Archive for the ‘Literatur’ Category

4494: Lehrermangel

Dienstag, September 19th, 2023

In Deutschland fällt bisweilen monatelang der Unterricht aus. Auch in wichtigen Fächern. Es fehlen bis zu 40.000 Lehrer. Das verschärft die Bildungskrise und hat verheerende Folgen für die Gesellschaft. Es fehlt manchmal sogar an der Vermittlung grundlegender Fähigkeiten (Lesen, Schreiben, Rechnen). Jedes Jahr verlassen 50.000 Schüler ohne Abschluss die Schulen. Und dann soll es ab 2026 sogar einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagesplatz geben. Unmöglich. Zudem sind die Bildungschancen in Deutschland seit langem sozial völlig ungerecht verteilt. Davor warnen Experten seit über 20 Jahren. Den Politikern scheint das weithin egal zu sein. Die Bundesländer fangen an, sich aggressiv gegenseitig Lehrer abzuwerben. Das ist verantwortungslos.

Quereinsteiger sind allenfalls eine Hilfslösung, weil sie keine didaktische Qualifikation mitbringen. Aber das Bundesland Brandenburg etwa verbeamtet sogar Quereinsteiger mit Bachelorabschluss. Von den im Dienst befindlichen Lehrern sind viele überlastet. Gründe sind u.a. die Pandemie und 200.000 Schüler aus der Ukraine. Das Ganze ist eine einzige riesige Katastrophe. Das hält Deutschland nicht aus (Lilith Volkert, SZ 12.9.23).

4493: „Finger weg vom Englischunterricht.“

Montag, September 18th, 2023

Die Iglu-Studie von 2021 ergab, dass jeder vierte Grundschüler in Deutschland nicht die Mindeststandards im Lesen erfüllte. Darufhin schlug der ehemalige Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, vor, in der Grundschule Engliusch und Informatik abzuschaffen. Davor kann nur gewarnt werden. Wir können das Problem nicht durch die Verlängerung der Lernzeit lösen. Auch nicht durch die Abschaffung anderer Fächer. Es gibt keinen wissenschaftlich erwiesenen Zusammenhang zwischen dem frühen Fremdsprachenlernen und schwachen Leseleistungen. Fremdsprachenlernen und das Kennenlernen anderer Kulturen gehören zu den Basics in der Grundschule. Privat und beruflich ist Englisch unersetzlich. Fremdsprachenlernen vermittelt zudem zentrale Kriterien wie Toleranz, Offenheit und Respekt. Darüberhinaus sind die ökonomischen Gründe für das Englischlernen nicht zu unterschätzen (Stefanie Frisch/Julia Reckermann, Die Zeit 7.9.23).

4486: Die letzten Jahre der alten Bundesrepublik

Samstag, September 16th, 2023

Angesichts des aktuellen Anwachsens von Rechtspopulisten und Rechtsextremisten und des steigenden Antisemitismus denken manche von uns an die letzten Jahre der alten Bundesrepublik von 1980 bis 1990 zurück. Damals wie heute gebärdeten sich „Deutschnationale“ und „Stahlhelmer“ wie Widerstandskämpfer, obwohl sie „Steigbügelhalter“ gewesen waren.

1. Erst im Januar 1979 wurde im deutschen Fernsehen die vierteilige Hollywood-Serie „Holocaust“ ein großer Erfolg. Das war nur verständlich, wenn einiges davon wohl noch nicht voll bekannt gewesen war. „Holocaust“ wurde Namensgeber. Ich erinnere mich an das von mir dazu durchgeführte Proseminar.

2. Seit 1973 gab es einen Schülerwettbewerb, den Bundespräsident Gustav Heinemann ausgerufen hatte, um die deutsche Alltagsgeschichte, der nach „Holocaust“ besser verlaufen konnte.

3. Über Widerstand dagegen insbesondere in Passau drehte Michael Verhoeven den Film „Das schreckliche Mädchen“ (1990).

4. Mitte der achtziger Jahre war das ehemalige NSDAP-Mitglied Karl Carstens Bundespräsident und Bundeskanzler Helmut Kohl führte den US-Präsidenten Ronald Reagan auf den Soldatenfriedhof in Bitburg, wo auch Angehörige der Waffen-SS lagen.

5. 1985 hielt Bundespräsident Richard von Weizsäcker seine berühmte Rede, in dem der 8. Mai 1945 endlich als „Tag der Befreiung“ gekennzeichnet wurde.

6. Rechte Intellektuelle wie Armin Mohler sprachen noch davon, dass die Deutschen am Nasenring durch die Schuldarena geführt wurden.

7. Ralph Giordano sprach über die lange verweigerte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus als von der „zweiten Schuld“.

8. Erst allmählich setzte sich „Erinnerungskultur“ durch.

9. Der „Historikerstreit“ 1986/87 ging um die Singularität des deutschen Judenmords.

10. Franz-Josef Strauß (CSU) wollte nicht länger durch die Erinnerung an das Dritte Reich belastet werden (Norbert Frei, SZ 15.9.23)

Ich habe 1965 Abitur gemacht. Wir können uns denken,. wie in dieser Zeit mit der Vergangenheit umgegangen wurde.

4483: Hokuspokus für Fortgeschrittene

Donnerstag, September 14th, 2023

1. Aberglauben ist sehr alt. Es gab ihn praktisch „schon immer“. In vielen Fällen dient er dazu, unsere Weltsicht zu vereinfachen.

2. In Zeiten einer als komplexer empfundenen Welt gewinnt der Aberglauben an Attraktivität.

3. Gestirne, die Natur, ein bizarres Germanentum werden wichtiger.

4. Die Wissenschaften, die „Schulmedizin“ und Intellektuelle sind unbeliebt.

5. Im Mittelalter glaubten viele an „übernatürliche“ Kräfte, kauften Amulette, sahen Zeichen an der Wand, verehrten Reliquien und befragten Orakel.

6. Gerade in Notlagen blüht der Aberglaube.

7. Hokuspokus war nie das Vorrecht der „einfachen Leute“.

8. Wahrsager, Planetenleser, Tischerücker und Heiler werden mächtiger.

9. Das „Blut“ spielt eine große Rolle.

10. Für Juden wurde das mörderisch.

11. Die „Vorsehung“ rechtfertigte alles.

12. Die Nazis bedienten sich weithin des Aberglaubens. Nicht zuletzt Rudolf Heß.

13. Adolf Hitler wurde als „Erlöser“ erlebt.

14. „Blut und Boden“, Agrarromantik, Esoterik und anderer Schnickschnack wurden ernst genommen.

15. Ökologischer Landbau, Anthroposophie, Naturheilkunde blühten in Krisen wie der Corona-Krise auf.

16. Wer klug ist, wird schnell als „verkopft“ verunglimpft.

17. „Fühlen“ ist beliebt.

18. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Aberglauben und Verschwörungstheorien.

19. Es besteht eine Verbindung zum Rassismus und Rechtsextremismus.

20. Gerade aktuell ist der Aberglauben wieder gefährlich (Tillmann Bendikowski, SZ 13.9.23).

4478: Fehlbesetzung in Margarethe von Trottas Bachmann-Film

Sonntag, September 10th, 2023

In Margarethe von Trottas Film „Ingeborg Bachmann, Reise in die Wüste“ empfand ich Ronald Zehrfeld als Max Frisch als eine Fehlbesetzung. Ganz im Gegensatz zu seiner Partnerin Vicky Krieps als Ingeborg Bachmann.

4476: Hans-Uklrich Klose ist gestorben.

Freitag, September 8th, 2023

Einer der fähigsten sozialdemokratischen Politiker nach 1945 ist gestorben, Hans-Ulrich Klose. Im Alter von 86 Jahren. Das Vertriebenenkind aus Breslau studierte Jura und wurde sehr früh Erster Bürgermeister Hamburgs. Er gewann 1978 die absolute Mehrheit. Klose war ein freier Geist und begründete darauf seine Autorität. Er ging auch für die SPD schwierige Probleme an. Ein guter Redner, aber kein „lauter Typ“. Bisweilen schaute er spöttisch auf den eigenen Betrieb. Die Hamburger SPD konnte ihm nicht überall folgen. Klose wurde Fraktionsvorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion und hatte Mühe, die Abgeordneten auf Linie zu halten. Es gab erste Auflösungserscheinungen. Ab 1994 wirkte Hans-Ulrich Klose als Außenpolitiker wie ein Elder Statesman, wurde Vizepräsident des Bundestags. Ausgleich fand er in künstlerischer Betätigung. Er malte und schrieb Gedichte. Ein großer Verlust (Jan Bielicki, SZ 8.9.23).

4462: Robert de Niro 80

Dienstag, August 29th, 2023

Ich erinnere mich an einige Fimnachmittage im Göttinger „Stern“ oder „Sternchen“, für die ich mich in den siebziger Jahren freimachen konnte. Zu Filmen mit Robert de Niro (geb. 1943) oder von Martin Scorsese. Manchmal war ich der einzige Gast. So bei „Hexenkessel“ (1973) oder „Taxi Driver“ (1976). Der große Kino-Metaphysiker der Gewalt, Martin Scorsese, brauchte dazu Robert de Niro. Dessen ungeheure Arroganz und Intensität waren unersetzlich. Heute nicht mehr, wo er 80 Jahre alt wird, aber das liegt nicht an de Niro, sondern an den modernen Filmen.

De Niro verkörperte schon in jenen Filmen den Typus des weißen Manns, der Indigene bekämpft. Die Linken mögen ihn deswegen nicht. Er wirkt nicht fortschrittlich genug. Dafür wahrhaftig. So auch in „Raging Bull“ (1980), wo er den Mittelgewichtler Jake La Motta verkörpert, dem er zwei Jahre vor dem Film auf den Pelz und in die Wohnung rückte. De Niro lernte Boxen. Und wir Boxfans erkannten, dass das gelang. Schon viele große Hollywood-Schauspieler hatten Boxer gespielt, aber Robert de Niro übertraf sie alle. Er wurde Weltmeister (der Schauspielkunst). Vielleicht hat er nicht so viel Charisma wie andere Schauspieler, aber versiegelt sich in seine Rollen. So bei „Meine Braut, ihr Vater und ich“ (2000). De Niro verkörperte weithin den Zorn der städtischen, besitzlosen Klassen. Wie gut; denn den Linken heute fällt dazu ja nicht allzu viel ein (Philipp Bovermann, SZ 17.8.23).

4460. Wolf Wondratschek 80

Montag, August 28th, 2023

Der Lyriker Wolf Wondratschek ist 80 Jahre alt geworden. Früher war er angriffslustig. Sein erster Gedichtband

„Früher begann der Tag mit einer Schusswunde“ 1969

war für uns Gedichtefans ein Paukenschlag. Wondratschek war ein Popstar der Lyrik. Er bekam große Vorschüsse. Als er von einem Verleger einen Koffer voller Geld verlangte, warf der ihn raus. Der Filmproduzent Bernd Eichinger kaufte ihm ein einziges Gedicht ab, das über die Frau ging, die beide liebten. Am Ende verkaufte Wolf Wondratschek seinen letzten Roman an einen Wiener Privatmann, Auflage ein Exemplar. Volker Weidermann schreibt dazu: „Mir hat Wondratschek vor ein paar Jahren im einzigen Zimmer im Hotel Savoy in Berlin, in dem man rauchen darf, diesen Roman nacherzählt. Das war eines der schönsten Erlebnisse, die ich als Literaturkritiker hatte.“ (Zeit, 17.8.23)

4456: Axel Springer und Julian Reichelt einigen sich außergerichtlich.

Samstag, August 26th, 2023

Die Axel Springer SE und ihr ehemaliger „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt haben sich überraschend außergerichtlich geeinigt und darüber Vertraulichkeit vereinbart. So kommt vieles nicht ans Tageslicht. Reichelt war 2021 wegen Vorwürfen des Machtmissbrauchs entlassen und dann verklagt worden. Daraufhin hatte er dem Verleger der „Berliner Zeitung“, Holger Friedrich, pikante interne Informationen aus dem Haus Springer übermittelt. Wohl peinlich für den Vorstandschef Mathias Döpfner. Der hatte noch sehr lange engen Kontakt zu Reichelt gehalten. Der ehemalige „Bild“-Chef erhob Widerklage. Reichelt bedauerte nun sein Verhalten. Springer sieht seine Kernanliegen erreicht. Es soll also schnellstmöglich ohne großes Aufsehen der Streit beigelegt werden. Vielleicht wurden die Springer-Juristen zurückgepfiffen. Und vermutlich darf Julian Reichelt seine zwei Millionen Euro Abfindung behalten (Anna Ernst, SZ 23.8.23).

4454: Reiner Kunze 90

Samstag, August 26th, 2023

Der Bergarbeitersohn und Lyriker Reiner Kunze (geb. 1933) machte zunächst eine ordentliche DDR-Karriere. Abitur, Eintritt in die SED, Studium der Philosophie und Publizistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Als wissenschaftlicher Assistent wurde er dort aber schon 1959 „konterrevolutionärer Umtriebe“ bezichtigt. 1959 war „Vögel über dem Tau“ erschienen, 1969 „sensible wege“. 1976 erschienen die „Wunderbaren Jahre“, Reiner Kunzes wichtigsates Werk. Dafür wurde er aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, sein SED-Parteibuch hatte er bereist 1968 zurückgegeben.

In seinem Kölner Konzert 1976 sang Wolf Biermann „Selbstporträt für Reiner Kunze“. Biermann wurde nicht mehr reingelassen, Kunze wanderte 1977 aus. Lebt seither in der Gegend von Passau. 1977 hatte ihm Heinrich Böll die Laudatio zur Verleihung des Büchner-Preises gehalten. 1990 erschien unter „Deckname ‚Lyrik'“ Reiner Kunzes Stasi-Geschichte. Dabei wurde klar, dass er von Ibrahim Böhme, dem zeitweiligen SPD-Star ausgespäht worden war. Deutsache Geschichte im 20. Jahrhundert. Reiner Kunze hat sich in seiner Lyrik stets von Rose Ausländer und Paul Celan leiten lassen. Er feiert seinen 90. Geburtstatg (Lothar Müller, SZ 16.8.23).