Archive for the ‘Literatur’ Category

3749: Heinrich Breloer über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Donnerstag, Februar 17th, 2022

Der vielfach für seine „Dokudramen“ („Todesspiel“ 1997, „Die Manns“ 2001, „Speer und er“ 2004, „Brecht“ 2019) ausgezeichnete Regisseur Heinrich Breloer wird 80. Im Interview mit Claudia Tieschky und Willi Winkler (SZ 16.2.22) spricht er u.a. über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

SZ: Vielleicht hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen Ihrer Generation die Sehnsucht nach Unterhaltung unterschätzt?

Breloer: Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen unterhalten wir uns über unsere Probleme. Und die Aufgabe besteht darin, das spannend und unterhaltsam zu machen. Man muss die Menschen zu sich hinführen, nicht von sich wegführen, wegträumen lassen. Ohne die Öffentlich-Rechtlichen ist die Demokratie gefährdet.

SZ: Und das öffentlich-rechtliche Fernsehen, ist das gefährdet?

Breloer: Ja, denn es gibt einen Faktor, um den kommst du nicht herum: die Zeit. Die Menschen haben am Tag alle nur 24 Stunden. Um diese Zeit kämpfen sie jetzt alle. Diese neuen Filme und Serien sind raffiniert gemacht, die binden dich, du schaust die durch – da ist kein Platz mehr für ein anderes Fernsehen. Netflix und Amazon machen Programm wie McDonalds, bisschen salzig, bisschen süß, alle nach einem Schema, und die Öffentlich-Rechtlichen machen es nach. Schon jetzt gibt es da viele Filme, wo jemand zum Beispiel mit einer Pistole in der Hand einen dunklen Flur entlanggeht, er macht ganz langsam eine Tür auf, und hinten im Bett vögeln zwei. Dann kommt Schnitt und die Einblendung „Vor vier Monaten“.

3724: Hardy Krüger ist gestorben.

Sonntag, Januar 23rd, 2022

Im Alter von 93 Jahren starb der deutsche Schauspieler und Schriftsteller Hardy Krüger in Palm Springs/Kalifornien. Er hat eine einmalige Karriere, auch im Ausland, gemacht. Als Angehöriger der Nazi-Elteschule (Napola) Sonthofen begann er damit 1944 in Alfred Weidenmanns Nazi-Propagandafilm „Junge Adler“ nach einem Drehbuch von Herbert Reinecker. In dem er neben Willy Fritsch und Dietmar Schönherr spielte. Er wurde noch zur Wehrmacht eingezogen, überlebte, desertierte. Seinen internationalen Durchbruch hatte er 1957 mit „Einer kam durch“ über den deutschen Offizier Franz von Werra, dem die Flucht aus einem Kriegsgefangenenlager im UK gelang. In der Folge arbeitete viel in Großbritannien und den USA. U.a. spielte er 1960 in Howard Hawks „Hatari“ neben John Wayne. Hardy Krüger kam immer wieder nach Deutschland zurück, wo seine KInder Schauspieler geworden sind. 1961 drehte er neben Loni von Friedl mit „Zwei unter Millionen“, einen Film, dessen Dreharbeiten während des Baus der Mauer in Berlin begannen. Sein ziemlich abenteuerliches Leben hat Krüger danach auch im Bücherschreiben ausgewertet (Susan Vahabzadeh, SZ 21.1.22).

3721: Volker Weidermann über Novalis

Montag, Januar 17th, 2022

Volker Weidermann schätze ich als Schreiber außerordentlich, seit ich 2006 „Lichtjahre. Eine kurze Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis heute“ gelesen habe. Weidermann ist in der Lage, komplizierteste Sachverhalte und Zusammenhänge kurz und treffend zu beschreiben. Stilistisch elegant. Zwischendurch war er noch Gastgeber des „Literarischen Quartetts“. Jetzt hat er sich in der „Zeit“ (30.12.21) damit beschäftigt, ob es sein kann, dass die deutsche Romantik und ihr idealtypischer Protagonist Friedrich von Hardenberg (Novalis) verantwortlich sein können für Irrationalismus, Kügelchengläubigkeit und Impfgegnerei. Bei Weidermann muss man stets auf einen gehörigen Schuss Ironie gefasst sein. Aber in seinem Kurz-Essay beschreibt er Novalis so einmalig, dass es sich lohnt zu lesen.

Der Salinenassesor von Hardenberg, der nur 29 Jahre gelebt hat, nannte sich Novalis („der Neuland bestellende“). War er Schuld an der Sehnsucht nach dieser großen Müdigkeit, die dazu führt, dass man einschlafen möchte? Für immer. Novalis schätzte und lobte Blumen, Bergarbeiter, Bücher, kluge und schöne Menschen. Für ihn war der ewige Friede schon da, das goldene Zeitalter. Friedrich Schlegel betrieb bei diesem jungen Mann Herzensforschung. Der ging als Begeisterter durch die Welt. Natürlich wusste Novalis genau, wie schwer der Beruf des Bergmanns ist. Aber er mystifizierte ihn lieber. Weidermann schreibt: „Das wahre Leben des Arbeiters hat der Dichter .. eher nicht verbessert. Aber es klingt halt toll.“ Der Dichter Novalis wollte die Welt verklären mit seiner Dichtkunst. „Die Welt muss romantisiert werden. So findet man den ursprünglichen Sinn wieder.“

Von politischen Veränderungen hielt er wenig. Die französische Revolution verhöhnte er: „Macht nur die Berge gleich. Das Meer wird es euch Dank wissen.“ Verliebt hatte sich unser Dichter in die zwölfjährige Sophie von Kühn. Er verehrte und verklärte sie. Und als sie starb, war es um unseren Mann geschehen. Er wollte „nachsterben“ (damals gab es noch kein „MeToo“). „In tiefer, heitrer Ruh will ich den Augenblick erwarten, der mich ruft.“ Aber das dauerte noch etwas. Er schrieb die todessüchtigen „Hymnen an die Nacht“. Wunderschön. Volker Weidermann meint: „Seine Liebe zum Tod ist in all ihrer dichterischen Schönheit bis heute ein deutsches Verhängnis.“

3717: Bestseller 2021

Mittwoch, Januar 12th, 2022

Media Control gibt bekannt, dass 2021 in Deutschland 273 Millionen Bücher verkauft worden sind. Verteilt auf mehr als eine Million Titel. Nummer eins ist der Roman „Der Gesang der Flusskrebse“ der US-Autorin Delia Owens, der schon 2019 vorne lag. Inzwischen verkauft sich die Taschenbuchausgabe sehr gut. Auf Platz vier und Platz sieben Sebastian Fitzek mit „Playlist“ und „Der erste letzte Tag“. Julie Zeh mit „Über Menschen“ liegt auf Platz zwei (MASC, SZ 12.1.22).

3714: Peter Bogdanovitchs Filme werden im Himmel gespielt.

Sonntag, Januar 9th, 2022

Den Durchbruch schaffte er mit „The last Picture Show“ (1971): Peter Bogdanovitch, der im Alter von 82 Jahren gestorben ist. Der Sohn eines serbischen Vaters und einer österreichisch-jüdischen Mutter hatte bei Roger Corman, dem Meister des B-Pictures, gelernt. Ins Kino kamen die Teenager damals, weil sie dort die ersten Küsse und Berührungen austauschen konnten. Das Objekt der Begierde war Cybill Shepherd. In „Is was, Doc“ (1972) war es Barbara Streisand. „Aber es war die Aufgabe der Männer, den Mut und die Schönheit dieser Frauen zu inszenieren.“ (Claudius Seidl, FAZ 8.1.22) Wir sind heute noch schockiert von ihrer erotischen Risikobereitschaft.

Peter Bogdanovitch ging noch einen Schritt weiter. „Einer der Teenager hat endlich das Mädchen, das er so gern küssen möchte, zu einem Kino-Date überreden können. Doch als sie da im Dunkeln sitzen und sie sich ihm zuwendet und die große Knutscherei endlich losgehen könnte, ist er so gebannt von der flimmernden, glitzernden Leinwand, dass er sich lieber den Film weiter anschaut.“ (David Steinitz, SZ 8./9.1.22) An diese beiden Riesenhits konnte Bogdanovitch nie wieder anschließen, obwohl er die Inszenierungskunst eines Orson Welles, die narrative Ökonomie eines Howard Hawks un die emotionale Integrität eines John Ford studiert hatte. Er arbeitete wieder als Journalist. Für das Magazin der SZ hat er Kirk Douglas, Lauren Bacall, Jack Nicholson und Jerry Lewis interviewt.

3712: Klaus Wagenbach gestorben

Freitag, Januar 7th, 2022

Der linke Verleger Klaus Wagenbach ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Er hatte sich auch vergaloppiert. Etwa mit Ulrike Meinhof. Vor allem aber hatte er uns als junger Wissenschaftler erstmals Franz Kafka erschlossen, der heute immer noch vielen von uns ein Buch mit sieben Siegeln ist. Wagenbach hatte bei S. Fischer gelernt. Sein eigener Verlag wollte immer links, antiautoritär, gesamtdeutsch, genussfreundlich und lebensfroh sein. Er musste manche wirtschaftliche Krise überwinden. Dort erschienen Zeitschriften wie „Freibeuter“ und „Tintenfisch“. Bemerkenswert aber, welche Autoren von Wagenbach entdeckt oder gefördert wurden:

Paul Celan, Wolf Biermann, Michel Houellebecque.

Klaus Wagenbach ernannte sich voll Ironie stets zu „Kafkas dienstältester Witwe“. Auf dem Weg zur Princeton-Tagung der Gruppe 47 (mit Peter Handkes Azftritt) fuhr Wagenbach aus Flugangst mit dem Schiff. Er spielte Skat mnit Günter Grass (Helmut Böttiger, taz 21.12.21; Iris Radisch, Die Zeit 22.12.21).

3708: Eugen Ruge: Julian Assange nicht an die USA ausliefern !

Sonntag, Januar 2nd, 2022

Eugen Ruge ist vor allem durch seine beiden Erfolgs-Romane „In Zeiten abnehmenden Lichts“ (2011) und „Metropol“ (2019) hervorgetreten. Jetzt setzt er sich dafür ein, dass Julian Assange nicht an die USA ausgeliefert wird („Die Zeit“ 16.12.21). Ruge stellt fest, dass Assange seit Jahren durch Einzelhaft und Isolation gefoltert wird. Er hatte zahlreiche Kriegsverbrechen der USA nach 1945 aufgedeckt und partiell mit Videos belegt. Beispielsweise hatte er gezeigt, wie GIs irakische Zivilisten ermorden. In den USA drohen Assange ca. 120 Jahre Hadt.

„Was hier seit zehn Jahren passiert, ist eine widerwärtige Verhöhnung jener Werte, die die westliche, besonders natürlich die US-amerikanische Politik unaufhörlich in Anspruch nimmt, um ihre Invasionen und Sanktionen zu rechtfertigen.“

Die schwedische Justiz hatte sich bemüht, Assange der Vergewaltigung zu bezichtigen, um ihn so an die USA ausliefern zu können. „Nein, Assange ist kein Engel. Er hat Fehler gemacht. Er ist, hört man, kein sympathischer Typ. … Worum es hier geht, ist, dass statt des Verbrechers derjenige plattgemacht werden soll, der das Verbrechen offengelegt hat.“ „Trotzdem bitte ich diese neue Bundesregierung, auch im Namen vieler anderer, aber vor allem im Hinblick auf jene verbindlichen und verbindenden Werte, die unsere Verfassung bewahrt, der Auslieferung von Julian Assange ihr Möglichstes entgegenzusetzen.“

3699: Inge Jens ist tot.

Montag, Dezember 27th, 2021

Die Herausgeberin und Autorin Inge Jens ist mit fast 95 Jahren in Tübingen gestorben. Dort hatte sie seit 1949 Germanistik studiert und Walter Jens geheiratet. Der Rowohlt Verlag wurde ihre publizistische Heimat. Sie hat mannigfache Bausteine zur deutschen Erinnerungskultur geliefert. Maßstäbe hatte sie für ganze Generationen von Germanisten gesetzt mit der zweiten Hälfte der Tagebücher Thomas Manns. 2003 erschien „Frau Thomas Mann“ und wurde ein sensationeller Erfolg. Inge Jens war eine Repräsentantin der Friedensbewegung, die sich etwa 1984 an den Sitzblockaden in Mutlangen beteiligte. 1990 versteckte das Ehepaar Jens während des Goldkriegs längere Zeit zwei desertierte US-Soldaten in ihrem Haus (Uwe Naumann, SZ 27.12.21).

3693: Gottfried Benn spendierte Morphium.

Freitag, Dezember 24th, 2021

Wie Jörg Magenau (SZ 21.12.21) so treffend schreibt, ist Hans Fallada „gründlich ausbiografiert“. Trotzdem hat der Vorsitzende der Hans-Fallada-Gesellschaft, Michael Töteberg, einen neuen Roman vorgelegt:

Falladas letzte Liebe. Berlin (Aufbau) 2021, 336 Seiten.

Er befasst sich nur mit der Zeit von 1945 bis zu Falladas frühem Tod 1947. Die Sowjets hatten ihn zum Bürgermeister im mecklenburgischen Feldberg gemacht, eine Aufgabe, die den Schriftsteller völlig überforderte. Er floh mit seiner jungen zweiten Frau Ulla nach Berlin und in die Drogen. Permanent herrschte deswegen Geldknappheit. Es waren Akte der gegenseitigen Selbstzerstörung. Manchmal spendierte Dr. Gottfried Benn eine Portion Morphium. Fallada schrieb trotzdem in einem einzigten Monat „Jeder stirbt für sich allein“, einzigartig in unserer Literatur.

3688: Danke, Martin Luther !

Montag, Dezember 20th, 2021

Martin Luther war vom Reichstag in Worms 1521 geflohen, weil er sich mit Kaiser Karl V. und dem Klerus angelegt hatte. Auf der Wartburg übersetzte er das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. Sehr schnell. Und das geht heute nicht nur eine fromme christliche Minderheit an. „Denn die Sprache, die wir hierzulande sprechen und schreiben, den ‚protestantischen Dialekt‘, wie es der Sprachforscher und Märchensammler Jacob Grimm ausdrückte, diese Sprache hat Martin Luther mit geschaffen.“ (Johann Schloemann, SZ 18./19.12.21) Später wurde auch das Alte Testament übersetzt. Das brachte einen Schub von Alphabetisierung und vereinheitlichte die Mundarten in Deutschland. Nach Luther sollte jede und jeder erst einmal selber lesen, was geschrieben steht. Der Buchdruck des Johannes Gutenberg verhalf zur religiösen und kulturellen Wende.

Luther hatte Zusammensetzungen wie „Menschenfischer“ und „nacheifern“ erfunden. Und es bedarf heute kaum noch der Erwähnung, dass dies Katholiken und Evangelische nicht nur nicht mehr trennt, sondern zutiefst verbindet. Dies können wir in Göttingen erleben. Übersetzt wurde auch der berühmte Satz des Paulus in seinem Römerbrief, wonach „der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“. Das Wort „allein“ stand nicht im Originaltext. Dazu Martin Luther: „Wo man’s will klar und gewaltiglich verdeutschen, so gehöret es hinein, denn ich habe deutsch, nicht lateinisch oder greichisch reden wollen.“ Darin steckt auch die Idee der Übersetzbarkeit, die heute wichtiger ist als je zuvor. „Übersetzung ist das tägliche Brot der Verständigung – etwa aus Fachsprachen, wenn plötzlich alle ‚vulnerabel sagen statt verletzlich.“ Der Reichtum der Verschiedenheit entsteht gerade durch den Versuch, alles auch in der eigenen Sprache ausdrücken zu können.