkausgabe:

Ingeborg Bachmann: „Male oscuro“. Aufzeichnungen aus der Zeit der Krankheit (Salzburger Edition). Hrsg. von Isolde Schiffermüller und Gabriella Pelloni. Piper Verlag/Suhrkamp Verlag. München/Berlin 2017, 259 S; 34 Euro.

Da erhebt sich leicht der Vorwurf des Voyeurismus. Ich schlage vor, dass diejenigen, die diesen Voyeurismus nicht ertragen, das Buch einfach nicht lesen. 1962 war das Jahr der Trennung von Max Frisch, der später Marianne Oellers heiratete. Von Anfang an diskutierten die Herausgeber die Frage der Indiskretion. Diese Frage bekam ihr Gewicht durch

Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ (1964).

Eine gewisse Rücksichtslosigkeit bei der Privatsphäre war dabei nicht zu übersehen.

Ingeborg Bachmann fühlte sich von Max Frisch zurückgesetzt und ausgegrenzt. „Es ist schon, als existiere ich überhaupt nicht mehr.“ Darüber wird intimstes Material ausgebreitet. Wir schauen in einen Abgrund. Eine sehr schwierige Vaterbeziehung, das traumatische Verhältnis zu Max Frisch und der Ekel vor dem Literaturbetrieb, das sind nur einige der Leitmotive. Ob die Aufzeichnungen lebensgeschichtliche Grundlagen für spätere Bachmann-Texte liefern, ist seit langem „höchst umstritten“ (Helmut Böttiger).

„Einmal ist in fast allen Träumen M.F. die Hauptperson, immer mit dem Vater verwechselt (bis auf den letzten Traum), oder der Vater, mit M.F. verwechselt, so dass es auf Inzestträume hinausläuft und den Horror davor.“

„Heiliger Freud. Das darf doch nicht wahr sein. Ich war ein ganz gewöhnliches Kind, mit einer normalen Entwicklung, in einer normalen Familie. Verstehen Sie mich. Ich bewundere Freud, aber ich habe diese Vorklassik nie ganz akzeptieren können, ich kann nicht einsehen, dass dieses Leben vor dem eigentlichen persönlichen Leben später eine so enorme Rolle spielen soll. Und da steh ich ja nicht allein da, die Wissenschaft bringt doch auch ihre Korrekturen an.“ Das werden gewiss Psychanalytikerinnen zurechtrücken.

(Literarische Welt 18.2.17; Kai Sina, FAZ 18.2.17)

1465: George Orwell: 1984

Montag, Februar 13th, 2017

George Orwells „1984“ (1949) hat Konjunktur. Seine bekanntesten Begriffe sind „Neusprech“, „Doppeldenk“, „Lügen wahr machen“, „Windigem den Anschein des Soliden verleihen“. Orwell schreibt: „Schließlich würde die Partei verkünden, zwei plus zwei ergeben fünf, und du müsstest es glauben. Ihre Philosophie verneint nicht nur die Beweiskraft der Erfahrung, sondern auch die Existenz einer objektiven Realität. Wirklich erschreckend aber war es nicht, dass sie dich wegen deines Unglaubens umbringen würden. Sondern: Was ist, wenn sie recht hätten? Woher wissen wir eigentlich, dass zwei und zwei gleich vier sind?“

Eine Kurzfassung des

Trumpismus

liefert O’Brien, der Chefinquisitor in „1984“: „Manchmal gilt zwei plus zwei gleich fünf. Manchmal drei. Manchmal alles auf einmal.“ (Josef Joffe, Die Zeit 2.2.17)

1464: Philip Roth: Verschwörung gegen Amerika. 2004

Montag, Februar 13th, 2017

2004 brachte Philip Roth (geb. 1933), der große US-Autor, seinen Roman „Verschwörung gegen Amerika“ heraus. Dazu schreibt der französische Publizist Bernard-Henry Lévy (68) in der SZ (13.2.17), der sich am Tag der Amtseinführung von Donald Trump mit Roth in dessen New Yorker Wohnung getroffen hatte: „Dies war eine surreale Erfahrung, da der Schriftsteller in seinem Roman ‚Verschwörung gegen Amerika‘ aus dem Jahr 2004 genau den finsteren und gruseligen Albtraum beschreibt, den die Vereinigten Staaten gerade erleben.“

In dem Roman verbucht der US-Fliegerheld Charles Lindbergh, ein Nazi-Freund, Rassist und Antisemit, 1940 einen erdrutschartigen Sieg bei den US-Präsidentschaftswahlen gegen Franklin Delano Rossevelt. Lindbergh wird von Hitler mit einem Orden geehrt. Er schließt einen Nicht-Angriffs-Pakt mit Nazi-Deutschland, es kommt zu ersten antisemitischen Ausschreitungen. Unter dem amerikanischen Juden breiten sich Angst und Schrecken aus.

Große Literatur eben!

1462: Akademische Lehre heute

Sonntag, Februar 12th, 2017

Mit der ihm eigenen Verve widmet sich Jürgen Kaube der gegenwärtigen Misere in der akademischen Lehre und ihren Folgen für das Wissen und die Kompetenz der Studierenden (FAZ 11.2.17). Sein Ausgangspunkt ist einmal der Stoßseufzer einer Kölner Schülerin darüber, dass sie nur „Gedichtanalyse“ gelernt habe und nicht den Umgang mit Mietverträgen. Zweitens der Dialog zweier Studentinnen der Düsseldorfer Heinrich Heine-Universität vor einem Porträt des Namensgebers. Die eine hält ihn für Schiller, die andere für einen Komponisten. Oder war es doch Goethe, „irgendso’n Toter“?

Es ist klar, dass dann, wenn 70 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen, das durchschnittliche Leistungsvermögen nicht mehr so hoch ist wie zu Zeiten, als fünf Prozent Abitur gemacht haben. Und die OECD will noch mehr Abiturienten. Dabei kommt dann heraus, dass einige der Abiturienten nur noch Hilfsdienste verrichten können, keinesfalls aber studieren. Viele Studenten heute sehen es so, dass Studieren nur noch den Zweck hat, Prüfungen zu überstehen. „Hauptsache, Zertifikat“.

Kaube kommt auf die Ursachen zu sprechen. Sie liegen nicht bei den jungen Leuten. Sondern bei den bildungspolitisch Verantwortlichen, den Kultusministern, der OECD, nicht zuletzt bei den Eltern. „Zu Heine, Schiller, Goethe fällt in erster Linie ihnen nichts mehr ein.“ Die Kombattanten und Sympathisanten der Bologna-Reform (Bachelor, Master) waren in erster Linie die Erwachsenen, die sich selbst wohl auch keine Kenntnis von Heine, Schiller und Goethe mehr zusprachen. Außerdem hantierten sie mit einem Praxis-Begriff, der schlicht bedeutete: Festhalten an den alten, immer schon gemachten Fehlern. So jedenfalls kam keine Innovation auf den Weg.

„Die Kultur der Gegenwart bietet viel, der Nachweis hingegen, dass etwas verpasst, wer sich nicht mit den alten Büchern beschäftigt, unterbleibt.“

Mit den sich überschlagenden Reformen der Universität und den damit verbundenen Exzellenz-Initiativen (nicht nur in Deutschland) ging einher, dass die akademische Lehre vielfach noch unwichtiger wurde. Und dadurch schlechter. Mit ihr war und ist kein Blumentopf zu gewinnen. So sind ihre Ergebnisse dann auch.

Nur noch selten werden die Studenten für einen Gegenstand begeistert, über seine Wichtigkeit informiert. Hauptsächlich deswegen, weil die Lehrenden selbst davon nicht überzeugt sind. Kaube spießt seiner eigenen Kompetenz entsprechend Literaturtheorien auf, „Paradigmen“, die er „literaturtheoretische Geßlerhüte“ nennt, „vor denen die Studenten sich schon verneigen sollen, noch bevor sie lesen können, was da steht?“

„Literatur ist dort, wo sie bedeutend ist,

Wahrnehmung, Fantasie, Witz, Gefühlslehre, Spracherkundung und Verstandesschulung.

Sie gibt wie andere Kunst etwas zum Nachdenken, ohne dafür Begriffe zu benötigen. Wenn Studenten dafür der Sinn fehlt, ist das schade und ihre Studienwahl fragwürdig. Für Schulen und Hochschulen aber gibt es keinen Grund, den eigenen Anteil daran – am Desinteresse, wie am Studium nach Vorschrift – durch kulturpessimistische Redensarten zu verdecken.“

 

1459: Louis Begley: Die Clintons haben uns Trump beschert.

Montag, Februar 6th, 2017

Der US-Schriftsteller Louis Begley (geb. 1933; „Lügen in Zeiten des Krieges 1994“) stellt seine eigenen Gedanken an, wie es zu Donald Trump kommen konnte (FAS 5.2.17):

„Sie und Bill Clinton haben uns Trump beschert, weil sie mit ihrer Macht in der demokratischen Partei verhindert haben, dass ein wirklich starker demokratischer Präsidentschaftskandidat auftrat; weil Hillary nicht fähig war, eine Botschaft zu vermitteln, die bei entscheidenden Wählergruppen ankam (jüngeren Frauen und weißen Amerikanern der Arbeiterklasse, und sie erreichte nur bedauerlich wenige Hispanics und Afroamerikaner); auch weil sie psychisch nicht bereit oder nicht in der Lage war, sich dem Skandal zu stellen, den sie mit ihrer E-Mail-Korrespondenz, die auch dienstliche Mitteilungen enthielt, hervorgerufen hatte oder mit den unverzeihlich hohen, Geldgier verratenden Honoraren für Vorträge, die sie zu einer Zeit einstrich, da sie schon genau wusste, dass sie für die Präsidentschaft kandidieren würde. Und schließlich mit ihrer Weigerung, den Text dieser Hochpreisreden zu veröffentlichen, die sie zum Beispiel bei Goldman Sachs gehalten hatte. Damit verlor sie ihre moralische Überlegenheit über Trump und lenkte von dessen dubiosen Machenschaften ab. …

.. über Donald Trump sind wir beschämt, weil wir in der langen Geschichte der Republik niemals einen dermaßen im Geist und Charakter beschränkten Präsidenten hatten, der von Philosophie, Kunst und Wissenschaft nichts versteht und nichts verstehen will und dem es so sehr an Freundlichkeit und Empathie fehlt.“

1456: Thea Dorn komplettiert „Literarisches Quartett“.

Freitag, Februar 3rd, 2017

Die Schriftstellerin und Moderatorin Thea Dorn („Die Unglückseligen“) komplettiert ab 3. März 2017 „Das Literarische Quartett“. Sie agiert dann neben Volker Weidermann, Christine Westermann und einem Gast (dpa 3.2.17).

1453: Ursula Krechels Roman „Landgericht“ im Fernsehen

Dienstag, Januar 31st, 2017

Ursula Krechel erzählt in ihrem großen Roman „Landgericht“ (492 Seiten), für den sie den Deutschen Buchpreis bekommen hat, die Geschichte der scheiternden Rückkehr eines jüdischen Richters (Richard Kornitzer) aus dem Exil nach Deutschland und des Zerfalls seiner Familie nach 1945. Nachgebildet ist der Plot dem Leben von Robert Michaelis.

Dem zweiteiligen Fernsehfilm unter der Regie von Matthias Glasner (Drehbuch: Heide Schwochow) gelingt es insgesamt, die bewegende Geschichte angemessen ins Fernsehen zu übertragen. Wesentlich dazu beigetragen haben die beiden Hauptdarsteller Ronald Zehrfeld und Johanna Wokalek, welche die „arische“ Ehefrau Claire von Kornitzer so überzeugend spielt, dass sie, enteignet, entrechtet, vergewaltigt, mehr Opfer gebracht zu haben scheint als ihr Mann. Die Kornitzer-Kinder Georg und Selma gelangen 1938 mit dem berühmten Kindertransport nach Großbritannien. Nach 1945 bleibt die seelisch schwer beschädigte Familie Kornitzer sich fremd. Die Kinder kehren endgültig nicht nach Deutschland zurück. Sie sind bei ihrer Pflegefamilie heimisch geworden. Der Fernsehfilm geht unter die Haut.

Der Kampf um die Wiedergutmachung verblasst gegenüber dem Kampf von Claire um ihre Wiederanerkennung als Mutter. Glaubwürdig erzählt wird das Auseinanderbrechen einer Familie. Er ist die verdienstvolle Mischung aus eingängigem Drama und unaufdringlicher Seelenstudie. Die Kritiker Ursula Scheer (FAZ 28.1.17), Lennart Laberenz (FAS 29.1.17) und Thomas Hahn (SZ 30.1.17) gehen nicht unkritisch mit dem Film um. Aber sie anerkennen dessen Verdienste. Lennart Laberenz findet „Landgericht“ allerdings „mutlos“ und „in der Mitte leer“.

Das finde ich nicht. Wir können die Lektion gut gebrauchen.

Der zweite Teil läuft morgen am Mittwoch, dem 1. Februar, um 20.15 im ZDF.

 

1452: Barack Obama: Über Literatur und Politik

Sonntag, Januar 29th, 2017

Der vorherige US-Präsident Barack Obama hat kurz vor Ende seiner Amtszeit der Literaturkritikerin der „New York Times“ Einblick in seine Bücher-Lektüre gegeben (hauptsächlich Toni Morrison, Junot Diaz und Marilynne Robinson). Dabei sagte er:

„Ich glaube, dass es mir während meiner Präsidentschaft nicht ein bestimmter Roman leichter gemacht hat, mich in das Leben anderer Leute hineinzuversetzen, sondern das Lesen von Literatur im Allgemeinen. Es half, die richtigen Muskeln zu trainieren.“ (Julia Encke, FAS 29.1.17)