Die Schriftstellerin Jagoda Marinic´zeigt in der SZ (31.10./1.11.19), dass Peter Handke die vom UN-Kriegsverbrechertribunal in den Haag festgestellten serbischen Kriegsverbrechen leugnet, die zwischen 1992 und 1995 von Serben an muslimischen Bosniern begangen worden sind. Die „Mütter von Srebrenica“ verlangen von ihm deswegen, den Literaturnobelpreis zurückzugeben. 1996 erschien in der SZ der einschlägige Handke-Text „Gerechtigkeit für Serbien“, der später in serbischen Zeitungen nachgedruckt worden ist. Der serbische General und Kriegsverbrecher Ratko Mladic hatte von seinen Anwälten verbreiten lassen, einige Massaker hätten die bosnischen Muslime wohl selbst inszeniert, um die Serben als Täter dastehen zu lassen. Die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanovic bezeichnete Handke 2007 als „Westhure“. Als sie verlangte, dass Handke statt auf die Beerdigung von Slobodan Milosecic mit einer Trillerpfeife zur Gegendemonstration gehen möge, sagte Peter Handke: „Ach, die soll sich ihre Pfeife …“
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2595: Peter Handke leugnet die serbischen Kriegsverbrechen.
Freitag, November 1st, 20192589: Michael Hanfeld über den Fälscher Claas Relotius
Samstag, Oktober 26th, 2019Der Medienredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) (26.10.19), Michael Hanfeld, ironisiert die Bemühungen des „Spiegel“-Fälschers Claas Relotius, in zwanzig Punkten dem Aufklärer Juan Moreno Fehler in seinem Buch „Tausend Zeilen Lüge“ (hier unter Nr. 2578) Fehler nachzuweisen. Entsprechende Anwälte sind eingeschaltet. Es geht um so wichtige Details, wie die Antwort auf die Frage, ob Relotius Bürotür offen oder geschlossen war etc. Man glaubt es kaum. Anscheinend möchte auch der „Spiegel“, der die Fälschungen im Wesentlichen gedruckt hat, am Ruf Morenos kratzen. Claas Relotius hatte über Jahre mehr als 50 Beiträge ganz oder zum Teil gefälscht.
2588: Antisemitismus – nüchtern betrachtet
Mittwoch, Oktober 23rd, 2019Die antisemitischen Gewalttaten sind furchtbar. Überall. Weltweit. Für uns war Halle der letzte große Anschlag. Aber es kann jederzeit wieder passieren. Bei dem allgemeinen Bedauern darüber ist eine große Portion
Heuchelei
dabei. Wie immer. Der Antisemitismus in Deutschland nach 1945 hat immer Ausmaße von 20 bis 40 Prozent gehabt. Für die DDR gibt es keine verlässlichen Zahlen. Die Westdeutschen wussten immer, dass sie ihren Antisemitismus am besten verschwiegen. Ich habe bei vielen von ihnen Versatzstücke aus den Filmen „Jud Süß“ (1940) von Veit Harlan und „Der ewige Jude“ (1940) von Fritz Hippler erlebt. Reine Propagandastreifen der Nazis. Der Holocaust mit sechs Millionen Getöteten war in seiner mörderischen Schlüssigkeit einmalig.
Insofern war es doch vollkommen verständlich, dass viele Juden nach 1945 sagten, nach Deutschland kommen wir nie mehr. Aber das darf man als Nicht-Jude nicht sagen, weil es den Verdacht hervorruft, dass man sich über die Nicht-Anwesenheit von Juden in Deutschland freuen würde.
Nach 1945 kamen viele Juden als Displaced Persons nicht aus Deutschland raus. Manche arrangierten sich mit dem Land, in dem die sozialpolitischen Verhältnisse bald besser waren als anderswo. Das zu sagen, ist wiederum politisch nicht korrekt.
Der Antisemitismus ist nicht nur wegen des Holocaust der Kern der Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, sondern auch weil er funktioniert wie eine Verschwörungstheorie. Wenn es um irgendeines der vielen Grundübel der Menschen geht, wird sogleich ein geheimes Zentrum davon angenommen. Wer wird das wohl sein?
Wenn Juden heute angesichts des anwachsenden Antisemitismus und Rechtsextremismus Deutschland verlassen wollen, kann man dafür viel Verständnis aufbringen. Auch das darf man nicht, weil es so erscheinen könnte, als freue man sich über den Weggang von Juden.
Lassen Sie uns einen Blick auf die alte These von der deutsch-jüdischen Symbiose werfen.
Ihr Dementi war der Holocaust (Nachum T. Gidal nennt das in seinem Buch „Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik“. Gütersloh 1988, „Die schöpferische Illusion von der deutsch-jüdischen Symbiose“).
Schaut man auf die Beteiligung von Juden an der Entwicklung in Deutschland seit der Aufklärung (der französischen Revolution), so kommt man auf relativ viele Menschen von großem Einfluss. Hier eine oberflächliche, ganz unsystematische und unvollständige Aufzählung. Ich zähle in der Literatur einige Österreicher und Tschechen zur deutschen Literatur:
1. Literatur: Peter Altenberg, Jean Améry, Günther Anders, Rose Ausländer, Hermann Bahr, Vicki Baum, Rudolf Borchardt, Thomas Brasch, Max Brod, Henryk M. Broder, Paul Celan, Alfred Döblin, Carl Einstein, Kurt Eisner, Lion Feuchtwanger, Leonhard Frank, Erich Fried, Egon Friedell, Ralph Giordano,Yvan Goll, Käte Hamburger, Maximilian Harden, Walter Hasenclever, Heinrich Heine, Stephan Hermlin, Georg Heym, Wolfgang Hildesheimer, Kurt Hiller, Hugo von Hofmannsthal, Franz Kafka, Mascha Kaleko, Hermann Kesten, Egon Erwin Kisch, Gertrud Kolmar, Karl Kraus, Anton Kuh, Else Lasker-Schüler, Theodor Lessing, Ludwig Marcuse, Franz Molnar, Erich Mühsam, Robert Neumann, Kurt Pinthus, Julius Rodenberg, Franz Rosenzweig, Joseph Roth, Nelly Sachs, Hans Sahl, Felix Salten, Anna Seghers, Manès Sperber, Ernst Toller, Friedrich Torberg, Kurt Tucholsky, Rahel Levin, Herwarth Walden, Jakob Wassermann, Peter Weiss, Franz Werfel, Friedrich Wolf, Karl Wolfskehl, Arnold Zweig, Stefan Zweig.
2. Verlage: die drei ersten großen deutschen Verlage in der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die jüdischen Verlage Ullstein, Mosse und Scherl. Später kamen Verleger wie Samuel Fischer und Siegfried Jacobsohn dazu.
3. Politische Theoretiker und Politiker: Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Bruno Bauer, Walter Benjamin, Ludwig Börne, Martin Buber, Moses Hess, Max Horkheimer, Arthur Koestler, Rosa Luxemburg, Karl Marx, Ferdinand Lassalle, Walter Rathenau.
4. Journalismus: Ludwig Börne, Willy Haas, Maximilian Harden, Siegfried Jacobsohn, Egon Erwin Kisch, Siegfried Kracauer, Karl Kraus, Hans Mayer, Marcel Reich-Ranicki, Julius Rodenberg, Leopold Schwarzschild, Kurt Tucholsky, Herwarth Walden, Theodor Wolff und viele andere.
5. Theater/Theaterkritik: Max Reinhard, Elisabeth Bergner, Ernst Deutsch, Siegfried Jacobsohn, Alfred Kerr, Fritz Kortner, Erwin Piscator, Alfred Polgar, Ernst Toller und viele andere (insbesondere Schauspieler und Kabarettisten).
6. Wissenschaft: Alfred Adler, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt, Walter Benjamin, Albert Einstein, Sigmund Freud, Max Horkheimer, Ernst Kantorowicz, Julius H. Schoeps, Fritz Stern und viele andere.
7. Philosophie: Moses Mendelssohn, Karl Marx, Theodor Lessing.
8. Musik: Felix Mendelssohn-Bartholdy, Giacomo Meyerbeer.
9. Im deutschen Film bis 1933 arbeiteten unzählige Juden.
Alles in allem lagen hier sehr große Potenzen, die wir zensiert und weithin selbst aus dem Land getrieben haben.
2584: Catherine Deneuve spricht über Woody Allen und Roman Polanski.
Montag, Oktober 21st, 2019In einem Interview mit der französischen Schriftstellerin, Dramatikerin und Regisseurin Yasmina Reza (60) sagt Johanna Adorjan (SZ 19./20.10.19): Catherine Deneuve hat sich neulich nicht ausschließlich negativ über Woody Allen und Roman Polanski geäußert. In der öffentlichen Meinung ist sie damit natürlich unten durch.
Reza: Sie hat meine volle Unterstützung. Man darf keine Angst haben, Dinge zu sagen, die anecken könnten. Es wäre ja nun wirklich idiotisch, sich zu einem Einheits-Schwarz-Weiß-Denken zwingen zu lassen. So ist die Welt ja nicht.
2579: Harold Bloom ist tot.
Donnerstag, Oktober 17th, 2019Mit Harold Bloom, der im Alter von 89 Jahren in New Haven (Connecticut) gestorben ist, haben wir wahrscheinlich den letzten großen Literaturkritiker verloren, der klar nachvollziehbare Kategorien kannte und seit Jahrzehnten nicht mehr jede literaturwissenschaftliche Mode, wie etwa den Dekonstruktivismus, mitgemacht hatte. Er wirkte manchmal etwas altmodisch, war aber verlässlich und überzeugend. Geboren wurde Bloom in New York als Kind jiddisch sprechender orthodoxer Juden, die aus Russland eingewandert waren. Er studierte hauptsächlich in Yale, wo er seit 1955 auch lehrte.
Bloom entwickelte die These, dass ein Schriftsteller in seinem Streben nach Originalität ständig versucht, sich von seinen Vorbildern zu lösen. Er verglich diese Situation mit dem Ödipuskomplex. Dort, wo er das Verhältnis zwischen Dichtern und ihren Werken untersuchte, stützte er sich wesentlich auf Anna Freud. Harold Bloom sah sich vor allem als Leser, der sich von Literatur auch ergreifen lassen wollte. Das war ihm bei der aufkommenden Literatur von Frauen, Schwarzen, Einwanderern und Autoren aus der dritten Welt nicht immer möglich. Dadurch wurde er zu einem Verteidiger der Literatur „toter weißer europäischer Männer“ (dwems). Er stemmte sich gegen den Niedergang der westlichen Kultur, was heute weithin nicht mehr als politisch korrekt gilt.
Seit den achtziger Jahren hat Bloom mehrfach versucht, einen Kanon zentraler Literatur der westlichen Welt zu bestimmen. 1994 benannte er dazu 26 Autoren (22 Männer und vier Frauen): William Shakespeare, Dante Alighieri, Geoffrey Chaucer, Miguel de Cervantes, Michel de Montaigne, Molière, John Milton, Samuel Johnson, Johann Wolfgang Goethe, William Wordsworth, Jane Austen, Walt Whitman, Emily Dickinson, Charles Dickens, George Eliot, Leo Tolstoi, Henrik Ibsen, Sigmund Freud, Marcel Proust, James Joyce, Virginia Woolf, Franz Kafka, Jorge Luis Borges, Pablo Neruda, Fernando Pessoa, Samuel Beckett. Das begeistert mich. Obwohl natürlich nicht zu verkennen ist, dass wir es hier mit einer anglo-amerikanisch zentrierten Liste zu tun haben. Als Deutscher würde ich noch nennen Georg Büchner und Bertolt Brecht. Aber mit seinem Kanon gibt Harold Bloom uns als denjenigen, die nicht so viel gelesen haben wie er, die Möglichkeit, uns davon abzugrenzen und eigene Vorschläge zu machen.
Als 2003 ein US-amerikanischer Autor, den Bloom nicht sehr schätzte, ausgezeichnet wurde, nannte er vier „amerikanische Schriftsteller“, die noch am Werk sind und die unsere Anerkennung verdienen: Thomas Pynchon, Philip Roth, Cormac McCarthy und Don DeLillo. Wer wollte da widersprechen.
2578: Juan Moreno: „Tausend Zeilen Lüge“
Mittwoch, Oktober 16th, 2019Der freie „Spiegel“-Mitarbeiter Juan Moreno (47) analysiert in seinem Buch, wie es dazu kommen konnte, dass der Reporter Claas Relotius über Jahre so vielfältig gefälschte Beiträge im „Spiegel“ unterbringen konnte:
Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus. Berlin (Rowohlt) 2019, 285 Seiten.
Das Buch hat 18 Kapitel, denen je ein Motto vorangestellt ist, das sich meistens direkt auf den Konflikt um Relotius bezieht. So schreibt „Spiegel“-Chefredakteur Steffen Klusmann vor der Einleitung (S. 22): „Worauf ich häufig angesprochen werde: das Buch, das Juan schreiben wird. Ich kann und will ihm das nicht verbieten (er ist freier Mitarbeiter), und ich will das auch gar nicht. Ein Buch über den Fall wird es so oder so geben. Und da ist es mir lieber, es schreibt einer, der wirklich nah dran war, und nicht irgendein Honk.“
Juan Moreno hat den Fall des Fälschers Claas Relotius ziemlich allein aufgeklärt. Gegen den „Spiegel“, insbesondere gegen die Ressorts „Dokumentation“ und „Gesellschaft“. Die Chefs der „Gesellschaft“ waren seinerzeit Ullrich Fichtner und Matthias Geyer. Die sind mittlerweile weg. Auch der Chef der Dokumentation und der zuständige Sachbearbeiter haben das Blatt verlassen. Der Grund für die Schwierigkeiten lag darin, dass Relotius im Hause so überaus beliebt war, ein „Jahrunderttalent“ (S. 31). Er galt als bescheiden, zurückhaltend, sachbezogen. So hat ihn auch Moreno erlebt. Aber er war nur ein Hochstapler und raffinierter Fälscher. Das zog sich über Jahre. Mehr als fünfzig Relotius-Beiträge waren ganz oder in Teilen gefälscht. Meist begnügte sich der Reporter mit der Vorrecherche, um dann im journalistischen Kämmerlein um so süffiger zu formulieren. Das, was die Leser lesen wollten (heute Blase genannt).
Moreno schreibt dazu: „Ob es nur eine Frage der Zeit war, bis er aufgeflogen wäre? Ich bin davon nicht überzeugt. Claas Relotius stand wie gesagt kurz davor, Ressortleiter zu werden.“ (S. 223).
Verständlicherweise wird viel darüber nachgedacht, ob die Gattung der „Reportage“ anfällig ist für Hochstapler, „Menschenfänger“ (S. 245) und Betrüger. Das tut auch Moreno. Dabei wissen wir doch seit Egon Erwin Kisch (1885-1948) („Schreib das auf, Kisch!“), dass jede Art von Information im Kern Werbung ist und dass Kisch nicht etwa die Wirklichkeit beschrieben hat, sondern lange und intensiv an seinen Texten feilte. Jede journalistische Auswahl ist Parteinahme. Das besagt noch lange nicht, dass das System des westlichen Journalismus falsch ist mit der Objektivitätsforderung an Nachrichten und der Trennung von Nachricht und Meinung. Die Alternative sind Agitation und Propaganda (Lenin).
Wir wissen auch, dass in Zeiten zurückgehender verkaufter Auflagen und Werbeerlöse selbst ein heute immer noch mächtiges Blatt wie „Der Spiegel“ an Verkaufsförderung (S. 260) denken muss. An gut lesbare Geschichten. Die trotzdem wahr erscheinen. Das alles hat die Fälschungen von Relotius befördert. Und das Publikum tut so, als sei es ausschließlich an der Wahrheit interessiert, fährt aber auf gefälschte Geschichten ab. Moreno hält trotzdem an den üblichen journalistischen Grundsätzen fest und bekennt sich als Fan der Reportage. Muss er das?
Was die Problemlage verschärft, sind die unzähligen Journalistenpreise in Deutschland. Über 500 sollen es sein. Sie bringen den Trend zu gefälligen, passenden, letztlich beruhigenden Geschichten, die unsere Vorurteile bestätigen, mit sich. Wir schauen jetzt vorsichtshalber nicht, wer in den einschlägigen Jurys saß. Elke Heidenreich (76) hat gerade mitgeteilt, dass sie Journalistenpreise ablehnt und deswegen nie in einer Jury war.
Moreno schreibt: „Die Verbreitung der Falschmeldungen wird durch Algorithmen und sogenannte Bots unterstützt. Mit anderen Worten: Propaganda im digitalisierten Zeitalter. Das Phänomen ist nicht neu. Hannah Arendt schrieb, dass der ‚Faschismus der alten Kunst zu lügen gewissermaßen eine neue Variante hinzugefügt hat – die teuflischste Variante, die man sich denken kann – nämlich: das Wahrlügen.'“ (S. 272) Das gilt um so mehr in einer Zeit, in der Menschen wie Donald Trump und Boris Johnson die Agenda bestimmen.
Deswegen brauchen wir heute mehr als je zuvor im Journalismus Typen, die sich von den Verlockungen der Fake-News nicht verleiten lassen. Die so „grau“ sind wie die Welt, so schreibt es Moreno, weder schwarz noch weiß (S. 36). Und er nennt deutsche Beispiele von seriösem Journalismus: „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Das trifft zu. Aber wir wissen, das auch sie schon von Fälschungen betroffen waren. Wir denken außerdem an die „Hitler-Tagebücher“ („Stern“ 1983) und Tom Kummer (2000). An dieser Stelle kann unser Problembewusstsein gar nicht hoch genug sein. Damit Claas Relotius als „Problem“ des schwierigen zeitgenössischen Journalismus gesehen wird und nicht als dessen „Lösung“ (S. 281). Juan Moreno hat dazu einen faktengesättigten Beitrag geleistet. Einen nicht unbedingt wissenschaftlichen, aber einen geeigneten.
„Ein Kollege im ‚Spiegel‘ erreichte Relotius einige Monate nach dem Ende des Skandals. Relotius behauptete, dass er gerade in einer Klinik in Süddeutschland sei. In Behandlung. Ihm werde da geholfen. Die Ärzte würden Fortschritte sehen. Es sei ihm immer nur darum gegangen, die Kollegen, seine Freunde, nicht zu enttäuschen. Das sei das Wichtigste überhaupt. Tags darauf traf dieser Kollege eine ‚Spiegel‘-Sekretärin. Die Frau hatte Relotius gerade auf dem Fahrrad gesehen. In Hamburg.“ (S. 284 f.)
2577: „Ich habe das Getto überlebt.“
Montag, Oktober 14th, 2019Der US-amerikanische Schriftsteller
Louis Begley
(geboren 1933 als Ludwik Begleiter in Polen) ist bei uns durch den Roman „Lügen in Zeiten des Krieges“ (1991, dt. 1994) bekannt, ich schätze ihn sehr. Außerdem durch seine Romane über den pensionierten Rechtsanwalt Schmidt („About Schmidt“ u.a.). Als Bürger nimmt Begley kein Blatt vor den Mund. So hat er 2006 in die Debatte eingegriffen, die Günter Grass durch sein Bekenntnis hervorgerufen hatte, in der Waffen-SS gewesen zu sein. Und zwar durch die Bemerkung, auch er, Begley, sei an der Ostfront gewesen, aber „nicht als Soldat, sondern als Tier, das zur Jagd freigegeben war und umgebracht werden sollte“ (hier zit. nach W.S.: Deutsche Diskurse. Hamburg 2009, S. 180).
Nun veröffentlicht die FAS (13.10.19) im „Feuilleton Spezial“ unter dem Titel „Ich habe das Getto überlebt“ ein Betrachtung Begleys über Deutschland:
„… Was nehme ich stattdessen wahr? Eine Nation, die durch ein Zusammenwirken mehrerer Faktoren – vor allem das visionäre Werk der großen Staatsmänner Charles de Gaulle und Konrad Adenauer, die durch den Kalten Krieg entstandene geopolitische Lage, die außergewöhnlichen Anstrengungen der Deutschen, die mit aller Kraft am Wiederaufbau ihres Landes arbeiteten – ihre Stellung als eine der drei führenden europoäischen Mächte wiedergewann und zu einer treibenden Kraft wurde, der die lang anhaltende Periode von wirklichem, allerdings ungerecht verteilten wirtschaftlichem Fortschritt und Wohlstand weitgehend zu verdanken ist.
Bundeskanzlerin Angela Merkel ist für mich das Gesicht dieses neuen guten Deutschlands, eines Landes, das seinen noblen humanistischen Traditionen treu blieb, und ihr Lebensweg ist in meinen Augen zugleich Beweis und Symbol für die im Wesentlichen erfolgreiche deutsche Wiedervereinigung. Frau Merkel hat man vorgeworfen, dass sie 2015 Deutschlands Grenzen für eine übermäßig hohe Zahl von Flüchtlingen, vor allem aus Afghanistan, dem Irak und Syrien, öffnete, eine Entscheidung, die, so sagte sie, wegen der außergewöhnlichen Umstände des Krieges und der humanitären Katastrophe in diesen Ländern zwingend war. Konfrontiert mit barscher Kritik, erwiderte sie, alle die wichtigen Entscheidungen von 2015 würde sie wieder treffen. Ich unterschätze weder die extremen Schwierigkeiten, die mit der Aufnahme von über einer Million Flüchtlingen in die deutsche Gesellschaft verbunden sind, noch die Gefahr, die der Machtgewinn der AfD darstellt, einer Partei, die vom Fremdenhass jener Deutschen profitiert, die sich vom generellen wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand des Landes ausgeschlossen fühlen. Dennoch bin ich überzeugt, dass dieses Land auch in Zukunft noch lange auf die verlässliche moralische Qualität von Frau Merkels Führungsstil stolz sein kann.“
Ich bin der gleichen Meinung.
2576: Das dominante Paar: Marcel Reich-Ranicki und Günter Grass
Sonntag, Oktober 13th, 2019Als 2006 Volker Weidermanns „Lichtjahre. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute.“ erschien, war ich als Nicht-Literaturwissenschaftler begeistert wegen Weidermanns analytischem Zugriff und seiner Beschreibungsfähigkeit. Mit „Ostende“ (2014) ist ihm dann nochmals so ein Coup gelungen. Von seinen vielen weiteren Veröffentlichungen habe ich bei weitem nicht alle gelesen. Nun ist er auch noch der Chef des „Literarischen Quartetts“ und formt dieses Format nach seinen Vorstellungen. Erfolg über Erfolg. Das ruft natürlich Neider auf den Plan. Fast habe ich den Eindruck, dass davon sogar die Rezensionen zu Weidermanns
„Das Duell. Die Geschichte von Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki“. Köln 2019, 310 S., 22,70 Euro,
teilweise bestimmt sind. Gut, das übergehe ich dann.
Die Geschichte der beiden Antipoden ist weithin bekannt. Vom ersten Treffen im Hotel „Bristol“ in Warschau 1958 bis zum Tod Reich-Ranickis (2013, Grass starb 2015). Mit Höhepunkten wie der ersten und später revidierten Rezension zu Grass‘ „Blechtrommel“ (1960) oder dem Titel-Cover des „Spiegels“ 1995 zu „Ein weites Feld“. Und noch vieles mehr. Weidermann weiß das alles auch und beschriebt es sehr leserfreundlich. Das kann man ihm ja kaum vorwerfen. Der polnische Jude, der das Warschauer Ghetto überlebt hat (worüber er in „Mein Leben“ 1999 so ergreifend geschrieben hat), und der junge Deutsche, der sich kurz vor Kriegsende zur Waffen-SS gemeldet hat, sind aufeinandergeprallt. Der eine war der wichtigste Literaturkritiker in Deutschland, der andere der Großschriftsteller.
Beide waren sehr politische Autoren. Günter Grass, auf dessen politisch-analytische Unfähigkeit ich noch zu sprechen komme, hat Willy Brandt unterstützt. So gut es eben ging in jenen Zeiten. Aber nicht ganz ohne Erfolg. Er hat einmal immerhin über sich gesagt: „Es spricht nichts (oder nur Gewünschtes) gegen meine zielstrebige Entwicklung zum überzeugten Nationalsozialisten.“
Über Marcel Reich-Ranicki hat Gustav Seibt (SZ 18.9.19) geschrieben: „Als Kritiker ließ Reich-Ranicki Autoren wie Arno Schmidt, Hans Magnus Enzensberger, Heimito von Doderer, Ernst Jünger, später Thomas Bernhard, Peter Hacks, Heiner Müller so gut wie unbeachtet, er lehnte Peter Handke und Botho Strauß rundheraus ab. Der Literaturchef bewegte sich in einem streng abgezirkelten Gebiet.“ Dass er Martin Walser, der ihm den „Tod eines Kritikers“ (2002) widmete, nicht besonders mochte, verstehen wir. Walser kommt in Weidermanns Buch aber zu kurz. Ich (W.S.) persönlich schätzte Reich-Ranicki gerade deswegen so sehr, weil er klare Urteile fällte, deren Begründung ich nachvollziehen konnte. Es waren starke Urteile, bei denen sich der Kritiker nicht darum scherte, wer sich deshalb nun wieder auf den Schlips getreten fühlte oder hätte fühlen können.
Tilman Krause meint in seiner Rezension zu Weidermann (Die literarische Welt 12.10.19), er sei mit seinen 50 Jahren eventuell zu jung, um die intellektuellen und emotionalen Parameter nachvollziehen zu können, die in Deutschland mindestens bis zur Wiedervereinigung galten. Davon kann keine Rede sein. Krause arbeitet aber überzeugend heraus, dass es drei Publikationen sind, die Grass‘ literarischen Rang ausmachen:
der Roman „Die Blechtrommel“ (1959), die Novelle „Katz und Maus“ (1961) und die „historische Fantasie“ „Treffen in Telgte“ (1979).
Damit liegt er vollkommen richtig.
Günter Grass hat bekanntlich die Wiedervereinigung abgelehnt. Dazu hat Marcel Reich-Ranicki geschrieben: „Ich halte diese Verbindung von Auschwitz-Gedenken und Bedenken gegen die Wiedervereinigung für absoluten Unsinn. Diese Äußerungen gehören zu den vielen politischen Dummheiten, die wir von Grass zu hören bekommen haben.“
Volker Weidermann schreibt in seinem Buch (S. 275) klarsichtig über den Literaturnobelpreis für Günter Grass 1999 und ein „Spiegel“-Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki: „In diesem Gespräch, das im ‚Spiegel‘ am 4. Oktober 1999 erscheint, erklärt er auch, warum er sich so besonders freut, dass Grass diesen Preis bekommt. Deutschland sei einfach mal wieder dran gewesen mit einem Nobelpreis, …, und nun solle man sich mal vorstellen, Martin Walser wäre der Preis zugefallen: ‚Das wäre ein schwerer Schlag für mich. Oder gar dem dümmlichen Peter Handke! Eine Katastrophe.'“
2575: Kritik an Handke: „Apologet des Genozids“
Samstag, Oktober 12th, 2019Nach der Verleihung des Literaturnobelpreises an Peter Handke ist dieser, wie nicht anders zu erwarten, politisch scharf kritisiert worden. Hauptsächlich in britischen Medien („Daily Telegraph“, „The Guardian“, „Times“). Im Tenor wird er wegen seiner Parteinahme für Serbien und Milosevic gesehen als „Apologet des Genozids“. Das ist nicht falsch. Salman Rushdie, der gerade den „Welt“-Literaturpreis bekommen hat, hatte PeterHandke 1999 für den Titel „Idiot des Jahres“ nominiert.
Die Präsidentin des PEN America, Jennifer Egan, schreibt: „Wir lehnen die Entscheidung ab, dass ein Schriftsteller, der hartnäckig gut dokumentierte Kriegsverbrechen in Frage gestellt hat, es verdient hat, für seinen sprachlichen Einfallsreichtum gefeiert zu werden. Zu einem Zeitpunkt, in dem Nationalismus, autokratischer Führungsstil und weitverbreitete Desinformation im Aufschwung sind, hat das literarische Leben Besseres verdient.“
Der deutsche Schriftsteller Sasha Stanisic, der als Kind mit seinen Eltern den Massakern von Visegrad entkommen ist, schreibt, der Nobelpreis an Handke sei ein „weiteres Signal – Geschichte ist uns egal. Sollen andere Generationen verarbeiten. Wir belohnen Adjektive.“ (G.T., FAZ 12.10.19; Marie Schmidt/Thomas Urban, SZ 12./13.10.19)
Die Kritik ist legitim. Würden wir uns auf den Standpunkt stellen, Politik dürfe bei literarischen Preisverleihungen keine Rolle spielen, wären wir auf dem Stand von unpolitischen Glasperlenspielen stehen geblieben.
2574: Literaturnobelpreis für Peter Handke
Freitag, Oktober 11th, 2019Mit dem Literaturnobelpreis 2019 für den österreichischen Schriftsteller Peter Handke (geb. 1942) haben wohl nicht mehr viele gerechnet. Der große Einzelgänger und lebenslängliche Sprachkritiker hatte sich auf seinem literarischen und politischen Weg viele Feinde gemacht. Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) lehnte ihn ab. Seinen Durchbruch hatte Handke 1966 auf der berüchtigten Princeton-Tagung der Gruppe 47. Dort bezichtigte er die vielen anwesenden Obergefreiten und Angehörigen der Waffen SS der „Beschreibungsimpotenz“. Seine „Publikumsbeschimpfung“ kam im gleichen Jahr heraus. Handke scheute das Außenseitertum nicht und leistete sich politische Fehlurteile wie im Fall Serbiens und Milosevics. Er hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, das sowohl Romane umfasst wie Gedichte, Theaterstücke und Filmdrehbücher.
Viele seiner Titel sind sehr eindrücklich und bleiben lange im Gedächtnis, manche gingen in unsere Umgangssprache ein: „Publikumsbeschimpfung“ (1966), „Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt“ (1969), „Das Mündel will Vormund sein“ (1969), „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ (1970), „Der kurze Brief zum langen Abschied“ (1972), „Wunschloses Unglück“ (1972), „Falsche Bewegung“ (1975), „Die linkshändige Frau“ (1977), „Die langsame Heimkehr“ (1979), „Kindergeschichte“ (1981), „Der Chinese des Schmerzes“ (1983), „Versuch über die Jukebox“ (1990), „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ (1994).
Trotz seiner starken Persönlichkeit gelang Peter Handke die künstlerische Zusammenarbeit mit großen Kollegen: dem Theatermann Claus Peymann, dem Filmregisseur Wim Wenders, dem Theaterregisseur Luc Bondy. Die Literaturnobelpreisträgerin Elfried Jelinek schreibt über Handke: „Er ist ein Meister, ein lebender Klassiker.“ Handke hatte ein sehr bewegtes Privatleben, um das ihn gewiss manche Spießer beneiden (ich nenne hier nur die Schauspielerinnen Jeanne Moreau, Marie Colbin und Katja Flint). In der „Kindergeschichte“ von 1981 hat Handke beschrieben, wie er seine erste Tochter, Amina, aufgezogen hat, ein Buch, das mich stark beeindruckt.
Thomas Steinfeld schreibt über Peter Handke (SZ 11.10.19): „Als John Updike den Roman ‚Die langsame Heimkehr‘ (1979) rezensierte, lobte er die ‚messerscharfe Klarheit‘, die Handke bei der Beschreibung von Gefühlen an den Tag lege. Die Bücher W.G. Sebalds sind ohne die Sprachschule von Peter Handke nicht vorstellbar. Und Karl Ove Knausgard bewundert Peter Handke so sehr, dass er nicht nur dessen Verleger in Norwegen wurde, sondern auch die Laudatio hielt, als Peter Handke 2014 den Ibsen-Preis bekam. In einer Welt, die voller Gewissheiten sei, sagte Karl Ove Knausgard bei dieser Gelegenheit, erinnere Peter Handke uns daran, dass nichts offensichtlich sei: ‚Er besteht auf den Details, auf den kleinen Ereignissen, die unbedeutend erscheinen, die aber alles ändern, was man zu wissen meint.'“