Archive for the ‘Literatur’ Category

2557: dpa kämpft um Kunden.

Dienstag, Oktober 1st, 2019

Die Anzeigenerlöse gehen zurück. Die Zahl der Vollredaktionen sinkt. Das bringt eine seriöse Nachrichtenagentur wie die dpa (Hauptsitz Hamburg) wirtschaftlich  in Bedrängnis. Auf dem gleichen Level wie dpa arbeiten

Reuters, Associated Press (AP), und Agence France Press (AFP).

Hier gilt das Objektivitätsprinzip und die Trennung von Nachricht und Meinung. Die russischen und chinesischen Agenturen sind Propagandaeinrichtungen.

Neuerdings wollen Großkunden wie Springer mit der dpa über die Preise verhandeln. Ein schlechtes Zeichen. dpa will die Bearbeitung der Texte für die

zwölf Landesdienste

bis Ende 2020 in Berlin zentralisieren. Das kostet laut dpa-Chefredakteur Sven Gösmann etwa acht bis zehn Redakteursstellen. Der Arbeitsplatzabbau soll „sozialverträglich“ gestaltet werden. dpa bietet aber auch jüngeren Kollegen Abfindungen an. Die dpa-Mitarbeiter protestieren gegen die geplanten Sparmaßnahmen. „Für hochwertige, konzentrierte Berichterstattung bliebe deutlich weniger Zeit. Das würden auch die Kunden merken.“

Der eine oder andere dpa-Mitarbeiter muss wohl nach Berlin umziehen (E. Britzelmeier/S. Mayr, SZ 1.10.19).

2552: Rafael Buschmann wird beim „Spiegel“ nicht befördert.

Donnerstag, September 26th, 2019

Der „Spiegel“-Fälschungsfall

Claas Relotius

ist noch nicht vergessen, da wird ein neues journalistisches Fehlverhalten im „Spiegel“ bekannt. Das einst so unabhängige und unangefochtene Blatt ist in die Krise geraten. Kommt es wieder heraus?

Rafael Buschmann, 37, sollte im September 2019 zum Leiter des Investigativ-Teams des „Spiegels“ ernannt werden. Daraus wird nichts. Grund ist ein fehlender Beleg für eine Behauptung, die in einem mehr als fünf Jahre alten Artikel aufgestellt wurde. Buschmann bleibt Investigativreporter, das Team wird den Blattmachern unterstellt.

Der Text, um den es geht, stand in der Ausgabe 27/2014 und heißt „Faule Äpfel“. Darin geht es um die Voraussage des Ergebnisses des WM-Fußballspiels  zwischen Kroatien und Kamerun (4:0). Außerdem werde es in der ersten Halbzeit eine rote Karte geben. Der Informant, ein international ausreichend schlecht beleumdeter Wettbetrüger, Wilson Raj Perumal aus Singapur, hat bestritten, Rafael Buschmann diese Information gegeben zu haben. Ein Beleg dafür fehlt. Aber tatsächlich war das Ergebnis 4:0. Und in der ersten Halbzeit gab es eine rote Karte für den Kameruner Song für ein grobes Foulspiel. In dem Artikel, der am 30. Juni 2014 erschienen ist, geht Rafael Buschmann der Frage nach, ob Wettbetrug während der WM möglich sei.

„Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann hat an die Redaktion geschrieben: „Wir haben es im investigativen Journalismus nicht selten mit dubiosen Quellen zu tun, um so entscheidender ist eine belastbare Beleglage. Die aber fehlt uns in diesem Fall. Der vollständige und lückenlose Chat zwischen Wilson Raj Perumal und Rafael Buschmann liegt uns nicht vor.“ Aus heutiger Sicht würde der „Spiegel“ den Artikel „so nicht mehr drucken“. Es reiche nicht, dass „die Gegenseite ihrerseits keinen ultimativen Beleg für die Behauptung hat, wir hätten falsch berichtet. Die Beweislast fällt hier tatsächlich uns zu.“ Der Text „faule Äpfel“ wurde aus dem Netz genommen (Javier Caceres/Ralf Wiegand, SZ 26.9.19).

2546: Offener Brief gegen die Aberkennung des Nelly-Sachs-Preises

Dienstag, September 24th, 2019

Mehr als 250 internationale Autoren haben in einem offenen Brief die Aberkennung des Nelly-Sachs-Preises an die britisch-pakistanische Autorin

Kamila Shamsie

kritisiert. Zu den Unterzeichnern des Briefs in der „London Review of Books“ gehören Noam Chomsky, Michael Ondaatje, Arundhati Roy, Barbara Ehrenreich, George Saunders, Alexander Kluge und J.M Coetzee. Die Autoren fragen, was ein Literaturpreis bedeute, wenn er das Recht untergrabe, sich für Menschenrechte und Redefreiheit einzusetzen.

Die Autoren zitieren eine Erklärung von vierzig (40) jüdischen Organisationen, laut der es „sowohl dem palästinensischen Kampf für Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit als auch dem globalen Kampf gegen Antisemitismus“ schade, wenn man „antijüdischen Rassismus mit Kritik an Israels Politik“ vermische. Diese Vermischung bewahre Israel davor, sich an den Standards der universellen Menschenrechte und dem Völkerrecht messen zu lassen.

Kamila Shamsie sollte den Nelly-Sachs-Preis für ihre Romane erhalten, weil diese „auf vielfältige Weise Brücken schlagen“. Kurz darauf hatte sich herausgestellt, dass Shamsie die Organisation

„Boycott, Divest & Sanctions“ (BDS)

unterstützt, die im Mai 2019 vom Bundestag als antisemitisch eingestuft wurde. Der nach der jüdischen Lyrikerin und Nobelpreisträgerin Nelly Sachs benannte Preis wird alle zwei Jahre von der Stadt Dortmund verliehen. Laut Satzung soll er Persönlichkeiten würdigen, die „überragende schöpferische Leistzungen auf dem Gebiet des literarischen und geistigen Lebens hervorbringen und die insbesondere eine Verbesserung der kulturellen Beziehungen zwischen den Völkern zum Ziel haben“. (FXS, SZ 24.9.19)

2545: Günter Kunert gestorben

Montag, September 23rd, 2019

Der deutsche Schriftsteller Günter Kunert ist gestorben. 1929 in Berlin geboren schrieb er vor allem Gedichte. Aber auch zwei Romane, Reisebeschreibungen, Essays, Filmdrehbücher und Hörspiele. Die Nazis diffamierten ihn als „Halbjude“ (seine Mutter war Jüdin). Vom Sozialismus der DDR wurde Kunert alsbald enttäuscht (und bespitzelt). 1976 gehörte er zu den Unterzeichnern des Protests gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. 1979 ließ die DDR den unbequemen Dichter in den Westen ausreisen. Er lebte fortan in Kaisbostel (Schlewig-Holstein). 2019 erschien Kunerts DDR-kritischer Roman „Die zweite Frau“. Vor 45 Jahren hatte er das Manuskript versteckt und dann vergessen. Schließlich fand er es im Keller wieder.

Bereits zu Lebzeiten hat Kunert für sich ein Grab auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee gekauft (dpa, SZ 23.9.19).

2542: Renate Künast (Grüne) muss sich als „Drecks Fotze“ bezeichnen lassen.

Samstag, September 21st, 2019

Nach Auffassung der 27. Zivilkammer des Landgerichts Berlin (Holger Thiel, Sonja Hurek, Katharina Saar) muss sich die Grünen-Politikerin Renate Künast als „Stück Scheisse“, als „Geisteskranke“ oder als „Drecksschwein“ beschimpfen lassen. Erst „Drecks Fotze“ sei „haarscharf an der Grenze des Hinnehmbaren“. Erlaubt sei sie trotzdem.

Auch wenn wir das Gut der Meinungsäußerungsfreiheit für sehr, sehr wertvoll halten, haben wir für diese Entscheidung kein Verständnis. Es handelt sich anscheinend um ein Lehrstück dafür, wie die sehr liberale Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zur Meinungsfreiheit ins Groteske überdehnt wird (Wolfgang Janisch, SZ 21./22.9.19).

2518: „Kulturkampf“ der Neuen Rechten

Mittwoch, August 28th, 2019

An 40 Beispielen auf zwei ganzen Seiten demonstrieren Peter Laudenbach und John Goetz (SZ 28.8.19), dass die AfD zwar für manche Politikfelder noch kein Konzept hat (z.B. Rente), sich aber ganz einig ist im „Kulturkampf“, in der Abwehr „nicht identitätsstiftender“ Kultur. Davon sind betroffen Theater, Opern, Museen, Straßenkunst. Gegen viele geht die AfD mit Strafanzeigen, Störaktionen, Demonstrationen und Polemiken gegen „hohle Experimente und dümmliche Willkommenspropaganda“ vor. Dahinter steckt die Aversion gegen ein weltoffenes, liberales Kulturleben und der Versuch, Kunstinstitutionen zu diskreditieren.

Und, meine Damen und Herren, die neue Rechte darf ein eigenes Verständnis von Kultur in Deutschland entwickeln, sie darf sich einsetzen für „Identitätsstiftendes“, sie darf anderes ablehnen usw. Das tut sie auf legitime Weise, etwa in parlamentarischen Anfragen zur Finanzierung von Theatern. Dabei macht sie manchmal Stimmung gegen einzelne Künstler.

Allerdings nehmen die gewalttätigen Attacken auf Kultureinrichtungen ebenfalls zu. Die Neue Rechte hat die Kultur als ihr Kampffeld entdeckt. Und sie findet Gehör überwiegend bei denjenigen, die nicht so häufig in Opern, Theatern, Museen zu finden sind.

Dahinter steckt die Angst vor „Überfremdung“, dem Anderen, Unbekannten, Neuen, dem Experiment. Aber Angst ist bekanntlich nie ein guter Ratgeber. Ich gebe am Ende drei Beispiele:

1. Die AfD-Fraktion der Kasseler Stadtverordnetenversammlung stellt Strafanzeige wegen Veruntreuung und anderer Straftaten gegen die Leitung der documenta. Im August 2018 stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein.

2. Nachdem der am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin engagierte Schauspieler Robert Höller in einem Interview mit der „Schweriner Volkszeitung“ die „Angriffe der AfD auf Kultureinrichtungen“ als „gefährlich“ bezeichnet hatte, erklärte der Vorsitzende der AfD-Landtagsfraktion: „Dass ausgleichend zu avantgardistischen Aufführungen auch identitätsstiftende Stücke zur Besinnung auf die deutsche Leitkultur angeboten werden sollen, kann nicht verwerflich sein.“

3. Die AfD-Fraktion im Niedersächsischen Landtag will sich gegen den Willen der Überlebendenverbände in den Stiftungsrat der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten einklagen. Die Stiftung ist u.a. für die KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen zuständig. Der Niedersächsische Staatsgerichtshof weist die Klage der AfD-Fraktion zurück.

2513: „Spiegel“ kündigt Matthias Geyer.

Samstag, August 24th, 2019

Matthias Geyer war von 2006 bis 2019 Chef des Gesellschaftsressorts des „Spiegels“. Er hatte ursprünglich, gemeinsam mit Ullrich Fichtner, in die Chefredaktion aufrücken sollen. Daraus wird nun nichts. Er ist gekündigt worden. Er war ein Förderer des Fälschers Claas Relotius. Geyer wehrt sich vor dem Arbeitsgericht gegen seine Kündigung (wei, FAZ 24.8.19; E. Britzelmeier/C. Lipkowski, SZ 24./25.8.19).

2490: Zum Tod von Donn Alan Pennebaker

Dienstag, August 6th, 2019

Der 1925 geborene Donn Alan Pennebaker gehörte seit Anfang der sechziger Jahre in den USA zur Gruppe des „Direct Cinema“ („New Cinema“). Das waren Dokumentaristen, deren Erfolg auf der neuen, leicht laufenden, leisen Kamera beruhte, mit der man dicht dran sein konnte, ohne zu stören. Zur Gruppe gehörten auch Richard Leacock (1921-2011) und Albert Maysles (1926-2015). Der zentrale Film dieser Gruppe war

„Primary“ (1960),

in dem die Vorwahl bei den Demokraten zwischen Hubert Humphrey und John F. Kennedy gezeigt wurde. 1992 war es dann Bill Clinton, der im Mittelpunkt stand. Beim „Direct Cinema“ war der O-Ton wichtig, er verbürgte Authentizität. Am besten beschrieben hat das

Klaus Wildenhahn

in seinem Buch: Zum synthetischen und dokumentarischen Film. Erweiterte Neuauflage, Frankfurt 1975, S. 145-166.

Mit dem „New Cinema“ wurde die Ära der Robert Flaherty (1884-1957), Walter Ruttmann (1887-1941), John Grierson (1898-1972) und Joris Ivens (1898-1989) endgültig überwunden.

Pennebaker hat sich besondere Verdienste um den Musikfilm erworben. Er zeigt in „Don’t look back“ (1965), wie Bob Dylan Joan Baez und Donovan abservierte. Er war insofern wichtig für die „Kulturrevolution“ der sechziger Jahre. Das Monterey Pop Festival 1967 stand „in seiner Regie“. Simon and Garfunkel hatten ihren ersten großen Auftritt. Es spielten außerdem u.a. Jefferson Airplane, Jimi Hendrix und – nicht zuletzt – The Who. Hendrix wurde mit „Wild Thing“ (von den Troggs) als neuer Pop-Gott geboren. Donn Alan Pennebaker ist nun im Alter von 94 Jahren in Kalifornien gestorben (Willi Winkler, SZ 5.8.19).

2485: Bundesregierung unterstützt deutsche Kinobetreiber.

Donnerstag, August 1st, 2019

Die Bundesregierung unterstützt deutsche Kinobetreiber, die unter der Konkurrenz großer US-amerikanischer Streamingdienste wie Netflix leiden, mit Fördermitteln. Sie hat ein „Soforthilfeprogramm“ für Marketing und digitale Kundenbindung aufgelegt. Für 2019 ist es mit 5 Millionen Euro dotiert. 2020 sollen bis zu 17 Millionen Euro zur Verfügung stehen (SZ 31.7.19).

2484: Agnes Heller schwamm in den Balaton.

Mittwoch, Juli 31st, 2019

Die weltberühmte ungarische Philosophin Agnes Heller, 90, ist tot. 1944 als Fünfzehnjährige in Budapest sollte sie als Jüdin von Nazi-Mördern mehrmals umgebracht werden, entkam dem aber auf wunderbare Weise. Ihr Vater wurde in Auschwitz ermordet. Nach der Befreiung durch die Rote Armee wurde Agnes Heller, kein Wunder, Kommunistin. Ursprünglich hatte sie in Budapest Physik und Chemie studiert, bis sie eine Vorlesung des ebenso weltberühmten Sozialphilosophen Georg Lukacs (1885-1971) („Geschichte und Klassenbewusstsein“, 1923) gehört hatte. Sie wurde dessen Schülerin und Assistentin. Mit der Niederschlagung des ungarischen Aufstands gegen die Sowjetunion wurde das alles anders. Heller brach mit dem real existierenden Sozialismus und wurde, natürlich, von der Universität Budapest entlassen.

Heller sah nachträglich den ungarischen Volksaufstand genau so positiv wie ihre ältere Kollegin Hannah Arendt (1905-1976). Selbst wenn sich die beiden großartigen Philosophinnen hier geirrt haben sollten, ist das bemerkenswert. Agnes Heller formulierte eine „Theorie der Bedürfnisse“. Dort heißt es: „Damit stellt die Sowjetgesellschaft den vollständigen Gegensatz zu dem Programm dar, das der frühe Marx einmal entworfen hatte.“ Im jugoslawischen Korcula, wo sich selbständig denkende Marxisten wie Ernst Bloch, Ernest Mandel, Jürgen Habermas und manche andere trafen, wurde der Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 formuliert. Heller kriegte wieder ein Berufsverbot. Dem entzog sie sich 1977 durch eine Berufung auf einen Soziologie-Lehrstuhl in Melbourne. 1986 übernahm sie den Hannah-Arendt-Lehrstuhl an der New York School for Social Research.

Agnes Heller veröffentlichte 2017 „Eine kurze Geschichte meiner Philosophie“, in der sie ihre außerordentlich vielfältige Forschung ziemlich übersichtlich präsentiert. „Ich kam zur Konklusion, dass ich wichtige Probleme unserer Menschenrasse, wenn ich so sagen darf, unserer menschlichen Geschichte, nur aufwerfen kann, aber nicht lösen.“ Mit dem Mauerfall 1989 kehrte Heller nach Budapest zurück, behielt aber ihr New Yorker Appartment. Natürlich stand sie in Opposition zum Regime von Victor Orban, wurde wiederum antisemitisch bedroht. Am 19. Juli schwamm Agnes Heller auf den Balaton (Plattensee) hinaus und kehrte von dort nicht wieder zurück (Ralf Leonhard, taz 22.7.19; Willi Winkler, SZ 22.7.19).