Archive for the ‘Literatur’ Category

2148: Und Peter Handke

Montag, Oktober 8th, 2018

„Auf die Frage, warum er eigentlich nie über Sex geschrieben habe, hat Peter Handke neulich im ‚Freitag‘ geantwortet: ‚Ich will das nicht, das widert mich an. Ich finde, da erniedrigt man die Zuschauer und die Darsteller. Ich finde das verboten. Wenn ich ein Diktator wäre, würde ich das sofort verbieten.‘ Es gibt eine ganze Reihe von Schriftstellern, die über Sex nicht schreiben. Bei Daniel Kehlmann haben wir keine Sexszene gefunden. Bei Rainald Goetz auch nicht wirklich.“ ((Julia Encke, FAS 7.10.18)

2147: Maxim Biller über Sex in der Literatur

Montag, Oktober 8th, 2018

„Erstens: Jeder Schriftsteller, der sehr viel und sehr gern über Sex schreibt, hat entweder zu viel Sex oder zu wenig.

Zweitens: Jeder Schriftsteller, der gar nicht über Sex schreibt oder nur in sehr vagen, verklemmten Andeutungen, mag Sex nicht besonders, egal ob er zu viel davon hat oder zu wenig.

Drittens: Jeder Kritiker, der ein Problem mit Sex in der Literatur hat, hat garantiert noch viele andere, sehr viel größere Probleme.

Und darum viertens: Gute – und schlechte – Sexstellen gehören zu Romanen und Erzählungen genauso wie gute – und schlechte – Naturschilderungen oder Dialoge, und dass immer wieder Rezensenten, Literaturwissenschaftler und oft sogar Autoren selbst sich auf kleinere und größere Kreuzzüge gegen das direkte, obszöne, pornographische Schreiben begeben, ist einer der wichtigsten Gründe, warum man damit niemals aufhören sollte. …

Denn fünftens: Wer den Sex in der Literatur verbieten will, würde am liebsten die ganze Literatur verbieten.“ (FAS 7.10.18)

2146: Könnte „Lolita“ heute noch so erscheinen?

Montag, Oktober 8th, 2018

1. Angesichts des ersten Jahrestags der #MeToo-Debatte widmet die FAS ihr Feuilleton dem Schreiben über Sex (FAS 7.10.18).

2. Vor einigen Wochen hatte die österreichische Schriftstellerin Eva Menasse beklagt, dass die Freiheit der Kunst heute kleiner sei als noch vor wenigen Jahren.

3. Menasse: „Heute wäre so gut wie undenkbar, dass Nabokovs ‚Lolita‘ veröffentlicht werden könnte, eines der großartigsten Kunstwerke der Literatur, obwohl und weil es um einen detailliert beschriebenen Kindesmissbrauch geht. … Die eigenen Leute, das eigene Lager, an ihrer Spitze die ganz Jungen, verlieren ihre Liberalität, die Offenheit und Neugier und vor allem den Humor, den wir den Rechten früher voraushatten. Sie geben das auf zugunsten von Forderungen nach literarischer Säuberung, von Denk- und Redeverboten, die aus falsch verstandener, aus auf die Spitze getriebener Rücksichtsnahme entstanden sind.“

4. Wie Tobias Rüther zeigt (FAS 7.10.18), macht „Lolita“ (1958 bei Putnam publiziert) gerade sichtbar, wie Machtverhältnisse sexuell ausgenutzt werden können.

5. Der Plot: ein pädophiler französischer Lehrer in Amerika, der eines Tages, durch Zufall, die zwölfjährige Dolores und deren Mutter kennenlernt, ins Haus der Familie Haze einzieht und die Mutter heiratet, um der Tochter nahe zu sein. Die Mutter entdeckt die pädophilen Neigungen ihres Mannes für ihre Tochter, stürzt aus dem Haus und läuft vor ein Auto. Humbert, verwitwet, nimmt das Mädchen, das gerade im Sommerlager ist, mit auf einen Roadtrip quer durch die Vereinigten Staaten, von Hotel zu Motel. Irgendwann ist er am Ziel, hat Sex mit dem Mädchen, Tag für Tag und so oft er will, er bezahlt sie auch dafür. Die Reise endet nach einem Jahr in Beardsley, wo Dolores kurz zur Schule geht. Die beiden brechen bald erneut auf, Richtung Westen, irgendwann wird Dolores krank, muss ins Spital, verschwindet von dort. Humbert, aufgelöst, verzweifelt, sucht und sucht und findet sie schließlich, drei jahre später. Da ist Dolores verheiratet und schwanger. Die beiden nehmen Abschied voneinander – und Humbert reist weiter und erschießt den Mann, zu dem Dolores gezogen war, nachdem sie aus dem Krankenhaus abgehauen war. Er wird von der Verkehrspolizei festgenommen, schreibt in der Haft jenen Text, aus dem ‚Lolita‘, der Roman, gemacht ist. Sein Arzt bringt ihn posthum heraus. Denn Humbert stirbt am Ende, genau wie Dolores, die er Lolita nannte. Humberts wahren Namen erfährt man nie.

6. „‚Lolita‘ ist das Psychogramm eines Täters, und das erzählerische Risiko, das Nabokov eingegangen ist, indem er die Tat von innen her zu beschreiben versucht, spürt man noch immer.“

7. „Was das Publikum von Dolores weiß, weiß es nur von ihm. Wenn es bei #MeToo darum geht, die Opfer zu Wort kommen zu lassen, dann ist ‚Lolita‘ das komplette Gegenteil davon, und mehr noch: Der Täter schildert auch sein Opfer und entrechtet es damit ein weiteres Mal.“

8. „Humbert … ist jederzeit im Vollbesitz dieser Erzählung. Sosehr er auch leidet, sosehr er sich selbst, in seiner Raserei und Verzweiflung und Geilheit, auch verachtet und diese Verachtung mit der Verachtung anderer, kleinerer Geister verbrämt: Er entscheidet, was er preisgibt. Eigentlich wissen wir gar nicht, was wirklich geschah, wir wissen nur, was Humbert uns zu wissen gegeben hat. ‚Lolita‘ ist ein Meisterwerk der Machtverhältnisse – auch der über seine Leserinnen und Leser.“

9. Zitat: „Wie süß war es, ihr den Kaffee zu bringen und ihn ihr dann zu verweigern, bis sie ihre Morgenpflicht erfüllt hatte.“

10. Die Tochter des Verlegers Walter Minton, Jenny, meint, dass es damals eine radikale Tat gewesen sei, das Buch zu drucken, und heute wäre es das immer noch.

2136: Paul Virilio ist tot.

Samstag, September 22nd, 2018

Der 1932 geborene Paul Virilio war der Begründer der von ihm selbst erfundenen Wissenschaft von der Geschwindigkeit, der Dromologie. Der gelernte Stadtplaner publizierte 1977 „Geschwindigkeit und Politik“. In dem 1991 erschienenen

„Krieg und Fernsehen“

vertrat er die These, dass die Kriegsbilder dem Geschehen vorauseilten und es vorausbestimmten, wie es sich ereignen würde. Nicht alle verstanden Paul Virilio. Er war zugleich der Herold und der Warner vor der technophilen Moderne.

„Er kreiste mit Anmerkungen zur Relativitätstheorie, zum virtuell gewordenen Stadtraum, zum nicht mehr mit dem Auge, sondern direkt mental wahrgenommenen Bild bis zur ‚Ästhetik des Verschwindens‘ immer weiter und versprühte Funken, von denen manche wieder erloschen sind.“ Als Direktor der Pariser „École spéciale d’architecture“ hat Virilio Generationen von Architekten vorbei an den konventionellen Unterrichtsprogrammen auf neue Wege geschickt, die Bauen, Denken und Spekulieren eng miteinander verbinden. Nun  ist Paul Virilio gestorben (Joseph Hanimann, SZ 19.9.18).

2134: Ulrich Schacht gestorben

Freitag, September 21st, 2018

Geboren wurde Ulrich Schacht 1951 im Frauengefängnis Hoheneck in der DDR, wo seine Mutter wegen „Verleitung zum Landesverrat und zur Spionage“ einsaß. Seine Herkunft hat ULrich Schacht in dem Roman „Vereister Sommer“ (2011) verarbeitet. Lange Jahre hatte er nach seinem Vater gesucht, einem sowjetischen Offizier. Schacht studierte Theologie in Rostock und Erfurt und wurde 1973 wegen „staatsfeindlicher Hetze“ verurteilt. 1976 kaufte die Bundesrepublik ihn frei. Hier studierte er weiter, u.a. Philosophie.

Danach arbeitete er als Journalist bei der „Welt“ und der „Welt am Sonntag“. Kurz vor dem Fall der Mauer erschien sein Erzählungsband „Brandenburgische Konzerte“. Auch nach der Vereinigung Deutschlands widmete sich Schacht den Inhaftierten, Verhörten und Freigekauften der DDR, gegen die er weiter kämpfte. Er bekämpfte aber auch das linksliberale Milieu der alten Bundesrepublik. 1994 gab er mit Heimo Schwilk den Band „Die selbstbewusste Nation“ heraus, in dem er seinen Ton gegenüber der „innerlich und äußerlich verwahrlosten Gestalt des gegenwärtigen deutschen Nationalstaats“ verschärfte.

Ulrich Schacht war ein durch und durch glaubwürdiger Konservativer. Jetzt ist er in seinem Haus in Schweden gestorben (LMUE, SZ 19.9.18).

2122: Die Freiheit der Kunst ist bedroht.

Montag, September 10th, 2018

2017 wurde das New Yorker Metropolitan Museum in einer Pettition aufgefordert, das Gemälde „Träumende Thérèse“ von Balthus abzuhängen (vgl. hier die Nummern 1813, 1855, 1866,1899). Darauf ist ein sehr junges Mädchen sexuell aufreizend zu sehen. Nun ist das 1938 gemalte Bild Teil der Balthus-Retrospektive in Basel. Wie kann es zu diesen verschiedenen Wahrnehmungen kommen?

„Das hat mit veränderten Sehgewohnheiten in Zeiten der Digitalisierung zu tun. Seit es Tablets und soziale Medien gibt, werden Kunstwerke, Werbung, Pornos, Privatfotos auf denselben Bildschirmen angeschaut, auf die gleiche Weise wahrgenommen. Warum sollte man für die Kunst dann aber andere Maßstäbe gelten lassen als im täglichen Leben, sollte ihr die Freiheit der Fantasie lassen? Nein, auch hier greift in den Augen mancher Betrachter die ‚Me Too‘-Debatte, die Museen nun sogar eine Vorbildfunktion abverlangt. Im Fall von Balthus gab es Stimmen, die sagten, Kunst sei immer nur ein Privileg weniger gewesen, die damit ihre Sicht der Welt für sakrosankt erklärt und zum Nachteil anderer durchgesetzt hätten.“ (Wolfgang Ullrich, SZ 8./9.18)

Hanno Rauterberg hat darüber ausführlich geschrieben (Die Zeit, 9.8.18). Er berichtet davon, dass Museumsdirektoren bald davor zurückschrecken könnten, „schwierige Werke“ zu erwerben. Marion Ackermann, die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, meint: „Es gibt Tendenzen zur Prüderie und Rückschritte in der Emanzipation. In diesen Entwicklungen zeigt sich, dass wir in einer Welt der Verbote und Tabuisierungen leben.“

Rauterberg: „Kunst war Aufbruch, Aufbruch war Befreiung, und so hatte die Kunst notwendig schrankenlos zu sein. Dieser Glaubenssatz trug die meisten Künstler der Moderne und rechtfertigt bis in die Gegenwart hinein, dass Museen errichtet, Hochschulen betrieben, Preise ausgelobt werden.“

„Wenn die Freiheit der Kunst bedroht war, dann zumeist von klerikalen Kreisen, die blasphemische Äußerungen unterbinden wollten, oder von konservativen Parteien, die gegen alles Unsittliche und Unzüchtige protestierten. Dieser Protest trat im Namen der Mehrheit auf, im Namen der Gesellschaft, und damit waren die Fronten klar gezogen. Nun aber sind es nicht Staat und Obrigkeit, die der Kunst strengere Grenzen setzen wollen. Es sind Kräfte, die sich selbst oft als links und progressiv begreifen und über Jahrzehnte für die Liberalisierung der Künste eingetreten waren.“

„Die neue Mittelklasse, für Vegetarismus und Veganismus besonders empfänglich, ist ebenso gegen Tierversuche und jedwede Einschränkung von Tierrechten. Den Kunstrechten steht sie jedoch im Zweifelsfall skeptisch gegenüber. Wichtiger als der Schutz des künstlerischen Werks ist der Schutz des Publikums vor den Zumutungen des Künstlers.“

„Verstehen lässt sich die Krise der Kunst vor allem als Krise des Liberalismus. Schließlich verdankt sich die freie Kunst ursprünglich einer liberalen Geisteshaltung. Es war die Kunst, die dem Individuum eine größtmögliche Autonomie zugestand, damit sie sich selbst und womöglich eine höhere Wahrheit finde und auf diese Weise die Gesellschaft zu eigener Freisinnigkeit anregen könne.“

„Nicht die Fixierung auf feste Identitäten war die Bestimmung dieser liberalen Kunst, vielmehr zog sie alle und alles hinein in ein Spiel befreiender, universell gemeinter Wandelbarkeit.“

„Doch längst haben sich diese Verheißungen diskreditiert, weil sich der Liberalismus diskreditiert hat. Er sei ‚gescheitert, weil er gesiegt hat‘, schreibt der Politologe Patrick Deneen in einer jüngst erschienen Studie. Je erfolgreicher der Liberalismus wurde, desto stärker habe er seine ‚inneren Selbstwidersprüche‘ offenbart. Eine politische Philosophie, die aufgebrochen war, für größere Gleichheit zu sorgen, ein pluralistisches Gewebe verschiedener Kulturen und Überzeugungen zu verteidigen, die mesnchliche Würde zu schützen und die Freiheit zu erweitern, habe in Wahrheit zu ‚titanischer Ungleichheit‘ geführt, ‚zu materiellem und geistigem Verfall‘ und einer Unterhöhlung der Freiheit.“

Siehe: Hanno Rauterberg: Wie frei ist die Kunst? Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus. Berlin (Suhrkamp) 2018, 141 S., 14 Euro.

2103: Joseph Roth 1926 aus Paris an Benno Reifenberg

Sonntag, August 26th, 2018

Als Joseph Roth 1926 als Paris-Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“ von Friedrich Sieburg abgelöst wurde, schrieb er bitterböse Briefe an den Feuilletonchef des Blattes, Benno Reifenberg. Das ist zu lesen in dem von Jan Bürger herausgegebenen Band

„Pariser Nächte“. München (C.H. Beck) 2018, 144 S., 16 Euro.

Da heißt es u.a.:

„Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass sich in Paris eine Clique bilden wird bestehend aus Frau Helen Hessel, Klaus Mann, Friedrich Sieburg, Dr. Benjamin, derselbe, der Ihnen die blödsinnigen Aphorismen geschrieben hat. Die werden Feuilletons durch Sieburg hinschicken.

Ich mache Sie dafür verantwortlich, weil ich, für den Fall, dass ich bleibe und der Verlag meine Bedingungen erfüllt, Paris noch nicht aufgegeben habe – für später. Ich möchte nicht plötzlich noch einen impotenten Kulturjuden mit Aphorismen haben.

Dr. Benjamin ist zwar Krac(cauer)s Liebling, aber ein schlechter Journalist und ein träger Jud. Krac, der liebe, gute Krac, überschätzt leicht die Abstrakten. Die fürchterlichsten Kerle.

Ich war entsetzt über Diebold’s Bericht über Klaus Mann.

Wir können dem Scheißbengel keine Reklame machen. Nur das ‚Weltblatt‘ die ‚F.Z.‘ fällt noch auf so was herein. Es hat auch den besten Kritiker und Literaturkenner.“ (FAS 26.8.18)

2102: Peter Handkes Feinde: Joschka Fischer, Marcel Reich-Ranicki, Daniel Cohn-Bendit

Sonntag, August 26th, 2018

Der „Freitag“ hat am 23. August Peter Handke interviewt („Ich habe keine Schublade“). Darin kommt zur Sprache, dass Handke in den neunziger Jahren „sehr hart“ für seine Berichte aus Serbien angegangen worden sei.

„Ja, das ist immer der Mechanismus. Man hat mich sogar mit Céline verglichen“, antwortete Peter Handke. War dieser Vergleich für ihn schlimm? „Joschka Fischer ist mir viel widerlicher als Céline.“ Warum Joschka Fischer?, fragten die Journalisten. Und dann holte Handke zu einer seiner Tiraden aus: „Joschka Fischer und Marcel Reich-Ranicki sind die schlimmsten Typen der Nachkriegszeit in Deutschland. Und Daniel Cohn-Bendit, das können Sie aufschreiben. Fischer hat überhaupt keine Ahnung von nichts. Essen vielleicht.“ (FAS 26.8.18)

W.S.: Anscheinend will der Schriftsteller hier nochmals unter Beweis stellen, dass er politisch nicht ganz bei Trost ist.

2100: Christoph Hein erklärt uns die Ossis und die Russen.

Freitag, August 24th, 2018

Der ostdeutsche Erfolgsschriftsteller Christoph Hein (geb. 1944) („Der fremde Freund“ 1982, „Horns Ende“ 1985, „Willenbrock“ 2000, „Verwirrnis“ 2018), der auch als Dramatiker reüssiert und vor 1989 in westdeutschen Verlagen präsent war, gilt als Ossi-Versteher und unabhängiger Kritiker des Westens. Er lebt in Havelberg bei Berlin. Von ihm dürfen wir eigenständige Beurteilungen der Lage in Europa erwarten. Felix Stephan hat ihn für die SZ (24.8.18) interviewt. Ich bringe hier nur Auszüge aus den Antworten Christoph Heins:

„Auch der Antisemitismus ist 1945 nicht einfach verschwunden. Wie auch? Er hat nur länger als in anderen europäischen Ländern den Mund gehalten. Dass das jetzt alles wieder hochkommt, überrascht mich nicht. In meinem zweiten Roman ‚Horns Ende‘ aus dem Jahr 1985 ging es auch schon um diese Kontinuität. Dass ich da keinen Bruch gesehen habe, hat mir damals viel Ärger eingebracht. Aber wie sollte es anders sein? Es war ja die gleiche Bevölkerung.“

„Wir hatten 1968 den Prager Frühling, das hat das West-68 vollkommen überlagert. … Im Osten aber diskutierten damals alle die Frage, ob sich unsere Armee an der Niederschlagung des Aufstands in Prag beteiligte. Viele hatten die Truppenbewegungen Richtung Süden mit eigenen Augen gesehen. Aber der damalige sowjetische Staatschef Breschnew hat die Deutschen im letzten Moment gestoppt, sie mussten im Thüringer Wald halten. Man wollte keine deutschen Soldaten in Prag. Da hatte Breschnew mehr politisches Gespür als Walter Ulbricht, der unbedingt dabei sein wollte.“

„Später benutzte Barack Obama die dämliche Formulierung von der ‚Regionalmacht‘. Das führt eben dazu, dass 90 Prozent der Russen Putin heute verehren wie einst Väterchen Stalin, weil er etwas von dem zurückbringt, was sie gestern noch waren. … Wenn ich hier wissen will, ob es mir gut geht, schaue ich auf mein Konto. Da sehe ich: Diesen Monat geht es mir gut, nächsten wird es mir vielleicht nicht so gut gehen. Aber ich schaue doch nicht auf Deutschland. Die Russen haben das Bild des ‚heiligen großen Russlands‘, des Väterchens Russland, des ‚mit Blut getränkten russischen Bodens‘. Deshalb haben sie natürlich auch überhaupt kein Problem damit, die Krim zu annektieren. Das ist heiliger russischer Boden, ganz gleich, ob Nikita Chruschtschow das irgendwann irgendwem geschenkt hat. Die Krimtataren, die Kiewer Rus, das ist der Ursprung Russlands, das liegt alles dort. Deshalb verstehen sie auch gar nicht, was die Welt ihnen jetzt vorwirft.“

2099: Klaus Wildenhahn tot

Mittwoch, August 22nd, 2018

Der größte deutsche Dokumentarfilmer Klaus Wildenhahn ist tot. Im Alter von 88 Jahren starb er in Hamburg. Weil Wildenhahn auch als Lehrer (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, dffb, 1968-1972) und Buchautor größte Verdienste hatte, dürfen wir ihn als den größten Kenner des Dokumentarismus betrachten. In seinem Buch

„Über synthetischen und dokumentarischen Film. Zwölf Lesestunden.“ Berlin 1973, 231 S.,

explizierte er seine Begriffe von

synthetischem, poetischem und dokumentarischem Film.

„Objektivität hat seit Beginn der dokumentarischen Filmarbeit nie existiert. Jeder nennenswerte Dokumentarist ergreift Partei in seinem Produkt, durch sein Produkt“ (S. 71). Auch wenn die Konstruktivisten unter den Filmemachern wie Peter Krieg („Septemberweizen“) dies später weiterentwickelt haben, hat Klaus Wildenhahn die Grundlagen für das heute noch gültige Verständnis von Objektivität im Dokumentarismus gelegt. Er wäre heute ein klassischer Gegner der Rechtspopulisten.

Wildenhahn hatte sich an den Klassikern des Dokumentarismus Robert Flaherty („The Men of Aran“), John Grierson („Drifters“), Joris Ivens („Borinage“), Dsiga Vertov („Der Mann mit der Kamera“) und Jerzy Bossak („Requiem für 500.000“) geschult, den wir 1981 bei den polnischen Filmtagen in Göttingen hatten. Als Austauschstudent der FU Berlin (Soziologie, Politologie, Publizistik) in den USA hatte Wildenhahn dort sein Studium abgebrochen und in London einen Dokumentarfilm-Veteranen, Richard Leacock („Happy Mother’s Day“), kennengelernt. Der prägte ihn wie ähnlich die beiden US-Amerikaner Don Allan Pennbaker und Albert Maysles („Direct Cinema“). Ende der fünfziger Jahre war die bewegliche Kamera einsatzbereit, die den Dokumentarismus radikal veränderte. Die Filme wurden schneller und spontaner, was bei Wildenhahn nicht hieß, dass sie ohne eine seriöse Recherche und lange Anwesenheit „vor Ort“ möglich gewesen wären. Eine Rolle dabei spielte Henry David Thoreaus Buch „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“. Anregungen hat sich Wildenhahn auch bei dem Schriftsteller Martin Walser (damals noch ein Linker), dem Psychoanalytiker Erik H. Erikson und dem Autor Günter Wallraff geholt.

Wildenhahn war politisch ein Linker, woraus er nie einen Hehl machte, benahm sich aber nie dogmatisch oder fanatisch, was ihn so einflussreich machte und seine Filme so wirksam. Entwickeln konnte er sich beim NDR, also im Rahmen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Von 1960 bis 1964 war er Realisator bei „Panorama“. Damals machte er schon Filme oder „Beiträge“, die zu politischen Kontroversen führten. Manches von Wildenhahn wurde zwar gedreht, aber hinterher nicht gezeigt. Seine Vorgesetzten, die ihn deckten, waren etwa Egon Monk, Gert von Paczensky und Rüdiger Proske. Bald arbeitete Wildenhahn regelmäßig mit seiner Kamerafrau Gisela Tuchtenhagen zusammen, die seine Frau wurde. Zu seinem „Kreis“ damals gehörten auch Thomas Mitscherlich und Hans Helmut Prinzler.

Ausgewählte Filme von Klaus Wildenhahn: „Der merkwürdige Tod des Herrn Hammarskjöld“ (1961)/ „Zwischen drei und sieben Uhr morgens“ (1964)/ „Bayreuther Proben“ (1965)/ „John Cage“ (1966)/ „Heiligabend auf St. Pauli“ (1968)/ „Die Liebe zum Land“ (1974)/ „Emden geht nach USA“ (1975/76), wir hatten Protagonisten daraus bei uns im Göttinger Seminar./ „Was tun Pina Bausch und ihre Tänzer in Wuppertal?“ (1982)/ „Ein Film für Bossack und Leacock“ (1984)/ „Stillegung“ (1987)/ „Eine Reise nach Mostar“ (1995). Im Anschluss an den Vierteiler „Emden geht nach USA“ (1975/76) gelang Klaus Wildenhahn mit „Im Norden das Meer, im Westen der Fluss, im Süden das Moor, im Osten Vorurteile. Annäherungen an eine norddeutsche Provinz“ (1976) ein wunderbarer poetischer Film über Ostfriesland.

„Das Kriterium für Wahrheit und Würde des Dokumentarfilms liegt Wildenhahn zufolge in einer besonderen Nähe des Filmenden zum Gefilmten. Sie ist nicht in erster Linie ästhetisch definiert, sondern moralisch und politisch. Die Tugend des Dokumentarfilmers zeigt sich in der behutsamen, gespannten und geduldigen Beobachtung von sozialen Prozessen und Menschen, die in der politischen und kulturellen Öffentlichkeit gewöhnlich nicht repräsentiert sind. Die Tugenden des Dokumentarfilm-Handwerks sind demnach: Langzeitbeobachtung, möglichst unauffälliges, der ‚Erzählung‘ des Protagonisten sich anpassendes Filmen, lange Kameraeinstellungen, selbstlose (wie) vom Rohmaterial selbst hervorgebrachte Montage, Eliminierung oder Minimalisierung der Kommentarebene, keine synthetischen, zwischen Zuschauer und ‚Erzähler‘ sich drängenden ’synthetischen‘ Filmelemente.“