Archive for the ‘Literatur’ Category

3452: Dieter Mann 80

Sonntag, Juni 20th, 2021

Der 1941 in Berlin geborene Schauspieler, Regisseur und Intendant Dieter Mann ist auch ein zu hoher Selbstreflexion fähiger Intellektueller. In seiner Autobiografie „Schöne Vorstellung“ schrieb er: „Ich bin Parteigänger eines präzisen Theaters, bei dem mehr mitgeteilt als hingenuschelt wird. Sprache ist wichtig – sonst bin ich beleidigt, als Zuschauer oder als Schauspieler.“

Noch während eines nach einer Dreherlehre begonnenen Schauspielstudiums holte Friedo Solter Mann 1964 ans Deutsche Theater in Berlin. Dort blieb er bis 2006 fest engagiert und war von 1984 bis 1991 dessen Intendant. Seine nie kumpelhaft herabgezogenen Rollen machten ihn zu einem prägenden Schauspieler zunächst in der DDR, dann im vereinten Deutschland. Er spielte den Clavigo, den Wehrhahn in Gerhart Hauptmanns „Der Biberpelz“, den Wallenstein, Philipp II. und König Lear.  Er glänze in Thomas Manns Monolog „Fülle und Wohllaut“ aus dem „Zauberberg“. Dieter Mann blieb in der DDR, „weil ich daran glaubte, dass es bei uns vorwärtsgehen würde“. 2020 erhielt er den Ehrenpreis des Deutschen Schauspielpreises (Irene Bazinger, FAZ 19.6.21).

3440: Tanit Koch berät Armin Laschet.

Donnerstag, Juni 10th, 2021

Tanit Koch, 43, war von 2016 bis 2018 Chefredakteurin der „Bild“-Zeitung. In der Funktion war sie 2017 bei Fritz Güntzlers (CDU) Veranstaltung „Medien- Vierte Gewalt oder Motor zur Meinungsbildung?“ in Göttingen. Nach einem Zerwürfnis mit Julian Reichelt verließ Frau Koch die „Bild“-Zeitung und wurde Chefredakteurin der RTL-Zentralredaktion. Nun berät sie Armin Laschet (CDU) im Bundestagswahlkampf. „Wir gewinnen mit Tanit Koch eine erfahrene Journalistin und Kommunikationsexpertin – … Ich freue mich sehr.“ Tanit Koch soll u.a. Laschets Präsenz in den sozialen Medien ausbauen (SZ 10.6.21).

3438: Die Universitäten sind schuld an den Plagiatsaffären.

Dienstag, Juni 8th, 2021

1. „Der Doktorgrad ist beschädigt. Den einen ist er zum Signum karrieregeiler Hochstapler und halbseidener Schummlerinnen geworden, anderen war die Titelhuberei immer schon Ausdruck intellektueller Überheblichkeit.“

2. „Schuld an dieser Entwicklung sind zwei Gruppen. Zunächst natürlich die Plagiatoren selbst: Karl Theodor zu Guttenberg, Annette Schavan, Franziska Giffey und andere. … Und dann die Universitäten, sie haben der schleichenden Degradierung ihres wichtigsten Grades jahrelang zugesehen. Das gilt insbesondere für die

medizinischen und juristischen,

auch für einige philosophische Fakultäten.“

3. „Warum die eine ihren Doktortitel behalten durfte

(wie Ursula von der Leyen),

der andere ihn aberkannt bekam, der nächste ihn freiwillig zurückgab? Unklar. Warum die Ex-Doktoranden angeklagt wurden, betreuende Professorinnen aber nicht? Man weiß es nicht.“

4. „In der Öffentlichkeit sind die Universitäten nicht als souveräne Institutionen aufgetreten, die hohe wissenschaftliche Standards verteidigen.“

5. „Keine Universität war dabei so überfordert wie die FU Berlin. Seit 27 Monaten versucht das Präsidium, zu einem Schluss in Sachen Giffey zu kommen. … Die Universität hat sich auf ihre Binnenperspektive beschränkt, als sei die interessierte Öffentlichkeit lästig, als sei man keine Transparenz schuldig.“

6. „Die meisten Promotionen dauern Jahre, erfordern Ausdauer, kosten Nerven, sind schlecht bezahlt. Sie bringen am Ende hochqualifizierte Arbeitnehmer hervor. Oder einen Impfstoff: …“

7. „Den Zweifel an der redlichen Promotion auszuräumen, ist Aufgabe der Universitäten: …“

8. „Ein Rückzug der Universitäten nach innen wirkte hierzulande nach den öffentlichen Plagiatsdramen wie eine Bestätigung des Vorurteils, dass der Doktortitel ja doch vor allem ein Statussymbol ist.“

(Anna-Lena Scholz, Die Zeit 27.5.21)

3435: Friederike Mayröcker gestorben

Sonntag, Juni 6th, 2021

Im Alter von 96 Jahren ist die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker in Wien gestorben. Ihr schriftstellerisches „Ich“ war immer mittendrin, kannte den erhabenen Blick nicht, staunte. Als verheiratete Frau und Lehrerin lernte sie 1954 den Schriftsteller Ernst Jandl kennen. Für über 50 Jahre wurden sie ein Paar. Sie wollten leben, um zu schreiben. Sie zogen nie zusammen, verzichteten auf Kinder, kochten nie irgendetwas, telefonierten von einer Wohnung zur anderen und trafen sich abends bei ihm. Nach Mayröckers Frühpensionierung 1969 „sprudelte es aus ihr heraus wie aus einem Geysir“ (Julia Encke, FAS 6.6.21, Paul Jandl, Literarische Welt 5.6.21; Andreas Platthaus, FAS 5.6.21; Meike Fessmann, SZ 5./6.6.21).

3431: Monika Maron 80

Donnerstag, Juni 3rd, 2021

Mit ihrem ersten Roman „Flugasche“ (1981) hatte sie ihren Durchbruch. Zugleich hatte sie sich damit endgültig etabliert. Monika Maron, die heute 80 Jahre alt wird. Es war der erste Umweltroman in ganz Deutschland, der natürlich nicht in der DDR erscheinen konnte, sondern in Frankfurt bei S. Fischer herauskam. Monika Maron war die Stieftochter des DDR-Innenministers Karl Maron und lebte in Ostberlin. Ihre Großeltern waren als polnische Juden im Holocaust ermordet worden.

Auf ihre Landsleute schimpfte sie manchmal ganz direkt: „Solange ich unter ihnen lebte, ist mir die außergewöhnliche Empfindsamkeit meiner ostdeutschen Mitmenschen verborgen geblieben. Im Gegenteil: Ich bin an ihrer Duckmäuserei und ihrem feigen Ordnungssinn oft verzweifelt.“ Nach der Vereinigung beklagte Monika Maron das Selbstmitleid der Ostdeutschen. Sie registrierte das Mitleid der Linken aus dem Westen, die glaubten, sich mit den ehemaligen DDR-Bürgern solidarisieren zu müssen.

Es begann Marons Weg weg von der verordneten Fortschrittlichkeit. Von 1988 bis 1992 lebte sie mit ihrem Mann in Hamburg, dann wieder in Berlin. Es erschienen ihre Romane „Stille Zeile Sechs“ (1991), „Animal triste“ (1996) und „Munin oder Chaos im Kopf“ (2018). Es war nicht zu übersehen, dass Monika Maron zum Teil scharfe Kritik am Islam, an Angela Merkel, an Windenergie und gegenderter Sprache übte. „Die Wahrheit ist, dass ich vor dem Islam wirklich Angst habe. Aber warum ist das krankhaft und nicht vernünftig?“ Maron wurde immer kulturpessimistischer.

2020 kam es zur Trennung von ihrem Verlag S. Fischer, weil dieser nicht dulden wollte, dass eine Essaysammlung von Monika Maron im „Buchhaus Loschwitz“ erschien, das mit Völkischen wie Götz Kubitschek in Verbindung steht. Monika Maron fühlte sich politisch gegängelt. Sie schrieb sogar: „Nach zwölf Jahren Merkel-Herrschaft sehe ich in der politischen Figur Merkel einen Vampir, der jeder Partei und am Ende dem Parlamentarismus das Blut aussaugt.“ Starker Tobak. In der Wahrnehmung von Monika Maron gilt Aufklärung neuerdings als fundamentalistisch. Darüber hat sie schon 1998 in Bezug auf die DVU geschrieben. Sie ist sich treu geblieben. Und eine große Schriftstellerin (Marie Schmidt, SZ 2./3.6.21).

3430: In der Literatur über die DDR fehlen die Mitläufer.

Dienstag, Juni 1st, 2021

Felix Stephan macht in einem sehr gut durchdachten Beitrag (SZ 31.5.21) darauf aufmerksam, dass in der Literatur über die DDR die Mitläufer fehlen. Es kommen vor die überzeugten Täter (SED und nationale Front) und die Menschen im Widerstand, aber nicht die Mitläufer. Sie machen in jeder Gesellschaft den Löwenanteil aus, ohne sie geht gar nichts. Deswegen dürfen sie gerade in der Literatur nicht fehlen.

Nun gibt es ja viele Romane über die DDR, darunter sehr überzeugende. Felix Stephan nennt dafür die folgenden Autoren: Ines Geipel, Lutz Seiler, Alexander Osang, Helga Schubert, Eugen Ruge und Uwe Tellkamp. Das trifft zu. Was fehlt, sind Auseinandersetzungen über die persönliche Verantwortung. „Von den Einverstandenen und den Profiteuren, den Passiven und den Karrieristen ist in den DDR-Erzählungen der Nachwende kaum die Rede.“ Das betrifft breite Bevölkerungsschichten. Die Stasi (180.000 Mitarbeiter) hatte 1989 nur noch 2.500 Menschen als organisierte Widerständler registriert. Vorherrschend waren die Kollaborateure.

„Die allermeisten DDR-Bürger haben sich jahrzehntelang für die Anpassung entschieden, in der ostdeutschen Nachwendeliteratur jedoch tauchen sie kaum auf.“ In der Vereinigung haben sie „Erniedrigungen“ erfahren: Arbeitslosigkeit, Ausverkauf, Abwanderung. In der Literatur musste der Markt bedient werden, der vorwiegend aus westdeutschen Lesern bestand. Nach 1945 waren es gerade Karl Jaspers und Hannah Arendt gewesen, die sich mit der persönlichen Verantwortung der Mitläufer auseinandersetzten. Sie untersuchten die Formen der Verdrängung.

„Ist man unausgesprochen übereingekommen, dass die Verbrechen, die innerhalb des staatlichen Legitimationsrahmens der DDR begangen wurden – die Mordanschläge, die Zersetzung, die willkürlichen Verhaftungen – zwischen dem Holocaust, den Demütigungen durch die Treuhand und dem neu erwachten Interesse an der deutschen Kolonialgeschichte verblassen? Oder hat man es hier doch mit einer vorbewussten Auslassung zu tun, liegt hier nicht doch eine Wunde offen?“

3412: Bob Dylan 80 – auf ihn können wir nicht bauen.

Sonntag, Mai 23rd, 2021

Der Dichter, Liedermacher und Folksänger Bob Dylan wird 80, Nobelpreisträger für Literatur ist er auch. Und trotzdem können wir auf ihn nicht bauen, was er möglicherweise von Bertolt Brecht gelernt hat. Sein Prinzip ist Distanz, Widerruf, Wechsel, systematisch erfüllt er unsere Erwartungen nicht. Vielleicht hat er auch gar nichts, das zu erfüllen ist.

Dabei hatte alles doch so schön fortschrittlich angefangen. Mit dem „Marsch auf Washington“ 1963, wo Martin Luther King uns mittteilte „I have a dream“. Die Kubakrise überlagerte alles andere. Barry McGuire meinte 1965 mit „Eve of Destruction“ den Weltuntergang. Gudrun Ensslin und Bernward Vesper sammelten Stimmen deutscher Schriftsteller gegen die Atombombe.

Bob Dylan inszenierte sich selbst. Mir erschien es manchmal so, als habe er von Politik gar keine Ahnung. Und sicher bin ich mir auch heute noch nicht. Er hatte von Bertolt Brecht gelernt. Vor allem aber 1965 in Newport die Gitarre eingestöpselt. Von da an war alles anders auf der Welt. „Like a Rolling Stone“. Dylan ging nach Nashville, wurde Zionist, dann Christ. Manchmal im eiligen Wechsel. Seinen Fans erschien er meist glaubwürdig. Er sang vor dem Papst und machte gleich danach Werbung für die Unterwäsche von „Victoria’s Secret“. Wie Willi Winkler schreibt (SZ 22., 23.24.5.21), hätte Bob Dylan 1966 bereits ausgesorgt gehabt, falls er Gottfried Benns Verdikt gefolgt wäre, dass der beste Dichter  nicht mehr als nur fünf gute Gedichte zustandebringe.

Manche seiner ehemaligen Fans halten Bob Dylan vor, er sei nicht mehr der Protestsänger, der seine Stimme erhebt gegen das Unrecht in der Welt, der Partei nimmt für Minderheiten und Ausgestoßene. Bob Dylan erklärte den Tag von Dallas, an dem John F. Kenndy 1963 ermordet wurde, zum Tag der Schande, an dem das Zeitalter des Antichrist begann. Vielleicht. Man kann einfach nicht auf ihn bauen.

Wolf Biermann, fünf Jahre älter als Bob Dylan, schreibt (Literarische Welt 22.5.21): „Unter den Lebenden ist Bob Dylan mein hellster Stern am Liederhimmel. Und er brauchte nicht auch noch den Nobelpreis, um den Ton seiner Epoche so voll zu treffen. Eher umgekehrt: Die Literatenjury … brauchte diesen widerborstigen Kandidaten, um endlich wieder auf der Höhe ihrer Zeit zu sein.“

3409: Rahel Varnhagen – vor 250 Jahren geboren

Mittwoch, Mai 19th, 2021

1771 wurde Rahel Varnhagen als Jüdin Rahel Levin in Berlin geboren. 1833 starb sie als Rahel Varnhagen van Ense. Und sie markiert als erste eine zentrale Phase der Aufklärung, der freien Kommunikation. Die in der Zeit üblichen Demütigungen für Juden musste sie alle ertragen, überwand sie aber in ihrem Salon in der Jägerstraße. Sie war gleich dreifach benachteiligt: „nicht reich, nicht schön und jüdisch“, wie Hannah Arendt schrieb. Im Salon traf sich tout Berlin. Der Prinz von Preußen, die Brüder Humboldt, Schleiermacher, Friedrich Schlegel, der Antisemit Brentano, Chamisso, die Brüder Tieck und Jean Paul. Später, nach dem Ende der napoleonischen Besatzung

Heinrich Heine.

Rahel war ein Genie des Zuhörens, ein Genie der Freundschaft und ein Genie der Feder. Geheiratet hatte sie den vierzehn Jahre jüngeren Diplomaten und Historiker August Varnhagen van Ense (1785-1858), der ihre soziale Stellung sicherte und sich nach ihrem Tod um ihr literarisches Erbe kümmerte. Hannah Arendt fühlte sich Rahel Varnhagen anscheinend biografisch verbunden.

Rahel Varnhagen war die Inkarnation des Milieus, das Jürgen Habermas (geb. 1929) für seinen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (1962) analysiert hatte. Kennzeichnend war „Publizität“ an Stelle der Arkanpolitik des Feudalismus. Das räsonnierende Publikum stellte Öffentlichkeit her. Allerdings kam es mit der Pressefreiheit und dem Entstehen der großen Pressekonzerne Ullstein, Mosse und Scherl zu einer „Refeudalisierung der Öffentlichkeit“. Sie erscheint angesichts der gewalttätigen Hetze in den sozialen Medien heute wie ein Windhauch, auch wenn sie zur Zerstörung der Weimarer Republik beigetragen hatte (z.B. Hugenberg-Konzern).

Entdeckt hatte Hannah Arendt (1906-1975) Rahel Varnhagen für ihr Habilitationsprojekt „Lebensgeschichte einer deutschen Jüdin aus der Romantik“, das 1938 in Paris abgeschlossen wurde und auf Deutsch erst 1959 erscheinen konnte. Arendts Rahel-Buch trägt autobiografische Züge. Sie erkannte in Varnhagen eine „seelenverwandte Jüdin“ und entwickelte den Begriff Paria. Rahel hatte 1819 die ersten antijüdischen Pogrome in Preußen erlebt. Ihr Judentum empfand sie zeitweise als Schmach. Arendts Lektor für ihr Buch im Piper Verlag, war, ohne dass Arendt es wusste, ein ehemaliges NSDAP-Mitglied und ein Ex-SS-Mann.

An Gershom Scholem schrieb Arendt: „Die Juden sind ja doch alle heimlich der Meinung, ich sei antisemitisch, sehen nicht, wie gerne ich Rahel hatte, als ich über sie schrieb.“ „Hannah Arendt scheint im Rahel-Buch auch ihre dramatische Liebesbeziehung mit Martin Heidegger zu verarbeiten, die damals noch streng geheim war. Niemand außer Heidegger und ein paar Eingeweihten konnte diesen Subtext verstehen. Erst 1982, als die Sache publik wurde, konnte man die Flaschenpost, die sie in den Tiefen der Biografie versenkt hatte, entkorken.“ (Michael Maar, SZ 19.5.21)

Rahel Varnhagens Kunst lag in ihrer Korrespondenz. Sie schrieb Briefe, wie andere Leute atmen. Varnhagen rühmte sich Jean Paul gegenüber, er besitze an die dreitausend Briefe von ihr. Um Johann Wolfgang Goethe trieb sie einen regelrechten Kult.

„Warum ragt sie so aus ihrer Zeit heraus? Ganz Esprit, ganz Herz, Feministin avant la lettre, für die Judenemanzipation kämpfend, Freidenkerin – alles wahr, aber das Entscheidende ist etwas anderes. Es ist ihre Sprache, ihr Stil, in dem sich ihr freies Denken niederschlägt. Rahel Varnhagen hasste das Klischee.“

3407: Theodor Lessing: Der jüdische Selbsthass

Montag, Mai 17th, 2021

Theodor Lessing (1872-1933) war Hannoveraner. Er wurde eines der ersten Opfer von Nazimördern. Zu seinen Jugendfreunden hatte Ludwig Klages gehört. Er hatte Medizin und Philosophie studiert und in München in Philosophie promoviert. Dann arbeitete er als Aushilfslehrer und von 1906 bis 1907 als Theaterkritiker bei der „Göttinger Presse“.

Nach seiner Rückkehr nach Hannover griff er den Kritiker Samuel Lublinski in einer Satire an. Thomas Mann verteidigte Lublinski, der als einer der ersten das Format der „Buddenbrooks“ erkannt hatte. Mann publizierte unter dem Titel „Der Doktor Lessing“ eine Polemik. Lessing wurde zum Begründer der Volkshochschule in Hannover, später Philosophieprofessor. Durch seine Schriften über den Massenmörder Fritz Haarmann (der ein Polizeispitzel war) und den späteren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg („hinter einem Zero verbirgt sich immer ein künftiger Nero“) machte er sich in Hannover unbeliebt. Studenten der Technischen Hochschule Hannover störten Lessings Vorlesungen mit Gewalt und trieben antisemitische Hetze. Sie vertrieben den Philosophen aus Hannover, ein Schandfleck der deutschen Geistesgeschichte.

Aus seinen Publikationen ragen drei heraus:

„Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“ (1908),

„Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ (1919) und

„Der jüdische Selbsthass“ (1930).

In dieser letzten Schrift ist enthalten die Geschichte von Maximilian Harden (Felix Ernst Witkowsky) (1861-1927). Er wurde in Berlin als Jude geboren und konvertierte 1878 zum Protestantismus. Der Zwölfjährige musste auf Druck seines Vaters das

Französische Gymnasium

verlassen. Er wurde Schauspieler und arbeitete für renommierte Zeitungen als Theaterkritiker. 1892 gründete Harden die Zeitschrift

„Die Zukunft“ (bis 1922),

in der er sich, geprägt von Elitenbewusstsein, scharf zu politischen und künstlerischen Fragen äußerte. In seiner Zeitschrift bekam aber auch die Sexualreformerin Helene Stöcker eine Plattform. Ab 1906 griff Maximilian Harden scharf das homosexuelle Milieu im persönlichen Regiment des Kaisers an (Philipp Eulenburg), es kam zu mehreren Prozessen. Deswegen rechnete sein einstiger Verehrer Karl Kraus aus Wien in seiner Schrift „Maximilian Harden. Eine Erledigung“ mit Harden ab.

Den Ersten Weltkrieg gegenüber wurde Maximilian Harden immer kritischer. Er war von der Kriegssschuld Deutschlands überzeugt. Am Ende des Krieges bezog er sozialistische Positionen. Wenige Tage nach dem Mordanschlag auf seinen früheren Freund Walther Rathenau verübten Freikorps-Männer am 3. Juli 1923 vor seinem Haus im Grunewald einen Mordanschlag auf Harden. Er überlebte schwer am Kopf verletzt. Kurt Tucholsky kritisierte in der „Weltbühne“ die Behandlung der Attentäter durch die deutsche Justiz.

Die Verteidiger der Attentäter sind „deutschnationale Juden, die deutscher sein wollen als Deutsche. Der Vorsitzende des Gerichts ist ein zum Christentum konvertierter Sohn eines Rabbiners. Diese Juden, die keine sein wollen, urteilen nun über den antisemitisch motivierten Mordversuch an einem Juden, der keiner sein will. Und kommen zu dem grausam deutschen Schluss, dass der jüdische Journalist durch seine Artikel selbst schuld war, dass gute Deutsche ihn umbringen wollten.“

In Wien wurden die Täter als „gedungene Meuchelmörder“ verurteilt. Maximilian Harden emigierte in die Schweiz, wo er 1927 starb, ohne die „Die Zukunft“ weitergeführt zu haben. Theodor Lessing wurde im August 1933 in Marienbad/Tschechoslowakei von drei Nazis erschossen.

(Johanna Adorjan, SZ 11.5.21)

3406: Erich Fried 100

Sonntag, Mai 16th, 2021

Mit Erich Fried hatte ich immer Schwierigkeiten. Die waren aber nicht literarischer, sondern politischer Art. Etwa darin, dass er sich bemüht hatte, mit dem Neonazi Michael Kühnen (1955-1991) Freundschaft zu schließen. Oder dass er Israel einmal das Existenzrecht absprach. Das Werk des 1921 in Wien geborenen Österreichers ist für mich gekennzeichnet durch Wortspiele, ironische Figuren und eine plakative politische Didaktik. Und Liebesgedichte. 1938 musste er aus Österreich nach London fliehen. Sein Vater Hugo Fried war dort gerade an den Misshandlungen durch die Gestapo gestorben. Seine Großmutter wurde in Auschwitz ermordet. Erich Fried kam nie aus London zurück. Er starb dort 1988 an Krebs.

In seinem Nachruf unter dem Titel „Ein deutscher Dichter“ zählte Marcel Reich-Ranicki Fried zu den „bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikern nach 1945“. 1966 war Frieds erster politischer Gedichtband „und Vietnam und“ erschienen, den man nicht vergisst. Von Ludwig Marcuse wurde der vehement abgelehnt. 1968 vollzog Fried eine Kehrtwende. Er wurde zum engagierten Lyriker der Studentenrevolte und reiste viel nach Deutschland. Seine Liebesgedichte verkauften sich 150.000 mal. 1983 erhielt Erich Fried den Bremer Literaturpreis, 1968 den Büchnerpreis.

Aber es gab auch harte Kritik. Jörg Drews nannte Erich Fried einen „Merkverselieferanten“. Und in seiner unnachahmlichen Schärfe charakterisierte Henryk M. Broder Fried als „Mutter Teresa für den kritischen Studienrat mit SDS-Erfahrung“. Da ist was dran. Die Linken hören so etwas natürlich nicht gerne. Erich Fried gebärdete sich als „Antizionist“. Aber Marcel Reich-Ranicki schrieb: „Der Name Erich Fried wird nicht in Vergessenheit geraten, darf nicht in Vergessenheit geraten.“ Das stimmt (Jan Süselbeck, taz 6.5.21).