Archive for the ‘Literatur’ Category

1716: Günter Wallraff 75

Montag, Oktober 2nd, 2017

Er ist der Mann, der 1977 bei „Bild“ „Hans Esser“ war und die Machenschaften der Boulevardzeitung aufdeckte. Vorher hatte er 1974 in Griechenland 77 Tage in Haft gesessen, weil er sich in der Zeit der Militärjunta auf einem öffentlichen Platz angekettet und Flugblätter gegen die Junta verteilt hatte. Er war danach der „Türke Ali“, berichtete von „ganz unten“. Günter Wallraff war „undercover“ auch „Brötchenbäcker“ und Afrikaner. Und vieles mehr. Immer ging es ihm darum, die Verhältnisse in der „kaputten Gesellschaft“ aufzuklären und abzuschaffen. Manchmal ist ihm das gelungen. Aber er musste auch eine Unzahl von Prozessen führen und überstehen. Teilweise gegen Große aus der Gesellschaft (wie den Springer-Verlag). Günter Wallraff ist 75 Jahre alt geworden.

Der Aufklärungsjournalist ist immer noch sehr agil und angriffslustig. Mittlerweile arbeitet sein „Team Wallraff“ für RTL. Er hat sich mit den Arbeitsbedingungen von Paketzustellern und der Arbeit von Pflegeheimen befasst. Manche jungen Leute kennen ihn als den Mann, der bei RTL ist, und wissen nichts von seiner ruhmreichen Vergangenheit in den siebziger und achtziger Jahren. Bei einigen Arbeitgebern ist Günter Wallraff heute noch gefürchtet. Er hatte die Öffentlich-Rechtlichen verlassen, weil er dort seiner Meinung nach zu oft mit „unwilligen Juristen“ zu tun bekam. Das sei bei RTL besser. Dort könne er junge Menschen erreichen. Er selbst sieht das Programm nicht allzu häufig, sondern bevorzugt

Phoenix, Arte und 3sat,

weil er Sendungen wie „Schwiegertochter gesucht“ und „Bauer sucht Frau“ nicht mag.

Günter Wallraff wird nicht überall gerühmt. Da gab es Mitautoren, die er angeblich nicht angemessen behandelt hat. Der

Stasi-Vorwurf

konnte nie ganz ausgeräumt werden. Und Wallraff war beteiligt an den Vorgängen bei der Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR 1976, bei der Biermann verraten worden sein soll (nicht von Wallraff). Der Aufklärer Wallraff hat oft nur das recherchiert und beschrieben, was alle wissen konnten, aber keiner so richtig wissen wollte. Der unermüdliche Rechercheur zeigt heute bisweilen Anflüge von Altersmilde. Er ist ein leidenschaftlicher Marathonläufer und Tischtennisspieler, der einmal sogar den ehemaligen „Bild“-Chef Kai Diekmann besiegt hat. Und Wallraff baut journalistisch auf „junge Leute“, die „Biss haben“.

Am 9. Oktober 2017 erscheint ein Wallraff-Porträt von Lutz Hachmeister auf RTL (Hans Hoff, SZ 29.9.17).

1695: Theodor Storm 200

Freitag, September 15th, 2017

Zu einer Kindheit in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, in der vorgelesen und gelesen wurde, gehörten wie selbstverständlich Figuren wie

Pole Poppenspäler und Hauke Haien.

Sie stammten von

Theodor Storm (1817-1888).

Er steht wohl für einen norddeutsch gefärbten „bürgerlichen Realismus“ und war keineswegs so unbedeutend, dass es gerechtfertigt wäre, seinen 200. Geburtstag zu übergehen (ich finde nämlich wenig über ihn in der Presse).

Storm stammte aus Husum und schrieb schon als 15-jähriger Schüler Gedichte, die in Zeitungen veröffentlicht wurden. Er studierte Jura in Kiel und Berlin, wo er zeitweilig in einer Wohngemeinschaft mit dem Historiker und Literaturnobelpreisträger Theodor Mommsen (1817-1903) und dessen Bruder Tycho lebte. Mit ihnen gab Storm eine Sammlung schleswig-holsteinischer Lieder, Märchen und Sagen heraus. Storm hatte ein Faible für sehr junge Damen, was ihm heute Überlegungen über Pädophilie einträgt. 1846 heiratete er. Aus der Ehe gingen sieben Kinder hervor. Storm arbeitete als Jurist, überwiegend als Amtsrichter. So von 1856 bis 1864 in unserer Nähe, in Heiligenstadt/Thüringen. Dort gibt es heute das Literaturmuseum „Theodor Storm“ und am Eingang der Fußgängerzone eine Bronzestatue Storms in Originalgröße. Danach ging Storm wieder in seine nordfriesische Heimat zurück.

Als Liberaler fühlte sich Storm im Milieu preußisch Konservativer und Juristen nicht immer wohl. Nach dem Tod seiner Frau heiratete er 1866 zum zweiten Mal. 1870 kam der damals 15-jährige Ferdinand Tönnies als Korrekturleser zu Storm und wurde sein Freund. Tönnies (1855-1936) gehört zu den Mitbegründern der Soziologie in Deutschland.

1849 veröffentlichte Storm das Märchen „Der keine Häwelmann“. Er hatte schon vorher Gedichte publiziert. 1852 erschien „Die Stadt“ („Am grauen Strand, am grauen Meer/ Und weitab liegt die Stadt;/ Der Nebel drückt die Dächer schwer/Und durch die Stille braust das Meer/Eintönig um die Stadt. …“ Wir kennen von ihm Adventsgedichte: „Von drauß‘ vom Walde komm ich her; …“ Das ist heute möglicherweise alles vergessen. 1849 erschien die Novelle „Immensee“, die 1943 von Veit Harlan verfilmt wurde (mit Kristina Söderbaum, Carl Raddatz, Paul Klinger, Malte Jäger), 1874 „Pole Poppenspäler“. Theodor Storms in seinem Todesjahr 1888 veröffentlichte Novelle „Der Schimmelreiter“ über den Deichgrafen Hauke Haien ist sein berühmtestes Werk.

1685: Varian Fry – der vergessene Fluchthelfer

Montag, September 11th, 2017

Als am 14. Juni 1940 auf den Champs Elysées die Siegesparade der deutschen Wehrmacht stattfand, war das Leben der vor den Nazis nach Frankreich geflohenen Nazigegner, Juden, Kommunisten, Literaten, Künstler und Intellektuellen gefährdet. Für eine weitere Flucht z.B. in die USA brauchten sie Geld, Pässe und ein „Affidavit“, eine Versicherung, dass die Emigranten nicht der Sozialfürsorge zur Last fallen würden. Im Süden Frankreichs herrschte das Regime des Marschalls Pétain, das sogenannte Vichy-Regime. Es kollaborierte mit den Nazis. Dort befanden sich Anfang 1941 etwa 150 000 deutsche Flüchtlinge.

Diese Lage führte dazu, dass versucht wurde, mit einem „European Rescue Committee“ Emigranten zur Flucht aus Frankreich zu verhelfen. Die zentrale Figur dabei war der 32-jährige US-Amerikaner Varian Fry, der zunächst von einem kleinen Hotelzimmer in Marseille aus tätig wurde. Fry hatte in Harvard Geschichte und Literaturwissenschaft studiert und an der Columbia Universität promoviert. 1935 war er in Berlin Zeuge antisemitischer Ausschreitungen geworden. Er sprach mehrere Sprachen, darunter fließend Französisch und Deutsch.

In seinen 1945 erschienen Erinnerungen „Auslieferung auf Verlangen“ reflektiert er seine Erlebnisse. Es gab zahlreiche tragische Geschehnisse. Die geflohenen deutschen SPD-Politiker Rudolf Breitscheid und Rudolf Hilferding starben, weil sie sich geweigert hatten, während der Überfahrt auf dem Atlantik in einer stickigen Koje im Laderaum eines Frachters zu schlafen. Hilferding starb in Pariser Haft, Breitscheid kam bei einem Luftangriff auf das KZ Buchenwald ums Leben. Seit Dezember 1941 gab es die ersten Deportationen „nach dem Osten“. Lisa Fittko hat in ihrem Buch „Mein Weg über die Pyrenäen“ den illegalen Weg aus Frankreich heraus beschrieben. Walter Benjamin ist dabei zu Tode gekommen (26.9.1940). Einer Gruppe mit Lion und Martha Feuchtwanger, Franz und Alma Werfel, Heinrich Mann und seiner Frau Nelly mit ihrem Neffen Golo Mann gelang die Flucht. Angesichts der Gebrechlichkeit Einzelner fast ein Wunder.

Varian Fry arbeitete mit dem jüdischen Wiener Passfälscher Bill Spira zusammen. Für Anträge zur Bewilligung von Visa zur Einreise in die USA musste eine „besondere politische Verfolgung“ nachgewiesen werden. Es genügte nicht, Jude zu sein. Varian Fry verhalf vielen Bedrohten zur Flucht. Darunter Marc Chagall, Max Ernst und André Breton. Nicht alle haben sich hinterher sehr dankbar gezeigt. Fry begegnete zunehmendem Misstrauen auch auf Seiten der US-Administration, weil er vielen Linken und Juden half. Er musste seine segensreiche Arbeit schon im Juli 1941 beenden. Danach geriet seine Arbeit schnell in Vergessenheit. Erst 1967 wurde Fry Mitglied der französischen Ehrenlegion. 1994 wurde er als erster US-Bürger in die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ aufgenommen. Er war schon 1967 verbittert gestorben (Knud von Harbou, SZ 9./.10.9.17).

1679: Die Unterrichtsqualität ist entscheidend.

Samstag, September 9th, 2017

1. Nach den Pisa-Studien gibt es in Deutschland eine Misere der Schulbildung.

2. 2015/16 erfüllten knapp 70 Prozent der Berliner Achtklässler nicht die Mindestanforderungen in Mathematik, Deutsch und Englisch.

3. Gute Bildung braucht nicht etwas Anstrengung, sondern sehr viel. Von Ministerien, Lehrern, Eltern und Schülern.

4. Der Volksmund nennt das: „Ohne Fleiß kein Preis.“ oder „Übung macht den Meister.“.

5. Jeder, der eine Sportart oder ein Musikinstrument gelernt hat, weiß, dass man ohne fleißiges Üben und ohne regelmäßiges Wiederholen nicht vorankommt.

6. Die Vorstellung, dass man Lesen, Schreiben und Rechnen wie von selbst lernt, ist abwegig.

7. Insbesondere Kinder aus bildungsfernen Schichten leiden unter nachlässigem Unterricht.

8. Zur Zeitverschwendung durch schlechten Unterricht kommen Unterrichtsausfälle, fachfremde Lehrer, überfüllte Klassen, Schwänzen, mangelnde Disziplin.

9. Wer nicht Lesen, Schreiben und Rechnen kann, wird auf dem Arbeitsmarkt ausgegrenzt und bei Verträgen aller Art leicht über den Tisch gezogen.

10. Insofern sind schlechte Schulen schlecht für uns alle (Richard Rother, taz 5.9.17).

 

1669: Egon Günther gestorben

Sonntag, September 3rd, 2017

Als er 1978 aus der DDR in den Westen ging, war Egon Günther Träger des Nationalpreises der DDR und einer ihrer wichtigsten Filmemacher. Die DDR verfügte über mehrere große Filmkünstler. Günthers Film „Der Dritte“ (1972) mit der wunderbaren Jutta Hoffmann war in aller Filmfreunde Munde. Es war der Film, in dem eine sehr selbständige Frau zum dritten Mal versucht, den richtigen Mann zu finden. Eine Geschichte also, die uns gerade heute nahe kommt. Der Film lief damals in den Kinos der BRD und bekam in Venedig einen Preis.

Günthers „Lotte in Weimar“ (nach Thomas Mann) mit Lilli Palmer wurde 1975 in Cannes gezeigt. Ärger mit der DDR-Zensur hatte Günther schon seit „Wenn du groß bist, lieber Adam“ (1965). Der Film wurde noch vor der Fertigstellung verboten und erlebte seine Premiere 1990. Günther war ein Arbeiterkind und stark von seiner Kriegserfahrung geprägt. Er schrieb auch Erzählungen und Romane. Literarische Stoffe sind ein durchgehendes Motiv seiner Arbeit. Auch später, als er im Westen etwa „Die Braut“ (1999) mit Veronika Ferres als Christiane Vulpius drehte.

Egon Günther ist im Alter von 90 Jahren in Potsdam gestorben (SZ 1.9.17).

1668: Biermann: DDR war meine Rettung.

Freitag, September 1st, 2017

Anlässlich der Tournee mit seiner Frau Pamela wird Wolf Biermann, der so höchst umstrittene Liedermacher und Dichter, in der „Zeit“ (31.8.17) von Stephan Lebert und Florian Illies interviewt.

Biermann: Warum wandert ein 16-jähriger Knabe 1953, kurz nach Stalins Tod, kurz vor dem 17. Juni, gegen den Strom der Millionen Flüchtlinge, nach Osten? Ich wechselte von der Demokratie in die Diktatur. Für mich persönlich war dieser Weg in die DDR aber meine Rettung.

Zeit: Die Rettung?

Biermann: Ich wäre im Westen ein Kader der Kommunistischen Partei geworden, die sich später DKP nannte. Und heute wäre ich wahrscheinlich ein Fossil der SED-PDS-Linken. Die Linke ist nur die flott umgetaufte totalitäre SED aus der DDR-Diktatur. Ich wäre ein Genosse der rot getünchten, der finsteren Lichtgestalten. Ein Horrorfilm!

1643: Michael Naumanns Lebenserinnerungen

Mittwoch, August 2nd, 2017

Michael Naumann (geb. 1941) war Journalist („Die Zeit“, „Der Spiegel“, „Der Monat“, „Cicero“) Herausgeber, Verleger (bei Rowohlt und in New York). Kulturstaatsminister unter Gerhard Schröder (SPD) und unabhängiger Sozialdemokrat. Kein brillanter Schreiber und kein philosophischer Kopf, aber ein leitender Angestellter mit Fortune. Nun hat er seine Lebenserinnerungen vorgelegt:

Glück gehabt. Ein Leben. Hamburg (Hoffmann und Campe) 2017, 415 S.

Der 1953 aus der DDR geflohene Naumann gibt uns darin einen fulminanten Einblick in das Mediensystem. Es ist ja ansonsten verwunderlich, wie viele Menschen von den Medien einfach nicht genügend Ahnung haben. Naumann ist selbstkritisch, stellt sein Licht aber auch nicht unter den Scheffel. Mit Prominenten geht er frei um. Henry Kissinger z.B. hält er für einen begnadeten Selbstdarsteller. Daniel Barenboim ist ein Glück für Deutschland. Naumann schreibt auf Grund seiner guten USA-Kenntnis (Austauschschüler, Student, Forscher etc.) beeindruckend über Remigranten wie Michael Blumenthal. Er ist fest in der westlichen politischen Kultur verankert, das zeichnet ihn vor anderen aus. Naumanns relativ bewegte Schulkarriere, vor allen Dingen in den fünfziger Jahren,  hat ihn auch durch ein Internat geführt.

Obwohl Naumann letztlich Sozialdemokrat wurde, hat er sehr viel Verständnis für Konservative, wenn sie Format haben, wie Erhart Kästner, Michael Stürmer, John Kornblum, Otto Schily, Monika Grütters. Naumann ist ein Bürgerlicher, der Kirchenlieder auswendig kennt. Studiert und promoviert hat er in München bei Eric Voegelin, das liegt schon am Rande. Michael Naumann interessiert sich nicht nur für die journalistisch ganz Großen, sondern lässt gerade bewährten Kollegen wie Kurt Becker, Michael Jürgs und Ulrich Weinzierl ihr Recht. Vor der Linken erstarrt er nicht in Ehrfurcht, sondern übt hier und da kräftige Kritik. Bei Bertolt Brecht, Kurt Tucholsky, Johannes R. Becher. Eitle Journalisten wie Peter Hamm kriegen ihr Fett weg.

Ernst Noltes Verirrung im Historiker-Streit charakterisiert Naumann so: „So wurden die nationalsozialistischen Massenermordungen von Juden, aber auch von Homosexuellen, Zigeunern und russischen Kriegsgefangenen als gleichsam historisch unvermeidliche Reaktion im Namen des Antibolschewismus der NS-Ideologie dargestellt.“ (S. 96)

Die Hochschulen sieht Michael Naumenn durchaus kritisch, nachdem er dort in Bochum selbst reichlich Erfahrungen gesammelt hat. Behalten hat er ein Faible für die Anglo-Amerikaner, wo im UK z.B. Leszek Kolakowski ein „bewunderter Freund“ (S. 179) wurde. Naumann hat sogar versucht, in den siebziger Jahren den „Monat“ Melvin Laskys wieder zu beleben. Rudolf Augstein beispielsweise behandelt er rücksichtsvoll. „Fast alle seine Chefredakteure hatten eine Verbotsgrenze niemals überschritten – sie waren nicht größer als Rudolf Augstein. (S. 216) Legendär ist Michael Naumanns Erfolgsweg als Verleger bei Rowohlt. Auch angesichts der an Mythen reichen Verlagsgeschichte (Ernst Rowohlt, Heinrich-Maria Ledig-Rowohlt, Fritz J. Raddatz).

Für 1968 und die 68er hat Naumann erfreulicherweise viel Verständnis. Er war selbst dabei. Und er verteidigt Kollegen wie Peter Schneider, von dem er schreibt: „sein kritischer Rückblick auf die neomarxistische Phase seiner Jugend wurde und wird ihm von den geisteigen Romantikern seiner Generation übelgenommen“. (S. 249) Den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder schätzt Naumann außerordentlich. Auch aus seiner Zeit als Kulturstaatsminister. Peter Glotz nennt er den „brillanten Vordenker“ der SPD (S. 312). Das alles hat Hand und Fuß. 2007 war Michael Naumenn „Zählkandidat“ bei den Hamburger Senatswahlen. Er hat in Brüssel für die Buchpreisbindung gekämpft. Maßgeblich war Naumann 2000 beteiligt an der Erklärung der Bundesregierung zur Beutekunst und Raubkunst, die man den europäischen Juden entwendet hatte. Es wäre besser, wenn es mehr Sozialdemokraten vom Schlage Michael Naumanns geben würde.

1601: „Tanz auf dem Pulverfass“: Benn, die Frauen und die Macht

Montag, Juni 19th, 2017

Über unsere beiden größten Lyriker des 20. Jahrhunderts, Bertolt Brecht (1898-1956) und Gottfried Benn (1886-1956), sind wir relativ gut informiert. Auch weil sie selber auskunftsfreudig waren. Von Benn allein steht in meiner Bibliothek Literatur von Thilo Koch, Dieter Wellershoff, Bruno Hillebrand, Hanspeter Brode, Gottfried Wilhelms, Jörg Döring/Erhard Schütz, Paul Raabe, Kai-Uwe Scholz, Hansjörg Rehfeldt. Werner Rübe, Jürgen P. Wallmann, Jürgen Schröder, Joachim Dyck und Helmut Lethen. Außerdem die Benn-Briefwechsel mit F.W. Oelze und Thea Sternheim. Ich fühle mich also gut informiert. Was soll mir da ein neues Buch über Benn bringen?

Wolfgang Martynkewicz: Tanz auf dem Pulverfass. Gottfried Benn, die Frauen und die Macht. Berlin (Aufbau) 2017, 407 Seiten.

Martynkewicz ist Literaturwissenschaftler in Bamberg und Bayreuth und freier Autor. Und weil ich mich für die Frauen Benns („Gute Regie ist besser als Treue.“) interessiere, habe ich das Buch gelesen. Hier bin ich enttäuscht; denn ich habe nichts Neues erfahren. Zudem werden einige von Benns Frauen stiefmütterlich behandelt: Edith Osterloh, Astrid Claes und Ursula Ziebarth etwa. Anderes ist überall bekannt. Mit Thea und Dorothea (Mopsa) Sternheim soll es eine Ménage à trois geben haben. Na ja, na ja. In den Betten, nichts Neues.

Was Martynkewicz schärfer herausarbeitet als manche Autoren vor ihm, ist die schlimme Tatsache, dass Benn, der aus dem Expressionismus kam (und ihm prinzipiell lebenslang anhing) politisch Zeit seines Lebens ein ungebildeter und verirrter Autor war. Er hatte seine größte Zeit als Sanitätsoffizier im Ersten Weltkrieg in Brüssel. „Ich lebte in der Etappe einen guten Tag, war lange in Brüssel, wo Sternheim, Flake, Einstein, Hausenstein ihre Tage verbrachten. … Ich war Arzt an einem Prostituiertenkrankenhaus, ein ganz isolierter Posten, … hatte wenig Dienst, durfte in Zivil gehen, war mit nichts behaftet, hing an keinem, verstand die Sprache kaum; strich durch die Straßen, fremdes Volk …, was war die Kanonade von Yser, ohne die kein Tag verging, das Leben schwang in einer Sphäre von Schweigen und Verlorenheit, ich lebte am Rande, wo das Dasein fällt und das Ich beginnt. Ich denke oft an diese Wochen zurück; sie waren das Leben, sie werden nicht wiederkommen, alles andere war Bruch.“ (S. 97)

Benn lehnte die Weimarer Republik ab und sagte zu Hitler laut und deutlich ja. Das begann weit vor 1933 und endete erst mit seinem Tod 1956. Er ist nicht die einzige literarische Größe, die sich politisch verfehlt hat. Klaus Mann hat dazu das Erforderliche schon 1934 gesagt. Trotzdem oder gerade deswegen machte Benn nach 1945 eine steile literarische Karriere. Aus dieser Zeit stammen seine schönsten Gedichte. Z.B. „Epilog 1949“ (1949), das z. B. die folgende Strophe enthält:

„Das du dir trugst, dies Bild, halb Wahn, halb Wende,/das trägt sich selbst, du musst nicht bange sein/und Schmetterlinge, März bis Sommerende,/das wird noch lange sein.“

1600: Salman Rushdie 70

Montag, Juni 19th, 2017

1989 verurteilte der Ayatollah Khomeini als Vertreter des reaktionären, repressiven Islams den indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie, der Englisch schreibt, wegen seiner „Satanischen Verse“ zum Tode. Danach war das Leben Rushdies ernsthaft bedroht. Er konnte nur noch unter Polizeischutz oder im Verborgenen leben. Gedungene Mörder waren hinter ihm her. Das hat er in seinen 2012 erschienenen Memoiren „Joseph Anton“ eindrücklich beschrieben.

Für das Todesurteil „reichte aus, dass Rushdie Bücher vom Westen im Osten und vom Osten im Westen handelten. Der Schriftsteller war der Repräsentant einer neuen, vielfarbigen Welt, in der aufgehen konnte, wer oder was sich immer als souveräne Kultur empfand (oder auch sich als solche nicht empfand). Und er benutzte dafür eine Form, die so westlich erschien wie der Hollywood-Film und die Rock-Ballade, nämlich den Roman“ (Thomas Steinfeld, SZ 19.6.17).

Schon Rushdies „Mitternachtskinder“ (1981) waren ein Riesenerfolg. Das Buch, politische Allegorie, Entwicklungsroman und Märchen zugleich, veränderte die Wahrnehmung nicht nur der indischen Dichtung und des indischen Subkontinents, sondern öffnete vielen Lesern die Augen für den Postkolonialismus. Salman Rushdie wurde der Repräsentant von literarischen Versuchen der Vermittlung zwischen Ost und West. Das brauchen wir heute dringender als je zuvor. Mögen Salman Rushdie noch viele produktive Jahre beschieden sein, gerade ist er erst 70 Jahre alt geworden.

1597: Hanns Zischler 70

Samstag, Juni 17th, 2017

Als ihm 1976 in Wim Wenders‘ Kultfilm „Im Lauf der Zeit“ (mit Rüdiger Vogler und Lisa Kreuzer) als Schauspieler (Robert, „Kamikaze“) gleich der Durchbruch gelang, war Hanns Zischler noch Dramaturg an der Berliner Schaubühne und arbeitete Regiegrößen wie Peter Stein und Michael Grüber intellektuell zu. Zu Heiner Müller in der DDR hielt er durch lange Ausflüge permanenten Kontakt. In „Im Lauf der Zeit“ erschien er wie ein deutscher

James Dean.

Dieser Mann wird 70 Jahre alt.

Hanns Zischler ist uns begegnet in „Derrick“-Folgen, in schwedischen Krimis (Henning Mankell), als Klaus Barbie und als Bürgermeister, Tänzer, Spion und Kommissar. Es sind mittlerweile über 200 Rollen, die Hanns Zischler gespielt hat (bei Regisseuren wie Jean-Luc Godard, Claude Chabrol, Steven Spielberg, Rudolf Thome und Agnieszka Holland). Er inszeniert am Theater, führt Regie bei Hörspielproduktionen und hält Lesungen. Aber darauf beschränkt er sich nicht. Er brilliert als Sprecher und Synchronsprecher mit seiner phänomenalen, männlichen Stimme, die beinahe unvergleichlich ihre Fähigkeit zur Ironie beweist. Und er schreibt Bücher. So

„Kafka geht ins Kino“ oder „Das Mädchen mit den Orangenpapieren“.

Hanns Zischler hat den dekonstruktivistischen Philosophen

Jacques Derrida

übersetzt und den russischen Lyriker Joseph Brodsky interpretiert. Er ist, wenn kein Universalgenie, dann doch ein Universalliebhaber (Willi Winkler, SZ 16.6.17).

„Dem Interesse an einem bis dahin übersehenen Gegenstand – das können auch die nicht recht deutbaren Zeichnungen des Adalbert von Chamisso sein, die Zeitungslektüre des James Joyce oder, um das berühmteste Beispiel zu nennen, Kafkas Kinobesuche – folgt eine Phase der intensiven und ausufernden Forschung, die in den verblüffendsten Funden resultiert und nicht selten auch in einer gemeinsamen Arbeit mit Menschen, die Zischler mit seiner Begeisterung ansteckte.“ (spre, FAZ 17.6.17)

Hanns Zischler ist einer unserer großen Geister, dem man bisweilen in einer der Kneipen rund um den Savignyplatz in Berlin-Charlottenburg bei der konzentrierten Zeitungslektüre zuschauen kann.