Archive for the ‘Literatur’ Category

2096: Menschen leben nicht aus sich selbst heraus.

Mittwoch, August 15th, 2018

Beatrice Durand hat sich 2003 an der Martin-Luther-Universität Halle habilitiert mit einer Arbeit, welche die Experimente und Gedankenexperimente untersucht, in denen Menschen von der Geburt an für sich und von der Gesellschaft isoliert aufwachsen. Ihr Arbeit ist 2005 in Paris plagiiert worden. Der Plagiator wurde von einem Pariser Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt. Beatrice Durand hat ihre Erkenntnisse in einem langen Beitrag für die FAZ (3.8.18) zusammengefasst. Ich kompiliere ihn hier in 18 Punkten.

1. Seit der Geschichte von „Kaspar Hauser“ (1812-1833) (vgl. den Film von Werner Herzog) fragen wir uns, wie Menschen, die isoliert aufwachsen, überleben können.

2. Einschlägige Experimente und vor allem Gedankenexperimente sind zu „wissenschaftlichen Zwecken“ unternommen worden.

3. Der Stauferkaiser Friedrich II. (1192-1250) wollte feststellen lassen, welche „Ursprache“ es gab. Die Kinder im Experiment starben „mangels Liebe und Zuneigung“.

4. Noch der Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786) spielte mit dem Gedanken, ein solches Experiment durchführen zu lassen.

5. In den Gedankenexperimenten wurden aus moralischen Gründen Ursachen für die Isolierung fingiert wie eine Sintflut oder Erdbeben.

6. Auf diese Weise sollte z.B. festgestellt werden, wer zuerst untreu wird, Frauen oder Männer.

7. Die Berliner Akademie stellte 1771 die Frage: „Würden Menschen, wenn sie ihren natürlichen Fähigkeiten überlassen wären, in der Lage sein, die Sprache zu erfinden?“

8. Bei Johann Gottfried Herder 1772 erfindet der „gemächlich und behaglich auf eine einsame Insel“ gesetzte Mensch die Sprache, selbst wenn er blind und stumm ist.

9. Stets wurde betont, dass solche Experimente zum Wohl und Glück der Kinder durchgeführt würden.

10. Bei dem österreichischen Reformpädagogen Theodor Sonnleitner werden die „Höhlenkinder“ (1918-1921) zwar in der Gesellschaft geboren, aber dann durch ein Erdbeben isoliert.

11. Alle wissenschaftlichen Untersuchungen widersprechen den Ergebnissen der Gedankenexperimente.

12. Die Gedankenexperimente dienten dazu, Natur und Kultur im Menschen auseinanderzusortieren.

13. „Bevor die Evolutionstheorie neue Möglichkeiten eröffnete, spielte das Gedankenexperiment so eine wichtige Rolle im Entstehen einer Wissenschaft vom Menschen.“

14. Alle wissenschaftlichen Modelle der Menschwerdung – mit der Ausnahme Rousseaus – gehen von der Natürlichkeit der Kultur aus: „Die Fähigkeit zur Kultur ist in der Natur des Menschen grundsätzlich angelegt.“

15. In der Aufklärung hat die Faszination für die Natur mit dem Fortschrittsgedanken koexistiert.

16. Die Entwicklung der Versuchskinder erscheint als ideale Verwirklichung zweier Grundwerte der Moderne: Rationalismus und Individualismus.

17. Die Fiktionen frühkindlichger Isolierung sind Metaphern der Befreiung von der Last und dem Bindungsgeflecht der Vergangenheit.

18. „Erschreckend ist an dem Gedankenexperiment frühkindlicher Isolierung .. nicht so sehr, dass es etwas durchdenkt, dessen Ausführung in der Wirklichkeit verbrecherisch wäre, sondern die Wut und Anmaßung, mit der es alles Tradierte verwirft und selbst die kognitive Bedeutung von Bindungen ignoriert, um das Ideal eines selbst erschaffenden Subjekts anzupreisen. Heute leistet die Evolutionstheorie das, wofür noch im 18. Jahrhundert das Gedankenexperiment notwendig war, und erst die Postmoderne hat uns davon geheilt, mit diesen Phantasien zu kokettieren.“

2090: DDR-Opferverbände driften nach rechts.

Donnerstag, August 9th, 2018

Der Direktor der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, hat dem ehemaligen DDR-Bürgerrechtler Siegmar Faust bis auf Weiteres verboten, Besucher durch die Stasi-Gedenkstätte zu führen. Grund dafür war ein Artikel Fausts in der „Berliner Zeitung“, in dem er schrieb, „dass die Verbrechen der Nazizeit noch weiter wirken. Aber irgendwann muss das mal ein bissel aufhören. Man darf es nicht übertreiben.“ Der Stiftungsratsvorsitzende der Gedenkstätte, Berlins Kultursenator Lederer, hat Knabes Entscheidung ausdrücklich begrüsst.

Faust ist allerdings eine Legende unter den Stasi-Opfern. Sein Engagement für die Freiheit brachte ihm eine langjährige Haftstrafe in Cottbus ein. Auch durch tagelange Einzelhaft im „Tigerkäfig“ ließ er sich nicht brechen. Nach seinem Freikauf aus der DDR war Faust eine Zeit lang Assistent des Dissidenten und Sängers Wolf Biermann. Faus spricht manchmal die Sprache der Rechtspopulisten: die Medien manipulieren, die Regierenden hören nicht aufs Volk. Überhaupt leben wir angeblich wieder in Verhältnissen, die denen in der DDR nicht fern sind.

Die Rechtsdrift in der DDR-Opferszene gibt es überall. Der Dachverband UOKG zählt fast 40 Mitgliedsvereine, deren Anhänger in die Zehntausende gehen. Dabei ist doch klar, dass ein Teil der DDR-Kritik rechts motiviert war. Die AfD nutzt das für sich. Was sie allerdings als angeblichen „linksliberalen Meinungsterror“ bezeichnet, finden wir in den alten Bundesländern hinein bis in die CDU (Christian Booß; taz 17.7.18).

Christian Booß ist seit 2001 Forschungskoordinator der Stasi-Unterlagenbehörde, außerdem Vorsitzender des Vereins Bürgerkomitee 15. Januar. Kürzlich erschien seine Dissertation über Rechtsanwälte und politische Justiz in der DDR: „Im goldenen Käfig“. Göttingen 2017.

 

2089: „Neue kommentierte Gesamtausgabe“ Paul Celan

Donnerstag, August 9th, 2018

Die Tübinger Privatdozentin Barbara Wiedemann ist früh von der Familie Celan beauftragt worden, den Celan-Nachlass für den deutschsprachigen Raum auszuwerten. Bereits 2003 kam ein erster Kommentarband heraus. Nun ist erschienen:

Paul Celan: Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe. Hrsg. von Barbara Wiedemann. Berlin (Suhrkamp) 2018, 1.261 S., 78 Euro.

Celan ist der am häufigsten interpretierte und am umfassendsten edierte Lyriker des 20. Jahrhunderts. Er hat mit der „Todesfuge“ das berühmteste Gedicht deutscher Sprache im 20. Jahrhundert geschrieben. Vielfach hat man ihn mit diesem Gedicht zum Opfer, Heiligen und Märtyrer gemacht, was Celan meistens nicht gefiel.

Der Dichter ist zum Zankapfel von Wissenschaftsinteressen geworden. Es gibt zwei historisch-kritische Gesamtausgaben. Die Bonner von 1990 und die Tübinger von 1999. In der neuen Gesamtausgabe wird jedes einzelne Gedicht mit Anmerkungen versehen. Jedes nicht sofort durchschaubare Wort wird erklärt. 58 Gedichte sind neu hinzugekommen.

Paul Celan hat mit großer Wahrscheinlichkeit ein Leben (1920-1970) geführt, das 2018 nicht mehr ganz PC ist. Persönliche Erinnerungen und die Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann und Ilana Shmueli sind erschienen. 2010 erschien Das Buch der langjährigen geheimen Geliebten Brigitta Eisenreich. Darin werden Wörter wie „Schuttkahn“ erläutert. Im Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann erscheint etwa das Gedicht „Köln, Am Hof“ als Reflex auf eine ungestüme Liebesnacht bei der zufälligen Wiederbegegnung nach einer langen Trennung. Sogar der alte Peter Rühmkorf, der in den fünfziger Jahren als junger Wilder auftrat, musste sich gegen manche Insinuationen der Herausgeberin wehren. Helmut Böttinger meint, dass der Band trotzdem auf jeden Fall von praktischem Nutzen ist (Helmut Böttinger; SZ 27.7.18).

2082: Eine neue Augstein-Story

Montag, Juli 23rd, 2018

Rudolf Augstein (1923-2002) war als Begründer des „Spiegels“, Haupteigentümer und lebenslänglicher Herausgeber der herausragende Publizist der Bundesrepublik Deutschland etwa bis zur Vereinigung Deutschlands. Legendär sein Kampf gegen Konrad Adenauers Politik der Westintegration und sein Einsatz für die deutsche Einheit, als das linksliberale Milieu diese bereits aufgegeben hatte. Sein Leben ist gut erforscht und dokumentiert:

Ulrich Grewe: Augstein. Ein gewisses Doppelleben. Berlin 1994; Dieter Just: Der Spiegel. Arbeitsweise, Inhalt, Wirkung. Hannover 1967; Dieter Schröder: Rudolf Augstein. München 2004; Peter Merseburger: Rudolf Augstein. Der Mann, der den Spiegel machte. München 2007; Irma Nelles: Der Herausgeber. Erinnerungen an Rudolf Augstein. Berlin 2015.

Als Augsteins Sohn Jakob Augstein 2017 gemeinsam mit Martin Walser „Das Leben wortwörtlich. Ein Gespräch“ (Reinbek bei Hamburg) erscheinen ließ, war dies der Reflex auf die Tatsache, dass Jakob Augstein 2009 bekanntgemacht hatte, dass er der Sohn von Martin Walser und Augsteins dritter Frau, der John Updike-Übersetzerin Maria Carlsson, war. Das hatte seinerzeit im Feuilleton ziemlichen Wirbel verursacht. Der Journalist Jakob Augstein kaufte 2008 die Wochenzeitung „Der Freitag“ und ist seit 2013 Chefredakteur und Kolumnist bei „Spiegel Online“. Manche seiner israelkritischen Kommentare gelten als antisemitisch.

Nun hat Rudolf Augsteins vierte Ehefrau (Augstein war fünf mal verheiratet), Gisela Stelly, eine Filmemacherin, in den „Keitumer Gesprächen“ Anstoß daran genommen, dass Jakob Augstein von Rudolf Augstein zum alleinvertretungsberechtigten Testamentsvollstrecker in der Gesellschafterversammlung des „Spiegels“ ernannt worden war. Sie hält ihn als 1967 Geborenen (vor der Ehe von Rudolf Augstein und Maria Carlsson 1968-1970) für nicht erbberechtigt. Im Spiel sind noch die Augstein-Töchter Maria Sabine (geb. 1949) und Franziska (geb. 1964) und der Sohn Julian (geb. 1973). Im „Stern“ (5.7.18) wird Gisela Stelly, die Mutter von Julian, von den Interviewern Ulrike Posche und Kai Hermann befragt:

Stern: Haben Sie vor, den Fall noch einmal juristisch aufzurollen?

Stelly: Durch meine Recherchen und das kürzlich erschienene Buch von Martin Walser und seinem Sohn Jakob haben sich Aspekte gezeigt, die geklärt werden müssen.

Stern: Und was heißt das für Sie?

Stelly: Ich habe die Schlacht verloren, weil Wahrheit wehtut, und sie gewonnen, weil Wahrheit befreit. Der Wirrwarr könnte sich also auflösen.

Kommentar W.S.: Na, dann mal immer drauf los!

 

2079: Lisa Hallidays „Asymmetrie“

Sonntag, Juli 22nd, 2018

Lisa Hallidays Debütroman trägt Züge eines „Schlüsselromans“ (vgl. hier Nr. 2077).

„Asymmetrie“. München (Hanser) 315 S.; 23 Euro.

Zwei junge Rezensentinnen nehmen das nicht übel, gehen aber kritisch damit um: Sarah Pines in der „Literarischen Welt“ (21.7.18) und Karen Krüger in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“(22.7.18). Halliday hatte seit Anfang des 21. Jahrhunderts eine Affäre mit Philip Roth (1933-2018) („Sabbaths Theater“, „Der menschliche Makel“, „Nemesis“).

Der Roman hat drei Teile. In „Verrücktheit“ geht es um die Beziehung zu Roth, „Wahnsinn“ enthüllt die Gedankenwelt eines irakischen Amerikaners 2008, der Schlussakt ist pure Leichtigkeit. Philip Roth ist im Roman Ezra Blazer.

„Ezra ist gut vierzig Jahre älter als Alice, trotzdem beginnen sie eine Affäre. Die Ähnlichkeit mit Roth ist unverkennbar. Wie Roth ist Blazer preisgekrönt und wird jedes Jahr als heißer Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Wie Roth hat Blazer in der Army gedient, liebt jüdische Witze, leidet unter chronischen Rückenschmerzen, ist Atheist, Baseball-Fan, ein Kontrollfreak und überaus großzügig.“

Als das Manuskript fertig war, schickte Halliday es Roth. Der mochte es. „Ob man nach der Lektüre meint zu wissen, welche Tabletten und Kekse er schluckt oder welche Stellungen beim Sex noch funktionieren, war ihm egal.“

Halliday, 41, die zur Zeit mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter in Mailand lebt, sagt beim Gespräch über das Buch: „Meine Realität ist meine Tochter, Windeln kaufen. Abendessen kochen.“

Karen Krüger: „Nach der Lektüre hat man auf einmal wieder Lust, mal wieder ein Buch von Roth zur Hand zu nehmen. Auf eine gwisse Weise fügt ‚Asymmetrie“ seinem Werk etwas hinzu, das einen manches vielleicht mit anderen Augen lesen lässt. Gut möglich, dass Halliday wollte, dass genau das geschieht. Vielleicht ist es ihre Art, sich endgültig von der jungen Frau von damals zu emanzipieren.“

Sarah Pines: „Lisa Halliday hat ein Buch geschrieben, das uns unser chauvinistisch-voyeuristisches Leseverhalten vorspiegelt, indem sie uns zwingt, es zu vollziehen. Philip Roth hätte diese Ironie geliebt.“

 

2077: „Schlüsselroman“ – entschlüsselt

Sonntag, Juli 22nd, 2018

Erschienen ist

Johannes Franzen: „Indiskrete Fiktionen“. Theorie und Praxis des Schlüsselromans 1960 bis 2015. Göttingen (Wallstein) 2018, 456 S.; 19,90 Euro.

Darüber schreibt Oliver Jungen (FAZ 21.7.18):

„Der Schlüsselroman, diese ob ihrer vermeintlichen Kolportagenähe von der Literaturkritik nach Kräften denunzierte Gattung, welche der Germanist Johannes Franzen hier auch allenfalls maßvoll rehabilitiert, ist selbst die ewig verführerische, ewig hinterlistige, ewig junge Geliebte des Feuilletons. Der evaluative Widerspruch, der dabei deutlich wird, wurzelt tief in der Doppelseelenbrust der Kulturberichterstattung, die sich seit den sechziger Jahren nicht mehr nur als bewahrend hochkulturell, sondern auch als intellektuell subversiv und unterhaltend frech versteht: ‚Einerseits wird über die entsprechenden Ergebnisse ausgiebig berichtet, andererseits werden die Texte ästhetisch und ethisch abgewertet und die entstehenden Skandale als Zeichen eines kulturellen Niedergangs gedeutet.'“

„Eines haben Schlüsselromane, die nicht nur für, sondern häufig auch von Feuilletonisten geschrieben werden, jedenfalls durchaus verdient: ernst genommen zu werden in literaturtheoretischer Hinsicht.“

„Das beinhaltet nicht nur Detailanalysen zu Wertungen, Opfer-Topoi und Verteidigungsstrategien, die an einer Vielzahl von Beispielfällen von

Klaus Rainer Röhls „Die Genossin“ über

Hellmuth Karaseks „Das Magazin“,

Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ bis zu

Maxim Billers „Esra“

durchgeführt werden (Martin Walser, der Rekordhalter, ist übrigens mit gleich vier Schlüsselromanen präsent), …“

„Demnach handelt es sich um einen Schlüsselroman, wenn ein Text (zuallermeist in Prosaform) mit Absicht verschlüsselt wurde und den Lesern etwa durch die Namengebung Hinweise zur Dechiffrierung mitgeliefert werden. Voyeurismus gilt übrigens nicht als Gattungsmerkmal, dafür aber das wortreiche Bestreiten der Intention.“

„Schon die vage Vermutung einer Verschlüsselung hat einen starken Einfluss auf die Rezeption, wie der Autor am Beispiel von Martina Zöllners Debütroman ‚Bleibtreu‘ nachweist: kaum war die These der Verarbeitung einer Affäre mit (wieder!) Martin Walser in der Welt, war eine objektive Rezeption kaum mehr möglich.“

„Hatte Saul Bellow beispielsweise das Recht, in dem leicht zu dechiffrierenden Schlüsselroman ‚Ravelstein‘ posthum die Homosexualität des befreundeten Philosophen Allan Bloom bekanntzumachen?“

„…, denn dieselbe moralische Skepsis schlägt auch Autoren entgegen, die gleich mit offenem Visier Autobiografisches verhandeln wie Max Frisch in ‚Montauk‘.“

„Geradezu idealtypisch zeigt sich das an den aufeinander bezogenen Schlüsselromanen von Wolfgang Hilbig (‚Das Provisorium‘) und Natascha Wodin (‚Nachtgeschwister‘): Die so ihren Beziehungsstreit schonungslos verarbeitenden Autoren haben damit gewissermaßen doch partnerschaftlich eine verrufene Form in große Kunst verwandelt.“

 

2068: Stefan George 150 – der „Meister“ des „geheimen Deutschland“

Freitag, Juli 13th, 2018

Der Lyriker Stefan George (1868-1933) („Komm in den totgesagten park und schau;“, „Die grauen buchen sich die hände reichen“, „Ich bin der bogen, bin der bolz“) wird in der Literaturwissenschaft häufig geschätzt und von der Kritik gelobt (Gustav Seibt, SZ 12.7.18; Jens Bisky, SZ 12.7.18; Steffen Martus, SZ 12.7.18; Volker Breidecker, SZ 12.7.18). Manchmal wird er in einem Atemzug mit Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) und Rainer Maria Rilke (1875-1926) genannt, also mit Größen der deutschen Lyrik. In der „Welt“ feierte Tilman Krause 2012 noch den „Geist der Freundschaft und der Vermittlung spiritueller Werte“, der im „Kreise Stefan Georges“ geherrscht habe. Und nicht zuletzt war es die Tatsache, dass der Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944, Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-1944), genau wie sein Bruder Berthold zum Kreis um den „Meister“ George (dem „geheimen Deutschland“) gehört hatte. Da erschien es so, als habe Georges Ideologie den Widerstandsgeist befördert. Das stimmt wohl nicht.

Der in Bingen geborene George führte das Leben eines Außenseiters, ungesichert, ohne Brotberuf, ohne festen Wohnsitz, viel auf Reisen. Er war ein Gegner der demokratischen Moderne. Er hat die Massen verworfen, die Geschäfte und die Geschäftigkeit, die großen Städte und die Presse, die Zerstreuung, den Fortschritt. Typisch für seinen Kreis war das „Raunen“, das kunstvoll gefeiert wurde, unklare Aussagen, die tatsächlich vieles offen ließen. Einer der Gründe dafür war anscheinend der § 175 StGB, der den Homosexuellen Stefan George und die Schwulen in seinem Kreis permanent bedrohte.

Der Direktor des Literaturarchivs in Marbach, Ulrich Raulff, geb. 1950, der 2009 bei C.H. Beck das Buch „Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben“ herausbrachte, sagt:

„Es gibt gute Gründe zu der Annahme, dass Stefan George ein praktizierender Homosexueller und Päderast war.“

„Anfang der dreißiger Jahre war er ein alter Schwuler mit schweren gesundheitlichen Problemen und Angst vor der Einsamkeit. Er fand die Nazis zum Kotzen, ordinär, weit unter seiner Spielklasse, aber seine Jungs drohten überzulaufen oder waren es bereits, weshalb er viel mehr tolerierte, als ihm selber geheuer war. Vieles von dem Geheimnis, mit dem er sich umgab, diente der Tarnung vor dem Paragraphen 175.“ Es ging um die Verheimlichung eines kriminellen Systems.

Dies wurde virulent, als 2010 die Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule (der Hochburg der Reformpädagogik) bekannt wurden, wo zwischen 1960 und 1990 mehr als hundert Kinder, meistens Jungen, zum Opfer wurden. Täter waren der Schulleiter Gerold Becker und 15 weitere Lehrer. An der Schule herrschte der „pädagogische Eros“ Stefan Georgeschen Geistes. So wie Stefan George und seine Jünger die Jungs, die ihnen gefielen, in Heidelberg auf der Straße angesprochen hatten oder zur Fahndung nach „Süßschaften“ auch an die Odenwaldschule gegangen waren.

Der Autor der wichtigsten George-Biografie („Stefan George. Die Entdeckung des Charisma“ 2007), Thomas Karlauf, geb. 1955, sagte 2010 in der FAS: „Wenn Sie George als denjenigen identifizieren, der das Urbild Meister-Schüler-Beziehung im 20. Jahrhundert neu etabliert hat, inklusive sexueller Handlungen, dann ist Ihre Vermutung richtig. Es handelt sich durchaus um eine Ableitung, die für die einzelnen Opfer schreckliche Folgen gehabt hat. Einem solchen Opfer sollte man heute keine George-Gedichte mehr vorlesen.“

Thomas Karlauf hatte nach dem Abitur 1974 zehn Jahre in dem vom Deutschen Wolfgang Frommel betriebenen George-Kreis „Castrum Peregrini“ in Amsterdam gelebt, wo die gleiche Geheimnistuerei und Verschwiegenheit herrschte wie in Georges (gestorben 1933) Kreisen selbst. Dieser Bund diente dem Geist Georges, obwohl Wolfgang Frommel Stefan George nie kennengelernt hatte (was wiederum verschwiegen wurde). Karlauf verglich die Ablösung von diesem Kreis mit dem Ausstieg aus einer Sekte. Es habe dort viele gegeben, die damit nicht zurande gekommen seien. Das waren die „Verschollenen und Gescheiterten“, über die man wenig wisse. Wolfgang Frommel war ein Schwuler, der aber auch mit Frauen schlief, wie jetzt bekannt geworden ist (durch Christiane Kuby).

In seinem Kreis in Amsterdam ist es nachgewiesenermaßen zu sexuellem Missbrauch wieder überwiegend von Jungen (bzw. jungen Männern) gekommen. Das berichtet Nanne Dekking, dessen Mann, Frank Ligtvoet, ebenfalls seit 1974 im „Castrum Peregrini“ lebte. Die beiden Männer hatten sich verliebt, weshalb auch Dekking in das Haus in Amsterdam zog. „Ich musste mit meinem Erzieher also Gedichte lesen, aber es ging überhaupt nicht um Gedichte. Er fing sofort an, mich anzufassen und mir zu sagen, wie unglaublich ich sei. Er war wie besessen davon, an sein Ziel zu kommen. Als ich initiiert wurde, war ich 22, da hatten wir Sex. Und ich frage mich bis heute, warum ich ihn nicht rausgeschmissen oder ihm in die Eier getreten habe. Habe ich nicht. Ich ließ es geschehen. Von dem Moment an war klar, dass ich da nicht mehr mitmachen wollte.“

Thomas Karlauf hat beschrieben, dass der George-Band „Stern des Bundes“ zentral für das System Frommel war. Das „war der ungeheuerliche Versuch, die Päderastie mit pädagogischem Eifer zur höchsten geistigen Daseinsform zu erklären.“ Initiiert wurden im Kreise Wolfgang Frommels auch nicht-homosexuelle junge Männer. „Ich stand auf Mädchen und wollte das nicht, andererseits wollte ich dazugehören und dachte, wenn mein Vater das will, dann sollte ich es tun.“ Eltern als Mitwisser kamen in diesem System häufig vor. Eine besonders verachtungswürdige Tatsache. Thomas Karlauf schreibt dazu: „Missbrauch ist die eine Viertelstunde in Ihrem Leben, in der sie entscheiden müssen, ob sie dazugehören wollen oder nicht, ob Sie gehen oder ob Sie bleiben. Und in der Sie auf Grund des Machtgefälles nicht in der Lage sind, eigenverantwortlich zu handeln.“

Als Stefan George 1923 Claus und Berthold von Stauffenberg kennenlernte, war die zunächst besorgte Mutter nach Heidelberg gefahren und hatte lange mit ihm gesprochen. „George muss auf die Gräfin einen solchen Eindruck gemacht haben, dass sie sich sagte: Wenn meine Jungs mit diesem Mann Umgang haben, ist das eine gute Sache.“

(Julia Encke, FAS 13.5.18; Alexander Cammann; Die Zeit 17.5.18; Adam Soboczynski; Die Zeit 17.5.18; Mara Delius, Interview mit Melchior Frommel, Literarische Welt 19.5.18; Thomas Karlauf, Die Zeit 12.7.18)

2062: von Trotta: Dokumentarfilm über Ingmar Bergman

Dienstag, Juli 10th, 2018

Am 12. Juli 2018 kommt Margarethe von Trottas Dokumentarfilm

„Auf der Suche nach Ingmar Bergman“

in die Kinos. Wir dürfen gespannt sein, wie die bekannte und erfolgreiche deutsche Schauspielerin und Regisseurin, geb. 1942, („Die bleierne Zeit“ 1981, „Rosa Luxemburg“ 1986, „Jahrestage“ nach Uwe Johnson 2000, Hannah Arendt“ 2012) ihr Vorbild Ingmar Bergman porträtiert.

Der große schwedische Regisseur Ingmar Bergman (1918-2007) kann als der autobiografisch arbeitende, erzprotestantische Seelensucher gelten, der die Themen Gott, Tod, Einsamkeit und Liebe problembewusst und virtuos inszenierte („Sehnsucht der Frauen“ 1952, „Die Zeit mit Monika“ 1953, „Abend der Gaukler“ 1953, „Das siebente Siegel“ 1957, „Wilde Erdbeeren“ 1957, „Die Jungfrauenquelle“ 1959, „Das Schweigen“ 1963, „Persona“ 1966, „Szenen einer Ehe“ 1973, „Von Angesicht zu Angesicht“ 1976, „Herbstsonate“ 1978. „Fanny und Alexander“ 1982). Ich hätte die größte Lust, hier noch viel mehr über Bergman zu schreiben. Er war das große Vorbild für Woody Allen, geb. 1935. Wie Bergman bei neun Kindern von sechs Frauen in der „Me too“-Debatte „abgeschnitten“ hätte, muss hier offen bleiben.

Margarethe von Trotta ist von Katja Nicodemus und Adam Soboczynski für „Die Zeit“ (28.6.18) interviewt worden:

Zeit: Glauben Sie, dass eine Überfigur wie Ingmar Bergman heute noch denkbar ist?

Trotta: Diese quasireligiöse Verehrung und Ikonisierung ist, glaube ich, Vergangenheit. Heute fühlt man sich einem Künstler nicht mehr so überschwänglich verpflichtet.

Zeit: Bergman nahm Ihren Film „Die bleierne Zeit“ in die Liste seiner Lieblingsfilme auf.

Trotta: Als wir einmal gemeinsam in einer Jury waren, erzählte er mir, dass er „Die bleierne Zeit“ gesehen habe, als er in einer schweren Krise steckte. Danach habe er wieder den Mut gefasst, Filme zu machen, und drehte „Fanny und Alexander“. …

2059: Thomas Glavinic: Über den Holocaust in der Literatur

Sonntag, Juli 8th, 2018

Der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic, geb. 1972, schreibt in der „Literarischen Welt“ (7.7.18) über den vor vierzehn Tagen dort erschienenen großen Essay über Literatur von

Maxim Biller.

Auch Glavinic unterstellt Biller die Sehnsucht, irgendwo dazugehören zu wollen. Er schreibt dann: „Biller hat über viele Jahre hinweg die Realitätsferne, Phantasielosigkeit und Streberhaftigkeit der deutschsprachigen Literatur kritisiert, deren Verfasser außer Seminarräumen nicht viel von der Wirklichkeit gesehen hätten. Sein Vorwurf an die deutschsprachige Literatur, sie sei geschichtsvergessen bzw. auf unproduktive Weise besessen von der deutschen Schuld (‚ schuldlos Schuldige‘, Selbstinszenierung als Opfer der Geschichte) ist massiv, aber nicht aus der Luft gegriffen.“

Gegen die Wortführer der Gruppe 47 tritt auch Glavinic nochmals nach (das ist ein bisschen billig, W.S.): „überschätzte, skrupellose Karrieristen, poesiearme Blender und künstlerische Feiglinge.“

Und dann kommt sein Fazit: „Für eine gewisse Elite in Deutschland ist der Holocaust ein Thema, das niemals an Aktualität verlieren wird. Für die Menschen in der Mitte der Gesellschaft ist er bloß lästig.“

2051: Zaimoglu: Offensive für die deutsche Sprache

Sonntag, Juli 1st, 2018

Feridun Zaimoglu hält in diesem Jahr die Eröffnungsrede zum Ingeborg-Bachmann-Preis. „Ich werde in Klagenfurt eine harte Rede halten wider die Rechten und wider die Journalisten, die um diese Rechten scharwenzeln.“ Richard Kämmerlings (Literarische Welt 30.6.18) hat Zaimoglu interviewt.

Literarische Welt: Jetzt wird viel darüber geredet, wie man Menschen davon abhält nach Europa und nach Deutschland zu kommen. Die, wie mir scheint, eigentlich brennendere Frage ist aber, was tun mit denen, die schon da sind. Was wäre Feridun Zaimoglus Masterplan für Integration?

Zaimoglu: Ich mag das Wort nicht, weil es mir zu wenig ist. Integration ist ein Fremdwort. Und wie jedes Fremdwort klingt es wie ein Begriff aus der Arbeitswelt. Hier geht es aber um mehr, um das Leben, um die Veränderung der Lebenswelt. Was wir brauchen, ist eine

große Offensive für die deutsche Sprache.

Ich erinnere mich an eine dieser öden Debatten, die sich an diesem Berliner Schuldirektor entzündete, der, Gott segne ihn, beschlossen hatte, dass auf seinem Pausenhof Deutsch gesprochen werden soll. Was war die Folge? Er wurde attackiert als einer, der die Zwangsgermanisierung vorantreibt. Von einer Multikulti-Industrie sogenannter Betreuer, die ein falsches Bild von Deutschland vermitteln. Die eher den Hass auf Deutschland, auf die deutsche Mehrheitsgesellschaft vermitteln, als zu versuchen, Menschen in die deutschen Lebenswelten einzuführen.