Archive for the ‘Literatur’ Category

2853: Michel Piccoli ist tot.

Dienstag, Mai 19th, 2020

Er hat wahrscheinlich in mehr Filmen gespielt, die nachträglich als Klassiker galten, als ein anderer Schauspieler. Der Franzose Michel Piccoli, der jetzt im Alter von 94 Jahren gestorben ist. Er passte in die Filme bestimmter Regisseure wie Jean-Luc Godard („Die Verachtung“ 1963), Luis Bunuel („Belle de Jour“ 1967; „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ 1972), Marco Ferreri („Das große Fressen“ 1973) und Claude Chabrol („Blutige Hochzeit“ 1973). In Nanni Morettis „Habemus Papam“ (2011) spielte er dann den Papst. Immer waren es zerrissene, verzweifelte Figuren, die versuchten, sich selbst zu verstehen (Susan Vahabzadeh, SZ 19.5.20).

2851: Rolf Hochhuth ist gestorben.

Freitag, Mai 15th, 2020

Sein „Stellvertreter“ (1963) brachte ihm den Weltruhm, von dem Rolf Hochhuth wusste, dass er ihn nie wieder erreichen würde. Danach hatte Papst Pius XII. es unterlassen, den italienischen Juden zu helfen, obwohl er von Mordabsicht der Nazis wusste. Hochhuth hatte ausführlich in Rom dafür recherchiert und dabei kundige Informanten gefunden. Nach der gegenwärtigen Forschung im Vatikan (2020) hat der Papst noch andere politische Sünden begangen. Mittlerweile ist der berühmte Autor Rolf Hochhuth im Alter von 89 Jahren gestorben.

Der aus dem Exil zurückgekehrte Erwin Piscator hatte den Stoff für die Bühne präpariert. Der Skandal rief in Deutschland auch große Ablehnung hervor. Aber Hannah Arendt etwa ging ins US-Fernsehen, um dem damals 33-jährigen Autor beizustehen. Hochhuth, der ursprünglich den Bertelsmann-Lesering geleitet hatte, wuchs in seine Rolle als „Skandalnudel“ hinein. So mit den „Soldaten“ (1967) über die Bombardierung deutscher Städte, in dem Winston Churchill den polnischen Ministerpräsidenten Sikorski hat abstürzen lassen, um Stalin den Weg freizumachen.

Hochhuth wurde der Schreiber zahlreicher offener Briefe und bedeutungsloser Gedichte. Er stürzte den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Karl Filbinger (CDU) 1978. Der hatte noch nach der Kapitulation 1945 als Marinerichter an Todesurteilen mitgewirkt („Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein.“).

Rolf Hochhuth hat ein großes Verdienst darin, dass er sich für den Hitler-Attentäter Georg Elser eingesetzt hat, einen Einzelgänger, dessen Bombe in München 1938 rechtzeitig detoniert war, nur hatte Hitler den Schauplatz verfrüht verlassen. 2011 wurde das Elser-Denkmal in Berlin aufgestellt.

Rolf Hochhuth hatte nach der Wiedervereinigung das Theater am Schiffbauerdamm von seinem jüdischen Vorbesitzer gekauft, in dem Brechts Berliner Ensemble mustergültige Brecht-Aufführungen inszeniert hatte, Highlights der deutschen Theatergeschichte. Dort wurden dann auch Hochhuth-Stücke aufgeführt (Willi Winkler, SZ 15.5.20).

2850: Nelly Sachs (1891-1970) und Paul Celan (1920-1970)

Donnerstag, Mai 14th, 2020

Nelly Sachs (1891-1970) und Paul Celan (1920-1970) waren verbunden durch die von ihnen empfundene Verpflichtung, in ihren Gedichten für die Ermordeten der Schoah Zeugnis abzulegen. Getroffen haben sie sich erst am 25. Mai 1960. Da wusste Celan schon, dass er den

Büchnerpreis (1960)

bekommen würde, Sachs kriegte den

Drostepreis (1961).

Dazu reiste sie zum ersten Mal seit 1940 wieder nach Deutschland, nach Meersburg (Bodensee). 1960 waren beide in der Krise. Celan hatte mit der Plagiatsaffäre zu tun, in der er falsch beschuldigt wurde (und die ihn in die Psychiatrie brachte). Und Sachs litt an der Verdrängung der Nazizeit in Deutschland und kam in eine Nervenklinik in Stockholm. Sie erhielt den

Friedenspreis des deutschen Buchhandels (1965) und den

Literaturnobelpreis (1966).

Im Juni 1960 besuchte Nelly Sachs die Familie Celan in Paris. Paul Celans Hinweise auf die Ablehnung, die er – seiner Meinung nach – in Deutschland erfuhr, verstärkten ihre paranoiden Gedanken. Im August 1960 reiste Celan nach Stockholm, um Sachs zu treffen. Ob die beiden sich überhaupt gesehen haben, wissen wir nicht.

Für die Dichtung nach der Schoah ist die Beziehung dieser beiden Dichter bezeichnend. Deshalb verwundert es, dass in diesem Jahr 2020 nicht mehr darüber zu hören ist. Zwar ist Paul Celan in aller Munde, aber von Nelly Sachs hören wir fast gar nichts. Als sie 1970 im Sterben lag, berichtete ihr eine Besucherin vom Selbstmord Celans. Kurz darauf, am 12. Mai 1970, starb Nelly Sachs (Marie Schmidt, SZ 12.5.20).

2848: Protest für Achille Mbembe

Mittwoch, Mai 13th, 2020

Die Postkolonialismus-Debatte verfolge ich einigermaßen fasziniert. Wenn ich auch erst einmal darüber geschrieben habe:

2841: Amos Goldberg und Alon Confino über Postkolonialismus (am 8.5.20).

Die Lage ist vertrackt, die Analyse kompliziert. Ich werde hier demnächst wahrscheinlich die Ergebnisse von Ijoma Mangold (Die Zeit, 29.4.20) und Stephan Grigat (taz 11.5.20) präsentieren. Unterdessen wird die Unterstützung für den aus Kamerun stammenden

Achille Mbembe

stärker. 377 Wissenschaftler aus 30 Ländern haben gegen „politische Einmischung“ protestiert, die darauf abziele, „Befürworter*innen der völkerrechtlich garantierten Rechte von Palästinenser*innen zum Schweigen zu bringen“. (SZ 12.5.20)

2846: Wie funktionieren Verschwörungstheorien?

Dienstag, Mai 12th, 2020

Die Psychologin Pia Lamberty ist u.a. auf Verschwörungstheorien spezialisiert. Sie hat an den Universitäten Mainz, Köln und Beer Sheva (Israel) geforscht. Von der FAS (10.5.20) ist sie interviewt worden.

FAS: Wie erkenne ich denn eine Verschwörungstheorie?

Lamberty: Das ist tatsächlich nicht immer so einfach. Es gibt natürlich Dinge, da ist einfach zu erkennen, dass etwas nicht stimmt. Den meisten ist klar, dass die Erde nicht flach ist oder dass es keine Hohlerde gibt, in der Reptiloide leben. Kompliziert wird es, wenn Fakten uminterpretiert werden. Oder wenn Bilder und Informationen aus dem Kontext genommen und in einen anderen gestellt werden.

FAS: Gibt es die typische Verschwörungspersönlichkeit?

Lamberty: Die grundlegenden Persönlichkeitstypen, die es in der Psychologie gibt, spielen hier keine Rolle. Auch Ost-West-Unterschiede und das Alter sind nicht relevant. Männer sind tendenziell eher anfällig als Frauen. Menschen mit einer niedrigen formalen Bildung wittern eher Verschwörungen. Das hat aber weniger etwas damit zu tun, dass sie weniger intelligent sind, sondern eher damit, dass sie sich von der Gesellschaft abgehängt fühlen. Auch Menschen in unsicheren Arbeitsverhältnissen glauben eher an Verschwörungen.

FAS: Spielen auch politische Ansichten eine Rolle?

Lamberty: Ja. Menschen, die sich politisch rechts einordnen, glauben eher an Verschwörungen. Die Menschen, die in Großbritannien für den Brexit gestimmt haben, gehen eher von Verschwörungen aus.

FAS: Was ist daran so gefährlich?

Lamberty: Verschwörungserzählungen machen immun gegen Kritik. Jeder, der das Narrativ kritisiert oder versucht, dagegen zu argumentieren, wird als naiv, Teil der Verschwörung oder als „Systemling“ wahrgenommen. Wer mit solchen Menschen diskutiert, schafft es meist nicht mehr, darüber zu diskutieren, ob etwas überhaupt stimmt oder nicht. Und im letzten Schritt kann durch den Verschwörungsglauben auch Gewalt legitimiert werden.

Am 15. Mai erscheint: Pia Lamberty/Katharina Nocun: Fake Facts. Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen. Quadriga Verlag, 19,99 Euro.

2845: Michel Houellebecq: Alles wird genau gleich bleiben.

Montag, Mai 11th, 2020

Angesichts der weltumspannenden Corona-Pandemie hören wir gegenwärtig viel dummes Geschwätz. Aber nicht von allen. So etwa nicht von Michel Houellebecq, dem französischen Schriftsteller. In der FAS (10.5.20) ist ein kurzer Aufsatz von ihm erschienen: „Die Zukunft nach Corona“ (übersetzt von Annabelle Hirsch). Houellebecq schreibt:

„Zuerst einmal glaube ich keine halbe Sekunde an Aussagen wie ‚Nichts wird je mehr sein wie zuvor.‘ Im Gegenteil, alles wird genau gleich bleiben. Die Entwicklung dieser Epidemie ist sogar auf bemerkenswerte Weise normal. Der Westen ist nicht für die Ewigkeit, nicht durch Gottes Gnaden die reichste und am besten entwickelte Zone der Welt. Das alles ist vorbei, schon seit einer Weile, das ist kein Scoop. Wenn man es im Detail analysiert, kommt Frankreich sogar ein bisschen besser weg als Spanien und Italien, aber schlechter als Deutschland; auch das ist keine große Überraschung. Das Coronavirus dürfte ganz im Gegenteil  einen Wandel, der schon im Gange ist, beschleunigen.

Wir werden nach dieser Ausgangssperre nicht in einer neuen Welt aufwachen. Es wird dieselbe sein, nur in etwas schlimmer.“

Wer mehr über Michel Houellebecq wissen will, kann mit Gewinn lesen:

Julia Encke: Wer ist Michel Houellebecq? Porträt eines Provokateurs. Berlin (Rowohlt) 2018, 255 Seiten.

 

2829: Edgar Reitz über „Heimat“

Freitag, Mai 1st, 2020

Der 1932 im Hunsrück geborene Edgar Reitz ist als Filmemacher bekannt für die 30-teilige Serie „Die Heimat“ (1982-2004). Er hat mit Alexander Kluge zusammengearbeitet und vorher schon Filme gemacht wie „Mahlzeiten“ (1966/67), „Die Reise nach Wien“ (1973) und „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“ (1974). Er hat am 24. April 2020 den „Ehrenpreis für herausragende Verdienste um den deutschen Film“ erhalten. Jenni Zylka hat ihn für die „taz“ (23.4.20) interviewt:

taz: Durch die Pandemie verändert sich gerade sehr viel – auch der Heimatbegriff?

Reitz: Seit einigen Jahren beobachte ich, dass der Heimatbegriff zunehmend in der Diskussion ist. Es gibt keine Uni, keine Kirche, keine Betriebsfeier mehr ohne das Thema. Dazu mischen sich die neuen Rechten ein und versuchen, es sich unter den Nagel zu reißen. Das Bedürfnis, in einer übersichtlichen, geschützten Welt zu leben, nostalgisch zu denken, der idyllische Regionalismus – das ist eine Tendenz. Ich glaube nicht, dass das durch die Pandemie beflügelt wird. Im Gegenteil – die Menschheit lebt gerade zum ersten Mal wirklich global. Dass etwas überall auf der Welt stattfindet, jeden Menschen auf dem Globus trifft – das ist etwas vollkommen Neues. Wir begreifen mehr und mehr, dass es eine Abschottung nicht gibt, man kann nicht zumachen und sagen: Bei uns nicht.

2823: Thomas Mann – Ziel völkischer Hetze

Sonntag, April 26th, 2020

Der Bamberger Literaturwissenschaftler Friedhelm Marx (FAZ 25.4.20) arbeitet zur Zeit an den Essays von Thomas Mann aus den Jahren 1926 bis 1933. Darin plädierte Mann für eine Annäherung an die Nachbarländer Polen und Frankreich, für eine innereuropäische Verständigung und gegen Zensur. Also ganz anders als noch in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918). Und damit zog er den Hass und die Hetze völkischer und rechtspopulistischer Kommentatoren auf sich.

So schrieb Friedrich Georg Jünger, den die meisten von uns heute nur noch als Bruder Ernst Jüngers kennen, in seiner Rezension des „Zauberbergs“ (1924) („Der entzauberte Berg“): „Ach, erlebten wir bald den Tag, an dem eine junge, kühne Mannschaft sich gegen den Zauberberg hinaufbewegt, mit Holzfälleräxten, die einen langen Stiel und eine breite Scheide haben, und mit diesen prachtvollen Äxten den ganzen Zauberberg in Scherben und Trümmer schlägt.“ Die junge Mannschaft mit den prachtvollen Äxten stand offenbar schon bereit.

Der „Völkische Beobachter“ schrieb zu einem Vortrag Manns mit dem Titel „Die Stellung Freuds in der modernen Geistesgeschichte“, den er am 16. Mai 1929 im Auditorium Maximum der Münchener Universität gehalten hatte: „Wir danken dem Vielschreiber – und in diesem Fall dem ’schöngeistigen‘ Schwätzer – für sein eigentümliches Bekenntnis. Thomas Mann wäre es wahrscheinlich lieber, wenn die deutsche Jugend der ’neuen Lebenserkenntnis‘ eines Sigi Freud anhängen würde, der bekanntlich in der Erotik den Born aller Kräfte und Taten sieht. Da müssen wir schon antworten: Gott sei Dank gibt es noch eine deutsche Jugend, die nicht hinter senilem Marasmus, hinter Sexualsymbolikern und sogenannten ‚Psychoanalytikern‘ dreinrennt, – Gott sei Dank gibt es eine deutsche Jugend, welche Erotiker wie Sigmund Freud, den jüdischen Literaten Arnold Zweig und den ‚deutschen‘ Dichter Thomas Mann auf den Index setzen: ’nicht zimmerrein!'“

1929 hat Thomas Mann den Literatur-Nobelpreis erhalten.

2820: Monika Grütters: Corona-Hilfen für Kulturschaffende nicht schlechtreden.

Freitag, April 24th, 2020

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) ist dagegen, die Finanzhilfen für Künstler und Selbständige in der Kultur schlechtzureden. Es liegt ein Sozialschutzpaket mit zehn Milliarden auf und ein Soforthilfeprogramm mit 50 Milliarden. Auch der Bund müsse sich um die freischaffenden Künstler kümmern (kna, SZ 24.4.20).

2812: Paul Celan (1920-1970)

Montag, April 20th, 2020

In der Nacht vom 19. auf den 20. April 1970 ging Paul Celan in Paris in die Seine. Der Jude aus Czernowitz hatte seine Eltern durch Mord in einem NS-Konzentrationslager verloren und selbst ein rumänisches Arbeitslager überlebt (Czernowitz war bis 1918 habsburgisch, dann rumänisch, später sowjetisch, heute ukrainisch). Celans von ihm getrennt lebende Frau, Gisèle de Lestrange, schrieb dazu am 10. Mai 1970 an Celans ehemalige Geliebte, Ingeborg Bachmann: „Er hat sich den einsamsten und anonymsten Tod ausgesucht.“ Celan war der größte deutschsprachige Lyriker seiner Zeit und blieb den Deutschen doch ein Leben lang fremd. Sein berühmtes Gedicht „Todesfuge“ ist gerade neu untersucht worden:

Thomas Sparr: Todesfuge. Biographie eines Gedichts. Stuttgart (dva) 2020, 336 S., 22 Euro.

Im Mai 1952 war es in Niendorf an der Ostsee zu den „Drei Tagen im Mai“ gekommen, bei denen Celan in Anwesenheit von Ingeborg Bachmann das Gedicht als eines von sechs vortrug und dabei von der Gruppe 47 vollkommen missverstanden worden war. Walter Jens schrieb dazu 1976: „Als Celan zum ersten Mal auftrat, da sagte man: ‚Das kann doch kaum jemand hören‘, er las sehr pathetisch. Wir haben darüber gelacht. Der liest ja wie Goebbels, sagte einer. Die ‚Todesfuge‘ war ein Reinfall in der Gruppe! Das war eine völlig andere Welt, da kamen die Neorealisten nicht mit, die sozusagen mit dem Programm groß geworden waren.“

Es war Hans Werner Richter, der den Goebbels-Vergleich angestellt hatte. Milo Dor erinnert sich an Richters Aussage, Celan „habe in einem Singsang vorgetragen wie in der Synagoge“. Klaus Briegleb hat in seiner Geschichte der Gruppe 47 geschrieben, „keine andere kulturelle Agentur in der westdeutschen Nachkriegszeit“ habe „die Ausblendung der Shoah so gründlich betrieben“ wie die Gruppe 47.

Celan war tief verletzt: „Ich war dort beleidigt worden: H.W. Richter, der Inge (Inge = Ingeborg Bachmann, W.S.) nach Hamburg gebracht hatte, sagte nämlich, meine Gedichte seien ihm auch darum so zuwider gewesen, weil ich sie im ‚Tonfall von Goebbels‘ gelesen hätte. Und so etwas muss ich erleben!“

Thomas Sparr schreibt dazu: „Was nahe war und nahegelegen hätte, die gemeinsame, doch so unterschiedliche Erfahrung des Nationalsozialismus, vom ‚Frost an den verschiedenen Fronten‘ wird Celan später in einem Gedicht schreiben, sollte in die Ferne gerückt werden. Goebbels rezitiert die ‚Todesfuge‘. Brutaler kann man die Geschichte nicht auf den Kopf stellen.“

Der Anfang der „Todesfuge“: „Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends/ wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts/ wir trinken und trinken/ wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng.“ (Sie finden die „Todesfuge“ hier auf meiner Seite unter Gedichten. Sie ist chronologisch geordnet.)

Dass manche deutsche Kritiker Celan später vorhielten, sein Gedicht sei angesichts der ihm zugrunde liegenden Gräuel doch „zu kunstvoll“ geraten, erboste ihn besonders und zu Recht. Die „Todesfuge“ passt nicht so einfach in die deutsche Nachkriegsmoderne. Weder seiner Datierung nach noch in seinen poetischen Mitteln. Die Stunde null, die Idee einer asketischen Moderne auf den Ruinen der Vorkriegswelt, war Celans Sache nicht. Er ruhte in älteren lyrischen Traditionen einer anderen Weltgegend, die seine westdeutschen Generationsgenossen unbekannt blieben.

Celan hatte, als er nach Wien gegangen war, wo er Ingeborg Bachmann kennenlernte, und dann 1948 nach Paris, zunächst vielfältige sehr gute Beziehungen zu deutschsprachigen Literaten gehabt. Dann zerstörte eine vergleichsweise banale Literaturintrige sein Leben. Die Witwe eines deutsch-französischen Lyrikers, Yvan Goll, mit dem sich Celan angefreundet hatte, beschuldigte ihn plötzlich des Plagiats. Das deutsche Feuilleton, das seinerzeit noch von solchen Ex-Nazis wie Günter Blöcker und Hans Egon Holthusen dominiert wurde, walzte die Angelegenheit aus. Und Paul Celan verzweifelte. Noch in den neunziger Jahren machte sich Günter Grass, der in den späten fünfziger Jahren wie Celan in Paris gelebt hatte, über den Lyriker lustig. Celan wandte sich von Grass ab wegen dessen „kleinen und großen Verlogenheiten, vermehrt um die mittlerweile noch höher ins Kraut geschossene Selbstgefälligkeit“. Celan vereinsamte, er wurde Patient in der Psychiatrie.

Hans-Peter Kunisch

Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung. München (dtv) 2020, 352 S., 24 Euro,

befasst sich nicht an jeder Stelle schlüssig mit den insgesamt drei Treffen (1967-1970) von Paul Celan und Martin Heidegger in Freiburg und im Schwarzwald. Dass der Antisemit (und das NSDAP-Mitglied) Martin Heidegger und das Holocaust-Opfer Paul Celan sich verstanden hätten, können wir uns nicht vorstellen. Es spricht für die Verwirrung Celans, dass er sich beim Schwarzwälder Kulturkonservatismus der Nachkriegszeit besser aufgehoben gefühlt hat als bei der Gruppe 47. Noch drei Wochen vor seinem Tod las Celan Heidegger in Freiburg vor.

Auf ihrer gemeinsamen Autofahrt im Schwarzwald mit Martin Heidegger, dem Freiburger Germanisten Gerhart Baumann und dessen Assistenten Gerhard Neumann am Steuer, habe er, so schreibt Celan an seine Frau Gisèle, „klare Worte“ gefunden, auf die Heidegger ausweichend oder gar nicht reagiert habe.

Wir wissen sehr viel über Paul Celan aus seinen Briefwechseln:

Paul Celan/Ilana Shmueli-Briefwechsel. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2004, 242 S.,

Herzzeit. Ingeborg Bachmann-Paul Celan. Der Briefwechsel. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2008, 399 S.

Die Briefwechsel mit Gisèle Celan-Lestrange, Rudolf Hirsch, Hanne und Hermann Lenz, Nelly Sachs, Peter Szondi, Franz Wurm, Klaus und Nani Demus habe ich nicht gelesen.

2020 neu erschienen:

Wolfgang Emmerich: Nahe Fremde. Paul Celan und die Deutschen. Göttingen (Wallstein) 2020, 400 S.,

Helmut Böttiger: Celans Zerrissenheit. Ein jüdischer Dichter und der deutsche Geist. Köln (Galiani) 2020, 208 S. (Böttigers drittes Buch über Celan),

Klaus Reichert: Paul Celan – Erinnerungen und Briefe. Berlin (Suhrkamp) 2020, 297 S.,

Paul Celan: „etwas ganz und gar Persönliches“. Briefe 1934-1970 Berlin (Suhrkamp) 2019, 1.286 S. (mit 330 unpublizierten Briefen).

Ich erinnere mich noch gut an das Ende eines Proseminars 1980, in dem wir ausschließlich die Soap Opera „Holocaust“ (1978) von Marvin Chomsky (mit Merryl Streep) analysiert und interpretiert hatten. Am Ende habe ich die Todesfuge vorgelesen. Neue Fragen stellten sich, neue Perspektiven ergaben sich. Wir haben ganz neu und sehr viel gelernt.

(Iris Radisch, Die Zeit 16.4.20; Julia Encke, FAS 19.4.20; Christoph Bartmann, SZ 20.4.20)