Archive for the ‘Literatur’ Category

2670: Harry Kupfer ist tot.

Donnerstag, Januar 2nd, 2020

Mit Harry Kupfer (84) ist einer der großen Opernregisseure und Opernintendanten gestorben. Von 1981 bis 2001 war er Intendant der Komischen Oper in Berlin, die er geprägt hat. Dort hatte er viele grandiose „Heimspiele“. Zuletzt noch mit dem Countertenor Jochen Kowalski in Händels „Giustino“. Berühmt machten Kupfer aber seine „Auswärtsspiele“. 1978 „Der fliegende Holländer“ in Bayreuth. Ebenda 1988 „Der Ring des Nibelungen“ mit Daniel Barenboim am Pult. Weltweit bekannt wurden 1995 seine „Meistersinger von Nürnberg“ in Amsterdam. Dabei rehabilitierte er den Beckmesser. Harry Kupfer, ein schlagfertiger Berliner, war auf der ganzen Welt künstlerisch zu Hause. Das ging bis Tokio. Zu seinem Repertoire gehörten auch moderne Opern von Alban Berg, Leos Janacek, Benjamin Britten, Werner Henze und Christof Penderecki.

Gelernt hatte Kupfer in den fünfziger Jahren bei Walter Felsenstein und Karl Riha. Danach folgte ein Zug durch die DDR-Provinz. Dort profitierte er davon, dass er den Umgang mit Chören gelernt hatte. Debütiert hatte er 1971 in der „Hauptstadt der DDR“ mit Richard Strauß‘ „Frau ohne Schatten“ (Wolfgang Schreiber, SZ 2.1.10).

 

2663: Martha Gellhorns Reportagen

Sonntag, Dezember 29th, 2019

Die US-amerikanische Reporterin Martha Gellhorn (1908-1998) war schon als privilegiertes Kind im Weißen Haus. Ihre Mutter war eine Schulfreundin Eleanor Roosevelts. 1929 brach Gellhorn ihr Studium ab, ging nach Paris und arbeitete als Reporterin, hauptsächlich als Kriegsreporterin. Darüber veröffentlicht die Edition Tiamat ein Buch:

Martha Gellhorn: Der Blick von unten. Reportagen aus sechs Jahrzehnten. Berlin 2019, 360 Seiten, 28 Euro.

Gellhorn hatte Mitleid mit den sozial Schwächsten. Gemeinsam mit der Fotografin Dorothea Lange bereiste sie zur Zeit der großen Depression die USA. Dort traf sie auf Familien, die ihre Kinder nicht zur Schule schicken konnten, weil sie weder Kleidung noch Schuhe besaßen. Gellhorns Stil in klarster Sprache war schonungslos bis polemisch. Sie nahm kein Blatt vor den Mund.

Ende der dreißiger Jahre schilderte die Reporterin, wie Europa in den Zweiten Weltkrieg taumelte (bei klarer Kriegsschuld der Deutschen). Sie berichtete, wie tschechische Soldaten verbitterten, weil sie ihr Land kampflos den Deutschen überlassen mussten. Gellhorn schilderte einen Lynchmord von Rassisten in den USA an einem Afro-Amerikaner. Sie bewegte sich auf den ostasiatischen Kriegsschauplätzen. Gellhorns Reportagen informieren über die Vergangenheit und erklären uns viel über die Gegenwart. Von 1940 bis 1945 war sie mit Ernest Hemingway (1899-1961) verheiratet. Als Schwerkranke brachte sie sich 1998 in London um (Marlen Hobrack, taz 14./15.12.19).

 

2660: Peter Schreier ist tot.

Freitag, Dezember 27th, 2019

Peter Schreier, der jetzt im Alter von 84 Jahren gestorben ist, war als Tenor ein Weltstar (Berlin, Bayreuth, Mailand, New York, Buenos Aires), vielleicht der größte, und er war seiner Heimat Dresden eng verbunden. Im Kreuzchor hatte er seine Karriere begonnen. Sein musikalischer Fixstern war Johann Sebastian Bach. Die Balance zwischen Leidenschaft und ernstem Respekt zeichnete ihn aus. Von vielen habe ich gehört, dass man Schreiers Stimme sofort erkennen würde. Schreier sang mit einer „Schlichtheit, die dem Werk alle Chancen lässt, sich selbst zu offenbaren und scheinbar ganz aus sich heraus zu wirken“ (Helmut Mauro, SZ 27.12.19). Unnötige Manierismen gab es bei ihm nicht, auch in größter Höhe hatte er noch Reserven. Ohne opernhafte Aufbrezelungen kam er aus, Geradlinigkeit und Ehrlichkeit waren seine Parameter. „Nicht mehr behaupten, als man zu sagen hat; dies aber um so nachdrücklicher.“

Schreier begriff Musik wohl als Pflicht und Verantwortung, in zweiter Linie erst als Freude und noch weniger als Unterhaltung. Schreier war als Entdecker tätig. Schubert-Lieder hat er bekannt gemacht. Die von ihm 1972 präsentierten Lieder Felix Mendelssohn-Bartholdys bleiben im Gedächtnis. Dadurch wurde Peter Schreier wohl der persönlich berührendste unter den großen Tenören des zwanzigsten Jahrhunderts. Im Nachhinein verbinden sich viele bedeutende Vokalwerke nahezu unauflöslich mit der Stimme Peter Schreiers. Er glänzte in Wolfgang Amadeus Mozarts „Zauberflöte“, „Don Giovanni“, „La Clemenza di Tito“ und „Die Entführung aus dem Serail“. Da schimmerte große Hoffnung durch.

2658: Monika Grütters über Annie Ernaux‘ „Erinnerungen eines Mädchens“ (2018)

Mittwoch, Dezember 25th, 2019

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) schreibt über Annie Ernaux‘ „Erinnerungen eines Mädchens“ (2018):

„Die französische Schriftstellerin begibt sich auf eine schmerzhafte Reise in die eigene Vergangenheit. Sie schildert eine Urszene ihres Lebens: die erste sexuelle Erfahrung im Alter von 18 Jahren – ein Erlebnis, das keineswegs glücklich war. Annie Ernaux betrachtet ihr eigenes Ich wie eine Fremde; schonungslos schildert sie die Scham, die ihr ganzes Leben geprägt hat. Diese ‚Erinnerungen‘ sind delikat, sie sind heikel, auch als erwachsene Frau sind sie nicht leicht zu lesen. Aber viele Leser und vor allem Leserinnen werden sich und den Geist der Emanzipationsbemühungen in den vergangenen Jahrzehnten sofort wieder erkennen.“ (SZ 20.12.19)

2657: Gabriele Tergit „Effingers“ (1951)

Dienstag, Dezember 24th, 2019

Die Schriftstellerin und Essayistin Thea Dorn, die auch zum Team des „Literarischen Quartetts“ gehört, empfindet es als einen Skandal, dass Gabriele Tergits „Effingers“ (1951, Neuauflage 2019) nicht längst Teil des Kanons der deutschen Literatur ist.

„Gabriele Tergit erzählt in ‚Effingers‘ die Geschichte zweier jüdischer Familien vom Kaiserreich bis zum Holocaust. Dabei gelingt der Autorin ein doppeltes Wunder: Sie verbindet den langen Erzählatem eines Honoré de Balzac mit dem Tempo der Gerichtsreprterin aus der Weimarer Zeit; und ihr Blick auf Deutschland – Tergit selbst floh vor den Nationalsozialisten ins Exil, in dem sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1982 blieb – ist so schonungslos entlarvend wie liebevoll erinnernd. Ein bestürzendes Leseglück sondergleichen.“ (SZ 20.12.19)

2656: Maxim Biller hasst einige Schriftsteller.

Montag, Dezember 23rd, 2019

Damit er sein „Buch des Jahres“, Artur Koestlers „Sonnenfinsternis“ (1940), loben kann, muss Maxim Biller vorher seinen Hass auf drei Schriftsteller freien Lauf lassen (SZ 20.12.19).

Peter Handke ist für Biller der „Milosevic-Grabredner, Beschreibungslangweiler, Frauenschläger, Journalistenhasser, Interview-Weltmeister, Politromantiker und Betriebsopportunist“.

Botho Strauß ist für ihn ein „antidemokratischer Wurzelsepp und teutonischer Prosa-Kastrat …, (ein) sprachlich dilettierender Autor des Manifests der neuesten deutschen Rechten“.

Und Ernst Jünger empfindet Biller als „tagebuchschreibenden Schnarchopa, autoritären Oberdrecksack und Ofizierskasino-Antisemiten, dem nicht einmal die Nazis rechts und ideologiefest genug waren“.

„Bitte, lesen Sie, damit sie nicht auch noch so enden wie Handke, Jünger & Strauß, 2020 unbedingt Artur Koestlers ‚Sonnenfinsternis‘! Dann wird es, das verspreche ich Ihnen, ein richtig gutes Literaturjahr für Sie. Und auch sonst, hoffe ich.“

2646: Sigmund Freuds politischer Konservatismus

Mittwoch, Dezember 18th, 2019

Anlässlich des 90. Jahrestags des Erscheinens von Sigmund Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“ (1929) 2019 interpretiert Micha Brumlik (Die Zeit 5.12.19) den Essay, von dem mir Menschen gesagt haben, die weit mehr als ich von der Psychoanalyse verstehen, er sei wohl eine der wichtigsten Schriften des umfangreichen Freud-Werks. Ich referiere hier nur Zitate, die ich bei Brumlik gefunden habe.

„Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zu viele Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben. Um es zu ertragen, können wir Linderungsmittel nicht entbehren.“

„Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden.“

„Die Menschen haben es jetzt in der Beherrschung der Naturkräfte so weit gebracht, dass sie es mit deren Hilfe leicht haben, einander bis auf den letzten Mann auszurotten.“

„Die Absicht, dass der Mensch glücklich“ werde, ist im „Plan der ‚Schöpfung‘ nicht enthalten.“

„Keine andere Technik der Lebensführung bindet den einzelnen so stark als die Betonung der Arbeit, die ihn wenigstens in ein Stück der Realität, in die menschliche Gemeinschaft sicher einführt.“

„Der Freiheitsdrang richtet sich also gegen bestimmte Formen und Ansprüche der Kultur oder gegen Kultur überhaupt.“

Jede Kulturentwicklung ist das Produkt eines ewigen Kampfes „zwischen Eros und Tod, Lebens- und Destruktionstrieb“.

„Man fragt sich (…) besorgt, was die Sowjets anfangen werden, nachdem sie ihre Bourgeois ausgerottet haben.“

„Das Über-Ich einer Kulturepoche hat einen ähnlichen Ursprung wie das des Einzelmenschen, es ruht auf dem Eindruck, den große Führerpersönlichkeiten haben, Menschen von überwältigender Geisteskraft oder solche, in denen eine der menschlichen Strebungen die stärkste, reinste, darum oft auch einseitigste Ausbildung gefunden hat.“

Einverstanden ?

2626: Eugen Ruge „Metropol“: der alltägliche Stalinismus als Roman

Dienstag, November 26th, 2019

2011 erschien Eugen Ruges erster Roman „In Zeiten abnehmenden Lichts“, die Schilderung eines kommunistischen Veteranengeburtstags kurz vor dem  Ende der DDR. Er war gleich ein Erfolg, bekam den Deutschen Buchpreis und wurde ein Bestseller. Er hatte ungeheure Substanz. Nun publiziert der 1954 in Westsibirien geborene diplomierte Mathematiker einen Roman ähnlichen Kalibers:

Metropol. Hamburg (Rowohlt) 2019, 431 S.

Er ist benannt nach dem berühmten Hotel im Moskau der dreißiger Jahre, in dem Geheimdienstmitarbeiter der Komintern „untergebracht“ waren. Ruge betont: „Ich habe der Stalinismus-Forschung nichts hinzuzufügen.“ (S. 415)

Aber er konnte sich auf die Kaderakte seiner Großmutter Charlotte stützen (bekannt schon aus dem ersten Roman), die er in Moskau finden konnte (246 Seiten). Sie war nach ihrer Scheidung von Erwin Ruge mit Hans Baumgarten zusammen. Im Roman, der im Gestus des „Tatsachenromans“ daherkommt, Charlotte und Wilhelm. Die überzeugten Kommunisten arbeiteten beim Nachrichtendienst der Komintern. Die beiden Söhne aus der Ehe mit Ruge trifft Charlotte gelegentlich in Moskau, wohin die Familie 1933 emigiert war. Dort geraten sie in die Machenschaften des Stalinismus (es wäre gut, wenn unsere Linken das einmal ernsthaft zur Kenntnis nehmen würden). Insbesondere in die der Tschistka (1936-1938), der großen Säuberung (Opfer u.a. Sinowjew, Kamenew, Bucharin, Radek, Heinz Neumann, Tuchatschewski). Charlotte und Jean Germain, wie ihre Decknamen lauten, wurden 1936 in das Hotel „Metropol“ einquartiert. Dort mussten sie 477 Tage leben, bis sie, was nicht begründet erschien, im Auftrag der Komintern nach Frankreich ausreisten.

Bei Ruge erleben wir das Misstrauen, die Missgunst, die Verdächtigungen, die Spitzelei, die Denunziationen der Kommunisten. Bedrückend, erschreckend, unfassbar. Es geht bis dahin, dass die Beschuldigten massenhaft Dinge gestehen, die sie nie begangen haben. Eine unsägliche Rolle spielt dabei wie in der Realität u.a. der deutsche Schriftsteller

Lion Feuchtwanger,

der tatsächlich mehrere Monate im Zimmer neben Charlotte im „Metropol“ gewohnt hatte. 1937 erschien seine Eloge auf Stalin „Moskau 1937“, das die Schande seiner Verführbarkeit verewigt. Eine Verunglimpfung der deutschen Kommunisten und ein Einschleimen bei dem Massenmörder Stalin. Ein schwarzes Kapitel in der deutschen Literaturgeschichte. Charlotte und Hans konnten 1941 nach Mexiko ausreisen. Sie kamen 1952 in die DDR, wo sie als „Westemigranten“ bei der Nomenklatura keine wichtigen Funktionen mehr erhalten haben. Hans starb 1979, Charlotte 1986, ohne über ihre Moskauer Erfahrungen je gesprochen zu haben. „Jeder konnte denunziert werden. Jeder war in Gefahr. Und ebenso konnte jemand grundlos verschont bleiben.“ Das war das Schicksal von Lotte und Jean Germain.

Der Roman erzählt zudem aus der Perspektive von Hans Baumgartens erster Frau, Hilde Tal, einer Denunziantin, und Wassili Wassiljewitsch Ulrich, dem Gerichtspräsidenten bei den Terrorprozessen. Nichts Menschliches wird ausgespart. Ruge zeichnet das Grauen nicht mit ideologischem Aplomb, sondern auf einer zutiefst menschlichen Ebene von Angst, Verrat und Verschweigen. So funktionieren im Detail Diktaturen. Darin kommt auch Sex vor, und Ruge findet für die dabei zum Teil abwegigen Konstellationen eine passende Sprache, die realistisch und rückhaltlos die Abgründe aufdeckt.

In dem Roman kommen angesehene Schriftsteller, Künstler und Filmemacher vor. Sie alle sind verstrickt in die ideologischen Fallen des Stalinismus. Sie versagen moralisch und scheitern künstlerisch. Die Chefs des sowjetischen Geheimdienstes (Tscheka, GPU, NKWD) Jagoda, Jeschow und Dzierzynski spielen ihre mörderische Rolle eher am Rande. Menschliche Abgründe dominieren. „Wahrscheinlich hatte er sogar deutsche Mädchen gevögelt.“ (S. 38) „Die Menschen glauben, was sie glauben wollen.“ (S. 171) „Sie trägt in sich die Ratte des Zweifels.“ (S. 229) „Wilhelms Geheimnisse, sie will gar nichts davon wissen, sie hat es nie wissen wollen, …“ (S. 288) „Man verhaftete Hunderte, ja vielleicht Tausende, damit die entscheidenden Schläge in der Masse der Verhaftungen untergehen.“ (S.319) „Ja, ich bin eine Lügnerin, eine Betrügerin. Meine Überzeugungen sind schwach. Mir fehlt der Klassenstandpunkt. Ich bin schlecht. Ich bin unzuverlässig. Ich bin für die große Sache des Sozialismus nicht geeignet …“ (S. 351)

Eugen Ruge hat einen großen Roman vorgelegt.

2607: „Journalismus als Eiertanz“: Hans Magnus Enzensberger wird 90

Samstag, November 9th, 2019

Mit Hans Magnus Enzensberger wird ein ganz Großer der deutschen Publizistik 90 Jahre alt. Er hat sich in vielen Rollen getummelt und dabei meistens eine Führungsrolle eingenommen: als Lyriker („verteidigung der wölfe“), Essayist („Journalismus als Eiertanz“), Kritiker („Baukasten zu einer Theorie der Medien“), Zeitgeschichtler („Der Untergang der Titanic“), Leitartikler („Saddam = Hitler“), Herausgeber („Kursbuch“, „Transatlantik“), Verleger („Die andere Bibliothek“). Mangelndes Selbstbewusstsein war seine Sache nicht. Der ganze Mann ist schwer zu kennzeichnen. Deswegen zitiere ich Enzensberger hier auszugsweise als Medienkritiker, der er anfangs auch war. Mein Fach, die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, verdankt ihm manchen relevanten Text:

1. „Denn der Aberglaube, als könne der einzelne im eigenen Bewusstsein, wenn schon nirgends sonst, Herr im Hause bleiben, ist heruntergekommene Philosophie von Descartes bis Husserl, bürgerliche Philosophie zumal, Idealismus in Hausschuhen, reduziert aufs Augenmaß des Privaten.“ (Bewußtseins-Industrie 1962)

2. „Nachrichten, die nur unter Andeutungen und Anspielungen zu erschließen sind. Nicht selten setzt die Lektüre der ‚Frankfurter Allgemeinen‘ kombinatorische Fähigkeiten und detektivischen Scharfsinn voraus. Der Leser, der keine anderen Blätter zur Hilfe nimmt, sieht sich plötzlich Sachverhalten gegenüber, von denen er nichts weiß, und auf welche die Redaktion ‚zurückkommt‘, ohne sie je erwähnt zu haben.“ (Journalismus als Eiertanz. Beschreibung einer Allgemeinen Zeitung für Deutschland. 1962)

3. „Kann sich die Story also nicht auf die Objektivität der Nachricht berufen, so fehlt ihr andrerseits auch die Legitimation, die andere journalistische Äußerungsformen, wie die Glosse, der Kommentar oder der Leitartikel, für sich beanspruchen dürfen. In den Spalten der Zeitschrift selber tritt der Unterschied zutage, der hier zu machen ist.“ (Die Sprache des ‚Spiegel‘ 1957)

4. „Mit einer einzigen Ausnahme, der Walter Benjamins (und in seiner Nachfolge Brechts), haben aber die Marxisten die Bewusstseins-Industrie nicht verstanden und an ihr nur die bürgerlich-kapitalistische Rückseite, nicht ihre sozialistischen Möglichkeiten wahrgenommen. Ein Autor wie Georg Lukács repräsentiert vollkommen diesen theoretischen und praktischen Rückstand. Auch die Arbeiten von Horkheimer und Adorno sind von einer Nostalgie nicht frei, die sich an frühe, bürgerliche Medien heftet.“ (Baukasten zu einer Theorie der Medien“ 1970)

5. „Denn zu meiner Überraschung zeigte sich, dass unser wüstes Land ganz allmählich, fast hinter unserem Rücken, immer bewohnbarer wurde. Niemand schlug mehr die Hacken zusammen, niemand machte einen Diener, Autofahrer fingen an, Fußgänger an der Kreuzung passieren zu lassen, Polizisten warfen ihre Tschakos ab, Busschaffner warteten auf alte Damen, statt ihnen vor der Nase wegzufahren. … Es geschahen Zeichen und Wunder in Deutschland. Man konnte den Eindruck haben, als wäre die Republik auf dem Weg zur Zivilisation.“ (Tumult 2014)

2597: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ 70 Jahre alt

Samstag, November 2nd, 2019

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, eine der beiden großen deutschen Tageszeitungen, ist 70 Jahre alt geworden. Dazu ist noch manches zu sagen. Die Jubiläumsbeilage umfasst 32 Seiten. Es sind zahlreiche Grußbotschaften eingegangen.

So schreibt der ehemalige Bundesminister und Erste Bürgermeister Hamburgs, Klaus von Dohnanyi: „Im exponentiell beschleunigten, digitalen Zeitalter zwingt Schreiben zu mehr Sorgfalt. Drucken zu mehr Verantwortung. Ich lese drei Tageszeitungen, weil ich durch diese Filter besser und wahrhaftiger informiert werde.“

Der ehemalige Gründungsintendant des Humboldt-Forums und des British Museums, Neil MacGregor: „Ich lese täglich Zeitung, gerade weil es in der ungenauen und ärgerlichen Wendung der Internetseiten nicht ‚MEINE NACHRICHTEN‘ sind. Im Gegenteil. Eine Zeitung enthält Nachrichten, die von jemand anderem ausgewählt worden sind (aber nicht vom Eigentümer), mit anderen Vorurteilen als meinen und Einsichten, zu denen ich nie gelangen würde. Sie deckt Themen ab, die mich zwanghaft beschäftigen (Brexit), mit Meinungen, die mich zur Verzweiflung bringen. Sie greift Themen auf, von denen ich bis dahin nicht ahnte, dass sie mich interessierten, die sich jedoch als fesselnd erweisen (afrikanische Schweinepest, moderner Tanz in Mali). Sie enthält Seiten, die mich zu Tode langweilen (Gibt es jemanden, den die Psychodramen dieser gequälten Fußballtrainer wirklich interessieren?). Und jeden Tag gibt es neue Entdeckungen, neue Erkenntnisse, neue Ärgernisse. In London lese ich jeden Tag die F.A.Z., teilweise, um mir in Erinnerung zur rufen, wie verschachtelt deutsche Syntax sein kann, aber vor allem, um zu erfahren, was wirklich in der britischen Politik und der britischen Kultur vor sich geht: klarsichtig und einfühlsam – der klärende Blick von anderswo.“ (FAZ 2.11.19)