Archive for the ‘Literatur’ Category

2768: „Freud“ auf Netflix

Sonntag, März 22nd, 2020

Als achtteilige Serie erscheint „Freud“ bei Netflix. Sie funktioniert mit bizarren Übertreibungen, verdreht Historie und Medizin und klaubt sich aus der Wissenschaftsgeschichte ein paar Details. „Was dabei herauskommt, ist ein Quark mit Serienmord, ferngesteuerten Tätern, Verschwörungen und Geheimbünden, eine haarsträubende Räuberpistole, die vollkommen zu Unrecht ‚Freud‘ genannt wurde. Über das unglaublich interessante Ereignis, wie ein Mann fast im Alleingang die Psychoanalyse erfindet, sagt die Serie praktisch nichts. Und dass sich dieser Freud permanent in Wasser gelöstes Kokain in den Hals schüttet, ist biografisch auch nur maximal halb akkurat.“ (tlin, FAS 22.3.20).

2761: Kurt Kister verlässt SZ-Chefredaktion.

Mittwoch, März 18th, 2020

Nach 15 Jahren scheidet Kurt Kister, 62, aus der SZ-Chefredaktion aus. Seine Nachfolgerin soll Judith Wittwer, 42, werden, die dann gemeinsam mit Wolfgang Krach die Redaktion führt. Seit 2018 ist sie Chefredakteurin des „Tagesanzeigers“ in Zürich. Neu in die Chefredaktion sind auch berufen worden Alexandra Föderl-Schmidt, 49, und Ulrich Schäfer, 52. Föderl-Schmidt ist derzeit Israel-Korrespondentin, Schäfer einer der Nachrichten-Chefs, vorher Leiter des Ressorts Wirtschaft. Als Konstante der Spitze bleibt Wolfgang Krach, 56. Er gehört der SZ-Chefredaktion seit 2007 an und hat sie seit 2015 gemeinsam mit Kurt Kister geführt (SZ 18.3.20).

Sie alle verkörpern den seriösen Spitzenjournalismus, den viele Kritiker („Lügenpresse“) offenbar gar nicht kennen. Viele Menschen wissen gar nicht, was Spitzenjournalismus ist.

2758: Monika Maron liest in Loschwitz.

Sonntag, März 15th, 2020

Sechs Tage nach Uwe Tellkamp, der aus seinem neuen Buch „Das Atelier“ gelesen hatte, las Monika Maron im „Buchhaus Loschwitz“ (Inhaberin Susanne Dagen) aus einer Sammlung von Essays aus den letzten 30 Jahren. Ihr DDR-Bestseller „Flugasche“ war 1981 erschienen.

Während aber Tellkamp meint, dass es in Deutschland keine „Meinungsäußerungsfreiheit“ und – vor allem – keine „Meinungsakzeptanz“ gebe, ist Maron nicht ganz so abwegig. Wir sehen daran, was die DDR mit ihrem real existierenden Sozialismus uns für Geistesverwirrung unter einigen Schriftstellern gebracht hat. Auch Maron steht der Politik in Deutschland mit wachsendem Unverständnis gegenüber.

Die Gegenstände, mit denen Maron nicht fertig wird, sind

– der Islam,

– der Zuzug von Flüchtlingen,

– die Energiewende und

– das „Genderkauderwelsch“ (Stefan Locke, FAS 15.3.20).

Da kann ich nichts machen.

2757: Henryk M. Broder kämpft für die Unschuldsvermutung.

Samstag, März 14th, 2020

Noch nie hat sich der Ludwig-Börne-Preisträger von 2006, Henryk M. Broder („Die Welt“), an schweigende Mehrheiten angepasst oder sich bürgerlichen Milieus unterworfen. Er ist kein Apostel der politischen Korrektheit, sondern unkonventionell und für Überraschungen gut (insbesondere wenn er über linke Tabus und linke Antisemiten schreibt). Das hat er geradezu zu seinem Markenzeichen gemacht. Dass er als Autotester und Mobilitätskritiker der „Welt“ fungiert, kann ich nicht beurteilen, weil ich das nicht lese.

Nun befasst sich Broder mit dem Fall Woody Allen. Da haben 16 Rowohlt-Autoren in einem Brief an den Verlag sich enttäuscht gezeigt, dass Woody Allens Autobiografie „Ganz nebenbei“ dort am 7. April erscheint. Sie möchten das nicht. Und darin sieht

Broder zu Recht,

dass hier die Unschuldsvermutung auf den Kopf gestellt wird. Denn bewiesen ist im Fall Woody Allen (ein Vorgang aus dem Jahr 1992)  ja nichts. Es hat nicht einmal ein Prozess stattgefunden. Die Behauptungen von Mia Farrow und Woody Allen nach ihrer Trennung stehen sich gegenüber, Aussage gegen Aussage. Da hat Allen als unschuldig zu gelten.

Die von Broder hier noch genannten „Lolita“ (Vladimir Nabokov), „Stille Tage in Clichy“ (Henry Miller), „Der Reigen“ (Arthur Schnitzler), „Der Tod in Venedig“ (Thomas Mann) brauchen wir gar nicht („Literarische Welt“, 14.3.20). Als mündige Erwachsene lassen wir uns nicht von Spießern zensurieren. Und Rowohlt-Verlagschef Florian Illies benutzt das Erscheinen von Woody Allens Autobiografie als Verlagswerbung.

2756: Rowohlt bringt Woody Allens Autobiografie „Ganz nebenbei“ raus.

Freitag, März 13th, 2020

Am 7. April bringt Rowohlt Woody Allens Autobiogragie „Ganz nebenbei“ heraus. In den USA kann das Buch nach Protesten nicht erscheinen. Rowohlt musste zunächst rechtlich klären, ob das Buch in Deutschland erscheinen darf. Weil auch Rowohlt-Autoren gegen die Autobiografie protestiert hatten, plant der Rowohlt Verlag laut seinem Chef Floriian Illies eine Auftaktveranstaltung in Berlin zum Thema. Die wird ihre Werbewirkung kaum verfehlen (SZ 13.3.20).

2751: Alexander Fehling liest Primo Levis „Ist das ein Mensch?“

Mittwoch, März 11th, 2020

Primo Levi aus Turin hat Auschwitz als Chemiker überlebt. 1947 erschien sein „Ist das ein Mensch?“. Damals noch wenig beachtet. Jetzt liest der Schauspieler Alexander Fehling das Buch auf sechs CDs (Audio Verlag Berlin 2020). Wolfgang Schneider (FAZ 7.3.20) schreibt dazu:

„Hier zeigt sich die Instinktsicherheit dieser Lesung, die auch die hohen literarischen Qualitäten des Buches zur Geltung bringt, die Momente grotesker, verzweifelter Komik, die prägnanten psychologischen Porträts und die Sätze von kühner Lakonie. Etwa: ‚Der Tod beginnt bei den Schuhen.‘ In ihren groben Holzpantoffeln bekommen die Häftlinge wunde, entzündete Füße. Wer aber erst einmal mit dem Befund ‚dicke Füße‘ in den Krankenbau kommt, ist erledigt. Deshalb gilt es bei den Selektionen, wo die Häftlinge splitternackt anzutreten haben, alle Schmerzen zu vergessen und kraftvoll und federnd an der Kommission vorüberzuschreiten.“

2747: Matti Geschonneck verfilmt Juli Zehs „Unterleuten“.

Freitag, März 6th, 2020

Matti Geschonneck, geb. 1952, ist mit Krimis erfolgreich, hat aber 2017 mit Eugen Ruges „In Zeiten abnehmenden Lichts“ auch einen großen künstlerischen Erfolg erzielt. Nun hat er für das Fernsehen Juli Zehs Erfolgsroman „Unterleuten“ (als Dreiteiler) verfilmt (München/Luchterhand. 2016, 643 S.). Das Buch über die Anti-Windkraft-Hysterie in Brandenburg, gegen Landlebenverklärung, über Politikverachtung und Resignation. In dem der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, geb. 1951, persönlich auftritt. Nun kommt auch noch Tesla.

Der Roman ist sehr differenziert, er versucht, Ossis und Wessis gerecht zu werden. In Geschonnecks Film werden die Ossis von Schauspielern aus der DDR gespielt (Thomas Thieme, Hermann Beyer, Dagmar Manzel, Christine Schorn und Charly Hübner) und die Wessis von West-Schauspielern (Mina Tander, Alexander Held, Ulrich Noethen): ZDF am 9., 11. und 12. März um 20.15 Uhr. Geschonneck, der die DDR 1976 nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns verlassen hatte, spricht im Interview mit Christian Mayer (SZ 6.3.20) ausführlich über seinen Vater, den großen DDR-Schauspieler Erwin Geschonneck (1906-2008).

2746: Protest gegen Woody Allens Autobiografie „Apropos of Nothing“

Donnerstag, März 5th, 2020

Bei Hachette erscheint am 7. April Woody Allens, 84, Autobiografie „Apropos of Nothing“ in den USA, Deutschland, Italien, Frankreich und Spanien. Dagegen protestiert Allens Sohn Ronan Farrow, 32, der selbst bei Hachette ein Buch herausbringt. Eines über mächtige Männer, die sich ihrer Verantwortung für sexuellen Missbrauch entziehen. Farrow hatte die „MeToo“-Debatte in Gang gebracht.

Woody Allen wurde von seiner Ex-Partnerin Mia Farrow wiederholt beschuldigt, die gemeinsame Adoptivtochter Dylan 1992 sexuell missbraucht zu haben. Allen bestreitet das. Er ist nicht verurteilt worden.

Ich halte Woody Allen für einen der größten Filmregisseure. Mit Filmen wie „Der Stadtneurotiker“ (1977), „Manhattan“ (1979), „Hannah und ihre Schwestern“ (1986) und „Matchball“ (2005) hat er Filmgeschichte geschrieben (dpa, SZ 5.3.20).

2741: „Cahiers du Cinéma“-Redaktion tritt geschlossen zurück.

Sonntag, März 1st, 2020

Die französische Filmzeitschrift „Cahiers du Cinéma“ wurde 1951 gegründet. Sie gehörte zu den führenden Zeitschriften für Film. Zu ihren Redakteuren zählten

Francois Truffaut, Claude Chabrol, Eric Rohmer, Jacques Rivette und Jean-Luc Godard.

Sie entwarfen eine „politique des auteurs“, den Autorenfilm. Danach war der Regisseur für die Qualität eines Films maßgeblich. Mehrere Kritiker der „Cahiers“ wurden selbst Filmemacher und zu Stars der „Nouvelle Vague“. Sie hatten großen Einfluss auch in Deutschland.

Die Zeitschrift hat in letzter Zeit von ihrem legendären Ruf gezehrt. Vor zwei jahrzehnten wurde das Blatt von „le Monde“ übernommen, dann an einen englischen Verleger verkauft. Die Auflage betrug zuletzt 12.800 Exemplare. Nun ist die Zeitschrift an Eigentümer verkauft worden, die mit der Filmbranche verbunden sind. Daraufhin trat die Redaktion geschlossen zurück. Kritik wie Lob im Solde von Filmproduzenten würde unglaubwürdig, begründeten die Redakteure ihren Schritt (Jürg Altwegg, FAZ 29.2.20).

2729: Sonja Ziemann ist gestorben.

Donnerstag, Februar 20th, 2020

Wir verstehen Sonja Ziemann richtig, wenn wir Film als „Chiffre der Gesellschaft“ nehmen wie bei Theodor Adorno oder Siegfried Kracauer. Nach 1945 war Sonja Ziemann das „eingeborene Wunderkind“ (Willi Winkler) des deutschen „Heimatfilms“. „Schwarzwaldmädel“ und „Grün ist die Heide“ sind Beispiele. Schon damals spielte auch der deutsche Wald eine Hauptrolle, der heute aus ganz anderen Gründen wieder in den Mittelpunkt des Interesses gerückt ist. Sonja Ziemann kam wie Hildegard Knef von der Ufa-Filmschule. Mit Rudolf Prack bildete sie mehrmals ein nahezu ideales Paar. Hannah Arendt schrieb 1950 dazu: „Inmitten der Ruinen schreiben die Deutschen einander Ansichtskarten von den Kirchen und Marktplätzen, den öffentlichen Gebäuden und Brücken, die es gar nicht mehr gibt.“ Sonja Ziemann drehte mit Helmut Käutner („Die Zürcher Verlobung“) und Frank Wisbar („Nacht fiel über Gotenhafen“), Filme, die ich seinerzeit im Dorfkino noch gesehen habe. In den sechziger Jahren stand die Schauspielerin in „My Fair Lady“ auf der Bühne. Und mit ihrem dritten Ehemann, Charles Regnier, in Frank Wedekinds „Lulu“. Sonja Ziemann ist im Alter von 94 Jahren gestorben (Willi Winkler, SZ 20.2.20).