Archive for the ‘Literatur’ Category

2234: Amos Oz ist tot.

Samstag, Dezember 29th, 2018

Der große israelische Schriftsteller Amos Oz ist mit 79 Jahren in Jerusalem an Krebs gestorben. Geboren 1939 als Amos Klausner, Kind einer russich-jüdischen Familie, in Jerusalem hat er uns mit seinem autobiografisch gefärbten Roman „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ (2002) zugleich eine Geschichte der Gründung Israels geliefert. Amos Oz hat sehr viele literarische Preise gewonnen. Unter anderem den Friedenspreis des deutschen Buchhandels 1992. Den Literatur-Nobelpreis konnte er aus dem bekannten politischen Kalkül nicht bekommen. Die schwedischen Sozialdemokraten haben da keinen Israeli vorgesehen.

Oz war Zeit seines Lebens ein israelischer Patriot, der im Sechs-Tage-Krieg 1967 und im Jom-Kippur-Krieg 1973 als Soldat gekämpft hatte. In seinem Auftreten hatte er bis zum Schluss etwas militärisch Straffes, das in Literatenkreisen ganz selten ist. Und er war ein führender Kopf der israelischen Friedensbewegung, der stets auf Ausgleich, etwa mit den Palästinesern, bedacht war. Er hing der Zwei-Staaten-Theorie an. So wie er das gelehrte „Stubenhockertum“ seiner Familie abgelöst sah durch die Gründung Israels und seinen Eintritt in den Kibbuz Hulda 1953, so musste er in den letzten Jahrzehnten erleben, dass das freie und westliche Israel zunehmend verdrängt wurde von einer aggressiven und politisch radikalen Orthodoxie. Insbesondere nach der Zuwanderung von Juden aus der Sowjetunion.

Der Romancier Amos Oz schrieb unzählige politische Essays für den Frieden. U.a. mit seiner Tochter Fania Oz-Salzberger „Juden und Worte“. Er erlebte das „Judentum nach dem Ende des Judentums“. „Nicht jene, die Pogrome anzettelten, nicht die Bösen unter den Völkern, nicht Hitler und auch nicht die Befürworter von Assimilation, Aufklärung oder Zionismus haben die Mauern von Halacha und Überlieferung eingerissen, sondern das Haus ist von innen zerfallen, unter der Last seiner eigenen Widersprüche, dem Gewicht seiner Gesetze, Verordnungen und Verbote.“ 2004 hielt Amos Oz seine Tübinger Poetik-Vorlesung unter den TItel „Wie man Fanatiker kuriert“.

Als Amos Oz 2004 den „Welt“-Literaturpreis erhielt, hielt ihm Joschka Fischer die Laudatio. In seiner Literatur geht Oz stets von sich selber aus. Er schreibt aus Erfahrung und hat so den Rang des israelischen Nationalschriftstellers erworben. Im Kibbuz hatte er gelernt, dass mit dem gelehrten „Stubenhockertum“ kein Staat zu machen war, ja, dass es geradezu eine Gefahr für Israel darstellte. Eine andere und gegenwärtige Gefahr ist die Intransigenz der Orthdoxie in Israel. Dagegen hat Amos Oz an seiner Friedenspolitik festgehalten. Er bleibt für uns eine politisch-moralische Instanz. Er fehlt uns heute schon.

(Andreas Platthaus, FAZ 29.12.18; Lothar Müller, SZ 29./30.12.18; Tilman Krause, Literarische Welt 29.12.18)

2230: Journalismus: Das Ende der Aufklärung ?

Sonntag, Dezember 23rd, 2018

1. Der „Spiegel“ schickt seinen Washington-Korrespondenten Christoph Scheuermann nach Fergus Falls in Minnesota (USA), um eine Fälschung des ehemaligen „Spiegel“-Reporters Claas Relotius, 33, aufzuklären.

2. Im Fall von Fergus Falls hatten zwei Blogger, Michael Anderson und Jake Krohn, Relotius sehr früh elf absurde Lügen nachgewiesen. Möglicherweise waren manche Relotius-Texte anti-amerikanisch inspiriert. Insgesamt hat Relotius 60 „Spiegel“-Texte verfälscht oder manipuliert.

3. In all diesen Fällen hat die „Spiegel“-Abteilung für Fakten-Check, „Dokumentation“, versagt, auf die die Zeitschrift hauptsächlich ihren Ruf gründet. Der Ruf ist ruiniert.

4. Inzwischen bemühen sich folgende Blätter, den Wahrheitsgehalt der ihnen von Relotius gelieferten „Geschichten“ aufzuklären: Neben dem „Spiegel“ die „taz“, die „Welt“, „Die Zeit“, das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“, der „Tagesspiegel“.

5. Natürlich ist das Ganze Wasser auf die Mühlen der Demokratieverächter bei den „Reichsbürgern“, den Identitären und der AfD, die sich sowieso nur in den Kategorien der „Lügenpresse“ wohlfühlen.

6. Das Versagen der Presse hat systematischen Charakter und ist kein Einzelfall (wir denken an Tom Kummer), wie Cord Schnibben in der FAZ meinte.

7. Es geht nicht etwa nur darum, dass ein von der Industrie bezahlter Influencer schamlos über seine bevorzugten Produkte (Schleichwerbung) schwadroniert.

8. Es handelt sich um den GAU der gesamten Branche.

9. Karl Kraus (1874-1936) hatte die Journalisten ohnehin bloß als die „Kehrichtsammler der Tatsachenwelt“ betrachtet.

10. Der regelmäßig hochgelobte Egon Erwin Kisch (1885-1948) („Schreib das auf, Kisch!“) war tatsächlich kein akribischer Reporter und Faktensammler, sondern ein fantasievoller Geschichtenerzähler von  literarischer Qualität.

11. Hans Magnus Enzensberger hatte schon 1957 in „Die Sprache des Spiegels“ gezeigt, dass das Nachrichtenmagazin alle Nachrichten „in ein pseudoästhetisches Gebilde (verwandelt), dessen Struktur nicht mehr von der Sache, sondern von einem sachfremden Gesetz diktiert ist“.

12. „Die Anekdote bestimmt die Struktur einer solchen Berichterstattung.“

13. Juan Moreno („Der Spiegel“): „Die Reportage hat sich in den letzten Jahren massiv Richtung Kurzgeschichte, Richtung Literatur entwickelt.“

14. Viele Journalisten schreiben anscheinend nicht mehr in erster Linie für ihre Leser, sondern für Ressortleiter und Chefredakteure und für die Jurys journalistischer Preise. Das verdirbt den Wahrheitsgehalt.

15. In der Wissenschaft wurde im aus Frankreich stammenden Dekonstruktivismus (Jacques Derrida, Harold Bloom, Paul de Man) nicht zuletzt die These verfochten, dass es eine Wirklichkeit gar nicht gebe, sondern dass alle dargestellte Wirklichkeit Fiktion sei.

16. Das vertrug sich nicht mit dem aus dem angelsächsischen Journalismus stammenden Prinzip der Trennung von Nachricht (Fakt) und Meinung, die in Deutschland erst 1945 in den westlichen Besatzungszonen eingeführt worden ist.

17. Hauptsächlich solchen Lügnern wie Donald Trump ist es auf diese Weise gelungen, Aussage und Wahrheit zu entkoppeln.

18. Wenn nichts wahr ist, kann alles zur Wahrheit erklärt werden.

19. Wenn freier Journalismus in aller Welt energisch und systematisch gegen solche Verhunzungen vorgeht, kann die gegenwärtige Krise des Journalismus zu einem Wendepunkt werden und zu einem  Neuanfang führen.

20. Guter Journalismus war stets gekennzeichnet durch: Recherche, Recherche, Recherche.

(Jürgen Kaube, FAZ 22.12.18; Thomas Schmid, Welt 22.12.18; Christian Meier, Welt 22.12.18; David Denk, SZ 22./23.12.18; Annette Ramelsberger, SZ 22./23.12.18; Claudius Seidl, FAS 23.12.18)

 

2224: Wie Sigmund Freud zum Frauenfeind wurde.

Sonntag, Dezember 16th, 2018

Über Sigmund Freud sind unzählige Bücher geschrieben worden. Zuletzt 2016 von André Alt. Nun legt der US-amerikanische Psychoanalytiker Joel Whitebook eine neue Biografie vor:

Freud. Sein Leben und Denken. Klett-Cotta, 559 S., 32 Euro.

Als Nicht-Analytiker kann ich möglicherweise nicht alles beurteilen, stelle aber fest, dass Whitebook unterhaltsam sein möchte, er formuliert meistens zupackend. Und er bezieht sich häufig auf die „kritische Theorie“ (Horkheimer/Adorno). Alan Posener hat ihn für die „Literarische Welt“ (8.12.18) interviewt.

Lit W: Jeder kennt das Zitat. „Wenn man der unbestrittene Liebling seiner Mutter gewesen ist, so behält man fürs Leben jenes Eroberungsgefühl, jene Zuversicht des Erfolgs, welche nicht selten den Erfolg nach sich zieht.“ So Sigmund Freud. Und jeder glaubt, er spreche von sich.

Whitebook: Freud hat ein idealisiertes Bild seiner Mutter überliefert, das seine Anhänger unkritisch übernommen haben. Er war aber nicht der ‚Gold-Sigi‘ dieser warmherzigen, schönen Mutter, sondern hatte ein schwieriges Verhältnis zu ihr. Sie war eine schwierige, fordernde, narzisstische Frau.

Lit W: Sie schreiben sogar: depressiv.

Whitebook: Nach dem Tod des jüngeren Bruders, Sigmund war da erst 18 Monate alt, zieht sie sich völlig zurück. Damals hat Freud die Mutter verloren, psychologisch gesehen. Wenig später wird seine geliebte tschechische Kinderfrau gefeuert. Das sind zwei schwere Verluste in früher Kindheit.

Lit W: Sie charakterisieren Freud als phallogozentrisch.

Whitebook: Das ist ein etwas preziöser französischer Begriff, der von

Jacques Derrida

stammt und von den psychoanalytischen Feministinnen übernommen wurde. Aber er ist zutreffend. Wie reagiert Freud auf die Traumata seiner frühen Kindheit? Mit einer verfrühten Ichentwicklung. Das ist oft der Fall bei Kindern, die in einer traumatisierenden Kindheit leben: Sie müssen zu schnell erwachsen werden. Sie müssen die Zauberjahre hinter sich lassen und werden zu rational, zu vernünftig, zu verantwortlich. Bei Freud war das so. Phallogozentrisch also, weil er Werte hochielt, die wir oft als männlich bezeichnen: Rationalität, Selbstbeherrschung, Mangel an Emotionalität und vor allem Unabhängigkeit, aus der Freud fast einen Fetisch machte. Im Umkehrschluss hat er Eigenschaften abgewertet, die er für weiblich hielt: Emotionalität, Charakterschwäche, Abhängigkeit, blablabla – all die Stereotypen, die seine Frauenpsychologie durchziehen. …

Freud hat die Erfahrungen seiner ersten drei Lebensjahre verdrängt, ja abgespalten. Die klassische ödipale Theorie gründete also auf der Erfahrung von Kindern, die älter als drei Jahre sind, die bereits ein Ichgefühl haben, Mutter und Vater und die Unterschiede der Geschlechter kennen, sexuelles Verlangen, Schuld, Aggression und so weiter erleben. Da gibt es allerlei Fantasien des Loslassen: den Vater töten und mit der Mutter schlafen etwa. Nach dem Ersten Weltkrieg kommen mit der „präödipalen Wende“ der Psychoanalyse die ersten drei Jahre in den Blick. Das sind die Jahre der Ichentwicklung. Da geht es um Trennung und Verlust, Herausbildung des Sebstgefühls und so weiter. Die Art des Loslassens in der Musik – etwa bei Richard Wagners „Tristan“ – ist aber Auflösung des Selbst, Sirenengesang, Illusion, Narkose.

Adorno und Horkheimer

sagen in der „Dialektik der Aufklärung“, dass wir uns durch die gesamte Zivilisation hindurch nach dieser Glückseligkeit sehnen und doch vor dieser Aufgabe des Selbst eine Höllenangst haben.

Lit W: Wenn aber der Begründer der Psychoanalyse ein phallogozentrischer Neurotiker ist, der die schmutzigen Geheimnisse des bürgerlichen Lebens als schmutzige Frauenfantasien ausgibt – was sagt er uns, die wir nicht zuletzt die Kinder der sexuellen Revolution von 1968 sind, im sexuell emanzipierten Berlin des Jahres 2018?

Whitebook: Ohne Freud hätte es weder 68 gegeben, noch gäbe es ihr Berlin 2018. Bei allem Respekt: Ich kenne die Argumente gegen Freud besser als Sie. Es gibt Dinge bei Freud, über die man sich als Analytiker fremdschämt. Ich könnte Ihnen auch die Begrenztheit und Problematik Kants und Platons aufzählen. Es geht nicht darum, dass Freud begrenzt war, sondern darum, wie weit er trotzdem ging. Große Denker sind nicht einfach im Recht oder im Unrecht. Sie geben uns eine Schatzkammer von Bedeutungen, zu der wir immer wieder zurückkehren. …

Lit W: Eine letzte Frage: Es gibt bei den Psychpathologien Wellen. In Freuds Jugend war die

Hysterie

die Krankheit der Wahl, nach Freud waren es die

Neurosen.

Was ist die Krankheit unserer Ära?

Whitebook: … Die Veränderung der Familienstruktur weg von der klassischen autoritären, bourgeoisen Familie hin zu eher permissiven Strukturen und die direkte Formung des Über-Ich durch die Medien, von der die Frankfurter Schule sprach: Das muss doch andere Charaktertypen hervorrufen und damit auch andere Pathologien. Wir reden also heute viel vom

Narzissmus.

Lit W: Wie man es macht, ist es falsch. Ist man zu streng, zieht man kleine Neurotiker heran, ist man zu lasch, kommen Michael Winterhoffs narzisstische „kleine Tyrannen“ heraus.

Whitebook: Freud hat ja gesagt, dass die Elternschaft ein unmöglicher Beruf sei. Es ist nun einmal so, dass man den Mittelweg zwischen Bedürfnisbefriedigung und Grenzsetzung finden muss. Die Leute haben ja auch deshalb so viele Probleme mit Freud, weil er weder autoritär noch libertär ist. Die Autoritären hassen ihn, weil sie ihn für einen Befürworter der Libertinage halten, und die Antiautoritären mögen ihn nicht, weil sie ihn für einen autoritären Patriarchen halten. Ihn zu verstehen verlangt eine gewisse Toleranz gegenüber der Komplexität und der Unbestimmtheit. Unsere Gesellschaft fördert aber nicht gerade das komplexe Denken. Das ist ein Grund, warum die Psychoanalyse in Verruf geraten ist.

 

2222: Zeh Richterin am Landesverfassungsgericht

Sonntag, Dezember 16th, 2018

Die Schriftstellerin Juli Zeh („Unter Leuten“), eine promovierte Juristin, ist vom Brandenburger Landtag zur Richterin am Landesverfassungsgericht gewählt worden. Die 44-jährige war von der SPD vorgeschlagen worden und erhielt 71 von 86 abgegebenen Stimmen. Ihre Gegenkandidatin, die von der AfD vorgeschlagene Victoria Tuschik, erhielt 13 Stimmen. Zwei Abgeordnete enthielten sich (dpa 13.12.18).

2221: Thomas Bernhards 30. Todestag

Samstag, Dezember 15th, 2018

Demnächst jährt sich der Todestag des großen österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard zum 30. Mal. Er hat ein Werk hinterlassen, das in der deutschen Literatur einzigartig ist in seiner schonungslosen Kälte, seiner sprachlichen Virtuosität und seiner radikalen Weltanklage. Thomas Bärnthaler hat Peter Fabjan, den Halbbruder Bernhards und dessen Nachlassverwalter, einen 81-jährigen ehemaligen Internisten, zu dem Schriftsteller interviewt (SZ Magazin 7.12.18).

SZ Mag: Lässt sich Bernhards Werk, das eine große Weltanklage war, auch als Rache an der vermeintlich lieblosen Mutter lesen, wie die Literaturkritikerin Sigrid Löffler einmal nahelegte?

Fabjan: Sie sieht das zu einfach. Für die Mutter war der Thomas, vor allem in der Kriegszeit, wo sie mit uns Kindern allein war, zum Problemkind geworden. Ständig war er weg, schwänzte die Schule oder flüchtete zum Großvater ins benachbarte Ettendorf. Sie war mit ihm überfordert, nicht lieblos. Unsere Mutter hat wohl auch Angst gehabt, dass Thomas ihre Ehe mit ihrem zehn Jahre jüngeren Mann belastet. Unser Vater hätte früher begreifen müssen, dass der Bub mehr Zuwendung als seine eigenen Kinder braucht. Der Thomas hat sein ganzes Leben nach einem Vater gesucht.

SZ Mag: Sein leiblicher Vater, Alois Zuckerstätter, nahm sich 1940 in Berlin das Leben, da war Ihr Bruder neun Jahre alt. Hatte es vorher Versuche gegeben, die beiden zusammenzubringen?

Fabjan: Nein. Er hatte ja die Vaterschaft bestritten, weil er wusste, dass er sonst Unterhalt zahlen muss. Er ging nach Deutschland und wechselte ständig den Arbeitsplatz, zeitweise lebte er in Frankfurt an der Oder, wo er geheiratet hat und Vater einer Tochter wurde. Da war er aber schon Alkoholiker.

SZ Mag: Wie war Ihr Bruder, wenn er die Rolle des Misanthropen einmal beiseitelegte?

Fabjan: Er war in jeder Gesellschaft der Mittelpunkt. Er konnte, war er in Stimmung, blendend unterhalten. Einmal gab er eine Lesung, und hinterher stellte man fest: Das, was er gerade eine Stunde vorgelesen hatte, stand in keinem Buch, hatte er improvisiert. Das Blödeln und Assoziieren war auch so eine Art, sich die Gesellschaft vom Leib zu halten.

SZ Mag: Wie hat sein lebenslanges Kranksein sein Schreiben beeinflusst?

Fabjan: Die Todesgewissheit hat ihn getrieben. Elfriede Jelinek hat gesagt, man spüre beim Lesen seiner Bücher, dass ihm die Zeit davonläuft.

SZ Mag: 1988 kam es zur Premiere seines letzten Stückes ‚Heldenplatz‘, einer bitteren Abrechnung mit der Nazivergangenheit Österreichs, zu einem landesweiten Skandal.

Fabjan: Als ich damals mit ihm durch Wien gegangen bin, sind Leute auf uns zugekommen und haben ihn beschimpft. Frauen sind mit dem Schirm auf ihn los, andere haben ihn angespuckt, da war er schon so schwach, dass er kaum mehr gehen konnte. In dieser elenden Zeit, in der alle auf ihn eingeprügelt haben, vor allem die Regierung und der Boulevard, hat sich kein Vertreter des Staates schützend vor ihn gestellt.

2220: Liv Ullmann 80

Samstag, Dezember 15th, 2018

Die norwegische Schauspielerin Liv Ullmann wird 80. Dazu schreibt Andreas Kilb (FAZ 15.12.18):

„Ingmar Bergman war Liv Ullmanns Schicksal. Seine Filme haben sie zu dem gemacht, was sie in den sechziger und siebziger Jahren war: eine der größten Schauspielerinnen des Weltkinos. Als sie sich trafen, war Ullmann, geboren in Tokio als Tochter eines norwegischen Ingenieurs und aufgewachsen in Toronto, New York und Trondheim, siebenundzwanzig und Bergman zwanzig Jahre älter. Sie drehten ‚Persona‘ und ‚Passion‘ und ‚Die Stunde des Wolfs‘, Liv Ullmann bekam ein Kind, und Bergman baute für sie ein Haus auf der Ostseeinsel Farö. Fünf Jahre blieben sie zusammen, er nannte sie seine Stradivari, und sie nannte ihn, nach der Trennung, den Menschen, der ihr am meisten weh getan habe im Leben. Aber als sie selbst mit dem Regieführen anfing, verfilmte sie eines seiner Drehbücher, und am Tag vor seinem Tod flog sie nach Farö und dankte ihm für alles, was er ihr gegeben hatte. Es gibt solche Paare im Kino immer wieder, aber es ist selten, dass der eine dem anderen dabei auf Dauer gewachsen ist. Diese beiden waren es.“

2209: Bernardo Bertolucci ist tot.

Dienstag, November 27th, 2018

Bernardo Bertolucci (geb. 1941) ist tot. Er war der Regisseur von Filmen wie „Der große Irrtum“ (1970), „Der letzte Tango in Paris“ (1972), „1900“ (1976), „Die Tragödie eines lächerlichen Mannes“ (1981) und „Der letzte Kaiser“ (1987). Der letzte gewann neun (9) Oscars. Der Marxist Bertolucci kam Zeit seines Schaffens nicht von seinem Vater los, einem berühmten Lyriker, und vom Thema 1968. Dies hat die Bandbreite seiner Werke auch eingeschränkt. Bertolucci überließ vieles beim Drehen der Spontaneität. So entstanden mehrdeutige Werke. Sein Stil war häufig opernhaft, romantisch (Doppelgängermotiv) und kannte Frauen meist nur als Nebenfiguren. Heute unmöglich. Bertolucci kam damit bis nach Hollywood.

Bertolucci startete als Lyriker, der sogar Preise gewann. Bei Pier Paolo Pasolini war er Regieassistent bei dessen Erstling „Accatone“ (1970). Sein großes Vorbild Jean-Luc Godard erreichte er nach eigenem Bekunden nie. Als er Godard seinen Film „Der große Irrtum“ (1970) zeigte, hatte dieser gerade „Le Mépris“ (beide Filme nach Alberto Moravia) abgedreht. Godard drückte Bertolucci einen Zettel in die Hand. Darauf stand: „Du musst gegen Individualismus und Kapitalismus kämpfen.“ Bertolucci begann eine lebenslängliche Psychoanalyse. Am Ende seines Lebens saß er auf Grund einer missglückten Rückenoperation im Rollstuhl.

Bertolucci machte eine internationale Karriere. Er kam ans große Geld und wurde zum Vorbild etwa für Paul Schraders „American Gigolo“ (1980). Sein Kameramann Vittorio Storaro drehte mit Francis Ford Coppola „Apocalypse Now“ (1979). Darin hat bekanntlich Marlon Brando (1924-2004) eine große Rolle als Colonel Kurtz. Mit Bertolucci hatte er 1972 „Der letzte Tango von Paris“ gedreht, einen Skandalfilm, in dem Brando als alter Mann für Anarchie und Freiheit steht. In einer leeren Pariser Wohnung drängt er einer jungen Frau, Maria Schneider, einen Geschlechtsverkehr auf. Er schmiert ihr Butter in den Hintern und penetriert sie. Bertolucci und Brando drohten Haftstrafen. Ich vergesse nicht die Aufregung, die der Film 1972 machte, als ich ihn in Paris sah. In der „Me Too“-Bewegung hieß es 2016, zwei alte Männer hätten Maria Schneider im Film vor laufender Kamera eine Vergewaltigung zugemutet. Frauen zeigten sich angewidert und forderten den Regisseur auf, seine Oscars zurückzugeben. Das bestimmt gegenwärtig das Bild, das in der Öffentlichkeit von Bernardo Bertolucci gezeichnet wird (Fritz Göttler, SZ 27.11.18).

2193: Land ohne Neuanfang

Freitag, November 9th, 2018

Nach „Shanghai fern von wo“ (2009), und „Landgericht“ (2012), für den sie den Deutschen Buchpreis gewann, legt Ursula Krechel mit

„Geisterbahn“ (Salzburg und Wien 2018, 640 S.; 32 Euro)

ihren dritten Roman vor, der sich mit den Verfolgten des Nazi-Regimes beschäftigt und mit der Gefühllosigkeit einer Nachkriegsgesellschaft, die alles dafür tut, das Vergangene nicht an sich herankommen zu lassen.

Im Mittelpunkt steht die Sinti-Familie Dorn, die durch das gesamte Programm für Sinti und Roma im Nazi-Regime gegangen ist. Sie sind Schausteller. Der Nazi-Apparat konnte sich auf sein spitzelndes Volk verlassen. „Lehrer, Nachbarn und Hobby-Genealogen waren die Zuträger und nahmen der Polizei die Arbeit ab.“ Die Familie Dorn leistet Zwangsarbeit, eine Tochter wird zwangssterilisiert. Die Überlebenden der Familie sind bis an ihr Lebensende davon gezeichnet.

Es treten auf in der Umgebung der Dorns Kommunisten, die selber untertauchen müssen, ein angehender Arzt, der sich notgedrungen anpasst, eine Hotelerbin und der Vater des Erzählers, ein Polizist, Bernhard Blank. Was er tatsächlich auf dem Kerbholz hat, bleibt im Vagen, blank eben. Historische Figuren ergänzen die Gesellschaft. Als Politiker Konrad Adenauer, als Schriftsteller Peter Weiss und Stephen Spender.

Ursula Krechel schildert die äußeren Wunden der Dorns und die nicht sichtbaren. Noch immer sind bei ihr die Übergänge von Realität und Fiktion zu erkennen, aber doch gibt es einen von den Fundstücken und historischen Quellen kaum unterbrochenen Erzählfluss. „Tatsächlich ist Ursula Krechels Sprache auf wunderbare Weise besonnen, keinesfalls nüchtern, aber eben auch nicht effektvoll. Immer wieder gibt es Sätze, die von einer bestechenden Wahrhaftigkeit und sprachlichen Schönheit sind – aber das Erzählen, so ausschweifend und genau es auch ist, hat zugleich etwas Verschwiegenes. … Ursula Krechel ist eine dezente Berichterstatterin des Geschehenen. Und doch ändert sich die Temperatur, der Rhythmus des Textes, je nachdem, ob sie Bernhard von den Dorns sprechen lässt oder mit ihrem Chronisten die Versäumnisse und Inkonsistenzen ihrer eigenen 68er-Generation abbildet.“ (Ulrich Rüdenauer, SZ 5.11.18)

2173: Martin Heidegger hasste das Feuilleton.

Freitag, Oktober 26th, 2018

Unter den Ressorts der Presse (Politik, Wirtschaft, Feuilleton, Sport, Lokales) wird das Feuilleton gerne unterschätzt. Das war in Göttingen nicht so. Wilmont Haacke hatte sich sogar über das Feuilleton habilitiert. Sein Handbuch des Feuilletons erschien in drei Bänden (Emsdetten 1951 bis 1953), die erste Auflage aus den Jahren 1943 und 1944 verschweigen wir dabei nicht. Erst danach wurde im vollen Umfang herausgearbeitet, wie politisch das Feuilleton ist. Es setzt hier entscheidende Akzente in Bezug auf Ideologien, Theorien, Ansätze, Gesellschaftsentwürfe.

Das wird besonders deutlich daran, dass Martin Heidegger, der Philosoph, der den „Führer führen wollte“ (1933), das Feuilleton verabscheute. Er schrieb:

„Aber das Schlimmste an der Zeitung sind nicht die Mord- und Skandalgeschichten, sondern das Feuilleton, weil es sich ausgibt, als wahre es den Geist. … Es ist selber der Mord des Denkens und der Skandal des Geistes.“ Das Zitat stammt aus

Peter Trawny: Heidegger-Fragmente. Eine philosophische Biographie. Frankfurt am Main (S. Fischer) 2018, 320 Seiten, 25 Euro.

(Thomas Meyer, SZ 26.10.18)

 

2162: Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Hans Magnus Enzensberger

Sonntag, Oktober 21st, 2018

Ingeborg Bachmann (1926-1973) fasziniert heute immer noch. Als Frau, als Lyrikerin, als Muse, als Partnerin berühmter Künstler und Schriftsteller. Schon im Briefwechsel mit Paul Celan (1920-1970), der vor zehn Jahren erschien (Suhrkamp, 399 S.), wurde klar, dass Bachmann den Zeitgeist genau reflektierte. Das war anscheinend auch in ihrer Arbeits- und Freundschaftsbeziehung zu Hans Werner Henze (1926-2012) und in ihrem intellektuellen Austausch mit Uwe Johnson (1934-1984) der Fall. Nun ist ihr Briefwechsel mit Hans Magnus Enzensberger (geb. 1929) erschienen:

Ingeborg Bachmann/Hans Magnus Enzensberger: „schreib alles was wahr ist auf“. Der Briefwechsel. Herausgegeben von Hubert Lengauer. Piper, Suhrkamp 2018, 479 S., 44 Euro.

Die Beiden waren zwei mit Ruhm überhäufte Lyriker der fünfziger und sechziger Jahre.  Sie sind sich auch menschlich sehr nahe gekommen („auf dem rückweg habe ich einen ort gesehen, da sollten wir uns ein haus kaufen … dort weiß niemand wer wir sind“/“grüße an deine wimpern“), haben es aber geschafft, dass sie Freunde bleiben konnten. Kennengelernt hatten sie sich 1955 bei der Gruppe 47. Sie hielten im Briefwechsel weithin Abstand. Er wirkt wie eine Folge präziser Momentaufnahmen, in denen aber auch Ingeborg Bachmanns Zauber, ihre Verspieltheit, ihr Alleinsein und ihre Angst vorkommen. Der Band ist der dritte der von Suhrkamp und Piper gemeinsam getragenen Werkausgabe, der „Salzburger Edition“. Der erste Band „Male oscuro“ war ein Paukenschlag, der zweite „Buch Goldmann“ eine editorische Preziose.

Max Frisch (1911-1991), mit dem Bachmann von 1958 bis 1962 zusammenlebte, der Buhmann ihrer Martyrologie, spielt hier keine Hauptrolle, er bleibt eine Randfigur. In „Mein Name sei Gantenbein“ (1964) hatte Frisch einige der Männer, auf die er in seinen vier Jahren eifersüchtig war, in literarische Figuren gekleidet. Der Roman hatte Ingeborg Bachmann zu Tode verletzt. Kann sein, dass auch Hans Magnus Enzensberger darin vorkommt. Etwa als Verfasser der „dänischen“ Briefe, welche die Schauspielerin Lila vor Gantenbein versteckt hält.

Ingeborg Bachmann hatte Hans Magnus Enzensberger verzaubert und durch eine einzige Begegnung lebenslänglich an sich gebunden. In dem Briefwechsel ist von Büchern die Rede, von Filmprojekten, dem gescheiterten Plan einer europäischen Literaturzeitschrift, von Bachmanns Tablettensucht, ihrer Trennung von Max Frisch, ihren Zusammenbrüchen. In Enzensbergers Zeitschrift „Kursbuch“, einer partiell sehr politischen Zeitschrift, konnten 1968 vier Gedichte von Ingeborg Bachmann erscheinen (Andreas Kilb, 21.10.18).