Archive for the ‘Literatur’ Category

1985: Christian Kracht berichtet von sexuellem Missbrauch.

Donnerstag, Mai 17th, 2018

Der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht, geb. 1966, las 2017 in der Zeitung, dass der englische Prinz Andrew nach Kanada gereist war, um an der Lakefield College School im Namen des verstorbenen Schulpastors

Keith Gleed

ein Taufbecken einzuweihen. Daraufhin meldeten sich ehemalige Schüler des Internats und gaben an, von Keith Gleed vergewaltigt worden zu sein. Erst drei, dann zehn, dann dreißig ehemalige Mitschüler von Christian Kracht, der das Internat auch besucht hatte.

„Kracht erinnerte sich nun beim Lesen des Artikels, dass Pastor Keith Gleed ihn einmal in sein Holzhaus auf dem Campus gerufen und dort aufgefordert hatte, sich nackt auszuziehen. Er musste sich umdrehen, seinen Oberkörper nach vorne über eine Couch beugen. Hinter sich konnte er hören, wie Gleed seine Hose öffnete, die Schnalle des Gürtels öffnete und den Gürtel aus den Schlaufen zog. Dann peitschte er den zwölfjährigen Jungen aus, sieben, acht Schläge. Als er fertig war, wies er den Knaben an, sich nicht umzudrehen. Christian Kracht verharrte in der Position, die ihm vorgegeben worden war, und hörte nur das Schnaufen des Pastors, der allem Anschein nach hinter ihm masturbierte.“

Davon berichtete Kracht nun in seiner ersten Frankfurter Poetikvorlesung im vollbesetzten Audimax der Goethe-Universität. In Lakefield war Kracht damals ein schmaler, blonder Junge aus den Schweizer Bergen gewesen. Seine Mitschüler hatten ihm den Spitznamen „Heidi“ gegeben und sich einen Spaß daraus gemacht, ihn zu quälen. Seine Eltern hatten Christian Kracht nicht geglaubt, sondern angenommen, seine Schilderungen seien seiner lebhaften Fantasie entsprungen.

In seinem Frankfurter Vortrag mit dem Titel „Emigration“ hat Kracht seine eigene Emigration beschrieben als lebenslangen Versuch,

„der Sprache Adolf Eichmanns“

zu entkommen. Deutsch ertrage er nur noch aus der Ferne und in den Romanen W.G. Sebalds, Erich Kästners, Clemens Setz‘ und Christoph Ransmayrs und einigen anderen. Die deutsche Literaturkritik habe ihn zwanzig Jahre lang nur als Popkünstler, Dandy und Faschisten gesehen. Und tatsächlich taten sich viele von uns mit den Romanen Christian Krachts schwer:

Faserland. 1995; 1979. 2001; Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. 2008; Imperium. 2012; Die Toten. 2016.

Die Texte wirkten auf viele sperrig und verstörend. In seiner Frankfurter Vorlesung erschien Kracht sehr zornig. Es gelinge ihm nicht, den Weg von Nabokov einzuschlagen und einfach auf Englisch zu schreiben.

„Ich komme von ihr (der Sprache, W.S.) nicht los, von meinem geliebten Deutsch.“

Das Trauma des Missbrauchs zieht sich durch Krachts gesamtes Werk. Es zeigt sich in der Beziehungsunfähigkeit seiner Protagonisten, in ihrem Solipsismus, ihrer „ausschweifenden Unbarmherzigkeit“. Seine Charaktere erklärte Kracht in Frankfurt vor allem mit dem Vokabular, das der Kulturwissenschaftler

Klaus Theweleit

1977 in seiner bahnbrechenden Untersuchung „Männerphantasien“ entwickelt hat, um das faschistische Subjekt zu beschreiben.

Pastor Gleed habe sich die Kinder, die ihm anvertraut worden waren, geradezu herangezüchtet. Es lag wohl, so Kracht, an der Freude daran, nackte Macht auszuüben, und an einem gewissen Ästhetizismus. Sein eigenes Leben beschrieb Kracht als eine „Suche nach Empfindlichkeit dem Ephemeren gegenüber, der Erkenntnis, dass das die Realität unseres Lebens ist.“ Er sprach vom Gewicht der Wackersteine, die Virginia Woolf sich in die Taschen gesteckt hat, bevor sie in den Fluss gestiegen ist.

„Das Verhältnis der deutschen Öffentlichkeit zu diesem Künstler war lange von der Frage geprägt, ob es sich bei seinen Texten und Auftritten lediglich um postmoderne Sprachspiele handelt, ernst konnte das schließlich niemand meinen: dieses Pathos, dieser hohe Ton. Kracht wurde als souveräner Dompteur aufgefasst, der das Publikum am hermeneutischen Zirkel durch die Manege führt. In Frankfurt stellte sich jetzt heraus:

Ein Spiel ist es nie gewesen.

Der Christian Kracht, der dort am Pult stand, hat noch nie einen ironischen Satz geschrieben. Es ging immer um alles, um den Menschen, den Humanismus. Jeder Roman, jede Erzählung war, so sieht es nach dieser großen Rede aus, einer einzigen Frage gewidmet: Der Frage, wie eine Kultur, die so viel Schönes hervorgebracht hat, gleichzeitig so grausam sein kann.“ (Felix Stephan, SZ 17.5.18)

1979: Amos Oz: Die Besatzung zerstört die Seelen.

Freitag, Mai 11th, 2018

Thorsten Schmitz (SZ 11.5.18) hat den israelischen Erfolgsschriftsteller Amos Oz in Tel Aviv interviewt. Der ist in Jerusalem aufgewachsen (geb. 1939), hat dann 30 Jahre im Kibbuz Hulda und 20 Jahre in der Wüste von Arad gelebt. Seit einiger Zeit wohnt er in Tel Aviv.

SZ: Sie haben die Friedensbewegung „Peace Now“ mitbegründet und kritisieren seit Jahrzehnten die Besatzung. Aber nicht immer waren Sie so friedensbewegt.

Amos Oz: Ich bin in einer sehr rechten Familie in einer sehr militanten Umgebung in den Vierzigerjahren aufgewachsen. Die Welt in Jerusalem war damals geteilt in „sie oder wir“. Wir hatten recht, die anderen nicht. Erst haben sie uns aus Europa geworfen, jetzt wollen sie auch noch unser Liliputland nehmen. Diese Weltsicht besaß auch ich, bis ich einen britischen Polizisten kennengelernt habe. Meine Freunde schimpften mich einen Verräter, weil ich mich mit unserem Feind angefreundet hatte. Das war das erste Mal, dass man mich so nannte, mit acht Jahren. Seitdem werde ich bis heute in meinem Land so bezeichnet, inzwischen betrachte ich es als Kompliment. Ich weiß, dass man die Welt nicht nur mit einem Paar Augen betrachten kann.

SZ: Israels Premierminister Benjamin Netanjahu scheint an einer Heilung der Narben nicht interessiert zu sein.

Amos Oz: Netanjahu sät Hass zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Lagern, auch um von den Korruptionsermittlungen gegen ihn abzulenken. Ich würde mich freuen,

wenn seine Regierung zur Hölle fährt.

Er sät Hass zwischen Juden und Arabern, zwischen Aschkenasen und Sepharden, zwischen Säkularen und Religiösen. Er strickt am Mythos „entweder wir oder sie“. Sie, das ist die ganze muslimische Welt. Wir sind die Guten, Europa, der Westen.

SZ: Was macht die Besatzung mit Israelis?

Amos Oz: Die Besatzung ist schrecklich, sie ist eine einzige große Katastrophe. Wenn du einen 18-jährigen jungen Mann, aus gutem Elternhaus, humanistisch erzogen, geduldig, weltoffen, Dienst schieben lässt in den besetzten Gebieten und ihm sagst, du bist jetzt der Chef des Dorfes, du sagst den Palästinensern, wer heraus und wer hinein darf, dann zerstörst du das Kind. Es ist viel zu jung, um alten Männern die Ausreise zu verweigern. Diese schreckliche Erfahrung ist Gift für junge Menschen. Sie können sie nicht verarbeiten. Ein Mensch wird doch nicht geboren, um über einen anderen Menschen zu herrschen.

SZ: Haben es nicht viele Israelis längst aufgegeben, sich mit dem Nahostkonflikt zu beschäftigen?

Amos Oz: So ist es. Ich sehe diese Gleichgültigkeit, und manchmal habe auch ich traurige Momente. Der Konflikt dauert schon viel zu lange, er zerstört die Seelen, und eine Folge dieser Zerstörung ist Gleichgültigkeit. Die Menschen wollen ihr Leben genießen, nicht eine Lösung finden für einen Konflikt, mit dem sie aufgewachsen sind. Gut möglich, dass die Palästinenser die einmalige Chance verpasst haben, dass sie einen Staat nach ihrem Gusto bekommen. Israelischen Politikern kommt der islamistische Fundamentalismus gerade recht, sie stellen das Streben der Palästinenser in eine Reihe mit Bewegungen des IS etwa. Aber ich war schon immer störrisch und möchte mich nicht selbst entmutigen.

1972: Thea Dorns Patriotismus

Montag, Mai 7th, 2018

Die Schriftstellerin und Moderatorin Thea Dorn, geb. 1970, ist mittlerweile ständige Teilnehmerin des „Literarischen Quartetts“. Dort hat sie hier und da schon für neue Perspektiven gesorgt. Sie beschäftigt sich u.a. mit dem deutschen Patriotismus. Dazu hat sie ein Buch vorgelegt:

Deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten. München (Knaus) 2018, 336 Seiten, 24,00 Euro.

Iris Radisch und Adam Soboczynski haben nachgefragt. Hier einige Antworten Thea Dorns:

„Ich halte es beispielsweise für richtiger, wenn im Theater Goethes ‚Faust‘ als wenn eine Flüchtlingsperformance gegeben wird. Glaubt man der gängigen Sortierung, gehört eine solche Auffassung doch eher ins Portefeuille einer Konservativen. Mein zentrales Anliegen ist, das zu verteidigen, was in Europa in den letzten zweieinhalbtausend Jahren entstanden ist: die Idee eines mündigen, gebildeten, freien, emanzipierten Individuums. Und wenn wir uns klarmachen, dass diese großartige Idee weltweit immer noch eine Minderheitenidee ist und dass wir selbst dabei sind, sie zu verscherzen, dann stellt sich die Frage nach links und rechts plötzlich neu.

Der Verfassungspatriotismus, der letzlich ein gesamtwestlicher ist, stellt auch für mich das Fundament dar. Aber er allein reicht nicht. Deswegen suche ich ein Plus X. Da kommt etwas Deutsches ins Spiel. Solange Europa für die meisten Bürger ein lästiges Abstraktum ist, muss das Europäertum mit nationalen Patriotismen verschränkt bleiben. Ich halte es für verkehrt und gefährlich, die Idee des Nationalstaats gegen den europäischen Gedanken auszuspielen.

Ich halte es für ein Problem, dass in Deutschland ganze Generationen aufwachsen, die von deutscher Kultur keine Ahnung haben.

Der flache Egozentrismus unserer Gesellschaft hat doch auch damit zu tun, dass Leute keine Zusammenhänge mehr herstellen können.

Die Welt hat sich dramatisch verändert. Wir können nicht sagen, Europa und Deutschland müssen politisch wieder in den Ring steigen, und gleichzeitig derart defensiv auftreten. Deutschland hat sich mit seiner verbrecherischen Vergangenheit glaubhaft auseinandergesetzt. Dies war nur möglich, weil seit den Auschwitzprozessen die deutsche Schuld im Mittelpunkt der deutschen Selbstverständigung stand. In aller Deutlichkeit: Ich halte dies uneingeschränkt für richtig. Aber es bringt nichts, die Diskurse der sechziger und siebziger jahre ewig nachzuspielen. Wenn wir das tun, überlassen wir Themen wie ‚Nation‘ oder ‚Patriotismus‘ den Rechten bis Rechtsradikalen.“ (Die Zeit, 26.4.18)

Kommentar W.S.: damit beschreibt Thea Dorn sehr gut die Lage.

Hinzuweisen ist auf das Buch

Thea Dorn/Richard Wagner: Die deutsche Seele. München (Knaus) 2017, 560 Seiten, in dem von „Abendbrot“ über „Gemütlichkeit“ bis hin zu „Zerrissenheit“ in 64 Stichwörtern dem deutschen Wesen nachgespürt wird.

1968: Georges-Arthur Goldschmidt 90

Donnerstag, Mai 3rd, 2018

Im Alter von zehn Jahren wurde Jürgen-Arthur Goldschmidt 1938 von seinen Eltern nach Frankreich geschickt, um ihn vor den mörderischen Nazis zu beschützen. In einem Kinderheim in Savoyen und bei einem Bauern dort wuchs Goldschmidt auf und besuchte ein Internat. Davon handelt sein Roman „Der Spiegeltag“ (1982). Georges-Arthur wurde Franzose und unterrichtete an Pariser Gymnasien, bevor er als Schriftsteller und Übersetzer reüssierte.

Ein enges Verhältnis verbindet Goldschmidt mit Peter Handke, von dem er zwei Dutzend Werke ins Französische übersetzt hat. Umgekehrt hat Handke mehrere Publikationen Goldschmidts ins Deutsche übertragen. Beide sind in der deutschen Sprache aufgewachsen und leben ein französisches Leben.

In einer Reflexion behandelt Handke die Aufzeichnungen, die Goldschmidts Vater Arthur, der „vergessen“ hatte, seinen Sohn darauf hinzuweisen, dass er ein Jude sei, im Konzentrationslager Theresienstadt angefertigt hat. Er war Richter in Hamburg gewesen, die Familie war protestantisch und vollständig assimiliert. Davon handeln Goldschmidts Erzählung „Die Absonderung“ (1991) und seine Romane „Die Befreiung“ (2010) und „Der Ausweg“ (2014).

Berichte von einer erstaunlichen Rettung sind es nur auf der Oberfläche. Goldschmidt widmet sich literarisch den darunter liegenden, weitaus komplizierteren Verhältnissen. 1999 erschien „Als Freud das Meer sah“, 2006 „Freud wartet auf das Wort“. Dabei geht es natürlich um die Psychoanalyse. „Goldschmidt spürt den Wortstämmen, den Präfixen und den Satzbögen nach, um am Ende die Sprache selbst sprechen zu lassen, so als besitze eine jede eine eigene Natur, die es freizulegen und dadurch zu retten gelte. Die Seele, behauptet Freud, werde im Innersten aus zwei Empfindungen zusammengehalten, aus der Lust und aus dem Schmerz. Goldschmidt hat sein literarisches Leben um diese beiden Pole herum aufgebaut. Die Rettung und die Schuld, die beiden anderen Motive in seinem Werk, sind nur Varianten. Und so treibt er sich herum, im vagen, porösen, flüchtigen und in jeder Beziehung unsicheren Raum dazwischen, mal von dem einen, mal von dem anderen Pol angezogen.“ (Thomas Steinfeld, SZ 2.5.18)

1964: Wolfgang R. Langenbucher 80

Montag, April 30th, 2018

Mit Wolfgang R. Langenbucher wird einer der bekanntesten Kommunikationswissenschaftler im deutschsprachigen Raum 80 Jahre alt. Begonnen hatte er seine Karriere als Assistent (gemeinsam mit Peter Glotz) in München bei Otto B. Roegele. Dort erschien das seinerzeit wichtige Buch „Der missachtete Leser“. Mehr noch als in der Wissenschaft war Langenbucher hinter den Kulissen, in wissenschaftlichen Gesellschaften und in der Politik aktiv. Von 1975 bis 1983 war er Ordinarius in München, danach bis zur Emeritierung in Wien. Er hatte Verbindungen auch zur „alten“ Publizistik (Dovifat, Hagemann, Haacke). Interessant wäre es, mehr aus dem bisher unveröffentlichten Briefwechsel mit Wilmont Haacke (1911-2008) zu erfahren.

1961: Lit-Verleger zieht Unterschrift zurück.

Donnerstag, April 12th, 2018

Der Verleger des Lit-Verlags, Wilhelm Hopf, hat seine Unterschrift unter die „Gemeinsame Erklärung 2018“ zurückgezogen, nachdem die Lektoren und Programmgestalter des Verlags und viele Autoren sich von seiner Unterschrift distanziert hatten. Die Unterschrift sei ein Fehler gewesen, heißt es in einer „Stellungnahme“. Er habe „ohne Prüfung“ der Initiatorin vertraut und „nicht genügend wahrgenommen, dass die Erklärung zu vereinfachenden populistischen Folgerungen verleitet“.

Seine Haltung zur Migrationspolitik komme in der Erklärung „nicht in der für die Debatte notwendigen Differenziertheit zum Ausdruck“. Er habe nicht berücksichtigt, dass er immer im Zusammenhang mit Autoren und Lektoren gesehen werde. Die „Gemeinsame Erklärung 2018“ entspreche „in keiner Weise der Programm-Pluralität des Verlags“. Der Lit-Verlag versteht sich als einer der führenden deutschsprachigen Wissenschaftsverlage mit interdisziplinärer, internationaler Ausrichtung (SZ 12.4.18).

1960: „Nicht zur Veröffentlichung bestimmt“

Mittwoch, April 11th, 2018

Wenn eine posthum erscheinende Publikation den Titel trägt „Nicht zur Veröffentlichung bestimmt“, dann kann es sich um Koketterie handeln. So im Fall der langjährigen Suhrkamp-Lektorin

Elisabeth Borchers,

die 2013 im Alter von 87 Jahren gestorben ist. „Nach nahezu 40 Jahren ein rücksichtsloser Blick auf Verlag, Autoren, Bücher, Manuskripte. Kein Pardon soll gegeben werden.“ (Julia Encke, FAS 8.4.18) Und wir, die wir den Literaturklatsch so mögen, erwarten viel. Wir werden kaum enttäuscht.

Vor allem die Rezensentin Encke, die Borchers sichtlich nicht mag, liefert uns manches, von dem wir noch lange zehren werden. „Handke klingelte bei ihr und fragte ihren Lebensgefährten, ob er, Handke, mit ihr schlafen dürfte.“ Etc.

„Der Verleger Siegfried Unseld war bekannt dafür, einen Satz von Peter Suhrkamp zu zitieren:

‚Der Autor ist uns turmhoch überlegen.‘

Er kannte die Demut vor der schriftstellerischen Existenz, begriff sich als Ermöglicher. Die Lektorin Elisabeth Borchers wollte eine Ermöglicherin offenbar nicht sein, sondern einfach nur bedeutend.“

Borchers hatte 1961 ihren ersten Gedichtband veröffentlicht. Sie kam als Lektorin zu Luchterhand, 1971 zu Suhrkamp nach Frankfurt. Mit ihrem Ruhestand 1998 begann sie die hier zugrundeliegenden Aufzeichnungen. Mit ihren Urteilen hielt sie nicht hinter dem Berg. „Wohin man auch schaut und liest, Hochstapelei.“ (Sandra Kegel, FAS 7.4.18)

Bösartigkeit reiht sich an Bösartigkeit. Ihr Chef, Siegfried Unseld, sei schon immer scharf gewesen auf den Professorentitel. „Ohne ihr Lektorat waren Johnsons ‚Jahrestage‘ eine ‚Farce‘. Frisch war ‚hellhörig‘ genug, auf ihren Rat hin ein Manuskript zurückzuziehen, das später in einer anderen Fassung als

‚Montauk‘

erschien.“ Ja, dann!

1950: Michael Rutschky ist tot.

Donnerstag, April 5th, 2018

Michael Rutschky (geb. 1943) war u.a. dadurch bekannt, dass er junge Journalistenkollegen gefördert hat. Das war schon in seiner frühen Münchener Zeit als Redakteur beim „Merkur“ und bei „Transatlantik“ der Fall. Rainald Goetz und Jörg Lau sind beispielsweise zwei der sehr erfolgreichen Rutschky-„Schüler“. Lau schildert, wie Michael und Katharina Rutschky dann in Berlin ihr „frei schwebendes Autorenleben“ führten. Und wie sich das Ehepaar Rutschky „Frau Rutschky“ und „Herr Rutschky“ nannte.

Michael Rutschkys Essaysammlung „Zur Ethnographie des Inlands“ (1984) ist für Jörg Lau „Gesellschaftskritik ohne Dünkel und Kulturpessimismus“. Michael Rutschky hielt Abstand zum akademischen Betrieb mit seinen vielen Lächerlichkeiten. In „seiner“ Stadt Berlin war er unterwegs als Flaneur, Filmfan, soziologischer Analytiker und nicht zuletzt als Literaturkritiker. Er hat uns John Updike nahegebracht.

„Über die Bedeutung der ökologischen Frage waren wir uns nie einig. Er sah in der Umweltbewegung nur die irrationale Apokalyptik. Auch meine Skepsis über den heutigen Kurs der USA ging ihm sichtbar zu weit, schließlich hatten die Amerikaner die Befreiung vom deutschen Ungeist gebracht.“ (Jörg Lau, Die Zeit 22.3.18)

Michael Rutschky ist in Berlin gestorben.

1931: Meinungsvielfalt in Deutschland

Sonntag, März 18th, 2018

Es ist wohl kein Zufall, dass es mit Uwe Tellkamp und  Monika Maron („Munin oder das Chaos im Kopf“, 2018) zwei Autoren mit überwiegend ostdeutscher Biografie sind, die Ächtung konstatieren, wenn man in Deutschland seine Meinung sagt. Aber das ist Unfug. Es war die Stadt Dresden, welche die Autoren Tellkamp und Durs Grünbein zum Thema „Streitbar! Wie frei sind wir mit unseren Meinungen?“ eingeladen hatte. Der Eintritt war frei, tausend Besucher nahmen teil.

Die Beispiele, die Tellkamp zitierte, stammten aus Zeitungen und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Allerdings waren sie weithin nicht geeignet. Etwa die Entfernung eines Gedichts von Eugen Gomringer von der Fassade einer Berliner Hochschule. Das Gedicht ist nicht verboten. Es wurde jetzt erst richtig bekannt. Jeder kann sich dazu frei äußern.

„Es ist niemandem in diesem Land verboten, auch noch den größten Unsinn zu verbreiten, nur muss er sich dafür kritisieren und auch widersprechen lassen. Gerade in Dresden wird das seit Pegida permanent trainiert, ständig gibt es Podien, auf denen gestritten, diskutiert und debattiert wird. Freilich nicht immer konstruktiv, aber mit einer ungeheuren Meinungsvielfalt.“ (Stefan Locke, FAS 18.3.18)

1928: „Und Henry Miller würde heute wohl gleich gehängt?“

Freitag, März 16th, 2018

Mit 88 Jahren ist ein Schriftsteller wohl manchmal unerschrocken. Jedenfalls antwortete der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon („Canto“) im „Literarischen Salon“ der 18. Litcologne auf die Frage von Guy Helminger und Navid Kermani nach der MeToo-Debatte mit der Gegenfrage: „Und Henry Miller würde heute wohl gleich gehängt?“ (Hans-Peter Kunisch, SZ 16.3.18)

Henry Miller (1891 – 1980) war der US-amerikanische Autor mancher Jugendlektüre meiner Generation mit „Wendekreis des Krebses“ (1934), „Wendekreis des Steinbocks“ (1939), „Stille Tage in Clichy“ (1940), „Sexus“ (1949), „Plexus“ (1953) und „Nexus“ (1960). Der deutschstämmige Miller war in Paris der Partner Anais Nins (1903-1977). Seine Bücher erschienen später in Deutschland überwiegend bei Rowohlt.