Wie US-Präsident Donald Trump hasst Briten-Premier Boris Johnson die freien Massenmedien. Deswegen möchte seine Regierung die BBC zerschlagen. Dazu soll der Haushaltsbeitrag von 154 Pfund gekippt werden, den die Briten pro Jahr zahlen. Die BBC-Charta läuft noch bis 2027. Die BBC soll gezwungen werden, den Großteil ihrer Radiostationen zu verkaufen und die Zahl der nationalen Fernsehkanäle zu reduzieren. Laut dem BBC-Vorsitzenden Clementi läuft das auf eine Zerstörung der BBC hinaus. Finanzierungsmodelle wie bei Netflix würden dazu führen, dass über die Hälfte der BBC-Programme gestrichen werden müssten (Cathrin Kahlweit, SZ 18.2.20).
Archive for the ‘Literatur’ Category
2728: Regierung Johnson will BBC zerschlagen.
Mittwoch, Februar 19th, 20202722: Thea Dorn übernimmt das „Literarische Quartett“.
Samstag, Februar 15th, 2020Am 6. März 2020 findet das erste „Literarische Quartett“ mit Thea Dorn statt. Ende 2019 hatten sich Volker Weidermann und Christine Westermann zurückgezogen. Dorn selbst war Maxim Biller in das damalige Quartett gefolgt. Dorn ist eine erfolgreiche Schriftstellerin und Journalistin, die nicht immer im Mainstream schwimmt, sondern sich Abweichungen zutraut. So hat sie 2011/2017 gemeinsam mit Richard Wagner
„Die deutsche Seele“
publiziert, in der Stichwörter wie Bergfilm, Feierabend, Gemütlichkeit, Kindergarten, Männerchor, Querdenker, Spargelzeit, Wurst und sehr viele andere reflektiert werden. Ja, darf man das denn heute noch? Kürzlich kam eine 150-seitige Studie für das Auswärtige Amt zu dem Ergebnis, dass es eine
deutsche Nationalkultur gar nicht gebe.
Das muss ich mir einmal genauer ansehen. In Dorns erster Sendung sind die Radiojournalistin Marion Brasch, die österreichische Autorin Vea Kaiser und der Verleger Jakob Augstein zu Gast. Wir schalten ein (FAZ 15.2.20; Kathleen Hildebrand, SZ 15./16.2.20).
2712: Hubert Burda 80
Samstag, Februar 8th, 2020Wenn von den Medien der „Hubert Burda Media“ die Rede ist, dann rümpfen manche die Nase. Aber das ist unberechtigt, weil im Erfolg der Burda Medien nur zum Ausdruck kommt, wie gut der Chef, Hubert Burda, spürt, was das Publikum will. Er wird schon 80 Jahre alt und kennt den Trend. Früh hat er den „Iconic Turn“ angesteuert. Bei ihm erscheinen „Focus“, „Bunte“ und „SuperIllu“ und ungefähr 600 weitere Massenmedien. „Die Hubert Burda Media“ beschäftigen 12.000 Mitarbeiter und machen einen Umsatz von 2,7 Milliarden Euro. Als Hubert Burda 1991 gemeinsam mit Helmut Markwort den „Focus“ herausbrachte, prophezeiten viele ein schnelles Ende der Zeitschrift. Dann hat das Blatt, das ich persönlich gar nicht mag, sogar den „Spiegel“ wirtschaftlich in Bedrängnis gebracht, ehe es nun selbst mit der digitalen Wende zu kämpfen hat. Hubert Burda: „Die größten Fehler in Verlagen passieren, wenn Verleger keine Ahnung von Technik und Journalisten keine Ahnung vom Verlag haben.“ (Michael Hanfeld, FAZ 8.2.20)
2707: Barbara Sukowa 70
Montag, Februar 3rd, 20202012 war sie in Margarethe von Trottas „Hannah Arendt“ die Hannah. Sie hat vielen Prominenten ein Gesicht gegeben (z.B. Hildegard von Bingen, Rosa Luxemburg). Bei Rainer Werner Fassbinder war sie in „Berlin Alexanderplatz“ (nach Alfred Döblin) die „Mietze“. 1981 hatte sie bei Fassbinder ihren Durchbruch als „Lola“. Ihr Weg zu zahlreichen großen, auch internationalen Rollen war gerade. Sie stammte aus einer Bremer Kaufmannsfamilie, war Ensemblemitglied bei der „Schaubühne“, als diese ihre große Phase hatte, und ging dann zu Ivan Nagel nach Hamburg. Im Film war sie auch die Terroristin Marianne (nach Gudrun Ensslin) in „Die bleierne Zeit“ (Margarethe von Trotta). Eine deutsche Schauspielerin. Barbara Sukowa wurde gestern 70 Jahre alt (Bert Rebhandl, FAZ 1.2.20).
2701: Werde ich durch Bildung ein besserer Mensch ?
Mittwoch, Januar 29th, 2020Mit dieser Frage beschäftigt sich sehr kundig Jan Ross, Journalist bei der „Zeit“ (16.1.20), für die er u.a. längere Zeit aus Indien berichtet hat:
1. Macht Bildung uns zu besseren Menschen?
2. „Wir alle kennen belesene, kunstsinnige und intellektuell brillante Wichtigtuer, Egoisten oder Zyniker.“
3. Bildungsdünkel grenzt „die da unten“ und „die da draußen“ aus.
4. Ein gebildeter (Geistesbildung) und guter (Herzensbildung) Mensch zu sein, hängt nur sehr bedingt miteinander zusammen.
5. Wir Deutschen, das „Volk der Dichter und Denker“, haben das schlimmste völkerrechtliche Massenverbrechen begangen, den Holocaust.
6. „Die Hoffnung auf Bildung als historische Fortschrittsenergie, aber auch schlicht als Garantie menschlicher Anständigkeit und Zivilisiertheit, scheint durch die Erfahrung gründlich widerlegt.“
7. Dass Bildung moralische Kraft besitzt, ist aber keine komplette Illusion. Den Imperialismus charakterisiert Joseph Conrad in seiner 1899 erschienenen Erzählung „Herz der Finsternis“. 1979 hat Francis Ford Coppola daraus den Film „Apocalypse Now“ gemacht.
8. „Geisteswerke schicken uns auf intellektuelle Abenteuer und machen uns mit außerordentlichen Frauen und Männern bekannt (…). Sie brechen den Käfig unserer Routine und Beschränktheit auf, sie erweitern unser Einfühlungsvermögen und unsere moralische Fantasie. Bildung ist das Gegenprogramm zu einer Mentalität, die satt und träge um sich selbst kreist. Zum geistigen und seelischen Daumenlutschertum. Zum Narzissmus.“
9. Für die britische Schriftstellerin George Eliot (Mary Ann Evans) ist „Kunst“, „die Sache, die dem Leben am nächsten kommt; sie ist ein Weg, die Erfahrungen zu mehren und unseren Kontakt mit unseren Mitmenschen über die Grenzen unserer persönlichen Bekanntschaft hinaus auszuweiten“ (1856).
10. Heute ist an die Stelle der Klassengesellschaft eine Blasengesellschaft getreten, ein Nebeneinander verschiedener Peergroups und Milieus, die sich bestens darauf verstehen, „sich in ihren Lieblingsvorstellungen behaglich einzurichten und das Unerfreuliche draußen zu lassen“.
11. Bildung beruht auf der Relativierung unserer Vorlieben und unserer Selbstgenügsamkeit, sie steht im Gegensatz zu der Vorstellung, dass wir das „Maß aller Dinge“ seien.
12. Wir können selbst herausfinden, dass viel gepriesene Werke nichts taugen oder dass sie uns nichts sagen.
13. „Der schlimmste Feind – der wahre Gegenspieler – des gebildeten Menschen ist nicht der Barbar: Es ist der Spießer, der alles auf sich bezieht, alles schon zu wissen meint und selbstzufrieden in seinem Denken und Dasein ruht.“
14. Sigmund Freud hat die großen Kränkungen benannt, welche die Psychoanalyse (Wir sind nicht die Herren im eigenen Haus.) und große wissenschaftliche Erkenntnisse wie der Heliozentrismus (Die Erde ist nicht der Mittelpunkt der Welt.) und die Evolutionstheorie (Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung.) darstellen.
15. Ein zentraler Bestandteil von Bildung ist die Fähigkeit zur Bewunderung. „Bewunderung macht nicht klein. Ebenso wie Achtung oder Verehrung hat sie nichts mit Unterwürfigkeit zu tun und nichts mit Gehorsam; man schuldet sie niemandem und keiner Sache, sie wird freiwillig gegeben. Sie ist ein Ausdruck innerer Größe: davon, dass man gelten lässt und gönnen kann.“
2700: Was ist Bildung ?
Dienstag, Januar 28th, 2020Die US-amerikanische Historikerin Lorraine Daston, 68, hat das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte geleitet. Sie gibt uns ihren Begriff von Bildung:
„Für mich ist das Wort ein Fremdwort. Und ein sehr deutsches Wort. Bildung kommt von Abbildung – und bis Ende des 18. Jahrhunderts war damit wirklich nur ein Bild gemeint. Erst durch Goethe hat das Wort die Bedeutung von
‚gestalten, sich formen‘
angenommen. Es bleibt bis heute sehr von der deutschen Tradition der Romantik und des Individualismus geprägt. Anders als das englische ‚education‘ oder ‚upbringing‘ hat der Begriff Bildung keine kollektive Dimension.“ (Die Zeit 16.1.20)
2699: Paul Celan – rätselhaft, widersprüchlich und fremd
Montag, Januar 27th, 2020Briefe waren für Paul Celan (1920-1970) sehr wichtig. Uns können sie zum Verständnis dienen. Neben anderen sind in der letzten Zeit Celans Briefwechsel mit Nelly Sachs (1993), Gisèle Celan-Lestrange (2001), Ilana Shmueli (2004), Peter Szondi (2005) und Ingeborg Bachmann (2008) erschienen. Eine faszinierende Lektüre, die uns allerdings nicht immer aufklärt. Nun ist ein neuer Band erschienen:
Paul Celan: „Etwas ganz und gar Persönliches“. Briefe 1934-1970. Ausgewählt, herausgegeben und kommentiert von Barbara Wiedemann. Berlin (Suhrkamp) 2019, 1.286 S., 78 Euro.
Bei insgesamt 691 Briefen enthält er 330 „Erstdrucke“. Helmut Böttiger (SZ 27.1.20) bestreitet das, er sieht den ganzen Band kritisch. Je mehr wir über Paul Celan erfahren, desto widersprüchlicher und rätselhafter wird sein Bild. Ja, sagen wir es offen, dass der Dichter aus Czernowitz uns in mancher Hinsicht fremd bleibt. Sein Judentum war nicht religiös und mystisch, sondern ganz auf zeitgeschichtliche Erfahrungen gegründet. Von 1940 bis 1945 hatte Celan den Nazi-Terror in der Bukowina miterlebt. Er überlebte in einem Arbeitslager. Seine Eltern wurden von den Nazis ermordet.
Celans weiterer Weg führte ihn über Bukarest und Wien nach Paris (1948), wo er auch als Übersetzer tätig war. Seine poetischen Wurzeln lagen bei Stefan George, Georg Trakl und, vor allem, bei Rainer Maria Rilke. Bei den „Obergefreiten“ der Gruppe 47 fand er 1952 in Niendorf/Ostsee kein Verständnis, als er die „Todesfuge“ vorlas. Bei der Gruppe 47 war Celan danach nie mehr. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich 1979 bei der Analyse von Marvin Chomskys Hollywood-Fernseh-Serie „Holocaust“ meinen Studenten die „Todesfuge“ vorgelesen habe.
Schwer verständlich sind manche Züge Celans. So traf er sich 1967 zum ersten Mal mit Martin Heidegger, der Celans Gedichte studiert hatte. Gemeinsam wanderten sie nach Todtnauberg. Celan galt als Linker. Aber kaum in dem westeuropäischen Sinn von 1968. Celan wechselte Briefe mit Rolf Schroers, der im Zweiten Weltkrieg die „Abwehr“ von Partisanen in Italien kommandiert hatte. Unter dem Antisemitismus litt Paul Celan am meisten. Das kommt uns heute wieder verständlicher vor.
Helmut Böttiger kritisiert die Briefauswahl Barbara Wiedemanns als zu willkürlich. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sie 2020 „Paul Celan – ein Leben in Briefen“ herausbringen will. Ob die Herausgeberin dabei nach Böttigers Meinung stets die „spezifische Dynamik“ des Verhältnisses von Ingeborg Bachmann und Paul Celan erfasst, muss offen bleiben. Celans zahlreiche Liebesbeziehungen sind für manche wohl zu fremd. Im neuen Band wird erstmals die Beziehung zu Inge Waern erwähnt, einer Freundin von Nelly Sachs. Ihretwegen hatte Celan 1964 anscheinend seine Übersiedlung nach West-Berlin erwogen. An den DDR-Lyriker Erich Arendt schrieb Celan: „Ich sagte Ihnen schon, wie einsam wir sind; wir sind es auch mit unseren Vorstellungen vom Arbeiten und Leben.“ (Oliver Jungen, FAZ 21.12.19; Eberhard Geisler, taz 6.1.20)
2687: Tippi Hedren 90
Samstag, Januar 18th, 2020Sie hat nur in zwei Filmen von Alfred Hitchcock gespielt: „Die Vögel“ (1963) und „Marnie“ (1964). Aber das hat genügt, um sie zum Star zu machen: die 1930 in Minnesota geborene Tippi (eigentlich: Nathalie Kay) Hedren. Auch „Marnie“, der zunächst nicht erfolgreich war, ist heute ein Kultfilm. Hedren spielt eine Kleptomanin, ihr Filmpartner: Sean Connery. Damit gehört sie in die Reihe von „Hitchcocks Blondes“ (u.a. Joan Fontaine, Ingrid Bergman, Kim Novak, Grace Kelly, Tippi Hedren).
In ihrer Autobiografie erzählt Tippi Hedren, „wie Hitchcock sie befingert, sie sexuell belästigt und ihr nachgestellt habe“ (Verena Lueken, FAZ 18.1.20). Der hässliche, dicke Mann nahm sich Sachen heraus, die heute vollständig geächtet sind. Auf die Frage, was sie empfinde, wenn sie seinen Namen höre, sagte sie in einem Interview, als die #MeToo-Bewegung bereits im Gange war: „Dankbarkeit und Abscheu, Respekt und Fassungslosigkeit.“ In „Die Vögel“ verkörpert Hedren Angst, Panik und Verletztheit in Perfektion. Bald danach verschwand sie aus der Filmwelt.
Die großen Hollywood-Karrieren haben ihre Tochter Melanie Griffith und ihre Enkelin Dakota Johnson („Fifty Shades of Grey“) gemacht (Fritz Göttler, SZ 18./19.1.20).
2676: Die Moskauer
Freitag, Januar 10th, 2020Es ist so gewesen, dass die DDR, die neuen Bundesländer und Ostdeutschland in der Gegenwart hier und da falsch beurteilt worden sind. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Es lag nicht nur an der Unfähigkeit zur Analyse. Meistens stand keine böse Absicht dahinter. Was aber bisher – erstaunlicherweise – kaum berücksichtigt wurde, ist das System des
Stalinismus.
Seit die russischen Quellen ungefähr ab 1989 jedenfalls partiell geöffnet worden sind, können wir uns umfassender darüber informieren. Das ist auch das Verdienst von
Andreas Petersen: Die Moskauer. Wie das Stalintrauma die DDR prägte. Frankfurt/Main (S. Fischer), 361 Seiten.
Das Phänomen des Stalinismus erstreckte sich seit dem ersten Fünf-Jahres-Plan der Sowjetunion (SU)
1929 bis ungefähr zum Anfang der sechziger Jahre (1962),
als die „Rückführung“ deutscher Kommunisten aus der SU für abgeschlossen erklärt wurde. Tatsächlich war der Stalinismus in der DDR bis zum Ende (1989) virulent. Das zeigt Petersen auf ziemlich meisterhafte Weise, auch wenn er stilistisch seinen bemerkenswerten Erkenntnissen nicht immer ganz gewachsen ist.
Petersen stützt sich auf Vorarbeiten solch hervorragender Autoren wie Wolfgang Leonhard, Hermann Weber, Margarete Buber-Neumann, Carola Stern, Jörg Baberowski und anderen.
Das System des Stalinismus zeigt sich besonders deutlich in den folgenden Erscheinungen:
– Misstrauen,
– Bespitzeln,
– Denunzieren,
– Lüge,
– ideologische Intoleranz,
– Verrat,
– Folter,
– Gewalt,
– Mord und Massenmord (Archipel Gulag; viele entscheidende Erkenntnisse verdanken wir dem russischen Schriftsteller Alexander Solschenyzin),
– Personenkult,
– hierarchische Ordnung,
– Propaganda/Agitation,
– systematisches Beschweigen des Terrors,
– und anderen Merkmalen.
Im System des Stalinismus kommen Kommunisten nicht nur als Täter vor, sondern gerade auch als Opfer, das sollten wir nie vergessen. Ungefähr 10.000 deutsche Kommunisten gingen in den dreißiger Jahren in die Sowjetunion, nicht einmal die Hälfte kam zurück. „Stalin hat mehr deutsche Kommunisten ermordet als Hitler.“ Die Rückkehr in die SBZ bzw. DDR erfolgte in Wellen, 1945-1947, mit den letzten deutschen Kriegsgefangenen 1955, in den sechziger Jahren. Die meisten der Rückkehrer haben sich zum Stalinismus erst nach 1989 erklärt. Wenn überhaupt.
Kennzeichnend für die Phase des Stalinismus (im Weltkommunismus) waren:
1. die völlig falsche „Sozialfaschismus“-These 1929, die besagte, dass nicht die Faschisten die Hauptgegner des Kommunismus waren, sondern die Sozialdemokraten. Diese haben ihre politische Verunglimpfung überall teuer bezahlt.
2. die Tschistka (die große Säuberung mit Schauprozessen) 1937-1939, also die Ermordung von Millionen Menschen in der SU, darunter vielen „treuen Genossen“.
3. der Hitler-Stalin-Pakt 1939 (mit der darin verabredeten Aufteilung der politischen Einflusszonen und der Unterwerfung und Teilung Polens in einem Geheimvertrag).
4. Stalins Tod im März 1953.
5. 17. Juni 1953 in der DDR.
6. Der XX. Parteitag der KPdSU 1955, auf dem Generalsekretär Nikita Chruschtschew erstmals den Stalinismus charakterisierte.
7. Der 13. August 1961 mit dem Bau der Mauer in Berlin.
Von 1945 an gab es innerhalb der kommunistischen Exilanten einen Machtkampf zwischen den Moskauer Stalinisten, den Westexilanten und den Insassen von Nazi-Konzentrationslagern. Für die Führung in der SBZ vorgesehen waren nur die Moskauer. Auf Grund des Prestiges von KZ-Insassen hat es dann doch einige Zeit gedauert, bis die Moskauer sich gänzlich durchgesetzt hatten. Die Person, an der das am besten verstanden werden kann, ist der klassische Politfunktionär Walter Ulbricht.
Davon betroffen waren aber ebenfalls Wilhelm Pieck, Otto Grotewohl, Franz Dahlem, Wilhelm Florin, Hermann Matern, Fred Oelßner, Hugo Eberlein, Paul Wandel, Erich Mielke, Karl Maron, Erich Bolz, Johannes R. Becher, Otto Winzer, Hermann Ducker, Karl Schirdewan, Bernard Koenen, Ottomar Geschke, Paul Merker, Max Fechner, Erich Gniffke, Erich Mückenberger, Hermann Axen, Kurt Hager, Lex Ende, Rudolf Herrnstadt und viele andere, die hier nicht alle genannt werden können. Im deutschen Stalinismus gab es wie anderswo auch starke antisemitische Einschüsse.
Insbesondere während des Hitler-Stalin-Pakts 1939 bis 1941 wurden deutsche Kommunisten an die Gestapo verraten und an sie übergeben. Willi Münzenberg trat damals aus der KPD aus. Im Spanischen Bürgerkrieg tobten ebenfalls die inner-kommunistischen Fraktionskämpfe mit mörderischer Gewalt. Es gab viele Selbstmorde. Das Konzentrationslager Buchenwald wurde von 1945 bis 1950 zu einem sowjetischen Speziallager umgewandelt.
In den Nazi-Konzentrationslagern waren die Kommunisten am besten organisiert. Das darf nicht vergessen werden. Vielfach kam es aber auch zu einer moralisch unvertretbaren Zusammenarbeit (nicht zuletzt durch das Kapo-System). Bruno Apitz‘ Buch „Nackt unter Wölfen“ (die literarische Gründungsurkunde der DDR) und der darauf aufbauende Film pflegten die Legende vom heroischen kommunistischen Widerstand. Die kommunistische Führung wusste es besser, sorgte aber dafür, dass Verfehlungen von Genossen geheimgehalten wurden.
Stalin wurde von vielen Schriftstellern und Künstlern „gehuldigt“. Dabei sind in erster Linie zu nennen Lion Feuchtwanger, der mit der DDR nichts zu tun hatte, und der spätere DDR-Kultusminister Johannes R. Becher. Zum 17. Juni 1953 hat sich sogar Bertolt Brecht missverständlich geäußert. Beeindruckend ist das von der kommunistischen Führung angeordnete Schweigekartell dem Stalinismus gegenüber. Es funktionierte so gut, weil viele Genossen ihre eigene Mitschuld kannten. Viele waren traumatisiert. Sie waren geübt in Parteidisziplin. Dies alles hat große Auswirkungen auf die DDR gehabt. Manches kam erst nach 1989 zur Sprache. Eher spärlich.
„Die alten Genossen wussten alles, sie kannten die Schicksale, den Schrecken der Stalin-Jahre, aber auch ihren eigenen Verrat und die Scham über ihr Verhalten. Auch Kommunisten, die mit dem System brachen und den Terror genau beschrieben, wie Herbert Wehner, Julius Hay und Ernst Fischer, verschwiegen ihre eigene Rolle im Räderwerk der Menschenfalle. Man hatte eben selbst das System betrieben, das einen schließlich überrollt hatte.“ (S. 275) Und die Jungen verlangten keine Aufklärung. „Egon Krenz ist der Repräsentant jener pensionsreifen Berufsjugendlichen, die lebenslang vor dem politischen Vatermord zurückschreckten.“ (S. 263)
Auf den Seiten 277 bis 284 gibt Andreas Petersen einen tiefen Einblick in das Leben der Familie Wolf, einschließlich der Geliebten und Hausangestellten. Die Familie Wolf stellte den Schriftsteller Friedrich Wolf („Zyankali“), den Geheimdienstmann Markus Wolf und den Filmemacher Konrad Wolf („Ich war neunzehn“). Mit Familie Wolf war privat verbunden die Familie Lochthofen. Sie kam 1958 aus der Sowjetunion zurück. Gar kein Stalinist mehr war Sergej Lochthofen, der im 21. Jahrhundert lange Jahre der Chefredakteur der „Thüringer Allgemeinen“ (in Erfurt) war. Artur Koestler, der Autor von „Sonnenfinsternis“ (1940), hat über den Stalinismus geschrieben: „Der Glaube ist ein wundersames Ding, er kann nicht nur Berge versetzen, er kann den Gläubigen auch überzeugen, dass ein Hering ein Rennpferd ist.“ (S. 266)
2672: 60. Todestag Albert Camus‘
Sonntag, Januar 5th, 2020Albert Camus (1913-1960) hat bei den französischen Intellektuellen lange Zeit nicht den Rang eingenommen wie Jean-Paul Sartre (1905-1980). Dafür aber mit seinen Millionenauflagen weltweit bei seinen Lesern. Während Sartre der Ideologe war, der schließlich sogar die kommunistische Unterdrückung von Volksaufständen rechtfertigte (1953, 1956), kritisierte Camus Ideologien als unmenschliche Systeme. Für seine Philosophie des Absurden gibt es zwei Hauptwerke: „Der Mythos von Sisyphos“ (1942) und „Der Mensch in der Revolte“ (1951). Bei Camus muss das menschliche Streben nach Sinn in einer sinnlosen Welt vergeblich bleiben, es ist aber nicht ohne Hoffnung. Auf Menschlichkeit und Liebe. Vor sechzig Jahren ist er bei einem Autounfall gestorben.
Die Geschichte hat seit langem Camus gegenüber Sartre Recht gegeben. Das kommt vor allem im Umbruch von 1989 zum Ausdruck. In seiner Dankesrede 1958 zur Verleihung des Literatur-Nobelpreises sprach Camus davon, dass er vor allem „reich an Zweifeln“ sei. Mittlerweile wird Camus auch in Frankreich stärker anerkannt. Auf der Rangliste der wichtigsten Autoren des „Figaro“ 2019 steht er auf Platz vier hinter Guy de Maupassant (1850-1893), Jean-Baptiste Molière (1622-1673) und Emile Zola (1840-1902). Sein Roman „Der Fremde“ (1942) und seine unvollendete Autobiografie „Der erste Mensch“ (1994) sind Weltbestseller. Sein Briefwechsel mit der Schauspielerin Maria Casarès, seiner Geliebten, wurde trotz seines Umfangs von 1.500 Seiten 50.000 mal verkauft.
Der Chefredakteur des „L’Express“ nennt Albert Camus durchaus liebevoll einen „doppelten Verräter“, der seine Heimat (Algerien) und seine Klasse (das Bürgertum) verlassen habe. Seine Tochter Catherine sagt: „Papa ließ sich nicht vereinnahmen, von nichts und niemandem. Wer die Macht liebt, kann Camus nicht lieben.“ Camus verachtete das Schwarz-Weiß-Denken. 1945 setzte er sich in seinen „Briefen an einen deutschen Freund“ für die französisch-deutsche Versöhnung ein. Seiner Generation, so meinte Camus, komme die Aufgabe zu, die Zerstörung der Welt zu verhindern (Martina Meister, Literarische Welt 4.1.20).