Archive for the ‘Literatur’ Category

2333: Kurt Tucholsky „Wir Negativen“ 1919

Dienstag, März 26th, 2019

Vor hundert Jahren (im März 1919) erschien Kurt Tucholskys Aufsatz „Wir Negativen“ in der „Weltbühne“ (hervorgegangen 1918 aus der „Schaubühne“, gegründet von Siegfried Jacobsohn). Er zählt heute zu den bekanntesten und wichtigsten des scharfzüngigen und kritischen Publizisten. Gerhard Henschel hat sich in der FAS (24.3.19) die Kontroverse darüber vorgenommen.

Tucholsky setzte sich mit dem Vorwurf auseinander, dass die „Weltbühne“ zu allem nein sage und eine Nestbeschmutzerin sei, weil sie ständig die Regierung, die Justiz und andere staatliche Institutionen kritisierte. Ihm war die „Revolution“ 1918/19 nicht weit genug gegangen. Im Bürgertum, in der Politik, in der Reichswehr, in der Beamtenschaft und in den Unternehmungen herrsche immer noch der alte Ungeist, der das Land in den Abgrund gestürzt habe, und deshalb könne der neue Staat noch nicht bejaht werden. Es müsse „mit eisernem Besen jetzt, gerade jetzt und heute ausgekehrt werden, was in Deutschland faul und vom Übel war und ist“.

Nachdem die „Weltbühne“ die illegale Luftrüstung der Reichswehr aufgedeckt hatte, wurden 1931 der Herausgeber Carl von Ossietzky und der Verfasser des Artikels, Walter Kreiser, vor Gericht gestellt wegen des Verrats „militärischer Geheimnisse“ und zu anderthalb Jahren Gefängnis verurteilt. Kreiser floh ins Ausland, Ossietzky trat die Haft an, wurde nach 227 Tagen amnestiert, jedoch im Februar 1933 erneut verhaftet. Im Konzentrationslager Esterwegen wurde er bis 1936 gequält und geschunden. An den Folgen seiner Haft starb er im Mai 1938 mit 49 Jahren an Tuberkulose.

Die Nazis hassten Ossietzky und Tucholsky. Letzteren besonders weil er Jude war und seine Gegner mit beißendem Spott überziehen konnte. 1921 zitierte eine Statistik aus der Feder des Pazifisten Emil Julius Gumbel. Danach hatten die deutschen Gerichte seit 1913 für 314 „Morde von rechts“ insgesamt 31 Jahre und drei Monate Freiheitsstrafe sowie eine lebenslange Festungshaft verhängt. Für 13 „Morde von links“ hingegen acht Todesurteile sowie 176 Jahre und zehn Monate Freiheitsstrafe. Viele der „Morde von rechts“ wurden von illegalen paramilitärischen Verbänden wie Freikorps begangen. Sie fanden die Billigung von Reichswehrminister Otto Geßler.

Drei Jahre nach seinem Tod, 1958, erschienen Geßlers Memoiren. Darin schrieb der ehemalige Minister: „Ich hielt es und halte es heute noch für eine der bedenklichsten Schwächen des Weimarer Systems, dass es aus seiner liberalen Ideologie heraus jene großstädtischen Sumpfblüten nicht mit Stumpf und Stiel ausgerottet hat.“ Geßler hielt es für „ein Versäumnis ihrer Rassegenossen, dass sie es nicht für nötig hielten, hier vor aller Öffentlichkeit einen scharfen Trennungsstrich zu ziehen“. Kurt Tucholsky hatte schon 1922 gesagt: „Überhaupt: ein Jude soll nicht solches Aufsehen von sich machen! Das reizt nur den Antisemitismus.“ Carl von Ossietzky hatte 1930 die Frage gestellt, warum Adolf Hitler nicht des Landes verwiesen werde. Gegen Ausländer würden die Behörden doch sonst mit aller Härte vorgehen.

Nach 1945 fanden Ossietzky und Tucholsky nicht überall Zustimmung. So schrieb Golo Mann 1960, man solle „auch eingestehen, dass der in der Weimarer Republik gängige Ausdruck ‚jüdisch-zersetzend‘ nicht völlig ohne Boden war“. Zwei jahre später warf der Politikwissenschaftler Kurt Sontheimer Kurt Tucholsky vor, er habe ein „literarisches Zerstörungswerk an der Republik“ begangen. Rudolf Augstein widersprach 1964: „Man muss einer dieser Kokett-Schreiber oder recht ahnungslos sein, will man diesen Mann einen Totengräber des Staates von Weimar nennen.“ Allerdings blieb er leider nicht bei seiner Meinung. Ihm mussten der „Konkret“-Herausgeber Hermann L. Gremliza und Axel Eggebrecht widersprechen, einer der wenigen damals noch lebenden Autoren der „Weltbühne“.

Willy Brandt kannte als junger Linkssozialist die „Weltbühne“. Er schrieb 1986: „Die wurde von vielen Sozialdemokraten für ‚zu negativ‘ gehalten, aber gewiss hat die Geschichte deren Kampf gegen den Militarismus und seine konspirativen Unternehmungen gerechtfertigt.“ Die Kontroversen um Kurt Tucholsky gingen allerdings weiter. 2005 formulierte der Rezensent Horst Meier: „Zählte nicht gerade Tucholsky zu den Republikanern, von denen diese schwindsüchtige Republik viel zu wenige hatte.“ Kommentar W.S.: Das genau ist die einzig richtige Position!

Wäre es zum Beispiel klüger gewesen, die „Fememorde“ der geheimen „Schwarzen Reichswehr“ unaufgedeckt zu lassen? Kurt Tucholsky schrieb damals: „Hindenburg bedeutet: Krach mit aller Welt, unaufhörliche internationale Schwierigkeiten, durchaus begründetes Misstrauen des Auslandes, insbesondere Frankreichs, gegenüber Deutschland. Hindenburg ist: Die Republik auf Abruf. Hindenburg bedeutet: Krieg.“

Eine Woche später hieß es im

„Göttinger Tageblatt“,

einem seinerzeit rechtsextremen Blatt, über Kurt Tucholsky: „… begeifert der hebräische Schmutzfink mit Tausenden von Seinesgleichen unter dem Schutz des Zentrums, der Demokraten und der Sozialdemokraten nun schon seit Jahren alles, was dem Deutschen heilig ist. Es hat sich bis heute niemand gefunden, der dem Burschen den Davidstern mit der Reitpeitsche ins Gesicht gezeichnet hätte.“

2331: Heinrich Breloers Bertolt Brecht

Montag, März 25th, 2019

Am letzten Freitag war er im Fernsehen zurück, der Meister des von ihm selbst entwickelten Doku-Dramas, Heinrich Breloer (geb. 1942). Zwanzig Jahre nach „Die Manns“ und fünfzehn Jahre nach „Speer und Er“ präsentierte er „Bertolt Brecht. Ein Film in zwei Teilen“. Gefolgt von der Dokumentation „Brecht und das Berliner Ensemble“. Damit hat er sich entscheidende Schritte in der deutschen Theatergeschichte vorgenommen. Ursula Scheer schreibt in der FAZ (22.3.19) zu Recht, dass wir solch ein gelungenes Stück wohl lange nicht mehr erleben werden.

Breloer hatte seine Regisseurs-Karriere gemeinsam mit Horst Königstein gestartet. Schon 1978 hatte er „Bi und Bidi in Augsburg“ vorgelegt, die Geschichte von Bertolt Brecht und Paula Banholzer. Seither hatte er unermüdlich Material gesammelt über den Erfinder des modernen Theaters („episches Theater“) Bertolt Brecht: Fotos, Filmaufnahmen, Tondokumente und Artikel aus den Zeitungsarchiven. Noch in den siebziger Jahren hatte er lebende Freunde, Geliebte und Mitarbeiter Brechts interviewt. All das kommt dem Film zugute. Heinrich Breloer gelangt hinter die Kulissen des epischen Theaters. Er fragt sich, auf welcher menschlichen Basis das schier unerschöpfliche Werk Bertolt Brechts entstanden ist.

Dabei kommt kein Mensch zum Vorschein, der heute als Vorbild dienen könnte, kein Demokrat. Die Me-Too-Debatte würde Bertolt Brecht nicht überstehen. Er hat Anziehung und Abstoßung gleichermaßen produziert. Das wird im ersten Teil von Tom Schilling, im zweiten von Burkhard Klaußner idealtypisch verkörpert. Das geht vom jungenhaft, schüchternen Größenwahn der frühen Jahre bis zum politischen Schelmenspiel in der DDR. Breloer entfaltet ein zeitgeschichtliches Panorama der Jahre 1916 bis 1956. Mit der „Dreigroschenoper“ 1929 wurde Bertolt Brecht ein internationaler Theaterstar, theoretisch wie praktisch. Er war ungeheuer produktiv, achtete das Urheberrecht nicht und beutete seine Musen, Mitautorinnen, Schauspielerinnen, Mütter seiner Kinder und Ehefrauen aus.

Sie tauchen alle auf: die Paula Banholzer, Marianne Zoff (Friederike Becht), Elisabeth Hauptmann (Leonie Benesch), Ruth Berlau (Trine Dyrholm), Isot Kilian (Laura de Boer), Käthe Reichel (Anna Hermann) und natürlich Helene Weigel (Adele Neuhauser). Vermisst habe ich nur die 1941 in Moskau gestorbene Margarete Steffin, die wohl nicht recht in den Tumult hineinpasste. Fast alle von ihnen waren Brecht sehr große Hilfen. Die zu Lebzeiten Brechts noch sehr junge Regine Lutz schildert die „Bebrüllung“ durch Brecht eindrücklich und sagt im Film doch: „Ich verdanke ihm alles.“ Brecht überstand im US-Exil die McCarthy-Ära und kam als österreichischer Staatsbürger in der DDR nur durch Lavieren über die Runden. Er wollte sein Theater erhalten. Dem Volk traute er auch am 17. Juni 1953 freie Wahlen noch nicht zu.

(Nochmals am 27. März um 20.15 Uhr in der ARD)

2330: Urheberrecht spaltet große Koalition.

Montag, März 25th, 2019

Kurz vor der Europa-Wahl im Mai 2019 sind CDU/CSU und SPD uneins im Hinblick auf das Urheberrecht (Abstimmung im Europäischen Parlament am 26.3.19). Der Spitzenkandidat der europäischen Volkspartei, Manfred Weber (CSU), warf der SPD eine doppelzüngige Politik vor. „Es geht nicht, in Brüssel dafür zu sein und in Berlin dann dagegen zu reden. Diese Art der Europapolitik sollte der Vergangenheit angehören.“ Katarina Barley, die SPD-Spitzenkandididatin für die Europa-Wahl, hat die Union aufgerufen, die geplanten Upload-Filter zu verhindern (GAM, LION, MSZ, SZ 25.3.19).

2326: Kreativ-Verbände für die Urheberrechtsreform, IT-Konzerne dagegen

Samstag, März 23rd, 2019

In einer gemeinsamen großen Anzeige in den überregionalen Medien sprechen sich die Kreativverbände für die EU-Urheberrechtsreform aus: etwa der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), der Deutsche Journalistenverband (DJV), der Deutsche Künstlerbund, die GEMA, der PEN, die Union Deutscher Jazzmusiker, die Vereinigung deutscher Opernchöre und Bühnentänzer, der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), die VG Wort und viele andere.

Wahrscheinlich werden sich die internationalen IT-Konzerne (Google, Facebook, Youtube etc.) dagegen durchsetzen.

(FAZ 23.3.19; hmk, FAZ 23.3.19; Markus Balser/Robert Rossmann/Mike Szymanski, SZ 23./24.3.19)

2318: Kommentar zu „Schluss mit dem Gender-Unfug“

Sonntag, März 10th, 2019

In der FAS vom 10.3.19 findet sich ein Kommentar von cls zur Petition „Schluss mit dem Gender-Unfug!“ des „Vereins Deutsche Sprache“:

„Auch in dieser Zeitung sind die sogenannten Gender-Sternchen, das Binnen-I und natürlich die Verwandlung von handelnden Figuren in Präsenspartizipien (Studierende, Lehrende) nicht besonders beliebt – aus Gründen der Ästhetik wie der Lesbarkeit. Woran liegt es dann aber, dass einem der Aufruf „Schluss mit dem Gender-Unfug!“ des Vereins Deutsche Sprache trotzdem so grundsätzlich unangenehm ist: Liegt es allein an Tonfall und Wortwahl – also daran, dass als Geste des Widerstands ausgegeben wird, was doch weiterhin bloß die Mehrheitsmeinung ist: dass man die gendergerechte Sprache als Zumutung empfindet? Liegt es daran, dass das trotzige Beharren auf dem Unterschied zwischen natürlichem und grammatischem Geschlecht zum Teil stimmt (wo das Insekt, die Schabe und der Wurm im Spiel sind); dass die gängige Praxis aber in der Welt der Berufe zum Beispiel eben doch die männliche Dominanz und Definitionshoheit in die Sprache hinein verlängert (wenn zwei Chirurgen sich treffen, sagt dann der eine wirklich zum anderen: „Ich bin übrigens schwanger“?). Muss man also mit Ausrufezeichen um sich werfen und im Befehlston die Sprache, die Sprecher und die Schreibenden anschnauzen – wo es nur darum geht, eine womöglich neue Balance zwischen Schönheit und Verständlichkeit einerseits und Fairness andererseits zu finden? Eine angemessene Sprache brüllt nicht, sie singt.“

2315: Thea Dorn: Den Zusammenhalt wahren.

Freitag, März 8th, 2019

Die Schriftstellerin Thea Dorn, 48, ist festes Mitglied im „Literarischen Quartett“. Dort besticht sie durch fundierte Unabhängigkeit. 2011 hat sie mit Richard Wagner geschrieben

„Die deutsche Seele“,

wo auf 560 Seiten von „Abendbrot“ bis „Zerrissenheit“ deutsche Eigentümlichkeiten behandelt werden. Jetzt beschäftigt Dorn sich (SZ 8.3.19) mit dem Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.

Für Dorn sind die fundamentalen Alleinstellungsmerkmale westlicher Kultur eine unverwechselbare eigene Identität und ein persönliches Ich. In rückständigeren Kulturen definierte dies nicht das Individuum, sondern die Familie, der Clan, die Religion, die „Blutsgemeinschaft“, die Sekte oder die kommunistische Partei.

Dorn möchte wissen, wie die vielen Ichs in ihrem Streben nach Selbstverwirklichung trotzdem friedlich und produktiv zusammenleben können. Auch wenn im 20. Jahrhundert der Aufstieg der westlichen Gesellschaften zu globaler Dominanz sich vollzogen habe. Möglicherweise beruhe die Krise dieser westlichen Gesellschaften gerade darauf, dass die freiheitlich-demokratischen Rechtsstaaten tatsächlich für a l l e  Bürger da sein wollten. Dass also nicht mehr die

Frauen, Juden, Schwarzen, Homosexuellen

Bürger zweiter Klasse gegenüber den

„alten, weißen Männern“

seien. Friedrich Nietzsches zynische Lösung, dass die Aufforderung „Werde, der du bist!“ nicht für alle tauge, lehnt Thea Dorn vehement ab.

Dorn versteht den Triumph der vormals Diskriminierten, wenn ein Kampf für die Gleichberechtigung gewonnen ist. Sie versteht den Zorn der immer noch Diskriminierten. „Dennoch halte ich es für fatal, wenn die Noch-nicht-so lange-Gleichberechtigten ihre Aufmerksamkeit in erster Linie auf fortbestehende Kränkungserfahrungen richten statt auf neugewonnene Spielräume für Freiheit und Selbstverwirklichung.“

Das Paradox liberaler Gesellschaften liege darin, dass Menschen in ihnen nach Originalität, Einzigartigkeit, Differenz und gleichzeitig nach Anerkennung als Gleiche streben dürften. Fatal sei die Aussage „Schau her, ich gehöre einer Gruppe von Menschen an, deren Kränkungserfahrungen einzigartig sind und deren Gefühlshaushalte du deshalb nie verstehen wirst.“ Wenn dann auch noch die „alten, weißen Männer“ und die „Biodeutschen“ dazu übergingen, mit derselben identitätspolitischen Münze zurückzuzahlen, habe der

gesellschaftliche Zerfall

endgültig begonnen.

2309: Günter Kunert 90

Samstag, März 2nd, 2019

Einer der letzten großen Männer der deutschen Literatur im 20. Jahrhundert wird 90, Günter Kunert. In Berlin geboren lebt er seit 1979 in Kaisbostel bei Itzehoe. Die DDR hat er hinter sich gelassen. Weil seine Mutter Jüdin war, konnte Günter Kunert in der Nazizeit keine höhere Schule besuchen. Die Familie erlebte die Sowjets 1945 als Befreier. Kunert trat 1948 der SED bei, erkannte sich alsbald aber als Dissident. 1976 gehörte er zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Daraufhin wurde ihm 1977 die SED-Mitgliedschaft entzogen. Mit einem Sondervisum konnte Kunert 1979 die DDR verlassen. Seit Mitte der sechziger Jahre hatte er eine Freundschaft mit dem bundesdeutschen Dichter Nicolas Born gepflegt, der im Wendland lebte. Günter Kunert hatte enge Beziehungen zu Bertolt Brecht und Johannes R. Becher.

Kunert ist in erster Linie Lyriker, hat aber auch in vielen anderen Textgattungen wie Kurzgeschichten, Erzählungen, Kinderbüchern und Essays reüssiert: z.B. „Abtötungsverfahren“ (1980), „Stilleben“ (1983), „Erwachsenenspiele. Autobiographie“ (1997), „Die Intellektuellen als Gefahr für die Demokratie“ (1999), „Die wunderbaren Frauen“ (2008). Seine Markenzeichen sind Nüchternheit und Skeptizismus, er erscheint in vielen Zusammenhängen lakonisch. Bei ihm ist alles klar und explizit. „Das führe ich auf zwei Gegebenheiten zurück. Erstens: Ich bin einfach kein DDR-Schriftsteller gewesen. Ich lebte da eine gewisse Zeit. Das war aber auch schon alles. Ich bin ein entheimateter Mensch. Auch meine Bindung an Berlin ist nicht doll. Ich hätte ja nach der Wiedervereinigung zurückgehen können. Immerhin besaß ich ein Haus in Buch. Aber ich wollte nicht. Das war abgetan. Zweitens: Die deutsche Tiefsinnstradition bedeutet mir nicht viel. Meine Idole waren amerikanische Lyriker wie Edgar Lee Masters oder Carl Sandberg. Die sind meine Heimat, wenn Sie das Wort unbedingt hören wollen, das heute wieder so hoch im Kurs steht. Ich halte aber nicht viel davon.“

Von Günter Kunert soll 2019 bei Wallstein der Roman „Die zweite Frau“ erscheinen, den der Schriftsteller nach vierzig Jahren „vor kurzem zufällig in einer Truhe entdeckt“ haben will (Tilman Krause, Die literarische Welt 2.3.19).

 

2297: Rechtspopulistischer Kampf gegen Theater

Freitag, Februar 22nd, 2019

Die Berliner Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus (MBR) unterstützt seit 18 Jahren Schulen und Kunstinstitutionen. In letzter Zeit widmet sie sich zunehmend Theatern, die den Angriffen von Rechtspopulisten ausgesetzt sind. Etwa bei Störungen von Aufführungen. Die MBR hat die Broschüre „Alles nur Theater? Zum Umgang mit dem Kulturkampf von rechts“ herausgegeben. Solche Störungen hat es schon gegeben beim Deutschen Theater Berlin, beim Wiener Burgtheater und beim Maxim Gorki Theater. Zum Arsenal der Störungen gehören Sachbeschädigungen, Provokationen, Hassmails, Strafanzeigen, Bombendrohungen, Einschüchterungsversuche bis hin zu Morddrohungen gegen Regisseure und Intendanten. Je mehr parlamentarischen Einfluss die AfD gewinnt, um so mehr Forderungen nach Kürzungen öffentlicher Leistungen für Theater gibt es.

Für die SZ (22.2.19) hat Peter Laudenbach interviewt den Intendanten des Deutschen Theaters Berlin

Ulrich Khuon

und die MBR-Geschäftsführerin

Bianca Klose.

SZ: Was versprechen sich Rechtspopulisten von einem Kulturkampf und Angriffen auf Kulturinstitutionen?

Khuon: Theater, Museen und andere Kultureinrichtunegn sind Orte, an denen diese Gesellschaft über ihr Selbstverständnis, ihre Werte nachdenkt. Sie anzugreifen, bedeutet eigentlich, die offene, liberale Gesellschaft anzugreifen.

Klose: Theater passen wunderbar ins rechte Feindbild der „liberalen Eliten“. Marc Jongen und andere Vertreter des rechtspopulistischen Spektrums wollen die gesellschaftlichen Folgen von

1968

am liebsten rückgängig machen. Theater sind ein Symbol für alles, was diese Leute an einer diversen, demokratischen Gesellschaft verachten. Sie sagen ganz offen, dass es ihnen um die kulturelle Hegemonie geht. In ihren Augen hat Kunst der nationalen Sinnstiftung, der völkischen Selbstfeier zu dienen. Theater ist gleichzeitig ein Feindbild und ein Schauplatz dieser Kämpfe um kulturelle Hegemonie.

SZ: Aber wenn in Theaterinszenierungen wie Volker Löschs „Das blaue Wunder“ in Dresden Pegida-Sympathisanten von der Bühne herab beschimpft werden, bewegt sich das Theater genau so in Feindbildern und Wir-gegen-die-Mustern wie Pegida.

Khuon: Das ist ja nicht alles, was das Schauspiel Dresden zeigt. Der Spielplan ist vielfältig, das ästhetische Spektrum ist breit gefächert. Jeder Regisseur hat seine eigenen Mittel. Manchmal ist der grobe Keil auf den groben Klotz vielleicht genau so richtig und wirkungsvoller als endlose Differenzierungen. …

Wenn die AfD nach den kommenden Landtags- und Kommunalwahlen bei entsprechenden Mehrheiten in Regierungsverantwortung kommen sollte, werden sie genau so handeln, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. So funktioniert Zensur in Ungarn, in Polen, in Russland – man streicht unliebsamen Künstlern und Theatern das Geld. Im Dresdener Stadtrat haben CDU und FDP vor kurzem gemeinsam mit der AfD gegen die Erhöhung von Zuwendungen für die Freie Szene gestimmt, sie hatten bei dieser Abstimmung eine Mehrheit. Das ist für die Dresdener Kultur und die betroffenen Künstler ein Riesenproblem. … Sie (die Rechtspopulisten, W.S.) wollen ein völkisch nationales Theater. Dafür kämpfen sie. Im Kern geht es für uns um nichts weniger als um die Verteidigung der

Kunstfreiheit.

 

2292: Bruno Ganz ist tot.

Montag, Februar 18th, 2019

Seine Weltkarriere  begann der 1941 in Zürich geborene Bruno Ganz Anfang der sechziger Jahre am Jungen Theater in Göttingen an der Geismarlandstraße. Zeit seines Lebens hat Ganz mit den größten Berühmtheiten des Theaters und Kinos zusammengearbeitet. Zunächst mit Kurt Hübner und Peter Zadek in Bremen, dann an der von ihm selbst mit begründeten Schaubühne in Berlin mit Peter Stein und Klaus Michael Grüber. Das waren künstlerische Aufbrüche ins höchste Format. Begleitet wurde er dabei von Schauspielern wie Edith Clever, Jutta Lampe und Michael König. Nie verlor er ganz seinen schweizerisch eingefärbten Tonfall (Jürgen Kaube, FAS 17.2.19).

Bald eroberte Bruno Ganz auch den internationalen Film. Wo er mit Regisseuren wie Ridley Scott, Wolfgang Petersen, Wim Wenders, Eric Rohmer, Francis Ford Coppola, Jonathan Demme und Alain Tanner zusammenarbeitete. 1996 bekam Ganz den Ifflandring als Zeichen für den besten deutschsprachigen Theaterschauspieler (nach dem Testament von Josef Meinrad). Er war der Lieblingsschauspieler von Botho Strauß. Thomas Bernhard widmete ihm 1974 „Die Jagdgesellschaft“ („Für Bruno Ganz, wen sonst?“). Christine Drössel (SZ 18.2.19) beschreibt, wie Ganz agierte: „begabt mit einer emotionalen Intelligenz, die seinen Figuren etwas sehr Menschliches, oft Zartes, Melancholisches gab und ihnen auch immer ein Geheimnis beließ.“ Zuletzt habe ich Bruno Ganz 2018 als Sigmund Freud in der Robert-Seethaler-Verfilmung von „Der Trafikant“ im „Lumière“ gesehen, dem ehemaligen Jungen Theater in Göttingen.

2289: Maxim Biller und die Deutschen

Samstag, Februar 16th, 2019

Maxim Biller hat es mit den Deutschen nicht leicht. Der 1960 in Prag geborene Schriftsteller versucht in einem Essay in der „Literarischen Welt“ (16.2.19) zu belegen, dass deutsche Intellektuelle, egal ob rechts oder links, in den Fallstricken der deutschen Schuld durch den Holocaust hängen bleiben. Er behauptet sogar eine Nähe zwischen rechts und links. Und, das verwundert manche gewiss, er hat recht.

Als Beispiele greift er so bekannte wie erfolgreiche Journalisten, Autoren, Regisseure, Produzenten und Wissenschaftler auf wie Frank Schirrmacher (1959-2014), Nico Hofmann (geb. 1959), Bernd Eichinger (1949-2011), Frank Castorf (geb. 1951), Botho Strauß (geb. 1944), Helmut Lethen (geb. 1939) und Harald Martenstein (geb.1953). Bei allen handelt es sich um in ihrer Branche höchst erfolgreiche Protagonisten.

Bei Schirrmacher nennt er neben seinen vielfältigen politisch korrekten publizistischen Aktionen (z.B. Walser, Reich-Ranicki etc.) dessen Lobpreis für Nico Hofmanns „Unsere Mütter, unsere Väter“. Bei Bernd Eichinger dessen „Bunker-Operette“ „Der Untergang“ (mit Bruno Ganz, gerade gestorben). „Und trotzdem war es von dort nie sehr weit zu einem Weltbild, in dem alles Westliche, Liberale und Jüdische als absolut fragwürdig, falsch und undeutsch galt, …“

„Anders kann ich mir jedenfalls nicht die anachronistische und völlig unlogische Schwäche so vieler moderner, scheinbar aufgeklärter Deutscher für

Ernst Jüngers eisigen Menschenhass erklären,

für Carl Schmitts Freund-Feind-Theorie,

für Martin Heideggers Zivilisationsparanoia,

für Gottfried Benns Emigrantenverachtung,

für Stefan Georges Verherrlichung tyrannischer Männlichkeit,

für Oswald Spenglers Untergangsträume,

für Richard Wagners gesungene und geschmetterte Deutschlandfantasien.“

„Sie alle verband nämlich neben ihrem oft sehr offenen, wütenden Antisemitismus, der interessanterweise heute niemand stört, so dass man fast denken muss, er ist sogar einer der Gründe für ihre immer weiter anschwellende Popularität – die Sehnsucht nach einer mythischen, vordemokratischen, urvolkhaften Zeit, die absolut nichts mit unserer globalen Twitter- und Foodora-Welt zu tun hat – und wahrscheinlich übt genau das auf viele der heute Dreißig- bis Fünfzigjährigen einen unwiderstehlichen Reiz aus.“

Biller sieht bei Frank Castorfs Theaterarbeit, wie an der „Volksbühne“ die Stoffe durch den „nationabolschewistischen Fleischwolf“ gedreht werden. Botho Strauß führt bei Biller einen „beleidigten Angriff auf die Heiligkeit und Liberalität unserer westlichen Lebensideen“. Von da ist es nicht weit zu Claas Relotius‘ Fälschungen. Dirk Kurbjuweit habe im „Spiegel“ 2014 Ernst Noltes „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ verteidigt, mit der der Historiker-Streit ausgelöst worden war.

Zentral ist bei Biller die Tisch- und Bettgemeinschaft des Ehepaars Helmut Lethen und Caroline Sommerfeld. Er gehörte in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zur KPD-AO (ganz links), konnte dadurch nicht in den öffentlichen Dienst und wurde erst 1996 Germanistik-Professor in Rostock. Sie war dort seine Studentin und ist heute eine führende Publizistin der „Identitären“ (ganz rechts). In den „Verhaltenslehren der Kälte“ (1994) schrieb er über die Intellektuellen der Weimarer Republik. 2018 erschienen „Die Staatsräte“, wo er die Zusammenarbeit der Gustaf Gründgens, Wilhelm Furtwängler, Ferdinand Sauerbruch und Carl Schmitt mit den Nazis thematisiert und teilweise fiktionalisiert. Caroline Sommerfeld empfindet sich als die eigentliche Hüterin der Lehre Rudolf Steiners, von dessen offenem Rassismus sich der Bund der freien Waldorfschulen in seiner Stuttgarter Erklärung erst 2007 distanziert hatte (vgl. hierzu eigens: Volker Weiß, FAS 3.2.19). Die beiden Söhne Sommerfeld/Lethens waren kürzlich der Grund für ein Zerwürfnis des Paars mit der Wiener Waldorfschule.

Maxim Biller kritisiert, dass „Spiegel“-Mann Dirk Kurbjuweit sich unfrei fühlt durch „Jahrzehnte deutscher Geschichtserziehung in Schulen, durch Medien, Bücher, durch den Historikerstreit“. Er ist angeekelt von den Sympathien der Fernseh-Journalisten von „Kulturzeit“ für die „ultranationalistischen Gelbwesten-Antisemiten“. Und er zitiert Harald Martenstein mit dem Satz: „Als ich jung war, hatte ich es in der Familie noch mit einigen echten Nazis zu tun, einige von ihnen liebte ich.“

Was Maxim Biller also an vielen deutschen Intellektuellen von links bis rechts kritisiert, sind ihre antiwestlichen Affekte, ihr latenter Antisemitismus und ihr Antimodernismus. Damit hat er leider recht.