Im Alter von neunzig Jahren ist Hermann Schreiber gestorben, einer der großen deutschen Journalisten nach 1945. Beim „Spiegel“ (seit 1964) gehörte er zu den vier Redakteuren, die dort mit Namen auftreten durften. Für eine kritische Vietnam-Reportage bekam Schreiber 1966 den Theodor-Wolff-Preis. Er schrieb Bücher über Willy Brandt, Henri Nannen und Philip Rosenthal. 1979 wechselte er zu Gruner & Jahr, wurde Chefreporter, dann Chefredakteur von „Geo“. Am stärksten aber trat er vierzehn Jahre lang mit Kollegen auf als Moderator der NDR-Talkshow. Informiert, soigniert, souverän (Willi Winkler, SZ 16.4.20).
Archive for the ‘Literatur’ Category
2803: Hermann Schreiber ist gestorben.
Donnerstag, April 16th, 20202802: Zwei Chefredakteurinnen für die „taz“
Mittwoch, April 15th, 2020Die „taz“-Genossenschaft hat zwei Frauen als neue Chefredakteurinnen berufen: Ulrike Winkelmann und Barbara Junge. Frau Winkelmann, die vom Deutschlandfunk kommt, wird am 1. August ihre neue Aufgabe übernehmen. Frau Junge ist seit 2016 stellvertretende Chefredakteurin. Sie übernimmt ihre Aufgabe unmittelbar nach Ausscheiden des gegenwärtigen Chefs Georg Löwisch am 1. Mai. Katrin Gottschalk bleibt stellvertretende Chefredakteurin und wird Leiterin der digitalen Produktentwicklung (KHIL, SZ 15.4.20).
2790: 23 Jahre Haft für Journalisten-Mord
Dienstag, April 7th, 2020Der Mörder des slowakischen Journalisten Jan Kuciak und dessen Verlobter muss 23 Jahre ins Gefängnis. Er hatte die Opfer im Februar 2018 in deren Haus erschossen. Die Verlobte ist ein Zufallsopfer, der Täter hatte nicht damit gerechnet, sie anzutreffen. „Kaltblütigkeit und Heimtücke“ hätten das Handeln des 37-jährigen Täters bestimmt, begründete die Richterin, Ruzena Savova, den Spruch des Gerichts.
Kuciak hatte über die illegalen Geschäfte des Unternehmers Marian Kocner geschrieben und dessen Verbindungen zur damaligen Regierungspartei. Die seinerzeitige Regierung soll Beziehungen zur Mafia unterhalten haben. Auch darüber schrieb Kuciak. Kocner hatte den Journalisten bedroht und soll den Mord in Auftrag gegeben haben. Die Gerichtsverhandlung gegen ihn und zwei mutmaßliche Mittäter wird ab Mitte April fortgesführt.
Am 29 Februar wurden neue Parteien an die Macht gewählt. Sie versprechen, gegen die Korruption zu kämpfen (VGR, SZ 7.4.20).
2783: PEN fordert Öffnung der Buchhandlungen.
Donnerstag, April 2nd, 2020Die Autorenvereinigung PEN fordert die Öffnung der Buchhandlungen in Deutschland. Der Zugang zu Wissen und Information dürfe in der freiheitlichen Demokratie nicht eingeschränkt werden. „Der Mensch lebt nicht von Brot und Klopapier allein, er braucht auch geistige Nahrung!“ Die im Kampf gegen das Coronavirus nötige physische Distanz könne beim Verkauf in Buchhandlungen „problemlos“ eingehalten werden. Der Verband betonte, schon jetzt habe die erzwungene Schließung schwere Folgen für Autoren, Verlage und Buchhändler (kna, SZ 2.4.20).
2781: Warum Treffen Celan-Heidegger 1967 im Schwarzwald ?
Dienstag, März 31st, 2020Warum haben sich der Dichter der „Todesfuge“, Paul Celan, und der Autor von „Sein und Zeit“, der Philosoph Martin Heidegger, der 1933 den „Führer führen wollte“, am 25. Juli 1967 in Heideggers Hütte am Todtnauberg im Schwarzwald getroffen? Und warum danach noch mehrmals bis kurz vor Celands Selbstmord am 20. April 1970? Hans-Peter Kunisch (u.a. Autor der SZ) hat die Umstände der spannungsreichen Beziehung bei Zeitzeugen und in den Archiven recherchiert:
Hans-Peter Kunisch: Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung. München (dtv) 2020, 350 S., 24 Euro.
2780: Uwe Timm 80
Montag, März 30th, 2020Für mich ist Uwe Timm der deutsche Schriftsteller, der am klügsten über 1968 und die Achtundsechziger geschrieben hat. In seinem Debütroman „Heißer Sommer“ 1974. Weil er dabei war und Bescheid wusste im München der sechziger Jahre. Wo über Alt-Nazis und Godard-Filme diskutiert wurde. Das hat seine Literatur bis auf den heutigen Tag geprägt. Der in Hamburg geborene Schriftsteller wird 80 Jahre alt (Antje Weber, SZ 30.3.20).
Timms großes Werk ist bis heute sehr vielschichtig und erfahrungsgesättigt. Er beschäftigt sich kundig und kritisch mit Utopien und lässt dabei die damit einhergehenden Enttäuschungen nicht aus. Timm interessiert sich für den Einzelnen und für sich selbst. Seine autobiografischen Bücher „Am Beispiel meines Bruders“ (2003) über die freiwillige Meldung seines Bruders zur Waffen-SS und „Der Freund und der Fremde“ (2005) über seinen Schulfreund Benno Ohnesorg belegen das.
Timm hatte zunächst das elterliche Kürschnergeschäft saniert und dann erst studiert und mit dem Schreiben begonnen. Schon in seinem Roman „Morenga“ (1978) nahm er sich den deutschen Kolonialismus mit seinen Völkermorden an den Herero und Nama vor (das gerade mit einem Nachwort von Robert Habeck neu aufgelegt worden ist). Timms berühmtestes Buch „Die Erfindung der Currywurst“ (1993) brachte ihm den Ruf eines Chronisten der Bundesrepublik ein.
Er hielt in Tübingen Poetik-Vorlesungen. Da heißt es: „Die Dichtung kann das ideologisch Utopische in das Komische, in das Groteske, ins widerständig Allgemeinmenschliche verschieben.“ Bei Uwe Timm stimmt das (Marie Schmidt, SZ 30.3.20).
2779: Wer verbietet eigentlich Uwe Tellkamp den Mund ?
Montag, März 30th, 2020Thomas Assheuer hat uns schon auf einige Abwegigkeiten in der deutschen Kunstszene aufmerksam gemacht. Unermüdlich beobachtet er die Lokalitäten und berichtet kundig darüber. Dieses Mal über Uwe Tellkamp (Die Zeit 19.3.20). Als dessen „Turm“ 2008 erschien, sahen einige seiner Leserinnen und Leser in ihm bereits den Vertreter einer neuen deutschen Literatur. Mittlerweile verfasst er Artikel im Umfeld der völkischen Rechten. Assheuer schreibt dazu:
1. Wenn wir uns über die Wiedervereinigung Deutschlands auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner treffen wollten, so sagten wir, die Erde sei eine Kugel und mit dem Fall der Mauer habe der Liberalismus gesiegt.
2. Weit gefehlt, würden Tellkamp und seine Kombattanten sagen, nach der Wende hätte nicht die Freiheit, sondern hätten die Mundtotmacher gesiegt.
3. Wer verbietet eigentlich Uwe Tellkamp den Mund?
4. Der Unterschied bei den Künstlern in der DDR und in der BRD war der, dass „drüben“ schon der Hauch einer eigenen Meinung von Staats wegen verfolgt wurde, während in der BRD die vielen Abwegigkeiten von Künstlern nicht weiter zu Buche schlugen. Wir konnten zur Tagesordnung übergehen. Eine gute Lösung.
5. Ähnlich verächtlich wie Tellkamp sieht auch Frank Castorf die liberale Öffentlichkeit. Die „Mittelmächte der mittleren Mittelschichten“ wollten Kunst „mittelbunt, mittelaufgeklärt und mitteltraurig“. Sie wollten ein „veganes Theater mit geschlechtsneutralen Toiletten“.
6. Castorf sieht sich auch nur als „ein Akzent des gut funktionierenden Systems“. Ja, damit verdient er sein Geld.
7. Wie Heiner Müller, dem politisch stets auf Höchste zu misstrauen war, schon seinerzeit meinte, auf westdeutschen Bühnen könne man alles machen, „es hat aber keine Bedeutung für die Gesellschaft“.
8. Da können uns die Herren Künstler in ihrer Bedeutungslosigkeit ja beinahe leidtun. Wollt ihr die DDR zurück?
9. Vielleicht kann man seine Bedeutung steigern, wenn man schreibt wie Ernst Jünger und Carl Schmitt, beide Steigbügelhalter.
10. Assheuer zitiert hier Jürgen Habermas im Jahr 1991: „Die Entwertung unserer besten und schwächsten intellektuellen Traditionen ist für mich einer der bösesten Aspekte an dem Erbe, das die DDR einbringt.“
2773: Bascha Mika schreibt weiter für die FR.
Mittwoch, März 25th, 2020Bascha Mika, 66, hat die Chefredaktion der „Frankfurter Rundschau“ niedergelegt. In einer Notlage für das Blatt hatte sie den Posten 2013 übernommen. Vorher war sie elf Jahre lang in gleicher Funktion bei der „taz“. Dabei hat sie sich um den Journalismus in Deutschland verdient gemacht. Ich nehme an, dass die Zurückgebliebenen, die gerne über „die Medien“ herziehen, solche Frauen wie Frau Mika gar nicht kennen. Sie war stets erfolgsorientiert, kritisch, aber nie „überdreht“. Bei ihren Kolleginnen und Kollegen stets bestens beleumdet. Frau Mika schreibt weiter für die „Frankfurter Rundschau“ (Georg Löwisch, taz 18.3.20).
2770: Ernst-Wilhelm Händler kennt den Kapitalismus.
Montag, März 23rd, 2020Der Schriftsteller Ernst-Wilhelm Händler, geb. 1953, ist auch Unternehmer. Nach seinem Studium in Stuttgart und München, das er 1980 mit einer Promotion abschloss, übernahm er den familieneigenen metallverarbeitenden Betrieb. Nebenbei begann er zu schreiben. In der deutschen Literatur kommt ihm zu wenig Geld vor. Das hält er für einen Fehler. Die „Buddenbrooks“ erscheinen ihm als ein „Wirtschaftsroman“.
Der in Regensburg und München lebende Schriftsteller hat 2002 mit
„Wenn wir sterben“
einen Bestseller vorgelegt. Nun interviewen Felix Stephan und Hannah Wilhelm ihn anlässlich seines Romans „Das Geld spricht“ (2019) für die SZ (20.3.20).
SZ: Leben Sie vom Schreiben?
Händler: Um Gottes willen! Nein! Das ginge nicht. Ich habe auch drei Kinder. Die sind zwar alle erwachsen, aber trotzdem.
SZ: Also, wovon leben Sie?
Händler: Von der Literatur können Sie nur leben, wenn Sie Bestsellerautor sind. In Deutschland Walser, Enzensberger, Kehlmann, Juli Zeh. Wir reden jetzt von den Ernsthaften, nicht von Sebastian Fitzek. Ich bin in sehr kleinem Ausmaß Unternehmer, ich mache Immobiliengeschäfte. Früher bestand mein Leben zu zwei Dritteln aus Geschäft und zu einem Drittel aus Schreiben, heute ist es andersrum. Ich komme aus einer Familienfirma.
…
SZ: Welches ist ihr erfolgreichstes Buch?
Händler: „Wenn wir sterben“, das war mit 15.000 Exemplaren ein richtiger Bestseller. Insgesamt gehen die Verkaufszahlen wie bei allen ernsthaften Büchern zurück. Damit muss man leben.
SZ: Sie schildern in ihren Büchern den Kapitalismus als sehr kalt und unmenschlich. Gleichzeitig scheinen Sie das für sich nicht als Problem zu sehen.
Händler: Da haben Sie vollkommen recht. Ich kann damit umgehen. Wenn man mir eine Alternative zum Kapitalismus zeigt, die funktioniert, dann wäre ich auch dafür. Aber man findet ja nichts.
…
2769: Vom Nachexil
Sonntag, März 22nd, 2020Viele, die ins Exil getrieben wurden, haben davon berichtet, dass sie im neuen Land nicht heimisch wurden und dass das Exil nicht verging. Das tut auch Georges-Arthur Goldschmidt, geb. 1928 in Reinbek bei Hamburg, der mit seinem älteren Bruder 1938 von den Eltern nach Florenz geschickt wurde. Er floh ein Jahr später weiter nach Frankreich. Zuerst wurde er in einem Internat, dann bei einem Bauern versteckt. Er lernte Französisch und nahm am Widerstand gegen die Nazis und die Deutschen teil. Heimisch wurde er nie. Trotz Bildungskarriere und Staatsbürgerschaft. Zur Dankbarkeit fühlte er sich verpflichtet. Und er war von einer Bürde belastet,welche die ihn umgebenden Franzosen nicht kannten. Das können wir nachlesen in Goldschmidts
„Vom Nachexil“.
Göttingen (Wallstein) 2020, 88 S., 18 Euro. (beha, FAS 22.3.20)