Archive for the ‘Kunst’ Category

3517: Warum manchmal Kunst nicht zurückgegeben wird.

Samstag, August 7th, 2021

Der 1878 geborene erfolgreiche jüdische Textilfabrikant Robert Graetz war auch Kunstsammler. 1919 bezog er eine Villa in Berlin-Grunewald. Dort befand sich seine etwa 250 Kunstwerke umfassende Sammlung. Sie enthielt Werke von Otto Dix, Max Pechstein, Paula Modersohn-Becker, Karl Schmidt-Rottluff u.a. Eines war das Porträt von Alfred Kerr, dem berühmten Kunstkritiker, 1907 von Lovis Corinth gemalt. 1933 musste Familie Kerr aus Deutschland fliehen. Darüber hat Judith Kerr das Buch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ geschrieben.

Robert Graetz konnte sein Villa 1935 nicht mehr halten. Er baute sie in ein Mehrfamilienhaus um. Viele seiner Kunstwerke gab er an eine Berliner Spedition, um sie bei der geplanten Ausreise mitzunehmen. Wahrscheinlich zählte auch das Kerr-Porträt von Corinth dazu. Graetz wurde 1942 kurz vor seiner geplanten Flucht deportiert und ermordet. Seine Bekannte Gertrud Kahle wurde nach der Beschlagnahme sämtlichen Vermögens ebenfalls nach Theresienstadt gebracht. Sie überlebte, beging aber 1945 in Berlin Selbstmord. Die Kinder von Robert Graetz machten nach 1945 Schadensersatz für die vom Deutschen Reich entzogenen Kunstwerke geltend. Die Behörden verlangten Dokumente, Beweise, Unterlagen. Aber wie wollen sie die von jemand vorlegen, von dem nicht einmal das Todesdatum bekannt ist? Die Wiedergutmachungsbehörde wies den Anspruch auf Rückgabe 1954 zurück.

Am 5. Februar 1956 veröffentlichte der Theaterkritiker Friedrich Luft in der „Welt“ den Beitrag „Ein Bild will nach Berlin. Das Kerr-Porträt von Lovis Corinth wird angeboten.“ Das Bild wurde von den Erben Gertrud Kahles auf den Markt gebracht und kurz darauf vom Schiller-Theater für 10.500 Mark erworben. Robert Graetz Erben machten geltend, dass unklar sei, wie es in den Besitz der Erben Kahles gekommen sei. Am Ende erhielten die Erben Graetz‘ 28,5 Prozent des Kaufpreises von den Erben Kahles, also 3.000 Mark. Auf Grund einer Übertragung vom Schiller-Theater auf das Berliner Stadtmuseum ist das Bild seit 1974 in dessen Besitz.

Die Erben von Robert Graetz verlangten nun von der

„Beratenden Kommission im Zusammenhang mit der Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts, insbesondere aus jüdischen Besitz“

die Empfehlung der Rückgabe des Gemäldes. Die Erben Kahles hatten in den fünfziger Jahren behauptet, dass Graetz das Bild Gertrud Kahle geschenkt habe. Das Bild soll von der Spedition beim Frachtkontor Fritz Kahle eingelagert worden sein, dem geschiedenen Mann von Gertrud Kahle. Dieser habe es für seine Kinder unterschlagen. Über den Wahrheitsgehalt der Aussagen wissen wir nichts. Die Erben von Robert Graetz konnten der Kommission keine Unterlagen vorlegen, die die Einlieferung des Gemäldes und des anderen Besitzes zu einer Einlagerung beweist. Deswegen hat die Kommission entschieden, für das „Porträt Alfred Kerr“ keine Rückgabeempfehlung an die Graetz-Erben auszusprechen.

Für Eigentumswechsel in jenem Zeitraum müssen nicht die Erben beweisen, dass das Kunstwerk verfolgungsbedingt entzogen wurde – das Museum muss beweisen, dass das Kunstwerk ohne Verfolgungsdruck zu einem angemessenen Preis veräußert wurde (Beweislastumkehr). Und vor allem, dass der Veräußerer frei über den Kaufpreis verfügen konnte. Es steht die Vermutung im Raum, dass der Vergleich auf Grundlage der falschen Annahme einer Schenkung von Graetz an Kahle geschlossen wurde. Der Kommisionsvorsitzende, der ehemalige Verfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier, hatte die Entscheidung in einem Aufsatz gerechtfertigt. Dabei hatte er auch auf die bis heute mangelhafte Verfahrensordnung der Kommission verwiesen. „Die aktuellen Ereignisse zeigen, dass der zukünftige Umgang mit Raubkunst im Koalitionsvertrag Niederschlag finden muss.“ (Julien Reitzenstein, Welt 31.7.21)

3512: Vor 50 Jahren gestorben: Ludwig Marcuse

Freitag, Juli 30th, 2021

Als ich ihn während meines Studiums in einem Fernseh-Interview 1968 mit Marcel Reich-Ranicki näher kennenlernte, war sein Namensvetter Herbert weit bekannter als er: Ludwig Marcuse (1894-1971), der deutsche Philosoph und Literaturwissenschaftler. Er lebte seit 1962 wieder in Deutschland, in Bad Wiessee. Dieser wunderbare Individualist, der immer so frei war, sich ohne Gewissensbisse zu widersprechen, von keiner Weltanschauung beschützt und tausend Anfälligkeiten ausgesetzt. Er musste 1933 ins Exil, zunächst nach Frankreich (Sanary-sur-mer), dann in die USA. Hier arbeitete er als Professor für Germanistik an der Universität von Los Angeles.

Der geborene Berliner aus einer jüdischen Familie interessierte sich wenig für berufliches Fortkommen und wirtschaftlichen Erfolg. Promoviert hatte er bei dem Religionsphilosophen Ernst Troeltsch („Die Individualität als Wert und die Philosophie Friedrich Nietzsches“). Nach dessen frühem Tod 1923 blieb ihm in Deutschland eine wissenschaftliche Karriere versperrt, er arbeitete fortan als freier Schriftsteller und hatte viele Freunde und erbitterte Feinde. Besonders eng war er mit Joseph Roth befreundet. Er hielt sich an Friedrich Hebbels (1813-1863) Diktum: „Ich halte es für die größte Pflicht eines Menschen, der überhaupt schreibt, dass er Materialien zu seiner Biographie liefere. Hat der Mann keine geistigen Entdeckungen gemacht und keine fremden Länder erobert, so hat er doch gewiss auf mannigfachste Weise geirrt, und seine Irrtümer sind der Menschheit ebenso wichtig wie des größten Mannes Wahrheiten.“

Karl Marx hatte geschrieben (und Marcuse zitierte das gerne): „Die Liebe nicht zum Feuerbachschen Menschen, nicht zum Moleschott’schen Stoffwechsel, nicht zum Proletariat, sondern die Liebe zur Liebsten und namentlich zu dir macht den Mann wieder zum Mann.“ Ludwig Marcuse hielt sich an Georg Büchner (1813-1867), wo der schrieb: „Es läuft auf eins hinaus, an was man seine Freude hat: an Leibern, Christusbildern, Weingläsern, an Blumen oder Kinderspielsachen, es ist das nämliche Gefühl: wer am meisten genießt, betet am meisten.“

Aber Ludwig Marcuse war weit mehr als ein zur aufgeklärten Milde neigender Konservativer. Die ersten Bücher, die ich von ihm las, waren „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ (1960) und „Nachruf auf Ludwig Marcuse“ (1969). Er klärte darin u.a. auf, dass einer der ersten prominenten Psychoanalytiker, der schweizerische Staatsbüger Carl Gustav Jung (1875-1961), ein Nazi gewesen war. Das ist bis heute nicht aufgearbeitet und soll womöglich auch nicht geklärt werden. Die folgenden Zitate Jungs entnehme ich Marcuses Buch „Mein zwanzigstes Jahrhundert“ (1960) auf den Seiten 141 bis 148.

Jung sagt 1933: „Die tatsächlich bestehenden und einsichtigen Leuten schon längst bekannten Verschiedenheiten der germanischen und der jüdischen Psychologie sollen nicht mehr verwischt werden, was der Wissenschaft nur förderlich sein kann. Es gibt in der Psychologie vor allen anderen Wissenschaften eine persönliche Gleichung.“ „Freud gründete sich mit fanatischer Einseitigkeit auf die Sexualität, die Begehrlichkeit, das ‚Lustprinzip‘ mit einem Wort.“ „Als die physisch Schwächeren müssen sie (die Juden, W.S.) auf die Lücken in der Rüstung des Gegners zielen.“ „Das arische Unbewusste hat ein höheres Potential als das jüdische.“ „Meines Erachtens ist es ein schwerer Fehler der bisherigen medizinischen Psychologie gewesen, dass sie jüdische Kategorien … unbesehen auf den christlichen Germanen oder Slawen verwandte.“ „Wo war die unerhörte Spannung und Wucht, als es noch keinen Nationalsozialismus gab? Sie lag verborgen in der germanischen Seele, in einem tiefen Grunde, der alles andere ist als der Kehricht-Kübel unerfüllbarer Kinderwünsche und unerledigter Familienressentiments.“ So weit unser Psycho-Nazi. Dazu schrieb der Nationalökonomie-Professor Wilhelm Röpke: „Die Geschichte des Professors Jung ist gewiss ungewöhnlich in ihren ekelhaften Details.“

Ludwig Marcuse hat sehr viele Bücher geschrieben, darunter auch einige nicht ganz so gute. Ungeduld war seine Schwäche. Aber er hat seinen Protagonisten Georg Büchner, Ludwig Börne, Heinrich Heine, Friedrich Nietzsche, Sigmund Freud seine ganze Leidenschaft gewidmet. 1949 erschien seine „Philosophie des Glücks“, die sich heute noch zu lesen lohnt. Er hat die Tagebuchaufzeichnungen seiner Schwester Esther bis zu deren Ermordung durch die Nazis veröffentlicht, die in Deutschland geblieben war, um sich um ihre alte Mutter zu kümmern. Ludwig Marcuses Standardsatz, den wir uns merken sollten, lautete: „Es ist immer komplizierter.“

(Hinweise von Johann-Hinrich Claussen, SZ 30.7 21)

3506: Berlin – heute

Sonntag, Juli 25th, 2021

Till Briegleb charakterisiert das gegenwärtige Berlin (SZ 24./25.7.21), hauptsächlich im Vergleich mit Paris und London:

„Die internationale Anziehungskraft der deutschen Hauptstadt, die in der neuen Dauerausstellung ‚Berlin Global‘ im Humboldt-Forum auf 4.000 Quadratmetern thematisiert wird, lässt sich zwar sicherlich nicht nur dadurch bemessen, wie eine vibrierende Kunstelite sie wahrnimmt. Aber dieser Indikator verweist doch auf einen sehr realen sozio-ökonomischen Hintergrund, der die Stadt in die besondere Lage versetzt, Ort für Lebensträume zu bleiben. Bis heute hat Berlin der wirklich brutalen, profitgetriebenen Gentrifizierung widerstanden, die Städte wie London und Paris so hemmungslos gefördert haben, dass ihre Kernstädte für normale Lohnempfänger und -empfängerinnen unerschwinglich geworden sind. Und das gilt um so mehr für eine finanzschwache Klientel, die auf das Urbane als Urgrund aller Kulturentwicklung angewiesen ist, die Künstlerinnen und Künstler.“

„Mit dem Ergebnis, dass trotz aller sichtbaren Veränderungen durch Immobilienspekulation in nahezu allen zentrumsnahen Stadtteilen weiterhin eine relativ gemischte kulturelle und soziale Bewohnerschaft anzutreffen ist.“

„Aber selbst in neuen Hipster-Vierteln wie Mitte oder Prenzlauer Berg zeigt sich ein halbwegs befriedigendes Bild von Durchschnittsbevölkerung auf der Straße wie man es in

Paris im Marais oder im Londoner Soho

längst nicht mehr antrifft, jedenfalls wenn man die Touristen abzieht. Und diese moderate Dynamik der Segregation, also der Trennung von Reich und Arm in Zentrum und Randlage, lässt sich auch in Zahlen belegen. Im Ranking des deutschen Reichtums liegt das Bundesland Berlin nur auf Platz elf. Und auch beim Vergleich der Kaufkraft ist die Hauptstadt weit abgeschlagen. Selbst die Essener können sich mehr erlauben als die Berliner.“

„Und Berlin bietet genug Attraktionen, die nahezu umsonst sind, um ein erfülltes Leben auch ohne SUV und Schränke voller Sneakers zu führen.“

„Von 25 auf 35 Prozent stieg in den vergangenen zehn Jahren der Anteil jener Berliner, die innerhalb der letzten drei Generationen aus anderen Nationen gekommen sind. Beim Zuzug nach Berlin handelt es sich bei drei Vierteln der Menschen um Ausländer, die wegen eines Jobs in die Stadt gekommen sind.“

„Und die Stadt ist reichlich groß und vielfältig genug, um den unterschiedlichsten Lebensentwürfen ein Milieu zu bieten, in dem sie sich zu Hause fühlen. Damit erfüllt diese skurrile Hauptstadt tatsächlich die unterschiedlichsten Träume ihrer Bewohner zwischen Rausch, Trägheit, Radau und Gier. Globaler geht es eigentlich nicht.“

3498: Kein Ehrengrab mehr für Oskar Loerke ?

Dienstag, Juli 20th, 2021

Der Berliner Senat befindet von Zeit zu Zeit über die Ehrengräber der Stadt. Frühestens fünf Jahre nach dem Tod und für zunächst zwanzig Jahre. Das zuständige Bezirksamt übernimmt dann die Kosten der Instandhaltung und Grabpflege. Wie im Juli 2021 im Fall des 1996 gestorbenen Rockmusikers Rio Reiser und des Filmkritikers Karsten Witte (1944-1995). Verlängert wurde u.a. das Ehrengrab für Bertolt Brecht.

Im Fall des Lyrikers Oskar Loerke (1884-1941) wurde das Ehrengrab nicht verlängert.

Das nimmt der Schriftsteller Lutz Seiler („Kruso“) zum Anlass für einen Brief an den Berliner Senat (SZ 20.7.21). Loerke werde der Ehre nicht für wert befunden, „da ein fortlebendes Andenken in der allgemeinen Öffentlichkeit nicht mehr erkennbar ist“. „Hier beginnt das Erschrecken: Wäre es eventuell möglich, mit dieser nicht näher spezifizierten Öffentlichkeit als Maß und im Grunde unwiderlegbarem Argument auch das Erinnern an die Geschichte der Dichtung und das Wirken ihrer Autoren insgesamt abzuschaffen? Bis auf Goethe vielleicht?“

Loerke wurde 1884 in Graudenz (Westpreußen) geboren und ging 1903 zum Studium nach Berlin. Das schloss er aber nicht ab und lebte als freier Schriftsteller. In 25 Jahren hatte er sieben umfangreiche Gedichtbücher vorgelegt. Er schrieb auch anderes und vor allem Tagebücher. Sie zeigen, was am Anfang des Nationalsozialismus „innere Emigration“ bedeutete. Mit 42 Jahren wird Loerke Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und zwei Jahre später Sekretär der „Sektion für Dichtkunst“. Bleibende Anerkennung erfährt Loerke von den Kollegen Günter Eich, Wilhelm Lehmann und Hermann Kasack. Vor allem aber von Paul Celan. In der ersten Ausgabe von Peter Huchels „Sinn und Form“ erschien 1949 ein Auszug von Loerkes Gedichten.

Nach der Machtergreifung der Nazis verlor Oskar Loerke seinen Sekretärsposten. Um eine Abmilderung bemüht, strebte er eine Verabschiedung aus gesundheitlichen Grünen an. Die Antwort: „Ärztliche Atteste? Die der Freunde, des Juden Plesch oder des Mitglieds Benn würden nicht genügen.“ Oskar Loerke blieb nichts anderes, als seine Abschau vor der „Gleichschaltung“ zu formulieren. Er sprach von „Schmach“, „Garaus“, „Ekel“ und von einer „Verzweiflung über das Teuflische“. „Ihr Herz ist Kot, verjaucht ihr Hirn,/Was hebt sich noch das Tagegestirn?“

Lutz Seiler: „Verehrte Bürgermeisterinnen und Bürgermeister von Berlin, verehrter Michael Müller! Obwohl nun auch ich mich zu jenen in der allgemeinen Öffentlichkeit nicht Erkennbaren zählen muss, noch dieses letzte öffentliche Wort: Für mich ist Loerkes Werk groß und wertvoll. Und ich bin nicht der einzige Schriftsteller, der auf diese Weise empfindet: Gern wäre ich bereit, Ihnen einen Überblick über die Loerke-Rezeption in der Gegenwartsliteratur zu skizzieren, um ihr Bildnis einer ‚allgemeinen Öffentlichkeit‘ ein wenig zu konkretisieren. Darüber hinaus bin ich sicher, dass es für Oskar Loerkes Bedeutung in der deutschen Literaturgeschichte nicht entscheidend ist, ob ihm von Ihnen die Ehre eines Ehrengrabs entzogen wird oder nicht – Ihrer Begründung dafür möchte ich hiermit widersprochen haben.“

 

3495: Jürgen Flimm 80

Montag, Juli 19th, 2021

Der in Köln aufgewachsene „Musensohn“ Jürgen Flimm, der 80 Jahre alt wird, hatte dort Soziologie, Theater- und Literaturwissenschaft studiert und an einer kleinen Schauspielschule seine Schauspielprüfung absolviert. 1978 wagte er in Frankfurt eine Operninszenierung. 1979 wurde er Intendant in Köln und leitete von 1985 bis 2000 das Thaliatheater in Hamburg. Dem bescherte er sensationell hohe Auslastungen und etablierte es durch einen intelligenten Spielplan und ein großartiges Ensemble als intellektuelles Zentrum der Stadt.

Jürgen Flimm hatte viele Probleme, die andere hatten, gar nicht. Er profitierte von seiner Ausgeglichenheit und seiner „rheinischen Frohnatur“. 2000 brachte er Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ in Bayreuth heraus. Ab 2001 war er erst Schauspieldirektor, dann Intendant der Salzburger Festspiele. Er ist „ein hoch kompetenter, bestens vernetzter, alles gebender Liebhaber der schönen Künste freilich immer geblieben, was man auch daran sah, mit welchem Elan er sich seit 2010 seinem Amt als Intendant der Berliner Staatsoper widmete“ (Irene Bazinger, FAZ 17.7.21).

3479: Ernst-Wilhelm Händler über die Rolle von Schriftstellern

Dienstag, Juli 6th, 2021

Ernst-Wilhelm Händler, geb. 1953, ist studierter Philosoph und hat lange Jahre das Familienunternehmen in Regensburg geführt. Seit Mitte der neunziger Jahre veröffentlicht er Romane und Essays. 2003 wurde „Wenn wir sterben“ auf der SWR-Bestenliste als das beste Buch des Jahres ausgezeichnet. In einem Interview mit Thomas E. Schmidt (Die Zeit 24.6.21) spricht er über die aktuelle Rolle von Schriftstellern.

Zeit: Das heißt auch, es gibt für den Autor keine stabile Rolle mehr, weder als Morallehrer noch als Verstörer.

Händler: Nein, überhaupt nicht mehr. Es gibt viele Rollen. Da ist der Typ, der immer gute Figur macht – die Spitze der Pyramide bildet der Bestsellerautor in der Talkshow. Ein anderes Rollenmodell ist für die Älteren: Es besteht eigentlich nur darin, schlechte Laune zu verbreiten.

Zeit: Also Kulturkritik.

Händler: Schlechte Laune als Kulturkritik verkleidet. Mit ist der publizistische Erfolg von Botho Strauß nicht erklärbar – wie man sich auf Carl Schmitt berufen kann, bleibt mir ein Rätsel. Carl Schmitt war der widerlichste von allen Nazi-Intellektuellen. …

3472: Documenta 15 findet planmäßig 2022 statt.

Samstag, Juli 3rd, 2021

Die Documenta 15 findet planmäßig vom 18. Juni bis 25. September 2022 in Kassel statt. Das gab Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD) bekannt. Vorher war wegen der Corona-Pandemie über eine Verschiebung nachgedacht worden. Zur Begründung verwies Geselle auf die „gesellschaftspolitische und kulturelle Verantwortung“, die mit der Documenta verbunden seien. Es gehe darum, ein Zeichen für „Hoffnung, Zuversicht, Glauben und Liebe“ zu geben.

Mit ihrem auf Teilhabe und Gemeinschaft gerichteten Konzept gehöre die Documenta genau in diese Zeit. Geselle kündigte an, dass sich die Gesellschafter um die Deckung der Mehrkosten für höhere Sicherheitsanforderungen und geringere Teilnehmerzahlen kümmern würden. Die Documenta-Kuratoren gaben bekannt, spätestens im September 2021 die Liste der 53 Künstlerinnen und Künstler bekannt zu geben, die eingeladen würden (Ingo Abend, SZ 3./4.7.21).

3452: Dieter Mann 80

Sonntag, Juni 20th, 2021

Der 1941 in Berlin geborene Schauspieler, Regisseur und Intendant Dieter Mann ist auch ein zu hoher Selbstreflexion fähiger Intellektueller. In seiner Autobiografie „Schöne Vorstellung“ schrieb er: „Ich bin Parteigänger eines präzisen Theaters, bei dem mehr mitgeteilt als hingenuschelt wird. Sprache ist wichtig – sonst bin ich beleidigt, als Zuschauer oder als Schauspieler.“

Noch während eines nach einer Dreherlehre begonnenen Schauspielstudiums holte Friedo Solter Mann 1964 ans Deutsche Theater in Berlin. Dort blieb er bis 2006 fest engagiert und war von 1984 bis 1991 dessen Intendant. Seine nie kumpelhaft herabgezogenen Rollen machten ihn zu einem prägenden Schauspieler zunächst in der DDR, dann im vereinten Deutschland. Er spielte den Clavigo, den Wehrhahn in Gerhart Hauptmanns „Der Biberpelz“, den Wallenstein, Philipp II. und König Lear.  Er glänze in Thomas Manns Monolog „Fülle und Wohllaut“ aus dem „Zauberberg“. Dieter Mann blieb in der DDR, „weil ich daran glaubte, dass es bei uns vorwärtsgehen würde“. 2020 erhielt er den Ehrenpreis des Deutschen Schauspielpreises (Irene Bazinger, FAZ 19.6.21).

3444: Documenta-Mitbegründer Haftmann – NS-Partisanenbekämpfer

Sonntag, Juni 13th, 2021

Werner Haftmann (1912-1999) war nach 1945 einer der bekanntesten Kunsthistoriker in Deutschland und hat mit Arnold Bode 1955 die Documenta in Kassel begründet (die kommende Documenta 15 wird von einem indonesischen Künstlerkollektiv vorbereitet). Dadurch wurde hier die klassische Moderne bekanntgemacht und durchgesetzt. Als Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin hat Haftmann sich mit populären Einkäufen verdient gemacht. Er hatte in den dreißiger Jahren in Florenz promoviert und sprach Italienisch. Sein zweibändiges Buch „Malerei im 20. Jahrhundert“ galt lange Zeit als Standardwerk.

Inzwischen ist bekannt geworden, dass Haftmann NSDAP- und SA-Mitglied war und gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in Italien in der Partisanenbekämpfung eingesetzt wurde. Erforscht hat dies der Kölner Historiker Carlo Gentile, der am Martin-Buber-Institut für Judaistik der Universität Köln arbeitet. Er konnte sich auf Quellen aus Archiven der ehemaligen Sowjetunion stützen. Während auf der ersten Documenta 1955 jüdische Künstler wie Otto Freundlich und Rudolf Levy und als „kulturbolschewistisch“ geltenden Künstler wie Käthe Kollwitz und George Grosz nicht gezeigt wurden, präsentierte man Ernst Barlach, Christian Rohlfs und Emil Nolde, der sich den Nazis als Vertreter einer „deutschen Sendung“ angedient hatte, aber nicht voll akzeptiert wurde. Unter Leitung seines neuen Direktors Raphael Gross zeigt das Deutsche Historische Museum in Berlin ab Mitte Juni 2021 die Ausstellung „Documenta Politik und Kunst“. Dort ist noch mehr über Werner Haftmann zu erfahren.

Gegen Ende des Krieges wurde Haftmann im Hinterland der Front in Italien zur Partisanenbekämpfung eingesetzt. Er bekleidete eine Leutnantstelle. Der Kampf wurde brutal und mit Folterungen geführt. Am Ende kommandierte Haftmann ein Jagdkommando von 40 Mann. Einzelne Partisanen wurden erschossen. Dieser Taten wurde Haftmann gleich nach 1945 beschuldigt. Es gelang ihm aber, seine Nazi-Vergangenheit zu verbergen. Erst nach seinem Tod 1999 erfolgte Aufklärung. So hat sich die Bundesrepublik mit der Hilfe alter Nazis den Weg zurück in den Kreis der Kulturnationen auch in der Kunst erkämpft. Mit Beschönigen, Beschweigen, Verbergen und Lügen (Catrin Lorch, SZ 7.6.21; Carlo Gentile, SZ 7.6.21; Interview von Niklas Maak mit Raphael Gross, FAS 13.6.21).

3435: Friederike Mayröcker gestorben

Sonntag, Juni 6th, 2021

Im Alter von 96 Jahren ist die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker in Wien gestorben. Ihr schriftstellerisches „Ich“ war immer mittendrin, kannte den erhabenen Blick nicht, staunte. Als verheiratete Frau und Lehrerin lernte sie 1954 den Schriftsteller Ernst Jandl kennen. Für über 50 Jahre wurden sie ein Paar. Sie wollten leben, um zu schreiben. Sie zogen nie zusammen, verzichteten auf Kinder, kochten nie irgendetwas, telefonierten von einer Wohnung zur anderen und trafen sich abends bei ihm. Nach Mayröckers Frühpensionierung 1969 „sprudelte es aus ihr heraus wie aus einem Geysir“ (Julia Encke, FAS 6.6.21, Paul Jandl, Literarische Welt 5.6.21; Andreas Platthaus, FAS 5.6.21; Meike Fessmann, SZ 5./6.6.21).