Archive for the ‘Literatur’ Category

4132: 533 Journalisten in Haft

Freitag, Dezember 16th, 2022

Laut „Reporter ohne Grenzen“ sitzen weltweit 533 Journalisten wegen ihrer Arbeit in Haft, 63 mehr als im Vorjahr. Mit 30 Prozent ist der Zuwachs bei den inhaftierten Frauen besonders hoch. Das hängt auch mit den Protesten in Iran zusammen. Dort sitzen landesweit 47 Journalisten in Haft. Zweien von ihnen droht die Todesstrafe. Nilufar Hamedi und Elahe Mohammadi hatten als erste über den Tod von Jina Mahsa Amini berichtet.

China, Myanmar, Vietnam und Belarus waren bereits 2021 die Staaten mit den meisten inhaftierten Journalisten. In China hat das ein extremes Ausmaß erreicht. 110 Medienschaffende sind dort in Haft. 63,6 Prozent der Festgenommenen erhalten nie einen Prozess. Manche sitzen Jahrzehnte im Knast. Russland steht besonders schlecht da. Fast alle unabhängigen Medien wurden dort im Laufe des letzten Jahres verboten. Sie gelten als ausländische Agenten. Als unsicherstes Land für Journalisten auf der Welt gilt seit Jahren Mexiko (Lilly Brosowsky, SZ 14.12.22).

4126: Peter Handke 80

Dienstag, Dezember 6th, 2022

Der Literaturnobelpreisträger von 2019, Peter Handke, wird 80 Jahre alt. Der Österreicher ist eine Art literarischer Weltstar. Ungeheuer ökonomisch erfolgreich gestartet schon in den sechziger Jahren mit Werken wie „Publikumsbeschimpfung“ und „Selbstbezichtigung“. Handke variierte seine Art zu schreiben und ging über in ein stärkeres Erzählen in den siebziger Jahren mit „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“, „Der kurze Brief zum langen Abschied“ und, vor allem, „Wunschloses Unglück“, in dem er sich mit dem Selbstmord seiner Mutter auseinandersetzte, eines seiner besten Werke.

1975 begann dann sein „Rückzug“ aus dem Literaturbetrieb, dem er tatsächlich immer voll angehörte. Geplant war ein großer Roman, für den er weite und intensive Reisen unternahm. Er erschien allerdings nicht. Dafür: „Langsame Heimkehr“, „Kindergeschichte“ und „Über die Dörfer“. In Briefen an seinen Verleger, Siegfried Unseld, erläuterte er seine tastende, bewusst ungelenke Schreibweise. Manche Kritiker sehen darin eine Art „Größenwahn“. Handke konterte mit „Mein Jahr in der Niemandsbucht“. Er litt zunehmend an der „Öffentlichkeit“ und „den“ Medien. Seit den Jugoslawienkriegen 1991 stellte er sich auf die Seite der serbischen Autokraten um Milosevic. Das hat viele Leser geschockt. Handke hielt unbeirrt an seiner Fehleinschätzung fest. Bis heute. Er lebt zurückgezogen in seinem Haus bei Paris.

4125: Rainer Maria Rilkes Nachlass im Literaturarchiv Marbach

Montag, Dezember 5th, 2022

Es handelt sich um einen der größten Nachlässe der deutschen Literatur, den von Rainer Maria Rilke (1875-1926). Er ist an das Literaturarchiv in Marbach am Neckar verkauft worden. Preis unbekannt. Rilkes Wirkung steht auf einer Höhe mit Franz Kafkas oder Thomas Manns. Er ist ein Schulbuch- und Kalenderdichter. Viele, die ihn nicht kennen, empfinden ihn als Schnorrer und lächerlich, sie kennen ihn ja auch nicht.

Viele seiner Sprüche sind weithin bekannt:

„Der Sommer war sehr groß.“,

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“,

„Du mußt dein Leben ändern.“,

„Ihm ist als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.“.

Rilkes Roman „Malte Laurids Brigge“ war der erste deutsche Bewusstseinsroman. Rilkes Nachlass ist offenbar gut erhalten und sehr umfangreich. Seine Texte können nun erstmals systematisch entstehungsgeschichtlich herausgebracht werden. Rilke war ein Reisender, ein Wanderer und Netzwerker. Er verfolgte viele ästhetischen, religiösen und philosophischen Interessen. Der Nachlass enhält knapp 9.000 Briefe, eine Fundgrube. Rilke war Lebensreformer. Unaufgearbeitet ist das Thema „Rilke und die Frauen“. Bis zu Rilkes Urenkelinnen sind sie seine treuesten Überlieferinnen. Erwähnt seien hier nur Clara Westhoff und Lou Andreas-Salomé (Lothar Müller, SZ 2.12.22; Gustav Seibt, SZ 2.12.22).

4120: Verlage fordern Freilassung von Assange.

Dienstag, November 29th, 2022

Die Verlage des „Spiegels“, der „New York Times“, des „Guardian“, von „Le Monde“ und „El Pais“ fordern in einem offenen Brief von der US-Regierung, den Wikileaks-Gründer Julian Assange freizulassen. Die Anklage gegen Assange sei „ein gefährlicher Präzedenzfall und ein Angriff auf die Pressefreiheit“ (SZ 29.11.22).

4111: Briefwechsel Ingeborg Bachmann – Max Frisch: eine „Zerfetzung“

Sonntag, November 20th, 2022

Nach Jahrzehnten, in denen er zurückgehalten wurde, ist nun der Briefwechsel von Ingeborg Bachmann (1926-1973) und Max Frisch (1911-1991) erschienen. Ein Ereignis! Über 1.000 Seiten dick, die Hälfte davon Kommentar.

Ingeborg Bachmann/Max Frisch: „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Mit Briefen von Verwandten, Freunden und Bekannten. Herausgegeben von Hans Höller, Renate Langer, Thomas Strässle, Barbara Wiedemann, Koordination: Barbara Wiedemann. München – Berlin – Zürich (Piper/Suhrkamp), 1.039 Seiten.

Die Beziehung ging von 1958 bis 1963 und endete mit einem Zusammenbruch von Ingeborg Bachmann. Von Anfang an gab es nicht nur rauschhafte Liebe, sondern auch Zweifel und Trennungsgedanken. Frisch: „Wir wären Unheil füreinander. Aber auch so ist kein Heil.“ 1959 bekam Max Frisch Hepatitis. Und Ingeborg Bachmann fuhr nach Rom. Mit ihrem neuen Liebhaber Hans Magnus Enzensberger. Laut Briefwechsel war diese Affäre viel gravierender als bisher bekannt. Auf Wunsch Bachmanns hat Enzensberger einige ihrer Briefe vernichtet. Das Krankenhaustagebuch Frischs fand Bachmann nach der Trennung, sie war entsetzt und verbrannte es. Ein Vertrauensbruch.

Ingeborg Bachmann versuchte ein Leben zu führen, wie es seinerzeit für Frauen nicht vorgesehen war. Selbstbestimmt. „Max, es ist so schwer zu erklären, aber ich habe nur ganz selten das Gefühl der Gleichberechtigung zwischen uns. Ich stehe von Anfang an etwas unter Dir oder hinter Dir. Du hast es bestimmt nicht gewollt, aber es bringt dich dazu, mit mir zu reden manchmal wie zu einer Schülerin, bald liebevoll, bald tadelnd. Ich bin aber, wenn ich nicht bei dir bin, auch erwachsen, einem Mann gewachsen und lasse mir, wie die Brechtmädchen sagen würden, nichts gefallen.“

Frisch fühlte sich Bachmann (und Paul Celan) als Schriftsteller unterlegen. Auch intellektuell. Die beiden erkannten sich als Schriftsteller an, halfen sich sogar bei ihren Werken, das war bisher unbekannt. „Sie liebt nicht mich, sowenig wie einen anderen, sondern sie liebt die Liebe und sich selbst als Liebende.“ Zunächst liebte sie den italienischen Germanisten Paolo Chiarini. Und sie war allmählich tablettenabhängig geworden, ein Verhängnis. Anscheinend neigte sie zur Sucht. Dazu kam, dass Frisch sich seinerzeit in die 28 Jahre jüngere Marianne Oellers verliebte. Der Briefwechsel zerstört aber bisher geläufige Bachmann-Mythen: sie hat keinen Selbstmordversuch unternommen und keine Abtreibung vornehmen lassen. Allerdings unterhielt sie inzwischen eine intensive Beziehung zu Paul Celan. Allmählich lief ihr Leben auf einen Zusammenbruch zu. Hier liefert der Briefwechsel erschreckende Einblicke. An Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ hat Ingeborg Bachmann intensiv mitgewirkt, schon weil sie in der Figur der Lila selbst porträtiert wurde. Frisch akzeptierte ihre Veränderungsvorschläge. Kurze Zeit später behauptete sie, in seinem Roman missbraucht worden zu sein. Bei der Dämonisierung Max Frischs hat anscheinend auch ein fragwürdiger Psychotherapeut eine Rolle gespielt.

Max Frisch war aber bei weitem nicht der Popanz, als der er in der Bachmann-Literatur gerne dargestellt wird. Die Lesart, dass Max Frisch an Ingeborg Bachmanns Unglück alleine schuldig geworden sei, erweist sich, das schreibt die Bachmann-Expertin Ina Hartwig ausdrücklich, als falsch (SZ 19./20.11.22). Hartwig findet in dem Briefwechsel auch keine neues Geheimnis, sondern sieht die weiteren Erkenntnisse der Bachmann-Philologie als bestätigt an. Frisch und Bachmann waren beide Alkoholiker, sie zudem tablettensüchtig, weshalb sie immer wieder Kliniken aufsuchen musste. Beide waren krankhaft eifersüchtig. Nicht immer ohne Grund. Tatsächlich kennen wir ja heute bei der Betrachtung biografischer Details kaum noch Tabus. Ingeborg Bachmanns literarische Größe war Max Frisch stets bewusst. Er unterstützte sie bei „Wildermuth“. Sie verwandte das Motiv des brachialen, pedantischen, mörderischen Mannes für „Malina“. Max Frisch hat nach Bachmanns Tod ein Resümée in „Montauk“ (für mich, W.S., sein größtes Werk!) gezogen.

Max Frischs Briefe waren übrigens größtenteils nicht mehr im Nachlass Bachmanns zu finden. Wir kennen sie nur, weil Frisch davon. selbst bei banalsten Anlässen, Durchschriften angefertigt hat. Die im Affekt der ersten Verliebtheit verfassten Briefe wurden von Frisch ebenso kopiert wie die der späteren Zerrüttung. Max Frisch spricht von „Zerfetzung“ (Andreas Bernard, SZ 19./20.11.22). Im Kommentarteil ist die Überführung der Korrespondenz in poetische Werke auf beiden Seiten minutiös belegt. Frisch und Bachmann „bekämpften sich auf Leben und Tod, am Rande der Vernunft“. Das hatte Züge eines Vernichtungskriegs. „Du trittst in mein Leben, Ingeborg, wie ein langgefürchteter Engel, der da fragt Ja oder Nein.“ Der Briefwechsel bewegt einen sehr. Da war etwas zusammengewchsen, was nicht zusammengehörte (Helmut Böttiger, SZ 19./20.11.22).

4109: Der große Filmregisseur Martin Scorsese wird 80.

Donnerstag, November 17th, 2022

Wenn unter Kennern die größten Filmregisseure genannt werden, fällt am häufigsten der Name Martin Scorsese. Er wird 80 Jahre alt. Und er dominiert Hollywood als Regisseur, Dozent und Produzent. Seine Meisterschaft ist die des brillanten Einzelstücks. Seine Stoffe kommen aus Romanen, aus seiner Lebenserfahrung und von genialen Mitstreitern. Er kann Schauspieler entfesseln und beherrscht die Sprache von Kamerabewegung, Schnitt und Musikeinsatz. Er steht für das klassische, arbeitsteilige Filmemachen. Um „Star Wars“ und „Der Herr der Ringe“ hat er stets einen großen Bogen gemacht. Und selbst er musste sich erst durchsetzen. U.a. mit Dokumentationen. Der Olymp des Filmemachen steht nur denen offen, deren Einzelstücke sich am Ende zu einer Macht verbinden. Scorsese stammt aus dem, was wir „Little Italy“ nennen, hat sich dort aber nie festbinden lassen. Er wolte zunächst Priester werden. Die Vielfalt seines Werks ist einmalig (Tobias Kniebe, SZ 17.11.22)

Da wir fast Jahrgangsgenossen sind, bin ich mit Scorseses Filmen erwachsen geworden, habe an und in ihnen gelernt und schätze sie außerordentlich (hier nur eine kleine Auswahl der wichtigsten Filme):

1973: „Hexenkessel“, mit Robert de Niro und Harvey Keitel,

1974: „Alice lebt hier nicht mehr“,

1976: „Taxi Driver“,

1986: „Die Farbe des Geldes“,

1990: „Goodfellas“,

2002: „Gangs of New York“,

2004: „Aviator“,

2006: „Departed“,

2013: „The Wolf of Wall Street“,

2019: „The Irishman“.

Martin Scorsese hat mit einzelnen Darstellern vielfach zusammengearbeitet: Rober de Niro, Harvey Keitel, Leonardo di Caprio, Joe Pesci und mehreren anderen. Er ist zum fünften mal verheiratet. Möge er uns noch den einen oder anderen Film bescheren.

 

4100: Esoterik – anschlussfähig an Nazis und Neonazis

Donnerstag, November 10th, 2022

Die Psychologin Pia Lamberty und die Autorin Katharina Acun haben schon mehrere Bücher über Geheimwissen und Antisemitismus verfasst. Ihr gegenwärtiger Band

Gefährlicher Glaube. Die radikale Gedankenwelt der Esoterik. Köln (Quadriga) 2022, 300 Seiten, 22 Euro

hat es auf die Shortlist des NDR-Sachbuchpreises 2022 geschafft. Die Autorinnen sprechen darüber mit Julia Wertmann (SZ 10.11.22).

Lamberty und Ocun sehen falsche Heilsversprechen, finanzielle Ausbeutung und unterlassene medizinische Hilfeleistung. Esoterik ist dem Wortsinn nach Geheimwissen, etwas, zu dem nicht alle Zugang haben. Ein Element ist der Glaube an die Gerechtigkeit („Jeder bekommt, was er verdient.“). In der Esoterik hat das Bauchgefühl mehr Gewicht als rationale Argumente. Auf Esoterik-Messen haben Lamberty und Ocun Geschäftstüchtigkeit kennengelernt und die Verbreitung von Angst.

Die Esoterik richtet sich eher an Frauen als an Männer. Das verspricht eine gewisse Aufwertung in einer von Sexismus geprägten Welt. Eine Zielgruppe sind insbesondere die Frauen mit Kinderwunsch. Auch bei den 68ern gab es elitäre esoterische Kulte. Ein Feindbild sind die profitorientierten Pharmakonzerne. Nicht jede Esoterik ist rechtsextrem. Was wir aber überall finden, ist Antifeminismus und Antisemitismus. Deshalb ist der Anschluss an Nazis, Querdenker, Reichsbürger auch so leicht. Esoteriker geben sich gerne den Anstrich, links, feministisch und emanzipatorisch zu sein. Tatsächlich gilt das Gegenteil.

4094: Claudius Seidl hat die Biografie von Helmut Dietl geschrieben.

Sonntag, November 6th, 2022

Helmut Dietl hat nie zu den volltönenden Großmäulern des jungen deutschen Films gehört. Dafür hat er bessere Filme gemacht. Das ist jetzt in einer sehr gut geschriebenen Biografie von Claudius Seidl gewürdigt worden, Bayer wie Dietl.

Der Mann im weißen Anzug. Köln (Kiepenheuer & Witsch) 2022, 352 S., 25 Euro.

Dietl war nach dem Studium in München beim Regionalprogramm des BR gestartet. Seine „Münchener Geschichten“ begleiteten ihn ein Leben lang. Therese Giehse und Günther Maria Halmer wirkten darin mit. 1979 folgte „Der ganz normale Wahnsinn“, 1983 die zehn Episoden von „Monaco Franze“ (mit Helmut Fischer).

Mehrere Drehbücher schrieb Dietl gemeinsam mit Patrick Süskind, der ein Freund war. 1986 folgten die sechs Episoden von „Kir Royal“, 1992 „Schtonk“ (mit Götz George, Drehbuch mit Ulrich Limmer) über die gefälschten Hitler-Tagebücher. 1997 „Rossini“, 2005 „Vom Suchen und Finden der Liebe“. Helmut Dietl hat die deutsche Komödie auf einen neuen, leichten und liebenswerten Stand gebracht. Bei „Schtonk“ hatte er gezeigt, dass er auch den hohen Stil beherrschte. Er liebte die Frauen, war viermal verheiratet. Veronica Ferres‘ Karriere ist ohne Dietl nicht denkbar. Nach „Rossini“ wandte der Regisseur sich, wie sehr viele deutsche Filmemacher, nach Berlin, die neue deutsche Filmhauptstadt. Dort aber blieb er „heimatlos“. Was wir durch und von Helmut Dietl gelernt haben, ist Melancholie. 2015 starb der Regisseur an Krebs (Günter Rohrbach, SZ 5./6.11.22).

4093: Der bombastische Stil des Feuilletons im Fernsehen

Sonntag, November 6th, 2022

Kultur im Fernsehen ist wichtig. Dort (u.a. „ttt“, „Kulturzeit“, „Druckfrisch“, „Aspekte“) pflegen ihre Sprecher einen Sound der Dringlichkeit, der Bedeutungsschwere signalisieren soll. Der ewig feierliche Ton bringt dauerhaftes Pathos mit sich. Der raunende Begleiton soll zeigen, dass die behandelten Themen es verdienen, dort diskutiert zu werden. Kulturfernsehen ist zugleich immer Marketing für Kulturfernsehen. Die präsentierten Künstler (Schriftsteller, Filmregisseure, Maler, Tänzer u.a.) stehen für Aufklärung, für das Streben nach einer besseren Welt. Kunst wendet sich stets gegen Lügen und politische Intrigen. Zur Darstellung dessen werden häufig die immergleichen visuellen und dramaturgischen Schablonen eingesetzt. Das Genre Kulturfernsehen sucht weiterhin nach dem richtigen Verhältnis zu den von ihm behandelten Gegenständen (Andreas Bernard, SZ 5./6.11.22).

4088: Peter Demetz 100

Montag, Oktober 31st, 2022

Der in Prag geborene Peter Demetz ist emeritierter Germanistik-Professor in Yale. Er lebt in den USA und wird 100 Jahre alt. Er hat sehr viele Rezensionen und Kritiken für die „Zeit“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ geschrieben. Seine Mutter stammte aus einer alteingesessenen jüdischen Familie in Böhmen, sie starb in Theresienstadt, väterlicherweits stammte er von ladinischen Südtirolern ab. Die Nazis hatten ihn zur Zwangsarbeit verpflichtet. Demetz promovierte an der Prager Karls-Universität. Als die Sowjets die Tschechoslowakei übernahmen, verließ er das Land. Ingeborg Harms hat Peter Demetz für die „Zeit“ (20.10.22) interviewt.

Zeit: Warum haben Sie Prag nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen?

Demetz: Ich war noch Student an der Prager Universität, als ich mein erstes Buch „Kafka und Prag“ gemeinsam mit drei Leuten herausgegeben habe. … Kafka war bei den Kommunisten verrufen. Deshalb blieb mir nichts anderes übrig, als mit meiner damaligen Freundin Hanna das Weite zu suchen und nach Deutschland zu gehen.

Zeit: Wie ging es dort weiter?

Demetz: Wir landeten im einzigen deutschen Kinderlager, weil ich deutsch und englisch sprach: Ich wurde Stellvertreter des Erziehungsdirektors in Bad Aibling in Oberbayern. Durch Vermittlung eines Prager Intellektuellen bin ich nach zwei Jahren zum „Radio Free Europe“ nach München gekommen und war vier Jahre lang Kulturredakteur. Dort habe ich mich sehr wohlgefühlt.

Zeit: Sie haben bei René Wellek promoviert, der von der Prager Universität kam. Sind Sie ein Schüler seiner werkimmanenten Interpretation?

Demetz: Ja, ich bin ihm immer nahegestanden, vielleicht habe ich nicht in allen Büchern dasselbe „close reading“ praktiziert.

Zeit: Stehen Ihnen einige deutsche Autoren näher als andere?

Demetz: Ganz sicher. Einer der ersten, die mir auffielen, war Heimito von Doderer. Seine „Strudlhofstiege“ habe ich Österreich irgendwo unterrichtet. Ich kann mich an sommerliche Tage erinnern, wo ich nichts anderes gelesen habe, um mich vorzubereiten. Ich weiß nur nicht, wozu. Alfred Andersch war mir auch ans Herz gerwachsen, aber durch seine Abenteuer mit den Behörden war er mir zugleich etwas fern. Böll hatte den Hang ins Transzendente und war mir sehr fremd. Nelly Sachs kannte ich von früher, aber sie hat keine Spuren hinterlassen. Max Frisch bin ich oft begegnet und habe ihn als Dramtiker sehr geschätzt. Es mag sein, dass mein von den Russen verbotenes Stück Max Frisch nachgeschrieben war.

Zeit: Sehen Sie die hiesige Gegenwartsliteratur optimistischer?

Demetz: Eigentlich nicht. …