Archive for the ‘Literatur’ Category

2470: Bildungsministerin Karliczek (CDU) für Zentralabitur

Freitag, Juli 12th, 2019

Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) spricht sich für das Zentralabitur aus. Damit unterstützt sie ihre baden-württembergische Amtskollegin Susanne Eisenmann (CDU). „Am Ende muss es nicht nur deutschlandweit dieselben Prüfungsaufgaben geben, sondern auch einheitliche Regeln dafür, welche Fächer ins Abitur eingebracht werden.“ Bislang erstellt jedes Bundesland eigene Abituraufgaben. Vor zwei Jahren haben die Bundesländer einen gemeinsamen Aufgabenpool für Mathe, Deutsch und Englisch eingeführt.

Das geht wohl noch nicht weit genug. Erstens greifen sich die Länder nur einen Bruchteil der Aufgaben heraus (Quote: etwa 15 Prozent). Zweitens können die Prüfer die Aufgaben abändern. Drittens bewerten die Länder die Ergebnisse unterschiedlich. Der Präsident des deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger kritisiert: „Welchen Sinn haben Aufgabenpools, wenn einzelne Bundesländer diese nicht in Anspruch nehmen beziehungsweise eigenmächtig nachträglich in Abiturbewertungen eingreifen.“

2017 hatte das Bundesverfassungsgericht festgestellt, dass die Bundesregierung handeln muss. Denn bei Studiengängen mit NC wie bei Medizin, sind Bewerber aus Bundesländern mit schwerem Abitur benachteiligt. Die besten Notenschnitte erzielt seit Jahren Thüringen vor Niedersachsen. Das Bundesverfassungsgericht verfügte deswegen, dass die Universitäten neben dem Abitur weitere Zugangskriterien wie Auswahlgespräche oder Tests anwenden müssen. (Ralf Pauli, taz 8.7.19)

2465: Artur Brauner ist gestorben.

Montag, Juli 8th, 2019

Er war der berühmteste deutsche Filmproduzent nach 1945: Artur Brauner, der jetzt im Alter von 100 Jahren in Berlin gestorben ist. Mit seinen Eltern war der aus Polen stammende Jude vor den Nazis in die Sowjetunion geflohen und hatte dort im Versteck überlebt. 1945 kam er nach Berlin und gründete hier seine Fimfirma CCC (Central Cinema Company). Er gab unter den Remigranten Regisseuren wie Fritz Lang („Die tausend Augen des Doktor Mabuse“), Robert Siodmak („Nachts, wenn der Teufel kam“) und Gerd Oswald eine Chance. Aber auch solchen, die unter den Nazis mitgemacht hatten: Helmut Käutner, Harald Reinl, Josef von Baky. Dabei sind dann so bemerkenswerte Filme entstanden wie „Die Halbstarken“, „Teufel in Seide“ und „Liebling der Götter“.

Seinem Hauptthema, der Verfolgung der Juden durch den Nationalsozialismus, widmete er sich von Anfang an. Seinen Film „Morituri“ (1948) wollte das damalige deutsche Publikum nicht sehen. Das wurde später anders: „Die weiße Rose“, „Eine Liebe in Deutschland“, „Hitlerjunge Salomon“. Für letzteren gab es einen Golden Globe. Das Spektrum von Brauners Produktionen reflektierte über Jahrzehnte und durch die Genres hindurch das Dilemma des deutschen Films nach 1945, dass er kein Medium für direkte politische und gesellschaftskritische Botschaften ist, sondern nur dann wirken kann, wenn er auf ein  aufgeklärtes Publikum trifft.

Die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ehrt Artur Brauner mit einer Mediathek von 21 von ihm produzierten Filmen, in denen die Shoa zum Thema gemacht wird (Fritz Göttler, SZ 8.7.19).

2463: Michael Jürgs ist tot.

Sonntag, Juli 7th, 2019

Der ehemalige Chefredakteur des „Sterns“ (1986-1990), Michael Jürgs, ist tot. Er wurde nur 74 Jahre alt. Er war Blattmacher, Rechercheur, Reporter und ein brillanter Schreiber. Seine Karriere hatte er bei der Münchener „Abendzeitung“ begonnen, als die noch einen guten Ruf hatte. Dort wurde er Feuilletonchef. 1987 zeigte der „Stern“ den toten Uwe Barschel in der Badewanne. Der Titel „Sollen die Zonis bleiben, wo sie sind?“ kostete Jürgs den Kopf als Chefredaktweur. Von 1992 bis 1994 war er Chefredakteur des Magazins „Tempo“. Sein Metier war die Aufklärung.

Seine Überzeugung: „Die Nähe zu Politikern meiden, weil die Mächtigen nur dann zu kontrollieren sind, wenn man sie im Blick behält, statt sich mit ihnen, vor allem in der Arena Berlin, bei gegebenen Anlässen vertraut blicken zu lassen. Kurzum: Unberechenbar bleiben.“ Jürgs hat Bücher geschrieben über Romy Schneider, Axel Springer, Richard Tauber und Günter Grass. Sein Interview mit Romy Schneider war so intim und einmalig, dass es Grundlage für den Film „Drei Tage in Quiberon“ (2018) sein konnte. Günter Grass hatte Michael Jürgs leider nicht verraten, dass er bei der Waffen-SS gewesen war. Und Axel Springer wurde von Jürgs nicht nur als „der Verleger“ portätiert, sondern auch als Mensch.

Leidenschaftlich attackierte Michael Jürgs diejenigen, welche die freie Presse angreifen: „Egal, wie die heißen – Trump, Putin, Orban, Höcke, Farage, Salvini, Poggenburg, Kaczynski, Gauland, Le Pen, Wilders.“

(Peter Huth, Literarische Welt 6.7.19; Michael Hanfeld, FAZ 6.7.19; Hans Leyendecker, SZ 6./7.7.19)

2445: Wibke Bruhns gestorben

Samstag, Juni 22nd, 2019

1971 las sie als erste Frau die „Heute“-Nachrichten. Große gesellschaftliche Empörung. Aber Wibke Bruhns gab sich nicht mit dem Verlesen von Texten anderer zufrieden. Sie machte eine steile journalistische Karriere. Gerüchte über ihr Verhältnis zu Willy Brandt entsprachen dem Klatschbedürfnis der Gesellschaft. WDR, „Stern“. Sie war Korrespondentin in Israel und Washington. 1989 kam sie als Moderatorin zum WDR zurück. Vor allem aber schrieb sie ein gehaltvolles und tiefgründiges Buch über die politische Entwicklung ihres Vaters, Hans Georg Klamroth aus Halberstadt: „Meines Vaters Land“ (2004). Klamroth war vom klassischen Mitläufer der Nazis zum Widerstandskämpfer geworden. Nach dem 20. Juli 1944 wurde er als Mitwisser hingerichtet. Wibke Bruhns ist im Alter von 80 Jahren gestorben (Willi Winkler, SZ 22./23.6.19; Christian Meier, Literarische Welt 22.6.19).

2441: KKR steigt bei Springer ein.

Donnerstag, Juni 20th, 2019

Der US-Finanzinvestor KKR steigt bei der Axel Springer SE ein. Damit sollen Wachstum und Investitionsvorhaben gesichert werden. Daran hält Springer trotz sich eintrübender Konjunktur fest. KKR wird für sämtliche ausstehende Springer-Aktien ein Gebot von 63 Euro je Aktie abgeben. Dem Angebot liegt eine Bewertung der Verlagsgruppe von 6,8 Milliarden Euro zugrunde.

Verlagserbin Friede Springer behält ihren Anteil von 42,6 Prozent. Vorstandschef Mathias Döpfner seinen Anteil von 2,8 Prozent. Was die Springer-Enkel Axel Sven und Ariane vorhaben, ist noch nicht klar. Sie halten einen Anteil von rund zehn Prozent. Springer gilt als einer der größten Digitalverlage Europas und gibt „Bild“ und „Welt“ heraus. Friede Springer: „Unsere journalistischen Prinzipien und unsere Unternehmenskultur bleiben die Grundlage, auf die wir bauen und in die wir vertrauen. KKR wäre ein guter Partner, der dies genau so sieht und mit dem Axel Springer die nächsten bedeutenden Schritte vollziehen könnte.“

Die Investitionsvereinbarung sieht vor, dass Axel Springer weiterhin in der Rechtsform einer europäischen Aktiengesellschaft SE geführt wird. Der Vorstand soll unverändert bleiben. Ebenso wird der Aufsichtsrat unter Führung des Vorsitzenden Ralph Büchi aus neun Mitgliedern bestehen. Der Springer-Vorstand erhofft sich vom KKR-Einstieg zusätzliche Mittel für die „Transformation zu einem digitalen Medienkonzern“ und für weitere Übernahmen. Mittlerweile erwirtschaftet Springer 74 Prozent des Umsatzes in digitalen Geschäften wie Business Insider und dem Jobportal Stopstone. Springer hat 16.350 Mitarbeiter und einen Konzernumsatz von 3,2 Milliarden Euro (Sibylle Haas, SZ 13.6.19).

 

2440: Gottfried Benns letzte Liebe

Mittwoch, Juni 19th, 2019

Manchen ist es unverständlich, dass Gottfried Benn mit so vielen Frauen zusammen sein konnte. Aber es war der Fall. Einen neuen Beleg dafür liefert

Uwe Lehmann-Brauns: Benns letzte Liebe. Berlin 2019, 111 S., 24 Euro.

Der langjährige kulturpolitische Sprecher im Berliner Senat, Lehmann-Brauns, hatte seiner Bekannten Gerda Pfau, einer Journalistin beim „Tagesspiegel“, versprochen, Benns Briefe an sie erst nach ihrem Tod herauszugeben. Kennengelernt hatte Benn sie nach seiner Trennung von Ursula Ziebarth 1955. Gestorben ist er bereits 1956.

In dem Band gibt es 30 Dokumente Benns. Gerda Pfau achtete auf äußerste Diskretion. Aber Benn begleitete sie manchmal ins Kino, wenn sie ihre Filmkritiken schreiben musste. Helmut Böttiger meint, dass derjenige sicher fündig wird, der nach Einflüssen Benns in den Rezensionen Gerda Pfaus sucht. Gottfried Benn hatte eine artistische Lust am Trivialen (Helmut Böttiger, SZ 17.6.19). Und abgesehen davon, dass er sich bei den Nazis politisch vollkommen vergaloppiert hatte (kein leichtes Vergehen), bleibt er unser größter Lyriker neben Bertolt Brecht.

2434: Jürgen Habermas 90

Sonntag, Juni 16th, 2019

Seit nicht mehr nur die Linke Jürgen Habermas antwortet, sondern auch die Rechte, ist klar, dass Jürgen Habermas im Zentrum steht. Der Philosoph, Wissenschaftstheoretiker und politische Analytiker wird 90 Jahre alt. Und er ist noch unermüdlich tätig. Auch publizistisch. Sein Lebenswerk ist riesig und für die meisten von uns unüberschaubar. Es ist in vierzig Sprachen übersetzt worden. Jürgen Habermas ist der öffentliche Intellektuelle Deutschlands, den man in der ganzen Welt kennt. Er ist der einzige deutsche Denker von Weltrang.

Als 24-jähriger Doktorand hat er sich schon 1953 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ mit dem seinerzeit noch nicht zu übergehenden Martin Heidegger (1889-1976) auseinandergesetzt. Seither war Jürgen Habermas meist führend an sehr vielen deutschen Diskursen beteiligt. Im Zeitalter der digitalen Influencer haben viele gewiss kaum noch einen Begriff davon, was das heißt. Jürgen Habermas ist der Vertreter der kritischen Theorie (vorher: Max Horkheimer 1895-1973, Theodor W. Adorno 1903-1969). Er hat sie u.a. klar gegen die seinerzeit immer wirkmächtiger werdende funktional-struktelle Systemtheorie Niklas Luhmanns (1927-1998) abgegrenzt.

Mit seiner umfangreichen „Theorie des kommunikativen Handelns“ (1981) hat uns Habermas eine Diskurstheorie an die Hand gegeben, die auf den demokratischen Vollzug aus ist. Damit wird theoretisch der „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962), die Habilitationsschrift,  produktiv weitergeführt, die damals neben der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft noch manche andere Wissenschaft bereichert hatte. Habermas geht es stets um kommunikative Interaktionen und um die Benennung von rationalen Geltungskriterien, so dass die Spannung zwischen Lebenswelt und System auszuhalten ist, ohne demokratische Ziele auf’s Spiel zu setzen.

Im Band 1.000 der „edition suhrkamp“ (1979) trat Jürgen Habermas nochmals als Mannschaftsführer der herrschenden kritischen Klasse des Landes auf, der führende Vertreter fast aller Disziplinen um sich versammelte: Alexander Kluge, Hans Mommsen, Wolfgang Mommsen, Oskar Negt, Fritz J. Raddatz, Dorothee Sölle, Martin Walser et alii. Von der neo-nationalistischen Rechten (u.a. AfD) werden diese Autoren gehasst. Es geht um die „kulturelle Hegemonie“ (Antonio Gramsci). Aber denjenigen, die Habermas nie richtig gelesen haben, gelingen regelmäßig nur neiderfüllte Apercus.

Es gab bei Jürgen Habermas auch den „Linguistic Turn“. Nach seiner Zeit im Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen in der technisch-wissenschaftlichen Welt. Er entwickelte seine Konsenstheorie der Wahrheit und eine ausdifferenzierte Diskursethik. Herausforderungen wie der Gehirnforschung ging er nicht aus dem Weg. Er bearbeitete das Problem der Willensfreiheit. Und im 21. Jahrhundert sah er sich mehr und mehr genötigt, sich für ein demokratisches Europa einzusetzen (Stephan Schlak, Die literarische Welt 15.6.19). Das hatte sich zwar enorm erweitert nach dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus, wurde aber seither und immer wieder durch nationalistische Verirrungen gefährdet. Bei der Verteidigung eines demokratischen Europas sehen wir Jürgen Habermas auf unserer Seite.

Die Titel seiner wichtigsten Publikationen sind vielfach zu stehenden Wendungen im akademischen Diskurs geworden: Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962), Erkenntnis und Interesse (1968), Technik und Wissenschaft als Ideologie (1968), Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus (1973), Theorie des kommunikativen Handelns (1981), Der gespaltene Westen (2004), Ach, Europa (2008), Zur Verfassung Europas (2011).

2417: Christoph Waltz spielt im nächsten Woody Allen-Film.

Donnerstag, Juni 6th, 2019

Oscar-Preisträger Christoph Waltz, 62, spielt im nächsten Woody Allen-Film mit, der im spanischen San Sebastian gedreht wird. Neben dem Österreicher sind weitere Darsteller der Komödie Gina Gershon, Elena Anaya und Louis Garrel. Allen ist bei der „Me Too“-Bewegung und großen Teilen des Feminismus in Verruf geraten, seit seine Adoptivtochter Dylan Farrow ihn 2018 des Missbrauchs bezichtigt hatte. Woody Allen hatte die Vorwürfe stets zurückgewiesen (dpa, SZ 6.6.19).

2408: Franz Kafka – bei Zionisten nicht beliebt

Donnerstag, Mai 30th, 2019

Franz Kafkas (1883-1924) Freund und Nachlassverwalter Max Brod (1884-1968)  floh im März 1939 „in letzter Sekunde“ aus Prag, das bereits von der Nazi-Wehrmacht besetzt war. Dabei hatte er den berühmten Koffer mit den Skripten Kafkas. Der Inhalt wurde später zum Gegenstand eines jahrzehntelangen Rechtsstreits (1973-2016), der Franz Kafkas „Process“ immer ähnlicher wurde. Die wissenschaftliche und feuilletonistische Literatur über Kafka ist – für mich, der anfangs mit der Kafka-Lektüre durchaus Probleme hatte – unübersehbar. Aber Franz Kafka hat mittlerweile seinen festen Platz in der Weltliteratur.

Diese ganze höchst komplexe Lage klärt der US-amerikanische Journalist Benjamin Balint in seinem Buch

Kafkas letzter Prozess. Berlin (Berenberg) 2019, 336 S., 25 Euro.

Balint hat umfangreich Auskunft über sein Projekt gegeben: Die Zeit, 7.3.19; Literarische Welt 11.5.19. Nun vervollständigt Wolfgang Schneider (FAZ 25.5.19) Balints Erkenntnisse.

Max Brod fühlte sich fremd im Exil in Tel Aviv, bis 1942 Ester Hoffe in sein Leben trat und für die letzten 25 Lebensjahre seine wichtigste Mitarbeiterin wurde. Schon 1952 vermachte er ihr die Kafka-Manuskripte mit sofortiger Wirkung als Schenkung, weshalb sie nicht zu seinem Nachlass gehörten. 1961 verfügte Max Brod, dass Ester Hoffe seinen eigenen Nachlass irgendwann der Universitätsbibliothek Jerusalem oder einer anderen öffentlichen Bücherei zur Verfügung stellen sollte.

Bereits 1973 klagte der Staat Israel zum ersten Mal gegen Ester Hoffe auf Herausgabe der Kafka-Manuskripte. Tatsächlich hatte das Literaturarchiv Marbach das „Process“-Manuskript ersteigert. Nach Ester Hoffes Tod 2009 strengte die israelische Nationalbibliothek gegen deren Tochter und Erbin Eva Hoffe einen Prozess an. Die Tel Aviver Richterin begründete die Wiederaufnahme des Verfahrens mit Zitaten aus Kafkas „Process“. Eva Hoffe fühlte sich bald wie eine Figur von Kafka. Verfolgt von einer undurchsichtigen Justiz. Die bedeutendsten Stücke aus Brods Nachlass lagerten mittlerweile in Tresoren in Zürich und Tel Aviv. 2016 wurde Eva Hoffe zugunsten der israelischen Nationalbibliothek enteignet. Die Forschung atmete auf, weil nun ein verlässlicher Umgang mit den Manuskripten garantiert war. Eva Hoffe starb 2018.

Interessanter als die juristischen Spitzfindigkeiten sind die Themen, die in die Argumentationen und Plädoyers eingingen. Wie „jüdisch“ war Kafka überhaupt? Sein geistiger Haushalt war von deutschen Klassikern bestimmt: Goethe, Kleist, Hebbel und Schopenhauer. Erst spät interessierte er sich für das jiddische Theater und lernte Hebräisch. Balint führt Israels Verhältnis zur Kultur der Diaspora vor. Danach gehörten jüdische Kulturgüter aus der Zeit vor der Staatsgründung 1948 unbedingt nach Israel. Im Zuge der großen „Einsammlung des Zerstreuten“. Dieser Beanspruchung Kafkas steht der starke Impuls zur Überwindung der Diaspora-Kultur gegenüber. Balint erklärt uns, dass in Israel niemals – wie in Deutschland – ein Kafka-Kult herrschte. Dort gibt es keinen Kafka-Preis und keine Kafka-Straße.

„Kafka verkörpert für die Israelis nicht zuletzt die politische Machtlosigkeit und Passivität, den Pessimismus, der aus eigener Hilflosigkeit erwächst und den die Zionisten entschieden ablehnen.“

Damit wollte die Generation der israelischen Gründer nichts mehr zu tun haben. Dort musste man in der Lage sein, notfalls als Soldat sein Land zu verteidigen. Kafka bot weniger eine Lektüre für die Überlebenden des Holocaust als für die danach zerknirschten Deutschen. Insofern hat bei Balint das Bemühen deutscher Instanzen um Kafka viel damit zu tun, „die eigene schändliche Vergangenheit zu überwinden“. Das Literaturarchiv Marbach trat im Prozess um Kafkas Nachlass als Sachwalter universalistischer Interessen auf gegen den zionstischen Partikularismus. Israel ging es um das Prestige. Mit Kafka lässt sich das internationale Ansehen verbessern.

Balint schildert die wunderbare Freundschaft zwischen Kafka und Brod, der seinerzeit selbst einer der erfolgreichsten Prager Autoren war. Er war von der Genialität Franz Kafkas überzeugt und sammelte noch jeden Schmierzettel von ihm. Bei den Verlagen war Brod Kafkas Fürsprecher. „Prozess“ und „Schloss“ mussten noch in verschiedenen Verlagen erscheinen. Der Verleger Kurt Wolff klagte über den mangelnden Absatz vom „Schloss“. Erst ab 1935 erschien eine Kafka-Gesamtausgabe im Schocken-Verlag. Viele der von Benjamin Balint präsentierten Details waren vorher bekannt, aber noch nie so schlüssig geordnet.

2406: Der Relotius-Bericht

Mittwoch, Mai 29th, 2019

Der „Spiegel“ war und ist ein stolzes Blatt. Erfolgreich hervorgegangen aus der „Spiegel-Affäre“ 1962 (Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts 1966), bekannt durch die Aufdeckung von großen Skandalen. Schatten waren später gefallen auf das Bild des Nachrichtenmagazins, weil in den frühen Jahren der Zeitschrift viele Nazis in der Redaktion arbeiteten. Rudolf Augsteins Geschichte ist weithin bekannt. Besonders stolz war man beim „Spiegel“ auf die 80-köpfige Abteilung Dokumentation, von der die Geschichten des „Spiegels“ gecheckt wurden und werden. Auch diese Abteilung hat im Fall des

Fälschers Claas Relotius

versagt. Der arbeitete überwiegend als Reporter und hatte dem Blatt rund 60 Fälschungen (in großen Teilen erfundene Personen und Begebenheiten) untergeschoben. Hinweise darauf hatte zuerst (bereits 2013) und hauptsächlich der „Spiegel“-Kollege Juan Moreno gegeben. Es handelt sich um einen der größten Skandale der deutschen Pressegeschichte. Ob sich der „Spiegel“ davon erholt, ist noch nicht ausgemacht. Angeblich gibt es bisher keine Einbußen im Anzeigengeschäft und nur wenige Abo-Kündigungen.

Der „Spiegel“ hatte eine Untersuchungskommission (Redakteure Clemens Höges und Stefan Weigel sowie Brigitte Fehrle, früher Chefredakteurin der „Berliner Zeitung“) eingesetzt, die am 24. Mai 2019 ihren Abschlussbericht vorgelegt hat. Die Berichterstatter waren Verlagschef Thomas Hass, Chefredakteur Steffen Klusmann und Brigitte Fehrle. Publiziert wird der Bericht im Blatt und bei „Spiegel-Online“. Danach trifft die Förderer des Fälschers, Ullrich Fichtner und Matthias Geyer, eine Mitschuld, weil sie die Arbeit von Relotius nicht genug überprüft hätten. Beide hätten auch wenig zur Aufklärung des Falls beigetragen.

„Die Reaktionen auf den Whistleblower Moreno sowie das Handling des Falles in den ersten Tagen und Wochen waren langsam und mangelhaft, geprägt von Vertrauen gegenüber Relotius und Misstrauen gegenüber Moreno.“

„Es wurden keine Hinweise darauf gefunden, dass jemand im Haus von den Fälschungen wusste, sie deckte oder gar an ihnen beteiligt war.“

Der Umgang mit Juan Moreno hat besonders Brigitte Fehrle geschockt. Als die fünf Faktoren für den Erfolg des Fälschers zählen die Autoren des Berichts auf:

1. die Stilform der Reportage,

2. den verführerischen Druck durch Journalistenpreise,

3. die Konstruktion des Gesellschaftsressorts innerhalb des „Spiegels“,

4. das Versagen der Abteilung Dokumentation,

5. den unzulänglichen Umgang mit Fehlern.

Eine Katastrophe für den „Spiegel“ und den deutschen Journalismus. Das ist Wasser auf die Mühlen der Neo-Nationalisten bei der AfD. Und damit noch nicht erledigt. Der „Spiegel“ betont, dass das Gesellschaftsressort wohl aufgelöst und über das Blatt verteilt wird. Das kann nicht alles sein. Wir müssen darauf achten, dass die guten und bewährten Prinzipien des traditionellen Journalismus wieder eingehalten werden. Zu viel Achtung vor „stimmigen“ Geschichten führt in die Irre. Sie müssen stimmen.

(Christian Meier, Die Welt 25.5.19; Carsten Germis/Axel Weidmann, FAZ 25.5.19)