Archive for the ‘Literatur’ Category

3026: Mario Adorf 90

Dienstag, September 8th, 2020

Mario Adorf ist neunzig Jahre alt. Er ist einer unserer bekanntesten und profiliertesten Schauspieler. Der Sohn eines sizilianischen Vaters und einer deutschen Mutter wuchs in der Eifel auf. Seine Schauspielausbildung erhielt er an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Bereits einer seiner ersten Filme brachte ihm 1957 den Durchbruch. „Nachts, wenn der Teufel kam“ in der Regie des Hollywood-Rückkehrers Robert Siodmak. Darin diente der vorgebliche Massenmörder Bruno Lüdke als Vorbild für den Plot, von dem sich herausgestellt hat, dass er gar kein Massenmörder war.

Adorf spielte im folgenden häufig „Schurken“, später erst „bessere Herren“, Industrielle und „Patriarchen“ wie den „großen Bellheim“. Er wirkte in 120 Filmen und Fernsehfilmen mit. Oft in der Regie des Regisseurs Dieter Wedel. Adorf war mit der Schauspielerin Lis Verhoeven verheiratet. Seit 1985 ist Monique Faye seine Frau.

Große Filme, in denen Mario Adorf mitgewirkt hat: „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957), „Das Mädchen Rosemarie“ (1958), „Das Totenschiff“ (1959), „Winnetou I“ (1963), „Eine Reise nach Wien“ (1973), „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1976), „Deutschland im Herbst“ (1978), „Die Blechtrommel“ (1979), „Lola“ (1981), „Kir Royal“ (1986), „Heimatmuseum“ (1988), „Der große Bellheim“ (1993), „Rossini“ (1997), „Der letzte Patriarch“ (2010), „Karl Marx“ (2018).

3015: Wozu überhaupt Theorie ?

Montag, August 31st, 2020

Angesichts der Demonstrationen von Verschwörungstheoretikern ist die Feststellung erlaubt, dass es heute anscheinend an dem Boden für eine allseits geteilte Rationalität fehlt. Es gibt keine allgemein anerkannten Theorien mehr. Auch ist in Deutschland, seit Goethe in seinem „Faust“ Mephisto sagen lässt „Grau teurer Freund ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum“, Theorie nicht allzu beliebt. Das führt zu Verwirrungen:

  1. Die Theorien vom Ende des 20 Jahrhunderts waren ausgerichtet auf das Bezeichnende (die Signifikanten), nicht auf das Bezeichnete (die Sachen, die Signifikate): Strukturalismus (Claude Lévy-Strauss), kritische Theorie (Theodor W. Adorno), Diskursanalyse (Michel Foucault), Dekonstruktion (Jacques Derrida), funktional-strukturelle Systemtheorie (Niklas Luhmann).
  2. Nach meiner Erfahrung ist die Kenntnis dieser Theorien bei Naturwissenschaftlern und Medizinern nicht weit verbreitet.
  3. Die genannten Theorien untersuchten die Verteilungsgesetze und zugrundeliegenden Denkmuster von Texten.
  4. Analysiert wurden die Bezeichnungen (Signifikanten) und nicht das Bezeichnete (Signifikate).
  5. Es war die Rede vom „Tod des Autors“ (Roland Barthes).
  6. Dies konnte von Theoretikern (Autoren) verbreitet werden, die auf Grund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts und ihrer institutionellen Einbindung relativ unanfechtbar und privilegiert waren.
  7. Dagegen wird von den neunziger Jahren an „Identität“ zur Leitkategorie.
  8. „Subjekt“ und „Sinn“ treten wieder auf den Plan.
  9. Unter dem Einfluss von Judith Butler („Geschlecht“) wird im vielfältigen Spektrum der Möglichkeiten die Wahl des Geschlechts (LGBTIQ) möglich.
  10. Das empfinden manche als autoritäre Ideologie.
  11. Dabei wird die Linke vereinnahmt, ohne deren Universalismus zu teilen.
  12. Ist es da einer weißen Autorin erlaubt, aus der Perspektive nicht-weißer Protagonisten zu berichten? (Andreas Bernard, Die Zeit 20.8.20; Mark Siemons, FAS 30.8.20)

 

3013: Schlöndorff: Das Kino ist nicht tot.

Sonntag, August 30th, 2020

Der deutsche Oscarpreisträger („Die Blechtrommel“, 1979) Volker Schlöndorff spricht über die Chancen des Kinos:

„Das Kino ist tot – es lebe das Kino? Die digitalen Technologien haben neue Formen des Erzählens hervorgebracht, nicht zuletzt der Serien, die eine ganze Generation dem Kino entfremdet haben. Auch dem Film als Einzelstück, der wie der klassische Roman oder das Theaterstück eine geschlossene Geschichte in einem Bogen erzählt, scheint dieser Generation etwas aus einer anderen Zeit, eine Zumutung womöglich, denn man muss sich über einen längeren Zeitraum konzentrieren, und der Inhalt verlangt meist, dass man sich damit auseinandersetzt. ‚Der Vorhang geht irgendwann auf, und mit Ende der Erzählung fällt er wieder, hoffentlich nach nicht mehr als zwei Stunden‘, wie Billy Wilder es einst definierte. Ich habe es an mir selbst erlebt, wie süchtig Serien machen können, …

So unterhaltsam sie auch sind, wie innovativ die audiovisuelle Sprache auch ist, auf mich wirken sie zeitraubend (wer hat die Zeit, sich all die Folgen anzusehen – auch bei Corona?!). Das Prinzip ist ‚more of the same‘. Wahrscheinlich können sie keinen anderen Sinn liefern, als dass alles immer weitergeht. Nie stellt sich bei mir jedenfalls die Erregung ein, die ich beim Verlassen des Kinos oftmals empfinde, dass mir ein Film nachgeht oder mich zum Reden darüber bringt, egal ob mit mir selbst beim Gang durch nächtliche Straßen oder mit anderen in der nächsten Kneipe.

Der Fortsetzungsroman hat auch nicht die gesamte Belletristik hinweggefegt und, wenn der Vergleich stimmt, wird es auch wieder Bergmans und Fellinis geben, Antonionis und de Sicas, Formans und Fassbinders, die Filme machen, von denen jeder ein Einzelstück ist, und die eine große Leinwand und den geschlossenen Raum mit anderen brauchen, um mit dem Publikum zu kommunizieren. So ist weder der Autorenfilm noch das Kino tot. Beide werden nur von einer neuen Generation neu erfunden werden. Unsere Sehnsucht hinterlässt eine nie zu schließende Marktlücke. “ (FAZ 29.8.20)

3001: Harry Jeske ist gestorben.

Samstag, August 22nd, 2020

Der Bassist und langjährige Manager der „Puhdys“, Harry Jeske, ist in Wismar gestorben. Er wurde 82 Jahre alt. „Harry war damals der beste Manager der DDR. … Wir haben ihm sehr viel zu verdanken.“ 1997 stieg Jeske wegen einer Krankheit aus der Band aus (dpa, SZ 22./23.8.20). „Über sieben Brücken musst du gehn.“

2997: Toleranz-Preis für Senta Berger

Donnerstag, August 20th, 2020

Die Schauspielerin Senta Berger, 79, erhält den Toleranz-Preis der Evangelischen Akademie Tutzing. Sie wird „als Charakterdarstellerin für ihr Lebenswerk als glaubwürdige Persönlichkeit im Film wie in der Wirklichkeit“ geehrt. „Ihre Offenheit für die Welt und andere Kulturen sind der Schlüssel, um dem Fremden mit Toleranz und Verständnis, Charme und Humor zu begegnen.“ Nach den Worten von Akademiedirketor Udo Hahn hat Berger insbesondere mit ihrer Rolle als Kriminalrätin Eva Maria Prohacek in der Krimireihe „Unter Verdacht“ Maßstäbe für das deutsche Fernsehen gesetzt. (KNA, SZ 19.8.20)

2992: David Grossman begeistert Julia Encke.

Montag, August 17th, 2020

Der israelische Schriftsteller David Grossman, geb. 1954, trat 2009 mit dem Roman „Eine Frau flieht vor einer Nachricht.“ hervor. Darin flieht die Protagonistin durch Galiläa, um nicht miterleben zu müssen, dass ihr die Nachricht vom Tod ihres Sohns gebracht wird, der Soldat ist. 2006 war Grossmans zweiter Sohn Uri als Panzersoldat im Libanon gefallen. 2010 erhielt David Grossman den Friedenspreis des deutschen Buchhandels für sein Eintreten für den israelisch-palästinensischen Dialog.

Nun begeistert Grossman Julia Encke (FAS 16.8.20) mit seinem neuen Roman

„Was Nina wusste“.

München (Hanser) 2020, 352 Seiten, 25 Euro. Er spielt im kroatischen Lager Goli Otok, „Titos Gulag“. Encke schreibt: „Schon in eine ‚Eine Frau flieht vor einer Nachricht‘ konnte die Mutter das Leben des Sohnes, das sie erzählend schützen wollte, nicht retten. Und auch jetzt – alles andere würde zu Grossman nicht passen – entkommt keine der Figuren der Wahrheit. Doch schafft die Erzählung selbst eine Unterbrechung, die dem über Generationen weitergegebenen Trauma Einhalt gebieten kann. ‚Was Nina wusste‘ ist alles auf einmal: Kriegsbericht, historische Rekonstruktion, Liebesgeschichte und Familienroman und in jeder Hinsicht überwältigend. David Grossman ist einfach der größte lebende Schriftsteller.“

2990: Aufbau Verlag – 75 Jahre

Sonntag, August 16th, 2020

Noch vor Gründung der DDR und der Bundesrepublik wurde der Aufbau Verlag am 16. August 1945 in Ost-Berlin ins Leben gerufen. Und zwar vom „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“ unter seinem Präsidenten Johannes R. Becher, dem nachmaligen kommunistischen Kultusminister der DDR. Die ersten Bände stammten von Maxim Gorki und Georg Lukacs. Seinerzeit in Auflagen von 10.000 bis 30.000. Erfolgsbücher wurden „Das siebente Kreuz“ von Anna Seghers, Heinrich Manns „Untertan“ und Theodor Pliviers „Stalingrad“. Wir sehen, dass es ein großes Programm gab.

Mit Gründung der DDR und der SED betrachtete diese den Verlag als ihr Eigentum. Der große literarische Anspruch blieb, aber die Propaganda hielt Einzug. Der Verlagsdirektor

Walter Janka,

KZ-Insasse, Exilant, Spanienkämpfer, bemühte sich um Unabhängigkeit. Er druckte Hemingway, Sartre und Bertolt Brecht (dank eines Abkommens mit Suhrkamp). Nach dem ungarischen Aufstand 1956 wurde er in einem Schauprozess verurteilt. Die Spannung zwischen der offiziellen Kulturpolitik und der ästhetisch-politischen Öffnung, für die der Verlag steht, bleibt erhalten. 1976 protestieren die Aufbau-Autoren Stephan Hermlin, Sarah Kirsch, Günter Kunert und Christa Wolf gegen die Ausbürgerung

Wolf Biermanns.

Verlagschef Elmar Faber hielt trotz alledem eine gewisse Liberalität durch. Victor Klemperers „Sprache des Dritten Reichs“ (1946) fand eine Fortsetzung in seinen Tagebüchern. Hans Fallada wurde mit der Originalfassung von „Jeder stirbt für sich allein“ wieder zum Bestseller-Autor. Im Rahmen der allgemeinen Privatisierung übernahm 1991 ein Immobilien-Investor aus Frankfurt den Verlag. Der bezog 2011, nach der Übernahme durch einen anderen Investor 2008, sein neues Domizil am Moritzplatz in Kreuzberg. Das Renommee des Aufbau-Verlags bleibt (Lothar Müller, SZ 14./15.8.20).

2989: Das Exilmuseum – eine Idee von Herta Müller

Samstag, August 15th, 2020

2009 erhielt die deutsche Schriftstellerin Herta Müller, geb. 1953 in Rumänien, den Literaturnobelpreis. Sie war 1987 ins deutsche Exil gegangen. Bekannte Werke von ihr sind: Der Fuchs war damals schon der Jäger (1992), Herztier (1994) und Atemschaukel (2009). Sie wohnt seit längerem in Berlin-Charlottenburg. Jetzt hat sie die Idee eines Exilmuseums am Anhalter Bahnhof entwickelt. Es soll privat finanziert werden und dürfte auf Spenden angewiesen sein. Herta Müller hält das Exil seit 1933 für völlig unterschätzt. Ihrer Ansicht nach hätten die Exilanten nach Deutschland zurückgerufen werden sollen.

Marc Reichwein hat sie für die „Literarische Welt“ (15.8.20) interviewt.

Literarische Welt: Sehen Sie noch Unterschiede zwischen Ost und West?

Müller: Man kann die Ex-DDR nur als Teil von Osteuropa verstehen. Ich weiß ja, wie Osteuropa aussah. Rumänien war, wegen des Clans um Ceaucescu und was die Armseligkeit und Verelendung angeht, sicher eines der finstersten Länder. Aber alle Osteuropäer einte dieselbe sozialistische Ideologie. Gerade für die Ostdeutschen, die im Gegensatz zu den Tschechen, den Polen oder den Ungarn keine sprachlich-kulturelle Einheit mit Alleinstellungsmerkmal bildeten, hat sich der Staat nur ideologisch definiert.

Literarische Welt: Kann Europa mit seinen unterschiedlichen  Mentalitäten jemals zusammenwachsen? Oder hat sich manche Spaltung nicht verfestigt?

Müller: Osteuropa hat sich immer noch nicht völlig demokratisiert. Die EU hat es auch nicht genügend verlangt, hat nur Aufnahmebedingungen definiert, aber kaum Regularien für Mitglieder, die die Wertegemeinschaft nicht mitleben. Siehe die Gleichschaltung der Medien in Ungarn. Oder die Justizreform in Polen. Orban wird mit Sicherheit auch Sanktionen gegen das Regime in Belarus blockieren. Und die EU hat keine Handhabe, keinen Hebel. …

Literarische Welt: Sind Sie ein politischer Mensch?

Müller: Ich stamme aus Rumänien, wo alle deutschsprachigen Bewohner noch nach dem Krieg als Nazis galten, obwohl mit Antonescu das ganze Land faschistisch war und die Juden aus der rumänischen Bukowina zur vollsten Zufriedenheit der Nazis vertrieben und vernichtet hatte. Mein eigener Vater war bei der SS, und ich habe mich immer gefragt: Was hätte er gemacht, wenn er die Eltern von Paul Celan hätte umbringen müssen. Natürlich hätte er den Befehl ausgeführt. Er war ja Soldat. Er wäre ja nicht desertiert, nur weil er jemanden erschießen musste. Ich habe keine Ahnung, wie viele Menschen er getötet hat. Ich konnte mit ihm nie darüber sprechen. … Politisiert war ich automatisch. In einer Diktatur gibt es nur zwei Möglichkeiten: Man kann sich arrangieren oder nicht. Und zu diesem Nicht gehört auch das Exil.

2980: Der weite Weg der Monika Maron

Sonntag, August 9th, 2020

Mit „Flugasche“ (1981) hat sie unsere Herzen erobert. Eine große Schriftstellerin: Monika Maron. Auch noch mit „Stille Zeile Sechs“ (1991) oder „Animal Triste“ (1996). Sie kannte sich in der Liebe aus. Seither hat sie einen weiten Weg gemacht. Anscheinend politisch motiviert. Alle Rezensenten ihres neuen Romans „Artur Lanz“ (Verlag S. Fischer, 19,90 Euro) und ihre Interviewer haben sich um Fairness bemüht.

Aber Julia Encke schreibt in der FAS (9.8.20): „Wir leben in einem Land, so suggeriert es uns Maron allen Ernstes in ihrem toxischen Cocktail aus Selbstgerechtigkeit, Ressentiment und Machotum, in dem die Meinungsfreiheit wieder eingeschränkt wird wie in der DDR. … Wobei ‚uns‘ natürlich falsch ist. Nur die Männer. Die sollen wieder Helden werden und Männer sein dürfen. Am besten Biker-Typen. Die Frauen sind sowieso nur durchideologisierte Denunziantinnen im Genderwahn.“

2978: „Otto – Der Film“ (1985) ist rassistisch.

Donnerstag, August 6th, 2020

Der erfolgreichste Film, den Otto Waalkes gemacht hat, ist „Otto -Der Film“ (1985). Er ist rassistisch. Darin bietet „Otto“ einer reichen Dame den „farbigen“ Schauspieler Günther Kaufmann (1947-2012) als „Sklaven“ an. Kaufmann hatte sich als Schauspieler bei Rainer Werner Fassbinder und in Bremer Theaterinszenierungen durchgesetzt. Waalkes Filme richteten sich häufig gegen „die, da oben“.

In dem Film ist Silvia (Jessika Cardinahl) so gezeichnet, dass wir den Film heute auch als sexistisch empfinden. Zudem verulkt er die Alten. Auf Ottos Frage „Seid ihr alle da?“ antworten sie „Ja!“. Darauf Otto: „Aber nicht mehr lange!“ Da haben wir’s. Solche seinerzeit möglicherweise noch nicht unkorrekten Filme wurden für Otto Waalkes häufig geschrieben von Autoren wie Bernd Eilert, Robert Gernhardt und Peter Knorr. Sie gehörten zur „Neuen Frankfurter Schule“. Die war also auch rassistisch (Wilfried  Hippen, taz 30.7.20).

Vielleicht geht mancher Schenkelklopfer heute in sich?

Damit rechne ich nicht. Otto Waalkes Filme gelten auch heute noch als fortschrittlich.

Was machen wir nun?