Archive for the ‘Literatur’ Category

1924: Uwe Tellkamp hat das Recht auf seine falsche Meinung.

Dienstag, März 13th, 2018

Mit „Der Turm“ hatte uns Uwe Tellkamp 2008 den Roman geliefert, der es uns ermöglichte, die DDR besser zu verstehen, auch wenn nicht die ganze DDR wie Dresden war. Ein großartiger Roman. Später erfolgreich verfilmt. Uwe Tellkamp eine große literarische Hoffnung in Deutschland. Mittlerweile warten wir Leser auf die Fortsetzung, die unter dem Titel „Lava“ nach neuesten Informationen im Herbst 2019 erscheinen soll. Geht es dabei um die Zeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung oder greift der Roman bis in die Gegenwart aus?

Das interessiert uns nach den politischen Äußerungen Tellkamps zur deutschen Asylpolitik seit 2015 im Dresdner Kulturpalast noch mehr. Johan Schloemann (SZ 13.3.18) fasst Tellkamps Perspektive folgendermaßen zusammen:

„Die Aufnahme von Flüchtlingen war ein Rechtsbruch. Die gleichgeschaltete linke Presse gefährdet die Meiunungsfreiheit. Dagegen erfordert es Mut, die eigentlichen Wahrheiten auszusprechen. Kaum ein Flüchtling ist verfolgt, sondern nur Wirtschaftsmigrant. Thilo Sarrazin hingegen kann als Verfolgter gelten. Das Geld für Einwanderer müsste man lieber in die Rentenversicherung stecken. Der gesamte Osten wird vom Westen für braun erklärt, und der Rassismus ist in erster Linie durch solche Kränkungen erklärbar. Der Islam ist gefährlich für unser Land.“

Damit steht Uwe Tellkamp ganz nah bei den „besorgten Bürgern“, bei Pegida und AfD. Vielleicht war die DDR unter Erich Honecker doch besser für die Menschen? Und hätte sich der Suhrkamp Verlag nicht von Tellkamp distanzieren sollen? Das hatte er doch bei Peter Handke auch nicht getan, als dieser serbische Kriegsverbrecher verteidigte.

2012 hatte Uwe Tellkamp in der „Zeit“ die DDR-Bürger noch folgendermaßen charakterisiert:

„Diese Kleinkariertheit, dieses Kleinbürgertum – der Kleingarten mit der Tischdecke! Mit Eierschecke, Wunschbriefkasten und Oberhofer Bauernmarkt. Das ist doch, was die Menschen an gedanklicher Freiheit gehindert hat. Diese niedrige Gesinnung eines Kleinbürgerstaats. Die DDR war ein Kleinbürgerparadies! Der ewige Kleinbürger, der erst die Nazis wählt und der sich dann auch im nächsten Staat einrichtet. Mit portablem Fernseher, mit ’nem Bier, mit Würtstchen und Grilletta. Und dafür ist Merkel nun wirklich nicht typisch.“

1901: Günter Rohrbach gruselt es.

Dienstag, Februar 27th, 2018

Günter Rohrbach, geb. 1928, ist wohl der erfolgreichste deutsche Fim- und Fernsehproduzent (z.B. „Das Boot“). Er war WDR-Fernsehspiel-Chef und Geschäftsführer der Bavaria. Er hat Katja Nicodemus (Die Zeit 15.2.18) ein Interview zur #MeToo-Debatte gegeben.

Zeit: Es geht ja nicht nur um Wedel, sondern um Firmen und Sender, die ihn gewähren ließen.

Rohrbach: Natürlich ist die Diskussion um #MeToo absolut notwendig. Und natürlich steckt mehr dahinter als bloß der böse Wedel. Trotzdem müssen wir aufpassen, dass wir uns nicht in absurde Situationen hineintreiben lassen. Wenn ich zum Beispiel lese, dass ein oder zwei Sexismus-Beauftragte in die Produktionen hineingesetzt werden sollen, dann gruselt es mich. Und neben vielem anderen stört mich an der jetzigen Diskussion das Klischee, dass Regisseure ihre Frauen nach sexuellen Bedürfnissen casten. Es steht für die Regisseure viel zu viel auf dem Spiel, als dass sie sich das leisten könnten. Im übrigen sind Rollenbesetzungen Kollektiventscheidungen. Da reden die Produzenten mit und oft auch die Fernsehredakteurinnen.

1872: Geschichte des ersten Kreuzzugs

Freitag, Februar 9th, 2018

Die Kreuzzüge (zwischen 1095 und 1291) werden heute manchmal noch als Argument gegen das Christentum verwendet. Hier und da auch von solchen, die als Atheisten Mitverantwortung für die „Shoah“ und den „Archipel Gulag“ tragen. Damit müssen wir leben. Die Kreuzzüge sind gewiss kein Ruhmesblatt für das christliche Abendland.

Nun beschreibt der britische Historiker und Byzantinist

Peter Frankopan in seinem Buch

Kriegspilger. Der erste Kreuzzug. Berlin (Rowohlt) 2017, 393 Seiten, 26,95 Euro,

den ersten Kreuzzug neu. Er sieht ihn als „Mutter des Gemetzels“. Frankopan verlässt sich nicht nur auf die Quellen der christlichen Westeuropäer, sondern wertet „östliche“ aus. Hauptsächlich die „Alexias“, die auf die Tochter des byzantinischen Kaisers Alexios, Anna Komnene, zurückgeht. Alexios hatte die christlichen Glaubensbrüder aus dem Westen zur Hilfe gerufen. Daraus wurden die Kreuzzüge. Im Gegensatz zu anderen Historikern scheut Frankopan „Spektakuläres“ nicht.

So berichtet er über den „Volkskreuzzug“, den ein nordfranzösischer Prediger angezettelt hatte. „Peter der Einsiedler“ war ein Hetzer übelster Sorte. Dieser schuhlose Schrat brachte einen zahlenmäßig beachtlichen Mob auf die Beine. Er zog damit nach Konstantinopel und bekämpfte die Türken. Diese besiegten ihn und verarbeiteten die gemahlenen Knochen der Aggressoren zu Mörtel und besserten ihre Mauern damit aus. Normannische Kreuzritter eroberten am 15. Juli 1099 Jerusalem. Sie wüteten dort fürchterlich. Es wird berichtet von „Haufen von Köpfen, Händen und Füßen, die sich in den Häusern und Straßen stapelten“. „Wenn ihr dabeigewesen wärt, so wären eure Füße bis zu den Knöcheln vom Blut der Erschlagenen befleckt worden.“ Das Königreich Jerusalem ging bereits 1187 wieder verloren.

Die verschiedenen Kreuzzüge führten zu mannigfachen Gräueln. Es wird berichtet von jüdischen Müttern, die vor der Ankunft der Christenhorden „ihren saugenden Kindern mit dem Messer die Gurgel abschnitten, denn sie wollten alle lieber von eigenen Händen als durch die Waffen der Unbeschnittenen fallen“. Die Christen waren nicht zimperlich. „Die kleinen Kinder hieben sie in Stücke oder steckten sie auf Holzspieße und brieten sie über dem Feuer, und gegenüber den Älteren wandten sie jede Art von Quälerei an.“ (Rudolf Neumaier, SZ 15.12.17)

1866: Bild in Manchester abgehängt

Freitag, Februar 2nd, 2018

1. Im „Pursuit of Beauty“-Raum der Manchester Art Gallery ist das 1896 von John William Waterhouse geschaffene Gemälde

„Hylas und die Nymphen“

abgehängt worden. Hylas, der Gefährte von Herkules, wird von Nymphen in einen Teich gezogen. Die Nymphen sind als nackte, pubertierende Mädchen dargestellt. An Stelle des Bildes hängt ein Zettel an der Wand, der erklärt, das Bild sei abgehängt worden, um „Gespräche darüber anzuregen, wie wir Kunst aus der öffentlichen Sammlung von Manchester ausstellen und interpretieren“. Die Museumsbesucher werden ermutigt, ihre Gedanken dazu auf Klebezetteln danebenzuhängen. Laut der Kuratorin für zeitgenössische Kunst geht es nicht darum, „die Existenz bestimmter Kunstwerke zu leugnen“. Vielmehr sei der Präsentationszusammenhang überholt, in dem männliche Künstler weibliche Körper als passiv-dekorativ oder als Femme fatale zeigten. Das Konzept „Pursuit of Beauty“ sei zu lange nicht überdacht worden.

2. Das New York Museum of Modern Art sollte kürzlich mit einer Unterschriftensammlung dazu bewogen werden, das Bild „Thérèse, träumend“ des polnisch-französischen Malers Balthus abzuhängen. Es zeigt ein minderjähriges Mädchen in zweideutiger Pose. Das Museum romantisiere, „die Darstellung von Kindern als Objekt“. Das Gemälde hängt bisher noch.

3. Anders ein Selbstporträt des US-Fotorealisten Chuck Close in einem Gebäude der Universität von Seattle. Es wurde abgehängt, als Models Close beschuldigten, sich sexuell „anzüglich“ verhalten zu haben.

4. Eine für den Herbst geplante Hamburger Bruce-Weber-Ausstellung wurde nach Belästigungsvorwürfen gegen den Modefotografen vorläufig abgesagt.

5. Philipp Demandt, der Leiter des Städel Museums in Frankfurt und der Kunsthalle Schirn, gab zu bedenken, dass „die Museen bald leer“ wären, mache man „die Tugendhaftigkeit des Künstlers zum Maßstab“ (Alexander Menden, SZ 2.2.18).

6. Jedes Museum, in dem ein Picasso hängt, müsste dann geschlosssen werden.

W.S.: Zensur marsch! Gute Nacht Kunst und Kunstfreiheit!

1855: Gomringer-Gedicht muss weg.

Mittwoch, Januar 24th, 2018

2011 hatte die Alice-Salomon-Hochschule in Berlin dem inzwischen 93-jährigen Lyriker Eugen Gomringer ihren Poetik-Preis verliehen. Gomringer ist einer der bekanntesten Vertreter der konkreten Poesie. Er schenkte der Hochschule sein 1950 entstandenes, auf Spanisch geschriebenes  Gedicht „Avenidas“ (Alleen) für ihre Außenwand. Es geht auf Deutsch so:

„Alleen/Alleen und Blumen//Blumen/Blumen und Frauen//Alleen und Blumen und Frauen und/ein Bewunderer.“

Daraufhin entbrannte ein Streit über den sexistischen Gehalt des Gedichts. Seine Entfernung wurde ebenso vehement gefordert wie sein Erhalt an der Hochschul-Fassade. Nun hat der Senat der Hochschule entschieden, dass das Gomringer-Gedicht im Herbst 2018 von einem Gedicht Barbara Köhlers, der Preisträgerin 2017, ersetzt wird. Danach soll gelten, dass die Fassade alle fünf Jahre neu mit einem Werk des jeweiligen Preisträgers gestaltet wird. Zur Begründung heißt es, es sei um die „Möglichkeit“ gegangen, dieses „Muss-bleiben-oder-muss-weg-Dilemma in eine Richtung zu wenden, die jenseits der Konfrontation produktiv werden kann.“

Für Lothar Müller (SZ 24.1.18) klingt das „salomonisch“. „Aber es hat etwas Wohlfeiles, es ersetzt die Attacke auf das Gedicht, gegen die sich ästhetisch oder politisch argumentieren ließ, durch ein neues Regelwerk, in dem das anstößige Gedicht gewissermaßen aus Routine verschwindet, ohne dass von seiner Anstößigkeit noch groß die Rede ist.“

Es bleibe ein „schaler Nachgeschmack“.

1853: Philip Roth über die USA

Montag, Januar 22nd, 2018

Philip Roth (geb. 1933) ist für mich der größte Romanschriftsteller unserer Zeit. Mit „Verschwörung gegen Amerika“ (2005) und „Amerikanisches Idyll“ (1998) hatte er sich auch als Analytiker der US-Gesellschaft erwiesen, der bei den US-Amerikanern die

„Ekstase der Scheinheiligkeit“

festgestellt hatte. Im „Idyll“ erwies er sich als Kenner der Sportarten Football, Basketball und Baseball. Er schildert dort u.a. den „Schweden“, den jüdischen Sportler Seymour Irving Levoy.

Gekommen war ich auf Roth im Studium durch „Portnoys Beschwerden“ (1970). Seinerzeit war ich mir gar nicht sicher, ob solch ein Stoff sich überhaupt für seriöse Literatur eignete. Es geht darin um den Monolog des Psychotherapiepatienten Alexander Portnoy und seine sexuellen Obsessionen. Das Buch rief großes Entzücken und schärfste Kritik hervor. Insbesondere jüdische Kritiker warfen Roth antijüdische Stereotype, jüdischen Selbsthass und Antisemitismus vor. Der Roman wurde als autobiografische Enthüllung verstanden. Und noch heute wird der Autor mit dieser Publikation identifiziert. Philip Roth hatte in den frühen Sechzigern eine Psychoanalyse bei dem New Yorker Psychiater Hans J. Kleinschmidt absolviert. Dieser veröffentlichte die Fallgeschichte 1967 anonymisiert in einer medizinischen Fachzeitschrift unter dem Titel „The Angry Act: The Role of Aggression in Creativity“.

Es trifft zu, dass Roths Schreiben stark autobiografisch fundiert ist. Daraus gewinnt es seine Schärfe und Authentizität. Häufig geht es um jüdische Selbstvergewisserung in den USA. „Philip Roth schreibt immer über Philip Roth.“ In späteren Romanen taucht mehrfach Roths Alter Ego

Nathan Zuckerman

auf. Saul Bellow hat Roth zum ersten Mal 2000 für den Literaturnobelpreis vorgeschlagen. Aber dafür eignet sich dieser große Schriftsteller wohl nicht. Das ist stehende Formel im internationalen Feuilleton. Ulrich Greiner brachte die Ablehnung Roths durch das Nobelpreiskomitee auf die Formel:

„Die Schweden .. lieben Autoren, die etwas zur Verbesserung der Welt beitragen. Philip Roth trägt nur etwas zur Erkenntnis bei.“

Hingerissen war ich von „Sabbaths Theater“ (1995), wo es um den ehemaligen Puppenspieler Mickey Sabbath geht. Er spielt mit den Menschen, zumeist mit den Frauen, wie einst mit seinen Marionetten. Er erkennt die Sinnlosigkeit des Lebens. Seine tote Mutter erscheint als Geist und rät ihm zum Selbstmord als passenden Abschluss für ein verpfuschtes Leben. Philip Roth wechselt in seinen Büchern virtuos zwischen „Die Tatsachen“ (1988), „Mein Leben als Mann“ (1990) und „Täuschung“ (1993). Er ändert seine Perspektiven.

Sehr bekannt geworden ist in Deutschland „Der menschliche Makel“ (2002). Darin lebt der renommierte Literaturprofessor Coleman Silk jahrzehntelang in der Maske eines Juden, obwohl er afrikanisch-stämmig ist. Des Rassismus bezichtigt und von der Universität entfernt wird er, als er zwei schwarze Studentinnen, die im Seminar häufig fehlen, als „Spooks“ bezeichnet hat. 2010 hat sich Philip Roth vom Schreiben zurückgezogen, dies gab er 2012 bekannt. Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhundert sind noch die sehr lesenswerten Kurzromane „Exit Ghost“ (2007), „Empörung“ (2008), „Die Demütigung“ (2009) und „Nemesis“ (2010) erschienen.

Es könnte sich lohnen, mehr über Philip Roth nachzudenken und zu schreiben. Aber ich will Sie nicht langweilen. Im ganzen letzten Jahr habe ich auf einen Kommentar Roths zu Donald Trump gewartet. Nun ist er erschienen. In einem Interview mit Charles McGrath, das per E-mail geführt worden ist (SZ 22.1.18). Dort sagt Philip Roth:

„Niemand, den ich kenne, hat ein Amerika vorausgesehen wie das, in dem wir heute leben. Niemand (außer vielleicht H.L. Mencken, der die amerikanische Demokratie bekanntermaßen als

‚die Anbetung von Schakalen durch Esel‘

bezeichnete) hätte sich vorstellen können, dass die Katastrophe des 21. Jahrhunderts, die entwürdigendste Katastrophe der USA, nicht in der schrecklichen Gestalt eines orwellianischen großen Bruders auftreten würde, sondern in der beängstigend lächerlichen Commedia-dell‘-Arte-Figur des prahlerischen Buffons. Wie naiv war ich, 1960 zu denken, dass ich ein Amerikaner bin, der in absurden Zeiten lebt! Wie drollig! Andererseits – was konnte ich 1960 schon wissen über 1963 oder 1968 oder 1974 oder 2001 oder 2016?“

1851: Bernhard Schlink über das Schreiben, das Kaiserreich und die Rückgabe von Kunstschätzen

Sonntag, Januar 21st, 2018

Der Jura-Emeritus und Schriftsteller Bernhard Schlink hat mit „Der Vorleser“ 1995 einen Welt-Bestseller gelandet (verfilmt mit Kate Winslet). Anlässlich seinen neuen Romans

„Olga“

ist er von Christian Mayer (SZ 20./21.1.18) und Tilman Krause (Die Welt 20.1.18) interviewt worden.

SZ: Schreiben befriedigt die Sehnsucht nach einem anderen Leben, haben Sie einmal geschrieben.

Schlink: Es ist mit dem Schreiben wie mit dem Lesen. Wir lesen, weil wir mehr als ein Leben leben wollen, und wir schreiben, weil wir mehr als ein Leben leben wollen.

SZ: Der erste Teil ihres Romans („Olga“) spielt im Osten des damaligen Kaiserreichs, in Breslau und Tilsit in den Jahren vor 1914. Was finden Sie an der heute so fernen Vergangenheit interessant?

Schlink: Das Verhängnis des letzten Jahrhunderts begann nicht 1933, sondern mit dem Versagen des Kaiserreichs und dem Ersten Weltkrieg. Das war das eine. Zum anderen hat mich Olgas Schicksal interessiert, das Schicksal einer Faru, die es zwar schafft, Volksschullehrerin zu werden, aber zu der

Generation von Frauen gehört, die unter ihren Fähigkeiten leben mussten –

neben Männern, die oft über ihren Fähigkeiten lebten, …

Welt: Das Thema „Umgang mit den Kolonien“ wird ja gegenwärtig auf mehreren Ebenen mit erbitterter Leidenschaft diskutiert. Jetzt hat Frankreichs Präsident Macron in Aussicht gestellt, er wolle Kunstschätze aus den ehemaligen afrikanischen Ländern in großem Stil zurückgeben. Von deutschen Museen, speziell für die Exponate, die im Berliner Humboldt-Forum gezeigt werden sollen, wird das auch gefordert. Wie sehen Sie das?

Schlink: Ich gestehe, dass ich mich schwertue, für diese Forderung Anteilnahme aufzubringen. Napoleon hat bei seinen Eroberungszügen in großem Stil Kunst geraubt und nach Frankreich gebracht. Was er in den Louvre hängen ließ, wurde von den Siegern zurückgefordert und ihnen zurückgegeben, das andere wurde von ihnen übersehen und findet sich in französischen Museen. Reicht es nicht, dass wir es dort anschauen können?

1848: Rüdiger Safranski versteht Max Frisch nicht.

Samstag, Januar 20th, 2018

Bekannt geworden ist Rüdiger Safranski, 73, im ZDF als Stichwortgeber für Peter Sloterdijk im „Philosophischen Quartett“. Er galt als Deutschlands berühmtester „Biograf“. Einige dieser Biografien fand ich so zäh, dass ich sie nicht bis zu Ende gelesen habe. Sein eigentliches Coming Out hatte Safranski aber als Kritiker der Merkelschen Flüchtlingspolitik 2015, die ihn zu dem Satz brachte: „Die Politik hat beschlossen, Deutschland zu fluten.“

Jetzt kommt Rüdiger Safranski in der Reihe „Biografie in Büchern“, die in der „Literarischen Welt“ erscheint (Die Welt 20.1.18). Darin sprechen Autoren über die Bücher, die ihr Leben bestimmt haben. Safranski spricht u.a. über Max Frischs (1911-1991) Roman „Stiller“ (1954), der häufig im Zusammenhang mit „Homo Faber“ (1957) und „Mein Name sei Gantenbein“ (1964) genannt wird.

Safranski sagt: „‚Ich bin nicht Stiller‘ – so fängt der Roman an, und auch das ist ja Existenzialismus pur. Dem Buch ist nicht zufällig ein Kierkegaard-Zitat vorangestellt. … Ich habe Frischs ‚Stiller‘ vor einiger Zeit wiedergelesen und muss sagen: Es hält immer noch stand, anders als der ‚Gantenbein‘. Frischs Tragödie war es, dass er zu sehr davon lebte, bei Frauen anerkannt zu sein. Und dass das im Alter nicht mehr so war, hat ihm viel Schaffenskraft geraubt. ‚Montauk‘ zum Beispiel halte ich für ein hoffnungslos überschätztes Buch, es taugt eigentlich gar nichts.“

Hier können wir erkennen, dass Safranski keine Ahnung hat.

In seiner Erzählung „Montauk“ (1975) schildert Max Frisch seine Begegnung mit „Lynn“ im Mai 1974 in den USA, in die er autobiografische Reflexionen einbaut.

1847: Neue Briefe von Gottfried Benn

Freitag, Januar 19th, 2018

Gottfried Benn (1886-1956) hat Zeit seines Lebens so getan, als habe er eine Abneigung gegen den Literaturbetrieb, als lehne er Akademien, Preise, Lesungen und Podiumsdiskussionen ab. Das war nicht die ganze Wahrheit. Er hat sich zu einem guten Teil doch darauf eingelassen. Das Werk dieses größten deutschen Lyrikers des 20. Jahrhunderts ist – zum Glück – mittlerweile wissenschaftlich beinahe vollständig erschlossen. Auch seine vielen Briefe liegen in mehreren Ausgaben vor. Nun kommt ein Band hinzu, der unterstreicht, wie wichtig für Benn Briefe waren:

Gottfried Benn: „Absinth schlürft man mit Strohhalm, Lyrik mit Rotstift“. Ausgewählte Briefe 1904 – 1956. Herausgegeben und kommentiert von Holger Hof. Stuttgart/Göttingen 2017, 623 Seiten, 39,90 Euro.

179 von 293 der abgedruckten Briefe sind wirklich neu. Der Band belegt eindrücklich, dass Benn aus einem eng begrenzten Reservoir an Gedanken und Formen schöpfte.

„Ich bin nicht populär und wünsche es nicht zu sein. Ich halte das Publikum für Pöbel und Ruhm für eine Schiebung.“

Besonders wichtig sind Benns Briefe an den Schriftsteller und glühenden Antisemiten Börries von Müchhausen (1874-1945). Dieser hatte 1934 in verunglimpfender Absicht behauptet, Benn sei Jude. 1937 wurde Münchhausen

Ehrenbürger Göttingens.

Benn wechselte Briefe mit dem Schriftsteller und Nazi-Kulturfunktionär Hans Johst (1890-1978). Dieser setzte sich für ihn ein. Benn wandte sich auch an seinen höchsten Dienstvorgesetzten bei der Reichswehrmacht, den Heeres-Sanitätsinspektor Anton Waldmann (1878-1941). Auch er half Benn. Benns Briefe an die Genannten waren äußerst vorsichtig (Stephan Speicher, SZ 18.1.18), er hielt sich hier ganz im von den Nazis vorgegebenen Rahmen.

Gottfried Benns Briefe zeigen uns, dass sein Weltbild keineswegs immer geschlossen oder gefestigt war. Er hat von den konservativen Anfängen der Bundesrepublik profitiert. Sie haben seine öffentliche Anerkennung erst möglich gemacht. In dieser Zeit wurde sein Ruhm endgültig begründet. Wir wollen seine Briefe lesen.

1846: Teppich von Bayeux nach Großbritannien

Donnerstag, Januar 18th, 2018

Anlässlich seines Besuchs bei der britischen Premierministerin Teresa May wird der französische Präsident Emmanuel Macron seine Zustimmung dazu erklären, dass der

Teppich von Bayeux

innerhalb der kommenden fünf Jahre nach Großbritannien ausgeliehen wird. Der im Stadtmuseum von Bayeux (Normandie) ausgestellte 68 Meter lange Teppich enthält als Bildergeschichte mehr als 50 Szenen der Eroberung Englands durch den normannischen Herzog

Wilhelm den Eroberer (William the Conqueror, Guillaume le Conquerant)

in der

Schlacht bei Hastings 1066.

Das bis dahin überwiegend angelsächsische England wurde danach grundlegend nach den Regeln der normannischen Feudalgesellschaft umgestaltet. Die Normannen waren hervorragende Krieger und spielten bei den Kreuzzügen eine zentrale Rolle. Sie besiedelten Süditalien und beschützten den Papst als Soldaten vor dem deutschen Kaiser.

Die Leihgabe ist wohl angesichts des Brexits eine Geste zur langfristigen gedeihlichen Zusammenarbeit. Bisher galt der Teppich von Bayeux als zu empfindlich für einen Verleih. Lange verschollen tauchte er erst im 15. Jahrhundert in der Kathedrale von Bayeux wieder auf. In Auftrag gegeben worden war das Kunstwerk wohl von Wilhelms Halbbruder Odo 1070, dem Bischof von Bayeux.

Für die Eroberung Großbritanniens hatte Wilhelm damals in Dives/Cabourg, unserem langjährigen Urlaubsdomizil in der Normandie, eigens eine Flotte von über einhundert Kriegsschiffen bauen lassen. Die Schlacht von Hastings markiert die bisher letzte erfolgreiche Eroberung der britischen Inseln vom europäischen Festland aus. Ein genauer Termin für die Ausstellung in England steht noch ebenso wenig fest wie der Ausstellungsort (Alexander Menden, SZ 18.1.18).