Archive for the ‘Literatur’ Category

4301: Für Iris Radisch ist „Noch wach?“ ein Männer-Roman.

Samstag, April 29th, 2023

Iris Radisch hält Benjamin von Stuckrad-Barres „Noch wach?“ für einen Männer-Roman (Zeit 27.4.23). Dort werde ein „moralisches Rührstück“ aufgeführt. Es handle sich um einen „Etikettenschwindel“. Das Buch sei so ähnlich wie Rainald Goetz‘ Schlüsselroman „Johann Holtrop“. Stuckrad-Barre sei ja jahrelang von Springer sehr gut bezahlt worden. Warum er dann umgeschwenkt sei, bleibe unklar. In dem „Roman“ redeten immer alle so, als seien sie auf Sendung. Frauen würden nur für Männerzwecke eingespannt. Sie seien „cool und allerliebst“ und „supersüße Hühnchen“. Erstaunlicherweise werde Benjamin von Stuckrad-Barre sein Schwenk vom Pop-Literaten zum Frauenversteher von der Literaturkritik weithin abgenommen. „Als Frau hätte man Lust, sich aus dieser Show vom Saaldienst hinausbegleiten zu lassen.“

Iris Radisch hat Recht.

4297: Pablo Picasso – aus der Zeit gefallen ?

Mittwoch, April 19th, 2023

Picassos Todestag jährt sich am 8. April 2023 zum 50. Mal. Und insgesamt finden dazu 50 Ausstellungen überall auf der Welt statt. Zu seinem Tod schrieb Werner Spies 1973: „Superlativ an Genie, Ruhm, physischem Dasein und Glück“. Weithin gilt Picasso immer noch als der Größte unter den Großen. Mit dem umfangreichsten Werk. Viele feiern den vulkanischen Maler, erhitzt und drängend. Seine Chiffren- und Figurenwelt ist einmalig. Und doch melden sich zunehmend skeptische Stimmen, gerade unter jungen Künstlern. Picassos absoluter Freiheitsbegriff, seine Ichbezogenheit und sein nimmermüder Schaffensdrang werden neuerdings belächelt.

Viele seiner Werke ließ er unbetitelt, sie sollten Ausdruck ihrer selbst sein. Picasso hat den Kubismus mit erfunden, die Gleichzeitigkeit mehrerer Perspektiven. Aber es fehlt die Perspektive einer Frau, wie Verena Harzer in der „taz“ (14.4.23) zu Recht schreibt. Harzer schildert Picasso als „gewalttätigen, eifersüchtigen, perversen und zerstörerischen“ Mann. Und Hanno Rauterberg schreibt, dass Picasso seine Frauen im realen Leben schikanierte und quälte, „er unterwarf sie seiner animalischen Sexualität“ (Zeit 5.4.23). Das ist natürlich in „Me too“-Zeiten nicht mehr korrekt. Andererseits wissen wir das doch seit vielen Jahrzehnten. Und können nun nicht überrascht tun. In seinen zahlreichen Frauenporträts verdrehte er die Köpfe, zerhieb er die Leiber und montierte sie neu.

Auch Picassos Begeisterung für afrikanische Masken ist heute nicht mehr korrekt. „Auch diese Art von Universalismus, von essenzialistischem Denken, will heute kaum noch jemandem gefallen.“ (Rauterberg) Picasso begeisterte sich für das Unabgeschlossene, er wollte keiner Masche aufsitzen, keinem Stil treu sein. „Weiter, immer weiter.“, war sein Motto. Die Methode Picasso, seine Lust an der künstlerischen Arbeit, ist noch immer die Methode Zukunft.

4275: Rechte Kunsthasser

Donnerstag, März 30th, 2023

In seinem Buch

Volkstheater. Der rechte Angriff auf die Kunstfreiheit. Berlin (Klaus Wagenbach) 2023, 144 S., 12 Euro,

zeigt der Berliner Theaterkritiker der SZ, Peter Laudenbach, dass die Rechte schon immer und heute wohl mehr als zuvor, Kultur als Kampffeld betrachtet. Buchhändlern werden die Autos angezündet, Theaterintendanten und Pianisten erhalten Morddrohungen, in Zwickau marschierten Skins vor einer Galerie auf, und in Stuttgart verlangen AfD-Abgeordnete die Veröffentlichung der Namen von Theatermitarbeitern mit Migrationshintergrund. Das sind keine Einzelfälle. Die Rechte bildet Bedrohungsallianzen. Der Angriff auf die Kunstfreiheit ist letztlich auch ein Angriff auf die offene, liberale Gesellschaft (SZ 28.3.23).

4269: Claudia Roth (Grüne) zahlt Spesen nach.

Samstag, März 25th, 2023

Die Staatsministerin für Kultur und Medien, Claudia Roth (Grüne), hat in Hollywood an der Oscar-Verleihung teilgenommen. Die deutsche Netflix-Produktion „Im Westen nichts Neues“ war für neun nominiert und hatte vier gewonnen. Die Produktion war nicht von der deutschen Filmförderung unterstützt worden. Wie aber war Frau Roth nach Los Angeles gekommen? Die Tickets dort sind knapp. Nominierten dort stehen vier Tickets zu, zwei davon müssen bezahlt werden. Nun hatte der deutsche Chef der Constantin-Film, Martin Moszkowicz, bekanntgegeben, dass er sein Ticket Claudia Roth geschenkt habe. Die Constantin erhält bekanntlich durchaus deutsche Filmförderung. Daraufhin hat Frau Roth schnell die Kosten aus ihren privaten Mitteln an die Netflix erstattet. Insgesamt 2250 Dollar (Susan Vahabzadeh, SZ 24.3.23).

4261: Gertrud Kolmar – eine weithin unbekannte deutsche Dichterin.

Sonntag, März 19th, 2023

Die Germanistin Friederike Heimann hat über Gertrud Kolmar (geb. 1894) promoviert. Nun legt sie einen Essay über die zu Unrecht fast vergessene deutsche Dichterin vor, die 1943 von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde:

In der Feuerkette der Epoche. Über Gertrud Kolmar. Frankfurt (Jüdischer Verlag/Suhrkamp) 2023, 462 S. 28 Euro.

Für Gertrud Kolmar hatte sich vorher schon die in Hamburg lebende Lyrikerin Ulla Hahn eingesetzt. Dort war Gertrud Kolmar für kurze Zeit Erzieherin in der Familie des Kaufmanns Carl Alexander gewesen. Eigentlich hieß sie Gertrud Käthe Chodziesners. Sie war die Cousine Walter Benjamins. In Hamburg hatte sie sich emanzipiert. Sie vertrat dezidiert feministische Positionen. In Gedichten und Erzählungen hat Gertrud Kolmar komplexe Zwiegespräche mit der Gesellschaft gehalten. Von ihr wäre noch viel zu erwarten gewesen. Sie hat seinerzeit schon „koloniale und patriarchalische Sichtweisen und Bewertungsmuster“ dekonstruiert. Dabei blitzte häufig ihr böser Witz auf. Daran hatten die Nazis natürlich kein Interesse (Benno Schirrmeister, taz 13.3.23).

4260: Das Abitur soll einheitlicher werden.

Samstag, März 18th, 2023

Fünf Jahre, nachdem das Bundesverfassungsgericht angeordnet hat, dass das Abitur in Deutschland einheitlicher werden muss, hat die Kultusministerkonferenz (KMK) dazu erstmals Reformbeschlüsse vorgelegt. Sie betreffen die zweijährige „Qualifikationsphase“ vor dem Abitur. Da werden Zensuren gesammelt, die in die Abiturnote eingehen. Ab 2027 sollen bundesweit pro Halbjahr ein bis zwei Klausuren geschrieben werden. Die Schüler dürfen maximal noch drei Leistungskurse wählen (bisher vier). Der Deutsche Philologenverband begrüßt die Reformen. Dem Deutschen Lehrerverband gehen sie nicht weit genug. Die GEW sieht darin eine „falsche Weichenstellung“. Sie plädiert für Gruppenunterricht (Lilith Volkert, SZ 18./19.3.23).

W.S.: Die GEW ist nicht leistungsbezogen genug. Sie kapriziert sich auf Sozialklimbim.

4249: Ursina Lardi über Kritik

Sonntag, März 12th, 2023

Die Schauspielerin Ursina Lardi schreibt über Kritik (Zeit 23.2.23):

„Ich werde weder die Kritiker namentlich nennen noch die drei bis vier Zitate wiederholen, die mich besonders verletzt haben – obwohl ich sie natürlich ärgerlicherweise noch heute wörtlich wiedergeben könnte – , weil ich froh bin, dass diese Sätze vergessen und aus der Welt sind, und es ja nicht in meinem Interesse liegen kann, die Erinnerung daran aufzufrischen. Was ich sagen kann, ist, dass es handfeste Beleidigungen waren, die sich nicht gegen meine Darstellung der einen oder anderen Rolle richteten, sondern gegen mich als Frau, gegen meinen Körper, mein Gesicht. Ich glaube allerdings, dass diese Art beleidigender, misogyner Kritik kaum mehr existiert (hoffentlich ist das so, hoffentlich!), mir ist sie jedenfalls seit über zehn Jahren nicht mehr untergekommen. Sehr angenehm. Ansonsten bin ich eine Freundin auch scharfer Kritik, solange sie klug, fundiert, differenziert, um Präzision in der Beschreibung bemüht, sprachlich schön und respektvoll formuliert ist.“

4243: Die Hohenzollern verzichten auf Entschädigung.

Donnerstag, März 9th, 2023

Georg Prinz von Preußen hat in der „Welt“ den Verzicht der Hohenzollern auf Entschädigung erklärt. Sie war nach dem Entschädigungs- und Ausgkeichsgesetz von 1994 im Jahr 2015 beantragt worden. Die Objekte befinden sich bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und beim Deutschen Historischen Museum in Berlin. Verhandlungspartner der Hohenzollern waren das Land Brandenburg, der Bund und das Land Berlin. Anhängig sind noch Klagen der Hohenzollern beim Verwaltungsgericht Potsdam. Die Verzichtserklärung ist nur sinnvoll bei Rücknahme dieser Klagen.

Objekte der potentiellen Entschädigung sind Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Möbel, Teppiche, Bibliotheksbestände, Kronen und Reichsschwerter. Die Enteigung hatte stattgefunden von 1945 bis 1949 nach Besatzungsrecht. Grundsätzlich steht es einer Entschädigung entgegen, wenn unter den Antragsstellern oder dessen Erben jemand ist, welcher der nationalsozialistischen Herrschaft „erheblichen Vorschub“ geleistet hat. Das ist hier eindeutig Kronprinz Wilhelm von Preußen (1882-1951), der mit den Nazis sympathisierte und sie unterstützte. Das hatte das Haus Hohenzollern bisher stets anerkannt. Wahrscheinlich gelingt es unter der Verzichtserklärung der Hohenzollern das juristische und das historische Urteil zu entkoppeln. Die Verzichtserklärung der Hohenzollern hat den Weg frei gemacht für den Abschluss der außergerichtlichen Verhandlungen (Lothar Müller, SZ 9.3.23).

W.S.: Dieses Vorgehen der Hohenzollern ist ausdrücklich zu begrüßen.

4241: Die deutsche Sprache ist schön und praktisch.

Dienstag, März 7th, 2023

Die Sprache Johann Wolfgang Goethes, Heinrich Heines, Thomas Manns und Bertolt Brechts sollte nicht für sich werben müssen. Sie spricht für sich selbst. Trotzdem hat sie einen schlechten Ruf. Sie gilt als schwerfällig, barsch und kompliziert. Die Zahl derjenigen, die etwa in Frankreich Deutsch lernen, sinkt. Dem widerspricht gekonnt der Sprachwissenschaftler Roland Kaehlbrandt (SZ 7.3.23). Er hält das Deutsche für unterschätzt:

1. Kennt man im Deutschen ein Wort, dann bald das zugehörige Wortfeld: Kinderarzt, Zahnarzt, Hautarzt, Hausarzt, Tierarzt.

2. Die Wörter sind im Deutschen praktisch unbegrenzt kombinierbar und ableitbar.

3. „Waldeinsamkeit“ gibt uns einen Hinweis auf die Romantik, „Wertstoffhof“ auf die Ökologie.

4. Wegen seiner leichten Kombinierbarkeit ist der deutsche Wortschatz einer der größten.

5. Der deutsche Satzbau ist gelenkig und nuancenreich: „Ich habe sie gestern am Bahnsteig gesehen.“ Das lässt sich durch Betonung leicht nuancieren. Eine Betonung bringt auch mit sich: „Am Bahnsteig habe ich sie gestern gesehen.“

6. Im Gegensatz zu seinem Ruf ist das Deutsche freundlich und einfühlsam.

7. Die deutsche Sprache gibt uns eine große Zahl an freundlichen kleinen Wörtern an die Hand: Aber, auch, bloß, doch, eben, etwa, halt, ja, schon. Das ist beziehungsfördernd.

8. Die neuen Formen des Deutschen, gerade unter jungen Leuten, zeigen lässige Schnelligkeit, gepaart mit Ironie.

9. Durch die Groß- und Kleinschreibung ist das Deutsche eine Sprache für Leserinnen und Leser.

10. Die Zahl der Laute im Deutschen ist im Gegensatz zu anderen Sprachen überschaubar: 36 Phoneme, 30 Grapheme.

11. Die Verwandtschaft von „Hand“ und „Hände“ ist im Schriftbild erkennbar.

12. Die Zeichensetzung ist grammatisch und logisch. Vor den Nebensatz mit finitem Verb steht ein Komma.

13. Die deutsche Sprache hat sich über Jahrhunderte gegen Widerstände der Fürstenhöfe, des Klerus und eines Teils der Wissenschaften entwickelt.

14. Diejenigen, die sich dafür eingesetzt haben, das Deutsche als voll ausgebildete Sprache zu kodifizieren und durchzusetzen, hatten aufklärerische Absichten.

15. Das Deutsche kennt viel Dialekte und Regionalsprachen. Es ist eine hochdifferenzierte Literatursprache und eine präzise Bildungs- und Wissenschaftssprache. Sie ist eine klare Schul- und Unterrichtssprache. Und sie ist sehr gut erforscht.

16. Deutsch wird, betrachtet man auch das Ausland, von 280 Millionen Menschen gesprochen.

17. Die Einwanderer bereichern die deutsche Sprache.

18. Immer häufiger gewinnen Zugewanderte deutsche Literaturpreise: 2022 Sevgi Özdamar den Büchnerpreis.

19. Die Verbreitung des Deutschen außerhalb Deutschlands ist ein Vorzug: Österreich, Deutschschweiz, Südtirol, Ostbelgien, Liechtenstein, Luxemburg.

20. In weiteren ausländischen Regionen ist das Deutsche als Hochsprache gut bekannt.

4227: Ulrike Guérot des Plagiats bezichtigt

Sonntag, Februar 26th, 2023

Die Bonner Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot schreibt auf Twitter: „Die @unibonn hat mir wegen Plagiat in einem nichtwissenschaftlichen Buch von 2016 zum 31.3. gekündigt. Ich werde dagegen juristisch vorgehen und stehe deswegen nicht für Anfragen zur Verfügung. Ich wäre die erste Person, der in D wegen ‚Plagiat‘ gekündigt würde; es wird spannend.“ Die Universität Bonn hat arbeitsrechtliche Schritte gegen Frau Guérot eingeleitet. Sie scheint keine Beamtin zu sein.

Aufgefallen war sie dadurch, dass sie während der Corona-Pandemie die „Zwangsmaßnahmen“ der Bundesregierung scharf kritisiert hatte. Den russischen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine sieht Guérot als „einen lang vorbereiteten amerikanischen Stellvertreterkrieg“. Der Bonner Historiker Martin Aust erkennt bei Guérot „politische Propaganda“. Und der Göttinger Politikwissenschaftler Andreas Busch hat im November 2022 gefordert, die Universität Bonn müsse  darlegen, „wie ein Prozess der ‚Bestenauslese‘ zur Berufung von Frau Guérot führen konnte“. Die Universität Bonn teilt mit, dass Frau Guérot „während ihrer Dienstzeit an der Universität Bonn (sich) fremdes geistiges Eigentum abgeignet (habe), ohne dies als solches kenntlich zu machen“ (Alexander Menden, SZ 25./26.2.23).