Archive for the ‘Literatur’ Category

1787: Freiheit für Deniz Yücel !

Sonntag, Dezember 10th, 2017

Der „Freundeskreis *Free Deniz“ hat eine Unterschriftenaktion zur Befreiung Deniz Yücels („Die Welt“) gestartet, des deutschen Journalisten, der auch einen türkischen Pass hat:

„Deniz Yücel befindet sich am 10. Dezember seit 300 Tagen in der Türkei in Gefangenschaft – ohne Anklageschrift ist er in einem Hochsicherheitsgefängnis inhaftiert.

Diese 300 Tage sind exakt 300 Tage zu viel.

Deniz Yücel ist Journalist, und er hat nichts anderes getan, als seinen Beruf auszuüben und seine Meinung frei zu äußern.

Wir fordern einen fairen Prozess und Freiheit für Deniz Yücel sowie alle anderen aus politischen Gründen in der Türkei inhaftierten Journalisten.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – immer und überall.“

Zu den Unterzeichnern gehören u.a. die Journalisten Nikolaus Brender, Michel Friedman, Bettina Gaus, Dunja Hayali, Jürgen Kaube, Kurt Kister, Tanit Koch, Christian Krug, Georg Löwisch, Fritz Pleitgen, Ulf Poschardt, Heribert Prantl, Cordt Schnibben, Jörg Tadeusz, Bernd Ulrich, Günter Wallraff, Oliver Welke, Anne Will und Ingo Zamperoni,

die Schauspieler, Regisseure und Intendanten Fatih Akin, Iris Berben, Olli Dittrich, Sebastian Koch, Dieter Kosslick, Shermin Langhoff, Marek Lieberberg, Jan Josef Liefers, Joachim Meyerhoff, Axel Prahl, Oskar Roehler, Volker Schlöndorff, Til Schweiger, Konstantin Wecker und Wim Wenders,

die Schriftsteller J.M. Coetzee, Thea Dorn, Elfriede Jelinek, Daniel Kehlmann, Navid Kermani, Robert Menasse, Herta Müller, Orhan Pamuk und Julie Zeh,

der Künstler Gerhard Richter und

die Wissenschaftler Herfried Münkler und Richard Sennett und viele andere (FAS 10.12.17).

 

 

1783: Elmar Faber gestorben

Dienstag, Dezember 5th, 2017

Der langjährige Leiter des Aufbau-Verlags in Ost-Berlin, Elmar Faber, ist in Leipzig gestorben. Der 1934 in Thüringen Geborene hat sein Berusleben im Verlagsgeschäft verbracht. Er begann als Lektor und leitete die Edition Leipzig, bis er 1982 den Aufbau Verlag übernahm, der in der DDR eine Sonderrolle spielte.

Fabers Vorgänger

Walter Janka

saß in den fünfziger Jahren im Gefängnis, weil er mit der Gruppe um

Wolfgang Harich

einen neuen Kurs der SED befürwortet hatte. Auch Genosse Faber wurde mehrmals gemaßregelt, weil sein „Klassenstandpunkt“ nicht immer der Parteiführung passte.

Faber navigierte den Aufbau Verlag mit Glück und Geschick  durch die Wiedervereinigung und verhinderte, dass der Verlag wie viele andere Unternehmen abgewickelt wurde. Erich Honeckers Memoiren wurden ein Bestseller. Faber gründete mit seinem Sohn Michael den Verlag Faber & Faber. Es war eine Edition für Liebhaber. Weltliteratur mit künstlerischen Illustrationen in kleinen Auflagen (Burkhard Müller, SZ 5.12.17).

1772: Middelhoff hält sich im Gespräch.

Freitag, November 24th, 2017

Eine WDR-Dokumentation in der Reihe „Menschen hautnah“ mit dem Titel „Thomas Middelhoff – Absturz eines Topmanagers“ konnte am 23.11.17 nicht gezeigt werden, weil es eine Vereinbarung zwischen dem Produzenten und Thomas Middelhoff gab, wonach diesem eine Mitsprache bei dem Film zugesichert worden war. WDR: „Verinbarungen wie diese widersprechen den journalistischen Grundregeln des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und sind für den WDR nicht akzeptabel.“ (SZ 23.11.17)

Thomas Middelhoff hat selbst ein Buch geschrieben: „A 115 – der Sturz“ (F.A. Herbig). Es darf nach einem Urteil des Landgerichts Stuttgart nicht weiter verbreitet werden, weil der „Spiegel“ ein Unterlassunsgurteil erwirkt hat wegen Tatsachenbehauptungen über Journalisten des Magazins (SZ 24.11.17).

1765: Joachim Meyerhoff wundert sich.

Montag, November 20th, 2017

Der vielfach ausgezeichnete Schauspieler Joachim Meyerhoff, geb. 1967, ist auch ein sehr erfolgreicher Schriftsteller. Von ihm kennen wir aus seinem Romanwerk „Alle Toten fliegen hoch.“ vier Teile:

  1. „Amerika“ (2011),
  2. „Wann wird es endlich so, wie es niemals war.“ (2013),
  3. „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (2015) und
  4. „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“ (2017).

Den letzten Teil habe ich noch nicht gelesen. Kester Schlenz hat Meyerhoff für den „Stern“ (2.11.17) interviewt:

Stern: Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie damals nicht auf die Schauspielschule gegangen wären?

Meyerhoff: Ich weiß nicht, was dann passiert wäre. Vielleicht habe ich auch deswegen all die Jahre durchgehalten, weil ich einfach nicht wusste, was ich sonst hätte machen sollen.

Stern: Man spürt ihre Freude am Formulieren. Wie schreiben Sie? Wie im Rausch – oder quälen Sie sich?

Meyerhoff: Es gibt beides. Manchmal brüte ich zwei Stunden über einer Stelle, mal fliegt mir was zu. Manchmal habe ich nachts Eingebungen. Dann springe ich aus dem Bett und schreibe sie sofort auf.

Stern: Was inspiriert Sie?

Meyerhoff: Neulich trug ich zu Hause eines meiner Lieblings-T-Shirts. Es hat schon einige Löcher. Mein dreijähriger Sohn sah mich an und sagte:

„Papa, du siehst aus wie meine Blockflöte.“

Das ist Weltliteratur. Besser geht es nicht. Von Kindern kann man viel lernen.

Stern: Ihre Bücher scheinen durchzogen zu sein von einem permanenten Gefühl der Verwunderung über sich selbst und einer tiefen Sehnsucht nach Ruhe und Frieden.

Meyerhoff: Die Verwunderung unterschreibe ich sofort. Ich wundere mich ununterbrochen über das, was um mich herum geschieht.

1762: Vater und Sohn Walser – im Gespräch

Sonntag, November 19th, 2017

Hier kommt eine große Portion Klatsch auf uns zu. Die meisten von uns mögen mehr oder weniger insgeheim Klatsch ja sehr gerne. Und so wird sich das Buch gut verkaufen:

Jakob Augstein/Martin Walser: Das Leben wortwörtlich. Ein Gespräch. Rowohlt Verlag. 2017, 352 Seiten, 19,95 Euro.

Martin Walser, 90, und Jakob Augstein, 50, haben sich 2005 zum ersten Mal getroffen, nachdem beiden klar geworden war, dass Augstein Walsers Sohn ist. Eine in der deutschen Literatur- und Journalistenszene nicht ganz unbedeutende Tatsache. Es treffen aufeinander der des Nationalismus und Antisemitismus bezichtigte Groß-Schriftsteller und der linke Verleger und Publizist, der im Hause Augstein aufgewachsen ist. Da könnten nun die Fetzen fliegen. Das tun sie aber nicht (was die Kritikerin Julia Encke bedauert, FAS 19.11.17).

Es handelt sich eher um ein Interview. Der Sohn fungiert als Stichwortgeber. Und der Vater behält das letzte Wort. Gegenüber seinen Gegnern und Antipoden:

Hans Egon Holthusen (1913-1997), dem ehemaligen SS-Mann, dem Walser das nie vorgewofen hat,

Marcel Reich-Ranicki (1920-2013), den Walser in „Tod eines Kritikers“ übel charakterisierte,

Ignaz Bubis (1927-1999), der Walser wegen seiner Paulskirchenrede 1998 „geistige Brandstiftung“ vorwarf,

Ruth Klüger (geb. 1931), der Schriftstellerin („Weiter leben“) und Kommilitonin aus Regensburg und

Frank Schirrmacher (1959-2014), der Walser vorgeworfen hatte, es gehe in „Tod eines Kritikers“ um den Mord an einem Juden.

Walser kann sagen: „In der Wasserburger Muttermilch war kein Antisemitismus.“ Augstein bleibt auffällig schweigsam, als Walser ihn darauf anspricht, dass Henryk M. Broder Augstein 2012 selber Antisemitismus vorgeworfen hat. „Dabei wäre die Tatsache, dass Vater und Sohn sich dem gleichen Vorwurf ausgesetzt sehen, doch die Grundlage für den interessantesten Teil eines tatsächlichen Gesprächs gewesen.“ „Dass sie sich anderen gegenüber schonungslos zeigen, einander aber bei den wichtigsten Themen so schonen, ist die Enttäuschung dieses wichtigen Buches.“

1757: Der Geist verlässt die Universität.

Donnerstag, November 16th, 2017

Jagoda Marinic beschäftigt sich (SZ 4./5.11.17) mit den „Geisteswissenschaften“. Für mich ist es selbstverständlich, dass die Naturwissenschaften, die „Geisteswissenschaften (organisiert zumeist in der Philosophischen Fakultät: Sprachen, Geschichte, Volkskunde, Völkerkunde etc.) und die „Sozialwissenschaften“ (organisiert in der Sozialwissenschaftlichen Fakultät: Politikwissenschaft, Soziologie, Wirtschafts- und Sozialpsychologie, Medienwissenschaft etc.) zur Universität gehören. Wobei die „Geisteswissenschaften“ und die „Sozialwissenschaften“ häufig unter dem Begriff Geisteswissenschaften zusammengefasst werden. Zu Recht.

Es ist keine Frage, dass die Naturwissenschaften sehr wichtig sind (hauptsächlich für den wissenschaftlich-technischen Fortschritt). Unklarer ist die Rolle der Geisteswissenschaften. Die Ausführungen von Marinic fasse ich in zehn (10) Sätzen zuzsammen.

1. An Universitäten werden mehr befristete Stellen für Wissensmanagement ausgeschrieben als für Forschung und Lehre.

2. Hörsäle werden nach Mäzenen benannt, Ehrensenatorentitel an die Chefs von Pharma-, Immobilien- und IT-Firmen vergeben.

3. Die Universität Heidelberg hat mitgeteilt, dass sie keine Geisteswissenschaften mehr im Rennen um die Exzellenz im Rennen hat.

4. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) vergibt nur 15,4 Prozent ihrer Mittel an Geisteswissenschaften.

5. Unter diesen Bedingungen wird in der Politikwissenschaft Theorie durch Empirie ersetzt.

6. Aus dem Land der Dichter und Denker ist das Land der Drittmittellangstreckenläufer geworden.

7. Es kommen immer mehr Studenten in die Universität, die Forscher und der Mittelbau sind allerdings mit Drittmittelanträgen beschäftigt und können sich nicht mit ihnen beschäftigen.

8. Forscht man nicht am besten, um Krankheiten zu bekämpfen?

9. Im Wettbewerb mit den Naturwissenschaften um die Anwendbarkeit des Gelernten für die Gesellschaft unterliegen die Geisteswissenschaften in der Öffentlichkeit.

10. Die Macht der Geldgeber zieht sich durch bis in die Nachwuchsförderung.

Fazit: Das verkennt die Aufgaben der Wissenschaft. Denn es geht schließlich nicht nur um Durchökonomisierung und Nützlichkeitsdenken. Sondern um den Geist.

1756: Ingeborg Bachmann – eine sehr kalkulierte und strategische Person ?

Sonntag, November 12th, 2017

Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (früger „Frankfurter Rundschau“) hat ein Buch über Ingeborg Bachmann vorgelegt.

Ina Hartwig: Wer war Ingeborg Bachmann? Eine Biographie in Bruchstücken. Frankfurt/Main (S. Fischer) 2017, 320 S., 19,99 Euro.

Darin scheint eine andere Ingeborg Bachmann zu existieren als die „heilige Ingeborg“, die in vielen Mythen aufscheint. Julia Encke und Andreas Kilb haben sie für die FAS (12.11.17) interviewt:

FAS: Sie nennen Ihr Buch eine ‚Biographie in Bruchstücken‘. Warum?

Hartwig: Eine chronologisch geordnete Biographie hätte mich nicht interessiert. Aber es musste am Ende auch so sein, weil ein entscheidendes Kapitel, das mit Max Frisch, ungeschrieben geblieben ist. Es ist mir leider nicht gelungen, den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch einzusehen. Wir warten ja alle sehnsüchtig darauf, dass er publiziert wird. Also kann man zu dieser großen Geschichte nur bedingt etwas sagen. …

FAS: Wissen Sie, wie der Vater auf „Malina“ reagiert hat?

Hartwig: Nein. Wie so viele andere Familien hat auch die Bachmann-Familie über den Nationalsozialismus offenbar nicht gesprochen. Die NSDAP-Mitgliedschaft des Vaters seit 1932 ist erst am Ende der neunziger Jahre von Hans Höller herausgefunden worden.

FAS: Viele feministische Bachmann-Biographen sehen in der Schriftstellerin ein klassisches Opfer des Patriarchats. Dem scheinen Sie in Ihrem Buch vehement zu widersprechen.

Hartwig: Die ganze Opferproblematik ist nicht mein Ansatz – auch wenn sie hier und da zum Opfer geworden sein mag. Insgesamt halte ich Ingeborg Bachmann für eine sehr kalkulierte und strategische Person, die in entscheidenden Phasen ihres Lebens genau wusste, was sie wollte, und sehr viel gewagt hat. Sie hat eine zupackende, man könnte fast sagen: männliche Art gehabt, nicht nur in der Karriereplanung, sondern zum Teil auch in ihrem Verhältnis zu Männern.

FAS: Die heilige Ingeborg wäre damit ein Mythos von gestern.

Hartwig: Die heilige Ingeborg meint das Opfer, das sich mit anderen Opfern identifiziert. Wohingegen ich so weit gehen würde, zu sagen, dass ihre Identifikation mit Paul Celan fast an Anmaßung grenzte. Man kann nicht als Tochter eines ehemaligen Wehrmachtssoldaten und NSDAP-Mitglieds mit dem eigenen Vater nicht über diese Vergangenheit sprechen – und dieses Nicht-Sprechen dadurch kompensieren, dass man sich in einen staatenlosen Juden aus Czernowitz einfühlt, der beide Eltern im Holocaust verloren hat und selbst in einem rumänischen Arbeitslager war. Aber das entsprach damals dem Zeitgeist, so wurde vieles kompensiert. …

FAS: Der letzte Satz des Romans „Malina“ lautet: „Es war Mord.“

Hartwig: Dieser Satz bleibt natürlich ein ganz schreckliches Rätsel. Sie nimmt in „Malina“ die Verbrennungsmetaphorik vorweg. Wie kann das sein? Man darf nicht vergessen, dass sie sich selber mythisiert hat und in „Malina“ eben auch ihren eigenen Tod, was ihr von der Literaturkritik vorgeworfen wurde. Marcel Reich-Ranicki hat das nicht ertragen und sich geweigert, das Buch überhaupt zu besprechen. Sie hat also auch mit der eigenen Destruktivität gespielt, ihren Todestrieb stilisiert und daraus Literatur gemacht. Man muss das nicht mögen.

FAS: Sie erzählen in einem sehr unsentimentalen Ton von Ingeborg Bachmann. Das betrifft ihre Drogensucht, aber auch ihre Liebe zum „Untergrund“, wie Sie das nennen.

Hartwig: Man weiß seit längerem, dass sie drogenabhängig war. Aber was man nicht so genau wusste, ist, dass viele ihrer Freunde es damals nicht so genau wissen wollten. Am Ende hängt ihr wahnsinnig früher Ruhm mit ihrer Gefährdung, ihrer Drogensucht und ihrer Neigung zu Grenzerfahrungen wohl zusammen.

FAS: Wieso wirkte sie so stark auf Männer?

Hartwig: Sie muss ein unglaubliches Charisma gehabt haben und eine enorme Kraft. Und sie hat wirklich viel geleistet, wenn man bedenkt, dass sie nur 47 Jahre alt geworden ist. Was sie literarisch alles probiert hat in dieser Zeit, wie viele Briefwechsel sie geführt hat, das ist ja noch gar nicht alles publiziert! Sie hat hart gearbeitet und getrunken und in den letzten Jahren Tabletten in rauhen Mengen genommen – und in diesem Zustand weitergeschrieben! Aber sie hat wahrscheinlich eingesehen, dass eben dies eine Überforderung für die Männer ihrer Generation bedeutete. Außer vielleicht für Celan und Henze. … Solange der Briefwechsel nicht bekannt ist, wird Max Frisch weiter als der große Bösewicht gelten.

 

1726: Kulturelle Propaganda des Westens

Donnerstag, Oktober 26th, 2017

Im Berliner Haus der Kulturen der Welt (der früheren „Kongresshalle“, in der ich Mitte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts einige Feste mitgefeiert habe) beginnt nächste Woche die Ausstellung „Parapolitik: Kulturelle Freiheit und Kalter Krieg“. Es geht dabei in erster Linie um die Einflussnahme der „Central Intelligence Agency“

(CIA), des US-Geheimdienstes,

auf deutsche Intellektuelle und Künstler in der Nachkriegszeit. Insbesondere auf solche, die sich als nicht-kommunistische Linke verstehen. Im Mittelpunkt steht dabei der Kongreß für die kulturelle Freiheit (CCF) 1950, der von Antikommunisten wie

Arthur Koestler und Raymond Aron

dominiert wird. Kuratiert wird die Ausstellung von Anselm Franke, der dazu von Katrin Lorch interviewt wurde (SZ 25.10.17):

SZ: Und warum hatte ein Schriftstellerkongress so eine Bedeutung?

Franke: Der CCF unterhielt später ein nahezu globales Netzwerk, er unterstützte und unterhielt bis zu

fünfzig überwiegend literarische Zeitschriften

in etwa vierzig Ländern von Südafrika über Lateinamerika  bis hin zu Korea oder den Philippinen, er war weltweit an der Organisation von Festivals und Ausstellungen beteiligt, wichtige Infrastrukturen.

SZ: Zeigt sich darin nicht einfach eine Nachfrage nach neuen Formen der Debatte?

Franke: Sicherlich. Es ging ja nicht zuletzt auch um die Suche nach

„dritten Wegen“,

um Diskurse jenseits der Ideologie. Aber im Rückblick zeigt sich eben auch der durch und durch ideologische Charakter des Freiheitsdiskurses und, wie wir heute sehen, auch dessen Fragilität. Eine Publikation wie die New Yorker „Partisan Review“ war das Vorbild für das vom CCF gegründete deutsche Magazin

„Der Monat“

mit einem kultivierten und überwiegend literarischen, aber auch deutlich

konservativen

Kurs: Brillante Essayisten schrieben Kritiken, die sich bedeutender gaben als die Literatur selbst.

 

1723: Ingeborg Bachmann und Paul Celan

Dienstag, Oktober 24th, 2017

Zwischen Ingeborg Bachmann (1926-1973) („Die gestundete Zeit“) und Paul Celan (1920-1970) („Todesfuge“) gab es eine zur Mythisierung prädestinierte Schriftstellerliebe im vergangenen Jahrhundert (vgl. hier 1160 und 1423). Beide waren die wesentlichen deutschsprachigen Dichtergestalten der Nachkriegszeit. Als sie sich 1948 in Wien kennenlernten, war Paul Celan der Jude aus Czernowitz, dessen Eltern von den Nazis ermordet worden waren. Er selbst hatte ein rumänisches Arbeitslager überlebt und war nun

„displaced person“.

Ingeborg Bachmann, die fünfeinhalb Jahre Jüngere, die Tochter eines früh in die NSDAP eingetretenen Schuldirektors aus Klagenfurt. Das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts stand „zwischen“ ihnen.

Von dieser Beziehung wusste die literarische Öffentlichkeit lange Jahre nichts. Immerhin ist ihr Briefwechsel 2008 publiziert worden:

Herzzeit. Ingeborg Bachmann – Paul Celan. Der Briefwechsel. Mit den Briefwechseln zwischen Paul Celan und Max Frisch sowie zwischen Ingeborg Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2008, 399 Seiten.

Der Briefwechsel lässt sehr tief blicken. In eine schwierige und letztlich scheiternde Beziehung.

Nun publiziert der Literaturkritiker Helmut Böttiger, geb. 1956,

„Wir sagen uns Dunkles“. Die Liebesgeschichte zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan. München (dva) 2017, 272 Seiten.

„(Böttiger) verleiht dem Verhältnis von Bachmann und Celan, …, Transparenz, ohne die Beteiligten zu entblößen und ohne auch nur in die Nähe eines raunenden oder bedeutungsschwangeren Tons zu geraten. Er bettet die Beziehung in ihren historischen Kontext ein, entfaltet, quellengesättigt und atmosphärisch, das kulturelle Panorama der Nachkriegszeit und legt dabei die Dynamiken eines seine Kräfteverhältnisse neu auslotenden Literaturbetriebs frei, innerhalb dessen sich die beiden jungen Dichter zu etablieren versuchten, was zwangsläufig auch in ihr Verhältnis hineinspielen musste.“ (Wiebke Porombka, FAZ 7.10.17) Das Liebesgespräch unserer Protagonisten setzte sich fort bis hinein in Ingeborg Bachmanns 1971 erschienen Roman „Malina“. Die Geschichte hat ihren Platz in der Literatur.

Ein neuralgischer Punkt ist die Tagung der Gruppe 47 im Mai 1952 in Niendorf. Bachmann und Celan lesen dort, werden aber möglicherweise nicht verstanden. Bachmann versagt die Stimme. Und Celan gewinnt den Eindruck, schutzlos antisemitischen Ressentiments ausgesetzt zu sein. Walter Jens hat 1976 die Tagung in Niendorf des Antisemitismus bezichtigt. Hans-Werner Richter hatte sich dazu hinreißen lassen, Celans Vortrag mit Goebbels zu vergleichen. Bachmann flehte Richter weinend an, sich bei Celan zu entschuldigen. Eine tolle Lage im deutschen Literaturbetrieb.

Paul Celan ging 1970 in die Seine, Ingeborg Bachmann verbrannte 1973 in Rom.

1718: Castorf über die Armee und eine schöne Frau

Mittwoch, Oktober 4th, 2017

Der 1951 in der DDR geborene Frank Castorf war von 1992 bis 2017 der höchst erfolgreiche Intendant der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Künstlerisch und im Hinblick auf die Vernetzung mit der Gesellschaft. Sein Nachfolger Chris Dercon ist höchst umstritten. Kürzlich war die Volksbühne von Dercon-Gegnern besetzt. Dazu hat Nicole Konstantinou Fran Castorf für die SZ (28.9.17) interviewt.

Castorf: Ich halte übrigens auch die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht für einen Fehler.

SZ: Wie bitte?

Castorf: Die Armee hat den Vorteil, dass man, wenn man aus einer ganz bestimmten Gruppe oder Schicht kommt, nicht nur in dieser bleibt. Man könnte das auch soziale Vernetzung nennen, was da in der Armee geschieht: Man lernt andere Menschen und Lebensmodelle kennen. Das ist ein großes Privileg, weil diese Begegnungen nicht von der eigenen Egozentrik, dem „Ich-mach-mein-Ding“ oder einem My-Way-Denken geprägt sind. …

SZ: Sie leben gar nicht für die Kunst?

Castorf: Nein, eine schöne Frau ist für mich wichtiger als ein schöner Theaterabend. …