Archive for the ‘Literatur’ Category

3538: Erich Kästners „Fabian“ im Film

Donnerstag, August 26th, 2021

Erich Kästner (1899-1974) hat nicht nur „Emil und die Detektive“ (1929) geschrieben und „Das doppelte Lottchen“ (1949), sondern auch „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“ (1931) (in der geschärften Version: „Fabian oder der Gang vor die Hunde“). Hier gibt er mehr von sich selber preis. Eine große Portion Realitätssinn und Bitterkeit ist typisch für Erich Kästner. Er stand für die „innere Emigration“ und musste sich etwa von Walter Benjamin für seine „linke Melancholie“ tadeln lassen, wobei wir nicht genau wissen, welcher Melancholie sich Benjamin selbst verpflichtet sah, als Kommunist wahrscheinlich der sowjetischen, die konnten wir dann bis 1991 noch genießen. Und tatsächlich hat Erich Kästner (unter dem Pseudonym Berthold Bürger) den „Münchhausen“ (1942) mit Hans Albers geschrieben, einen Film der Nazi-Propaganda. Alles nicht so einfach.

Erich Kästner hat nicht gewollt, dass sein „Fabian“ verfilmt wurde, so hat es Regina Ziegler geschildert, die so erfolgreiche Filmproduzentin, deren Mann Wolf Gremm (geb. 1942) 1980 den ersten „Fabian“ (mit Hans-Peter Hallwachs) herausbrachte. 2021 ist Dominik Grafs (geb. 1952) „Fabian“ erschienen, ein ganz anderer Film und doch auch Kästners Geist verpflichtet. Dieser war politisch relativ illusionslos. Sein Roman hatte keinen Plot und schilderte doch das Scheitern eines aufgeklärten männlichen Zeitgenossen vom Ende der zwanziger Jahre. Ungebunden, sexuell sehr aktiv und politisch illusionslos. Er ist bei Kästner, Gremm und Graf kein Held (Elmar Krekeler, Die Welt 7.8.21).

Erich Kästner hat gesagt, dass jeder Tag für den, der ihn erlebt, das Sitzen in einem verkehrten Zug in die falsche Richtung bedeutet. Und weil es so viele Möglichkeiten gebe, und sich nur eine als Tatsache zeige, verwirkliche sich das Unwahrscheinliche. Kein hoffnungsfroher Optimismus. Aber falsch? Dominik Grafs Film ruft viel Gegenwärtiges auf. „Mein Gefühl war, es sollte ein Film sein, in dem man das Pflaster von Charlottenburg spürt, den Staub auf den Steinen, die Hitze und den Zigarettenrauch in den Kneipen.“ Nach Katja Nicodemus (Die Zeit, 5.8.21) spielt Tom Schilling den Fabian so, als sei er ein Blitzableiter, der nicht merke, dass er selbst getroffen sei. Das ist Erich Kästners gnadenloser Blick. Unabhängig von allen Ideologien und Beschönigungen der Welt. Neben Tom Schilling werden einige großartige Schauspieler wie Saskia Rosendahl, Albrecht Schuch, Meret Becker, Joachim Nimtz und Jeanette Hain ihren Rollen vollkommen gerecht. Der Film charakterisiert Berlin ähnlich wie „Babylon Berlin“ (Volker Kutscher) oder „Weltpuff Berlin“ (Rudolf Borchardt). Und der Regisseur sagt schließlich: „Die Stadt Berlin enthält im Film alle Zeiten, auch die Katastrophe, die geschehen wird und noch nicht geschehen ist.“ Das ist spannend.

3537: Jonathan Lethem über Berlin

Mittwoch, August 25th, 2021

Wieland Freund interviewt in der Literarischen Welt“ (7.8.21) den US-amerikanischen Schriftsteller Jonathan Lethem  über Berlin. Der sagt:

„Berlin hat eine mythische Kraft, nur leider wird die Stadt vor allem mit Filmen über Nazis assoziiert. Die habe auch ich zuerst kennengelernt, aber dann kamen ‚Emil und die Detektive‘, ‚Cabaret‘, ‚Berlin, Alexanderplatz‘. Das war verlockend, aber in der Vorstellung vermischt es sich natürlich mit dem, was nachher kam – fast wie in einem blödsinnigen Moralitätenspiel: Wenn du es zu bunt treibst, kommen die Nazis. Was ich sagen will: Man hat immer schon von Berlin geträumt, bevor man dort ankommt. Kennengelernt habe ich dann eine Stadt, die einerseits sehr 21. Jahrhundert ist, und in der man andererseits das Gefühl nicht los wird, auf einem Vulkan aus Geschichte zu stehen.“

3536: Peter Fleischmann ist tot.

Mittwoch, August 25th, 2021

Der Filmregisseur Peter Fleischmann ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Er war zuletzt völlig zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Seine besten Filme sind „Herbst der Gammler“ (1967) und „Jagdszenen in Niederbayern“ (1969). Fleischmann war kein so selbstgefälliger Darsteller wie Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Volker Schlöndorff und Werner Herzog. Er sprach einen harmlos wirkenden pfälzischen Dialekt. Studiert hatte er in München und Paris und bei der „Nouvelle Vague“ (als Assistent von Jacques Rozier) gelernt. Seine erfolgreichen Filme wirkten unangestrengt und zogen uns dadurch gerade in ihren Bann. „Herbst der Gammler“ ist ein Dokumentarfilm, der glaubwürdig den Traum von der Freiheit verkörpert. „Jagdszenen in Niederbayern“ beruht auf einem Theaterstück von Martin Sperr. Es zeigt uns das verstockte Spießertum vom Dorf, auch wenn darin Angela Winkler und Hanna Schygulla spielen (Claudius Seidl, FAZ 14.8.21; Hans-Georg Rodek, Die Welt 14.8.21).

3518: Scarlett Johansson verklagt Disney.

Sonntag, August 8th, 2021

Kino-Weltstar Scarlett Johansson verklagt Disney. Sie hat schon mit sehr vielen Regie-Stars gedreht. U.a. mit Woody Allen  („Match Point“ 1996). Ihre Klage hat in Hollywood ein Beben ausgelöst. Johansson hatte in dem Blockbuster „Black Widow“ mitgespielt. Üblicherweise bekommt sie dann eine Gage und eine Beteiligung am Kassenerfolg. Diese sieht sie jetzt gefährdet, weil der Streifen nicht nur im Kino, sondern auch auf Disneys Streamingdienst Disney Plus gestartet wird. Disney nutze die Pandemie als Vorwand, um Filme gleich online anzubieten und dadurch viel mehr Abonnenten zu gewinnen.

Disneys Antwort: Johansson habe ohnehin schon 20 Millionen Gage bekommen. Ihre Klage sei „eine gefühllose Missachtung der schrecklichen und dauerhaften Auswirkungen der Covid-19-Pandemie“. Disney befindet sich in einem Kampf ums Überleben und auch um sehr viele Arbeitsplätze. Johansson geht es möglicherweise gar nicht ums Geld. Sie gehört zu den wenigen, die sich eine Auseinandersetzung mit Disney leisten können. Ihre Zusammenarbeit endet mit „Black Widow“. Das Urteil in dieser Causa wird wahrscheinlich wegweisend für Hollywood (David Steinitz, SZ 31.7.21).

3517: Warum manchmal Kunst nicht zurückgegeben wird.

Samstag, August 7th, 2021

Der 1878 geborene erfolgreiche jüdische Textilfabrikant Robert Graetz war auch Kunstsammler. 1919 bezog er eine Villa in Berlin-Grunewald. Dort befand sich seine etwa 250 Kunstwerke umfassende Sammlung. Sie enthielt Werke von Otto Dix, Max Pechstein, Paula Modersohn-Becker, Karl Schmidt-Rottluff u.a. Eines war das Porträt von Alfred Kerr, dem berühmten Kunstkritiker, 1907 von Lovis Corinth gemalt. 1933 musste Familie Kerr aus Deutschland fliehen. Darüber hat Judith Kerr das Buch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ geschrieben.

Robert Graetz konnte sein Villa 1935 nicht mehr halten. Er baute sie in ein Mehrfamilienhaus um. Viele seiner Kunstwerke gab er an eine Berliner Spedition, um sie bei der geplanten Ausreise mitzunehmen. Wahrscheinlich zählte auch das Kerr-Porträt von Corinth dazu. Graetz wurde 1942 kurz vor seiner geplanten Flucht deportiert und ermordet. Seine Bekannte Gertrud Kahle wurde nach der Beschlagnahme sämtlichen Vermögens ebenfalls nach Theresienstadt gebracht. Sie überlebte, beging aber 1945 in Berlin Selbstmord. Die Kinder von Robert Graetz machten nach 1945 Schadensersatz für die vom Deutschen Reich entzogenen Kunstwerke geltend. Die Behörden verlangten Dokumente, Beweise, Unterlagen. Aber wie wollen sie die von jemand vorlegen, von dem nicht einmal das Todesdatum bekannt ist? Die Wiedergutmachungsbehörde wies den Anspruch auf Rückgabe 1954 zurück.

Am 5. Februar 1956 veröffentlichte der Theaterkritiker Friedrich Luft in der „Welt“ den Beitrag „Ein Bild will nach Berlin. Das Kerr-Porträt von Lovis Corinth wird angeboten.“ Das Bild wurde von den Erben Gertrud Kahles auf den Markt gebracht und kurz darauf vom Schiller-Theater für 10.500 Mark erworben. Robert Graetz Erben machten geltend, dass unklar sei, wie es in den Besitz der Erben Kahles gekommen sei. Am Ende erhielten die Erben Graetz‘ 28,5 Prozent des Kaufpreises von den Erben Kahles, also 3.000 Mark. Auf Grund einer Übertragung vom Schiller-Theater auf das Berliner Stadtmuseum ist das Bild seit 1974 in dessen Besitz.

Die Erben von Robert Graetz verlangten nun von der

„Beratenden Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, insbesondere aus jüdischen Besitz“

die Empfehlung der Rückgabe des Gemäldes. Die Erben Kahles hatten in den fünfziger Jahren behauptet, dass Graetz das Bild Gertrud Kahle geschenkt habe. Das Bild soll von der Spedition beim Frachtkontor Fritz Kahle eingelagert worden sein, dem geschiedenen Mann von Gertrud Kahle. Dieser habe es für seine Kinder unterschlagen. Über den Wahrheitsgehalt der Aussagen wissen wir nichts. Die Erben von Robert Graetz konnten der Kommission keine Unterlagen vorlegen, die die Einlieferung des Gemäldes und des anderen Besitzes zu einer Einlagerung beweist. Deswegen hat die Kommission entschieden, für das „Porträt Alfred Kerr“ keine Rückgabeempfehlung an die Graetz-Erben auszusprechen.

Für Eigentumswechsel in jenem Zeitraum müssen nicht die Erben beweisen, dass das Kunstwerk verfolgungsbedingt entzogen wurde – das Museum muss beweisen, dass das Kunstwerk ohne Verfolgungsdruck zu einem angemessenen Preis veräußert wurde (Beweislastumkehr). Und vor allem, dass der Veräußerer frei über den Kaufpreis verfügen konnte. Es steht die Vermutung im Raum, dass der Vergleich auf Grundlage der falschen Annahme einer Schenkung von Graetz an Kahle geschlossen wurde. Der Kommisionsvorsitzende, der ehemalige Verfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier, hatte die Entscheidung in einem Aufsatz gerechtfertigt. Dabei hatte er auch auf die bis heute mangelhafte Verfahrensordnung der Kommission verwiesen. „Die aktuellen Ereignisse zeigen, dass der zukünftige Umgang mit Raubkunst im Koalitionsvertrag Niederschlag finden muss.“ (Julien Reitzenstein, Welt 31.7.21)

3512: Vor 50 Jahren gestorben: Ludwig Marcuse

Freitag, Juli 30th, 2021

Als ich ihn während meines Studiums in einem Fernseh-Interview 1968 mit Marcel Reich-Ranicki näher kennenlernte, war sein Namensvetter Herbert weit bekannter als er: Ludwig Marcuse (1894-1971), der deutsche Philosoph und Literaturwissenschaftler. Er lebte seit 1962 wieder in Deutschland, in Bad Wiessee. Dieser wunderbare Individualist, der immer so frei war, sich ohne Gewissensbisse zu widersprechen, von keiner Weltanschauung beschützt und tausend Anfälligkeiten ausgesetzt. Er musste 1933 ins Exil, zunächst nach Frankreich (Sanary-sur-mer), dann in die USA. Hier arbeitete er als Professor für Germanistik an der Universität von Los Angeles.

Der geborene Berliner aus einer jüdischen Familie interessierte sich wenig für berufliches Fortkommen und wirtschaftlichen Erfolg. Promoviert hatte er bei dem Religionsphilosophen Ernst Troeltsch („Die Individualität als Wert und die Philosophie Friedrich Nietzsches“). Nach dessen frühem Tod 1923 blieb ihm in Deutschland eine wissenschaftliche Karriere versperrt, er arbeitete fortan als freier Schriftsteller und hatte viele Freunde und erbitterte Feinde. Besonders eng war er mit Joseph Roth befreundet. Er hielt sich an Friedrich Hebbels (1813-1863) Diktum: „Ich halte es für die größte Pflicht eines Menschen, der überhaupt schreibt, dass er Materialien zu seiner Biographie liefere. Hat der Mann keine geistigen Entdeckungen gemacht und keine fremden Länder erobert, so hat er doch gewiss auf mannigfachste Weise geirrt, und seine Irrtümer sind der Menschheit ebenso wichtig wie des größten Mannes Wahrheiten.“

Karl Marx hatte geschrieben (und Marcuse zitierte das gerne): „Die Liebe nicht zum Feuerbachschen Menschen, nicht zum Moleschott’schen Stoffwechsel, nicht zum Proletariat, sondern die Liebe zur Liebsten und namentlich zu dir macht den Mann wieder zum Mann.“ Ludwig Marcuse hielt sich an Georg Büchner (1813-1867), wo der schrieb: „Es läuft auf eins hinaus, an was man seine Freude hat: an Leibern, Christusbildern, Weingläsern, an Blumen oder Kinderspielsachen, es ist das nämliche Gefühl: wer am meisten genießt, betet am meisten.“

Aber Ludwig Marcuse war weit mehr als ein zur aufgeklärten Milde neigender Konservativer. Die ersten Bücher, die ich von ihm las, waren „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ (1960) und „Nachruf auf Ludwig Marcuse“ (1969). Er klärte darin u.a. auf, dass einer der ersten prominenten Psychoanalytiker, der schweizerische Staatsbüger Carl Gustav Jung (1875-1961), ein Nazi gewesen war. Das ist bis heute nicht aufgearbeitet und soll womöglich auch nicht geklärt werden. Die folgenden Zitate Jungs entnehme ich Marcuses Buch „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ (1960) auf den Seiten 141 bis 148.

Jung sagt 1933: „Die tatsächlich bestehenden und einsichtigen Leuten schon längst bekannten Verschiedenheiten der germanischen und der jüdischen Psychologie sollen nicht mehr verwischt werden, was der Wissenschaft nur förderlich sein kann. Es gibt in der Psychologie vor allen anderen Wissenschaften eine persönliche Gleichung.“ „Freud gründete sich mit fanatischer Einseitigkeit auf die Sexualität, die Begehrlichkeit, das ‚Lustprinzip‘ mit einem Wort.“ „Als die physisch Schwächeren müssen sie (die Juden, W.S.) auf die Lücken in der Rüstung des Gegners zielen.“ „Das arische Unbewusste hat ein höheres Potential als das jüdische.“ „Meines Erachtens ist es ein schwerer Fehler der bisherigen medizinischen Psychologie gewesen, dass sie jüdische Kategorien … unbesehen auf den christlichen Germanen oder Slawen verwandte.“ „Wo war die unerhörte Spannung und Wucht, als es noch keinen Nationalsozialismus gab? Sie lag verborgen in der germanischen Seele, in einem tiefen Grunde, der alles andere ist als der Kehricht-Kübel unerfüllbarer Kinderwünsche und unerledigter Familienressentiments.“ So weit unser Psycho-Nazi. Dazu schrieb der Nationalökonomie-Professor Wilhelm Röpke: „Die Geschichte des Professors Jung ist gewiss ungewöhnlich in ihren ekelhaften Details.“

Ludwig Marcuse hat sehr viele Bücher geschrieben, darunter auch einige nicht ganz so gute. Ungeduld war seine Schwäche. Aber er hat seinen Protagonisten Georg Büchner, Ludwig Börne, Heinrich Heine, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud seine ganze Leidenschaft gewidmet. 1949 erschien seine „Philosophie des Glücks“, die sich heute noch zu lesen lohnt. Er hat die Tagebuchaufzeichnungen seiner Schwester Esther bis zu deren Ermordung durch die Nazis veröffentlicht, die in Deutschland geblieben war, um sich um ihre alte Mutter zu kümmern. Ludwig Marcuses Standardsatz, den wir uns merken sollten, lautete: „Es ist immer komplizierter.“

(Hinweise von Johann-Hinrich Claussen, SZ 30.7 21)

3506: Berlin – heute

Sonntag, Juli 25th, 2021

Till Briegleb charakterisiert das gegenwärtige Berlin (SZ 24./25.7.21), hauptsächlich im Vergleich mit Paris und London:

„Die internationale Anziehungskraft der deutschen Hauptstadt, die in der neuen Dauerausstellung ‚Berlin Global‘ im Humboldt-Forum auf 4.000 Quadratmetern thematisiert wird, lässt sich zwar sicherlich nicht nur dadurch bemessen, wie eine vibrierende Kunstelite sie wahrnimmt. Aber dieser Indikator verweist doch auf einen sehr realen sozio-ökonomischen Hintergrund, der die Stadt in die besondere Lage versetzt, Ort für Lebensträume zu bleiben. Bis heute hat Berlin der wirklich brutalen, profitgetriebenen Gentrifizierung widerstanden, die Städte wie London und Paris so hemmungslos gefördert haben, dass ihre Kernstädte für normale Lohnempfänger und -empfängerinnen unerschwinglich geworden sind. Und das gilt um so mehr für eine finanzschwache Klientel, die auf das Urbane als Urgrund aller Kulturentwicklung angewiesen ist, die Künstlerinnen und Künstler.“

„Mit dem Ergebnis, dass trotz aller sichtbaren Veränderungen durch Immobilienspekulation in nahezu allen zentrumsnahen Stadtteilen weiterhin eine relativ gemischte kulturelle und soziale Bewohnerschaft anzutreffen ist.“

„Aber selbst in neuen Hipster-Vierteln wie Mitte oder Prenzlauer Berg zeigt sich ein halbwegs befriedigendes Bild von Durchschnittsbevölkerung auf der Straße wie man es in

Paris im Marais oder im Londoner Soho

längst nicht mehr antrifft, jedenfalls wenn man die Touristen abzieht. Und diese moderate Dynamik der Segregation, also der Trennung von Reich und Arm in Zentrum und Randlage, lässt sich auch in Zahlen belegen. Im Ranking des deutschen Reichtums liegt das Bundesland Berlin nur auf Platz elf. Und auch beim Vergleich der Kaufkraft ist die Hauptstadt weit abgeschlagen. Selbst die Essener können sich mehr erlauben als die Berliner.“

„Und Berlin bietet genug Attraktionen, die nahezu umsonst sind, um ein erfülltes Leben auch ohne SUV und Schränke voller Sneakers zu führen.“

„Von 25 auf 35 Prozent stieg in den vergangenen zehn Jahren der Anteil jener Berliner, die innerhalb der letzten drei Generationen aus anderen Nationen gekommen sind. Beim Zuzug nach Berlin handelt es sich bei drei Vierteln der Menschen um Ausländer, die wegen eines Jobs in die Stadt gekommen sind.“

„Und die Stadt ist reichlich groß und vielfältig genug, um den unterschiedlichsten Lebensentwürfen ein Milieu zu bieten, in dem sie sich zu Hause fühlen. Damit erfüllt diese skurrile Hauptstadt tatsächlich die unterschiedlichsten Träume ihrer Bewohner zwischen Rausch, Trägheit, Radau und Gier. Globaler geht es eigentlich nicht.“

3480: Biermann-Archiv geht nach Berlin.

Donnerstag, Juli 8th, 2021

Das private und berufliche Archiv des Liedermachers Wolf Biermann, 84, und seine privaten Tagebücher sind von der Berliner Staatsbibliothek mit Hilfe des Bundes und der Kulturstiftung der Länder erworben worden. Sie werden am 13.7.21 feierlich übergeben. Wolf Biermann wird Lieder und Gedichte dazu beitragen. Sein Werk spiegele wie kein anderes die Zerrissenheit und Vereinigung Deutschlands. „Er war eine der wichtigsten politischen Stimmen des Widerstands in der DDR. Mit seinen politischen Essays regte er im wiedervereinigten Deutschland wichtige Debatten an.“ Der Hamburger Wolf Biermann reiste 1956 in die DDR aus und lebte in Ost-Berlin. 1976 wurde er ausgebürgert, was einen Sturm der Entrüstung auslöste. Auf der politischen Linken ist Biermann heute unbeliebt (dpa, SZ 8.7.21).

3479: Ernst-Wilhelm Händler über die Rolle von Schriftstellern

Dienstag, Juli 6th, 2021

Ernst-Wilhelm Händler, geb. 1953, ist studierter Philosoph und hat lange Jahre das Familienunternehmen in Regensburg geführt. Seit Mitte der neunziger Jahre veröffentlicht er Romane und Essays. 2003 wurde „Wenn wir sterben“ auf der SWR-Bestenliste als das beste Buch des Jahres ausgezeichnet. In einem Interview mit Thomas E. Schmidt (Die Zeit 24.6.21) spricht er über die aktuelle Rolle von Schriftstellern.

Zeit: Das heißt auch, es gibt für den Autor keine stabile Rolle mehr, weder als Morallehrer noch als Verstörer.

Händler: Nein, überhaupt nicht mehr. Es gibt viele Rollen. Da ist der Typ, der immer gute Figur macht – die Spitze der Pyramide bildet der Bestsellerautor in der Talkshow. Ein anderes Rollenmodell ist für die Älteren: Es besteht eigentlich nur darin, schlechte Laune zu verbreiten.

Zeit: Also Kulturkritik.

Händler: Schlechte Laune als Kulturkritik verkleidet. Mit ist der publizistische Erfolg von Botho Strauß nicht erklärbar – wie man sich auf Carl Schmitt berufen kann, bleibt mir ein Rätsel. Carl Schmitt war der widerlichste von allen Nazi-Intellektuellen. …

3475: Annalena Baerbock hat Sätze von Joschka Fischer übernommen.

Montag, Juli 5th, 2021

Plagiatsjäger Stefan Weber (Salzburg) hat 29 Plagiatsfragmente bei Annalena Baerbock nachgewiesen. Darunter auch Sätze von Joschka Fischer.

Fischer (2020): „Dieses Projekt war nie energiepolitisch, sondern immer geopolitisch motiviert seitens Russlands. Das Ziel war die Umgehung der Ukraine und Osteuropas, nicht Gaslieferungen nach Westeuropa.“

Baerbock (2021): „Diese Pipeline war seitens Russlands nie energiepolitisch, sondern immer geopolitisch motiviert. Das Ziel ist die Umgehung der Ukraine und Osteuropas, es sind nicht die Gaslieferungen nach Westeuropa.“

Die 29 Plagiatsfragmente bestehen fast durchgehend nur aus einzelnen Sätzen oder Satzteilen, die Baerbock offenbar übernommen hat, ein Großteil davon aus dem „Spiegel“ (Roland Preuss, SZ 5.7.21).