Archive for the ‘Literatur’ Category

1593: SZ ohne Sachbuchliste

Dienstag, Juni 13th, 2017

Die SZ stellt die Veröffentlichung der Liste „Sachbücher des Monats“, die sie bislang gemeinsam mit dem NDR präsentiert hat, ein. Damit zieht sie die Konsequenzen aus der unzureichenden und intransparenten Nominierungspraxis, die dazu geführt hatte, dass das rechtsextreme Buch „Finis Germania“ des Historikers Rolf Peter Sieferle auf die Juni-Liste geraten war. Am Sonntag war SZ-Redakteur Jens Bisky aus der Jury ausgetreten. Auch der NDR setzt die Zusammenarbeit mit der Jury aus. Die Liste mit Empfehlungen einer unabhängigen Jury wird seit mehr als 15 Jahren vom NDR, der SZ und dem „Börsenblatt“ des deutschen Buchhandels veröffentlicht.

Der Jury gehören an: René Aguilar (Deutschlandradio), Jens Bisky (SZ), Rainer Blasius (FAZ), Daniel Haufer (Berliner Zeitung), Jörg-Dieter Kogel (Radio Bremen), Wolfgang Ritschl (ORF), Johannes Saltzwedel (Der Spiegel), Jacques Schuster (Die Welt), Elisabeth von Thadden (Die Zeit), Uwe Justus Wenzel (NZZ). Mitglieder sind auch mit Herfried Münkler ein Professor (HU Berlin) und freie Autoren wie Otto Kallscheuer und Ludger Lütkehaus.

Am Montag hat sich die Jury von Buch und Verlag distanziert und die Nominierung bedauert. Der Titel sei durch die Akkumulation von Punkten eines einzelnen Jurors, nämlich Johannes Saltzwedel (Der Spiegel), auf die Liste gekommen. Saltzwedel trat am Montag aus der Jury zurück. Er gab an, er habe „bewusst ein sehr provokantes Buch“ zur Diskussion stellen wollen (SZ 12. und 13.6.17)

1584: Die Lutherbibel – das Buch der deutschen Nation

Sonntag, Juni 4th, 2017

Es versteht sich nahezu von selbst, dass 2017, dem Jahr des Reformationsjubiläums, viele Versuche unternommen werden, Martin Luther (1483-1546) zu dekonstruieren. Das ist in der Wissenschaft so üblich. Ebenso im Journalismus, der auf diese Weise Spannung erzeugt. Und war Luther nicht de facto ein dicker, antisemitischer Grobian und Propagandist? Da ist was Wahres dran.

Was Luther aber auch war, und dies ist schwer zu leugnen: Er war ein mächtiger und genialer Sprachschöpfer, dem es mit der Bibelübersetzung letztlich gelang, eine in ganz Deutschland verbindliche und verständliche Sprache zu schaffen.

Viele Wörter und Redewendungen gehen direkt auf ihn zurück, wie Christian Feldmann in einem sehr überzeugenden Aufsatz in der FAS (4.6.17) darlegt: Luther liebte u.a Alliterationen wie Schmach und Schande, Leib und Leben, fressendes Feuer.

Auf ihn gehen zurück: Nächstenliebe, Herzenslust, Ebenbild, Morgenland, Feuertaufe, Judaslohn, Bluthund, Machtwort, Schandfleck, Lückenbüßer, Lockvogel, Lästermaul, Gewissensbisse, wetterwendisch, kleingläubig, friedfertig, lichterloh, auf eigene Faust, für immer und ewig, sein Licht nicht unter den Scheffel stellen.

Er verwandte Metaphern wie ein Herz und eine Seele, der große Unbekannte, ein Buch mit sieben Siegeln, die Zähne zusammenbeißen, im Dunkeln tappen, auf Sand bauen. Von Luther stammen: Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, Hochmut kommt vor dem Fall, Recht muss Recht bleiben, Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf.

Luther fing nicht bei Null an und war nicht der erste auf seinem Feld, aber der wirkungsvollste, einflussreichste, talentierteste und originellste. Und er konnte seine Fähigkeit am wichtigsten Buch der Zeit zeigen, der Bibel. So schuf er eine überregionale, allgemein verständliche Sprache. Früher hatte man sich mit Latein beholfen. Aber das sprach nur eine dünne hochgebildete Schicht. Bei der Verbreitung von Luthers Arbeit kamen ihm

der Buchdruck

und

die Ausweitung der Warenproduktion und des Handels

zur Hilfe. Was würde heute wohl Donald Trump dazu sagen?

Luther stützte sich auf die sächsische Kanzleisprache. Am ehesten beförderten die Siedlungsbewegungen im Raum um Erfurt, Meißen und Leipzig die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache. Die sprachgeografische Mittellage kam Luther zur Hilfe. Das mittlere Deutschland hatte eine Brückenfunktion, von Kiel oder Konstanz aus hätte sich der Reformator eher schwergetan.

Martin Luther schaute dem Volk auf’s Maul: „Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll Deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt darum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“

Luther hat treffsichere und klangschöne Dialektausdrücke literaturfähig gemacht, Wörter wie Lippe, Blüte, Pforte, Strom, klug und bunt. Der Begriff Arbeit bekam bei ihm eine ganz neue Bedeutung. Zu schweigen von Gerechtigkeit, Sünde und Buße. Fortan konnte jeder Laie, der des Lesens mächtig war, alleine Gottes Wort interpretieren. Luther hat das Deutungsmonopol des Klerus gebrochen.

Der 23. Psalm beginnt so: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue. Und führet mich zum frischen Wasser.“

Die Lutherbibel ist das Buch der deutschen Nation geworden und geblieben. Was für ein großes Glück!

1582: Oskar Maria Graf (1894-1967)

Sonntag, Juni 4th, 2017

Er war der Mann mit der Lederhose, der nach 20 Jahren in den USA so gut wie kein Englisch sprach, bayerisches Urgestein. Der am Starnberger See geborene Graf, der nach dem Tod seines Vaters Bäcker lernte, hatte keine idyllische Jugend. Sein ältester Bruder Max, der die Bäckerei geerbt hatte, misshandelte ihn körperlich. Als meine Frau und ich in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts mehrmals Urlaub am Starnberger See machten, gab es in Ammerland die Bäckerei Graf noch. Graf riss nach München aus, gehörte zur Bohème und zur Arbeiterbewegung. Er war an den „revolutionären“ Umtrieben um Kurt Eisner beteiligt.

Kennengelernt habe ich Graf zuerst in den beiden wunderbaren Büchern von

Ludwig Marcuse

„Mein zwanzigstes Jahrhundert“. Frankfurt am Main und Hamburg 1968

und

„Nachruf auf Ludwig Marcuse“. München 1969.

Seinerzeit standen in Göttingen eher marxistische Exerzitien auf dem Programm, die ich mit links auch absolvierte. Graf und Marcuse hatten sich im Münchener Fasching kennen- und schätzengelernt. Beide wichen von den Gruppenstandards deutscher Schriftsteller und Journalisten weit ab. Graf etwa, dessen Bücher im Mai 1933 zunächst nicht verbrannt worden waren, schrieb den Nazis aus dem Ausland: „Verbrennt mich!“ „Diese Unehre habe ich nicht verdient.“ Ein Jahr später wurden speziell seine Bücher verbrannt. 1934 wurde Graf ausgebürgert. Er lebte zunächst in der Tschechoslowakei. Auf einer Reise deutscher Schriftsteller in die Sowjetunion 1934 zum Ersten Allunionskongress der Sowjetschriftsteller war sein Verhalten ausgesprochen unbotmäßig.

1927 war sein erster Erfolgsroman

„Wir sind Gefangene“

erschienen. Graf war mit Mirjam Sachs verheiratet, einer Cousine von Nelly Sachs. Aus erster Ehe hatte er die Tochter Annemarie. 1938 flüchteten Oskar Maria Graf und Mirjam Sachs nach New York. Erst 1957 hat der Kommunist die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten. Auch in New York blieb Graf allein aus Werbegründen bei seiner Lederhose. Er ist mehrfach mit dem leicht verklemmt lachenden Bertolt Brecht beim bayerischen Bier fotografiert worden. Nach dem Tod von Sachs heiratete Graf 1962 Gisela Blauner. 1960 hatte er die Ehrendoktorwürde von der Wayne State University in Detroit erhalten „in Anerkennung seiner kompromisslosen geistigen Haltung“.

Graf kannte sowohl die Arbeiterklasse und die „kleinen Leute“ aus eigener Anschauung als auch Intellektuelle und Wissenschaftler. Blasse Theoretiker verhohnepiepelte er gekonnt. 1931 war sein Roman „Bolwieser“ erschienen, den 1976 Rainer Werner Fassbinder verfilmte. 1932 „Notizbuch des Provinzschriftstellers Oskar Maria Graf“. Sein Roman „Anton Sittinger“ wurde 1937 publiziert (verfilmt 1978). Auf deutsch erschien sein wichtigstes Buch

1946: „Das Leben meiner Mutter“ (englisch 1940).

Viermal ist Graf aus seinem New Yorker Exil nach Deutschland zurückgekehrt. Auch um Verlagsangelegenheiten zu regeln. Seine dritte Europareise 1964 führte ihn nach West- und Ostberlin. Er wurde Mitglied der Akademie der Künste der DDR. Die Stadt München verlieh ihm in „Würdigung seines literarischen Werks“ ihre Goldmedaille. Ein Jahr nach seinem Tod wurde Grafs Urne nach München überführt und auf dem Alten Bogenhausener Friedhof beigesetzt.

Aus Anlass seines 50. Todestages sind mehrere neue Bücher über Graf erschienen. Das Münchener Literaturhaus zeigt die Ausstellung

„Rebell, Weltbürger, Erzähler“

aus Material des Grafschen Nachlasses in der Bayerischen Staatsbibliothek und in der Monacensia. Darin wird der Exilant Oskar Maria Graf in den Blick genommen (Rudolf Neumaier, SZ 3./4./5.617). Wir sollten Oskar Maria Graf nicht vergessen.

 

 

1563: Joachim Kaiser gestorben

Freitag, Mai 12th, 2017

Joachim Kaiser (1928-2017) war ein großer Intellektueller, ein Großkritiker (für Musik, Literatur und Kunst) und ein unverwechselbarer Journalist (der die „Süddeutsche Zeitung“/SZ mit großgemacht hat). Er ist in München gestorben und in einem Atemzug zu nennen mit Marcel Reich-Ranicki (1920-2013). In der heutigen Ausgabe (12.5.17) finden wir nicht nur die grundlegenden Beiträge von Thomas Steinfeld und Chefredakteur Kurt Kister, sondern darüber hinaus noch Würdigungen Kaisers etwa von

Martin Walser, Volker Schlöndorff, Anne-Sophie Mutter, Michael Krüger, Cornelia Froboess und Ulrich Matthes.

Kurt Kister schreibt: „Diese Zeitung, diese Redaktion ist Joachim Kaiser unendlich dankbar. Er kam zur ‚Süddeutschen‘, als ihre allmähliche Entwicklung vom Münchener Blatt zur auflagenstärksten seriösen überregionalen Zeitung begann. So wie er das geistige Klima der Republik mitbestimmte, übertrug er auch seine Reputation als Intellektueller, als Großkritiker auf die Zeitung. Man weiß nicht so genau, ob er mit der Zeitung oder wohl eher die Zeitung mit ihm groß geworden ist. Jedenfalls wäre die ‚Süddeutsche‘ ohne Joachim Kaiser nie das geworden, was sie heute ist. Er war ein ganz Großer.“

1542: Bildung (im älteren Sinne)

Montag, April 24th, 2017

Bildung ist eine windige Sache. Insbesondere für diejenigen, die sich ihrer Bildung nicht sicher sind. Das überlegt auch Thomas Steinfeld (SZ 22./23.4.17). Er kommt zu einem feinen Schluss:

„Wenn Bildung (in einem älteren Sinn) glückt, ist sie nicht einmal demokratisch. Denn gelingen kann sie nur im einzelnen Menschen, indem dieser einen kulturellen Gegenstand gedanklich ergreift und zu seiner Sache macht – um seinetwillen und aus keinem anderen Grund.“

1541: Jack Nicholson 80

Samstag, April 22nd, 2017

Jack Nicholson wird 80 Jahre alt. Und wer einen solchen fast unfassbar großen Schauspieler aus diesem Anlass treffend charakterisieren will, der muss dafür ein großer und kenntnisreicher Journalist sein. Wie Andreas Kilb (FAZ 22.4.17), wo er uns beschreibt, dass einer, der mit dem Kino der Siebziger, Achtziger und Neunziger aufgewachsen ist, sich nur mit Mühe eine Welt vorstellen kann, in der es Jack Nicholson nicht gibt. Von Peter Fonda und Dennis Hopper, Nicholsons Kumpels in

„Easy Rider“ (1969),

würden ein paar große Filme bleiben, „aber Nicholson hat sich in die Substanz des Mediums selbst eingeschrieben, als Typus wie als Individuum. Man muss nur seinen Namen hören, schon sieht man ihn vor sich, die gebogenen Augenbrauen, die hohe runde Stirn und vor allem der Mund, mit dem er Dinge tun konnte, die kein anderer Schauspieler fertigbrachte. Ein Mund zum Fürchten.“

Zwölfmal war Nicholson für den Oscar nominiert (Rekord bei den Schauspielern), dreimal hat er ihn bekommen. Als Hauptdarsteller in

„Einer flog über das Kuckucksnest“ von Milos Forman (1975)

und

„Besser geht’s nicht“ (1997),

als Nebendarsteller in

„Zeit der Zärtlichkeit“ (1984) (Tobias Kniebe, SZ 22./23.4.17).

Von Stanley Kubricks „Shining“ (1980) hat sich Nicholson fast nicht mehr erholt, vorher war er ein Schauspieler, jetzt ist er eine Marke. Er hat Filme produziert und Regie geführt. Im Film wie im Leben war er ein Mann, der die Frauen beeindruckte. Um nur drei von ihnen zu nennen: Susan Sarandon, Michelle Pfeiffer, Cher. 2013, nach der Oscar-Verleihung meinte er: „Ich kann in der Öffentlichkeit keine Frauen mehr angraben. Das habe ich mir nicht ausgesucht, aber es fühlt sich einfach nicht mehr richtig an.“ In George Millers

„Die Hexen von Eastwick“ (1987)

fragt Nicholson als Daryl van Horne „Sind Frauen ein Fehler Gottes?“

In „About Schmidt“ (2002) spielte Nicholson zum ersten mal einen alten Mann. Ihm stirbt die Frau, seine Tochter heiratet einen Versager. Schmidts letzter Kontakt zur Außenwelt ist sein Patenkind in Tansania, dem er Briefe schreibt. Das Patenkind schickt eine Zeichnung: ein Mann und ein Junge, Hand in Hand. Da bricht Schmidt in Tränen aus. „Vielleicht geht es im Kino nur darum, ein Bild zu finden, das uns rührt. Und ein Gesicht wie das von Jack Nicholson, durch das sich die Rührung überträgt.“

In letzter Zeit ist es ruhiger geworden um Nicholson. Für die Filme, die er machen möchte, bekommt er keine Rollen mehr angeboten. Und zu den anderen sagt er: „Ich habe nur diesen gruseligen Gedanken, dass die jüngeren Leute im Kino gar nichts mehr sehen wollen, was sie bewegt. Vielleicht wollen sie nur immer mehr Bomben und Explosionen sehen, weil sie damit aufgewachsen sind. Und diese Art Film werde ich niemals machen.“

1539: Frankreich ist Gastland auf der Frankfurter Buchmesse.

Samstag, April 22nd, 2017

In diesem Jahr ist Frankreich Gastland auf der Frankfurter Buchmesse. Der Ehrengast reist mit einer großen Zahl von sehr wichtigen Autoren an. U.a. sind das

der Schriftsteller-Star Michel Houellebecq,

die Dramatikerin Yasmina Reza,

der Literatur-Nobelpreisträger Jean-Marie Le Clézio,

die Literaturtheoretikerin Julia Kristeva,

der Soziologe Didier Eribon,

die Historikerin Hélène Carrère d’Encausse,

die in Berlin lebende Marie NDiaye,

der algerische Autor Kamel Daoud.

Mit den französichsprachtigen Autoren ist tatsächlich die ganze Welt in Frankfurt zu Gast. Denn die französischen Stimmen stammen nicht unbedingt aus Paris, sondern aus Nordafrika, Kanada oder dem Nahen Osten (FAZ 22.4.17).

 

1535: Was ist deutsch?

Donnerstag, April 20th, 2017

Die Frage „Was ist deutsch?“ verschwindet nicht. Sie wird immer wieder neu gestellt. Auch ich habe mich daran schon versucht (W.S.: Deutsche Diskurse. Die politische Kultur von 1945 bis heute in publizistischen Kontroversen. Zweite überarbeitete Auflage. Hamburg 2009, 232 S.). Nun legt der Heidelberger Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer eine neue Version vor:

Was ist deutsch? Die Suche einer Nation nach sich selbst. Berlin 2017, 1056 S., 39,95 Euro.

Allein der Umfang dieser Arbeit beeindruckt. Und er ist ein Beweis für die Sorgfalt, mit der hier gearbeitet worden ist. Thomas Schmid (Literarische Welt 8.4.17) lobt sie für ihren Gedankenreichtum und ihre Präzision (vgl. Franziska Augstein, SZ 20.2.17).

Es war schon immer unmöglich, das Deutsche territorial zu bestimmen. „Deutsch ist, wer Deutsch spricht.“ Berüchtigt die deutsche Kleinstaaterei. „Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens./Bildet, ihr könnt es, dafür als Menschen euch aus.“ (Goethe/Schiller) Aber wir Deutschen sind nicht zur öffentlichkeitsabgewandten Innerlichkeit verdammt. Dies gilt in Zeiten umfassender Globalisierung um so mehr. Auch das Schwanken zwischen Kleinmut und Großkotzigkeit, zwischen Verzagtheit und Größenwahn, ist uns nicht schicksalhaft aufgegeben.

Borchmeyer widmet sich der deutschen Universität, die einmal der Ort von Selbstbestimmung und Konversation sein sollte, „die eine unvergleichliche Blüte erlebte und die mit der Vertreibung der Juden einen Schlag erhielt, von dem sie sich nie wieder erholte“. Das mit Abstand längste Kapitel des Buchs lautet „Deutschtum und Judentum – eine tragische Illusion?“ „Die Lektüre ist erschütternd. Das Kapitel zeigt, mit welch unendlicher Leidenschaft und Hingabe deutsche Juden bis zum Jahre 1933 bemüht waren, sich nicht nur zu assimilieren, sondern deutscher zu sein als die Deutschen und die deutschen Werte zu verinnerlichen.“

„Das Buch wäre nicht so dick geworden, gäbe es eine Antwort auf die Frage ‚Was ist deutsch?‘. Borchmeyer ist so umsichtig, nur Wege anzudeuten. Die Selbst- und Traditionszerstörung, die sich Deutschland mit dem Holocaust zugefügt hat, erscheint nach der Lektüre dieses Buches, das so viele gute deutsche Wege aufzeigt, die möglich gewesen wären, noch viel rätselhafter als zuvor.“

1533: Feridun Zaimoglu: Gegen doppelte Staatsbürgerschaft

Mittwoch, April 19th, 2017

Das Referendum in der Türkei, unabhängig davon, ob es gefälscht oder rechtmäßig war, fordert uns dazu auf, über die doppelte Staatsbürgerschaft nachzudenken. Denn wie kann ich einerseits die Freiheit in Deutschland genießen und dann in der Türkei für die Todesstrafe stimmen? Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, geb. 1965, schreibt dazu (Die Zeit 6.4.17):

„Ich war fünf Monate alt, als ich nach Deutschland kam. Meine Mutter hat mich in dieses Land getragen. Vor 25 Jahren bin ich dann Deutscher geworden. Damals gab es die doppelte Staatsbürgerschaft noch nicht, also habe ich meinen türkischen Pass abgegeben. Ich wollte das auch. Ich wollte Deutscher werden. Letztendlich lief es auf Pathos heraus, eine milde Form von Pathos: Was ist mein Land? Da musste ich mich entscheiden. Und da kann es keine zwei Antworten geben.

Ich kenne keine guten Argumente für die doppelte Staatsbürgerschaft. Du kannst nicht zwei Herren dienen. Und es geht um Gerechtigkeit. Jemand, der hier geboren ist und hier lebt, hat nicht die Möglichkeit zwei Pässe zu haben. Die Töchter und Söhne von Zugewanderten haben diese Möglichkeit. Und das finde ich ungerecht.

Fast alle türkischen oder kurdischen Verbände oder Vereine in Deutschland sind eigentlich Heimatvertriebenenorganisationen. Sie blicken nur auf die Türkei. Seit 30 Jahren reden wir davon, dass man die orientalische Art überwinden muss: Ehrenmorde, Aggressivität, Nationalstolz. Das alles muss im Mülleimer landen. Ich habe keine Lust auf Blickduelle mit Männern. Ich habe keine Lust auf diese aggressive Scheiße. Es gibt bestimmte Spielregeln der deutschen Gesellschaft, und die stehen fest. Und wer sich als beratungsresistent erweist, etwa im Verhalten gegenüber Frauen, dem wünsche ich gute Heimreise.

Ich verstehe nicht, wie Türken, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, die Türkei immer noch als ihre Heimat betrachten können. Erdogan hetzt die Leute auf. Er hat das gesellschaftliche Klima in der Türkei vergiftet, und nun vergiftet er das gesellschaftliche Klima in Deutschland. Es ist ein Kulturkampf. Und er macht in der Türkei gemeinsame Sache mit den Neofaschisten. Im Vergleich zu den Grauen Wölfen ist die NPD ja ein Häschenverein.

Man kann als Türke oder Deutschtürke nicht von der Freiheit in Deutschland profitieren und für die Unfreiheit in der Türkei votieren. Wer das tut, ist feige. Und krank. Wenn man Erdogan-Unterstützer fragt, warum sie für die Verfassungsänderung stimmen wollen, kommen gar keine Argumente. Sie hören sich an wie bezahlte Angestellte des türkischen Tourismusministeriums. Sie kennen die Türkei nur aus Urlauben. Und dieses Urlaubsland wird dann idealisiert. Ich würde diese Leute am liebsten packen und durchschütteln. Was ist eigentlich los mit euch? Was stimmt mit euch nicht?“

1531: Schimpfkanonade (über die Bildungsmisere)

Dienstag, April 18th, 2017

Der Direktor des Max-Planck-Gymnasiums in Göttingen, Dr. Wolfgang Schimpf, befasst sich in der FAZ (6.4.17) mit der gegenwärtigen Bildungsmisere und macht einen Verbesserungsvorschlag, dem wir  zustimmen können. Er möchte nämlich die Begabungsförderung verstärken. Die emanzipatorische Kraft des Gymnasiums und der Berufsausbildung sieht er im Leistungsgedanken. Und er möchte nicht, dass sich, wie in Niedersachsen zu befürchten, die Gymnasien selber abschaffen.

Schimpf knüpft vernünftigerweise an das Erfordernis nach Exzellenz an, von dem heute auch in Schulen und Universitäten unentwegt die Rede ist. Allerdings liefern die Gymnasien nicht mehr wie selbstverständlich die dazu passenden Absolventen, weil die Gymnasien zunehmend und mit Absicht beschädigt werden. Die Übergangsquoten sind auf über 50 Prozent gestiegen, ausgehend von früher zehn Prozent. Grund dafür sind politische Forderungen (OECD et alii). Die sehr guten Abiturnoten sind inflationär gestiegen. An den Universitäten die Durchfallquoten fast verschwunden. Alles mit Hilfe von grundsätzlichen Leistungsabsenkungen. Ein Abitur bedeutet nicht mehr Studierfähigkeit. Etc.

Die Privatisierung des Bildungswesens hält Schimpf sehr zu recht für einen Irrweg. Abgesehen davon, dass sie verfassungsrechtlich äußerst bedenklich ist. Denn die Verfassung verlangt Chancengleichheit und keine „Pressen“ für Reiche. Wie der Göttinger Pädagoge Hermann Giesecke schon vor sehr langer Zeit formulierte, ist Schule nicht die Fortschreibung der kindlichen Individualität, sondern ihr Gegenteil, aber nicht um die Kinder zu unterdrücken, sondern um sie herauszufordern. Das beherzigen heute rot-grüne Landesregierungen nicht mehr.

In Niedersachsen etwa ist die Eignungsaussage der Grundschulen gestrichen worden. Die Eltern sehen ihre Kinder – und manchmal aus den verständlichsten Gründen – in vielen Fällen falsch. Von den Kindern, die auf das Gymnasium streben, kann ein Drittel nach Auskunft der Schulleitungen nicht sicher lesen, schreiben und rechnen. Das Sitzenbleiben soll abgeschafft werden.

Für Gesamtschulen gilt seit zwei Jahren, dass sie Haupt- und Realschulen ersetzen. Sie haben eine Aufnahmequote von 60 Prozent für Schüler mit gymnasialer Eignung, 20 Prozent für Real-, zehn Prozent für Hauptschüler und zehn Prozent für inklusive Beschulung. Ein beträchtlicher Teil der ehemaligen Haupt- und Realschüler wird deshalb abgewiesen und meldet sich an Gymnasien an, die sie nicht abweisen dürfen. „So werden diese unweigerlich zu Gesamtschulen, allerdings ohne deren logistsiche Möglichkeiten etwa bei der sozialpädagogischen Unterstützung.“ Auch die Inklusion hilft bei der schleichenden Demontage. „Zieldifferenziertes Unterrichten“ heißt das Zauberwort. Es beschreibt den pädagogischen Grundsatz aller Gesamtschulen.

„Die Grünen haben aus ihrer gymnasialfeindlichen Einstellung nie einen Hehl gemacht, das ist eine aufrechte, berechenbare Haltung. Die SPD bestreitet bis heute, das Gymnasium abschaffen zu wollen. Die Praxis der von ihr bestimmten Bildungsadministration, aber auch ihre Grundsatzpapiere widersprechen dem freilich vehement.“

„Niedersachsen ist dabei, auf dem Weg zunehmender Leistungsabstinenz voranzuschreiten und das Gymnasium von innen her zu zerstören, das seine emanzipatorische Kraft gerade aus dem Leistungsgedanken gewonnen hat. Nicht Herkunft, sondern Fähigkeiten entschieden über Zukunftschancen – so die revolutionäre Grundidee dieser Schulform. Es wäre also nötig, sich auf den Zentralbegriff jeder erfolgreichen Sozialisation zu besinnen: Eignung. Eine Schule, deren Curriculum von Beginn an wissenschaftspropädeutisch ausgerichtet ist, wird ihre Ziele nur erreichen, wenn sie Zugangsbedingungen definieren und durchsetzen darf. Dabei geht es um Lerntempo, Lesefähigkeit, Sprachkompetenz, Umfang des aktiven Wortschatzes und anderes mehr.“

„Wir sind im Begriff, diese schlichten Einsichten, die überall gelten, wo es auf Leistung ankommt, zu vergessen. Eine Pädagogik aber, die dies ignoriert, wird gerade das ihren Kindern schuldig bleiben, was sie hauptsächlich erreichen müsste: Zukunftsfähigkeit. Exzellenz ist da nur noch Zufall, nicht aber Ergebnis systematischer Förderung von Begabungen. Das wäre eigentlich das Gebot der Stunde.“

Dem habe ich fast nichts hinzuzufügen.

Vielleicht nur dies: von Handwerksmeistern höre ich in Bezug auf ihr Verantwortungsfeld sehr Ähnliches. Und natürlich habe ich aus dem Kreis von Sozialdemokraten, GEW-Mitgliedern und „Pädagogen“ sehr viel Abfälliges und manchmal Hämisches über Wolfgang Schimpfs Analyse gehört. Das ist leicht zu erklären: die Betreffenden wollen nicht das Gleiche wie Schimpf und sind dabei, weiter die Herrschaft des Mittelmaßes zu festigen.

Gute Nacht Bildung und Ausbildung!