Archive for the ‘Literatur’ Category

1844: Hass und Hetze im Netz: das Beispiel Richard Gutjahr

Mittwoch, Januar 17th, 2018

Zweimal war Richard Gutjahr Zeuge bei terroristischen Anschlägen. Das wird ihm im Netz nun zum Verhängnis. Im Juli 2016 machte der Journalist, der hauptsächlich für den Bayerischen Rundfunk (BR) arbeitet, mit Frau und Kindern Urlaub in Nizza. Am 14. Juli abends wollten seine Frau und die Kinder noch mal auf die Strandpromenade. Gutjahr hatte vor, das vom Balkon aus zu filmen. Stattdessen kriegte er einen weißen Transporter vor die Linse, der schnell Fahrt aufnahm und bei seiner Terrorfahrt

86 Menschen tötete und ca. 300 verletzte.

Gutjahr schickte das Material an seine Redaktion, die es online stellte. Das Video verbreitete sich weltweit rasend schnell.

Zufällig war Gutjahr acht Tage später der erste Journalist, der miterlebte, wie ein Attentäter am Olympia-Einkaufszentrum

neun Menschen

erschoss. Das war psychisch belastend. Seither ist Richard Gutjahr Freiwild im Netz. Er hat 18 Monate Verleumdungen, Drohungen und digitales Kesseltreiben hinter sich. „Es gibt kaum eine Verschwörungstheorie, in die er nicht eingearbeitet wurde.“ Seine Frau ist Israelin. Insofern kann man die Verschwörungstheorie, je nachdem für welche Zielgruppe man nun hetzt, in verschiedene Richtungen drehen. Setzt man die Hashtags in Richtung

„Staatsfunk“ und „Mainstream“,

dann rotten sich die selbst ernannten „Reichsbürger“ zusammen. Setzt man den Akzent auf

„Israel“,

punktet man bei den Antisemiten. Und dann sind da noch die Anhänger einer

Weltverschwörungstheorie.

Für sie ist Gutjahr Teil der New World Order. Die Anhänger dieser Theorie glauben, dass ein internationaler Zirkel hinter den Kulissen daran arbeitet, ein supranationales, autoritäres Herrschaftssystem aufzuziehen.

Es liegt auf der Hand, dass nach solchen Verschwörungstheorien Gutjahr auch bei anderen Attentaten seine Hand im Spiel hatte. Sein Hotel in Nizza hieß „Westminster“. Das Londoner Attentat passierte auf der Westminster Bridge. Und Breitscheidplatz? Auch da war ein weißer Transporter im Spiel … Viele Video-Blogger haben aus der Hetze längst ein Geschäftsmodell gemacht. Gutjahr: „Aber das schlimmste waren oft gar nicht die Videos. Sondern die Kommentare darunter.“ Als er versuchte, Videos entfernen zu lassen, schickte Google den Hassproduzenten Gutjahrs Mail- und Postadresse. Die Verleumdungen im Netz verbreiteten sich in Windeseile.

Gutjahr hält das von der Bundesregierung durchgesetzte Netzwerkdurchsetzungsgesetz für völlig ungeeignet. „Gut daran ist nur, dass Facebook und Co endlich juristische Anlaufstellen hier im Land haben müssen.“ „Aber alles, was meine Peiniger an Lügen und Verleumdungen verbreitet haben, war vorher auch schon justiziabel.

Geltendes Recht wird einfach im Netz nicht umgesetzt.

Es wird bestimmt nicht besser, indem man die Rechtsdurchsetzung an die Privatwirtschaft delegiert.“

Gutjahr fürchtet zu Recht den

Kollaps der Demokratie.

„So als sei das Netz irgend so eine Randerscheinung des öffentlichen Lebens. Dabei wird hier in rasendem Tempo alles ausgehöhlt, was wir an stabilem System kennen. Und während wir in diesem Neuland noch tastend erste Schritte machen, haben die Trolle und Hater sich längst vernetzt und alle Tricks und Kniffe dieser Welt verinnerlicht.“ (Alex Rühle, SZ 17.1.18)

 

1843: Offener Brief an Documenta-Aufsichtsrat

Dienstag, Januar 16th, 2018

130 internationale Kuratoren, Museumsdirektoren und Künstler haben einen offenen Brief an den Documenta-Aufsichtsrat geschrieben. Darin beklagen sie, dass die jüngsten Maßnahmen des Aufsichtsrats das Image der Documenta erheblich beschädigt hätten. Dadurch habe das „Bild Deutschlands im Ausland“ gelitten. Es stelle sich die Frage, ob Kassel noch der richtige Standort für die Documenta sei.

Es war eine erhebliche Finanzierungslücke aufgetreten. Daraufhin wurde die Geschäftsführerin, Annette Kulenkampff, entlassen. In dem offenen Brief wird nun ihre Wiedereinstellung verlangt. „Die Lokal- und Landespolitik nimmt ein von ihr selbst lanciertes finanzielles Defizit zum Anlass, offen über die Umstrukturierung der documenta im Sinne einer reinen Kommerzialisierung und Vermarktung der Marke documenta zu debattieren.“ In dem offenen Brief wird eine Erhöhung des Etats gefordert und die Einsetzung eines Expertengremiums, das die Arbeit des vor allem mit Politikern besetzten Aufsichtsrats begleiten soll. Zu den Unterzeichnern gehören u.a. Kasper König, Wolfgang Tillmans, Chris Dercon und Alexander Kluge.

Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) sucht derzeit eine neue Geschäftsführerin und einen neuen künstlerischen Leiter. Der Brief fragt, ob er überhaupt dazu in der Lage ist, den Fortbestand der Weltkunstschau zu garantieren. „Dieselben Politiker, die sich außerstande sahen, auf die Entgleisungen der AfD zu reagieren, die ein Kunstwerk von Olu Oguibe als ‚entstellte Kunst‘  bezeichnete und damit eindeutig auf faschistische Terminologien zurückgriff“, lancierten nun Überlegungen, die „von einer Aufhebung des gemeinnützigen Status der documenta gGmbH über eine Eingliederung der Öffentlichkeitsarbeit in das Stadtmarketing bis zu einer Neuverteilung der finanziellen Risikolast“ reichten. So werde die Freiheit der Kunst „minimiert“. „Die geplanten rechtlichen Rahmenbedingungen bedeuten nichts anderes als die Ausrichtung der konzeptionellen wie künstlerischen Freiheit an rein haushälterischen Maßstäben.“ (Catrin Lorch, SZ 15.1.18)

1841: Lion Feuchtwangers „Moskau 1937“

Montag, Januar 15th, 2018

Der aus einer großbürgerlichen bayerischen Familie stammende jüdische Schriftsteller Lion Feuchtwanger (1884-1958) war einer der erfolgreichsten und am meisten gelesenen deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Zunächst als Dramatiker: z.B. „Warren Hastings“, 1915, danach als Prosaist vor allem als Autor von historischen Romanen: z.B. „Jud Süß“ 1921/22, „Erfolg“ 1930, „Die Geschwister Oppermann“ 1933, „Exil“ 1939, „Goya“ 1951, „Die Jüdin von Toledo“ 1955.

Viele seiner Romane sind von prominenten Regisseuren in der DDR und in der BRD verfilmt worden (etwa Franz Seitz, Egon Monk, Konrad Wolf). Feuchtwanger schrieb im Exil gemeinsam mit Bertolt Brecht. Er floh vor den Nazis zunächst nach Frankreich (Sanary sur Mer), dann in die USA. Dort bildete er mit seiner Frau Marta ein Zentrum der deutschen „Kolonie“. Aus dem kalifornischen Exil ist er nicht mehr nach Deutschland zurückgekehrt.

Feuchtwanger war politisch links orientiert, wohl ohne Kommunist zu sein. Trotzdem verursachte er mit seinem Bericht über seine Moskaureise 1936/37 einen Skandal:

„Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde“ (1937).

Damit wollte Feuchtwanger wohl ein Gegengewicht gegen André Gides „Zurück aus Sowjetrussland“ (1937) schaffen, in dem die UdSSR scharf (von links) kritisiert wurde. In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts war unter Schriftstellern, Künstlern und Intellektuellen die politische Idee der „Volksfront“ (Bündnis von Kommunisten und Sozialdemokraten) beliebt. Auch Feuchtwanger hing ihr an. So fühlte er sich wohl verpflichtet, die Moskauer Schauprozesse (1936-1938) anlässlich der großen stalinistischen „Tschistka“ (Säuberung) zu rechtfertigen. Er verteidigte die angebliche sowjetische Demokratie. Dafür wurde er von „Linken“ wie

Arnold Zweig und Klaus Mann

scharf kritisiert. Aber auch gelobt von

Ernst Bloch und Heinrich Mann.

Nun sind neue Dokumente zu Feuchtwangers Schrift aufgetaucht:

Hermann Hamann (Hrsg.): „Ich kam, ich sah, ich werde schreiben“. Lion Feuchtwanger in Moskau 1937. Eine Dokumentation. Göttingen 2017, 456 S.

Der Hauptteil des Bandes versammelt verstörendes Archivmaterial. Höhepunkt ist die Aufzeichnung des Gesprächs von Feuchtwanger mit Josef Stalin im Januar 1937. Obwohl Feuchtwanger große Zweifel an den Moskauer Schauprozessen hatte, schrieb er über deren Opfer: „Die Taten der meisten dieser Männer sind todeswürdig.“

„Warum schrieb Feuchtwanger anders, als er dachte? Keine unbedeutende Rolle spielte die Anerkennung, die der eitle Mann in Moskau an höchster Stelle erfuhr. Vergessen werden darf auch nicht, dass sich seine ideologische Willfährigkeit auszahlte. Die Übersetzungen seiner Romane ins Russische garantierten dank riesiger Auflagenzahlen hohe Summen, davon abgesehen konnte sich Feuchtwanger auch über manche überraschende Rubelüberweisung freuen. Am wichtigsten war jedoch das Solidarität erzeugende Argument, wer die Errungenschaften der Sowjetunion und seines Führers Stalin kritisiere, leite Wasser auf die Mühlen des Faschismus. Dass dieses erpresserische Argument totalitär sei, jedes Mittel rechtfertige, jede Kritik unterdrücke, focht Feuchtwanger auch nach dem Ende des Weltkriegs und trotz der Enthüllungen des XX. Parteitags /(1956)/ nicht an.“ (Thomas Medicus, SZ 13./14.1.18)

Ich habe gerade gelesen

Wilhelm von Sternburg: Lion Feuchtwanger. Die Biographie. Berlin 2014, 543 Seiten.

Darin wird Feuchtwanger literarisch und politisch insgesamt gut beurteilt. Im Hinblick auf „Moskau 1937“ aber ist sich von Sternburg ganz sicher in seiner Kritik.

1838: Robert Menasse erzählt Anekdoten.

Samstag, Januar 13th, 2018

Der 1954 in Wien geborene jüdische Schriftsteller Robert Menasse ist ein erfolgreicher Essayist und Romancier. 2017 erhielt er für seinen Roman über Brüssel „Die Hauptstadt“ den deutschen Buchpreis. Sein Vater war Fußballprofi, Rechtsaußen. Seine Schwester Eva hat gerade den österreichischen Buchpreis gewonnen. Im Interview mit Egbert Toll und Antje Weber (SZ 13./14.1.18) sagt Menasse:

„Das ist immer menassisch gewesen, die Lust am Erzählen.“

„Im Mai 1968, als große Demonstrationen durch Paris zogen, kam einmal ein Zug mit

Sartre und de Beauvoir

an dem Haus vorbei, in dem

Michel Foucault

wohnte. Der Sartre denkt sich in dem Moment, wieso ist eigentlich nicht der Foucault bei uns? Er klingelt beim Foucault und sagt zu ihm: ‚Schau mal zum Fenster runter, da siehst du, was unten los ist. Du musst dich wie wir an die Spitze der Bewegung stellen. Man will dein Wort hören!‘ Foucault deutet auf seinen Schreibtisch, auf dem die Schreibmaschine steht und viele Papiere liegen, und sagt: ‚Schau, das hier, das kann nur ich. Das kann keiner von denen, die da unten gehen.'“

„Als ich im Internat verprügelt wurde, habe ich mich nicht gewehrt. Ich habe mir gedacht, wenn ich stillhalte und mich abwatschen lasse, ist es schneller vorbei. Bei einem aggressiven älteren Schüler dachte ich einmal: Das Einfachste wäre, ich schlage ihm mitten ins Gesicht und breche ihm das Nasenbein, dann ist Ruhe. Aber der erste Gedanke war: Der wird noch aggressiver. Und der zweite: Wenn ich ihn verletze, bin ich an was schuld. Ich habe sogar als Opfer Angst davor gehabt, Schuld an irgendetwas zu haben. Und dieses Nicht-Zurücksachlagen hat mich lange, lange beschäftigt. Deswegen bin ich dann ja in einen

Boxklub

gegangen.“

„(Thomas) Bernhards Werk .. kann man zusammenfassen mit dem Satz: Alle Österreicher sind Faschisten, alle Österreicher sind Katholiken, und das Schlimmste in Österreich sind die katholischen Faschisten.“

„Im Café de Flore in Paris hängt ein Foto von Sartre, mit einer Zigarette im Mundwinkel. Unter dem Foto ist heute ein Schild: Rauchen verboten.“

1837: Golden Globe für Fatih Akins „Aus dem Nichts“

Freitag, Januar 12th, 2018

Vielleicht bleibt die diesjährige Verleihung der Golden Globes doch stärker in Erinnerung als andere. Wegen der gegen sexuelle Verfolgung schwarzen Kleidung der Damen und der Dankesrede der Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey, die für ihr Lebenswerk geehrt wurde. Ihre Rede wurde als Bewerbung für die US-Präsidentschaft 2020 wahrgenommen. Was in Hollywood alles möglich ist!

Und dann bekam der deutsche Film „Aus dem Nichts“ des Hamburgers Fatih Akin noch den Globe als „bester fremdsprachiger Film“. Er erzählt die Geschichte einer Frau (Diane Kruger), die erleben muss, dass ihr Mann und ihr Sohn bei einem ausländerfeindlichen Attentat ermordet werden und hinterher die Justiz versagt. Die Geschichte lehnt sich an den

NSU-Mord

in der Kölner Keupstraße an. Und dies kann bei der politischen Aufarbeitung der NSU-Morde noch eine zentrale Rolle spielen. Der Prozeß gegen Beate Tschäpe in München ist ja noch nicht zu Ende. Das Münchener Gericht hat darauf verzichtet, die Verstrickungen deutscher Behörden (Bundesnachrichtendienst, Landesämter für Verfassungsschutz) in die NSU-Kriminalität aufzuklären. Das wäre aber geboten.

„Aus dem Nichts“ hatte bei der Premiere in Cannes und bei seinem deutschen Kinostart im November eher zwiespältige, nur zögernd-lobende Reaktionen ausgelöst. Unzweifelhaft scheint allein die Leistung von Diane Kruger, die in Cannes mit dem Preis für die beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde (Barbara Schweizerhof, taz 9.1.18).

Der Film (106 min, mit Darstellern wie Ulrich Tukur) läuft im „Lumière“ noch am 13.1 um 19.30 Uhr und am 17.1. um 20.00 Uhr.

1813: Kunst im Museum verbieten ?

Mittwoch, Dezember 27th, 2017

Die #MeToo-Bewegung hat schon vieles geschafft. Nun erreicht sie die Museen. Und wir reiben uns die Augen. Darüber macht sich Hanno Rauterberg (Die Zeit, 14.12.17) Gedanken:

„Wer die Museen der Welt durchstreift, wird unzählige nackte Frauen und einige nackte Männer erblicken. Auch an nackten Kindern herrscht kein Mangel. Zudem ist viel Gewalt zu sehen: Wenn Tizian malt, wie sich Tarquinius auf Lukrezia stürzt. Wenn Anthonis van Dyck festhält, wie ‚Susanna im Bade‘ von zwei White Old Men begrapscht wird. Oder wenn sich bei

Pablo Picasso

die Demoiselles d’Avignon als Prostituierte feilbieten.

Diese Bilder gehören zum großen Schatz der Kunstgeschichte, und alle werden sie gerade, dank der #Too-Bewegung, anders betrachtet. Manche, das scheint gewiss, werden in

Ungnade

fallen. Wie sehr haben die Künstler dazu beigetragen, das Bild der Frau als Lustobjekt zu verbreiten? Wo inszeniert sie Verlangen, wo Unterwerfung? Feiert die Kunst bis heute den Blick der malenden Männer,

gierig und lüstern?

Durchkreuzt sie also alles Bemühen um Ausgleich und Anstand?“

„Nun gibt es puritanischen Furor, seit es Kunst gibt. Schon immer mussten Künstler damit rechnen, dass ihre Motive auf Ablehnung stoßen. Doch in der jüngeren Geschichte kam die Kritik selten von jenen, die für Gleichheit und Aufklärung eintreten. Das Wegsperren unliebsamer Kunst war eine Sache

evangelikaler Christen oder dumpf rechter Politiker.

Jetzt ist es auch das Milieu der Kulturlinken, in dem Zensur von unten erwogen oder verlangt wird.“

„Woran das liegt? Vor allem daran, dass sich das Verhältnis zum Bild schleichend, doch tiefgreifend wandelt. Seitdem Fotos nichts mehr kosten, wird nicht länger nur das Besondere fotografisch festgehalten, sondern mit großem Drang auch das Banale. Das Bild wird zum

Medium gewöhnlicher Kommunikation.

Und auch die Kunst wird zu einer solchen Gewöhnlichkeit, abgelichtet im Vorübergehen, als Selfie-Hintergrund – und im Nu in alle Welt versandt. Der

schützende Rahmen des Museums

ist keiner mehr. Die Kunst ist mobil geworden. Sie wird

handyfiziert –

und damit zum integralen Bestandteuil jener Gesellschaft gemacht, in der viele dazu neigen, grundsätzlich alles auf sich selbst zu beziehen.“

„Im Prinzip folgt diese Entwicklung jenen Mustern, die schon den Skandal um die

Mohammed-Karikaturen

prägten. War die satirische Übertreibung im Rahmen westlicher Freiheiten eingeübt und im Prinzip unproblematisch, verlassen die Bilder jetzt diesen Rahmen oft schneller, als sie gedruckt sind – und werden dort verbreitet, wo man sie anders empfindet, häufig als zutiefst verletzend.“

1812: Irmgard Keuns Werk in drei Bänden

Montag, Dezember 25th, 2017

Im Göttinger Wallstein Verlag erscheint das Werk Irmgard Keuns.

Irmgard Keun: Das Werk. Hrsg. von Heinrich Detering und Beate Kennedy. Mit einem Essay von Ursula Krechel. Göttingen 2017, drei Bände, insg. 2044 Seiten, 39 Euro.

Damit wird eine Autorin (1905-1982) gewürdigt, die weithin Außenseiterin war, nie ganz zum Kern des Literaturbetriebs gehörte, den Anforderungen bürgerlicher Wohlanständigkeit nicht ganz genügte und nach 1945 fast vergessen worden wäre. Irmgard Keun war gegen Ende ihres Lebens Alkoholikerin, sie verbrachte die Jahre 1966 bis 1972 in der Psychiatrie. Vor lauter politischer Korrektheit hätte ich hier beinahe unerwähnt gelassen, dass Irmgard Keun von 1936 bis 1938 in Ostende (Belgien) die Geliebte von Joseph Roth war.

Nach der mittleren Reife hatte die Berlinerin Keun als Stenotypistin gearbeitet. Im Milieu der Angestellten kannte sie sich bestens aus. Anfang der dreißiger Jahre war Irmgard Keun kurze Zeit verheiratet. Die Familie zog dann nach Köln um. Ihr Thema wurden zunächst die frischen, frechen, emanzipierten jungen Frauen, die sich allerdings weiterhin in ihrem Leben an Männern orientierten (also den gegenwärtigen LGBTT*-Anforderungen nicht entsprachen). 1931 erschien der Roman

„Gilgi, eine von uns“

1932

„Das kunstseidene Mädchen“.

Das interpretierten die Nazis als „Asphaltliteratur“ und verboten es. Alfred Döblin und Kurt Tucholsky förderten sie. Die Aufnahme in die Reichsschriftumskammer wurde endgültig 1936 abgelehnt. Irmgard Keun musste emigrieren. Zunächst nach Ostende in Belgien, dann in die Niederlande. Sie gehörte zum Kreis um Egon Erwin Kisch, Hermann Kesten, Ernst Toller und Joseph Roth, einer literarischen Elite im Exil.

Irmgard Keun wird zur „Neuen Sachlichkeit“ gezählt. Ihr Stil orientiert sich an der gesprochenen Sprache und am Kino. „Aber ich will schreiben wie Film, denn so ist mein Leben und wird es noch mehr sein“, heißt es im „Kunstseidenen Mädchen. In regelmäßiger Folge erschienen

„Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ (1936),

Nach Mitternacht“ (1937),

„D-Zug dritter Klasse“ (1938).

Meisterhaft verknüpft Irmgard Keun Lebensläufe, Politisches, menschliche Bosheit, Feigheit, Illusionen, Geschwätz, Wichtigtuerei. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in die Niederlande ging sie 1940 nach Deutschland zurück und lebte im Untergrund im Haus ihrer Eltern („Ich kann überhaupt nicht beschreiben, wie grau und trostlos und schauerlich ich Deutschland fand.“). Nach 1945 wollte sie an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg anknüpfen. Aber das gelang ihr nicht mehr ganz. Sie arbeitete für den WDR und plante literarische Projekte gemeinsam mit Heinrich Böll. 1950 erschien

„Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“.

1951 wurde die Tochter Martina geboren. Irmgard Keun lebte teilweise in Armut, sie wurde krank. Eine Lesung in Köln und ein Porträt im „Stern“ sorgten dann Anfang der siebziger Jahre für die Wiederentdeckung Irmgard Keuns. Durch Neuauflagen verbesserte sich ihre finanzielle Lage.

Irmgard Keun neigte zu „Selbstinszenierungen“. Ihre Biografin Hiltrud Häntzschel schreibt dazu: „Irmgard Keun hatte zur Wahrheit ihrer Legensumstände ein ganz spezielles Verhältnis: mal aufrichtig, mal leichtsinnig, mal erfinderisch aus Sehnsucht nach Erfolg, mal phantasievoll aus Lust, unehrlich aus Not, mal verschwiegen aus Schonung.“ Ende der siebziger Jahre wurde Irmgard Keun von der feministischen Literaturkritik wiederentdeckt. 1937 hatte sie an einen Freund geschrieben: „Gott verzeih mir die Sünde – aber ich kann wirklich schreiben.“ Das stimmt.

1809: Die Qualität der Lehrer

Samstag, Dezember 23rd, 2017

Die Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) sind zweifellos sehr wichtig. Das bestreitet niemand. Und es ist auch nicht zu bestreiten. Diese Fächer haben es in der letzten Zeit zudem geschafft, sich durch geschickte Propaganda in den Vordergrund zu schieben. Dadurch leidet die Erkenntnis ihrer Wichtigkeit an deren propagandistischen Verbreitung.

Es griffe aber viel zu kurz, wenn wir uns nur Gedanken über die Qualität der Lehrer in diesen Fächern machten. Und nicht auch an die Fächer Deutsch, Geschichte, Gemeinschaftskunde und die alten und neuen Sprachen dächten. Denn hier gibt es ähnliche Verheerungen bei der Qualität der Lehrer wie bei den Mint-Fächern. Im Gegensatz zu mir kennen Sie nicht den Deutschlehrer, der Heinrich Heine nicht gelesen hat. Oder den Gemeinschaftskundelehrer, dem die Sozialstruktur der DDR unbekannt ist.

Das brauchen einfache Mint-Kollegen ja nicht zu wissen. Aus deren Kreis werden aber manchmal im politischen Feld Vorschläge von so bizarrer Ahnungslosigkeit gemacht, dass es mir zu denken gibt.

Ein mir persönlich sehr gut bekannter Französischlehrer steht hinter dem vielsagenden Satz: „Wie schön wäre es, wenn die Französischlehrer in Deutschland Französisch können würden.“

Fröhliche Weihnachten!

1806: Eugen Ruge erklärt uns Ostdeutschland.

Freitag, Dezember 22nd, 2017

Der studierte Mathematiker Eugen Ruge (geb. 1954) hat 2011 mit seinem Roman

„In Zeiten des abnehmenden Lichts“

den Deutschen Buchpreis gewonnen. Ich war von dem Buch begeistert. Aus genauer DDR-Kenntnis heraus beschrieb Ruge die vor sich gehenden Veränderungen bis ins Detail. Andreas Fanizadeh hat ihn für die taz (16./17.12.17) hauptsächlich zu Ostdeutschland interviewt. Ich bringe hier im Auszug nur die Antworten Ruges.

Ruge: Ich fand die DDR als Gegenstand für Literatur nicht oder nicht mehr interessant. Alles war klein und eng. Ich sah auch keine Zukunft, ich sah, dass die Zeit für dieses Land abläuft. Nicht so schnell, wie es dann geschah. Aber ich hatte keine Lust, darauf zu warten. …

(zu den politischen Verhältnissen in Ostdeutschland) Was soll man dazu sagen … Sicher gibt es auch ökonomische Gründe. Wenn auch nicht in diesem Sinne, dass es den Leuten jetzt materiell schlecht geht. Aber wenn ich mich in meiner Bekanntschaft umschaue, die

Brüche

sind enorm. Gerade in Biografien von Leuten meines Alters.Viele Leute wurden richtiggehend rausgeschleudert, oft aus Leitungspositionen. Viele haben sich irgendwie berappelt. Verdienen heute ihr Geld in Berufen, die sie nicht gelernt hatten, die sie vielleicht nicht mögen. Und was man im Westen oft gar nicht verstehen will, was Akkumulation von Erbe bedeutet. Die Ostdeutschen haben nichts geerbt. Die gehen einfach auf relativ dünnem Eis. Das Unbehagen vor weiteren Veränderungen ist im Osten von daher anders ausgeprägt als im Westen. …

Die Vereinigung war sicher gewünscht, aber ein Großteil der Leute wusste nicht, was sie bedeuten würde. Die Macher der Geschichte, die großen Unternehmen und die führenden Politiker, die wussten das schon. Man muss begreifen, dass daraus ein Großteil der heutigen Verunsicherung im Osten resultiert. Es war ja nicht nur ein ökonomischer Umbruch. Für Ostbürger hat sich alles verändert. Gewiss auch vieles zum Positiven! Aber die ganze Ikonografie ist plötzlich eine andere. Die Stadtbilder, alles sieht anders aus, sogar die Formulare. Wie man ein Bankkonto eröffnet, wie man eine Steuererklärung macht – alles ist anders. Die Brötchen, die Lebensmittel, die Teller, die Stühle, auf denen man sitzt. Man kann sich das als Westdeutscher wahrscheinlich gar nicht vorstellen. Oder das Geld: Die Ostdeutschen haben in kürzester Zeit zwei Währungsreformen durchgemacht. Kaum hatten sie endlich die D-Mark, nach der sie sich gesehnt hatten, mussten sie sich auf den Euro umstellen. Man kann das belächeln, aber die D-Mark war für die DDR-Bürger Symbol für Wohlstand und Stabilität. …

1799: Heinrich Böll (1917-1985) – eine moralische Autorität

Samstag, Dezember 16th, 2017

Heinrich Böll würde am 21. Dezember 100 Jahre alt werden. Sein schriftstellerischer Ruhm ist schon etwas verblasst. Deswegen sei daran erinnert, dass er 1972 den

Literaturnobelpreis

bekommen hat. Die deutschsprachigen Autoren, die ihn vor Böll bekommen hatten, Hermann Hesse und Nelly Sachs, waren Emigranten. Wie danach auch Elias Canetti. Erst 1999 bekam Günter Grass den Preis, dessen Vergangenheit in der Waffen-SS später Furore machte.

In seiner Literatur hatte Böll eine Abkehr vom klassischen Erzählen vollzogen, in seinen Büchern gibt es kaum

klassisch-heroische Figuren.

Er war „Realist“ und schrieb eine Prosa, die manche „Sozialroman“ nennen. In seinen Romanen, Erzählungen, Essays, Kurzgeschichten und Hörspielen setzte sich unser Autor in erster Linie und immer wieder mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen auseinander, an dem er vom ersten bis zum letzten Tag selbst teilgenommen hatte.

Von 1949 an publizierte Böll kontinuierlich seine Werke, deren Titel für viele Leser stehende Wendungen geworden sind:

„Der Zug war pünktlich“ (1949)/“Wanderer, kommst du nach Spa“ (1950)/“Wo warst du, Adam?“ (1951)/“Und sagte kein einziges Wort“ (1953)/“Haus ohne Hüter“ (1954)/“Irisches Tagebuch“ (1957)/“Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ (1958)/“Billard um halb zehn“ (1959)/“Ansichten eines Clowns“ (1963)/“Ende einer Dienstfahrt“ (1966)/“Gruppenbild mit Dame“ (1971)/“Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974)/“Fürsorgliche Belagerung“ (1979)/“Frauen vor Flußlandschaft“ (1985).

Einige davon sind verfilmt worden. Böll selbst kannte sich mit Massenmedien sehr gut aus, wie u.a. „Dr. Murke“ und seine „Katharina Blum“ zeigten, in der er die Machenschaften des Springer Konzerns aufspießte. Von solchen Verlagen wie Springer wurde Böll regelmäßig verunglimpft und etwa der Sympathie für den Kommunismus geziehen. Dort wurde einfach übersehen, dass Böll als Präsident des internationalen PEN ständig auf die Missachtung der Menschenrechte und die Knebelung der Meinungsfreiheit im Ostblock aufmerksam gemacht hatte.

Zwei weltbekannte Dissidenten wie Alexander Solshenizyn (1974) und Lew Kopelew (1980) fanden nach ihrem Übergang in den Westen zunächst Zuflucht im Hause Heinrich Bölls. Sein Aufsatz im „Spiegel“ „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ wurde ebenso mutwillig mißverstanden wie sein Brief an den Nazi Horst Mahler, einen Mitbegründer der „Roten Armee Fraktion“. Darin heißt es: „Was unsere Sorge hervorruft, kann mit einem Wort bezeichnet werden. Und dieses Wort ist – Gewalttaten.“

Böll hatte seine Lehren aus der Epoche des deutschen Faschismus gezogen: Pazifismus, Friedensbewegung, Proteste gegen die Aufrüstung, Sympathien für die 68er, gegen die Hysterie im Umgang mit dem Terrorismus der RAF, Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss etc. Er war schon früh ein Intellektueller, eine

öffentliche Figur

geworden. Unvergessen das Foto von Böll (und anderen Prominenten) bei der Sitzblockade in Mutlangen (Andreas Platthaus, FAZ 16.12.17; Richard Kämmerlings, Literarische Welt 16.12.17). Bei allen Zweifeln blieb Böll ein frommer Katholik. Er praktizierte seinen Glauben so, dass viele sich ihn als Vorbild nehmen konnten: demütig, weltoffen, tolerant, gesprächsbereit.

Selbst wir, die wir anderer Meinung waren und sind als Böll und häufig gegenteiliger Ansicht, konnten nicht daran vorbei, Heinrich Böll als moralische Instanz anzuerkennen. Wir hätten noch mehr von seiner freundlichen Gesprächsbereitschaft lernen können.

Die Stiftung, die den Namen Heinrich Bölls trägt, widmet sich der Erhaltung der Welt, dem bedachtsamen Umgang mit der Umwelt, der Nachhaltigkeit, der friedlichen Konfliktaustragung. Sie steht den Grünen nahe. Das ist kein Zufall.