Der Fachbereich Philologie/Kulturwissenschaften der Universität Koblenz-Landau verleiht dem Autor und Liedermacher Wolf Biermann die Ehrendoktorwürde. Damit werden seine besonderen Verdienste um Literatur und Wissenschaft geehrt. Die Verleihung findet am 28. Oktober im Theater Koblenz statt (SZ 5.8.20).
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2977: Ehrendoktorwürde für Wolf Biermann
Donnerstag, August 6th, 20202976: dpa mit zentralem Desk
Mittwoch, August 5th, 2020Aus Einsparungsgründen arbeitet die „Deutsche Presse-Agentur“ (dpa) neuerdings mit einem zentralen Desk. Alle Meldungen und Berichte des Basisdienstes und der zwölf Landesdienste werden in Berlin herausgegeben. Dadurch würden Einsparungen „im niedrigen sechsstelligen Bereich“ erzielt, so die stellvertretende Chefredakteurin Jutta Steinhoff. Insgesamt sei das zentrale Desk um 16 Stellen erweitert worden. Bei den Landesdiensten seien zehn Stellen weggefallen (SZ 5.8.20).
2973: Helga Schubert ist gefragt.
Dienstag, August 4th, 2020Die diesjährige Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin, Helga Schubert, 80, ist seit der Preisverleihung sehr gefragt. In der FAZ (1.8.20) führt sie ein ausführliches Gespräch mit Jan Wiele in ihrem Dorf Neu Meteln (Mecklenburg-Vorpommern). Dabei gerät immer wieder die DDR in den Blick:
1. Nach Schubert überlagerte die Biermann-Ausbürgerung 1976 die literarischen Diskurse in der DDR.
2. Schubert berichtet von einem Stasi-„Lockspitzel“ in Neu Meteln.
3. Über Christa Wolf und Sarah Kirsch spricht Schubert von „halbgebildetem SED-Kleinbürger-Milieu mit mystischem Geschwätz, was ich ja nur sporadisch wahrnahm, weil mein Mann und ich in Berlin arbeiteten“.
4. Als Helga Schubert 1983 den Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster bekommen sollte, ließ ihr das SED-Politbüro ausrichten, falls sie den Preis annähme, könne sie gleich in „Westdeutschland“ bleiben. Sie bekam den Hans-Fallada-Preis dann 1993.
5. Zur Fernsehserie „Weißensee“ sagt Schubert: „Da kommen die alle ziemlich gut weg, die Staatssicherheitsleute, oder? So wie bei Ruge“ (Das ist Eugen Ruge, der Autor von „In Zeiten abnehmenden Lichts“ und „Metropol“, W.S.).
6. Helga Schubert behauptet, dass Christa Wolfs Mann, Gerhard Wolf, gemeinsam mit einem Ofensetzer den Brand „unserer beiden alten strohgedeckten Lehmfachwerkhäuser“ verschuldet habe.
7. Christa Wolf habe sich gemeinsam mit Egon Krenz (SED) in dem Aufruf „Für unser Land“ für die Beibehaltung der Teilung Deutschlands ausgesprochen.
8. „Dass man wirklich beigetreten ist zum Grundgesetz der BRD, ist etwas, worüber ich sehr glücklich bin.“
2971: Tilman Jens ist gestorben.
Montag, August 3rd, 2020Lebenslänglich hatte Tilman Jens, der jetzt im Alter von 65 Jahren gestorben ist, unter seinem Vater Walter Jens zu leiden. Dem Professor für Rhetorik, Kolumnisten und Festredner. Anlässlich des 75-jährigen Bestehens des DFB hielt der die Festrede.
Tilman Jens‘ erste journalistische Heldentat war 1984 sein Einbruch in das Haus des gerade gestorbenen Schriftstellers Uwe Johnson in Sheerness on Sea. Jens konnte exklusiv aus intimen Notizen über eine gescheiterte Ehe berichten. Der „Stern“ hätte das gerne gedruckt. Stattdessen entließ er den Reporter. Der arbeitete fortan für’s Fernsehen.
1994 lieferte er im „Kulturweltspiegel“ einen Beitrag, in dem Marcel Reich-Ranicki beschuldigt wurde, er habe während seiner Tätigkeit für den polnischen Geheimdienst anderen Kommunisten geschadet (ohne zu berücksichtigen, dass das bei Kommunisten ja so üblich ist).
2008 machten Inge Jens, die philologisch sehr kundige Herausgeberin der Tagebücher Thomas Manns, und ihr Sohn Tilman bekannt, dass Walter Jens an Demenz erkrankt war. Das lief nun auch mit Aplomb durch die Medien. Die Geschichte leerer Gesten und voller Windeln.
Schließlich versuchte sich Tilman Jens noch an Helmut Kohls mit Heribert Schwan geführten Gesprächen. Darin sind einige von Kohls üblen Schmähreden über Parteifreundinnen und Parteifreunde enthalten. Helmut Kohl wollte sie dann doch nicht gedruckt sehen. Nach Kohls Tod wurden die Autoren und der Verlag zu einer Entschädigungszahlung von einer Million Euro verurteilt (Willi Winkler, SZ 3.8.20).
2967: Joseph Vogl liest …
Sonntag, August 2nd, 2020Die „Literarische Welt“ (1.8.20) gibt Schriftstellern und Wissenschaftlern Gelegenheit uns mitzuteilen, was sie gerade lesen. Joseph Vogl schreibt:
„Ein Roman, nicht noch einmal gelesen, aber stets mitgedacht in diesen Monaten:
Philip Roth ‚Nemesis‘,
erschienen 2010. Es ist ein strahlender Hochsommer in Newark, New Jersey, im Jahr 1944. Aus dem wolkenlosen Himmel bricht eine Polio-Epidemie herein und verbündet sich mit der sommerlichen Gluthitze. Und gerade weil die Schuld an dieser Katastrophe niemanden treffen kann, zerstört sie jedes moralische Maß und wächst ins Mythische an. Am Ende wird dem standhaften und gebrochenen jungen Helden des Romans weder göttliche Gerechtigkeit noch ein tragisches Geschick zuteil, sondern allenfalls ein grenzenloses Erbarmen.“
Joseph Vogl ist Ordinarius für Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität Berlin.
2966: „Frankfurter Rundschau“ 75 Jahre alt
Sonntag, August 2nd, 2020Die „Frankfurter Rundschau“ (FR) ist 75 Jahre alt. Ihre erste Ausgabe erschien am 1. August 1945. Gegründet von sieben Männern, die mit der Nazi-Lügenpresse schnellstens aufräumen wollten. Unter dem ab 1954 alleinigen Herausgeger und Chefredakteur Karl Gerold (1906-1973) wurde daraus das linksliberale Blatt in Deutschland. Zunehmend und zusätzlich verankert im akademischen und studentischen Milieu, basierend auf einer guten regionalen Vernetzung im Rhein-Main-Gebiet (Chefredakteur Thomas Kaspar, FR 1./2.8.20)
1946 schrieb Karl Gerold in einem Leitartikel: „Was wir brauchen, ist nicht nur eine geistige Elite, welche diesen Namen wirklich verdient. Vor allem brauchen wir heute ruhige, rechtlich denkende Männer und Frauen, die den Mut aufbringen in aller Öffentlichkeit wie im privaten Kreise, aus eigener Initiative auf das hinzuweisen, was notwendig ist. Männer und Frauen, die ein festes Ja und ein festes Nein in den Dingen des persönlichen und öffentlichen Lebens zu setzen vermögen und dazu stehen können.“ (FR 1./2.8.20)
Die FR nahm in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren auch ökonomisch eine positive Entwicklung. Die verkaufte Auflage stieg stetig. Aber es gab auch angesichts der wachsenden Konkurrenz wirtschaftliche Probleme, die 2006 einen Verlagswechsel nach sich zogen. Gerolds Nachfolger bei der FR von 1973 bis 1992 war Werner Holzer (1926-2016). Er war gestartet als Auslandskorrespondent und wurde führend in der „Dritte-Welt“-Berichterstattung. Bei ihm finden wir schon Auseinandersetzungen mit der Weltwirtschaftsordnung, mit Globalisierung und Kolonialismus, wie sie heute allmählich durchgesetzt werden. Die FR war lange Zeit auf diesen Feldern das führende Blatt.
Wir können uns nur wünschen, dass diese Stimme noch lange zu hören ist und gehört wird.
(Gewidmet Angela und Edgar Heunisch, Adelebsen).
2948: Universalismus versus Identitätspolitiken
Sonntag, Juli 19th, 2020Mark Siemons unternimmt in der FAS (19.7.20) den Versuch, angesichts des um Rassismus tobenden Kampfes unter Intellektuellen und Publizisten eine brauchbare Unterscheidung zwischen Universalisten und Identitätspolitikern vorzunehmen. Das bringe ich in meine Kategorien und meine Sprache:
1. Angeblich wird der Universalismus (der Menschenrechte) vertreten von alten, heterosexuellen, weißen Männern, welche die Macht nicht abgeben wollen.
2. Angesichts der Unterdrückung von Menschengruppen darauf zu bestehen, dass wir vorgeblich alle gleich sind, bedeutet die Beibehaltung der Unterdrückung.
3. Wer den Rassismus bekämpfen will, muss die Perspektive derjenigen einnehmen, die dem Rassismus ausgesetzt sind.
4. Zugleich ist offensichtlich, dass sich selbst die antiuniversalistische Identitätspolitik einem zutiefst universalistischen Antrieb verdankt, dem Ziel, allen Menschen gleiche Rechte zu sichern.
5. Wenn die „Identität“ zum Selbstzweck wird, besteht die Gefahr der Re-Essenzialisierung.
6. In „Harper’s Magazine“ haben 153 prominente Intellektuelle beklagt, dass „auch moralische Einstellungen und politische Bekenntnisse“ gestärkt würden, „die jede offene Debatte und das Aushalten von Differenzen zugunsten einer ideologischen Konformität schwächen“.
7. Zu den Unterzeichnern gehören Noam Chomsky (* 1928) und Salman Rushdie (* 1947).
8. Anscheinend gibt es zwischen dem Universalismus der Redefreiheit und dem identitätspolitischen Machtkampf um Sprecherrollen keine Vermittlung mehr.
9. Die Universalisten sagen: „Schlechte Ideen besiegt man, indem man sie entlarvt, durch Argumente und Überzeugungsarbeit, nicht durch den Versuch, sie zum Schweigen zu bringen oder sie wegzuwünschen.“
10. In Deutschland ist die „tageszeitung“ (taz) gespalten in junge (unter 40) Identitätspolitiker und alte (über 40) Verfechter der Solidarität (Universalismus).
11. Für die Jüngeren ist die wichtigste Frage: Wer spricht?, für die Älteren: Wer hat recht?
12. Der herrschaftsfreie Diskurs wird durch die in ihm enthaltenen Machtkategorien angefochten.
13. Der Universalismus wurde vom Poststrukturalismus eines Michel Foucault (1926-1984) und eines Jacques Derrida (1930-2004) bekämpft.
14. Dadurch kam es zu einer Veränderung der Blickrichtung weg vom selbstbestimmten, souveränen Subjekt namens „Mensch“ hin zu anonymen Strukturen.
15. Der Begründer der „Cultural Studies“, Stuart Hall (1932-2014), hat darauf hingewiesen, dass die Identitäten schließlich zugunsten eines „Gemeinsamen“ wieder dekonstruiert werden müssen.
Kommentar W.S.: Als alter, heterosexueller, weißer Mann habe ich praktisch keine Chance. Ich bleibe rettungslos in dem alten, menschenrechtlich (1776) fundierten Universalismus befangen.
2943: Frauen erhalten die Literaturpreise.
Donnerstag, Juli 16th, 2020Dazu schreibt Felix Stephan (SZ 16.7.20):
„Der Ingeborg-Bachmann-Preis ging an die 80-jährige Helga Schubert, der Georg-Büchner-Preis an die 82-jährige Lyrikerin Elke Erb, der Sigmund-Freud-Preis an die die Historikerin Ute Frevert, der Johann-Heinrich-Merck-Preis an die Kritikerin Iris Radisch, der Heinrich-Heine-Preis an die Kritikerin und Buchhändlerin Rachel Salamander, der Joseph-Breitbach-Preis an die Jüngste im Bunde, die 1982 geborene Nora Bossong.“
„Themen und Wahrnehmungswelten, die lange als weiblich und damit kulturfern galten, sind längst hochkulturfähig. Dadurch ändert sich auch der Blick auf Gesamtwerke älterer Autorinnen, die nun rückwirkend ausgezeichnet wurden. Ute Frevert etwa ist berühmt geworden mit ihren Arbeiten zur Geschichte der Gefühle, Helga Schubert machte immer wieder ihr Dasein als Mutter zum Thema ihrer Erzählungen, Iris Radisch und Rachel Salamander behaupteten sich in der westdeutschen Literaturkritik jahrzehntelang in einer männlichen Hegemonie, Elke Erbs Gedichte werden heute vor allem von Jüngeren gelesen. Überfällig ist jede einzelne dieser Auszeichnungen.“
2936: Rainer Moritz will keine amerikanischen Romane mehr.
Sonntag, Juli 12th, 2020Rainer Moritz ist Leiter des Hamburger Literaturbüros. Wie er in der „Literarischen Welt“ (11.7.20) schreibt, will er demnächst keine amerikanischen Romane mehr:
„Zu meiner Lektüre zählten beispielsweise Richard Russo, Hanya Yanagihara, Emily Ruskovich, Rebekka Makkai, Katya Apekina, Celeste Ng, Claire Lombardi, Elizabeth Strout, Anne Tyler, Stewart O’Nan, Taffy Brodesser-Akner und Courtnay Sullivan, ganz zu schweigen von denjenigen, an die ich keinerlei Erinnerung mehr besitze.“
„Doch sobald amerikanische Romanciers in Mannschaftsstärke auftreten, beginne ich unter Beklemmung und Atemnot zu leiden, möchte aus diesem Kosmos ausbrechen und im Gefolge von Jonathan Franzens ‚Korrekturen‘ nicht länger in den Familienkäfigen dieser Literatur eingesperrt bleiben.“
„… ich empfinde Überdruss, wenn ich, als hätte ich bei einem Pizza-Lieferdienst bestimmte Beläge geordert, sicher sein kann, was mir alles an Katastrophen in diesen Romane begegnen wird: Missbrauch, Selbstmord, Vergewaltigung, Ehebruch, Bulimie, Mobbing, Schwangerschaftsabbruch, Großbrände, Depression, Geschwisterhass, Karriereknicke, Schulden, Haustiere, Stay-at-home-Mothers, alte Tagebuchaufzeichnungen, aufgefundene Briefe und ein schreckliches Geheimnis, das auf den letzten Seiten endlich aufgeklärt wird.“
„Amerikanische Romane sind sich oft zum Verwechseln ähnlich. Nach wenigen Kapiteln spürt man, dass ihre Verfasser Creative-Writing-Kurse besucht haben, Creative Kurse geben und genau wissen, wie man einen spannenden Plot baut, markante Charaktere erfindet und mit Rückblenden ergreifende Dinge erzählt. Dass Schreiben auch Handwerk ist und sich vieles erlernen lässt, ist längst kein Geheimnis mehr und hat sich auch im deutschsprachigen Raum herumgesprochen. In den USA jedoch scheint man auf bestimmte literarische Techniken besonderen Wert zu legen.“
„Ich selbst gönne mir in den nächsten Monaten eine amerikanische Auszeit und hoffe so, Sätzen wie Claire Lombardis ‚Ich liebe es, Mutter zu sein. Das ist der größte Spaß, den ich jemals hatte‘ aus dem Weg gehen zu können. Wie wäre es mal wieder mit Romanen, die in Stuttgart, Siegen oder Siebenbürgen spielen und noch nicht vom amerikanischen Way of Writing infiziert sind?“
2930: Klaus Wagenbach 90
Samstag, Juli 11th, 2020Der Berliner Kleinverleger Klaus Wagenbach ist 90 Jahre alt geworden. Mit Mut, Beharrlichkeit und einer großen Portion Eigensinn hat er die deutsche Verlagsszene mit geprägt. Die in seinem Verlag erscheinende Zeitschrift „Freibeuter“ konnte sich mangels Auflage nicht lange halten. Wagenbach nahm häufig keine Rücksicht auf die angesagten Ideologien. Er machte sich sowohl bei den Berliner Linken unbeliebt als auch bei manchen Germanistik-Größen. „Mit dem Nachbarstaat DDR hat er sich, schon wegen Biermann, in die Nesseln gesetzt, bis hin zum Hausverbot.“ Gemeinsam mit Walter Höllerer hat er sich um Stipendiaten aus Polen und dem europäischen Osten verdient gemacht. Das Kolloquium am Wannsee gibt es heute noch (Hans Magnus Enzensberger, FAZ 11.7.20).