Archive for the ‘Literatur’ Category

2042: David Grossmann über Israel

Montag, Juni 25th, 2018

Der israelische Schriftsteller David Grossmann („Eine Frau flieht vor einer Nachricht“), geb. 1954, ist in diesem Jahr „Writer in Residence“ beim Literaturfestival Potsdam. Julia Encke hat ihn für die FAS (24.6.18) und Thorsten Schmitz für die SZ (23./24.6.18) interviewt. Ich gebe gekürzt Auszüge aus dem letzten Interview wieder:

SZ: Im Hebräischen gibt es den Begriff (…) die Lage. Wenn man sich in Israel begrüßt, fragt man gerne: (…) wie ist die Lage? Wie ist sie denn?

Grossmann: Ohne zu krasse Wörter zu verwenden, die Lage ist gar nicht gut. Eigentlich müsste sie sehr gut sein. Wer Israel besucht, sieht ein modernes Land, überall neue Autobahnen, eine Skyline in Tel Aviv voller Hochhäuser, neue Stadtteile werden aus dem Boden gestampft, die Hightech-Industrie blüht. Man sollte meinen, wie lebten in einem Paradies. Aber seit 51 Jahren herrschen wir über das Volk der Palästinenser. Das ist eine Katastrophe für sie wie für uns. Der Nachhall der Zahl macht mich verrückt. Es ist unfassbar, dass Israel seit 51 Jahren ein Volk besetzt. Das Schöne, das ich eben gezeichnet habe, ist eine Illusion.

SZ: Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas wirken nicht, als seien sie an einem Frieden interessiert. Sie reden ja noch nicht einmal miteinander.

Grossmann: Netanjahu ist sehr klug, aber leider besitzt er keine einzige Vision. Ich kann mich nicht erinnern, dass er in den letzten zwanzig Jahren auch nur einen Satz ausgesprochen hätte, der eine Vision enthielt, wie Frieden aussehen könnte. Netanjahu spielt mit den Ängsten der Menschen, und er spielt dieses Spiel mit großer Perfektion. Bald ist Netanjahu länger Premierminister als es unser Staatsgründer David Ben Gurion war, und wenn ich mir anschaue, was Ben Gurion geschaffen hat und was Netanjahu, kann ich nur in tiefe Depression verfallen.

SZ: Auf einer alternativen 70 Jahr-Feier in Tel Aviv haben sie gesagt: Israel ist noch nicht zu Hause angekommen. Was haben Sie damit gemeint?

Grossmann: Israel wird zusehends zu einer Trutzburg, es ist immer weniger ein gemütliches Zuhause. Ich möchte aber nicht in einer Trutzburg leben. Die gigantische Kraft unserer Armee könnte unser Leben verbessern helfen, stattdessen wird die Armee dazu missbraucht, ein Besatzungsregime aufrecht zu halten.

SZ: Bundeskanzlerin Angela Merkel hat womöglich genau das geleitet, Empathie mit den Flüchtlingen. Jetzt droht ihre Regierung darüber zu stürzen.

Grossmann: Es mag in deutschen Ohren nicht sehr populär klingen, aber ich bewundere Merkel sehr dafür, was sie getan hat. Ich weiß, dass mit den vielen Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, auch Antisemitismus und Gewalt zugenommen haben. Aber Merkels Entscheidung, die Grenzen nicht zu schließen, ist die einzig richtige.

 

2037: Fallada schrieb an einem antisemitischen Roman.

Mittwoch, Juni 20th, 2018

Hans Fallada hat an einem antisemitischen Roman gearbeitet. Er schreibt am 2. Mai 1944 an seine Schwester Margarete (Dete): „Neben aller anderen Arbeit schriftstellere ich auch wieder, arbeite an einem Roman, den mir das Propagandaministerium in Arbeit gegeben hat, einem antisemitischen Roman, der den Fall Kutisker zur Grundlage hat. Vorläufig lebe ich ganz im litauischen Ghetto und schlage mich vor allen Dingen mit rituellen Dingen wie Gebetsriemen, Talmud und Pessach herum. Es ist sehr schwer, diese Dinge lebendig zu machen.“ (Literarische Welt 16.6.18).

Der Roman ist nie erschienen.

2033: Eva Menasse über gender-gerechte Sprache

Dienstag, Juni 19th, 2018

„Ich werde niemals gender-‚gerecht‘, niemals nach der neuen Rechtschreibung, nicht nach dem Duden oder dem Österreichischen Wörterbuch schreiben, ich werde immer ungerecht, subjektiv, stur und nach meiner eigenen Facon schreiben. Sexisten und Rassisten dürfen weiterhin in meinen Texten auftreten, sonst wäre das literarische Abbild der Welt ja geschönt. Falls das eines Tages nicht mehr möglich sein sollte, werde ich gar nicht mehr schreiben. Dann werde ich mich bei Wasserin und Brotin in ein mannshohes, frauenrundes Gender-I aus Plexiglas einsperren lassen und mich dem Spott der Massinen und Massen anheimgeben. Am besten stellt man mich in die Nähe der Berliner Alice-Salomon-Hochschule aus. Bis dahin halte ich das Motto hoch, das kein Gender-I braucht, obwohl gleich zwei böse ‚er‘ drinstecken: Heiter und locker bleiben!“ (Die Zeit 7.6.18)

 

2030: Dieter Wellershoff ist gestorben.

Sonntag, Juni 17th, 2018

Meine Gottfried Benn-Ausgabe „Gesammelte Werke in acht Bänden“ von 1960 ist im Limes Verlag herausgegeben worden von Dieter Wellershoff. Der hatte 1952 promoviert über das Thema „Gottfried Benn. Phänotyp dieser Stunde.“. Die Dissertation erschien erst 1958. Wellershoffs Welt war bestimmt von seinem Erleben des Zweiten Weltkriegs als „Schülersoldat“. Nach dem Krieg studierte er. Er hat die deutsche Literatur nach 1945 maßgeblich bestimmt nicht nur als Romancier, sondern er schrieb auch Hörspiele, Erzählungen, Essays und Drehbücher. Von 1959 bis 1981 war er Lektor bei Kiepenheuer & Witsch. Er „betreute“ Heinrich Böll. Und er entdeckte Rolf Dieter Brinkmann, Nicolas Born, Günter Wallraff, Günter Seuren und Günter Herburger.

In seinen eigenen Publikationen stand Dieter Wellershoff für einen „neuen Realismus“. Seine Beiträge waren unaufgeregt und nachdenklich. Er war der Anthropologie Arnold Gehlens verpflichtet. In aktuellen politischen Diskursen meldete er sich selten, dann aber nachdrücklich zu Wort. Zu Köln hielt der Rheinpreuße und Protestant eine von kritischer Sympathie durchwirkte Distanz.

Ein Bestseller wurde 2000 Wellershoffs an Goethes „Wahlverwandtschaften“ angelehnter „Ein Liebeswunsch“, die Versuchsanordnung zweier Paare, die in den neunziger Jahren in Kölner Akademikerkreisen spielt. Marcel Reich-Ranicki war davon begeistert. Über die „Literatur des Begehrens“ hat Wellershoff viel geschrieben. 2001 erschien „Der verstörte Eros“, in dem viele Verführerinnen, Ehebrecher und Glückssucher ihren Auftritt haben.

Zu Wellershoffs 90. Geburtstag 2015 wurde eine Festschrift publiziert. Darin schrieb Wellershoffs Kommilitone Jürgen Habermas: „Damals in Bonn, als alles anfing, warst du der Chef der Deutschen Studentenzeitung und hast mich zum ersten Leitartikel meines Lebens ermuntert.“ Dieter Wellershoff ist in Köln gestorben (Meike Fessmann, SZ 16./17.6.18; Andreas Rossmann, FAZ 16.6.18; Marc Reichwein, Literarische Welt 16.6.18).

2026: Geschlechtergerechte Sprache ?

Mittwoch, Juni 13th, 2018

Der Rechtschreibrat hat seine Entscheidung über die „geschlechtergerechte Sprache“ vertagt. Matthias Heine (Die Welt 9.6.18) beschreibt die sich dabei gegenüberstehenden Gruppen relativ treffend:

„Auf der einen Seite stehen die Gender-Skeptiker, die sagen, das grammatische Geschlecht – also das Genus eines Worts – habe mit dem natürlichen Geschlecht – also dem Sexus  – nichts zu tun. Deshalb wären bei Pluralformen maskuliner Wörter wie ‚Lehrer‘, ‚Arbeiter‘, ‚Kunden‘ und ‚Astronauten‘ selbstverständlich Frauen mit bezeichnet und es sei überflüssig, extra zu kennzeichnen, dass man auch Frauen meine. Darüber hinaus verstießen die bisher bekannten Formen zur Herstellung von sprachlicher Geschlechtergerechtigkeit sowohl gegen das ästhetische Sprachempfinden als auch gegen grammatische Strukturen des Deutschen. ‚Studierende‘ seien nicht dasselbe wie ‚Studenten‘. Und im Übrigen sei die Sprache etwas frei Gewachsenes, bei dem behördliche Regelungen nur Schaden anrichten könnten.“

„Dem gegenüber stehen die Gerechtigkeitshersteller, die argumentieren, von den Sprachteilnehmern werde das grammatische Geschlecht durchaus als Indikator für das natürliche Geschlecht wahrgenommen. Psychologische Tests hätten ergeben, dass Deutschsprecher sich unter ‚Astronauten‘ und ‚Spionen‘ eben doch eher Männer und weniger Frauen vorstellten. Die Grammatik sei wandelbar, wer Gleichheit der Geschlechter anstrebe, müsse dies auch sprachlich zeigen, und ästhetische Fragen seien zweitrangig, wenn’s ums große Menschheitsganze geht.“

Und dann widerspreche ich Matthias Heine, der – marxistisch gesprochen – annimmt, dass die Basis den Überbau, die Sprache also, bestimmt. Wir

Konstruktivisten

wissen, dass Wilhelm von Humboldt Recht hatte, als er annahm, dass Sprache unsere Sicht auf die Welt lenkt. Für uns ist die Welt immer nur so, wie wir sie vorher konstruiert haben. Im übrigen ein starkes Argument

für eine geschlechtergerechte Sprache.

Dann sagt Heine zu Recht über viele Linguisten: „Sie können sagen, welche Formen wo und wie oft in großen digitalen Sprachkorpora erscheinen. Aber niemals haben sie ein Gedicht auswendig gelernt. Die Schönheit und das Spielerische in der Sprache sind ihnen nicht nur unwichtig, sie wissen gar nichts von deren Existenz.“

Ja, ja, und dreimal ja! Ich denke an meine Lesung von Gedichten Gottfried Benns an seinem hundertsten Geburtstag, am 2. Mai 1986, im Jungen Theater in Göttingen.

2004: Philip Roth aktuell

Mittwoch, Mai 30th, 2018

Philip Roth wird auf dem Friedhof des Bard College beerdigt. Aber, wie er seinem Feund Norman Manea sagte, nicht zu dicht bei

Hannah Arendt,

damit sie sich nicht durch ihr Gelächter gestört fühle (Michael Krüger, Die Zeit 30.5.18). Manea schreibt zum Tod seines Freundes Philip Roth:

„Die Literatur, Amerika und die Welt verlieren einen ihrer brillantesten Köpfe und eine unvergleichliche schöpferische Kraft. In diesem finsteren Augenblick der planetarischen Krise, der heftigen Angriffe auf unser geistiges Umfeld, der Gefahren und Perversionen werden sein leuchtender Humor, seine Menschlichkeit so sehr fehlen.“

2001: Lanzmann verkauft de Beauvoirs Liebesbriefe.

Montag, Mai 28th, 2018

Sylvie Le Bon des Beauvoir, geb. 1941, war 26 Jahre lang die Geliebte Simone de Beauvoirs, ehe sie 1980 adoptiert wurde, um als Nachlassverwalterin der Schriftstellerin zu fungieren. Martina Meister interviewt sie in der „Literarischen Welt“ (26.5.18) zu Simone de Beauvoir.

Welt: Vor wenigen Monaten hat Claude Lanzmann die Liebesbriefe, die Simone de Beauvoir ihm geschrieben hat, an die Yale University verkauft. Stimmt es, dass sie der Veröffentlichung nicht zugestimmt haben?

Le Bon: Nein, das ist von vorne bis hinten eine falsche und ganz erbärmliche Geschichte. Zum 100. Geburtstag der Beauvoir habe ich in aller Öffentlichkeit gesagt und es ihm schriftlich gegeben, dass ich bereit sei, die Briefe herauszubringen. Aber das ist zehn Jahre her, und ich habe nie einen einzigen Brief zu Gesicht bekommen. Er hat das alles erfunden. Ich werde mich hüten, für sein Verhalten eine Erklärung zu finden. Fest steht: Simone de Beauvoir wollte ihre Manuskripte der französischen Nationalbibliothek übertragen. Er hat es vorgezogen, sie an eine reiche, amerikanische Universität zu verkaufen.

1996: Willi Winkler über Philip Roth

Donnerstag, Mai 24th, 2018

Willi Winkler, mit dem ich in vielen Punkten überhaupt nicht übereinstimme, schätze ich als Journalisten außerordentlich. Er schreibt über Philip Roth (SZ 24.5.18):

„Die Literaturgeschichte wird jetzt tun, was ihr Geschäft ist, wird ihn einsortieren neben, unter, über, zwischen Saul Bellow und John Updike, aber sein nächster Nachbar ist

Woody Allen,

auch er ‚Comedian‘, auch er Jude, auch er, wie es sich gehört, strammer Atheist.“

„Wahrscheinlich, ziemlich sicher sogar, war er denen in Stockholm nicht ernst genug, für einen seriösen Autor zu frivol, einfach zu viel Sex. Eine weitere Sünde, die schon

Graham Greene –

noch so ein frommer Atheist – um die Auszeichnung gebracht hat: die Rücksicht auf das Unterhaltungsbedürfnis seiner LeserInnen.“

„Philip Roth und

John Updike

sahen sich nicht als Konkurrenten, sie waren beide Autoren, und Roth konnte es sogar verschmerzen, als der andere eins seiner Bücher verriss. Vom ehemaligen Soldaten Roth bat sich der Ungediente Updike sogar dessen Nummer aus für seinen Roman. Als reife Herren sind sie sogar einmal zusammen als Pullover-Models auf dem Titel von ‚Esquire“ erschienen.“

„Nach ihrer Trennung schilderte sie

(Claire Bloom, W.S.)

ihn als krankhaft geizig, emotionslos, bindungsunfähig und depressiv, mit anderen Worten: als ganz normalen Schriftsteller. Er war sich jedenfalls seines Wertes bewusst. Zur Scheidung schickte er ihr eine Rechnung über zweiundsechzig Milliarden Dollar.“

„Du, ja du, Nobelpreiskomitee, Stockholm, das ist deine Chance. Statt den Preis in diesem Jahr gar nicht zu verleihen, was an sich schon mal als Zerknirschungsgeste nicht schlecht ist, könntest du ihn in einem Akt ausgleichender Gerechtigkeit dem

unvergleichlichen Philip Roth

nachreichen. Doch, das wäre eine schöne Geste. dafür gibt es, wie ein Atheist wie Philip Roth jederzeit bestätigen wird, beim Jüngsten Gericht Strafnachlass.“

 

1995: Philip Roth ist gestorben.

Mittwoch, Mai 23rd, 2018

Mit Philip Roth, geb. 1933, ist einer der großen Schriftsteller der Gegenwart gestorben. Für mich war er der größte. Ihm ging es um die jüdisch-amerikanische Identität und die Selbstbehauptung des Individuums in einer unübersichtlichen Welt. Aber all das unterminierte er durch Satire und Ironie, er spielte mit Fakten und Fiktionen, arbeitete mit Doppelgängern und Alter Egos, die ihm, Philip Roth, als Schriftsteller Briefe schrieben. Unsicherheit ist das Thema Roths. Seine Protagonisten sind meist männlich, jüdisch, Schriftsteller und leben in Newark/New Jersey, wo der Schriftsteller tatsächlich aufgewachsen ist. Robert Alter sagte: „Philip Roth schreibt immer über Philip Roth.“ Philip Roths Alter Ego war Nathan Zuckerman. Er war aber auch der Literaturprofessor David Kepesh, der in die Rolle des Schriftstellers Peter Tarnopol schlüpfte.

Philip Roth hatte 1955 seinen Master of Arts in Englischer Literatur gemacht. Danach war er zwei Jahre bei der Armee. Immer wieder lehrte er Literatur und Creative Writing an US-amerikanischen Universitäten. Mit Literaturpreisen wurde er reich bedacht (ich zähle sie hier nicht auf). Nur den Literaturnobelpreis bekam er bekanntlich nie.

Eine literarische Sensation war 1969 „Portnoys Beschwerden“. Darin schildert Roth den Monolog des Psychotherapiepatienten Alexander Portnoy, der von seinen von Schuldgefühlen gehemmten sexuellen Obsessionen berichtet. Das wurde als autobiografische Enthüllung verstanden. In den Kepesh-Romanen vergleicht der Literaturprofessor David Kepesh sein Schicksal mit dem von Franz Kafkas Gregor Samsa in „Die Verwandlung“. Philip Roth bezog sich in seiner Arbeit sehr stark auf Franz Kafka. Die schärfste Kritik erhielt Roth von orthodox-jüdischer Seite, die ihm jüdischen Selbsthass vorwarf.

Wie viele andere erfuhr Philip Roth eine starke Politisierung durch den Vietnamkrieg. Er schrieb über sich selbst in „Mein Leben als Mann“ und „Mein Leben als Sohn“. Roths literarischer Weg war von mancherlei Krankheiten, Zusammenbrüchen und einer schweren Herzoperation 1989 begleitet. Nach seinem Kurzroman „Nemesis“ (2010) gab Roth bekannt, nun nicht mehr schreiben zu wollen. Das hat er durchgehalten. Roths Beziehungsleben war zeitweise bewegt. Nach der Scheidung von seiner ersten Frau unterzog sich der Schriftsteller einer fünfjährigen Psychoanalyse. Sein Analytiker Hans J. Kleinschmidt veröffentlicht darüber anonymisiert 1967 „The Angry Act: The Role of Aggression in Creativity“. Philip Roth war mit der britischen Schauspielerin Claire Bloom verheiratet. Die Ehe wurde 1994 geschieden, Roth kam in die Psychiatrie. Seine Ex-Frau publizierte 1996 ihre Memoiren unter dem Titel „Leaving a Doll’s House“.

Der US-amerikanische Literaturkritiker Harold Bloom hält „Sabbaths Theater“ (1995) für Roths größten Roman. Er gilt als Bekenntnis des Autors zu seiner amerikanischen Heimat. Der ehemalige Puppenspieler Mickey Sabbath spielt mit Menschen, zumeist Frauen, wie einst mit Marionetten. Der Tod seiner langjährigen geheimen Geliebten stürzt ihn in eine Krise, er erkennt die Sinnlosigkeit des Lebens. Der ständig wiederkehrende Geist seiner Mutter rät Sabbath zum Selbstmord.

In der amerikanischen Trilogie „Amerikanisches Idyll“ (1997), „Mein Mann, der Kommunist“ (1998) und „Der menschliche Makel“ (2000) reflektiert Philip Roth das Leben eines Sportidols, eines Radiostars und eines emeritierten Professors. Eine weites, von Roth aber voll beherrschtes Feld. Alter und Vergänglichkeit schieben sich thematisch in den Vordergrund. Gefolgt von „Verschwörung gegen Amerika“ (2004). Roth hat erkannt: „Juden sind Menschen, die nicht das sind, was Antisemiten über sie sagen.“ Und Mickey Sabbath weiß: „Beleidigen und beleidigen und beleidigen, bis es niemand mehr auf der Erde gibt, der nicht beleidigt ist.“

Roths Spätwerk ist von den vier Kurzromanen „Jedermann“ (2006), „Empörung“ 2008, „Die Demütigung“ (2009) und „Nemesis“ (2010) geprägt. Darin variiert Roth seine Erkenntnis: „Man verzerrt die eigene Biographie, karikiert sie, verbiegt und unterminiert sie, man beutet sie aus.“ In „Exit Ghost“ (2007) trifft Nathan Zuckerman auf eine Schriftstellerin. „‚Und wie gefällt Ihnen Amerika jetzt‘, fragte sie mich, ‚am ersten Tag der Wiederkunft?‘ ‚Der Schmerz wird vergehen‘, antwortete ich.“ (S. 122)

1989: Kafka wollte von einer Bettlerin Wechselgeld.

Montag, Mai 21st, 2018

Viele Fachleute halten Franz Kafka (1883-1924) für den größten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Reiner Stach, 67, hat 18 Jahre an seiner dreibändigen Kafka-Biografie gearbeitet und darf als der beste Kafka-Kenner gelten. Er wird von Harald Freiberger und Verena Mayer in der SZ-Reihe (11.5.18) interviewt, in der „über Geld geredet“ wird.

SZ: Konnte Kafka mit Geld umgehen?

Stach: Er hatte ein paradoxes Verhältnis zum Geld, er war zugleich geizig und großzügig. Er bot einer Frau an, sie zu ernähren, als er sie noch kaum kannte. Wenn er aber das Gefühl hatte, er sei verpflichtet, etwas zu geben, bekam er schlechte Laune. Einmal wollte er von einer Bettlerin Wechselgeld.